Frankreichs Bedingungen für Rnsinngsmindemng.
Amerika und England sollen Sicherheitsgarantie leisten.
London. 3. Mai. (D3I23. Aunkfpruch.) Zu den Genfer Abrüstungserörierungen schreibt der diplo- niatische Korrespondent des „Daily Telegraph", T a r d i e u habe klar zu verstehen gegeben, daß Frankreich zu einer Verminderung seiner Rü st ung en bereit sein würde, wenn die amerikanische und die britische Regierung gewisse Sicherhcitsgarontien gäben. Diese Bedingungen, die für beide Regierungen unannehmbar seien, lauten dem Korrespondenten zufolge:
l. Amerika verpflichtet sich, mit einem vom Völkerbund als Angreifer bezeichneten Staat keinen handel zu treiben, mit anderen Dorten, eine auf Befehl des Völkerbundes unternommene Blockade zu respektieren.
2. Großbritannien verpflichtet sich, dem Völkerbünde seine Flotte für eine solche Blockade zur Verfügung zu stellen.
Der Reichskanzler über Gens.
Beginn der Beratungen im Reichskabinett.
Berlin, 2. Mai. (END.) Wie wir erfahren, hat das Reichskabinett heute nachmittag die Kabinettsberatungen begonnen, in denen im Verlaufe dieser Woche zunächst die Etatsfragen und dann die neue Notverordnung behandelt werden sollen. Heute ging den Ctats- besprechungen die Berichterstattung des Kanzlers über seine Genfer Besprechungen vorauf. Der Bericht erstreckte sich eingehend auf alle Fragen, die in den Genfer Besprechungen mit den ausländischen Staatsmännern behandelt worden sind, vor allem also auf die Abrü- stungskonferenz, die Neparations- frage und das Donau Problem. Danach hat Dr. Brüning in Genf keinen Zweifel an der Bestimmtheit und Klarheit des Standpunktes gelassen, den Deutschland in diesen Fragen einnimmt.
Das gilt in erster Linie für das absolute Bestehen auf Gleichberechtigung in der Abrüstung und gilt weiter vor allem auch für das Festhalten an der Linie der deutschen Reparakions- politik.
Die Darlegungen Dr. Brünings wurden im einzelnen noch ergänzt durch Staatssekretär Dr. Bülow und Ministerialdirektor Graf Schwerin von Krosigk, der bekanntlich der erste deutsche Sachverständige für die wirtschaftliche und finanzielle Seite des Donauproblems ist.
Ltm die Militärlustfahrt.
Genf, 2. Mai. (WTB.) 3m Luftfahrt- ausschuh der Abrüstungskonferenz hatte die deutsche Delegation kürzlich beantragt, die gesamte Militärluftfahrt in die qualitative Abrüstung einzubeziehen. Dah der deutsche Antrag als radikalster und weitgehendster auf Widerstand stoßen würde, war vorauszusehen. Man hat insbesondere eingewendet, daß es schwer sei, genaue Begriffsbestimmungen für die Militärluftfahrt zu finden. Darauf hat jetzt die deutsche Delegation in einem präzis formulierten Zusahantrag verschiedene Grundsätze ausgestellt, die genaue Charakteristiken für Militärflugzeuge enthalten, zu denen u. a. auch solche zu zählen seien, die Bestandteile der Ausrüstung einer Wehrmacht seien, oder von ihr requiriert würden. Durch diese Begriffsbestimmung wird dem Einwand, daß auch die Zivilluftfahrt in die Ab- rüstungsmahnahmen einbezogen -werden müsse, mit der Forderung begegnet, dah die Requirierung von Zivilflugzeugen verboten sein soll.
„Sehr langsame Fortschrittes
London, 2. Mai. (WTB.) Sir John Simon ist heute nach London zurückgekehrt. Er erklärte bei seiner Ankunft, dah die Abrüstungskonferenz sich bis Pfingsten mit kleineren technischen Fragen beschäftigen werde. Danach werden sehr wichtige Erörterungen über allgemeine Fragen wieder ausgenommen werden. Die Konferenz mache sehr langsame Fortschritte, aber es seien trotzdem Fortschritte.
Wahlen vorbei. — Wieder gesund.
Paris, 2. Mai. (XU.) Wie aus politischen Kreisen verlautet, ist der Gesundheitszustand Tardieus vollkommen zufrieden st eilend. Er werde seine amtliche Tätigkeit vermutlich am Dienstag wieder ausnehmen.
