Ausgabe 
3.12.1932 Erstes Blatt
 
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Samstag, 3. Dezember 1952

öletzener Anzeiger (General-Anzeiger für OberHessen)

llr. 285 Zweites Blatt

Neuer Ehrenobermeister der deutschen Handwerker.

Export. So wächst unter und zwischen dem groß- wirtschaftlichen Hochwald auch heute noch ein dichtes und kräftiges Unterholz von Mittel- und Kleinwirt­schaft, das oft zu wenig beachtet wird und dessen Pflege man sich heute mehr denn je besonders an­gelegen lassen sein sollte! Hier werden tagtäglich wahrhaft schöpferische Wirtschaftskräfte produziert! Wie könnte es auch anders sein? Ganz allgemein wirtschaftlich: der Zwang, der von dem Steigen der fixen Kosten ausgeht, bringt wieder kleinere Be­triebsformen mit größerer Elastizität der Kosten hoch, während sich in den großen Unternehmen viel­fach Ermüdungserscheinungen feststellen lassen. In den kleinen und mittleren Unternehmen bleibt ,a auch verhältnismäßig mehr Raum für die Persön- l-ichkeit und ihre Entfaltung. Denn gerade die klei­nen und mittleren Unternehmen sind ja auch heute noch wieder die Träger eines gesunden Qualitätsgedankens, der nicht zuletzt auf einer vernünftigen Spezialisierung beruht. Gerade im Zeitalter der Großbetriebe geht aus dem Betrieb des industriellen Mittelstandes, aus der Werkstatt des schöpferischen Meisters und aus der SAidierstube des Erfinders der Anstoß zu neuem wirtschaftlichem und technischem Fortschritt hervor, der den Markt be­lebt und dem Absatz eine Chance gibt.

Es kann ja auch nicht anders fein! Schließlich haben Nürnberger Tand und Lausitzer Leinen, frän­kisches Porzellan und Stahlwaren aus dem Bergi­schen Land, erzgebirgisches Holzspielzeug und Leder-

Ferdinand La m e r tz (Köln), Vorsitzender des Deut- schen Fleischerverbandes, wurde einstimmig zum Ehrenobermeister des deutschen Hand­werks ernannt. Bor Lamertz, der kürzlich feinen 85. Geburtstag feierte, wurde die seltene Auszeich­nung bisher nur dem Reichspräsidenten und drei Handwerkerführern zuteil.

Der Geldwert eines Gedichtes.

Unter alten literarischen Erzeugnissen steht die Lyrik von jeher in ihrem materiellen Wert am tiefsten im Kurs. Daß man aber auch mit einem Gedicht etwas verdienen kann, das zeigt eine eigenartige Rechnung, die Dörries, Freiherr von Münchhausen in derReuen Literatur" an» stellt:Mein Gedicht .Alte Landsknechte im Him­mel' ist am 26. September 1900 geschrieben. Es erschien noch noch im gleichen Jahr in der Ham­burger Zeitschrift ,Der Lotse" und brachte mir 20 Mark Honorar ein. Das Gedicht steht in meinen .Balladen und Liedern', in der .Deeren- Auslese' und im .Balladen-Duche'. Da ich vom Verkaufspreis meiner Bücher 20 Prozent Hono­rar erhalte, kann ich durch einfache Division (je zwei Seiten von der Seitenzahl der Bücher) fest­stellen. daß mir das Gedicht in den drei Bü­chern zusammen bis heut 1441,89 Reichsmark ein­gebracht hat. Die Rachdrucke in den Anthologien dieser 30 Jahre sind nur zu schätzen, werden aber wohl diese Zahl auf 2000 Reichsmark erhöhen. Im Rundfunk ist das Gedicht in den Zähren 1929 bis 1932 neunzehnmal gesprochen worden und hat dort 266,55 Reichsmark gebracht. Der Gesamterlös dieser lustigen Ballade betrug also in ihren dreißig Lebensjahren etwa 2266 Reichs­mark. Wenn ich freilich auch die Vortrags- Honorare dieser Zeit in gleicher Weise rech­nerisch auswerten wollte, käme eine weit höhere Summe heraus. Leider sind es bei jedem Dichter nur wenige Schöpfungen, denen die freundliche Teilnahme der Leserschaft das Los so angenehm gestaltet!"

steht, sagt blödsinnigerweise Guten Abend und stol­pert hinaus.

