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der Schornstein und der Mast ragten unter Hintan­setzung jeglicher Symmetrie wie eine Mauer anstatt in der Mitte, auf der einen Seite des Schisses gen Himmel, während sich auf der anderen Seite ein langes, durch keinerlei Erhebung oder Hindernis unterbrochenes Deck vom Bug bis zum Heck hin- zog. Und wie er noch seinen Blick auf dieses merk­würdige Schiff richtete, erschien urplötzlich ein Flug­zeug auf dem langgestreckten Deck er war zu weit entfernt, um zu sehen, daß es durch eine Hebevor­richtung aus dem Inneren heraufbefördert wurde, nahm einen kurzen Anlauf, erhob sich vom Deck und erreichte in langgedehnten Spiralen bald eine große Höhe.

Weit draußen am Horizont waren zu Back- und Steuerbord die spielzeugartigen Konturen vier weiterer Schiffe zu sehen, die alle den gleichen Kurs einhielten, während in noch größerer Entfernung undeutlich erkennbare Rauchwolken die Anwesen­heit der übrigen Schiffe bezeugten. Bon allen Schif­fen wurden trotz des hellen Sonnenscheins deutlich sichtbare blitzartige Lichtsignale im Punkt-Strich- System des Morse-Alphabets gegeben.

Wir geben jetzt nur Lichtsignale", antwortete der Offizier auf eine Frage des Politikers.Wir halten strengstes drahtloses Schweigen ein. Die Schiffe, die Sie dort sehen die vier kleineren sind die leichten Kreuzer, die die Fühlung mit den Zerstörern jenseits des Horizonts aufrechterhalten. Wir haben keine Lust, den Japsen unvorbereitet in die Arme zu laufen."

Der Zivilist nickte zustimmend. Neugierig blickte er auf den Bug des eigenen Schiffes hinunter, wo zwei über- und hintereinander gelagerte Geschütz­rohre achtunggebietend aus ihrer Panzerung hervor­ragten.

Sind das unsere schwersten Geschütze?" fragte er.

Zwei von ihnen", antwortete der Offizier;im ganzen haben wir sieben vom selben Kaliber; drei sind am Heck."

Wie groß ist denn die Reichweite?" fragte der Zivilist mehr aus dem Drange zu reden, als um sein technisches Wisien zu bereichern.

Ungefähr soweit das Auge reicht", lautete die Antwort,aber leider sind es eben nur 20-cm- Geschütze, deren Durchschlagskraft nicht allzu bedeu­tend ist. Wenn wir einem japanischen Linienfchiff begegnen, haben wir nicht die geringste Aussicht zu siegen."

Plötzlich kam Bewegung unter die Offiziere, die den Admiral umstanden. Bon den anderen Schiffen wurden in unaufhörlicher Folge Lichtsignale ge­geben, kleine Flaggen wurden hochgezogen und wie­der heruntergeholt und wiederum durch andere er­setzt; am Maste des Flaggschiffes gewahrte er ein Flaggensignal; in der nächsten Minute erschien das­selbe Signal auf den Nachbarschiffen, wehte ein paar Augenblicke im Winde, um durch ein neues ersetzt zu werden.

Mit einem Male kam ihm zum Bewußtsein, daß sich die Geschwindigkeit des Schiffes wesentlich ver­größerte, der Rumpf erzitterte in allen Fugen. Trotz der erhöhten Geschwindigkeit blieben die Schiffe zu Back- und Steuerbord auf der gleichen Höhe mit dem Flaggschiff; es schien, als ob sie alle stille stän­den, nur die erhöhte Wasserkuroe am Bug zeugte von bedeutender Fahrt. Ganz fern am Horizont gewahrte er schwarze Rauchwolken, die immer näher herankamen und endlich schnell herbeieilende Zer­störer erkennen ließen. Aus dem Innern des Schiffs drangen gedämpfte Pfeifensignale zu ihm empor.

