Ausgabe 
2.9.1932 Frühausgabe
 
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ßr.206 Seühausgabe

182. Jahrgang

8reitag, 2. September 1932

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Metzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Thefredakteur

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.Thyriot; für den übrigen Teil (Ernft Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Biegen.

Große Programmrede Mrs im Berliner Sportpalast.

Scharfe Auseinandersetzung mit Popen Die innerpolitischen Forderungen des nationalsozialistischen Führers.

sozialistischen Ministern und Reichstagsabgeordneten die Tagung zu Ende geführt.

Oie Aussprache zwischen

Zentrum und NSDAP.

Tas Ziel der Verhandlungen.

Berlin, 1. 6eDt (211.) Die RSDAP. Berlin veranstaltete am Donnerstag im Sportpalast ihre erste Kundgebung nach Ablauf des Burgfriedens. 3n Erwartung einer Hitler-Bede war das Ver­sammlungslokal schon lange vor Eröffnung der Kundgebung bis zum letzten Platz gefüllt, so daß sich die Polizei zur Sperrung des Sportpalastes veranlaßt sah. Hitler erschien in SA.-llnisorm in Begleitung des Reichstagspräsidenten Gö­ring und der Abgeordneten Dr. F r i ck. .Dr. Goebbels und Prinz August Wilhelm und wurde mit minutenlangem Jubel begrüßt.

Hitler erklärte, daß sich das Rad der Ge­schichte nicht zurückdrehen lasse. Es gebe heute Menschen, die glaubten, das Jahr 1932 könnte plötzlich umgeschrieben werden auf 1918 und die dazwischenliegenden 13 Jahre könnten plötzlich vergessen werden. Diese Leute irrten, wenn sie meinten, sie brauchten nur modernisiert wieder in Erscheinung zu treten. Sie würden aber in den nächsten Monaten schon noch erfahren, daß, wer eine solche Spanne Geschichte verschlafe, nicht im 14. Jahr die Kraft besitze, sich denen entgegenzusehen, die dreizehn Jahre gekämpft hätten. (Stürmischer 'Beifall.)

Richt der Staat sei das Wesen aller Dinge, sondern das Volk. Wan wolle nicht ein- sehen, dah jede Reform eines Staates nur dann einen Sinn habe, wenn sie den Staatsinhalt und die Volksmeinung berücksichtige.

Wenn jemand sagt, er lehne den Partei st aut ab, so antworteten wir: Auch wir, Herr v. Papen, wollen keinen Parteistaat, besonders nicht einen, der auf einer so schmächtigen Basis wie der des Herren­klubs begründet ist. Wir", so erklärte Hitler,waren «inst auch nicht mehr als dieser Club. Aber in 14 Jahren ist aus dem Klub praktisch die deutsche Nation geworden. Die Gruppe, aus der die Männer stammen, die uns heute bekämpfen, wird nach menschlicher Boraussicht in den nächsten Jahren nicht größer werden als sie ist, während die Gruppe, die sich hinter uns befindet, nach menschlicher Vor­aussicht in wenigen Jahren eben doch die Nation sein wird."

Wenn Herr Hugenberg sagt, das deutsche Volk lehnt di« Diktatur einer Partei ab, gebe ich ihm recht, besonders, wenn diese Partei ein Klub ist. Die bürgerliche Welt war gänzlich unfähig, irgendeine Basis abzugeben für das innere Leben einer Nation. Heute glauben die Herren, daß neue Voraussetzun­gen ihrem Wiedereintritt in das politische Leben günstig seien. Ich kann ihnen ein für allemal er­klärens

die nakionalsozialislische Bewegung hal es einst unternommen, in diesen ganz zerrissenen volks- körper wieder eine einheitliche Lebensaufsassung hineinzutragen, eine Weltanschauung zu vertre­ten. Wir haben aus großen Gebieten dem deut­schen Volke eine vollkommen neue Einsicht gegeben. Wir haben ihm klargemacht, dah Sozialismus und Rationalismus identtsche Be­griffe sind und dah Kasten- und fUafiengeiff vernichtet werden müssen.

