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Nr. 5 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Dienstag, 5. Januar 1932

Rund um den Hund...

Regierung, Reichswehr, Reichsbahn und Forscher gründeten eine Gesellschaft für Lundesorschung. - 70 Hundezuchtvereine mit 100000 Mitgliedern. Hunde-Geburtsscheine sind amtliche Urkunden! 600 Hunde der Reichs­bahn, 2700 Blindenhunde.

Don Richard Tlieburg.

Die Hot unserer Zeit macht auch vor dem Hund nicht Halt. Beweis. innerhalb eines Jahres ist die Zahl der in Berlin lebenden Hundr von etwa 240 000 auf 180 000 gefallen. Die Hundefeinde freuen sich, daß sie das Gebell nicht mehr zu hören brauchen^ aber es ist doch sehr bedauerlich, daß viele Menschen nun sogar auf den bescheidenen LuxuS verzichten müssen, einen vierbeinigen Freund in ihrem Hause zu beherbergen. Auch die Tierhändler fl-agen darüber, dah der Mensch neuerdings wenig vom Hund wissen will. Auch sie haben schlechte Ce chä t ze te.i; vbSchäechund, ob Schoßhund, das Publikum will nur noch so nied­rige Preise bezahlen, dah die Züchter mit Verlust verkaufen müf.en. Eine niedliche französische Bulldogge tummelt sich frei im Laden eines Tier­händlers', sie ist ungewöhnlich klein, wirklich eine Rarität.3$r normaler Wert ist 1000 Mark', sagt der Händler,doch würde ich sie heute für 300 Mark verkaufen, aber niemand will sie haben. Auch bei den Hunderassen gibt es Moden. So find jetzt besonders langhaarige Hunde modern, etwa die Scotch-Terrier, für die man mindestens 150 bis 200 Mark bezahlen muh: aber manchmal kommen Kunden, die mir für einen Rassehund 25 Mark bieten! Doggen sind fast ganz aus dem Stadtbild verschwunden, und die früher so be­liebten Möpse sind beinahe ausgestorben."

Aber die Hundefreunde und die Züchter liehen sich durch die schlechten Zeiten nicht entmutigen. Vor einiger Zeit sind sie im Berliner , mo- logischen Institut der Universität zusammengetom- men, und haben dort eine Gesellschaft für Hundeforschung gegründet, dcren Vorsitzen­der der bekannte Dire.tor des Berlirer Zoologi­schen Gartens, Geheimrat Prof. Heck, geworden ist. Wenn die Hunde nicht so gleichgültig gegen menschliches Tun wären, so mühten sie sich über die Wichtigkeit freuen, mit der man ihre Ange­legenheiten behandelt. Zur Gründungsversamm­lung der neuen Gesellschaft erschienen Vertreter des Reichsarbeitsministeriums, des Reichswehr­ministeriums. mehrerer preußischer Mi.nsterien, des württembergischen Innenministeriums, der Reichsbahn, der Polizei, zahlreicher Universitä- ten, Tierärztlicher Hochschulen, vieler Verbände und eine ganze Anzahl von Forschern. In den Mitgliedslisten der Gesellschaft steht an erster Stelle das Reichswehrministerium. Richt aus sportlichen Gründen sind die Behörden der For- schungsgesell^chast beigetreten. Der Hund spielt eine große Rolle » b>.i verschiedensten Zweigen des menschlichen Lebens, und wenn man durch Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Prakti­kern seine Leistungen steigern kann, so lohnt es in der Tat die Anstrengung.

