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4.2.1932
 
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Nr. 29 Zweiter Blatt

Bonnerstag, 4. Jebruar 1932

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Um das vertikale Bündnis.

Don unserem römischen E.ÄorrelponDrnlcn.

* . Dom. Februar.

Das Beharrungsvermögen in der französischen Politik. wie es im harren Festhalten an der napoleonischen Idee, in der Fortsetzung der Gedankengänge 2ubtoig XIV. zum Ausdruck kommt, die unwandelbare Treue gegen­über den alten Gottheiten des Imperialismus. Militarismus und Merkantilismus, zwingt auch die anderen Länder Europa - zur Umkehr. Ob sie wollen oder nicht, sie müssen den neuen Göttern nach erfolglos abgelauscner dreizehnjähriger Bewährungsfrist - wieder ab- schwören und z u den bewahrten Metho - dcn der Dorkriegspolitik jurüd- kehren. Frankreich darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, auch aus diesem Gebiete sührend zu lern und den 'Böltern seinen Wllen aufgezwungen zu haben. Ueberdies kann es auf das Beispiel Japans verweilen. Da cS mit dem Dölkerbund vereinbar ist, könnte Gens also auch nichts gegen einen über den Rhein hinweg oder nach Oberitalien hineingetragenenKrieg ohne Krieg" einzuwenden haben.

Unter solchen Auspizien darf es nicht verwun­derlich erscheinen, wenn in den Kabinetten wieder munter d i e Fäden der Bündnisse gespon­nen werden. Zwei Hauptbestrebungen zeichnen sich ab: das vertikale und das horizontale Bündnis­system. Zwei Gruppen, die das Gleichgewicht Eu­ropas ausrechterhalten sollen. Ganz wie 1914

Die französische Cuerlinie. »m Osten gesichert durch die kleine Entente, schneidet sich mit der nord-südlichen Sch i ck s a l s l i n i e in Oesterreich und in der Schweiz, zwei kleine Länder, die damit zu lebenswichtigen Verbin- dungsgliedern. zur» Zentrum und Knotenpunkt der europäischen Diplomatie werden. (ES gibt da- . neben exzentrische Gefahrenpunkte, wie daS Tliit- tclmeer, deren Berührung schon austereuropälsche Kraftfelder auslöst.l

Während die Schweiz möglicherweise ..um­fahren" werden kann, wie im Reise- so auch im politischen Verkehr, und. wie der Weltkrieg ge­zeigt hat. nicht zu ihrem Nachteil, steht der österreichischeDrehpunkt so praktisch und unvermeidbar im grosz-strategischen Plan, dasi man schon von einer Drehscheibe sprechen kann. Der MannGanf der Straf,e in Wien mag sich fragen, wem er sich anschliesten soll, die Tragik des Landes liegt aber darin, dafz es der einen oder der anderen Richtung a n g e s ch l o s s e n werden wird, ohne dast das selige Ballhaus gefragt zu werden braucht. Der Rest des Habs­burgerreiches hat keine Eigenbewegung mehr, er wird bewegt - was für tüchtige Politiker am Drehscheibenstand die Möglichkeit nicht auslchliefzt. gewisse Züge in ihrer Richtung zu beeinflussen. DaS hak die französische Diplomatie natürlich längst erkannt und im ganzen deutschen Süden, in München wie in Wien spricht man gerne von Donaukonföderation, von den Plänen Zitas, von einer Mainlinie und ähnlichen Gebilden, die |d)on un Programm RapoleonS standen, teilweise auch vorübergehend verwirklicht werden konnten, lieber dem politischen Gesicht, dos in Norddeutsch- land naturgemäss ander- aussieht als im Süden, vergibt man in Berlin nur zu leicht, dast es auch in München eine rührige französische Vertretung gibt, ganz zu schweigen von Wien und Budapest. Wo treibt Ungarn hin? Wo hört der franzö­sische Geldgeber aus und wo beginnt der Poli­tiker?