Ich sage allen unseren Gegnern: Bildet euch nicht ein, dah ihr unsere Arbeit besiegen könnt. An der Gewalt unserer Ideen und der Kraft unserer Bewegung werdet ihr zerschellen. Was meint Herr von Papen mit konservativer Staatsauffassung? Ist konservativ ein relativer oder absoluter Begriff? Der Bolsche­wismus in Ruhland ist in seinem Sinne selbst­erhaltend und konservativ. In welchem Sinne ist Herr von Papen konservativ? Im Sinne der jetzigen Republik oder im Sinne der Vergangen- Leit? Ich versichere feierlichst: Konservativ sind wir. indem wir das höchste Gut, das es zu bewahren gibt, in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen stellen: Unter Volk. Richt­konservativ sind wir, wenn es sich um Erhaltung von Ständen und Klassen und von Vorurteilen handelt. Da sind wir absolut revolutionär. Wenn morgen der Bolschewismus siegen würde, wollen bann die Herren etwa auch in ihrer naiven Art erklären, daß das den Staat, die Staatsautorität, den Staatsgedanken nicht berühre? Cs würde nicht nur den Staat berüh­ren, sondern sie selbst. Genau kann ich ihnen versichern, daß, wenn übermorgen der Ra­tionalsozialismus Sieger sein wird, auch das den Staat berührt.

Wan darf überzeugt sein: Dieses Volk ist ein wilder Mustang, und wer dieses Pferd zähmt, kann es auch allein reiten.

Der frühere Reichsinnenminister Groener hat geglaubt, die SA. unter seine Führung stellen zu können. Er hat sich geirrt. Diese Bewegung, diese Standarten und Stürme, haben nicht nur ihre Disziplin, s i e haben auch ihren Wil- len und selbst, wenn ich sie preisgeben wollte, Herr v. Papen würde sie niemals bekom- m e n. (Minutenlanger Teifall.) 13 Jahre lang hat das Bürgertum den Kampf gegen mich ge- führt, mich von Gericht _ zu Gericht geschleppt, immer wieder hieß es: Können Sie beeiden, daß Sie nichts Verfassungswidriges un­ternehmen wollen? Daß Sie legal kämp­fen wollen? Ich konnte das in der Tat. Denn wir kämpfen ja um das Volk. Ich will ja gar nicht, daß ein kleiner Klub in Deutschland die

Diktatur ergreift. Ich will das deutsche Volk für diese Bewegung erobern und weiß, daß zwangsläufig die Stunde kommt, in der wir das Deutsche Reich erobert haben. Ich konnte leicht schwören. Aber die anderen hätten mir den Eid nicht abnehmen sollen, denn jetzt, wo die Zeit für uns kommt zur Führung des Staates, jetzt sagen sie:Die Verfassung hat keinen inneren Sinn. Der Parlamentaris­mus ist überleb t.

Jetzt, wo wir 230 Mann im Reichstage haben, erklärt man die Form der Demokratie für ver­altet und meint, daß das Volk nach neuen For­men dränge. In diesen schweren Stunden befin­det sich der Herrenklub in Geburtswehen, um dem Volke eine neue Verfassung zu schenken. Auch Herr Hugenberg ist heute der Tleberzeugung, daß es keinen geeigneteren Mann in Deutschland gibt, als den Herrn Reichspräsidenten, und dah aus seinen Händen das Volk das bekommen wird, was es braucht nach konservativer Staatsauffas­sung. Euer Bekenntnis kommt zu spät.

Wenn Ihr sagt, Ihr wollt jetzt das Parlament korrigieren wir wollen, daß der Dille des Voltes befolgt wird. Dir wollen, dah dieser neugestaltete Dille den Weg frei bekommt zur weiteren Gewinnung des deutschen Menschen, und wir wollen, dah dieser Wille auch dem Deutschen Reich den Stempel aufdrückt!

Man sagt, Bismarck habe auch gegen den Reichstag regiert und später doch die Rechtfer­tigung erhalten, ja, das war Bismarck und das war Kaiser Wilhelm. Damals war es ein Kampf um Länder, der auf dem Schlachtfeld entschieden werden konnte, heute dagegen ist es ein Kampf um Meltauffassungen. Wenn man bereit ist, auch uns an der Regierung zu beteiligen, s'o können wir nur sagen, daß man die Lage vollkommen ver­kennt; es ist uns nicht um Gnade zu tun; wenn wir etwas als Recht fordern können, neh­men wir nichts aus Gnade. Wenn man uns sagt, wir hätten nur 37 von 100, so wollen wir darauf Hinweisen, daß man, um regieren zu können, 51 von 100 braucht, daß wir Nationalsozialisten also bereits drei Viertel von den notwendigen 51 Prozent haben und die anderen nur ein Viertel. Wenn man uns weiter entgegnet: Wir haben die Macht, so er­widern wir darauf feierlichst folgendes:

wenn das Volk uns Rationalsoziattsten die Macht in die Hände gibt, werden wir in keiner Sekunde die Macht gebrauchen, um uns durch sie zu erhalten. Wir bekennen feierlichst, dah das Reichsheer nicht zum Schuhe einer Regie­rung, sondern zum Schuhe des Reiches da ist. wir versichern feierlichst, dah wir für dieses Heer sorgen werden, wie niemals zuvor es besorgt wurde. Die Gegner sollen nicht sagen, dah die Macht hinter ihnen sieht. Denn ein Regiment, das sich nur auf Bajonette stützt, mißbraucht das köstlichste Gut, das ein Volk hat. wenn wir unsere Herrschaft mit dem willen und dem Mut unserer eigenen Anhänger zu schützen wissen, wenn gewisse Politiker ihre Be­denken dagegen aussprechen, imh wir uns noch einmal mit anderen Parteien ver­binden wollen, so sage ich dazu: Ich appelliere an das deutsche Volk, zu verhindern, dah man ein System auch in Deutschland mit Mitteln durchzusehen versucht, die nicht anständig sind. Ich protestiere dagegen, dah man plötzlich unser Geistesgut uns nehmen will, in der Meinung, damit vielleicht sich selbst erhalten zu können, während wir damit Deutschland retten wollten.

Ich bin entschlossen, dagegen den Widerstand aller anständigen Deutschen zu entfachen. Mein Atem ist länger als der meiner GegnP. Wir werden die Zeit schon Überstehen, weil in unserem Lager das Deutschland der Zukunft liegt. Hitler schloß mit der Versicherung, daß die nationalsozialistische Bewegung doch letzten Endes den Sieg davontragen werde. Wenn ich", so schloß er,vor zwei Jahren Herrn Groener prophezeite, daß die Stunde kommt, in der derDeutscheReichstag braun schimmern wird und er es damals nicht glauben wollte, dann will ich heute der Regierung Papen erklären: Es kommt der Tag, da wirb Deutschland braun schim- mern."

RSDAp.und Arbeitsbeschaffung

München, 1. Sept. (TU.) Wie derVölkische Beobachter" mitteilt, versammelten sich am Mitt- woch im großen Saale des Reichstags die Mitglieder der nationalsozialistischen Reichstagsfrak- tion, um sich von den Vertretern der Reichs- [ e i t u n g der NSDAP, über den Stand der Ar­beiten in der Arbeitsbeschaffungs frage berichten zu lassen. Fraktionsfuhrer Dr. tr r i d be­tonte als Leiter der Sitzung die richtunggebende Be- deutung dieser Frage. Dann berichtete der Vorsitzende des nationalsozialistischen Reichswirtschaftsrates, Feder, über die bereits geleistete Vorarbeit und die beabsichtigten Maßnahmen. Die Finanz! e- rungspläne der Papen-Regierung wurden unter stürmischer Zustimmung der gesamten Fraktion restlos a b g e l e h n t und nicht etwa als kühne sondern als die tollsten Pläne bezeichnet, die

die man sich denken könne. Der Abgeordnete Köh­ler betonte, das sogenannte große Programm des H-rrn von Papen diene nicht der Beseitigung der Arbeitslosigkeit und nicht der Herstellung des Rechts auf Arbeit, sondern nur der sogenannten Siche­rung des Staatshaushalts und der Ent­lastung der Arbeitslosenversicherung. Der Kampf der NSDAP, gehe nicht nur darum, den Arbeitslosen Arbeit zu verschaffen, sondern auch ganz unmittelbar darum, daß Sie künstliche und verbreche­rische Erhaltung der Arbeitslosigkeit durchbrochen, die Diktatur des Leihkapitals entthront und die Arbeit in ihr Recht als Herr­scherin der Wirtschaft eingesetzt werden. Ueber wei­tere wirtschaftspolitische Ziele der NSDAP, sprach dann der Abgeordnete T h o l e n s von der Reichs­leitung. Die Referate faßte Reichsorganisationsleiter Gregor Straßer in einem Schlußwort zusammen. Am Nachmittag wurde zwischen den Vertretern der Reichsleitung und den anwesenden national»

