nung des Echos, nämlich wenn sich die Schallquelle mindestens acht Meter von einer stark reflektierenden Fläche, z. D. einer Felswand, befindet. Alle diese Eigenschaften des akustischen Raumes muh der Tonmeister berücksichtigen, um uns, da wir ja den Raum meistens gleichzeitig auch sehen, eine wahre Vorstellung zu vermitteln. Er muh die akustische Atmosphäre mit der optischen in Einklang bringen. Das erreicht er durch geschickte Anordnung von schalldämpfendem oder Rachhall erzeugendem Material in den vom Architekten errichteten Dekorationen. Die schwierigste Aufgabe ist es, einen tonlich echten Effekt zu erzielen, ohne die Verständlichkeit der Sprache zu vermindern.
Dah die im deutschen Film tätigen Tonmeister es verstehen, sich ihrer schwierigen Aufgaben geschickt zu entledigen, ist allgemein anerkannt. Lieberhaupt hat die deutsche Technik im Falle des Tonfilms erneut ihren Weltruf bestätigen können, und an den großen künstlerischen und geschäftlichen Erfolgen, die der deutsche Tonfilm jetzt auch im Ausland feiert, hat sie einen bestimmten Anteil.
Frankreich und die Frage der Reparationen.
Don
Vorbemerkung der Redaktion: Linser Pariser V - Mitarbeiter, von dem wir im Jahre 1930 einige Aufsätze veröffentlichten, ohne uns selbst völlig mit dem Inhalt seiner Darlegungen zu identifizieren, sendet uns angesichts der auherordentlichen Hochspannung, welche erneut in den Bezic- hungen zwischen Frankreich und Deutschland eingetreten ist, drei Artikel, mit deren Veröffentlichung wir heute beginnen. Wir haben diesmal kaum eine Einschränkung zu machen, auch wenn der Ton der Darlegungen wesentlich kühler und reservierter ist als derjenige der meisten deutschen Kommentare zur Lage. Aus »jeder Zeile der folgenden Ausführungen wird ersichtlich, wie gut informiert der Verfasser ist und wie ehrlich er sich bemüht, der gesamten Situation gerecht zu werden. In einem Augenblick, wo das deutsche Empfinden in eine starke Wallung geraten ist, mag es doppelt notwendig und wichtig erscheinen, der Stimme der kühlen vorurteilsfreien Vernunft zu lauschen.
I.
Französische (Stimmungen.
Das dritte Wort, das man heute in ganz Frankreich, nicht nur in Paris, hört, ist: „I a c r i s e“ — die Krisis. Es wird mit der Gedankenlosigkeit ausgesprochen, welche Leuten eigen ist, denen die Rot noch nicht auf den Rägeln brennt. Selbstverständlich gibt es in Frankreich eine ganze Reihe von Menschen, welche heute die wirtschaftliche Wirkung der Weltverwirrung empfindlich am eigenen Leibe verspüren. Aber die weitaus große Mehrheit fühlt doch nur, daß cs weniger gut geht als noch im Sommer oder vor einem Iahre. Es ist eben stiller geworden im Geschäftsleben, es wird nur das Rotwendige gekauft und das Entbehrliche möglichst beiseitegelassen. Da der Franzose von Ratur aus schon sparsam ist, so ist er es erst recht, wenn ihm die Luft nicht ganz geheuer scheint. Denn nichts ist seiner Ratur so eigen, wie das Bedürfnis, sich „gesichert" zu wissen. „Prevoir, c’est tout" (Doraussehen ist alles). Es gibt kein französischeres Sprichwort als dieses. Der Franzose habt das Lleberrascht-. das Lleberrumpeltwerden, durch was es auch sei Er liebt das ordnungsgemäß Verlaufende, daß ihm seine Ruhe garantiert. Cs ist billig, über diesen bürgerlichen Grundzug zu lachen. Er enthält natürlich eine grobe Bedingtheit, aber auch eine große Stärke. Da immer nur das einzelne Individuum „bedeutend" sein kann, „überragend" — die Masse aber, sei sie welche immer, ihre Bedeutung gerade durch ihre mittlere Gleichartigkeit erhält, durch ifr Durchschnittsmah: so ist es — politisch ge- sehen — ein Vorzug, wenn die Bevölkerung eines groben Kulturstaates in ihren wirtschaft
lichen Ansprüchen von statischer Bescheidenheit ist. Eben diese ökonomische Statik erleichtert dem Politiker ganz außerordentlich seine Aufgabe, während wirtschaftlicher Romantizismus sie ihm ungeheuer erschwert, ja unmöglich macht.