Fragen, die sich der Gegenspieler vorlegen must. Betrachten wir die Möglichkeiten des verti- 1 taten Bündnisses. Den Anhängern einer Politik, die in Europa einen Damm gegen d i e fron- zösische Hegemonie einerseits und den russischen Bolschewismus andrer­seits schaffen möchte, must es wie ein Ideal erscheinen Und die Stunde für die Durchführung des grosten Werkes scheint günstiger denn je.

Suchen wir nach dem Baker des Gedankens, so

finden wir ihn wohl unter den Zeitgenossen, die Nachforschungen nach dem Großvater aber stohen bald auf den alten Dreibund Damals ein an innerer Unwahrhastigkeit krankendes Diplomaten- gebilde, ein Homunkulus mehr ols ein natürliches Kind der Kaiserzeit, icheint er heute durchaus lebens­fähig, denn mit dem Krohrioalen an der Adria, mit dem Objekt des alten Niforgimentohastes sind die Reibungsflöchen zwilchen Italien und den Bun­desgenosten verschwunden, neben Triest und Trient sogar die sentimentalen. Man kann durchaus der auch in Italien vielverbreiteten Meinung jein, dast Italien bei wirklicher Durchführung des Bund- nisoertrages oder auch nur bei Wahrung der.Neu­tralität bester gefahren wäre als mit dem Uebertntt jur Entente, dem es den lähmenden Druck der fran- zösstchen Hegemonie und den noch stachligeren Erben der Doppelmonarchie an der Adria Sudslavicn ver­dankt, und dennoch sich der Auffassung anschliesten, dast erst der Kriegsausgang gesunde Verhältnisse geschaffen hat, was die Beziehungen Italiens zu Oesterreich anbelangt.

Auch das sah man am Quai d'Orsay voraus und hat daher beizeiten in den Damm den Sudtiro­ler Keil hineingetrieben, der die beiden Nackzborn für immer auseinderhalten sollte, genau wie der polnische Korridor. Allmählich bricht sich aber auf beiden Seiten die Erkenntnis Bahn, dast Deutsche und Italiener der französischen Politik in die Hand arbeiten, so lange sie über die Brennerwand nicht Hinwegzukommen glauben. Und diese Erkenntnis wird zum Wegbereiter des vertikalen Bündnistes werden.

Nichts trennt Italien von Deutschland, leder Tag macht es offenbarer, dast die deutschen und die ita lienischen Interessen vielmehr auf eine lange Strecke parallel laufen. Frankreich, das kann man in

Kunst und Wissenschaft

3ur(tnhifferung der sogenannten hetkikifchen Hieroglyphen Inschriften dnrch Professor Jorrcr.

Professor P. Iensen in Marburg bittet uns um Ausnahme folgender Erklärung:

In derIllustrierten" des(Siebener Anz." vom 16. Ian. 1932 Nr. 3, erschien, wie ich erst später erfuhr, ein Aussatz über dieEntzifferung" der sogenannten hettitischen Hieroglyphen - In- schristen durch Pros. Forrer (Chikago-Berlin). un­terzeichnet von einem Dr. L. Dieser Artikel lästt Forrer erstmalig Dingegenial entziffern", die in Wirklichkeit, ob nun richtig oder nicht richtig, längst insgesamt, sei es von Sayce oder Jensen, Eoroley oder Meriggi ebenso wie von Forrer ge­deutet worden sind', soweit Forrer nicht etwa ein­fach willkürlich, ohne einen Boden unter den Fristen, gedeutet hat. Indem ich hieraus Hinweise, must ich mich einer Antwort auf eine sich von selbst ausdrängende Frage enthalten: Ist erst der Berichterstatter, mit anderen zusammen, einem einzigartigen Mistverständnis, oder bereits der geniale Erftentzifferer" einer noch nicht dagewe­senen Selbsttäuschung erlegen?

Landfriedensbruchprozeß in Gießen.