Macdonalds Krankheit.
Besprechung des Premiers mit Baldwin.
London, 2. Mai. (WTB.) Reuter... Ministerpräsident M a c d o n a l d hat sich heute morgen einer eingehenden ärztlichen Untersuchung unterzogen, deren Ergebnis, wie betont wird, sehr zufriedenstellend gewesen ist, wenigstens was den allgemeinen Gesundheitszustand anlangt. Sein Augenleiden jedoch wird die Heranziehung eines weiteren Spezialisten erforderlich machen, da man sich darüber schlüssig werden will, ob nicht doch notwendig ist, daß der Ministerpräsident sich noch größere Schonung auferlegt. Die ihm verordnete tägliche Ruhepause im Ausmaß von drei Stunden, die er in Genf strikt einhielt, hat außerordentlich gut gewirkt. Man hält es für wahrscheinlich, daß die Aerzte auf einer weiteren Einschränkung seinerTätigkeit bestehen werden. Diel bemerkt wurde, daß Macdonald heute vormittag eine längere Unterredung mit Baldwin hatte, und die politischen Kreise erörtern bereits die Frage, ob nicht eine Ueberraschung bevorsteht. Mussolini gegen den Irrsinn
-es Zollkrieges.
Rom, 2. Mai. (WTB.) In einer Rede, die Mussolini auf der Jahrhundertfeier der Assi- curacioni Generali hielt, wandte er sich gegen die immer größer werdenden Erschwerungen des internationalen Handels. frage mich", erklärte Mussolini, „ob wir uns nicht auf dem Wege eines mehr oder weniger ernsthaften Irrsinns befinden, da alle Staaten Zollschranken aufrichten und der Weltwirtschaft das Blut entziehen."
CRunrimon fordert Schluß mit den Tributen.
London, 2. Mai. (WTB.) Der Präsident des Handelsamtes Runciman forderte heute in einer Rede auf dem Zahresbankctt der Londoner Handelskammer nachdrücklichst, die Nationen sollten sofort „di e schlechtePolitik der letzten zwölf Jahre" verlassen und „eine vollständige Beendigung aller Kriegsschuldenzahlungen und Reparationszahlungen" herbeiführen.
Der Waffenstillstan- in Schanghai.
Schanghai, 2. Mai. (WTB.) Die Festsetzung des genauen Textes des chinesisch-japanischen Waffen st ill st andsvertrages wird, wie Reuter erfährt, nun doch schon morgen statt- finden. Der japanische Gesandte S ch i g c in i t s u und General Uyeda werden am Donnerstag die feierliche Unterzeichnung des Vertrages im Bett vollziehen, wenn es ihr Gesundheitszustand'irgend gestattet.
schcngcdcnkcn eine Politik der sog. mittleren Linie geführt, die aber in allen Belangen der Außenpolitik radikal nationalistisch war. Das ist das einzige, was uns an dSkki französischen Wahlergebnis interessieren kann.
Es ist ja schließlich keine Ueberraschung. daß die Franzosen augenblicklich keine umstürzlerischen Aenderungen in ihrer Führung wünschen. Sie sind dabei bisher recht gut gefahren. Die Welt- krisis ist an Frankreich vorübergegangen. Kommt !>nan auch jetzt langsam in ihren Bereich, so leidet doch der durchschnittliche Franzose sehr viel weniger, als die anderen Völker. Natürlich liegt das zum Teil daran, daß Frankreich ein Bauernland geblieben ist, auf der anderen Seite läßt cs sich aber nur dadurch erklären, daß die politische Leitung der Franzosen sehr geschickt -und umsichtig operiert hat. Die unerfreuliche Folgerung, die sich weiterhin daraus ergibt, ist die, dah sich das französische Volk erwartungsgemäß in den letzten Wahlen zur Politik der Sicherheit bekannt hat. Unter Sicherheit versteht man im allerweitesten Sinne Erhaltung des Status q u o: innenpolitisch und außenpolitisch. Wie man unter Frieden den Versailler Frieden versteht, unter S i - cherheit Militärhegemonie, unter Wohlstand T r i b u t h e r r s ch a f t, so sieht eben der status quo für deutsche Augen höchst unerfreulich aus. Auf eine Aenderung ist da nicht zu hoffen. Die einzige Aendcrung, die sich denken ließe, beruht auf wachsender Einsicht der maßgebenden Stellen.