Auf dem Korridor steht Anni. Sie fällt ihm um den Hals und lacht und sagt was von grünem Schleiflack, und daß er sich Maschinen kaufen kann und eine Tankstelle einrichten, und dann weint sie ein bißchen. Sie setzen sich auf eine Bank, auf die, wo Hans vorhin die Knie gezittert haben, und küssen sich. Ein Schupo steht feixend daneben, aber es dauert ihm zu lange. Er tippt Hans auf die Schulter und sagt, dazu brauchten sie doch nicht ins Polizeipräsidium zu gehen. Anni wird puterrot, Hans bietet dem Blauen gefaßt eine Zigarette an, und dann gehen sie los, das grüne Schleiflack­zimmer aussuchen.

Lin kleiner Fabrikant und 200000 Aufträge!

Oer industrielle Mittelstand als schöpferische Wirtschaftskraft.

Von Or. Herbert Fritzsche, Leipzig.

ein Bauer, ein Kolonist ist! In diesen Kämpfen um die Selbstbehauptung seines Volkes wächst der Er­zähler selbst ganz hinein in den mütterlichen Grund seines Volkstums. Aus dem Träumer, der in alle Welten des Raums und der Zeit sich flüchtete, wird ein Täter.In diesen furchtbaren Jahren sind Träume Verbrechen! Immer wilder umbraust die Flut das sächsische- Eiland. Sturzfluten gehen über Stadt und Land. Ein heiligverbürgtes Recht nach dem andern wird beseitigt. Die uralte Kirchen- und Schulautonomie liegt in Fesseln und Stricken erwürgt. Nur der Kampf ist geblieben."

Wer sich mit aufgerufen fühlt in diesem Kampf, wer spürt, daß es um unser Volk geht da draußen, der lese dieses Buch! (Das vor einem Jahr in einem siebenbürgischen Verlag erschienene Werk kommt soeben in einer schönen, billigen Ausgabe für nur 4,80 RM. im Verlag A. Langen / G. Müller, Mun- chen, heraus. 468.) Er wird dann nicht nur er­fahren, was es mit den Siebenbürger Sachsen, die sich mit StolzGermanissimi Germanorum (Die Deutschesten der Deutschen) nennen, auf sich hat er wird zugleich ein schönes und tiefes Werk eines wahrhaft dichterischen Menschen kennenlernen. Er wird von künstlerisch gestalteten und menschlich er­greifend erzählten Schicksalen lesen, von tragisch frühem Tod und bitteren Künstlerringen, von ruhm­süchtigem Ehrgeiz und strengem, entsagungsvollem Streben im Dienste des Volkes. Und er wird tiefer wissen, wie das Leben des Einzelyen der Gemein­schaft verbunden ist, wie es mit ihr wächst und kümmert, von ihr gehemmt wird und sich an ihr entfaltet, einen wahrhaften Beitrag zur Biologie des Volkstums wird er erhalten. Solche Bücher find uns not, die wie dieses vom Einzelnen, feiner Not und- feinem Glück erzählen, aber so, daß es hie privat oder unwichtig wird, sondern stets gültig bleibt und verpflichtend für alle daß am Einzel­schicksal das Schicksal des Volkes sich zeigt. Nur mit solchen Werken die nicht zufällig übrigens wie dieses von einem Ausländsdeutschen, oder rote Hans Grimms Werk von einem Ueberseedeutschen ge­schrieben wurden! kann die Dichtung wieder handelnd eingreifen in das Schicksal des werdenden Volkes!

Grün Echteistack.

Von Fred Lang

Auf einer leeren Kiste fitzt Anni, direkt unter der großen Bogenlampe, und wippt den schlanken Beinen. Ihr Gesicht ist verzogen, ihre Augen blitzen ein wenig böse.No, mein Junge, sagt sie,dazu brauch ich doch nicht,zu heiraten möbliert wohnen und weiter ins Geschäft gehn und mit jedem Pfennig knickern da warten wir erst mal, bis wir uns eine hübsche Zroei-Zimmer- Wohnunq einrichten können, Schlafzimmer grün Schleiflack und das Wohnzimmer hell Birke und Neformküche und Staubsauger" .