G i e st e n . 3 Febr. Vor dem Erweiterten Dezirksfchöffengericht wurde heute den ganzen Tag über die Anklage verhandelt, die die Staats­anwaltschaft wegen des Sturms auf denSolmser Hof in Hungen (in der Nacht vom 27. zum 28 September v. 3.) erhoben hak. Wir haben über den Fall kürzlich vorberichtet

Angeklagt sind sechzehn meist junge Leute aus Hungen und der näheren Umgebung, vierzehn davon, Angehörige des Reichsbanners, wegen Landsriedensbruchs, einer wegen schwe­rer Körperverletzung, und zwei (Ra-

jeber römischen Zeitung lesen, fei das einzige i)in derms für eine (rieiunbung Europas, folglich mustten Italien, Deutschland (mit Oesterreich» und Eng land Schulter an Schuller marschieren. Dast Italien nach der mutigen Intervention Mussolinis von Frankreich als quantitl negligeable b e - handelt wurde, bat dem Fast den Boden aus geschlagen.Den vollkommenen Nuin Europas zu verhüten, dafür gibt es jetzt nur noch ein einziges Mittel: unverzüglich handeln, handeln ohne 3ranfr-eid), indem mir es (o isolieren." Schreibt zum Beispiel das Organg der Gewerkschaf­ten, Lavoro Fascista. In keinem f)itlerblatt kann man schärfere Worte gegen deneuropäischen Stö­renfried" lesen als in der Presse Mussolinis

Bündnis also, wenn die Abrüstungskonfe­renz, wie es selbstverständlich ist. scheitert wie die Neparationskonserenz. Das Neue daran ist die Einbeziehung Englands, die in Nom als denkbar, als gegeben gilt. Denn auch England, das den nördlichen und mit Suez und Gibraltar den südlichen Brückenkopf bilden würde, käme der grobe Damm zugute. fp

Einige weitsichtige Politiker in Frankreich haben die Gefahr erkannt und Hals über Kopf in Nom dieselben Koder ausgeworfen, die wir aus der In- terventionszeit kennen, um Italien unsicher zu ma­chen. Man will sich jetzt der lateinischen Stiefschwe­ster erinnern, man lobt seine von Foch so bespöttel­ten Kriegsleistungen über den grünen Klee, stellt ihm die weitestgehenden Befriedigungen seiner Aspi­rationen in Tunis und Tripolis in Aussicht. Aber abgesehen davon, dast die Italiener durch die Nicht­einhaltung des Londoner Paktes, der Italien den dalmatischen Rüftenftreifcn zuficherte, gewitzigt sind, ist es bei der rasenden Fahrt, in der Europa zum Abgrund jagt, für solche Scheinlösungen zu spät. Italien glaubt nicht, dast die Einsicht in Frankreich stärker jein werde als das Gesetz der Trägheit, dem die französische Politik untersteht. Die Befürworter des vertikalen Biindnisjes, das Europa um ein wei­teres Jahrhundert vor der napoleonischen Querlinie sichern würde, gewinnen zusehends an Anhang.

tionalsozialisten) wegen verbotener Waf­fenführung.