Da wäre es natürlich denkbar, daß sich die Klugheit und Umsicht der französischen Staatsmänner auch in diesem Sinne bewährte. Gerade das verhältnismäßig unklare Ergebnis des Wahlsonntags bestätigt die bisherige Politik, bedeutet aber keinerlei Anreiz zu ihrer Aenderung. Jede Aenderung würde eine Verschiebung der Mehrheiten Hervorrufen, und schließlich würde das politische Gleichgewicht wieder an dem Punkte gefunden werden, wo es jetzt eingetreten ist. Frankreich bleibt also der unveränderliche Faktor der europäischen Politik, wie bisher. Nur ernste Erschütterungen könnten die Franzosen aus ihrer Ruhe aufschrecken. Diese sind aber vorläufig nicht sichtbar. Die einzige Ausnahme bildet die W e l t - Wirtschaftskrisis. Sie zwingt früher oder später zu schwerwiegenden Entscheidungen. Auch Frankreich wird sich ihr auf die Dauer nicht entziehen können. Aber mit diesen Wahlen hat das sranzösische Volk gezeigt, daß es mit dem, was man Weltpolitik nennt, nichts zu tun haben will. Das sranzösische Interesse bleibt nach wie vor selbst- süchtig. Es kennt nur sich. Cs ist gut, dah wir das wissen.
Das amtliche französische Wahlergebnis.
Paris, 2. Mai. (WTB.) Aus einer vom Innenministerium herausgegebenen Statistik, die sämtliche in Frankreich und Algerien zu vergebenden 605 Mandate umfaßt, geht hervor, daß in 2 4 8 Fälllen d i e Entscheidung im ersten Wahl- gang gefallen ist, während in 357 Fällen Stichwahl stattfindet. Die im ersten Wahlgang gewählten Abgeordneten verteilen sich auf die einzelnen Parteien wie folgt: Rechtsstehende 3, Marin-Partei 44, Unabhängige Republikaner, d. h. die bei keiner Fraktion Eingeschriebenen, 13, Katholische Demokraten 10, Linksrcpublikaner 37, rechtsstehende Radikale 25, rechtsstehende Sozialisten 4, Sozialrepublikaner 5, Sozialisten 40, kommunistische Sozialisten 3, Kommunisten 1.
Herriot erklärt...
Paris. 2. Mai. (WTB.) Edouard Herriot. der Führer der Radikalen < Partei, hat einem Pressevertreter eine Erklärung abgegeben, in der es heißt: Ich habe mit einem Siege gerechnet und tatsächlich ist ein ausgesproche- ner^Ruck nach links zu verzeichnen. Ich reise morgen abend nach Paris. Es kommt nicht allein auf meine Partei an. Auf jeden Fall lege ich Wert auf die Feststellung, daß T a r d i e u
Anekdoten
von der Großen Katharina.
Von Emil Heyse.
Zwischen Katharina der Großen (1762- 96) und ihren Dienstboten bestand ein eigenartiges patriarchalisches Verhältnis. Die leutselige Kaiserin war liebenswürdig zu jedem Angestellten. Stets kleidete sie ihre Wünsche in die höflichste Form: sei bitte so gut, ich wäre dir dankbar, würdest du so freundlich sein usw.
Sie verniied es nach Möglichkeit, das Personal zu Dienstleistungen für ihre Person heranzuziehen, gönnte ihm Ruhe. „Lebe und lasse die anderen auch leben", meinte sie. Eine ihrer Zofen, Katharina Iwanowa Alexewna war besonders saumselig und unordentlich. Und eines Tages wurde die Kaiserin ernstlich böse. Nachdem auf dreimaliges Klingeln niemand erschienen war, meinte lie zu den Anwesenden: „Das ist wirklich zu arg. Heute werde ich es ihr gründlich sagen!"
Endlich kam die nachlässige Zofe und Katharina drückte ihren Zorn in folgenden Worten aus: „Sag mir bitte, Katharina Iwanowna, glaubst du, daß du ewig hier im Schlosse bei mir sein wirst? Du wirst doch wahrscheinlich einmal heiraten, dann wirst du unter deiner Unpünktlichkeit bitter zu leiden haben. Dein Mann wird sich das nicht gefallen lassen! Du solltest doch wirklich selber ein bißchen an deine Zukunst denken!" —
In Katharinas Hofhaltung wurde die Dienerschaft dick und fett und stahl und raubte, was und wo sie konnte. Katharina betrachtete das mit dem Auge einer sehr nachsichtigen Hausfrau.
