Ausgabe 
2.9.1932 Erstes Blatt
 
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ar. 206 Erster Blati

182. Jahrgang

Aeitag, 2. September 1952

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

Was wollen wir?

Die französische Presse tut so. als sei der Fuchs in den Hühnerstall eingebrochen. Sie besitzt über­haupt eine ungewöhnliche Gewandtheit darin, sich nach Bedarf leidenschaftlich zu entrüsten, oder sich in nationalistischer Tobsucht zu überschlagen. Das hat sie auch diesmal wieder so gemacht, wo­bei noch nicht geklärt ist, wieweit es sich um ein Zusammenspiel zwischen dem Quai d'Orsay und der künstlich aufgeregten öffentlichen Meinung Frankreichs handelt. Warum diese Auf­regung? Nachdem sich die Abrüstungskonferenz abermals vertagt hatte, nachdem an den Fingern abzuzählen war, daß auch eine neue Konferenz nur eine neue Vertagung bringen würde, hätte es eine Pflichtwidrigkeit der deutschen Regierung bedeutet, sich um das Abrüstungsproblem nicht weiter zu kümmern. Es ist nicht so, wie die französische Presse sich selber einredet, daß die Entwaffnung Deutschlands ein Ding für sich sei, eine Strafe für die Geschehnisse im Juli 1914. Cs ist vielmehr so, daß mit der Errichtung des Völkerbundes auch die Entwaffnung Deutsch­lands nur eine Vorleistung sein sollte, um die allgemeine Abrüstung in absehbarer Zeit durchzusühren. Der Völkerbund wäre ohne Sinn, ohne Zweck und Ziel gewesen, hätte er seine über­staatliche Aufgabe nicht darin gesehen, allge­meine Sicherheit und allgemeinen Frieden zu verbürgen. Daß dem so ist, wird sowohl durch den Versailler Vertrag, als durch die Völker- bundssahung selbst bewiesen. Wäre die Entwaff­nung Deutschlands nur eine gegen Deutschland §erichtete Einzelmahnahme, so hätten sich im

Versailler Vertrag und in der Völlerbundssatzung keine Bestimmungen darüber finden dürfen, daß der Entwaffnung Deutschlands die Abrüstung der anderen Länder aus dem Fuße folgen sollte. Daß diese Auslegung richtig ist, wird da­durch bestätigt, daß es schon seit 1920 Tagungen und Verhandlungen über die Abrüstung gibt, teils zu Wasser, teils zu Lande. Aber immer mit dem Ziel der wirklichen und tatsächlichen Ab­rüstung.

Es ist bisher nichts erreicht worden, trotzdem oder gerade weil die Abrüstungstagung in Genf wiederholt unter starkem Druck von außen ge­standen hatte. Der stärkste Druck wurde von dem Präsidenten dec Vereinigten Staaten ausgeübt, ein Druck, der von Frankreich aufgefangen wurde, um dann durch taktische Kreuz» und Querzüge die Abrüstungstagung ausgchen zu lassen wie das Hornberger Schießen. Run haben sich, seit­dem der Versailler Vertrag mitsamt dem Völker­bund besteht, außenpolitische Entwicklungen voll­zogen, die das Abrüstungsproblem auf eine ganz neue Grundlage gestellt haben. Ist die Kriegsgefahr in diesen 13 Jahren etwa ge­ringer geworden? Ist der Rationalismus bei allen Völkern weniger angriffsfreudig, zumal ihm eine militärische Aufrüstung zur Verfügung steht, die an sich schon den Frieden gefährdet? Deutschland ist auf allen Seiten von ausgerüsteten Staaten umgeben, deren Völker nationalistischer Begehrlichkeit in gefährlichem Maße zugänglich sind. Polen bedroht nicht nur die Sicherheit Danzias, Polen steht auch auf dem Sprunge, um sich Ostpreußens zu bemächtigen, wenn die natio­nale Widerstandskraft Deutschlands im inner­politischen Streit erlahmen sollte. Deutsch­lands Wehrlosigkeit ist eine Heraus­forderung für seine Vachbarn, wofür vor allem die Vechtsbrüche Litauens gegenüber den Memeldeutschen zeugen. Daß diese Vechts­brüche nicht dem Frieden und der Sicherheit Europas dienen, daß sie im Gegenteil aus Ost­europa eine Gefahrenzone machen, deren Rei­bungsflächen jederzeit in Brand geraten können, das ist in London so gut bekannt wie in Paris und Rom.