Berlin, 1. Sept. (VDZ.) Unter dem Vorsitz des Reichstagspräsidenten G o e r i n g wurde zwischen den Reichstagsfraktionen des Ze n l r u m s und der Rationalsozialisten folgende Verlautbarung vereinbart: Gegenüber zahlreichen Kombinationen in der deutschen Oefsentlichkeit wird bezüglich der zwischen den Rationalsozialisten und dem Zentrum schwebenden Verhandlungen feslgeslellt, dah diese Verhandlungen begonnen wurden und sort- geseht werden mit dem Ziele der Beruhigung und Festigung der innerpolitischen Verhältnisse in Deutschland auf län­gere Sicht, weil nur auf der Grundlage der wiederher st ellung des vertrauens eine erfolgreiche und eine dauernde wirtschaftliche Besserung und Beseitigung der außen- politischen Isolierung erzielt und gesichert werden kann.

Auftakt zum Berliner Stahlhelmtag.

Düsterberg vor der presse. Oie politische Aufgabe des Stahlhelm.

Berlin, 1. Sept. Die Reichshauptstadt ist nach fünfjähriger Pause wieder der Schauplatz des Auf­marsches des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten. Zum 13. Reichsfrontsoldatentag, der vom 2. bis 4. September stattfindet, rechnet man mit dem Aufmarsch von 150 000 Stahlhelmern aus allen Teilen des Reiches. Bereits am Donnerstag trafen zahlreiche Stahlhelmer in Berlin ein. Die Mehrzahl wird am Freitag und Samstag in Sonderzügen herangeführt werden. Den offi­ziellen Beginn des Reichsfrontsoldatentages bildete der Presseempfang im Roten Saal des Kroll- tbeaters am Donnerstagnachmittag, dem die beiden Bundesführer Seldte und Düsterberg, sowie der Bundeskanzler Wagner beiwohnten und zu dem mehrere hundert Vertreter der deutschen Presse erschienen waren. Dabei legte der zweite Bundes­führer des Stahlhelm, Oberstleutnant a. D. D ü - st erb er g, die Ziele des Stahlhelm dar: Heute, wo Deutschland in zwei Lager zerrissen ist, die sich feindlich gegenüberstehen, heute, wo in Deutschland kein Tag vergeht, an dem nicht Deutsche sich gegen­seitig töten, ruft der Stahlhelm an seinem 13. Front- soldatentag dem Volke zu: Deutsches Blut ist nun genug vergossen. Das Kaiserwort: ,Hch kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsch e", hat heute wie im Juli 1914 seine tiefe Wahrheit und Bedeutung. Wir begrüßen es, daß unsere Auffassung von der Notwendigkeit einer P r ä s i d i a l r e g i e r u n g sich durchgesetzt hat. Schon vor Jahren forderte der Stahlhelm an­gesichts unserer Parteizerrissenheit und der durch diese herbeigeführten Arbeitsunfähigkeit des Reichs­tages eine Verstärkung der Macht des Reichspräsi­

denten. Heute ist dieser Gedanke verwirklicht. Unseres Erachtens ist die Lage in Deutschland so ernst, daß es nunmehr die Ausgabe aller Deut» schen sein muß, sich geschlossen hinter diese Regierung zu (teilen, um im Inne­ren in aller erster Linie durch geeignete Maßnah­men die ungeheure Arbeitslosigkeit und das in die­ser Richtung liegende seelische Elend zu beseitigen und um nach außen in verstärktem Maße für Deutschlands Rechte zu kämpfen.

Sodann wandte sich der Redner gegen das Diktat von Versailles. Das Diktat wird und muß geändert werden, wenn endlich ein Zustand der Ruhe in der Welt eintreten soll. Im engsten Zusammenhang mit der Beseitigung des Diktats von Versailles steht die Forderung des Stahlhelms, die gleichfalls heute auch von den verantwortlichen Staatsleitem übernommen worden ist. die Forderung auf Gleichberech­tigung und Wehrhoheit. Der Redner schloß mit den Worten:Möge von dem 13. Reichsfrontsoldatentage ausgehen eine Welle heißer Vaterlandsliebe, durch alle Gaue Deutsch­lands getragen, möge der Anblick der Jugend­lichen, die mit den Alten vereint in den feld­grauen Kolonnen marschieren, Hoffnung und Zu­versicht für viele sein und möge endlich die ge­samte Ration erkennen, daß die Zeit des Haders und der Zwietracht vorbei sein muß, wenn wir die ungeheure Rotlage über­winden und wenn wir endlich nach Außen mit Aussicht auf Erfolg unsere Rechte Der treten und wiedererringen wollen.

Konservative Staatsführung."