Um Himmelswillen, was geht denn vor?" fragte er den neben ihm stehenden Offizier, der sein Glas an die Augen geführt hatte und den Himmel absuchte.

Feindliche Luftstreitkräfte", antwortete dieser und setzte fein Glas ab.Es ist aber noch nichts zu sehen. Dort drüben kommen unsere Zerstörer zurück, die werden wir bitter notwendig gebrauchen, wenn der Feind Torpedoflugzeuge mit sich führt."

Der Zivilist wandte den Blick auf das Flugzeug­mutterschiff. Flugzeug nach Flugzeug erschien auf dem Deck, nahm einen kurzen Anlauf und erhob sich gen Himmel. Auf dem Nachbarkreuzer bemerkte er plötzlich, wie sich ein kleines Flugzeug, das er bisher

gar nicht bemerkt hatte, mit auffallender. Geschwin- digkeit ohne Anlauf in die Lüfte erhob und in wenigen Minuten eine stattliche Höhe erklomm.

Flugzeugschleudermaschinen", klärte ihn der Offi­zier auf,sehen Sie, da geht auch von unserem Schiff eins ab."

Man hörte das Surren eines angestrengt arbeiten­den Motors, als das Flugzeug in schnellster Fahrt, einem Riesenvogel gleich, an ihnen vorbeischoß, um mit zunehmender Entfernung immer mehr an Deut­lichkeit und Umfang zu verlieren, bis es sich endlich zu den übrigen gesellte.

Wir haben doch Luftabwehrgeschütze?" fragte der Zivilist besorgt.

Bier", lautete die lakonische Antwort,und außerdem sind unsere 20-cm-Gssschütze bis zu einer Erhöhung von dreißig Grad verwendbar."

Wieder war Schweigen. Plötzlich hörte er den wachthabenden Offizier neben sich ausrufen:

Dort sind sie!"

Gebannt starrte er in den blauen Himmel und entdeckte, dem unbewaffneten Auge kaum sichtbar, winzige kleine Pünktchen. Hoch oben zwischen dem Feinde und der eigenen Flotte manövrierten die eng­lischen Flugzeuge; es war etwa ein Dutzend von ihnen in der Luft.

Wie stark ist denn der Feind?" fragte er ängstlich.

Dreißig oder vierzig wenigstens", antwortete der Offizier, immer noch durch sein Glas blickend,es sind ein paar schwere Maschinen darunter, wahr­

scheinlich Torpedoflugzeuge." Er setzte sein Glas ob und wandte sich mit gleichgültiger Liebenswürdigkeit an den Zivilisten:Wollen Sie nicht lieber in Deckung gehen? Vielleicht eröffnet der Feind ein Maschinengewehrfeuer, von den Bomben ganz zu schweigen."

Der Politiker starrte ihn an; er zitterte am ganzen Körper.

Wo soll ich denn aber hingehen?"

Der Offizier warf ihm einen wenig liebevollen Blick zu'und lächerte spöttisch.

Am besten klettern Sie in den Artilleriemars auf dem Mast", riet er mit einem entsprechenden Blick nach oben.Das ist ein verhältnismäßig sicherer Ort, und dort können Sie alle Geschehnisse am besten beobachten."

Er winkte einen Fähnrich heran.Geleiten Sie diesen Herrn auf den Artilleriemars."

Der Fähnrich nahm den Politiker in seine Obhut: Hier herauf, bitte."

Im nächsten Augenblick befand er sich auf der schwankenden Strickleiter eines Mastbeines. Jedes­mal, wenn er zögerte, ergriff eine energische Hand seinen Fuß und zwang ihn höher hinauf. Endlich kam das Ende. Ständig aufwärts getrieben von der Hand des Fähnrichs, gewahrte er dicht über feinem Haupte eine Oeffnung in der stählernen Plattform; er sah ein paar ausgestreckte Arme, die ihn ergriffen und hinaufzogen.

