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Nr. 3 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 5. Januar 1932

Oie Welt an der Jahreswende.

VL

Lohn Bulls Jahresbilanz.

Don unserem ^-Berichterstatter.

London, Ende Dezember 1931.

Wenn der Silvesterabend vorüber sein wird, dann wird sich ganz England mit dem Gefühle zu Bett legen: das Jahr 1931 war zwar für un­sere Art der Lebensführung viel zu aufregend, aber schön war es doch. Sind wir auch weit davon entfernt, sorgenfrei leben zu können, so sehen wir doch immerhin, warum wir Sorgen haben, so wissen wir doch, daß wir kämpfen können.

Als das Jahr begann, da war Macdonald immer noch Ministerpräsident. Er machte seine Sache schlecht und recht, aber die Arbeitslosig­keit und die Wirtschastsnot stieg. Als das Früh­jahr kam, wuchs die Arbeitslosigkeit und die Wirt­schaftsnot weiter. Alle Versuche, die innere Rot zu heben, schlugen fehl. Ungeheure Beträge aus Staatsmitteln wurden aulgewendct, um Arbeit zu schaffen, aber in einem Lande, in dem jeder Fuß- breit Bodens.seit Jahrhunderten die Fürsorge na­tionalen Reichtums genießt, läßt sich neue Ar­beit nur schaffen, wenn man das Geld zum Fen­ster hinauswirft. Die sozialistische Regierung stand vor einem Fiasko. Die Konservative Partei stand aber den Dingen ebenso ratlos gegenüber wie die Regierung. Nirgendwo zeigte sich ein Anlaß zur Hoffnung. Es war alles grau in grau.

Auch die Außenpolitik stagnierte immer mehr. Die Entwicklung der Dinge auf dem Fest­lande, erst die österreichische, und dann die deut­sche Krise erregten schwerste Befürchtungen, er­gaben aber keine Möglichkeit zur Einschaltung des englischen Einflusses, abgesehen von dem finan­ziellen Gebiete: überall war Frankreich. Alle Fragen, wie Reparationen, Kriegsschulden und Währungspolitik, Weltpolitik im allge­meinsten Sinne, wurden immer mehr zu einer Interessensphäre des Quai d'Orsay.

Da geschah im Spätsommer das große Wun­der der Krisis. Macdonald bildete die Ratio­nalregierung, um das Pfund zu retten, das allgemach zum Asyl für kapitalistische Drückeber­ger geworden war. Cs glückte ihm nicht. Schon im September mußte die Rationalregierung vor der Wirtschaftswirklichkeit kapitulieren. Die Flagge desGoldstandardswurdenie- d e r g e h o l t und es mag hier daran erinnert werden, daß man diese Erschütterung des Ver­trauens auf die Meuterei der Atlantischen Flotte zurückgeführt hat. Run folgten die Ereignisse Schlag auf Schlag. Ein letzter Appell an die Einheit der Partei. Auflösung des Parlaments, ein Appell der Rationalregierung an die Ration. Am Wahltage ein überwältigender Sieg der Ra­tionalregierung, Reubildung des Kabinetts un­ter Macdonalds Führung, Annahme des Schutz­zollprogramms, aber, und das bleibt das Ent­scheidende, kein Versuch zur Stabilisie­rung des Pfundes!

Was hat das alles zu bedeuten? Die Men­schen hier sind nicht imstande, eine Antwort dar­aus zu geben, die den kritischen Deutschen befrie­digt. Die erste Welle der Begeisterung über den nationalen Wahlsieg ist längst verrauscht. Die Wirklichkeit ist in ihre Rechte getreten. Man weiß sehr wohl, daß man im Oktober nicht die Welt, sondern nur sich selbst zurückero­bert hat. Was das aber bedeuten will, ist eben mit wenigen Worten nicht klarzumachen. Aber wenn es schon viel ist, wenn ein einzelner Mensch nach einem Jahrzehnt des Mißerfolges feine Selbstsicherheit zurückgewinnt, so gibt es vielleicht einen Anhaltspunkt dafür, was es bedeutet, wenn eine Ration wie das englische Volk nach end­losen Jahren vergeblicher Mühe sich wieder zu­sammenrafft und eine Politik dec höchsten und besten nationalen Selbstzucht zu treiben beginnt. Wieder einmal hat sich die alte Wahrheit be­

währt, daß es den Engländern sehr schlecht gehen muß, wenn sie etwas leisten sollen: sozusagen: Rächt muß es sein, wenn Englands Sterne strahlen.

