Nr. 207 Drittes Blatt
Samstag, 6. September 1952
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für (Dberl?efien)
Arbeitsbeschaffung beim Hausbesih.
Aus der Suche nach Arbeitsmöglichteiten, die ein wirtschaftliches Ergebnis von Dauer nach mehreren Richtungen hin versprechen, ist wiederholt der Dorschlag gemacht worden, die Erneuern n g de r Althauser in den Rahmen des Arbeit s- beschaffungsprogramms einzuspannen und zu diesem Zwecke umfangreiche öffentliche Mittel zu mobilisieren. Für diesen Vorschlag spncht die Er- wägung daß auf diesem Wege weiten Kreisen des Handwerks Arbeit erschlossen werden kann, ferner die Häuser und die Wohnungen allgemein wieder in einwandfreien Zustand kommen werden, die jetzt in Ermangelung von Arbeit und Verdienst steuer- lich leistungsunsähigen Veoötkerungskreise allmäh- lich wieder zu Steuerzahlern werden, dem Alt- Hausbesitz ein gewisses Aequioalent für die in der Wohnungs - Zwangswirtschaft jahrelang künstlich niedrig gehaltenen Mieten geboten wird und schließlich zwischen dem Hausbesitz und der Mieterschaft wieder Beziehungen entstehen werden, die frei sind von der gegenwärtig vielfach bestehenden starken Spannung aus dem Verhältnis zwischen Mietpreis- Höhe und Wohnungsbefchafsenheit. Obwohl diesem Vorschlag also starke positive Kraft innewohnt, hat man sich an den maßgebenden stellen im Reich und in den Ländern lange Zeit gesträubt, chn in die lat umzusetzen.
Erst durch die Notverordnung vom 14. Juni 1932 ist vom Reich eine gewisse Abschlagszahlung auf diese Forderung erfolgt. In dieser Notverordnung wurde der Reichsarbeitsminister zu einer Reichshilfe ermächtigt, um die Instandsetzung und Erhaltung des Wohnraumes zu fördern. Hiernach sind vom Reich a) Zinsverpflichtungen aus Darlehen, die für derartige, bis zum 1. April 19.13 begonnene Arbeiten ausgenommen werden, zu verbilligen (hierfür sind 5 Millionen im Reichshaushaltsplan zur Verfügung gestellt) und b) Bürgschaften insgesamt bis zu 100 Millionen Mark für Verpflichtungen aus derartigen Darlehen zu übernehmen, lieber die Einzelheiten dieser Regelung macht der Wirtschaftsprüfer und Bücher- remfor Hermann Will zu Gießen in feinen aufschlußreichen „Aktuellen Steuerfragen" (Rundschrei- den Nr. 17) folgende Angaben:
Diese Maßnahmen, die im Rahmen der Arbeits- beschafsungspläne liegen, sollen dem Hausbesitzer einen besonderen Anreiz zur Ausnahme von Reparaturdarlehen und damit zur Durchführung der Arbeiten geben.
I. Die ..Verbilligung der Zinsverpflichtungen" wird durch die Gewährung von „Zinszuschüssen" erreicht. Die näheren Bestimmungen über die Gewährung dieser Zinszuschüsse sind durch den Erlaß des Reichsarbeitsministers vom 20. 7.1932 be- lannlgegeben worden. Wie der Reichsarbeitsminister in seinem Begleitschreiben an die Wohnungsressorts der Länderregierungen mitteilt, sollen die Auswir- kungen dieser Maßnahmen im Interesse der Arbeitsbeschaffung m ä gl ich st wenig durch Auflagen und Bedingungen eingeengt und damit abgeschwächt werden, worauf auch die Länder in ihren Ausführungsbestimmungen besonderen Wert legen sollen. Auch sollen die Länder prüfen, inwieweit es sich empfiehlt, bei der Durchführung der Maßnahmen die örtlichen Verbände des Haus- besitzes zur Mitwirkung heranzuziehen. Durch die Ziv.szuschüfse des Reichs — bei ihrer Bewilligung sind diese ausdrücklich als „R e i ch s Zuschüsse" zü b-zeichnen — soll die Inangriffnahme zusätzlicher Arbeiten gefördert werden. Grundsätzlich werden daher solche Arbeiten nicht berücksichtigt, die fchon durch landesrechtliche Vorschriften über Zins- Zuschüsse und Steuerermäßigungen u. dgl. hinrei- ct-end gefördert sind. Hiernach darf also in der Regel lein Reichszuschuß neben den aus öffentlichen Mit
teln gegebenen Darlehen bewilligt werden. Die obersten Landesbehörden können aber zur Vermeidung von Unbilligkeiten und zur Schaffung besonderen Anreizes für die Inangriffnahme bestimmter Arbeiten darüber Bestimmungen treffen, ob und inwieweit neben den nach Landesrecht zu gewährenden Zinszuschüssen oder Steuernachlässen «in ReichsAuschuß zu gewähren ist.