Keine Anzeichen für eine Besserung der Wirischafiskonjunkinr.

Oer Bericht des Instituts für Konjunkturforschung.

Das Institut für Konjunkturfor­schung gibt die folgende Diagnose über die Kon­junktur in Deutschland Ende Mai 1932:

3n Deutschland sind keine Anzeichen einer allgemeinen Konsolidierung festzustellen. Zwar ist die Vertrauenskrisis etwas abgeslaut, auch verzeichnen einige Branchen unter dem Einfluß saisonmäßiger Faktoren eine gewisse Entlastung. 3m ganzen aber hat sich die Wirt­schaftslage erneutverschlechtert: Die Ar­beitslosigkeit ist konjunkturell in weiterem Anstieg begriffen, Produktion, Preise und Llmsähe sind abwärts gerichtet.

Der anhaltende Druck auf das Ein- k o mm e n läßt die Konsumkraft des deutschen Vol­kes mehr und mehr zusammenschmelzen und treibt die Verkaufserlöse von Einzelhandel, Verbrauchs- guterindustrien und Landwirtschaft zu weiterem Rückgang. Die restriktive Höhe der Zinssätze am Kapitalmarkt, an denen der Diskontabbau nahezu spurlos vorübergegangen ist, hält die 3n- vestitionstätigkeit nieder. Die Abkapselung der einzelnen Volkswirtschaften vom Weltmarkt in Verbindung mit der erhöhten Exportkonkurrenz Großbritanniens entzieht der deutschen 3ndustrie mehr und mehr die wichtige Stütze des Ausland- absahes. Die Steuereinnahmen nehmen unter dem Einfluß der gekennzeichneten Wirt­schaftsentwicklung unentwegt ab, und der f i - nanzielle Erfolg von Steuererhö­hungen wird um so fraglicher, je stärker das Wirtschaftsvolumen schrumpft. Auf der an­deren Seite steigt der Widerstand gegen weitere Ausgabeneinschränkungen. Durch 3nanspruch- nahme von Sparkapital ist der Ausgleich der Defi­zite nicht mehr möglich."

3m Hinblick auf die Weltkonjunktur Ende Mai 1932 wird ausgeführt:Die internationale Vertrauenskrise dauert im allgemeinen an. Pro­duktion. Preise und Umsätze gehen weiter zurück. Besonders schwer betroffen wurden von den außer- deutschen 3ndustrieländern vor allemFrank- reich und die Vereinigten Staaten. 3n Großbritannien dagegen hat sich die allgemeine

Rückgangsbewegung gefangen. Zum Stillstand gekommen oder gemildert ist der Abschwung auch in einigen überseeischen Rohstoff- gebieten. Verschärft hat sich die Krise in den o st europäischen Agrarländern.

Besonders heftig waren die Rückschläge im Welthandel, namentlich infolge der noch verschärft fortgeführten Abschnürungspolitik der Volkswirtschaften. Durch die Erschwerungen im zwischenstaatlichen Güteraustausch bei anhaltender Lähmung des Weltkreditverkehrs haben sich die Währungsschwierigk eiten in einer Reihe von Staaten weiter erhöht. Reue Störungen drohen von den äußerst zugespihten staatsfinan­ziellen Schwierigkeiten vieler Länder.

Ansätze zu einer gewissen Krisenentspan­nung zeigten sich jedoch im Kreditgefüge einiger Länder. Geldhortung und Depositenabfluß kamen zum Stehen. Die Dankenliquidität erhöhte sich, und die Geldmärkte begannen sich wieder zu ver­flüssigen. Erstarrt blieben dagegen noch völlig die Kapitalmärkte. Die Anlagetätigkeit hat sich nicht belebt. Rur in Großbritannien zogen die Obliga­tionenkurse an.