Das grohe Volk der Hunde, das mitten unter uns lebt, besteht zam grohen. Teil aus Plebejern, die einer Laune der Ratur, einer zufälligen Be­gegnung ihrer Eltebn das Dasein verdanken Man liebt auch dieseKöter", aber wahre Achtung ge­nießen doch nur die Aristokraten der Hundewelt, die entweder aus einer Hundeschau von Fachleu­ten ausgezeichnet worden sind oder von solchen edlen Hunden abstammen Die Familienverhält­nisse eines vornehmen Hundes sind bekannt, der stolze Waldmann hat einen Stammbaum, und sein Besitzer hat Urkunden darüber, welches Blut

in den Adern feines Schützlings fließt. Zahl­reiche Hundezuchtverbände sorgen durch die An­lage von Stammbüchern für die Reinhal­tung der Rassen Außerdem gibt es seit 1879 in Berlin eine Zentralstelle, das deutsche Hunde­stammbuch, dem etwa 70 Vereine und Verbände mit 100 000 Mitgliedern angeschlossen sind. Diese Stelle gibt jährlich ein Buch heraus, in dem alle Ramen der neueingetragenen Hunde verzeichnet stehen Es ist sozusagen der jährlich erscheinende Hunde-Gothn Diesem Institut gehören 7600 Züchter an, und jeder von ihnen hat das ausschließliche Recht auf den ihm geschützten Markennamen", den alle Hunde seiner Zucht als Familiennamen führen Auch für die Rufnamen der Hunde gibt es genaue Regeln Rüden müssen männliche, Hündinnen weibliche Ramen bekom­men, deren Anfangsbuchstaben des Alphabets weiterrücken: so werden z. B. die Rüden des er­sten Wurfs Aar, Abt, 'XA-*t genannt die Hün­dinnen Ameise. An sei Anna, und bi: Rn men des zweiten Wur,s beginnen«....i mit uem Buchstaben B. Der Züchter ruft zwar den Hund gewöhnlich mit irgendeinem anderen Ramen: doch ist im offi­ziellen Verkehr, etwa auf Ausstellungen, nur der eingetragene Ramen gültig. Er steht auf einem Stammbuchblatt, auf dem sich die Photographie, die Beschreibung und die Ahnentafel des Hundes auf Urkundenpapier befindet. Sozusagen ein Hundepah! Die Ahnentafeln gelten juristisch als Urkunden, und ihr Mißbrauch wird stras- rechtlich verfolgt. Spätestens ein halbes Jahr nach einem Wurf, nachdem sich die Farbe und die Behaarungsart der jungen Hunde nicht mehr än­dert, werden die Ramen der jungen Aristokraten dem Stammbuch mitgeteilt, zugleich mit den An­schriften der neuen Besitzer, die nun selbst eine Stammbuchkarte für ihren Hund erhalten. So werden Matrikeln über jeden Rassehund geführt, damit er nicht namenlos in der Welt herumläuft. Freilich beruht daS ganze Verfahren auf Treu und Glauben, Fälschungen sind nicht ganz aus­geschlossen. Man hat sich bisher vergeblich be­müht, die Hunde durch Brandmarken zu kenn­zeichnen, sie werden durch den Haarwuchs schnell unkenntlich.

Das Hundestammbuch dient der Reinhaltung der bestehenden Rassen. Von Zeit zu Zeit tauchen nun neue Arten aus, die der Gesellschaft für Hundcforschung manche Gelegenheit zu Studien bieten werden. Wie entsteht eine neue Hunde­rasse? Da gab es z. B. in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Stadt Leonberg einen Stadtrat Essig, der einen Reufundländer mit einer Fleischerhündin kreuzte und so ent­stand derLeonberger". Die Stadt ent­wickelte sich zum Mittelpunkt einer Hundezucht, aber die Bürger mußten lange kämpfen, bevor ihreZuchtbcfohlenen" als eigene Rasse anerkannt wurden. Sehr befamü wurde der Harne des Schinders und Abdeckers Dobermann in Apolda, der mit den von ihm eingefangenen herrenlosen Hunden Kreuzungsversuche anstellte. Cs gelang ihm, aus der Ehe eines Schäfer­hundes und eines glatthaarigen Pinschers die neue; nach ihm benannte Rasse zu züchten, die durch Stärke, Intelligenz und Draufgängertum | bald allgemeine Anerkennung fand und als

Kriegs- und Polizeihund sehr geschäht wird. Freilich muß der Dobermann in mühseliger Ar­beit an Puppen und an gut wattierten Menschen dressiert werden, bevor er imstande ist, den rechten Arm eines Verbrechers festzuhalten, ohne ihm an Kopf oder Hals zu springen. Der gut erzogene Dobermann muß einen Menschen zu Fall bringen können, indem er ihm auf den Rücken springt, und er darf sich weder vor dem Knall von Schüssen noch vor Stockhieben fürchten. Ob et auch die Spuren eines Men­schen eindeutig verfolgen kann? Run, diese Fähigkeit der Hunde ist in den letzten Jahren oft bezweifelt worden, und auch diese Frage muß von den Hundesorschern noch beantwortet werden.