So sieht man denn hier den Gang der Ding« auf dem Kontinent mit dem gleichen unerschüt­terlichen Gleichmut, mit dem man das Pfund in die weltwirtschaftliche Wüste geschickt hat. Die Baseler Verhandlungen werden gleichsam als der Schritt in eine bessere Zukunft angesehen. Ist es doch zum ersten Mal gelungen, eine Kapi­tulation vor Frankreich zu vermei­den. So vorsichtig und behutsam die englische Politik auch vorgeht, man darf doch nicht über­sehen. daß die Stimmung im Lande eine Fort­führung der bisherigen politischen Linie nicht er­tragen würde. Rur will man sich keine Blöße geben. Aber John Dult ist eifrig bemüht, wieder einmal politisch zu rechnen. Dabei ist die Wäh­rungskrise, ja die Gesamtkrise dieses Volkes von höchstem Werte. Die Illusion ist vorbei, als habe England den Krieg gewonnen und als könne es sich jetzt behaglich und zusrieden auf das Alten­teil ererbten Reichtumes zur Ruhe setzen. Die Menschen hier sind wiederkampflustigge- worden. Sie fangen wieder an nachzudenken. Sie spähen nach den schwachen Punkten in der Stellung alter Gegner.

Nachdruck verboten!

Sonnenaufgang von 8.15 bis 7.45 Uhr. Sonnenuntergang von 15.55 bis 16.40 Uhr. Lichtgestalten des Mondes: Letztes Vier­tel am 1. um 2 ilfjr, 1. Viertel am 15. um 22 Uhr, Vollmond am 23. um 15 Uhr.

Hartnäckig weiter fließt die Zeit, Die Zukunft wird Vergangenheit; Aus einem großen Reservoir Ins andre rieselt Jahr um Jahr.

Ganz natürlich läßt der Jahreswechsel die alten unlösbaren Fragen nach dem Sinn und dem Wesen der Zeit wieder erstehen: Ist die Zeit die lebendig gewordene Schöpfung, die uns

Alle Leute wissen, daß dieser Gegner Frank­reich heißt, aber sie wissen auch, daß sich dieser Gegner zur Zeir in einer fast unangreif­baren Stellung befindet. Wir sagen mit Bedacht, f a st unangrellbar, denn just der Punkt, wo sich Frankreich zur Zeit am sichersten fühlt, nämlich drr der Finanzen und des Geldes, der dünkt klugen Leuten an der Themse der frag­würdigste von allen zu sein. Der Franzose weiß unendlich viel von der Physik des Geldes, aber der Engländer weiß mehr von der Metaphysik des Geldes. Das zeigt der Verlauf der Wäh­rungskrise. England hat instinktsicher das ein­zigste getan, was es zu tun galt: nämlich nichts. Und damit ist Frankreich in die Vertei­digungsstellung gedrängt worden. Die Franzosen haben in der Londoner City ihren Kre­dit verloren in dem Augenblick, als England den seinen zu verlieren schien. Sie sind ausgeschal­tet. Das Jahr 1931 schließt in England mit einer ungeheuren nationalen Konzentration. Und da eine englische nationale Konzentration immer einen Gegner braucht, da man sich hier­zulande nicht um der Konzentration willen kon­zentriert, so ist die Entdeckung des alten Erb­feindes von noch nicht zu übersehender Zukunfts­bedeutung. Inzwischen wollen wir daher ab­schließend für das neue Jahr an den alten Wahl­spruch der englischen Flotte erinnern: Fürchte Gott, gehorche dem König, und hasse den Fran­zosen wie den Teufel.

immer Reues, noch nie Dagewesenes aus ihrem Mutterschoh erstehen läßt, oder ist sie nur ein dauernder Kreislauf, eine ewige Wiederkehr? Oder vielleicht beides zugleich, ein ständiger Kampf zwischen Reuem und Altem, eine Reu- schöpfung in der Wiederkehr? Der Sternhimmel schemt sich für diese letzte Antwort zu entscheiden, denn bei ihm mag man wirklich im Zweifel sein, was eindrucksvoller ist, die ewige Wieder­holung des Fixsternhimmels, der uns Jahr um Jahr dasselbe, sich höchstens im Lauf der Jahr­tausende ein wenig ändernde Bild zeigt, oder die zerstreut in ihm auftauchenden Wandelsterne, die trotz ihrer nur geringen Zahl zu immer neuen Stellungen und somit immer neuen Ein­drücken Veranlassung geben?