II. Im einzelnen enthalten die Bestimmungen nachfolgende Richtlinien über die Bewilligung der Reichszuschüsie:
1. Die Zinszuschüsse können gewährt werden
a) für größere Jnstandsetzungsarbeiten von Altwohnungen (das sind Wohnungen und Wohngebäude, die vor dem 1.7.1918 bezugsfertig geworden sind), die nach dem 1. 7.1932 und vor dem 1. 4.1933 begonnen sind. Als größere Instandsetzungsarbeiten gelten: Erneuerung der Dachrinnen und Abflußrohre, Umdecken des Dachs, Abputz oder Anstrich des Hauses im Aeuheren, Neuanstrich des Treppenhauses, Erneuerung der Heizanlagen, Beseitigung von Hausschwamm und ähnliche außerordentliche, einen größeren Kostenaufwand erfordernde Instand- setzungsarbeiten.
Enthält ein Gebäude neben Wohnungen auch ge- werbliche Räume, so gilt es als Wohngebäude, wenn es überwiegend Wohnzwecken dient:
b) für die Teilung von Wohnungen, falls durch Teilung einer Wohnung 2 ober mehrere Wohnun- gen geschaffen werden. Jede Teilwohnung muß für sich abgeschlossen fein. Als abgeschlossen gilt eine Wohnung, wenn sie eigene Küche, die erforderlichen Nebenräume und, wo die Möglichkeit dazu gegeben ist, einen eigenen Zugang hat.
2. Zinszusckmsse kommen nur für Darlehen von 1000 Mark auswärts in D t acht. De Kosten der Darlehen (Zinstilgung. Disagio usw.) dürfen die marktüblichen Preise nicht übersteigen.
3. Das Darlehen muß ausschließlich für die unter 1. genannten Arbeiten verwendet sein. Der Nachweis über die Höhe der Darlehen, die aus- gewendeten Kosten und die Art der Arbeiten ist durch Vorlage der Darlehnspapiere und der Rech- tnungen — der Handwerker, des Dauunterneh- mers, des Architekten, der Baupolizei, der Der- sorgungsbetriebe (z. B. Gas-. Wasser-. Elektri- zitätswerk usw.) — zu erbringen. Es kann auch eine Bescheinigung der Handwerkskammer, der Industrie- und Handelskammer oder eines vereidigten Bausachverständigen verlangt werden. Richt berücksichtigt werden aus arbeitsmarktpolitischen Gründen Arbeiten. die in Schwarzarbeit ausgeführt sind. Cs dürfen daher nur Rechnungen von solchen Unternehmern anerkannt werden, deren Gewerbebetrieb polizeilich angemeldet ist, was im Zweifelsfalle nachgewiesen werden muß. Eine Rachprüfung der Preise für die Arbeiten kommt grundsätzlich nicht in Frage, es soll aber andererseits ein unberechtigter Preisauftrieb vermieden werden. Daher fordert der Erlaß, daß die Kosten der Arbeiten angemessen fein müsim.