Die Tendenz zur Verflüssigung des Geldmarkts ist in Großbritannien am wei­testen vorgeschritten. 3n anderen Ländern hält der Deflationsdruck noch an. Ob die Ansätze zur Entspannung sich weiter entfalten können, hängt weitgehend von den bevorstehenden weltpoli­tischen Entscheidungen ab. Fürs erste kann mit einem Wiederaufleben von Produktion und Beschäftigung nicht gerechnet werden."

Daten für Sonntag 5. Juni.

1826: der Komponist Karl Maria von Weber in London gestorben; 1906: der Philosoph Eduard von Hartmann in Groß-Lichterfelde gestorben.

Daten für Montag, 6. Juni.

1816: Christiane von Goethe, geb. Vulpius, in Weimer gestorben; 1869: der Komponist Siegfrid Wagner in Triebschen bei Luzern geboren; 1875: der Schriftsteller Thomas Mann in Lübeck geboren.

4.

§

X

Die bekannte deutsche Filmschauspielerin Marlen» Dietrich die ^etzt in Hollywood tätig ist, erhielt von Erpressern einen Brief, in dem sie zur Zahlung von 10 000 Dollar aufgefordert wird, andernfalls würden sie Marlene Dietrichs Töchterchen rauben. Die Polizei von Los Angeles hat sofort sämtliche Angehörigen von Marlene Dietrich unter Polizei­schutz gestellt.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 4.3uni 1932.

Oer Natur nahe.

Von Neinhold Braun.

Mit frischem Sinn bemerke freudig!

Goethe.

Zu den Augenblicken, die man nicht vergißt, ge­hören auch wohl die, in denen man aus einer tiefen Bewußtlosigkeit zum Leben zurückerwacht.

Man schaut über sich ein Menschenangesicht, viel­leicht das liebste feines ßebtns, ober des Himmels reine, selige Bläue spannt sich auf einmal wieder über uns. Sonne scheint; ein Bogel jubiliert irgendwo. Man vernimmt wieder ein Wort. Wie wunderbar ist das alles! Ja, wie rätselvoll schön kann das sein! Man schaut wie mit neuen Augen, mit einer Seele, die kaum je so bewußt war wie in diesem Augenblicke. Ja, so müßte man sehen, so fühlend sich hingeben, wenn man wirklich der Natur nahe sein will.

,/Der Natur nahe sein!", das ist das ehrliche Der», langen vieler, wenn sie reifen. Aber dann versinken sie schon nach einigen Tagen gänzlich in die Gast-' yaus-Behaglichkeit, ober hangen auch sonst mit bc« wunbernswerter Zähigkeit bem Philister in sich an.

DieErholung" ist für viele ein belangloser und vielleicht recht kostspieliger Ortswechsel, sonst nichts.

Für den Menschen der wesentlichsten Art bedeu­tet dasDer Natur nahe sein" dies: Zuerst wissen, daß sie ebensoviel Hingabe von uns heischt wie Kultur und Kunst es tun, wenn man an ihnen rei­cher, lebendiger, wesenhafter werden, wenn man sich etwas zum Seelen-Besitze liebend erschauen, er­fühlen will. Das Wandern muß zum Wundern werden, die Freiheit des Augenblicks zum tiefen, beglückten Erfassen der großen, allwaltenden Gesetz­lichkeit, zumHöchsten" nach Goethe gelangen, wozu der Mensch gelangen kann: demErstaunen". Es heißt, die Anlage des Genießens ausbilden; das aber ist gleichbedeutend mit dem immer feineren Sinn für das Echte, Gewachsene, Schaffende. Es heißt, nach so viel Maske und dem Wirrwarr der tausend Aufgetragenheiten dem ewig Grundhaften

Elisabeth

erobert sich das Glück Vornan von Margarete Antelmann Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.

1. Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Sie hatte unendlich viel gelernt bei dem Pro­fessor, der seiner Schülerin eine große Laufbahn voraussagte. Demnächst würde sie ihr erstes öfsentliches Konzert geben. Aber nach diesem Konzert würde sie nicht mehr öffentlich auf­treten, sie mußte es dem Professor schonend bei­bringen. 3etzt natürlich erst recht nicht mehr, da sie Hubert gefunden hatte.