Der Dobermann ist ein nützliches Tier, das sich auch sehr im Dahnschutz bewährt und zur Aufdeckung von Diebstählen unb Ohijinbung von verstecktem Diebesgut beigetragen hat. Roch jetzt sind 600 Spürhunde beim Dahnschutz tätig, und ihre Heldentaten kann man gelegentlich im offi­ziellen Rachrichtenblatt der Reichsbahngesellfchaft nachlesen. Wichtiger als die Verwendung der Hunde im Dahnschutz ist ein anderes Betätigungs­feld, das man den vierbeinigen Menschenfreunden erschlossen hat. Rach dem Krieg erwies es sich bald als notwendig, den Kriegsblinden Be­gleiter zu geben, auf die sie sich verlassen können. Es gibt nun eine Deutsche Arbeitsgemeinschaft zur Beschaffung von Führerhunden, der der Reichs­deutsche Blindenverband und der Deutsche Ver­ein für Sanitätshunde in Oldenburg angehören. Dieser Verein hat sich zuerst mit der Ausbildung von Suchhunden für Kriegszwecke beschäftigt und damit Weltruf erlangt. Rach dem Krieg regelte das Preußische Kriegsministerium die Versorgung der Kriegsblinden mit Hunden: im März 1920 waren bereits 870 und Mitte des Jahres 1930 etwa 1500 Kriegsblinde sowie 1200 andere Blinde mit den treuen Tieren ausgestattet. 3m April 1925 gründete der Reichsdeutsche Blindenverband in Breslau eine eigene Spürhundschule, und im folgenden Jahr der Verein für deutsche Schäferhunde in Potsdam eine Dressuranstalt. Die Ausbildung dauert zwei Monate und kostet 400 bis 500 Mk., die aber zum Teil von Ver­einen und Behörden getragen werden. Die Be­sitzer der Blindenhunde sind wie wäre das in Deutschland anders möglich wiederum in einem Verband zusammengeschlossen, der 1000 Mitglieder zählt. Fuhrhunde wurden von Deutsch­land aus in alle Länder der Welt verkauft und verrichten jetzt überall ihre nützliche Arbeit. Da­mit sind freilich die hervorragenden Leistungen des Hundes nur gestreift, und unerwähnt mußte bleiben, was er als Wächter, auf der Jagd oder als Zugtier leistet. Die Welt des HundeS ist ab­wechslungsreicher, als man gewöhnlich annimmt, und es ist sehr zu begrüßen, daß sich jetzt eine große Organisation von Fachleuten mit der Er­forschung dieser zum Teil noch unbekannten Welt in unserer Mitte besassen wird.

Oberheffen.

SiadiraiS-Sihung in Buhbach.

pb. Butzbach, 4. Ian. Bürgermeister Dr. Jansen führte in der heutigen Sitzung deS Stadtrates zunächst die neugewählten Stadt­ratsmitglieder in ihr Amt ein.

Als zweiter Punkt folgte die Wahl der unbesoldeten Beigeordneten. Im ersten Wahlgang schlug Stadtratsmitglied Seippel das Stadtratsmitglied Ioutz vor, Linkmann (Soz.) schlug Wittig (Soz.) vor, Oppenheimer (Korn.) schlug Speer (Korn.) vor, Prof.Weide war für Wiederwahl der bisherigen beiden Bei­geordneten P l o ch und Wittig. Das Ergebnis