Es ist zu sagen, dah nicht einmal übermäßig viel über die schlechtere wirtschaftliche Lage geklagt wird, obwohl der Franzose dazu neigt, schon verhältnismäßig kleine Verluste sich sehr zu Herzen zu nehmen. Wenn in einigen ausländischen Zeitungen (auch in manchen deutschen) die französische Situation als recht schlecht hin- gestellt wurde, so ist das eine Llebertreibung. Es sind in der Frage der Arbeitslosen Ziffern genannt worden, welche lächerlich sind. Man hat von einer Million und mehr gesprochen und zugefügt, die Regierung gebe diese Zahlen nicht bekannt: das ist barer Llnsinn. Eine genaue Zahl ist nicht zu ermitteln. Aber Frankreich kann ja in jedem Augenblick — und tut es auch! — die vielen fremden Arbeiter, welche im Lande sind, zurückschicken und durch eigene Arbeitslose ersetzen. Das geht nicht von heute auf morgen — und ein Beruf wechselt sich nicht wie das Hemd, aber es geht schließlich... Es scheint mir also in der nächsten Zeit eine wirkliche „Ar» beitslofenfrage" wie in Amerika, England oder Deutschland nicht geben zu können. Dann und wann geschieht es. daß man um eine kleine Hilfe angegangen wird. Das war eigentlich in früheren Iahren sehr selten. Ob es sich in solchen Fällen um bewußte Bettelei oder um wirkliche Bedürftigkeit handelt, ist schwer festzustellen. Ich selbst hatte eher diesen letzten Eindruck. Auch hört man zuweilen Erzählungen, daß reiche Leute beim Verlassen oder Besteigen ihrer Automobile belästigt oder beschimpft werden. Aber abgesehen von solchen Ausnahmefällen läßt sich sagen, daß gerade die einfachere Bevölkerung sich sehr ruhig der „Krise" gegenüber verhält und sich auch um die auf der Tagesordnung stehende Frage der „Reparationen" wenig kümmert. Man hört gerade bei den kleinen Leuten oft erstaunlich vernünftige LIrteile, obwohl die billige Hehprcsse sich gar nicht genug tun kann in der Anschwärzung des hinterlistigen Deutschlands, das sein Elend übertreibe, um sich seiner Verpflichtungen zu entziehen. Es hat mir oft scheinen wollen, als ob der Mann des Volkes weit skeptischer der Presse geg:nüber geworden sei als dies früher der Fall war.
Sehr anders allerdings ist es bestellt^ um den Bürger „gehobeneren" Grades. Lieber dessen augenblickliche Geistesverfassung wäre ein ganzer Roman zu schreiben: und ein recht betrüblicher.
Will man gerecht bleiben, will man nicht in den gleichen Fehler verfallen, den man gerade an den allzu leicht Beeinflußbaren tadelt: so muß man versuchen, eine Haltung zu verstehen, und fei sie die anfechtbarste der Welt.