Ader Anni", sagt Hans, der aufgeregt in der Werkstatt umherrennt,sieh mal, ich brauch doch noch so viel Maschinen und ne kleine Tankstelle muß ich doch haben warum wollen wir denn warten, bis wir grau und schimmlig sind. Brauchst höchstens noch ein Jahr im Bureau zu feiten, bestimmt. Die Chauffeure empfehlen mich schon überall, und ich hab doch ganz nett zu tun. Aber so 'ne Wohnung, wie du sie willst, da müßten wir ja das große Los gewinnen, Anni!" Und nun folgen sich Rede und Gegenrede immer schneller, und es gibt einen riesigen Krach, und das Ende ist, baß Anni wütend davonrennt, über den Hof, durch die Toreinfahrt, und weg ist sie.

Hans geht in der kleinen Werkstatt umher und räumt auf" Er schmeißt mit den Werkzeugen vor Wut und beschließt, allein ins Kino zu gehen, aus Rache. Aber dann besinnt er sich, daß es schon nach neun Uhr ist und räumt weiter auf, leise vor sich hinschimpfend. Plötzlich fällt durch die Fenster ein sehr heller Lichtschein, ein Auto fährt langsam auf den Hof und hält vor der Werkstatt. Hans geht hinaus. Aus einem mächtigen Kabriolett steigt ein Mann fein in Schale, mit einem Bullenbeißerge- sicht, und fragt, ob hier auch nachts gearbeitet wird.

Jawoll", sagt Hans und besieht sich den Wagen, ein ganz neuer Amerikaner, mit einer ostpreußischen Nummer. Was er denn für die Arbeitsstunde ver­lange, will der Fahrer wissen. Drei Eier, so nun wenn er bis sechs Uhr früh fertig sei, solle er fünfzig kriegen. Er geht zum Wagen und ruft hin­ein, die anderen sollten herauskommen. Die kom­men denn auch herausgeklettert, drei Mann, in dicken Fahrmänteln, die Mützen tief in der Stirn, Kragen hochgeklappt. Sie gefallen Hans gar nicht. Ach was, denkt er sich, Kunde ist Kunde, und dann fragt er den ersten, was eigentlich entzwei sei am Wagen.

auf und geht verdattert nach Hause. Ich komm sicher ins Kittchen, denkt er, wegen Beihilfe. Die Anni wird einen Skandal machen, au verdammt! Hans schläft sehr schlecht diese Nacht, er träumt scheußlich und wacht immer wieder vor Schreck auf. Morgens um sieben ist er in der Werkstatt und murkst so herum. Gegen neun kommt ein Herr herein, Melone, dicker Spazierstock, bestimmt ein Kriminaler. Richtig, er zeigt das Schild unterm Rockaufschlag und gibt Hans einen Brief mit dem Adler. Hans will lesen, ihm ist ganz schwindlig, er liest bloß etwas von zehn Uhr und Polizeipräsi­dium. Der Kriminale sagt, er sollte mal gleich mit­kommen, er würde ihn hinbringen.

Sie gehen los. Der Polyp ist ganz fteundlich und fragt Hans, wie denn das war gestern abend, muß ja eine tolle sache gewesen sein. Aber Hans ist verwirrt und gibt blödsinnige Antworten. Ochse, denkt der Kriminale und schweigt nun dienstlich­eisig. Auf dem Präsidium muß Hans erst eine Weile auf einem Korridor warten, eine Menge Schupos rennen herum. Hans hat einen beträcht­lichen Kloß im Hals, die Beine zittern ihm, gut, daß er sitzt. Dann wird er hineingeführt zu einem dicken, brummigen Herrn, der ihn ausfragt nach allem, was sich abgespielt hat. Eine Stenotypistin schreibt auf der Maschine mit und dann muß Hans unterschreiben.