4. De Z n z f 6 ttir au An rm des ru"d- stückseigentümers i,.lrch tte oberste Landesbehörde. oder eine von ihr zu bestimmende Stelle grundsätzlich erst nach Beendigung der Arbeiten ausgezahlt. Er wird einmalig gewährt und beträgt — unter Zugrundelegung einer durchschnittlichen Laufzeit der Darlehen von etwa 2’ '2 Iahren und einer Verbilligung um 4 Prozent jährlich — 10 Prozent des Darlehens. Wenn auch der Zinszuschuß regelmäßig erst nach Beendigung der Arbeiten gewährt werden soll •— der Grund dafür besteht darin, unnötige Verwaltungsarbeit zu ver- meiden —, so schließt dies doch nicht aus. daß der Reichszuschuß schon vor Inangriffnahme der Arbeiten auf Grund von Kostenanschlägen u. dgl. bedingt zugesagt wird. Den Landesregierungen steht es frei, diese bedingte Zusage durch Vorbescheid zu geben. ___________
WKZ MUK
Roman von Hertha Fricke
Urheberrechtsfchutz: Verlag Oskar Meister. Werdau 12 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Sie nickte dem alten Herrn zu. der in ziemlich ärgerlicher Stimmung zurückblieb, und lief leichtfüßig hinaus auf das Land, wo die Hafer- breiten wogten, und die Raine buntgeblümt standen, wie auf einem Sommerbild aus alten Zeiten. Ganz aJein stand sie dort, dehnte die jun- g.n Glieder. Drüben waren die Mägde von Groß-Dublitz bei der Heumahd. Es duftete tote reiche Sommerszeit, seidig wehte die Gerste mit ihrem feinen Haar. Klarblauer Himmel stand darüber mit tausend kleinen, weißen, geballten Wo.ken. Am liebsten hätte Coa-Marie. den Rechen gknommen und mitgearbeitet. Hinter dem Rog- genfe.'d lag das Heu schon fast trocken in hohen Haufen. Das junge Mädchen warf s.ch i/mein und verschränkte dte Hände über die Knie.
„Es ist jetzt hier wohl schöner als in Berlin!" dachte sie froh. „Aber du müßtest hier fein. Heinrich! Ohne dich ist es doch nirgends vollkommen auf der Welt!" Sie zog den Brief aus der weißen Mullblufe. den sie heute morgen bekommen hatte, und den sie nur ganz flüchtig hajte lesen können, weck so viele Augen sich am Frühstückstisch auf ihn gerichtet hatten. Unb er war doch lang und hatte so viele, liebe Worte, an denen fie sich freuen wollte.
„Liebes gnädiges Fräulein!
Kleiner Sonnenschein in Haus Andresens dü- ft-ren Wolken! Wie Eie mir fehlen! Wie ich m ch auf Sie freue! Denn ich darf mich auf Sie freuen, ich weiß, daß Sie zurückkehren werden, wenn Renate Sie ruft! Es ist nichts Besonderes, was ich heute zu melden habe. S e sahen es wohl schon aus allen meinen Berichten, daß es unserer Frau Renate noch einmal vergönnt ist, heimzukehren. Die Operation ist gegluckt, die Bestrahlungen haben das ihre getan. Renates kräftige Ratur hat uns Aerzte wieder überrascht. Sie befindet sich besser, als man erwarten konnte. Run will fie wieder in ihr Gartenzimmer mit den vielen Blumen. Sie meint, es riecht da besser als in der karbolgeschwängerten Luft der Klinik. Sie will ihr kleines Mädchen wiederhaben und chre liebe Freundin, Eva-Marie, die chr so hübsch die Zeit vertreibt, so nett zu erzählen und vorzulesen weiß und so schöne Lieder zu singen. Rach Schwester Elisabeth hat sie noch nicht gefragt, aber wir werden diese leider nicht entbehren können, ba die Schnittwunden
noch immer der Pflege bedürfen. Renate hat viel Lebensmut, fie redet davon, nach Rügen reifen zu dürfen! Mit Ihnen, Eva-Marie! Vielleicht nehme ich bann auch Urlaub unb komme mit! Es ist ja Ihre Heimat, Eva- Marie! Dann erzählen Sie uns vom Fürsten Iaromae, vom greifen Recken Otar, der auf Arkona steht unb bie Faust nach Dänemark ballt, von Elfen unb Rixen unb Geistern, die ba hausen. Dann werben Renate, Gerti unb ich lauschen wie bie Kinder! Ich höre gern die alten Buchen rauschen unb die Dornbüsche unb das gewaltige Meer. Wenn wir nur die graue Spinne Elisabeth nicht mitzunehmen brauchten! Ich würde mich gern nach einer anderen umtun, aber mein Bruder ist nun mal von ihrer Unüber treff lichkeit überzeugt. Hoffentlich will sie mich nicht wieder zum Chirurgen machen und später Oberin werden. Das fing sie jedenfalls gänzlich verkehrt an! Renate hat ein Zettelchen für Sie gekritzelt, im Liegen. Ich lege es bei. Wenn ich fie besuche, klingen Ihnen gewiß bie Ohren! Denn wir haben selten ein anderes Thema! Cs gibt wohl auch feind, das erfreulicher ist für beide T i le!