Obwohl alle immer wieder auf sie einredeten, daß ihre gottbegnadete Begabung sie zur Sänge­rin prädestiniere. Aber sie wollte nur glücklich sein, ihren geliebten Hubert glücklich machen.

Trunken vor Seligkeit schloß Hubert sie in die Arme. Heiße Liebesworte flüsterte er ihr ins Ohr. Rie mehr würde er von ihr lassen, sie gehörten zusammen, bald würde sie seine kleine Frau werden...

Ein Taumel der Glückseligkeit hatte Elisabeth erfaßt. Willig bot sie ihm immer wieder ihren Mund, sie wehrte sich nicht gegen seine stürmischen Liebkosungen.

Dann mußten sie wieder zur Gesellschaft zurück­kehren, mußten so tun, als ob sich gar nichts zwischen ihnen ereignet hätte. Beide waren froh, als das Fest sein Ende erreicht hatte.

Zweites Kapitel.

Die Sonne leuchtete hell und klar herunter auf die verschneiten Straßen. Vorwitzig lugte sie durch den Spalt der Vorhänge in das reizende Mädchenstübchen und tänzelte über das Gesicht der Schläferin, die heute gar nicht munter zu werden schien.

Zögernd öffnete sich jetzt die Tür und ein grauer Kops spähte durch die Ritze. Leise huschte die alte Frau herein, beugte sich über die Schlafende.

Mit unendlicher Liebe ruhten die guten, alten Augen auf dem glücklich aussehenden Mädchen­gesicht. Unwillkürlich falteten sich die Hände der Frau, wie zum Gebet.

3n diesem Augenblick schlug das Mädchen die Augen auf, blinzelte in das Licht.

Rein, Kind, Langschläferin, bist du endlich wach geworden? Du kannst dich wohl noch gar nicht zurechtfinden in der Wirklichkeit? War's so schön gestern, Liebling?"

Oh, Mütterchen, es war himmlisch!"

Stürmisch schlangen sich Elisabeths Arme um bie gebrechliche Gestalt der Mutter, zogen sie auf den Bettrand nieder.

Dann sprudelte es heraus aus dem Herzen,

alles das, was sich gestern ereignet hatte. Fas­sungslos schüttelte die alte Frau den Kops.

Oh, Mütterchen, und heute kommt er zu uns. Will dich begrüßen und sich gleichzeitig verab­schieden ...

Oh, Kind, da muß ich mich erst langsam zurechtfinden. Soll da plötzlich ein Mann kommen, der mir mein Liefelchen rauben will..."

Mütterchen, wir lieben uns doch so sehr."

3a, ja, Kind, es wird schon alles gut werden." Liebevoll strich die alte Frau über das Haar des Mädchens. Es war ihr gar nicht leicht zu­mute; aber sie vermochte es nicht, Elisabeth von ihren Zweifeln zu sprechen. Hubert Heilmann mußte doch schließlich wissen, was er tat. Er war sicher ein guter Mensch, der es nicht über sich bringen würde, ihr Kind unglücklich zu machen.

Der Tag verging in der Erwartung des Be­suchs. Den Vormittag über kam niemand. Es war schon vier Uhr nachmittags, Hubert Heilmann war noch nicht gekommen.

Ratlos stand Elisabeth Pfilipp am Fenster. Was war das nur? Weshalb kam Hubert nicht?

Sehnsüchtig spähte sie die Straße entlang. Da tauchte er gerade auf, bog um die Ecke.

Mütterchen, er kommt!"

Schon ertönte die Hausglocke.