Sie lachte nur gutmütig, als sie erfuhr, daß bie Silber diener eine neue Puhmethodc „erfunden" hätte, dank der sie das abgeschabte Silber säckchenweise wegtrugen.
Dem erkrankten Großfürst-Enkel Alexander muhte einst ein Löffel Rum verabreicht werden. Don diesem Tage an wurde in den Hofhaltungsbüchern unter den täglichen Ausgaben eine Flasche Rum geführt. Sic wurde nach Katharinas Tod unter der Regierung Pauls I. geführt, auch unter Alexander I. und Nikolaus I. Erst im Jahre 1845 siel der Kaiserin Alexandra Feodorowna zufällig dieser Posten aus imb sic erkundigte sich nach seiner Bedeutung. Beim Rückblöttcrn wurde 1784 als Ursprungsjahr der Flasche sestgestellt. worauf sic vom Tagesbudget verschwand.
durch seine Rede von 'Belfort die Brücke zwischen sich und uns abgebrochen hat.
„Paris S o i r" veröffentlicht eine weitere Aeußerung Herriots über den bisherigen Ausfall der Kammerwahlen und seine Folgen. Herriot erklärte, daß er Dienstagnachmittag an den Beratungen des Exekutivausschusses der Radikalen Partei teilnehmen werde' dabei werde über die einzunehmende Haltung Beschluß gefaßt werden. Es sei nahezu sicher, daß die Kam- mer von 1932 mehr radikale und sozialistische Abgeordnete haben werde, als die Kammer, während deren Legislaturperiode das Kartell der Linken die Regierungsmacht ausübte. Auf die Frage, ob die Radikale Par- t e i eventuell die Regierung übernehmen werde, könne er jetzt nicht antworten. Er glaube jedenfalls, daß das Problem der Beteiligung der Sozialisten mit größerer Schärfe denn je aufgerollt werde.
Oie Ansicht in parlamentarischen Kreisen.
Paris, 2. Mai. (TU.) In parlamentarischen Linkskreisen mißt man der im ersten Wahlgang hervorgetretenen Tendenz eine weit größere Bedeutung zu, als man sie in Rechtskreisen wahrhaben will. Man geht sogar so weit, von einer Erschütterung desKabinettsTar- dieu zu sprechen und den Radikalsozialisten.in der zukünftigen Karniner 140, den Sozialisten etwa 120 Mandate zu prophezeien. Aus dieser mit Vorsicht aufzunehmenden Berechnung zieht man den Schluß, daß die Wiederbelebung des Linkskartells nicht ausgeschlossen sei. Allerdings muß hinzugefügt werden, daß sich Herriot als Führer der Radikalsozialisten im Wahlkampf gegen eine Regierungsbildung mit den Sozialisten ausgesprochen hat. Die Rechtskreise glauben nicht an die Möglichkeit einer derartigen Entwicklung und sagen die republikanische Konzentration mit den Radikalsozialisten voraus.
Oie pariser presse zur Wahl.
Paris, 3. Mai. (WTB. Funkspruch.) Zum Ergebnis der Wahlen am vergangenen Sonntag schreibt „l' Ordr e", Sozialisten und Kommuni- st e n hätten, ebenso wie die Radikalen, einen großen, beunruhigenden Erfolg davongetragen. Wenn am kommenden Sonntag ihre Stimmen sich zusammentun würden, dann würde die revolutionäre Gruppe die stärkste in der Kammer sein.
„Petit P a r i s i e n" zieht die Folgerung, daß die französischen Wähler sich für eine Konzentration der republikanischen Parteien mit deren Führung nach links ausgesprochen hätten.
„La R e p u b l i q u e" schreibt, die Radikale Partei werde morgen den Konzentrationsmittelpunkt der republikanischen Kräfte bilden.
„I o u r n 6 e Industrielle" meint, man hätte einigen Grund, sich über diesen Ruck der Volksmassen nach links zu wundern. Man habe einfach das Experiment des Kartells der Linken von 1924 bis 1926 und den damals angerichteten Schaden vergessen, vergessen die Opfer, die notwendig gewesen seien, um die Finanzen wieder herzustellen und die Währung in Ordnung zu bringen, vergessen das Beispiel der englischen Arbeiterpartei, vergessen die Drohung, die für den Frieden Europas die Fortschritte der Hitler-Bewegung darstellen, vergessen die Lehre, die Frankreich vor einigen Tagen in Genf dadurch gegeben worden fei, daß sich eine Koalition der englischen, deutschen, italienischen und amerikanischen Interessen in der Slbrüftungsfrage bildete.