Neulich war ich in einem Tanzpalast, Eva- Marie! — Machen Sie böse Augen? — O nein, Sie lachen! ilnb Die haben recht! Lachen Sie den dummen Doktor aus! Kollegen hatten mich m'tgefchleppt und behauptet. es wären so hüb'che Mädchen dort. Geschmackssache! Man bars jedenfalls nicht den klugen Kopf eines gewissen Fräuleins von Diemen daneben denken, hier schöne, schwere Zöpfe, dort Iungensköpfe mit langweiligen Seitenscheiteln: die mit Locken, die an mittelalterliche Pagen erinnern, gehen noch am ersten. Aber auch sonst! Große Augen mit künstlichem Glanz, leeren Seelen ober gequälte. bie ums tägliche Brot tanzen und flirten oder um die minimale Kleidung. Schlank, nein, dünn, erbärmlich die Figürchen und Figuren. ohne weibliche Linie, weiblichen Scharm und weiblichen Reiz! Unterernährt unb demo- tailliert, ohne Würde und ohne Iugend! Es sieht aus, als ob sie nie jung waren, vom Kinde direkt zur Tanzdame übergingen, keine üebergänge, Uebersprünge. die Zeit eilt! So frische' prächtige Iugend, wie das Fräulein, das mich so glücklich machte, Sonntags mit mir spazierenzugehen, mit mir irgendwo im Grünewald oder Potsdam Kaffee zu trinken, bas mich mit klugen, munteren Augen ansieht tote ein zutraulicher Vogel, so, als ob das Leben, die Welt ihr noch ein ganz riesengroßer Spaß sei, die haben sie alle nicht! Man muh wenig Herz oder wenig Scharfblick haben, wenn man sich dieser armseligen Großstadtlebensfreude noch ergötzen soll. Armut brachte sie dahin, Armut des Herzens, des Geistes oder gar die bittere des täglichen Lebens! Man möchte ihnen wohl-
5. Diese Richtlinien sind einfach und klar gehalten. Es ist zu hoffen, daß auch die weiteren Durchführungsbestimmungen der Länder, zu deren Erlaß diese ermächtigt sind, die Voraussetzungen für die Gewährung der Zins- zuschüsse nicht erschweren und einen- gen, namentlich durch einen zu schwerfälligen und teuren Derwaltungsapparat, der die Behandlung der zu erwartenden Anträge unnötig verzögern würde.
III. Die durch die Notverordnung vom 14. Iuni 1932 gestatteten Uebernahmen von Reichsbürg. schäften sind nur für d i e Fälle in Aussicht genommen, in denen das erforderliche Kapital auf Wechselgrundlage beschafft worden ist. Da es praktisch unmöglich erscheint, daß das Reich in den einzelnen Fällen unmittelbar eine Bürgschaftserklärung abgibt, hat der Reichsarbeitsminister vorgesehen, besonders geeigneten Bankinstituten gegenüber die Bürgschaft zu übernehmen. Es ändert sich also an der rein geschäftsmäßigen Behandlung der Wechsel zunächst nichts. Vielmehr wird die Dürgschaftsübernahme voraussichtlich so vorgenommen werden, daß sie ver- tragsmäßig davon abhängig gemacht wird, daß die Bank, die die Bürgschaft erhält, den Wechfel- aussteller (den Handwerker) nicht in Anspruch nimmt, falls der Wechsel notleidend wird. Da- durch wird in den meisten Fällen den Handwerkern überhaupt erst die Ausstellung eines Wechsels ermöglicht, weil bei dieser Regelung der Hand- werter zwar nicht wechselrechtlich, aber doch von seiner Haftung aus dem Wechsel befreit wird.