Ja, sagt der brummige Herr, eine feine Bande haben wir da gekascht! Was die uns in den letzten Monaten für Scherereien gemacht haben! Den Wagen haben sie einem Gutsbesitzer in Ostpreußen geflaut, dabei hat's eine Schießerei mit Landjägern Gegeben, und einen anderen Wagen haben fie ein» fach über den Haufen gefahren.Ist wohl Ihre Braut, das Fräulein Anni, was? Großartiges Mädel! Haben wohl Krach mit ihr gehabt, wie? Hans weiß nicht, was er sagen soll. Der Brummige ist ganz freundlich. So ein kleiner Krach hatte auch sein Gutes, meint er, denn wenn die Anni gestern abend nicht nochmal umgekehrt wäre, um sich mit ihm auszusöhnen, und von der Hofeinfahrt aus das merkwürdige Gehaben der vier Kerle beobachtet und das Gerede von den Revolverkugeln gehört hätte, dann hätte sie auch nicht das Ueberfallkom- mando holen können, und die Belohnung hätte sie auch nicht gekriegt. Und das wäre doch ein schönes Stück Geld.

Der Brummige grinst, gibt Hans die Hand und wünscht ihm alles Gute. Die Stenotypist'.n grinst auch Hans Lemke weiß nicht, wo ihm der Kopf

d jachen aus dem Offenbachischen, Pforzheimer Schmuck und Sonneberger Puppen einst ihren Siegeszug n I durch die Welt angetreten aus jenen kleinen Werk-

heitlichen Glaubens, der den erwählten Stadtpfarrer zum Herrn der Stadt, der den großen Sachsenbischof zum politischen Führer des Stammes macht un­willkürlich und notwendig steht sofort vor unseren Augen der große Sachsenbischof Teutsch, zu des­sen 80. Geburtstag vor kurzem erst Hindenburg die Glückwünsche aller Deutschen aussprach.

So sieht der Sechzigjährige sein Leben in der Erinnerung hinter sich liegen: der Knabe wächst auf im alten Kronstadt, mit seinen Mauern und Türmen, die von der Geschichte erzählen. Von den Spielen auf dem Anger kommt er in die Schule; das große Honterus-Gymnasium, genannt nach dem Reformator der Sachsen, nimmt ihn auf. Knaben­sehnsucht, Knabenehrgeiz, Jünglingsfreundschaften und Jünglingsschwärmereien erlebt er rote andere deutsche Jünglinge auch, nur daß hier alles beson­dere Tiefe gewinnt durch den Bezug auf die ver­pflichtende Kraft der Gemeinschaft. Universitätsjahre in Deutschland zeigen ihm, wie wenig man im Reich von den Brüdern draußen weiß, auch, wie instinktlos man gerade in gebildeten Kreisen natio­nale Fragen behandelt, die draußen ohne Philo­sophie aus dem Blute heraus gelöst werden. Eines allerdings", so hatte ihm früh sein Vater gesagt,haben wir allen deutschen Stämmen vor­aus: wir sind die einzigen, die ihr Deutschtum im­mer bedingungslos über alle Parteikämpfe gestellt haben." Aber auch dies bleibt nicht so. Heimgekehrt wird er selbst in die Parteikämpfe hineingezogen, die inzwischen entstanden, aber doch vor der immer stärker brandenden Flut der Entdeutschungsbestre- bungen vor und nach dem Krieg verschwinden. Bei dem RufDer Feind steht vor den Toren" kann ein altes Kolonistenvolk, das jahrhundertelang sich anstürmender Feinde hat erwehren müssen, nicht in Uneinigkeit verharren. Und im Kampf um die Füh­rerstellung in diesem Volk kann auch nur der Sie­ger bleiben, der selbst dem Blute nach ein Sachse,