Als am Abend des Kirchweihtages, an dem es schon vorher allerlei Reibereien mit oder ohne politischen Einschlag gegeben hatte, der National­sozialist Sch. sich in denSolmser Hof", das Lokal seiner Parteifreunde, begeben wollte und dabei eine meist aus Reichsbannerleuten be­stehende Ansammlung von Menschen passierte, wurde er von dem Angeklagten H. plötzlich nie­dergeschlagen. Er war bewußtlos. lag zehn Tage in der Klinik und ist noch nicht ganz wieder­hergestellt. Der Angeklagte ist geständig, will aber angegriffen worden sein. Zeugen für diese Behauptung sind nicht vorhanden; dagegen be­hauptet der Verletzte übereinstimmend mit zwei Zeugen, dast er unvermutet von hinten ange- sallen worden sei. Dies war etwa um 23 Uhr. Als der Angeklagte H. um 1 Uhr mit seiner Frau amSolmser Hof vorbei, vor dem sich National­sozialisten aufhielten, nach Hause gehen wollte, be­kam er es mit der Angst zu tun. Er schickte des­halb in denDarmstädter Hof. wo sich Partei- sreunde von ihm aufhielten Der Führer des Reichsbanners. Ortsgruppe Hungen, der Ange- ftagte eilte mit etwa 15 bis 20 Mann zur Hilfe herbei. Nach der Bekundung einiger Zeugen sollen die Leute sich in starker Erregung be- sunden und laut geschimpft haben. Mittlerweile mar der Angeklagte H. mit einem auf der Etrasie flehenden Nationalfozialisten, dem Angeklagten D., aneinandergeraten. Die Darstellungen dar­über gehen auseinander, es scheint aber, dast D. zu H. gesagt hat, er solle nicht so frech gucken, er könne noch ein paar abkriegen. Dabei soll er nach der Behauptung des H. einen Revolver und einen Gummiknüppel in der Hand gehabt haben. In diclem Augenblick ertönte ein Pfiff und G. und seine Leute eilten herbei. Als der Eturmlührer B. dies sah. kommandierte erSA ins Haus!" Die Nationalsozialisten kamen diesem Besehl nach. Der Angeklagte G. erklärte nun, die Wasse müsse heraus­

Gießener Gtadttheaier.

3mVc(ot>vn und Mathern: Tic drei Zwillinge".

Um auch in ernsten Zeiten dem Fasching sein Recht werden zu lassen, hat man den erprobten Schwank von den drei Zwillingen, ein Werk der als Toppelsirma seit langem bekannten Frank- fuitcr Autoren Toni Impekoven und Earl Mathern in den Spielplan ausgenommen und gestern einem erheiterten und beisallssreudigen Publikum zum ersten Male vorgestellt.

Die Sache beruht, wie bei den meisten Schwän- kvi, auf einer Verwechslung. Mancher erinnert fich wohl - c-ch jener ungeheuerlichen Affäre vorn ^Brand im Krankenhaus, dessen Insassen nur mit Jftube vor der Feuersbrunst ins Freie gerettet iverden konnten, in der allgemeinen Aufregung wurden die neugeborenen Kinder vertauscht, und so bricht nach achtundzwanzig friedlich verlaufenen Jahren über das ahnungslose und äusterst blau- blütige Gefchlecht der Herren von Falkcnstein. deren Stammbaum bis weit hinter den ersten Kreuzzug zurückrcicht. das 'Verhängnis herein.

Und zwar in Gestalt des Weinhändlers Jakob Johannes Knäblein aus Bonn am Rhein, welcher fich bald als der seinerzeit vertauschte Zwilling mit dem roten Bändchen am Dein zum krassen Schrecken aller Falkensteinifchen scheuhlich ent­puppt. Man kann sich nor ft eilen, was unter Den Händen Der beiden in allen Schwankfätteln ge­rechten Autoren aus dieser Chance zu machen war. Der Situationswitz feiert fozusagen Orgien: Die bühnenmäßige Ausspielung sozialerDorurteile unD Diskrepanzen ist ja von jeher ein beliebtes unD geräumiges Betätigungsfeld für Schwank­autoren.

Es kann natürlich nicht ausbleiben, dast nach Ueberwindung des ersten Schreckens und der wildesten Mißverständnisse ein gründlicher Rol- lentaufch vorgenommen wird. Denn es ist klar, dast der angeblich echte Falkensteiner Zwilling wohl oder übel in die Niederungen seiner ange­stammten Bürgerlichkeit zerückkehren must. Da er dabei in immerhin wohlfituierte 'Verhältnisse ge­rät. ist er vorerst von Der Verwandlung

nicht minder entzückt als der weinverständige Knäblein. dem sein solange unterdrücktes blaues Blut plötzlich au Kops gestiegen ist, und der sich mit verblühender Wendigkeit in die neue Um­gebung und die alte Familie hineinfindet.