war folgendes: Ioutz 11, Wittig 6, Ploch 1, Speer 1 Stimme. Ioutz ist somit zum ersten Beigeordneten gewählt. Als zweiter Beigeord­neter wurde Wittig (Soz.), Speer (Kom.) und Dr. Schmidt (Rat.-Soz.), ehern. Bürgermeister von Gelnhausen, vorgeschlagen Es erhielten Wittig 8. Speer 1. Dr. Schmidt 9 Stimmen, weiter wurde ein weißer Stimmzettel abgegeben. Es erfolgte Stichwahl da keine absolute Mehrheit für einen der Vorgeschlagenen vorhanden war. In dieser erhielt Dr. Schmidt 10. Wittig 7 und Speer 1 Stimme. Dr. Schmidt wurde somit zum zweiten Beigeordneten gewählt.

Hieraus erfolgte die Wahl der UrkundSper- fonen, wobei We ickhardt (Rat.-Soz.) und L i n k m a n n (Soz.) gewählt wurden. AIS Schrift­führer wurden Verwaltungsinspektor Weisel und Obersekretär Buß bestimmt. Die Wahl der Ausschüsse wurde vertagt, ebenso die Wahl deS städtischen Kontrolleurs.

Landkreis Gichen.

h. Lollar, 4. Ian. Gestern abend führte Mis­sionar Lauk, Frankfurt a.QU., den MissionSfilm Iülau, die Tochter des Gcomanten in zwei Vor­stellungen für Schüler und Erwachsene bei sehr guter Beteiligung der Gemeinde in der Kirche zu Kirchberg vor. Der Film behandelt Bilder aus dem chinesischen Frauenleben, er ist ein Kultur­film ersten Ranges, der nicht nur technisch voll­kommen ist, sondern auch interessanten Einblick in das chinesische Dollsieben, seine Hoch^eitssitten und Gebräuche, in die Spielleidenschaft, daS Räuberleben, aber auch auf die stille, selbstver- leugnenbe Arbeit der evangelischen Mission ge­währt. Cs ist zu wünschen, daß der belehrende und aufrüttelnde Film, der demnächst auch in Gießen gezeigt wird, recht viele Zuschauer findet.

* Watzenborn-Steinberg, 4. Ian. Der GesangvereinJugendfreund" in Stein- berg hielt am Samstag feine auherordent- lidjc Generalversammlung ab, in deren Verlauf für 25jährige Mitgliedschaft zu Ehrenmit- gliedern ernannt wurden: Wilh. Schmitt, Wilh. Reineck, Karl Kolrner und Gg. Philipp H Ferner wurden für mindestens 25jährigen treuen Singstun­denbesuch die aktiven Sänger: Jakob Sommer, fiarl Brückel, Karl Schneider, Ludw. Harnisch. Gg. Jung und Ludw. Schmitt mit der goldenen Vereinsnadel ausgezeichnet. Einem Antrag, frühere Mitgliedsjahrc bei einem anderen Gesangverein bei der Erlangung der Ehrenmitgliedschaft, die in der Regel nach 25 Jahren erst möglich ist, anzurechnen, wurde zuge­stimmt, jedoch mit der Klausel, daß im hiesigen Ver­ein mindestens noch volle zehn Jahre Beitrag ent­richtet werden muß. Musikalische und gesangliche Darbietungen bereicherten den Abend.

s. Utphe, 4. Jan. Altbürgermeister August Schneider konnte dieser Tage in erstaunlicher Rüstigkeit seinen 8 7. Geburtstag begehen. Er ist während drei aufeinanderfolgenden Wahl­perioden Bürgermeister gewesen, bis zum Jahre 1919. Während seiner langen Amtszeit wurde die Feldbereinigung in unserer Gemarkung durch­geführt. Schneider ist ferner langjähriges Mit­glied des GesamtkirchenvorstandeS des Kirchspiels Trais-Horloff, in welche Körperschaft er vor drei Jahren wiedergewählt wurde. Da er über eine eiserne Gesundheit verfügt, kann man ihn im Sommer fast noch täglich mit Feldarbeiten beschäftigt sehen.

Kreis Schotten.