Das führende Finanzblatt „Agence Economique et Financisre" erklärt, daß die im ersten Wahlgang hervorgetretene Orientierung nach links nicht nur den Wunsch des Volkes nach innerpolitischem Ausgleich, sondern auch nach internationalem Ausgleich deutlich erkennen lasse. In Zukunft werde man im Auslande nicht mehr sagen können, daß die französische Regierungsmehrheit ihren Schwerpunkt auf der Rechten besitze. In wirtschaftlichen Kreise wünsche man die Bildung einer großen republikanischen Regierungsmehrheit.
Im Lause von 61 Jahren wurden dem kaiserlichen Haushalt also 22 265 Flaschen Rum aufgerechnet. die in Wirklichkeit nur einen Löffel Rum aus dem Jahre 1784 darstellten.
Ein Original unter Katharinas Angestellten war ihr Leibkammerdiener, der alte Popow. Ein ehrlicher, zuverlässiger Mensch, aber ein widerborstiges Rauhbein. Katharina ließ ihm die unwahrscheinlichsten Grobheiten durchgehen.
Die Kaiserin plauderte mit dem Grasen Orlow, erinnert sich einer eigentümlich gefaßten Ahr. Will sie dem Grafen zeigen und befiehlt Popow, die Ahr herzubringen.
„Diese Ahr gehört Ihrer Schwiegertochter", belehrt sie Popow. „Sie selbst haben gar keine solche."
„Ansinn", ruft Katharina, „natürlich besitze ich so eine Ahr. Bring mir alle meine Schmuckkasten her, ich werde sie selber suchen, wenn du's nicht willst."
Steinern entgegnet Popow: „Wozu soll ich sie herschleppen, wenn doch keine solche Ahr drin ist?"
Graf Orlow empört sich über die dreiste Antwort, fährt Popow derb cm.
„Ra, na nur ruhig", brummt Popow. „Roch ist die Wahrheit nicht verboten. Sie selbst liebt sie ja." Er zeigt mit dem Daumen auf die Kaiserin. „Aber soll sie doch ihren Willen haben", begehrt er wütend auf. Run werden sämtliche Kasten hereingebracht, unter persönlicher Beteiligung Katharinas genau durchsucht, — die Ahr ist nicht unter den Schmuckgegenständen.
Der grimmige Popow tritt vor die Kaiserin. „Ra?" fragt er vorwurfsvoll, „wer hat nun Anrecht?"
,.Ich". sagte sofort Katharina, „verzeih mir und sei nicht bös. Aber du brauchst nicht immer gleich so grob gegen mich zu fein.“
Katharina sucht in ihrem Schreibtisch nach wichtigen Dokumenten. Zieht die Schubladen auf, wühlt, kramt. — umsonst. Vergebliches Suchen macht gereizt. „Sicher hast du sie irgendwo verschmissen", fährt sie ihren getreuen Popow an.
„Sicher haben Sie sie selbst irgendwohin verschmissen", bellt der zurück.
Der ohnehin ärgerlichen Katharina platzt die Geduld. „Mach, daß du hinauskommst!" herrscht sie Popow an.
Mit hochgezogenen Schultern stelzt Popow beleidigt hinaus.
Gleich daraus findet die Kaiserin die Papiere. Ihre gewohnte gute Laune kehrt zurück. Sie
schickt um Popow. Der kommt aber nicht. „Ich gehe nicht mehr zu ihr, sie hat mich ja weg- gejagt." —
And erst nachdem Katharina ihn dreimal hatte bitten lassen, geruhte der grimmige Kammer-« diener, seinen Dienst bet der Kaiserin wieder aufzunehmen.
Rach dem Tode Popows, den die Kaiserin aufrichtig bedauerte, schlängelte sich Fürst Barya- tinski an Katharina heran und empfahl ihr wärmstens einen Kammerdiener. Die Kaiserin lehnte entschieden ab.
„Ich kenne das", sagte sie nachher. „Diese Herrschaften suchen für mich immer Diener aus, die ihnen nützen. Ich brauche einen Kammerdiener, der mir dient, nicht ihnen."