Zum Glück für zwei durch das Falkensteinische Hausgesetz und die Majoratsbestimmungen hart bedrohte Liebschaften erweist sich jedoch nach einer Fülle drastischer Schwankszencn. dast die beiden Zwillinge jeweils ein Haar in dem Tausch- geschäst gefunden haben. Dor allem dem Knäb­lein Jakob Johannes ist Der gräfliche Lebenslauf mit Reiten. Fechten und anderen standesgemäßen Beschäftigungen ziemlich in die Glieder gefahren, und als er zum Ueberflust noch zum Duell ge­fordert wird, hat er die Gastrolle fatt und ver­zichtet auf jede Standeserhöhung. was in An­betracht seines im Hintergrund auftauchenden bürgerlichen Anhanges entschieden das Rat­samste ist.

Aus diesen flüchtig angedeuteten * Umrissen wird man entnehmen, dast dieDrei Zwillinge" durchaus geeignet erscheinen, die Fafchings- ftimmung des Gießener Thealerpublikums in er­freulicher Weise anzuregen. Die Spielleitung von Peter F a f s o 11 zog alle in Schwankfällen üblichen Register: es herrschte ein luftiger Trubel und unbeschwerte Ausgelassenheit auf der Bühne, und die Spielfreudigkeit aller Mitwirkenden wurde durch die anhaltende Heiterkeit im Parkett be­lohnt und gerechtfertigt. Bühnenbildner Löffler und Beleuchter Keim machten sich ebenfalls um die Inszenierung verdient.

Eine grohe und dankbare Aufgabe fand Herr gub in Der Rolle des Jakob Johannes Knäb- in: auf sie haben die Autoren mit sichtlichem Wohlbehagen all ihren Witz und ihre Einfälle konzentrierte Hub sieh sich denn auch nicht lumpen, er liest feinem Temperament die Zügel schiesten. beherrschte sogar, was man an sich kaum verlangen kann, mit sprudelnder Geläufig- leit den rheinischen Dialekt und hatte überhaupt die Lacher stets auf seiner Seite

Das Oberhaupt der Falkensteiner, Grafen Ok- taviv, gab Kühne als einen bemerkenswert vertrottelten Serenissimus, der angesichts des

überraschenden Familienzuwachses der Derzwesi- lung preisgegeben ist. Den Onkel Gostlau machte Hauer zu einem derben, alkoholfreudigen Land­junker aus der ostelbischen Gegend. Bruck war der elegante und meuchlings degradierte Zwil­ling Eberhard: Luise Schubert-Jüngling die gemütliche Tante Leontine, die noch am ehesten den Wechselfällen des Daseins gewachsen ist. Elisabeth Wielander und Karl Do Ick erschienen komisch aufgedonnert als die uner­wünschte neue Verwandtschaft vom Lande. Maria Lachse hüpfte als munteres enfant tcrnblc durch die gräflichen Gemächer, Beatrice Doe­ring als Fräulein von Hochberg im Reitdreh, die Herren Geiger und Wahlen als Be­diente in Falkenstein rundeten das Ensemble angenehm ab.

Die Neuigkeit erzielte einen kräftigen Lach- erfolg. hth.

Ein Kind singt...

Don £. v. Nepperi.

Wenn ich in der Untergrundbahn hocke oder stehe, aufrecht eingeguetfcht oder schräg an einer Der Haltestangen baumelnd, sind meine Gedanken gewöhnlich nicht lehr weittragender Natur: an das Ziel der Fahrt, vielleicht noch ein Stückchen die Treppe hinauf zur Oberwelt weiter rei­chen sie nicht Und den andern. Die mit mir im Zwange kurzer Geme.nfamkeit den Wagen mit ihren unsichtbaren Schicksalen erfüllen, scheint es ähnlich zu gehen. Von der Fron der Grohstadt gezeichnet, müde, abgespannt und gelangweilt schwanken die Gesichter im Rhythmus des eilen­den Zuges hin und her. Alle diese Menschen sind lediglichFahrgäste". Für sie gilt Gesetz und Ordnung der Bahn weiter nichts. Sie verpuppen sich gleichsam für Die kurze Zeit, in Der sie gemeinsam unter Der ErDe weilen.