statten, in denen sich die Tüchtigkeit des deutschen Handarbeiters mit dem Wagemut des kleinen Un­ternehmers verband oder gar identifizierte, wo jahr­zehntelange, von Vätern und Urvätern ererbte Be­triebserfahrung einen geschulten, verläßlichen und tüchtigen Familienarbeiterstamm herangezogen hat­ten, dessen Erzeugnisse ihm eine unerreichte lieber- legenheit namentlich denjenigen Industrien gegen­über gaben, die sich mangels geschulter Arbeitskräfte überwiegend auf maschinellen Massenbetrieb ein- ftellen müssen. Und ist die wirtschaftliche Entwicklung nicht so gewe-sen: haben nicht ein Rathenau, ein Siemens, ein Borsig und ein Benz einst selbst in einer kleinen Werkstatt oder Schmiede mit eigener Hand und mit eigenem Kopf den Grundstein zu den Weltfirmen gelegt die heute ihren Namen tragen? Und sind nicht die Textilkonzerne der Neuzeit ge­wachsen aus jenen armseligen Weberhütten des Lausitzer Berglandes, des schlesischen Gebirges und des oberbergischen Landes und aus der Summe von Erfahrungen und Erziehung, die sich dort von Gene­ration zu Generation vererbt haben?

Beispiele dafür, daß die organische Entwicklung immer von unten nach oben gegangen ist, lassen sich aus allen Branchen bringen. Auch für die Jetztzeit noch. Der beste lebende Beweis für un­sere Behauptung ist jener kleine Stellmachermeister aus dem Lippeschen Land, der am Samstag der letzten Leipziger Frühjahrsmesse mit dem Muster eines selbsterfundenen Trittrollers nach Leipzig kam, mit Mühe und Nst noch einen bescheidenen Stand in der Halle der Erfindungen fand und mit einem Auftragsbestand von rund 200 000 Stück in seine Dorfheimat zurückkehrte, mit der leisen Furcht im Herzen, wie er diese unerwartete Quantität nicht nur fabrizieren, sondern auch finanzieren solle. Es war der größte Messeerfolg der letzten Jahre ge­wesen! Heute baut auf ihm eine ganze Industrie aus! Gerade auf der Leipziger Messe kann man immer wieder gerade auch an den Ständen kleiner und kleinster Firmen die sehr lehrreiche Beobach­tung machen, daß monatelanger, konzentrierter Ar­beit an der oft scheinbar nichtigsten Neuheitder" Messeerfolg beschieden ist. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht auch der Fall jenes kleinen Fabrikanten aus Gräfenroda, der mit seinen allerdings als wahre Kunstwerke anzusprechenden Spielwaren Thüringer Bauernfuhrwerke u. a. eigentlich nur durch die Messe bekannt geworden ist. Schließlich sei noch an das Kunsthandwerk erinnert, in dem auch heute noch schöpferische Meister, Drechsler, Kup­ferschmiede, Korbmacher, Goldschmiede usw. dem

Deutschtum auf umbrau-eterIuset

23on Benno Mäscher, Marburg.

Der Mann zeigt ihm einen zerknüllten Vorder­kotflügel und einen reichlich verbogenen Schein­werfer, das Trittbrett hat auch was abbekommen, und aus dem Kühler läuft Wasser. Die Leute aus dem Wagen stehen herum und erzählen, sie hätten einen Chausseebaum umgefahren, die Straße war so naß, verdammtes Pech, sie müßten so schnell wie möglich weiter. Und der Benzintank wäre auch ka­putt Hans sieht sich den Tank an und findet ein paar Löcher. Er wundert sich und fragt, wie die komischen Löcher in den Tank kämen, sie sähen ja aus wie von Revolverkugeln. Hans hat im Krieg einen Panzerwagen gefahren und kennt solche Löcher. Die Sache wird ihm immer unheimlicher. Aber der mit dem Bulldoggengesicht schreit ihn an, er soll die Schnauze halten und an die Arbeit gehen, sie hätten keine Zeit. Er würde sein Geld kriegen, und alles andere ginge ihn einen Dreck an.