Aussah des Reichskanzlers von papen.

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Ein programmatischer

Berlin, 1. Sept. (ERB.) Irn Septemberheft der ZeitschriftVolk und Reich" veröffentlicht Reichskanzler v.Papen eine Arbeit über Konservative Staatsführung". Darin heißt es u. a.: In Deutschland besteht die Gefahr, kon­servative Politik gleichzusehen mit der Tätigkeit der Konservativen Partei Preußens vor dem Kriege. Um dieser Gefahr willen muh immer wieder an die Erkenntnisse erinnert werden, auf denen konservative Politik beruht, nämlich auf der bewußten Sorge um die planmäßige Erhaltung des menschlichen Lebens in seinen natürlichen Ordnungen. Die Staatsgewalt, deren höchster Träger heute vom Volke gewählt und dem ganzen Volke zum Dienst verpflichtet ist, erscheint einer konservativen Politik als teueres Gut und kostbarer Besitz des Volkes. Sie muh stark und unabhän- g i g sein, damit von ihr Gerechtigkeit ausgehen kann, Gerechtigkeit für die Bedürfnisse des ganzen Volkes. Sie muß stark sein, damit an ihrer Autorität alle Ordnungen der Gesellschaft, der Selbstverwaltung und der Wirtschaft einen sicheren Halt finden. Ihre Unabhängigkeit begründet sie auf ihre Macht, ihre Autorität aber auf die Gerechtigkeit, die ihr die freie An­erkennung eines freien Volkes schafft.

Die Weimarer Verfassung begründet in ihrer rechtlichen Ordnung an sich keine Autori­tät. Ihr Ideal wäre die Selbstherrschaft des Volkes durch seine berufenen Vertreter. Weil dieses Ideal aber nicht erreichbar ist, hat die Weimarer Verfassung ein System gegen­seitiger Kontrollen und gegenseittgen Mißtrauens der verschiedenen Gewalten zueinander vorgesehen, durch welches die Freiheit des Volles gewahrt bleiben soll. Dieses Gegenspiel der verfassungs- mäßigen Gewalten gegeneinander hat aber d i e Freiheit des Volkes nur gefährdet.

Freiheit kann nur da fein, wo jemand in voller Unabhängigkeit diese Freiheit schützt. Auch die Weimarer Verfassung hat im Ansatz ein solches

überlegenes Amt vorgesehen, dem in Rotzeiten die Fülle der gesetzgebenden und der ausüben­den Gewalt zukommt und dessen Träger die Einheit des Volkes und die Einheit des Reiches darstellen soll: das Amt des vom Volk ge­wählten, auf fein vertrauen gestützten Reichs­präsidenten. Denn heute der Reichspräsident» zum sichtbaren Symbol der Staatsautorität ge­worden ist, so danken wir dies in erster Linie der Persönlichkeit, die das konservative wesen so sinnfällig ausgebildet und in den Dienst des Volkes gestellt hat. Der Reichspräsident selbst weist also durch die Bewährung seines unab­hängigen Amtes die Richtung, in der der Reu­

bau des Reichs weitergeführt werden muh.

Cs ist Grundsatz konservativer Staatsführung, daß die Interessen derVolksgemein- schäft den Vorrang beanspruchen vor allen Sonderinteressen. Im Rahmen dieses obersten Gesetzes ist die freie Entwicklung der Persönlichkeit um so mehr zu fordern, je fester die für das Gemeinschaftsleben notwendigen Bindungen anerkannt und gesichert sind. Die Grundlage für die Wirtschaftspolitik ist die Initiative und f r e i e A r be i t s k r a f t aller wirtschafttreibenden Men­sch e tu Cs kommt darauf an, diese Kräfte so an­zusetzen. daß sie zum Besten der Gesamtheit wir­ken. Die Wirtschaft beruht auf dem Grundsatz des Eigentums. Eigentum bedeutet aber für jeden einzelnen eine Verpf lich tung ge­genüber der Gesamtheit. Der Staat muß da eingreifen, wo gegen die Verpflichtung des einzelnen gegenüber der Gemeinschaft ver­stoßen wird. Aus diesem Grundsatz folgt die Rot­wendigkeit einer reinlichen Scheidung des Staates von der Privatwirtschaft.

Die gegenwärtige Lage zeigt ganz klar, daß Parteiherrschaft und Staatsführung Begriffe sind, die sich niemals miteinander decken können. Es ist wohl theoretisch denkbar.