Der die 24 Stundenzahlen von Mieter- nacht bi» Mitternacht einet Taget ent- haltende Kreit und die dick punktierte Linie, der togenannle Horizont, sind fesl- stehend zu denken. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil gewissermaßen dem bei­ger der Himmelsuhr in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gebogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt. Der eingezeichnete Horizont umrahmt die zu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte sicht­baren Sterne. Unsere Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Mo natsmitte. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Be­obachtungsstunde zeigt; dadurch werden die tu dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehenden Horizont hin­eingedreht. Für je 5 Tage vor der Mo­natsmitte ist der gerade Pfeil/j Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monats- mitte '/s Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellan- gen ein, wenn er die angedeutete Licht- gestalt zeigt.

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Sonne

Mond: D1. Viertel (t) Vollmond d letztes Viertel

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Der Sternhimmel imIanuar.

Sterne:

Kleine Buch­staben

Blicken wir zunächst auf den Firsternhimmel. so wird uns vor allem der schönste Teil des ganzen Sternhimmels, daS riesige Sechseck auf­fallen, das mit der hoch oben am Himmel stehenden Eapella im Fuhrmann beginnend sich zum Aldebaran im Stier, dann dem Riegel im Orion bis zu seinem tiefsten Punkt, dem mächtig funkelnden SiriuS hinzieht, dem hellsten Fir- stcrn des ganzen Himmels, um dann links übe« den Prokyon und die Hellen ZwillingSsterne wie­der zur Capella emporzusteigen. Don Alters her war dieser Tell des Sternhimmels am meisten bevorzugt; an ihn knüpfen die meisten Stern­sagen an, er enthäll auch die meiften einzelnen, mit besonderen Ramen benannten Sterne. In dieser Jahreszeit scheidet er sozusagen das Reue vom Alten. Was rechts von ihm steht, wie etwa die Andromeda und der Walsisch. das ist nun baldigem Untergang geweiht. Was link» von ihm steht, nach ihm am Himmel emporsteigt wie der Löwe und späterhin die Jungfrau, auch der Qlrctur im Bootes, das sind die Herren der Zu­kunft. die bald, die Alten verdrängend, allen Raum in Anspruch nehmen werden. Minder oft genannte Sternbilder stehen über und unter un­serem Sechseck. Roch über der Capella. in der Richtung nach der Cassiopeia zu, erblicken wir die Giraffe, eines der Sternbilder, die ebenso wie etwa der Große und der Kleine Bär. bei un8 nie untergeben, sondern immer sichtbar sind. Unter dem Rigel im Orion erscheint, nur sehr kurz« Zelt sichtbar, das vier Sterne zeigende Sternbild des Hasen.

Von den Wandelsternen ist die Venus als Abendstern die am meisten auffallende Erschei­nung. Schon bald nach Untergang der Sonne wird sie im Westen nach Südwest zu sichtbar und er­strahlt zu Beginn des Monats noch über ein­einhalb Stunden, gegen Ende sogar noch übe« zweieinhalb Stunden am Abendhimmel, wo sie ihres hellen Glanzes wegen unmöglich übersehen werden kann. Erheblich schwerer wird es dem Sternfreund der Merkur machen, der zu Be­ginn des Monats, am besten vom 4. bis 6, am Morgenhimmel zu sehen ist. Als Beherrscher des Abend- und Rachthimmels hingegen erstrahlt der Helle Jupiter im Sternbild des Löwen. Zu Beginn des Monats erscheint er erst am späteren Abendhimmel, kurz vor 20 Uhr. dann immer früher, je weiter der Monat vorrückt, so daß er schließlich längere Zeit mit der DenuS zugleich sichtbar ist. Äü ft ermann.

Reform bei der Handwerkskammer.