Der „höhere" Bürger, der „Bourgeois", kennt nur eine einzige Art und Weise, den Weltzustand zu sehen: eben die französische. Er ist immer zunächst Franzose und dann erst Mensch, obwohl er das unter keinen Llmständen Wort haben will. Denn er ist nach der These erzogen worden, daß die französische Humanität die Humanität schlechthin sei, welche der gesamten europäischen Menschheit als Rorm und Vorbild zu gelten habe. Frankreich als Maß der Gesittung, des Rechtes, der sozialen Ordnung, der ethischen Bewertung: das ist sein Glaube, in dem ihn nichts erschüttern kann. Ienseits der Grenzen: der „Barbar" — einerlei, welchen nationalen Damen ec sich beilege: vielleicht der bedeutende, geniale, zu fürchtende: aber jedenfalls der geringer zu bewertende, weil nicht französische Mensch. Es versteht sich von selbst, dah ein Franzose solcher Mentalität — wohlgemerkt: es ist nur die Rede von dem „Bourgeois", der aber die Mehrheit des Volkes ausmacht — auch den Vertrag von Versailles für ein unantastbares, weil aus der französischen Weltperspektive heraus geschaffenes Meisterwerk der Diplomatie hält, ein Meisterwerk, das endlich die von Gott, d. h. die von Frankreich gewollte europäische Ordnung und Gliederung zustande gebracht habe. Er fällt — auch heute noch — aus allen Himmeln, wenn man ihm glatt ins Gesicht sagt, daß dieser Vertrag ein gefährliches und unzulängliches Dilettantenmachwerk sei, das die Heranwachsende französische Generation den allerschlimmsten Eventualitäten aussehe. Er bekommt
es also mit der Angst zu tun: und deswegen schreit er Tag und Rächt nach einer Sicherheit, unwissend, daß die Sicherheit, die er sich wünscht, ihm nur ehrliche, auf Gleichberechtigung aufgebaute Freundschaft mit Deutschland, aber niemals ein aufgezwung^nec Vertrag gewähren kann. Einem großen Teil der französischen Jugend dämmert diese Erkenntnis: aber diese Iugend ist noch ohnmächtig gegen die Vater- Generation, welche auf dem Buchstaben besteht und sich auf ihren Schein beruft.
Diese besitzende, engstirnige und noch mehr engherzige Vater-Generation der französischen Bourgeois befindet sich im Augenblick in einem Zustand, der an Hysterie grenzt. Die letzte Brüning- sche Erklärung — über deren diplomatischen und praktischen Mert in einem späteren Aufsatz zu sprechen sein wird — nun hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. An allen Ecken und Enden erhebt sich der Schrei nach Sanktionen, nach Vergeltungen im Falle der Annullierung des Voung- Planes durch Deutschland. Ich habe mit mehr als einem Vertreter dieser Bourgeois-Klasse in den beiden letzten Wochen eingehend über das Reparationsproblem sprechen Annen. Der Ton der Gespräche — ich möchte dies unterstreichen — war immer von vollendeter Höflichkeit, wenn nicht Freundlichkeit, und niemals fiel nur das geringste gehässige Wort gegen den Deutschen, aber eine endgültige Formel der Einigung wurde niemals gefunden. Alle persönlichen Beziehungen, die man hier mit Franzosen hat, werden nach wie vor auf ihrem guten und oft herzlichen Riveau weitererhalten, die Aussprachen sind oft sehr offen und ohne jede Aggressivität. Das Re-
sultat ist bis jetzt gleich Rull. Auch Ist gn sagen, daß d i e Deutschen, welche man ge* rade jetzt in Paris noch sieht, eine vorzügliche Haltung bewahren und — in ihren persönlichen Angelegenheiten — zweifellos bessere und llügere Diplomaten sind als manche Vertreter deutscher „Belange" in unserem eigenen Vaterland. Die Aengstlichen und von der allgemeinen Psychose Erfaßten haben sich schon aus dem Staube gemacht. Die Tapferen und Mutigen halten ruhig aus und leisten — von Person zu Person — ihrem Vaterland gerade in diesen außerordenb- lichen Zeiten nicht unwichtige Dienste. Das sollte doch nicht von den Heißspornen jenseits des Rheines vergessen werden, welche es einem deutschen Menschen schon fast als Todsünde ansehen, wenn er feinen Fuß noch auf französischen Boden seht. Sie sollten auch wissen, dah zu seinem Vergnügen kaum noch ein deutscher Mensch sich in Frankreich aushält. Die Zeiten,' wo dies wieder der Fall sein wird, scheinen mir vorläufig noch fern. Sie dürften erst wiederkehren, wenn das gewaltige Problem der deutsch-französischen Reparationen einerseits und das der interalliierten Schulden (frühere „Entente" — Amerika) andererseits einen neuen und entscheidenden Schritt gegen seine Endlösung gemacht haben wird.