Daß die Forderung nach Gleichberechtigung be­gründet ist, wird auch von Frankreich unfreiwil­lig zugegeben dadurch, daß die französische Presse nicht etwa gegen die Gleichberechtigung tobt, sondern gegen die militärischen Aus­wirkungen dieser Gleichberechti- aung. Daß die Gleichberechtigung nicht nur ein Lippenbekenntnis sein kann, daß sich vielmehr dar­aus eine Anpassung an die Aufrüstung der an­deren ergibt, das liegt in den Dingen selbst be­gründet, nicht aber in der deutschen Forderung an sich. Das deutsche Volk ist einheitlich und ge­schlossen in dem Willen, sich staatlich und natio­nal zu behaupten, was aber nur möglich ist, wenn Deutschland inmitten ausgerüsteter Staaten nicht wehrlos und nicht entwaffnet dasteht. Der Am - bau der deutschen Wehrm acht ergibt sich zwangsläufig aus der nicht von Deutschland ver­schuldeten außenpolitischen Entwicklung. Deutsch­land will nicht von dieser Entwicklung überrascht und über den Hausen gerannt werden, ganz be­sonders deshalb nicht, weil der Völkerbund an­gesichts der Aufrüstung aller Staaten nicht über die Machtmittel verfügt, um jede Störung des Friedens in Europa zu verhindern.

Daß die deutsche Reichsregierung die französische Regierung davon verständigt hat, daß Deutschland auf die Gleichberechtigung nicht ver­zichten könne und werde, das ist ein Beweis dafür, daß Deutschland trotz erlittener Unbill sich im Rah­men des Versailler Vertrages halten will. Der Ver­sailler Vertrag sieht zwar die Entwaffnung Deutsch­lands vor, setzt auch die Grenzen der militärischen Rüstung Deutschlands fest, aber dies ist zu einer Zeit geschehen, als weder die außenpolitische Ent­wicklung in Europa so gefährliche Formen ange­nommen hatte, noch auch daran zu denken war. daß die anderen Mächte trotz Völkerbund und Völker- hundssatzung sich der allgemeinen Abrüstung wider­setzen würden. Frankreich hat für diesen Widerstand

Deutschlands Forderung auf Vüstungsgleichheit.

Ruhigeres Echo in der pariser presse.

Paris, 2. Sept. (WTB. Funkspruch.) Die in Berlin gegebene Aufklärung über die Tragweite und Bedeutung des deutschen Schrittes in der Wehr­frage hat ebenso, wie der Rat des französischen Ministerpräsidenten an die Presse, nicht den Kopf zu verlieren, zu einer ruhigeren Beurtei­lung beigetragen, obwohl grundsätzlich die Ab­wehrstellung gegen die deutschen Wünsche beibehal­ten wird. Man erwartet hier eine Erklärung des französischen Ministerpräsidenten für nächsten Sams­tag.Dolontö" bezeichnet es als absurd, von einem ultimativen Charakter der deutschen Forde­rungen sprechen zu wollen. Das deutsche Resumö sei so korrekt wie irgend möglich abge» faßt und könne am Quai d'Orsay nicht die geringste Unzufriedenheit erleben. Man werde jetzt auf diplo­matischem Wege verhandeln, aber ohne Eile und ohne Beunruhigung.Le Republiquö" nennt das deutsche Resumä geschickt; es werde sicher Besprechungen und Erörterungen nach sich ziehen. Das demokratische Frankreich sei für eine Rüstungs- versassung,' die zu einer allgemeinen Entspannung und im Anschluß daran zur Rüstungsgleichheit füh­ren könnten. Die Coty-Presse bleibt bei ihrer gestrigen Haltung und ist namentlich beunruhigt über die Einstellung der englischen Oeffentlichkeit und der englischen Regierung. Die sehr reservierte Haltung der englischen Presse zeige, meint z. B. Ami du Peuple , daß Frankreich sagen müsse, was cs wolle und was es nicht wolle.

Zurückhaltung in England.