WSR. Darmstadt, 4. Jam In der Presse sind Artikel erschienen, die sich mit der Auf4 lösung der Handwerkskammer-Reben­stelle Darmstadt und der Kündigung de» Vertrages mit dem Syndikus Dr. K o l l b a ch befassen. Die Hessische Handwerkskammer stellt hierzu folgendes fest: Die Geschästsstelle der Handwerkskammer-Nebenstelle Dorrn« st ad t ist auf Grund eines Vollversammlungs­beschlusses mit der Hauptgeschäftsstelle räum­lich zusammenzulegen, und zwar unter Personaleinsparungen. Der Vorstand der Handwerkskammer hat hierauf über die mög­lichen personellen Einsparungen und die ent­sprechenden Kündigungen Beschluß gefaßt. Die Verlegung der Geschäftsstelle erfolgt dieser Tage« Mit der Zusammenlegung ist das Arbeits­feld der Handwerkskammer bzw. der Reben- stelle in keiner Weise eingeschränkt worden, vielmehr findet die Betreuung des Hand­werks, wie seither weiterhin statt.

Starkenburg.

WSR. Darmstadt, 4. Jan. Der 41 Jahr» alte Derwaltungsinspektor Sraru Sch oll es, der, wie berichtet, nach Unterschlagung einer größeren Summe flüchtig gegangen war, hat sich in Hamburg völlig mittellos der Poli­zei gestellt. Cr gab an, daß er zum Rachteil des Oberversicherungsamts Darmstadt mehrere 1000 Mark unterschlagen habe.

Wiedersehen mit einer Löwin.

L>on Dr. Gustav W. Eberlein, Rom.

Sicherlich habe ich schon öfters Gelegenheit gehabt, die alte Erfahrung zu bestätigen, daß junge Frauen zuweilen seltsame Wünsche hegen. Mal möchten sie unter die Räuber fallen, mal sollen es grasgrüne Schuhe sein. Zehn Minuten lang in die berühmten rollenden Augen des Duce sehen, jawohl, das müssen sie. Dann ist es eine Halskette aus Seeigeln oder ein Kajak, wie ihn der Mahatma trägt. Diesmal war es ein Löwe.

Ich möchte einmal, sagte sie mit übernatürlich glänzenden Augen, ich möchte einmal einen jungen Löwen in den Armen halten!

Warum nicht, Graziella, du sollst ihn haben. Aber du mußt hübsch stillhalten während der kleinen Halsoperation, ja?

Als die Mandeln heraus waren, und die Mimosen auf dem Tische nach Italien dufteten, bot ich ihr, froh darüber, daß sie den törichten Wunsch vergessen hatte, das erste Glas Wein. Boxbeutel aus dem Iuliusjpital. Sie trank und sagte:

Ich möchte einmal einen jungen Löwen in den Armen hallen!

Wie das möglich sei? Das sei meine Sache. Ich habe es versprochen.

Graziella, ich habe eine Freundin

Aach!

Ja. Eine Filmschauspielerin. Iannings kennt sie auch er ist einmal, drunten kn Rom, schreckens­bleich vor ihr ausgerissen. Einen jungen Komparsen hat. sie getötet.

Das muß ja eine temperamentvolle Dame fein. Wie heißt sie denn?

Miß Europa. Wenn ich nicht irre, tritt sie gegen­wärtig in Würzburg auf. Im Zirkus. Vielleicht hat sie inzwischen ein Baby bekommen ...

Wir gingen zu dritt, Strolch war auch dabei, nach Würzburg unter die große Brücke, wo der Mann mit den hundert Löwen seine Zelle aufgeschlagen hatte. Er sei jetzt in seinem Bureau, hieß es, Wagen 119. Ich flieg in den Wagen 119 und sagte ihm, daß meine Frau einen jungen Löwen auf die Arme nehmen müsse. Kapitän Schneider kniff die Augen zusammen, blinzelte die Frau, stichflammte den Fox­terrier an. Der Satan da bringe ja seine ganze Menagerie außer Rand und Band. Hunden sei der Eintritt verboten.

Ich will sehen, ob er eifersüchtig wird! sagte die junge Frau. Er ging mit. Der Kapitän brummte. Mir plnmperte etwas unter der linken Brusttasche.