Cs ist nach dieser Regelung zwecklos — woraus zwecks Vermeidung unnötiger Schreibereien und
Kosten besonders bingetoiefen fein mag —. daß sich die einzelnen Hausbesitzer mit der Bitte um Bürg- schaftsubemahme an Reichs- ober Landesbehör- den wenden. Vorläufig steht der Kreis der Bankinstitute. die die Reichsbürgschaft erhalten werden. noch nicht fest, ba die Verhandlungen de- Reichsarbeitsministers noch nicht abgeschlossen sind/'
Dieses Vorgehen der Reichsregierung ist zu begrüßen. wenn es auch nur einen Anfang darstellt unb bringenb der umfaffenben Erweiterung bedarf, um eine durchgreifende Hilfeauf dem Arbeitsmarkt und ein» nachhal - tiae Besserung der Gesamtwirtschaft herbeizuführen. Dringend zu wünschen ist nun. daß die weiteren Vorarbeiten des Reiches und der Länder mit größter Beschleunigung zum Abschluß gebracht werden, damit die Instandsetzung«- arbeiten an den Häusern so rasch wie möglich in Gang kommen können. Für die notwendige Ausdehnung der Aktion erscheint es aber auch erforderlich. daß durch eine Neuregelung in der Verteilung der Sondergebäude- steuer zwischen dein Land und den Gemeinden größere Mittel als bisher freigemacht werden Aur Erfüllung deS Zweckes, dem die Sondergebäudesteuer ihrer ursprünglichen Bestimmung gemäß eigentlich dienen soll: nämlich zur produktiven Nutzbarmachung auf dem Gebiete des Wohnungswesens, an Stelle der bisherigen Benutzung für reine Derwaltungs- zwecke. Eine derartige Neuregelung sollte in Hessen der Landtag als eine feiner wichtigsten Aufgaben möglichst bald herbeiführen.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
□ Lollar. 2. Sept. Für die am 11. September ftattfinbenbe Beigeordnetenwahl sind Zwei Wahlvorschläge eingereicht worden. Der eine Vorschlag lautet auf Gemeinderat Heinrich Rain, der andere auf den seitherigen Beigeordneten Georg Seipp. — Der Veteranen- und Kriegerverein Lollar hat für die ihm angeschlossene „H aff* a"° Jugend gruppe auf einem käuflich erworbenen Geländestück von 380 Quadratmeter ein Heim errichten lassen, dessen Rohbau jetzt fertig- gestellt ist. Der Bau, zu dem Architekt Wilhelm R i n g l e b (Lollar) den Entwurf lieferte und die Bauleitung innehatte, zeigt ein sehr schönes Aussehen. Die innere Einrichtung des einstöckigen Baues zerfällt in einen 40 Quadratmeter großen Versammlungsraum und einen sieden Quadratmeter großen Nebenraum. Beiden ist ein kleiner Vorraum vorgelagert. Die Innenarbeiten sind in diesen Tagen in Angriff genommen worden. Nach der Fertigstellung (etwa Mitte Oktober) soll das Heim mit einer kleinen Feier feiner Bestimmung übergeben werden.
00 Klein-Linden, 2. Sept. Schulverwalter Repp, der ein Jahr an der hiesigen Volksschule wirkte wurde vom Landesamt für das Bildungs- weien'von seiner Stelle abberufen. An seine Stelle wurde Lehrer Sauerwein, seither Lehrer an der deutschen Schule in Saloniki (Griechenland) berufen. . . ...