Augenblicklich gilt es, den Kopf- nicht zu verlieren, seine Ruhe und seine Würde zu bewahren und seinem Vaterland ~ durch 'Defvnnenheit, Finesse und das überzeugende Wort zu dienen. Dann kann man auch heute noch den Rebel spalten, der sich hier über viele Geister und Herzen gelegt hat, und oft an der unerwartetsten Stelle Verständnis und Sympathie erwecken.
Geräiemannschastslampf WaldgirmeS-Leihgestern-LaunSbach.
Am Sonntag trafen sich die Geräteturner von Waldgirmes, Leihgestern und Launsbach zu einem Eerätewettkampf, der die Turner von Waldgirmes erwartungsgemäß als Sieger sah. Mit einer Gesamtpunktzahl von 476 Punkten konnten sie vor Launsbach mit 456 Punkten den Sieger stellen. Launsbach überraschte allerdings auch nach der angenehmen Seite und zeigte beachtliche Leistungen. Leihgestern lag ursprünglich in Führung, hatte aber besonders am Reck ausgesprochenes Pech und verlor Punkt um Punkt, so daß sie schließlich mit 4 Punkten hinter den Gastgebern an dritter Stelle lagen. Die Mannschaften von Launsbach und Leihgestern waren durchaus gleichwertig, während die Turner von Waldgirmes am Reck ihre LIeberlegenheit bewiesen und an diesem Gerät auch den Sieg sicherstellten.
Die Höch st e Gesamtpunktzahl erreichte der Turner Müller- Launsbach mit 77 Punkten, es folgten dann Ferber» Waldgirmes und Schaum-Leihgestern mit je 76 Punkten. Die Freiübungen sind dabei nicht gewertet.
Die Ergebnisse an den einzelnen Geräten lauteten wie folgt: Pferd: Waldgirmes 128, Leihgestern 145, Launsbach 131 Punkte; Barren: Waldgirmes 145. Leihgestern 145, Launsbach 144 Punkte; Reck: Waldgirmes 151, Leihgestern 127, Launsbach 129 Punkte. Freiübung: Waldgirmes 52. Leihgestern 42, Launsbach 52 Punkte.
Das Ges am tergcbni s lautet: Waldgirmes 476 Punkte, Launsbach 456 Punkte, Leihgestern 452 Punkte.
Handball der Sp.-Dg. 1900.
To. Dukenhofen I — 1900 II 5:3.
Zum fälligen Rückspiel war 19008 zweite Mannschaft Gast beim Tv. Dutenhofen (D. T.). Die Turner vermochten diesmal den Spieß umzudrehen und einen knappen Sieg zu landen. Die 1900er lieferten trotz geschwächter Mannschaft kein schlechtes Spiel, waren aber vor dem Tor zu unentschlossen.
1900 1. Jugend — To. Vuhbach 1. Jugend 6:3.
Das Treffen bot spannende Momente. Die 1900er siegten durch ihren durchschlagskräftigeren Innensturm. Eine Stütze für die Mannschaft war der Torwart.
Handball im BfB.
VfB. I — DHV. I 4:0 (0:0).
Die DHVer stellten eine sehr spielstarke Mannschaft. — Das Spiel war äußerst spannend, insbesondere in der ersten Spielhälfte, die torlos verlief. Die Gäste waren in dieser Zeit überlegen, die scharfen Würfe des DHV.-Sturmes wurden jedoch von dem vorzüglichen VfB.-Tormann in blendender Manier gehalten. In der zweiten Halbzeit kam BfB. auf und in gleichen Abständen fielen vier Tore für den BfB. Der Sieg war verdient.
Handball im Gau Hessen (O.T.)
Die Iugend des Turnvereins Großen-Linden empfing die 1. Iugend des Männerturnvereins Gießen zu einem Freundschaftsspiel. Trotz wenig günstiger Bodenverhältnisse kam ein flotter Kampf zustande. Die Großen-Lindener waren durch Absagen gezwungen, drei aktive Spieler einzustellen. Das Spiel sah die Gießener mit 4:3 siegreich. Ein Unentschieden hätte in Anbetracht der stetigen leichten Feldüberlegenheit der Platzbesitzer dem Spielverlauf eher entsprochen.