Laubach, 4.Jan. Die Firma Otto Stel­ler, Kolonialwarenhandlung in Laubach, konnte ihr 5 0. Geschäftsjubiläum begehen. Das Ge­schäft wird heute noch von dem hochbetagten Grün­der selbst geführt. Im abgelaufenen Jahr wurden in die hiesigen Standesamtsregister 31 Geburten (im Jahre 1930 48), 9 Eheschließungen (12) und 58 Sterbefälle (35) eingetragen.

Zch hab dir verziehn!

Roman von Elotilde von Stegmann-Stein.

Copyright by Martin Feuchtwange r, Halle.

8. Fortsetzung Nachdruck verboten.

Die Glocke der alten Marienkirche sandte sechs dunkle Schläge über die winterliche Stadt, als Birgit die Granitstufen zu dem väterlichen Hause emporeilte.

Durch den unangenehmen Zwischenfall mit dem Betrunkenen hatte sie sich verspätet. So hatte sich auch ihre Hoffnung, Hans Egon noch einen Augenblick zu sehen, ehe er sich beim Vater an- melden ließ, nicht erfüllt, denn schon beim Herein­kommen erkannte sie an der Kleiderablage den dunklen, weichen, englischen Mantel, den Hans Egon am Rachmittag getragen hatte.

Während sie ihren Pelz ablegte, den Trina ihr abnahm, strich Birgit mit einer heimlich zarten Bewegung unmerkbar über den leicht nach Juchten duftenden Herrenmantel.

Du!" flüsterten ihre Lippen lautlos. Unwill­kürlich näherte sie sich der Tür, die das Herren­zimmer des Vaters von den übrigen Räumen abtrennte. Mit klapsendem Herzen hörte sie die hellere Stimme Hans Egons und die dunklere des Vaters in einem scheinbar ernsten Gespräch.

Mein Gott!" sagte sie vor sich hin und preßte die gefalteten Hände auf das wild schlagende Herz,gib, daß sich alles zum Besten wendet."

Sie wandte sich rückwärts zur Treppe und ging langsam, immer wieder auf den Stufen wie lauschend verharrend, hinauf in ihr helles Mäd­chenzimmer.

Konsul Jürgen Sibelius und Gras Hans Egon von Rauenstein sahen sich in dem schweren, ge­diegenen Herrenzimmer gegenüber. Der Konsul faßte Hans Egon noch einmal scharf ins Auge.

Ich kann Ihnen den Vorwurf nicht ersparen. Graf Rauenstein, daß die Art Ihrer Werbung Birgit gegenüber einem kleinen HeberfaH gleicht. Es mußte Ihnen bekannt sein, dah meine Tochter aus einem Hause stammt, in dem die alten Tra­ditionen und Formen in allen Dingen des Lebens unverbrüchlich gewahrt werden. So hätte Ihre Werbung erst bei mir vorgebracht werden müssen, ehe Sie sich dem unerfahrenen, jungen Mädchen näherten." . r.

Der schöne, junge Mensch senkte wie schulo- bewuht die Augen, seine Stimme nahm einen warmen, zitternden Klang an.

Sie haben nur zu recht, mich zu tadeln, ver­ehrter Herr Konsul. Aber Sie vergessen die Lei­denschaft eines stürmischen Herzens, das nicht nach Konvention und gesellschaftlichen Formen fragt, wenn es um das Lebensglück geht."

Der Konsul schritt, in schwere Gedanken ver­sunken. in seinem Zimmer auf und ab. Der An» trag des Grafen Rauenstein war chm nicht so überraschend gekommen, wie er sich soeben den Anschein gegeben hatte. Cs war ihm ein leichtes gewesen, durch gute Bekannte von Birgits Inter­esse für den jungen Grafen zu erfahren und seine Schlüsse daraus zu ziehen , , ..

Er hätte gewünscht, und er hatte es auch seit jenem Ball im Hause der alten Erzellenz von Wildburghausen erwartet, dah Birgit zu ihm sprechen würde. Dah sie ihm mehr offenbaren würde, als sie es getan hatte. Es mochte wohl viel mädchenhafte eocham sie gehemmt haben, denn nur scheu und stockend hatte sie es vermocht, den Besuch des Grafen bei dem Vater anzukün­digen.