Hans wird immer mulmiger, er möchte am lieb­sten wegrennen, aber die Kerle sehen sehr ungemüt­lich aus, einer hat sich auf den Prellstein an der Einfahrt gesetzt, der läßt ihn bestimmt nicht vorbei, und alle haben die Hände in den Manteltaschen und sehen ihn an. Hans hat keine Lust, sich die Knochen zerschlagen zu lassen. Ach Quatsch, denkt er, fünfzig Mark kann ich gebrauchen, was geht's mich wirk­lich an, Anni wird sich freuen über den Verdienst. Er fährt den Wagen in die Werkstatt, die Tür bleibt offen, einer von den Kerlen steht davor, die anderen setzen sich auf leere Benzinfässer und sehen zu, wie Hans den Tank abmontiert. Das ist eine Mordsarbeit, es wird einem warm dabei, und man vergißt das Nachdenken.

Auf einmal brüllt der Kerl, der sich vor die Tür gestellt hat, irgend etwas, die anderen springen auf aber da sausen sie schon herein, drei, sechs, zwölf Schupos, voran ein Offerier mit dem Schieß­eisen in der Hand, es gibt ein furchtbares Durch­einander und Geschrei, Gummiknüppel klatschen, der Bullenbeißer reißt eine Pistole raus, und im Nu sind fie über ihm. Kaum ein paar Sekunden hat's gedauert, und schon stehen die vier Kerle mit Handschellen da.Raus mit ihnen auf den Wogen!" keucht der Leutnant.Der Wagen ist beschlag­nahmt'" sagt er zu Hans und nimmt den Helm ab und wischt sich die Stirn trocken.Sind Sie der Inhaber der Werkstatt? Hans Lemke? Zeigen Sie mal Ihre Papiere! So, na, wir sprechen uns morgen! N'Adend!" Raus ist er.

Hans bleibt in Angst und Schrecken zurück, drau­ßen tutet der Ueberfallwagen tatü, tata. Die Werk­statt sieht aus wie ein Schlachtfeld. Hans räumt

Nach der glücklichen Reichsgründung von 1871 waren es nur verschwindend kleine Kreise, die durch den Jubel über die endlich erreichte Reichseinigung hindurch sich der Aufgaben bewußt blieben, die mir auch den abgesprengten und im weiten Süd-Ostraum verstreuten Volksgruppen deutschen Blutes gegen­über Hütten. Das Bundesverhältnis zur österreichi­schen Doppelmonarchie vollends ließ die Sorge um diese Volksgruppen nicht vordringlich erscheinen und machte, wo die Sorge dennoch erwachte, ein Ein­greifen für die durch die Habsburgische Nationali­tätenpolitik besonders gefährdeten deutschen Brüder fast unmöglich. Nur die Volksdeutsche Bewegung (der im heutigen VDA. aufgegangeneSchulver­ein Südmark") und dann die Jugendbewegung hiel­ten das Bewußtsein wach, bis endlich durch die Aufrüttelung durch das eigene Grenzleid, die eigene Not in den entrissenen und geraubten Gebieten nach denFriedensschlüssen" der Pariser Vorstädte die Not des brüderlichen deutschen Blutes, wo immer es in der Fremde um seine Erhaltung kämpfen mußte, als eigne N o t spüren ließ Jetzt setzte die großdeutsche Arbeit derDeutschen Studen- schaft", desDeutschen Schutzbundes", desJuni­klubs" ein und erfaßte im VAD. weite Kreise, vor allem die Schuljugend. Und dock wissen wir so wenig vom wirklichen Leben der Ausländsdeutschen. Don der älteren Generation sind es sicher nur we­nige, die den Weg zu den Brüdern in der Zips ober in Bessarabien fanden. Und auch von den Jüngeren, die auf großen Fahrten sich die eigene Heimat erwanderten und damit die städtische Ab­geschlossenheit durchbrachen, den Bauern auf dem Acker wieder verstehen, und im Bayern wie im Ostpreußen wieder den Dolksbruder erkennen lern­ten, hatten nicht allzuoiele das Glück, auf Ausland- Großfahrten die Zelte soweit vorrücken zu dürfen. Deshalb ift jedes Buch dankbar zu begrüßen, das uns lebendige Kunde gibt von den Brüdern drau­ßen, und deshalb fie hier nachdrücklichst auf ein Werk hingewiefen, das uns das Leben der Siebenbürger Sachsen gestaltet_es ist von Adolf Meschendörfer: Die Stadt im 0 ft e n. Man muß schon an Hans Grimms Volk ohne Raum", an Josef PontensVolk auf dem Wege" erinnern, um die Art dieses Buches an- zudeuten. Es wird zwar erzählt das Leben eines Einzelnen, aber so, daß stets das ganze Leben sei­nes Stammes dahinter sichtbar und greifbar ist, das Leben dieser 230 000 Siebenbürger Sachsen, die dort im fremden Staat zwischen Ungarn und Ru­mänien einen harten Kampf um ihr Leden a l s deutsches Leben führen.