Handball im Lahn-Oünsbera-Gau.
Launsbach I — hausen 1 1:5 (0:3).
Launsbach trat zu diesem Spiel mit viel Ersatz an und hatte wenig Aussichten auf Sieg. Die Gäste zeigten sich in der ersten Hälfte stark überlegen und erzielten drei Tore, während die Platzbesitzer leer ausgingen. Nach dem Wechsel kam Launsbach wohl etwas auf, bedrängte das Tor des Gegners, der Erfolg blieb aber aus. Die Gäste machten sich wieder frei und erhöhten auf 5:0. Erst kurz vor Schluß fiel das Ehrentor für den Platzbesitzer.
Sportabteilung des Turnvereins Lollar
Die 1. Fußballmannschaft des Tv. Lollar trug am Sonntag gegen die Ligareserve der Spielvereinigung 1900 ein Gesellschaftsspiel in Lollar aus und mußte sich mit einem Llnent- schieden 1:1 begnügen. Die 3. Fußballelf weilte in Lich zu Gast und verlor gegen die 2. Mannschaft des DfR. mit 8: 5.
Von den Handballspielern des Vereins war nur die 1. Mannschaft auf dem Plan. Galt es doch zu beweisen, ob die Mannschaft in den kommenden Verbandsspielen fähig ist, in der 1. Gauklasse des Lahn-Dünsberg-Gaues zu spielen. Lollar hatte gegen Albachs Erste anzutreten. Die Gastgeber hatten den Vorteil des
Zrn Tschapei-Vieriel von Schanghai.
Von Felix Baumann.
Die Beschießung und Erstürmung des Schang. Haier Chinesenviertels Tschapei dürfte den Chinesen zum Bewußtsein gebracht haben, daß es ein großer Fehler gewesen ist, sich nicht dem Vor. sitzenden der Internationalen Riederlassung unterstellt zu haben. Die fremden Mächte haben immer wieder versucht, Tschapei dem Settlement einzuverleiben — vergebens, die Chinesen wollten selbständig bleiben. Lind so trat der eigenartige LImstand ein, dah die vom Municipal Council angelegte und unterhaltene Hauptstraße durch Tscha. per, die North Szechuan Road, der Riederlassung gehörte, die zu beiden Seiten befindlichen Häuser, reihen sich jedoch in „China" befinden und Tscha. £ei unter chinesischer Gerichtsbarkeit steht. Seine Bewohner sind auch nicht verpflichtet, dem Stadt, rat Steuern zu entrichten, sie zahlen aber frei, willig weil ihnen sonst die Straßenbeleuchtung abgeschnitten und kein Polizeischuh gewährt würde Denn der Stadtrat hat in diesem Stückchen China eine Polizeiwache errichtet, — aus guten Gründen Richt nur um die Instandhaltung der Straße zu überwachen, sondern vor allem wegen der in Tschapei stets gefährdeten Sicherheit. Der Stadt, rat der Riederlassung ist von Anfang an bestrebt gewesen, auch außerhalb des eigentlichen Settle. ments Straßen anzulegen, um die Zufuhr frischer Nahrungsmittel aus der Umgebung in regelmäßige Gleise zu bringen und um auch dem Be. dürfnis der Ausländer zu entsprechen, sich außer, halb des chinesischen Getümmels in der freien Ra. tur ergehen zu können.
Viele Ausländer werden die North Szechuan Road befahren haben, aber das Viertel selbst dürfte ihnen ein Buch mit sieben Siegeln geblie. ben sein. Denn Tschapei bildet ein Labyrinth, aus dem ohne einen ortskundigen Führer nicht wie. der herauszufinden ist — einen von den typischen Chinesendüsten durchzogenen Wirrwarr, eine richtige Terra incognita, von halbvollendeten Stra. 6en, engen Gassen, Sackstraßen, Feldwegen. Ge. müfebeeten, Wassergräben, elenden Krempelbuden, verfallenen Hütten. Misthaufen und — ein Ratten. Paradies. Lind doch, in diesem wüsten chinesischen Tohuwabohu einige beachtenswerte Tempel wie
der kantonesische Loge KaMiao mit seiner inne, ren reichen Goldverzierung und der Sonnentempel Tai Vang Miao, in dem sich jedoch kein Buddha befindet, sondern das von den achtzehn Lohans umgebene Trio der himmlischen Könige.