O Holzheim. 2. Sept. Der in den dreißiger Iahren stehende Händler Adam Reitz wird feit Montag. 15. August, vermißt. In den frühen Mittagsstunden verließ er sein Haus und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Alle Nachforschungen in der näheren und weiteren Umgebung blieben erfolglos. Man befürchtet nach früheren Andeutungen, daß er sich vielleicht in unserem Dergwerksweiher auf dem „Schindberg
ertränkt hat. Reih ist Vater von vier Kindern. — Einer unserer ältesten Mitbürger, Landwirt Konrad G r i c b X.. konnte in diesen Tagen seinen 8 3. Geburtstag begehen. An den täglichen Geschehnissen nimmt er noch regen Anteil.
Kreis Schotten.
• Ulrichstein, 2. Sept. Im benachbarten Ober-Seibertenrod waren Kinder auf der Hutweide beim Hüten des Weideviehes. Als zwei Kühe dabei waren, sich gegenseitig zu stoßen, kam ein zweijähriges Kind der einen Kuh zu nahe, es wurde umgeworfen und von ihr mit einem Huf auf den Hinterkopf getreten. Der sofort herbeigerufene Arzt stellte eine schwere Schädelverlehung fest, bei der das Gehirn des Kindes offenlag. so daß seine Verbringung in die Gießener Klinik notwendig wurde. Ob das bedauernswerte Kind mit dem Leben davon- kommt ist fraglich.
I Rudingshain. 2. Sept. Der Arbeiter Georg T h i h von hier, der bei einem hiesigen Dreschmafchinenbesiher in Wallernhausen bei Nidda beschäftigt war. kam mit der linken Hand in die Strohpresse und verlor dabei drei Finger. Der Arzt leistete dem Verunglückten erste Hilfe und verbrachte ihn in das Krankenhaus nach Schotten. Der Unfall ist um so bedauerlicher. als der Verunglückte bereits vor Iahren ein Auge verlor.
Kreis Alsfeld
ll. Atzenhain. 2. Sept. Für die demnächst hier stattfindende Dürgermei st erwähl sollen sieben Kandidaten aufgestellt werden. Da unser Ort ungefähr 350 Wahlberechtigte hat. kann man schon jetzt mit einem zweiten Wahlgang rechnen.
tun, weil sie so arm sind, aber man möchte sie nicht haben!
Und so etwas sehen wir jungen Manner der Großstadt alle Tage auf der Straße, in den Salons, wie in den Tanzdielen! Das Beste find noch die Deine, sagte neulich mein Kollege Werner, und er hat recht! Sie sehen ganz hübsch aus in den feinen, seidenen Strümpfen und silberglänzenden Schuhen, und fie enttäuschen nicht, denn sie wollen nichts anderes fein als schön in Form. Wenn Sie nicht ein so prächtiges, kluges Mädel wären, Cva-Warie, ich dürste ja gar nicht wagen, so freimütig über alles zu reden! Aber Sie find menschlich genug, ein Mitleid zu fühlen mit diesen armen kleinen Puppen, die eine kurze Spanne vergnügt umhergaukeln wie lose Schmetterlinge und dann plötzlich vor einem großen, leeren Leben stehen. Und Sie find klug genug, aus allem, was ich Ihnen schreibe, das zu lesen, was mein Herz jubelt, ohne es Ihnen zu sagen. Gott sei Dank, daß es noch Mädchen gibt von einer so echten gesunden Weiblichkeit wie Eva-Marie!
Wenn ich an Sie denke, Mädchen, so ist mir. als ginge ich in einem weiten, blühenden Garten und kenne die Blumen und Dogeilieder noch nicht, die mich erfreuen werden. Ist es Morgen, so sehe ich Sie im Geist auf frisch- grünen Wiesen schreiten, Blumen in den Händen, ein Lächeln im lieben Gesicht. Ist es Abend, so denke ich Sie mir im fonnendurchleuchteten Wald, und der Abendschein liegt auf Ihrem lieben, klugen Antlitz, wie auf den Landschaften von Hellgrewe!