Seht, ihr klugen gesicherten Leute in Europa, wir stehen hier bis an die Brust in einem reißen­den Strom, der uns fortspülen will von unserer Insel. Wir stehen mit zerschundenen Füßen auf schartigen, spitzen Steinen und sind müde. Wir hal­ten uns an den Händen, denn manch einer gleitet aus und taumelt. Wir halten uns, eine müde Mauer, und sehen mit aufgerissenen Augen wie alle, die von der Kette abgerissen sind, vor uns ver­sinken. Unsere Brüder. Unser Blut. Hört, ihr Völ­ker Europas: den (Siebenbürger Sachsen, den letzten Sachsen, geht das Wasser an die Kehle! Ihr, die ihr für Menschenrechte kämpft, hört: Wir wollen nur leben und auf diesem Fleckchen, von unferm Blut gedüngten Fleckchen Erde arbeiten. Und deutsch bleiben. Oder die Sturmflut über uns alle!"

Nun muß man aber nicht meinen, es sei in die­sem Buch nur von Kämpfen die Rede, der Ungar und der Rumäne stehe immer mit blankem Schwert vor den Toren der Stadt. So ist es gar nicht. Es ist viel eher ein stilles, romantisches Buch, in dem ein Sechzigerjähriger erinnernd sein Leben an sich vorüberziehen läßt. Aber immer spürt man hin­durch. es ist nicht wie bei uns im Reich Man ist draußen, abgesprengt, ein kleiner Splitter, umgeben von fremdem Volkstum, im Innern die Gefahr der Verknöcherung, der Inzucht und halb schon ist man im Orient. Aber stets ist auch da die Kraft des Bewußtseins, Kolonist zu sein, die Stärke des ein­

Wir fühlen uns heute sehr gern als das Zeit­alter der Großbetriebe, der Riesentrusts und der Mammutkonzerne. Und wir schauen alle wie hypno­tisiert auf die Entwicklung der Großwirtschaft. Die Entwicklung drängte ja auch zu einer Zeit nach der Fließarbeit und der riesenhaften Serienproduktion. Wenn nicht alles täuscht, scheint aber diese Ent­wicklung vorläufig abgeschlossen. Die wirtschaflliche Krise, deren Tiefpunkt wir jetzt überwunden zu haben hoffen, war wie eine Flut gestiegen und war zuerst über die kleinen und mittleren Betriebe hin­weggegangen. Sie hat dann aber auch vor den großen und größten Unternehmern dieser Erde nicht Halt gemacht. Nun, da die Wasser sinken, zeigt es sich vielfach, daß die Fundamente der kleinen und mittleren Betriebe fester und solider waren als die der großen, die in die Höhe und Breite, aber nicht in die Tiefe gebaut hatten. Jedenfalls zeigt es sich mehr und mehr, daß die Großwirtschaft nicht die Gesamtwirtschaft ist und gar nicht so sicher der Re­präsentant der Wirtschaft der Zukunft, wie man es vielfach geglaubt hat.

Diese Rückentwick.ung, die tagtäglich und in allen Branchen zu beobachten ist, sollte insbesondere dem kleinen Fabrikanten, dem schöpferischen Handwerker, dem still wirkenden Erfinder Mut und H o f f - n u n g geben! Denn immer noch haben die Kräfte, die zunächst Mittel- und Kleinindustrie und das Handwerk bedrohten, später in einer Art Parallel­wirkung auch wieder die Kleinwirtschaft gefördert! So gibt es auch heute noch zahlreiche mittlere und kleine Betriebe, die die größte Bedeutung für un- fere Wirtschaft haben, im Jnlandsmarkt wie im I durch die Welt angetreten