Auch mehrere Gildenhäuser erregen die Aufmerksamkeit. Das Gebäude der Szechnen-Gilde durch seine ganz unheimlich anmutende grüne Rasenanlage, das Haus der Haichang-Gilde durch seine blaue Cingangstür. deren Paneele wunderbare Schnitzereien in roten und schwarzen Farben ausweisen, die Huchow- oder Schneider-Gilde durch ihren Altar, und die Kashing-Gilde durch ihren europäisch-chinesischen Mischmoschbau. Doch am bemerkenswertesten ist das gegen 400 Meter lange Pas Ab Dong — das Totenhaus der Ringpo- Gilde. Eine grausige Stätte. Der Chinese besitzt bekanntlich eine überschwengliche Vaterlandsliebe, und stirbt er im Ausland, so ist von seiner Seite testamentarisch dafür gesorgt, die Gebeine nach China zu schaffen. Die Genossenschaft der Landsleute kommt für den Transport auf. Ich habe in San Franzisko Schiffe mit einer großen La- bung luftdichter Särge nach China abgehen und in Hongkong einen Dampfer mit einer der un. heimlichen Ladungen ankommen sehen. Auch die Ringpo-Gilde sorgt für die Lieberführung der letzten sterblichen Reste ihrer fern von Ringpo aus dem Leben geschiedenen Landsleute in die Heimat. In den Bogengängen der grün- weißen Riesenhalle stand Sarg an Sarg — in der Haupthalle befanden sich 21 Reihen von je 34 Särgen, die Gesamtzahl der auf bewahrten Särge betrug 1400...
Das Totenhaus der Ringpo^Silde stand früher m der französischen Konzession, die während des Tapingaufstandes ein Raub der Flammen wurde Als die Franzosen später (1874) eine Straße durch die Tempelanlage der Gilde legen wollten, kam es zu großen Llnruhen. Der französische Generalkonsul mußte nachgeben, worauf die Gilde ihre Toten wieder in der Tempelanlage unterbrachte. Da jedoch die Ausdünstung der in Verwesung übergehenden Leichen arge Gefahren für die Gesundheit der Bewohner des angrenzenden Gebiets nut sich brachte und die Gilde Vorstellungen gegen- über unzugänglich blieb, wurde die Schließung dec -anlagen durch Gewalt erzwungen.
In der Paoshan Road ist in einem europäischen Hause em ..Die Tür der Hoffnung" genanntes Heim für gefallene Mädchen eingerichtet worden Iunge Mädchen und entführte Kinder werden von
den Verbrechern mit Vorliebe in dem so unzu» gänglichen Tschapeiviertel verborgen gehalten. Keinem Europäer ist anzuraten, sich nachts allein nach Tschapei zu wagen. Polizisten und Detektive der internationalen Riederlassung, die in der Hitze einer Verfolgung dorthin gerieten, wurden öfters ein Opfer ihres Berufs. In den engen Gassen haben wüste Schlachten zwischen Polizisten und Verbrechern stattgefunden. Raub, Mord und Plünderung haben von jeher zur Tagesordnung in Tschapei gehört.
Als ich das letztemal in Schanghai weilte, ver. anstaltetete die dortige städtische Polizei eine Razzia auf verdächtige Chinesen. Insgesamt wurden gegen 500 festgenommen, von denen man 170 der chinesischen Obrigkeit in Tschapei übergab. Diese machte mit der Mehrzahl der Burschen kurzen Prozeß und ließ sie hincichten. Einmal erregte ein Auflauf in Tschapei meine Aufmerksameit. Lind schon gewahrte ich den Scharfrichter mit feinem breiten Schwert und drei von einer gewaltigen Menge umgebene Todeskandidaten — drei wegen Raubmordes verurteilte Deserteure, die vor ihrer Sinrichtung durch die Straßen geführt wurden.
uf einer freien Stelle in der Liu Yeng Road wurde Halt gemacht und der Gerechtigkeit Genüge getan. Die Köpfung mit dem Schwert wird als eine doppelte Bestrafung angesehen, weil nach chinesischer Auffassung ein Geschöpf — ein „wu-tao- kuei“ — ein „Teufel ohne Kopf" keinen Einlaß in die Llnterwelt erhält, so daß er unstet um. herirren muh.