Gcnrz früh am Morgen ertönt ein angstvolles, wildes Gegacker im Schloßgarten, gerade vör dem Fenster des Zimmers, in dem die eben aufgestandene Kaiserin sich aufhält. Der Blick aus dem Fenster trifft auf ein uraltes Weiblein, das sich bemüht, eine Henne zu fangen.
„Was soll das", ruft die Kaiserin ärgerlich, „macht dem Anfug ein Ende und erkundigt Euch, was die Alte mit dem Huhn da treibt"
Der Rapport ist befremdlich: „Das Huhn gehört nicht der alten Frau, deren Enkel in Eurer Majestät Küche dient. Es ist ein kaiserliches Huhn. Die Alte wollte es stehlen — halten zu Gnaden, Majestät."
„Also dann", lacht Katharina, „sag der Alten, sie soll sich täglich, so lange sie lebt, ein Huhn hier in der Küche holen. — Ist diese Resolutio nicht weise? — 1. wird die Alte vom Stehlen abgehalten. 2. braucht sie sich nicht mehr mit der Jagd zu quälen, 3. hat sie immer was zu essen. Sie soll gar kein lebendes, sondern ein geschlachtetes Huhn bekommen, denn dann werden wir 4. nicht mehr durch das Gegacker erschreckt.
Während eines Sommeraufenthalts in Zarskoje Selo promeniert Katharina im Schloßgartcn. Verwundert sieht sie in einer der künstlichen Felsengrotten einen Gärtnerburschen, der sich's darin bequem gemacht und ein recht reichhaltiges Mahl vor sich stehen hat: Suppe, einen großen Fisch, Huhn mit Gemüsen, Torte.
„Du hast ein gutes Mittagessen", redet ihn die Kaiserin an, „woher bekommst du das?"
„Mein Onkel ist Koch bei Ihnen", antwortet der Junge, „der schickt mir das "
„Kriegst du jeden Tag so viel?" erkundigte sich Katharina.
„Freilich", sagt der Junge, „aber nur so lange Sie hier sind und für Sic gekocht wird."
„Da freust du dich wohl immer, wenn ich her- komine", meint die Kaiserin.
„Ra natürlich — und wie!" grinst der Junge.
„Iß, iß und laß dich nicht stören", sagte die Kaiserin und entfernt sich. —
„Da ist also doch einer, der sich aufrichtig freut, wenn er mich sieht", mefnt Katharina nachdenklich und sieht ihre Begleiter der Reihe nach an.
Im Gegensatz zur Kaiserin Elisabeth war Katharina II. völlig unmusikalisch. Für alle übrigen Künste interessierte sie sich aufs Lebhafteste, die Musik ließ sie völlig kalt. „Ich verstehe gar nichts von Musik", seufzte sie, „und empfinde nicht das Geringste dabei — so wenig wie bei Lärm auf der Straße."
Trotzdem lud sie Komponisten und Musiker ein, unterstützte sie freigebig und besuchte häufig Konzerte, die ihr nur eine Qual bedeuteten.
Vor Beginn eines Haydn-Quartetts winkt sie den Kammerherrn Zubor zu sich heran: „Wenn ein Solo gespielt oder gesungen wird, weiß ich, ich habe zu applaudieren, wenn es aus ist: bei diesen Quartettsähen bin ich unsicher und fürchte immer, zu früh oder zu spät zu applaudieren. Guck mich also scharf an. wenn es so weit ist, daß ich meinen Beifall äußern muß."
Lochschulnachrichten.
Der durch die Emeritierung von Professor Dr. R. Wachsmuth an der Aniversität Frankfurt a. M. freigewordene Lehrstuhl der Experimental-Physik ist dem Professor Dr. Karl Wilhelm Meißner in Frankfurt angeboten worden.
Professor Dr. Karl Strupp in Frankfurt a. M. hat den an ihn ergangenen Ruf auf einen Lehrstuhl für öffentliches Recht, insbesondere Völkerrecht, an der Aniversität Frankfurt als persönlicher Ordinarius angenommen.
Der außerordentliche Professor "Dr. E. W ö h - lisch von der .Universität Heidelberg ist zum etatmäßigen ordentlichen Professor für Physiologie an der Universität Würzburg ernannt worden.
Der durch die Emeritierung von Professor Dr. A. S ch l o ß m a n n an der Medizinischen Akademie in Düsseldorf erledigte Lehrstuhl der Kinderheilkunde ist dem außerordentlichen Professor Albert Eckstein in Düsseldorf angeboten worden.