Mit einem Satz war der Foxl in der Manege und wollte einen Rundgalopp beginnen, da schlug ihm der Raubtiergeruch entgegen. Er hockte in plötzlich ausbrechendem Grauen, in unsagbar atavistischer Angst hin und zitterte. Sei nicht feig, mahnte Gra­ziella und zog ihn vorwärts. Die drückende Leere des Riesenzeltes wurde durch einen Vorhang ab­geschnitten, wir standen plötzlich vor seltsam zu- sammengeklumpten Tiermassen, ich dachte unwillkür­lich an das Jüngste Gericht Michelangelos in der Sixtina, wo die Leiber gleich Blasen aufsteigen, wie Romain Rolland Jagt. Der Hund stierte die er­wachenden gelben Knäuel an, sein Fell sträubte sich und dann dann geschah etwas Unerwartetes, etwas unsagbar Komisches, etwas Menschliches: er drehte sich einfach um. So, jetzt sah er die Gefahr nicht mehr, jetzt war sie nicht mehr da.

Graziella konnte sich einen Löwen aussuchen. Wenn möglich, bitte, einen recht berühmten, einen mit Vergangenheit, ja?

Ach da war ja tatsächlich meine Freundin aus Rom,' Miß Europa! In der ,.Quo-vadis=(Fporf)e hatten wir uns kennengelernt. Sie faßte ihre Rolle etwas zu ernst aus, schlug Nero in die Flucht und riß sich einen Zuschauer aus der Arena. Erinnern Sie sich nicht? Sie bekam ein halbes Dutzend Re­volverkugeln in den Leib, Kapitän Schneider sechs Monate Gefängnis und meine Zeitung einen Artikel von mir.

Nun waren wir also alle wieder beifammerf. Reizend. Eine Kugel steckte ihr noch im Rücken, und ein Baby hatte sie auch. Im Berliner Lunapark geboren, vom Direktor der Lufthansa getauft, als gerade Köhl und Hüneseld den Ozean überflogen hatten. . . ,

Hübsches Baby, historisches Baby, kriminell be­rühmtes Baby. Graziella war zufrieden und bediente sich. Strolch jaulte wie verrückt vor Eifersucht, ver­suchte es ihr aus den Armen zu reißen, im Freien mußte die Erfüllung des fellsamen Wunsches vc» sich gehen. Achtzehn Pfund wog der Säugling.

*

Moderne Frauen und Löwen sind viel auf Reisen. Wir fuhren einmal in Nizza aneinander vorbei, in Prag sahen mir uns von weitern, in Innsbruck hatten wir uns beinahe getroffen, und in Rom kam es wirklich dazu. Es sind gegenwärtig drei deutsche Zirkusse in der Tiberstadt, Busch, Schneider und Hagenbeck. Die Zeitungen behaupten, alle Löwen hätten sich ausgerechnet hier ein Stelldichein gegeben, die gefürd)t;tften Dschungeln könnten froh sein, wenn sie ein so wohlassortiertes Lager brüllender Bestien hätten.

Wir gingen in den Wagen 119. Kapitän Schneider, als ihm Graziella den Wiedersehenswunsch- vortrug, verfärbte sich etwas. Es seien inzwischen drei Jahre vergangen, das Baby wiege keine 18 Pfund mehr ...

Mit einem Heinezitat von dem Hündchen still und klein erklärte Graziella beruhigend, sie wolle es nur streicheln.

Miß Europa ist etwas gereifter an die Stätte ihres Filmabenteuers zurückgekehrt. Sie hat, ich will nicht ungalant fein, einige interessante Weisheits­falten im Gesicht. Der Wärter, grob, wie diese Leute sind, hält sie für ramponiert. Die Kugel steckt noch immer im Rücken. Und das herzige Baby von Würz­burg nun, man konnte es immerhin schon inter­viewen.

Zur Vorsicht stellte sich Kapitän Schneider mit einer eisernen Stange daneben, einer Gabel zwie- gezackt. Er wolle nicht in Versuchung kommen, seine sechs Monate, für die er Bewährungsfrist erhalten habe, tatsächlich abzusitzen. Die Tiere seien hungrig.

Interessant. Warum denn, kleine Europa? Gibt's hier keine schmackhaften Happen? Roßkoteletts?

Schwer aufzutreiben! Alle verfügbaren Kräfte der Zirkusbesatzung streifen tagaus, lagern in der Cam­pagna herum, aber Pferde sind selten. Ins Wasser gefallene und ertrunkene Kühe gäbe es auch nicht, weil es so wenig Wasser gebe. Die von den Autos geschlachteten Schafe verschwinden auf den regulären Märkten. Ach ja, man habe seine liebe Not. Und dazu die Konkurrenz!