Und nun kommen Sie bald wieder! Plaudern wieder fröhlich mit dem langweiligen Doktor, der die Tage über nur Kranke um sich sieht und sich so recht Ihrer gesunden Frische erfreut, — reden gütig und verständig mit der armen Renate und ihrem Kinde, und so entzückend hochnäsig mit der gestrengen Schwester Elisabeth, wenn sie sich aufs hohe Pferd setzen will und vorwurfsvoll .Frolein!' ruft. —
Wann darf ich Sie abholen? Sie schreiben mir doch, mit welchem Zug Sie kommen! Ich bin ganz bestimmt auf dem Bahnhof und trage mit Wonne Ihren Koffer durch ganz Berlin! Oder soll ich Elisabeth zur Bahn schicken? Oh, ich weiß ja, Sie sehen mich viel, viel lieber!
Ihrer Mama meine gehorsamste Empfehlung. ich verehre sie. weil Sie sie lieb haben! Ihnen selbst tausend Grüße Ihr
Heinrich Andresen.
Eva-Marie sah verträumt in die ziehenden Sommerwolken hinauf. Oh. was würden die Verwandten sagen, wenn sie ihnen mitteilte, daß fie sich mit Dr. Heinrich Andresen verlobte, einfach Andresen! Die Mama würde zweifellos die Vernünftigste fein und ihr viel, viel Gutes wünschen!
Würde ihn auch gern haben, sobald fie ihn näher kennen lernte,
Eva-Marie war zumute, wie vor einem großen Fest. Wenn sich zwei Menschen so aufeinander freuen!
Der Tag verglomm hinter dem Föhrenwald, und der Tag der Abreise kam.
„Leb wohl, Mamachen! Hab Dank! Cs ist immer so lieb und traulich bei dir! Am schönsten war es ja. wenn ich mit dir allein war! Richt wahr? Du weinst doch nicht etwa? Es geht mir doch gut in Derlin! Ist es nicht am besten, ich finde mich zurecht in der Welt?"
„Gewiß, mein Evchen! Wenn ich dich an- sehe und sehe dich so fröhlich, trotz deines Dienstes am Krankenbett!"
„Wenn niemand schwereren Dienst hätte, Mama! Ich tagte dir ja, Frau Renate ist so gut! Und die Kleine ist niedlich! Aber wer weiß, wie lange ich diese angenehme Stellung haben werde! Soviel ich weiß, bedeutet auch die geglückte Operation nach menschlichem Ermessen nur einen Ausschub. Aber ich hosse immer, daß auch berühmte Aerzte sich irren können!"
„Oh, gewiß! Aber im ganzen kann man sich wohl auf ihre Meinung verlassen! Schreib bald, Eva-Marie, grüße deine liebe Freundin und denke, daß mich alles interessiert, was du erlebst! Im Herbst komme ich mal nach Berlin. Tante Hermine in Potsdam hat Geburtstag."
Der Zug brauste heran. Roch lange flatterte Cva-Maries Tuch. Dann fuhr Exzellenz mit feuchten Augen zum Gut zurück.
9.
Der Zug fuhr über die flache Mark, vorbei an kleinen Seen, an Kiefern und Heide, hin nach Berlin. Die Leute, die mit Eva-Marie den Wagen teilten, klagten, daß ihre Ferien zu Ende feien, daß sie nun wieder hinein mühten in d'e Arbeit, Staub und Hetze, daß nun wieder die schönste Zeit des Iahres vorüber wäre, und daß zwölf lange Monate fie von der Schönheit der Berge und des Waldes trennten.
Eva-Marie lächelte versonnen. Wie hatte sie es doch gut! Ihr war das Zurückkehren in den Alltag keine Ueberwindung. Sie fand auch bei dieser Heimkehr liebe Menschen, jemand, auf ben sie sich ganz unsäglich freute! Wie würde Renate aussehen? Würde sie ein wenig fröhlicher fein? Ob etwas aus der Reise nach Rügen würde? Lauter freundliche Gedanken hatte sie. Keinen, der ihr Herz beschwerte. Cs fei denn die Sorge um Frau Renate! Aber, wenn man jemand nie anders gekannt hat als unheilbar krank, barm hat man sich gewissermaßen vertraut damit gemacht und freut sich, wenn man ihm Sonne und Blumen bringen kann, kleine Freuden, Unterhaltung.
(Fortsetzung folgt),