Der Konsul sah den Sprechenden ernst an.

Diese Leidenschaft eines stürmischen Herzens, wie Sie es nennen, Herr Gras, mochte vielleicht angebracht fein bei gewissen anderen Damen. Ilm so peinlicher hätten Sie einer Birgit Sibellus gegenüber Form und Rücksicht beobachten müssen. Ihr Vorleben und Ihr Rus, Graf Rauenstein, geben mir, offen gestanden, nicht die Gewähr für das Lebensglück meiner einzigen Tochter.

Wären Sie erst zu mir gekommen statt zu Birgit, ich hätte Ihre Werbung ich muh es Ihnen leider offen sagen - zurückgewiesen. Wie die Dinge allerdings jetzt liegen, muß Birgits Entscheidung auch ins Gewicht fallen. Sie haben also zu Ihren Gunsten eine gewisse Zwangslage geschaffen, Herr Graf."

Harrs Egon unterdrückte mühsam ein trium­phierendes Lächeln. Also war sein Kriegsplan doch der richtige gewesen.

Laut aber sagte er und blickte dabei dem Kon­sul freimütig in die ernst blickenden Augen:

Ich will mich nicht besser machen, wie ich bin, Herr Konsul. Ich habe das heiße Blut der Rauenstein. das mich vielleicht em wenig stürmisch hin- und hergetrieben hat: aber nun, da ich in Fräulein Birgit die Frau gefunden habe, die ich unbewußt in allen anderen gesucht, nun werde ich auch beweisen, dah ich nicht nur das heihe Blut der Rauenstein, sondern auch ihre Treue geerbt habe. Die Verbindung, auf die Sie vorhin angespielt haben, ist gelöst. Die betreffende Dame wird in den nächsten Tagen die Stadt verlassen.

Das Gesicht des Konsuls wurde um einen Schein freundlicher. .

Das zu hören, ist mir heb. Und nun, Herr Graf, lassen Sie mir Zeit bis morgen. Ich werde heute noch mit meiner Tochter sprechen."

Er erhob sich, so das Zeichen zum Ausbruch gebeiid Hans Egon verbeugte sich tief und ging mit elastischen Schritten lautlos über die weichen Perserteppiche, in denen sein Fuß versank, zur

Wieder einmal empfand er es mit schmerzlicher Gewißheit, wie unersetzlich eine Mutter im Leben eines jungen Mädchens war, und Noch dazu einer solchen Mutter, wie Birgit sie besessen hatte.

Er trat vor das grohe Oelbild über seinem Schreibtisch, das die engelhaft schöne Erscheinung seiner Gattin, der Rose Sibelius, zeigte. Mit um­florten Augen versenkte er sich in die reinen Züge der ihm allzufrüh Entrissenen.

Wie würdest du entscheiden, wenn du jetzt unter uns weiltest, einzig geliebte Frau?" fragte er stumm das Bild.

Die grauen, stillen Augen in dem beseelten Frauenantlitz sahen zu dem Einsamen hernieder, als lebten sie und als wollten sie auf seine stumme Frage antworten, ünb plötzlich, er wußte nicht, woher es kam, schwang es wie körperlich im Raum, wie gehaucht von einer geisterhaften Stimme: jenes Wort, das der alte Domprobst ihnen der­einst am Traualtar auf den Lebensweg gegeben hatte - den herrlichen Spruch aus dem Korin­therbriefe:Unb nun bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Ein befreites Aufatmen kam aus der Brust des einsamen Mannes:

Du hast mir wieder einmal den Weg gewiesen, geliebte Frau: wo Liebe ist, da muh auch Segen sein. Birgit ist unser Kind, sie wird die Liebes­kraft unserer Herzen besitzen, und diese Liebeskrast wird selbst einen schwankenden Charakter wie den ihres Erwählten stützen können."

Er löschte das Licht aus und ging langsamen Schrittes durch die Halle hinaus zu den Wohn- gemä )em und dem kleinen weihen Mädchenzirn- nur. das Birgit von ihrer Mutter übernommen hatte.