Wie die Reise gewesen sei? Hm, hindernisreich. Die italienischen Bahnhöfe haben keine Rampen, man muß die Käfige in die Wagen hineinheben. Wackelige- Sache, das. Und die Wagen sind so klein, man braucht infolgedessen seine sechs bis sieben Sonder­züge.

Und der Besuch? Miß Europa drehte sich bei dieser Frage auf die Seite und war nicht mehr da. Fräulein Tochter warf schnippisch die Lippen auf: Sie sehen ja, niemand in der Tierschau! Verdammte Konkur­renz!

Mit hundert Löwen auf dem Rücken herumzu­fahren, sei keine Kleinigkeit, behauptet der Herr Direktor. Heute habe man ihm die Bude gesperrt, weil er zu nahe am Vatikan sei. Und nun noch diese sibirische Kälte! Ja, wenn es damit getan wäre, daß man einen Löwen auf den Arm nimmt ...

In diesem Augenblick kam der Rellameflieger und berichtete, daß er keine Flugblätter abwerfen dürfe. Die Polizei erlaube es nicht. Pechvogel, der er ist, war er samt seinem Flugzeug drei Wochen lang beschlagnahmt, weil sie glaubten, er fei der Mann gewesen, der die antifaschistischen Zettel über Rom ausschüttete.

Ja, ja, meine Dame, man brüllt nicht ungestraft unter Palmen!

Ich möchte jetzt ein Glas Wein haben, sagte Ära« ziella. Boxbeutel aus dem Iuliusspital ...

Zeitschriften.

.Die Kunst" (Verlag F. Druckmann 21G. München) legt ein Januarheft vor, das sich durch eine besondere Mannigfaltigkeit seines Inhalts auszeichnet. -- LieberWert und Unwert" heuti­ger Kunstausstellungen schreibt Georg Jak. Wolf, der Mitarbeiter an der im Münchener Glaspalast vernichteten Romantiker-Ausstellung. Aus dem zeitgenössischen Kunstschaffen wird das Werk des Bildhauers Josef Dernard gewürdigt. Einige sei­ner typischen Schöpfungen sind in schönen, ganz- feittgen Abbildungen zu sehen. Aus dem Bereich dec Malerei sehen wir Bildnisse des Russen So­rin. Der Maler Birkle zeigt Oberschlesien mit feinen weiten Schutt- und Kohlenhügeln; mit einer geistvollen Plauderei über die Romantik unserer fachlichen Zeit sind Bilder von Reyl-Hanisch ynd Franz Sedlacek verbunden. Ein Doppelwohnhaus. Räume jeder Art, Wintergärten und charakteri­stische Beispiele aus der neuen Wohnhaus-Archi- teftur. Entwürfe für Dekorationsstoffe, Beleuch­tungskörper ufw. bestreiten den zweiten Teil des Heftes.

Die Haltung des Völkerbundes im Man- dschureikonflikt untersucht Prosessor A. Mendels­sohn-Bartholdy im Dezemberheft der Europäi­schen Gespräche (Derlin-Grunewald, Ver­lagsbuchhandlung Dr. Walther Rothschild) im Rahmen seiner AufsatzreiheGleiches Recht für Alle". - - Umgeben vom Ring der Kleinen En­tente und ausgeliesert dem polit.schon Jnteressen- spiel Frankreichs und Italiens, ringt Ungarn um seine innere Form und mag, wenn sie im Sinne der Bestrebungen des Legitimismus gelöst wird, den Kem für eine politische Reugestaltung im Donau decken bilden. Lieber dieses brennende Pro­blem enthält das Heft einen aufschlußreichen Ar­tikel des ungarischen Journalisten Arpad Török unter dem TitelUngarn. Habsburg und Frank­reich". In einem letzten Artikel behandelt der Zü­richer Historiker Alfred Stern inAbrüstungs­fragen im Jahre 1831 ein taktisch und budgetär bestimmtes Spiel zwischen den damaligen fünf Großmächten, das angesichts der kommenden Ab­rüstungskonferenz ein aktuelles Interesse gewinnt.