Einen Augenblick später stand Hubert Heil­mann im Zimmer. Er entschuldigte sein Aus­bleiben. Er hatte alle Hände voll zu tun gehabt, für seine Tante Lucie, die Kommerzienrätin Heil­mann; es waren eilige Sachen gewesen, die er nicht hatte aufschieben können. Aber dafür sei er jetzt auch ganz fertig, könne dableiben, bis zum Abgang seines Zuges. Cs sei gegen die Etikette, so. spät zu kommen, das wisse er; aber er hoffe, hier auf Verständnis zu stoßen und trotz der vor­gerückten Stunde wohl ausgenommen zu werden.

Hubert Heilmann trat auf Frau Pfilipp zu.

Elisabeth hat sicher schon mit 3hnen ge­sprochen, gnädige Frau. Wir lieben uns. Sie dürfen mir Elisabeth ruhig anvertrauen; ich werde sie hüten und schützen, mein Leben lang. Wenn Sie es erlauben, ist Elisabeth von heute an-meine Braut. Vorläufig noch nicht vor der Oesfentlichkeit. Sie werden verstehen, daß es noch manche Schwierigkeit zu ebnen gibt.

Aber, ich gelobe 3hnen, Elisabeth wird meine Frau. 3ch hoffe, meine Eltern von unserer Liebe überzeugen zu können. Aber auch, wenn sie nicht einwilligen sollten: ich bin ein Mann, habe meinen Beruf und weiß, mich und meine Familie selbst durchzubringen. 3ch bitte Sie nur, mir zu vertrauen."

Zitternd preßte die Mutter ihr Kind an sich, reichte, unter Tränen lächelnd, dem Manne die Hand.

3ch danke 3hnen, Herr Heilmann. 3ch glaube 3hnen, daß Sie mein Kind glücklich machen wollen."

Gleich darauf sahen die drei um den Kaffeetisch, bei fröhlichem Geplauder.

Dann bat Hubert Elisabeth um ein Lied.

Frau Pfilipp war im Wohnzimmer sitzenge­blieben, während das Brautpaar hinüberging in das Zimmer, in dem das Klavier stand.

Elisabeth griff in die Tasten. Sie war auch eine meisterliche Pianistin.

Voll kamen die Töne aus dem Instrument.

Hubert Heilmann saß in einer dunklen Ecke, sah, wie gebannt, auf Elisabeth, die von der Klavierlampe beleuchtet wurde.

Wie schön das Mädchen war! Das blonde Ge- lock, die wundervolle Rackenlinie, die ganze Hal­tung; wenn er ein Maler gewesen wäre, er hätte sich kein schöneres Modell denken können.

Wie leicht ihre Hände über die Tasten fuhren! 3eht begann sie zu fingen. Wie hingerissen lauschte der Mann dieser göttlichen Stimme, die Lied für Lied fang, für den Geliebten.

Hubert sog das alles in sich auf: das schöne Mädchen, das Spiel, den Gesang und er toar restlos glücklich. Er liebte dieses Mädchen, heiß und begehrlich, und er würde nie von ihr lassen.

Elisabeth war die Frau, die für ihn geschaffen toar. So und nicht anders mußte sie sein. Er sah zu ihr hinüber, die jetzt still und versunken vor Dem Klavier saß, den Kopf gesenkt, die Hände im Schoß verschlungen.

Leise erhob sich Hubert, trat hinter die Träu­mende, küßte die flimmernden Haare. Wie er­wachend hob Elisabeth den Kopf, schaute in die leuchtenden Augen des Mannes, und die Lippen der beiden jungen Menschen fanden sich in einem innigen Kuh.

Reglos sah Frau Pfilipp im Rebenzimmer. Schaute auf das Bild ihres Mannes. Er ruhte nun schon so lange aus von dem schweren Erden­dasein. Wie glümich sie gewesen waren, trotz aller Sorgen und Entbehrungen.

Oh, wenn nur ihrem Kinde auch so ein Glück beschieden war!