Birgit hatte ihre Filetarbeit schon zum zehnten Male aus der Hand gelegt und wieder aufge­nommen. Ihre Unruhe war von Minute zu Minute gewachsen.

Warum rief man sie nicht hinunter? Was hatten die beiden Männer einander so Schwer­wiegendes zu sagen, dah sie, Birgit, noch immer nicht dabei sein durfte?

Eine beklemmende Angst wollte ihr Herz zu- sammenpressen. Wie, wenn das Glück, das sie schon so nahe berührt hatte, im Lebten Augenblick an dem Widerstand des Vaters zerschellt wäre? Wie, wenn Hans Egon etwas zu beichten gehabt hätte, was ihn für immer von ihr trennen muhte? Hatte sie nicht oft genug im Kreise der jungen Mädchen, mit denen sie verkehrte, flüstern hören von dem geheimnisvollen Leben, das die jungen Männer der Gesellschaft auherhalb dieser Gesell­schaft führten? Waren nicht Ramen gefallen von leichtfertigen Mädchen und Frauen?

Sie selbst hatte solche Gespräche immer ge­mieden sie wollte nichts wissen von einer Welt,

die ihr unrein erschien und von dämonischer Düsterheit war.

Aber jetzt, in dieser Qual des Wartens, tauch­ten Erinnerungen aus an Gespräche und ge­flüsterte Q3em er hingen und erschreckten ihr un­schuldiges Mädchengemüt.

Sollte es möglich sein, dah ihr schöner, männ­licher, stolzer Hans Egon verstrickt war in etwas, was jener Welt angehörte? Und, wie um diese qualvollen Gedanken noch zu verstärken, trat im gleichen Augenblick der Konsul Sibelius ein mit einem Gesicht, dessen ernster Ausdruck ihr einen leichten Aufschrei entlockte.

Vater, du kommst allein?

Der Vater zog ihren Kops an seine Brust.

Ruhig, mein Liebling, ich werde dir alles erklären."

Er nahm auf dem kleinen, buntgeblümten Bie­dermeier-Sofa Platz und forderte mit einer fünf­ten Gebärde seine Tochter auf, sich zu chm zu setzen. Unterdrückte Erregung vibrierte in seiner Stimme, als er leise begann:

Hier auf diesem Sofa, mein geliebte# Kind, habe ich mit deiner Mutter gesessen und über dich und unsere Hoffnung auf dich gesprochen, noch ehe du das Licht der Welt erblickt hattest.

Ich wollte, Gott hätte es so gefügt, daß auch in dieser Stunde deine geliebte Mutter bei uns weilen und du ihr dein Mädchenherz so erschliehen könntest, wie du es selbst dem geliebteften Vater gegenüber nicht vermagst.

Wie soll ich es anfangen, dir meine Besorgnisse auszusprechen, ohne deine Seele zu verletzen? Der Mann, den du dir erwählt hast, hat zweifellos glänzende äußere Eigenschaften: er ist schön, jung, elegant, er hat alles, was ein so unschuldiges Mädchenherz, wie das deine, betören kann aber einen erfahrenen Mann, wie mich, täuscht solche glänzende Außenseite nicht hinweg über gewisse innere Mängel, die er zu besitzen scheint"

Birgit hatte während der Worte des Vaters ihr Gesicht an seiner Schulter verborgen.

Was ist es", fragte sie mühsam und leise, was du an ihm vermißt?"

Der Konsul wiegte den Kopf bedächtig hin und her.

Es fällt mir schwer, gerade das zu erklären. Graf Rauenstein ist mir beinah zu schön, zu ge­wandt, zu leicht geneigt, etwas zu unternehmen. Ich hätte mir für meine einzige Tochter einen Mann gewünscht, der vielleicht weniger äußeren Glanz und dafür mehr inneren Wert aufweisen könnte. Ich fürchte, dah durch diesen Mann eine gewisse Leichtigkeit der Lebensauffassung in un­sere Familie hineinkommt eine Lebensauffas­sung. die auch letzten Endes deiner schweren und innerlichen Art nicht entspricht."

(Fortsetzung folgt.)