Indessen jagen die Züge in Den düsteren, ge­mauerten Schächten dahin unter Dem haften­den Strom der Strahe, unter dem Gebirge Der Häuser, unter Liebe und Hast. Freude und Lei­den. Arbeit und Verbrechen. Das Donnern Der Räder über Die eiferne Laufbahn, Das Klappern Der Türen. Das Klirren Der Fenster. Das Dumpfe Summen der elektrischen Gewalten all Diele Laute fliehen zu einem einzigen, gleichmäh g

gegeben werden, und seine Leute Drängten gegen Die ttingangtur DesSolmser Hof-' vor. Der Gendarmeriewachtmeister Walther. Der Polizeidiener Haas und Der StadtvervrDnetr Wieder st ein von Hungen stellten sich vor Den Eingang und suchten die immer mehr anwachsende Menge zurück zu treiben und zu zerstreuen. Wacht­meister Walther lieh immer wieder an die Menge Die AufforDerung ergeben, sich zu zer­streuen Es war nergebenä. Es ertönten Rufe .Schlagt he tot. die Bluthunde, ufw" Rach Der Bekundung mehrerer Zeugen rief G plötzlich Veute. untere Geduld ist zu Ende, «etzt wird ge­stürmt." Unmittelbar danach tief Der Angeklagte DAuf, holt Pflastersteine herbeiEs er­folgte nun eine längere Zeit dauerndes Bombar­dement auf denSolmser Hof'. meist mit Schotter- fteinen von der nahen Eisenbahn. Fast sämtliche Fensterscheiben wurden eingeworfen. Rach der "Be­kundung des Besitzer» de» .Solmser Hoss" sanden sich an dem Haus etwa 200 Wurfspuren. Auch au» dem .Solmser Hos" wurde geworfen und ein Mann dabei verletzt.

Die Verhandlung wurde um 18.30 Uhr unter­brochen * Morgen folgen die Plädoyers des Staatsanwalts und der beiden Verteidiger.

öae Urteil. , .

' (Sieben, 4 Febr. Der Landfrieden»^ 4b- Prozesi wurde heute mittag zu Ende geführt. Rach den Plädoyer- des Staatsanwalts upD der Verteidiger und nach Der Beratung he» Ge­richtshöfe» wurde folgende- Urteil gefpro- d) e n

Zwei Angeklagte erhielten wegen Land­friedensbruche» je 6 Monate Gefängnis, ein Angeklagter wegen Landfriedensbruches und Körperverletzung 3 Monate und eine Woche Gefängnis, zehn Angeklagte wegen Landsrieden-bruche» je3MonateGe- f ä n g n i » . ein Angeklagter, der des Landfrie- densbruche» beschuldigt war. wurde freige­sprochen. zwei Angeklagte. Denen ver­botener Waffenbesitz zum Vorwurf gemacht würbe, sprach da» Gericht ebenfalls frei

Heber Die Plädoyers und die Urteilsdegrün- Dung wird morgen noch berichtet werden.

Oberheffen

Gemeinderat in Laubach.