Etwas abseits des Gassengewirrs befindet sich eine russische Kirche, wie denn auch damals eine große Anzahl russischer Flüchtlinge in dem ver. rufenen Tschapei einen Llnterschlupf gesucht hatte — sehr zum Rachteil des Ansehens der Weißen Rasse. Lind es gewährte einen eigentümlichen Anblick, wenn sich am Sonntagmorgen vor und in dieser Kirche die russische Kolonie Schanghais zum Gottesdienst einfand. Bitterste Armut und erben» geschmückte Uniformen — in Tschapei.
In der North Honan Road fallen noch zwei moderne Einrichtungen auf: eine chinesische Klavierfabrik und die Commercial Press, ein chinesisches Druckunternehmen, in dem Drucksachen in allen Ausführungen herge' ellt werden. In dieser St. aß- befanden sich bisher auch die großen chinesischen Eisfabriken, von denen in dem interessanten Buch ..The Nemesis in China" die Rede ist, das von der Eroberung Schanghais durch die Engländer Han. delt. Doch, wie damals, wird das chinesische SiS
heute noch von der Gesundheitsbehörde des Settlements beargwöhnt...
Tschapei hat bisher jährlich 600 000 Dollar innerhalb seiner Gemeinde an Steuern aufgebracht, was ein nicht zu verachtender fetter Bissen für ben Stabtrat der Internationalen Riederlassung gewesen wäre.
Oer letzte Meister -es Kalauers.
In Paris ist vor kurzem der Schriftsteller Etienne Grosclaude gestorben, ber für einen ber geistreichsten seiner Zeit galt. Als hinreißender Plauderer war er trotz seiner 70 Icchre noch immer der Mittelpunkt aller Gesellschaften, weil er durch seinen Witz alle Gäste um sich versammelte. Dieser Witz Grosclaudes bestand hauptsächlich in „Calembours“, die wir Kalauer nennen. Der Calembour, dieser in ^ankreich so reich gepflegte Wortwitz, ist nämlich im Aussterben. Ob er ein echtes Kind Galliens ist, darüber streiten sich die Gelehrten. Man hat das Wort von dem Ort Calembourg bei Diedenhofen ableiten wollen, wo ein besonders witziger Apotheker sich in solchen Wortspielen erging. Häufiger ist behauptet worden, die Heimat dieser Wihform sei der Kahlenberg in ber Rähe von Wien, unb bas hätte seine geschichtliche Berechtigung. Denn in bem hübschen Weinort Kah- lenberger-Dorf lebte ums Iahr 1340 ein Pfarrer, ber wegen seiner Schnurren und Schwänke berühmt war, unb bie Anekboten unb Scherze, die damals von dem „Pfaffen von Kahlenberg" umgingen, wurden gegen 1400 in einer berühmten Schwank-Sammlung veröffentlicht, bie eins der am meisten gelesenen unb am weitesten verbreiteten Volksbücher wurde. Die Sammlung ist auch ins Französische übersetzt worden, und so ist es denn sehr wahrscheinlich, baß bort aus „Kahlenberg" „Calembour“ wurde und zur Bezeichnung eines burlesken Wortwitzes, wie er von bem fröhlichen Pfarrer gepflegt worden war. Rach Deutschland aber kehrte dieser Witz als „Kalauer" zurück. Ob man diesen deutschen Namen aus dem Französischen abgeleitet hat, ist zweifelhaft. Es gibt auch eine Erklärung, die den Kalauer von dem Orte Kalau herleitet. Hier wurden besonders derbe unb grobe Stiefel angefertigt, und man vermutet, daß von ber Eigenart diese» Stiefel die Derbheit auf den Witz übertragen wurde, der besonders im alten Berlin heimisch war»