Sie wuhte, Elisabeth liebte den großen, schlan­ken Mann, der jetzt bei ihr war, liebte ihn seit vielen 3ahren. Sie hatte die ganze Entstehungs­geschichte dieser Liebe miterlebt; sie war immer Elisabeths Vertraute gewesen.

ilnb eben darum, weil sie wußte, wie es in Elisabeth aussah, bangte sie um die Zukunft ihres Kindes. Die Heilmanns waren sehr, sehr reich und sehr, sehr hochmütig; Lucie Heilmann war für ihren Dünkel bekannt, ilnb sie war nur eine arme Lehrerswitwe, die nichts besah als ihre Pension und das kleine Häuschen am Wasser­graben, das man von einer Tante geerbt hatte.

Wie würde das werden? Hubert Heilmann war das einzige Kind seiner Eltern; sicher hatte man große Pläne mit ihm. Man würde ihm nicht erlauben, die arme Lehrerstochter zu heiraten, die Familienabsichten umzustoßen.

Elisabeth würde vielleicht bitteres Leid er­dulden müssen um ihre Liede! Aber, Hubert Heil­mann war ja ein Mann; er würde schon wissen, mit seinen Eltern und ihren Vorurteilen fertig zu werden. Sie durste nicht voreilig den Kopf hängen lassen; sicher würde alles gut werden.

Me beiden im Rebenzimmer schienen aus ihrem Glückstraum zu erwachen.

Hubert sah plötzlich auf die Uhr. Es war Zeit, zum Bahnhof zu gehen.

Elisabeth begleitete ihn. Es hatte wieder zu schneien angefangen; die kleinen Flocken blieben an Elisabeths Hütchen hängen und lagen wie kleine Perlen auf dem goldenen Gelock.

Hubert konnte sich kaum sattsehen an dem Bilde. Wie schön, wie wunderschön war diese Frau, und wie glücklich war er, daß sie ihn liebte! Sie war sein Glück, das er halten würde für das ganze Leben, das niemand ihm entreißen konnte.

Cs würde einen harten Kampf geben, darüber war er sich klar. Aber seine Liebe würde ihm die Kraft geben, diesen Kampf siegreich zu bestehen.

Sie nahmen Abschied, ehe sie den Bahnhof erreicht hatten. Die Stadt toar klein, man durfte dem Klatsch keine Gelegenheit geben. Man kannte Elisabeth, und sie mußten sich in acht nehmen.

An einer einsamen Stelle der menschenleeren Promenade küßten sie sich noch einmal. Hubert versprach, am nächsten Sonntag wieder herüber- zukommen; es war ja nicht allzu weit von Leipzig.

Hubert hielt sein Versprechen. Er kam jeden Sonntag, Elisabeth zu besuchen. Er nahm seinen Weg jedesmal durch die stille Promenade, ver­mied die lebhafte Bahnhofstraße, und er kam fast ungesehen in das Häuschen am Wassergraben.

Hubert Heilmann hatte es bisher noch nicht fertiggebracht, sich seinen Eltern zu offenbaren. Bald tarnen die Herbstferien, da fuhr er nach Dresden, und er hoffte, mündlich bei seinen Eltern mehr auszurichten als schriftlich. Sie muhten ja sagen, wenn sie nur das Bild des reizenden Mädchens sahen, das Hubert zur Frau nehmen wollte.

Köstliche Stunden verlebte Hubert an diesen Sonntagen. Sie saßen zu zweien oder zu dritt in dem kleinen Garten, dessen Sträucher ihn voll­kommen von der Oeffentlichkeit abschlossen. Cs war hier wie in einem Märchenland, als ob die Wellen des Lebens hier abbrandeten, so geruh­sam und weltabgeschieden saß man in diesem Paradies.

Pfilipps pflegten keinen Verkehr, und nie tarn ein Besuch.

Hubert brachte seiner Braut jedesmal ein hüb­sches Geschenk, und er selbst ließ sich nach Her­zenslust von Elisabeth und ihrer Mutter ver­wöhnen. Alle drei waren restlos glücklich an diesen Sonntagen...

(Fortsetzung folgt)