2 a u b a d), 1. Febr. In der jüngsten ®e- meinderatssihung wurde vor Eintritt in Die Ta­gesordnung das neue Ratsmitglied Postmeister Karl Hennige. der an Stelle des durch Tod ausgeschiedenen Oberreallehrers i. R. Gerhard tritt, von Bürgermeister Högy durch Handschlag verpflichtet.

lieber Die von Dem Kreisamt Schotten vorge- schlagene Erhöhung der Bürgersteuer oder Der Realsteuersähe für das letzte Vier­tel des Rj. 1931. welche die Ausstellung eines Nachtragsvoranschlages notwendig machen würde, wurde die Entscheidung bis zur nächsten Sit­zung zurückgestellt. Von einem bevorstehenden HauSverkaus wird erhofft, dast zu den angefonne- nen Maßnahmen nicht geschritten zu werden braucht.

Die seither geltenden Holzversteige- rungSbedingungen muhten infolge Der schlechten Wirtschastslage geändert loerden. Die Ai sgabe Der Abfuhrscheine erfolgt für jeDen Holz­käufer nur gegen sichere Bürgschaftsleistung oder Barzahlung. Bei Zahlungen bis zum 1. Juni d. 3. werden 5 Prozent Skonto gewährt Der allgemeine Fälligkeitstermin ist Martini 1932

Ein Teil Der Wohlfahrtserwerbslosen soll im kommenden Frühjahr mit der Herstellung deS Weges nach der Alten Ziegelhütte (Froschloch) beschästigt werden, fall- mit dem gräf­lichen Forstamt eine Einigung über die gemein­schaftliche Tragung der Kosten zuftandekommt

Zum Schluffe wurde die von Dem DorfitzenDen vorgelesene Ortsbürgerliste genehmigt. Die Zahl Der zum Losholzbezug berechtigten Haus­haltungen beträgt 355, gegenüber 363 im Dor­jahre

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harten Klang zusammen, Den keiner Der ver­puppten Menschen mehr wirklich wahrnimmt.

So ist es Hunderte von Malen das gleiche Bild in wenig schwankenden Schattierungen man weih es. man erwartet nichts anderes

Plötzlich jedoch geschieht etwas, das diese Schat­ten aushellt, die Erstarrung sortschiebt und hinter Den Masken das menschliche Antlitz frei werden läht.

Ein hoher, seiner Laut schwingt durch Den wesenlosen Lärm des sausenDen Zuges, eine schlichte. meloDische Tonfolge. Augen beginnen zu suchen, Erstaunen unD Neugier beleben Die stumpfen Mienen. Hier unD Da huscht flüchtig ein gutes Lächeln auf. Alle Blicke zielen in Die gleiche Richtung, alle Ohren lauschen Dem gleichen zarten Laut. Unerwartet ist in Diesen soeben noch einanDcr völlig gleichgültigenFahrgästen" eine menschliche Gemeinsamkeit erwacht.

Da ist etwas erstanden, was sie alle kennen, was sie alle lieben, was sie alle vergessen hatten und was doch ihrer aller Herzen plötzlich mitein­ander verbindet.

Ein Kind singt ... Döllig in sich und sein klei­nes Lied verloren, singt es mit unendlich sühem, reinem Ltimmchen von emem Wickelbären. Der alleine im Wald umherläust.

Wickelbarchen war noch klein, lief im Walde ganz allein.

ach, im dunklen Walde ..."

Ich habe dieses kleine Lied noch nie gehört, und vielleicht hatte es auch niemand der anDercn, Die dem Zauberstimmchen laufdjten, je gebärt; doch wir alle lebten dieses Märchen vom W'ckel- bärchen so mit. als ob wir selbst noch Kinder wären.

Ein Kind singt in der Untergrundbahn, und auSFahrgästen" werden Menschen ...

Sochschulnacbnchten.

Dem Professor D. Werner Elert an der Universität Erlangen ist Der durch das Ab­leben von Geheimrat Professor D. Philipp Bach­mann in Erlangen erledigte Lehrstuhl der syste­matischen und historischen Theologie zum 1. Apnl d. 2. übertragen worden. Der in Erlangen frei- gewordene kirchcngeschichtsiche Lehrstuhl wurde dem Breslauer Theologen Professor 1). Dr. Hans Leube angeboten.