London, 2. Sept. (WTD. Funkspruch.) Die Morgenpresse ist mit Kommentaren zu der deut­schen Forderung nach Gleichberechtigung zurück­haltend. Auch wo Aeußerungen laut werden, die deyi französischen Standpunkt zuneigen, wie in einem Leitartikel der rechtLkonservativenMor- ning-Post", wird kein Versuch unternommen, Deutschlands Recht, wie es sich aus dem Ver­sailler Abrüstungsversprechen ergibt, zu bestreiten. M o r ni n g - P o st" erklärt, daß die britische Regierung mit der französischen der Meinung sei, die ganze Angelegenheit sei bedauerlich, aber auf beiden Seiten herrsche Verständnis dafür, daß die deutsche Regierung auf die Ge­fühle der nationalen Bevölkerung Rücksicht neh­

men müsse. Bei den Besprechungen auf der Kanalinsel Jersey habe Sir Herbert Samuel dem französischen Ministerpräsidenten Herriot klar ge­macht, daß die britische Regierung eine Lösung der Frage für dringend erwünscht halte, wenn sie auch nicht der Auffassung sei, daß die Gleich­berechtigung eine wesentliche Vorbedingung eines Erfolges der Abrüstungskonferenz bilde. Die bri­tische Regierung würde es begrüßen, wenn die Franzosen und die Deutschen vor Wieder­zusammentritt der Genfer Abrüstungskonferenz zueinerDerständigung gelangen würden, polen resigniert.

Warschau zum deutschen Schritt in Paris.

Warschau, 2. Sept. (WTB. Funkspruch.) Auf die deutschen Bemühungen um Wiederherstellung der Rüstungsgleichheit in Europa reagiert die polnische Boulevard- und Sensationspresse m i t Aeberschriften von ausgesprochener Gehässigkeit. Dagegen zeigen sich die ern­steren. Blätter aller Richtungen sehr zurück-

Berlin, 2. Sept. (OB. Funkspruch.) Durch Entschließung des preußischen Slaalsminiftcriums vom 2. September sind d i e Todes st rasen, die durch das rechtskräftige Urteil des Sondergerichts in Beulhen (Oberschlesien) gegen

1. den Elektriker Reinhold koktisch,

2. den Grubenarbeiter Rusin Iv o t n i h a,

3. den Hauer August Gräupner.

4. den Marken - Kontrolleur hetmuth Josef Müller

wegen Totschlags, begangen aus politischen Beweg­gründen und

5. den Gastwirt Paul L a ch m a n n wegen Anstiftung zu diesem Verbrechen verhängt worden sind, im Gnadenwege in lebens-

haltend. Die offiziöseGazeta Polska" und der gemäßigt rechtsstehendeKurjer Warszawski" sprechen nur ganz kurz von einem außenpoli­tischen Manöver Deutschlands. Das Re­gierungsblattErpreß Pornny" stellt resigniert fest, daß Deutschland unabhängig von jederinnerpl>IitischenKonstellation am Abbau des Versailler Vertrages arbeite und daß sich in dieser Beziehung alle Deutschen einig seien. Die national-demokratischeGazeta Warschawska", das wichtigste Blatt des grund­sätzlich deutschfeindlichen Lagers in Polen, stellt sogar fest, daß der ganze Gedanke, das besiegte Deutschland für immer in einer Ausnahme­stellung auf dem Gebiete der Rüstungen zu halten, ausgesprochener Ansinn gewesen sei. Don den Großmächten stelle sich nur noch Frank­reich deil deutschen Forderungen nach Rüstungs­gleichheit entgegen, und auch Frankreich werde nachgeben müssen. Es gebe nur zwei Mög­lichkeiten zur Erledigung dieser Angelegenheit: Ablehnung und bewaffnetes Einschreiten oder eindeutige Zustimmung ohne alle Amstände.

längliche Zuchthaus st rafen umgeroan- delt worden.

Für die Entschließung war maßgebend, daß die Derurteitten zur Zeit der Tat noch keine Kenntnis von der Verordnung des Reichspräsidenten gegen politischen Terror vom 9. August 1932 und ihren schweren Stras- androhungen gehabt haben.

wie wir von unterrichteter Seite hören, ist damit zu rechnen, daß dem Anträge aus Wiederauf­nahme des Verfahrens im Beuthener Pro­zeß, der bekanntlich von der Verteidigung eingereicht worden ist, st altgegeben werden wird. In dem Antrag sind noch Auffassung der zuständigen Stellen neue Tatsachen enthalten, die die Wiederauf­nahme rechtfertigen.

Veguadiguug d:r in Venthrn Verurteilten.

Umwandlung der Todesurteile in lebenslängliche Zuchthausstrafen. Wiederaufnahme des Verfahrens wahrscheinlich.

Eröffnung des Essener Katholikentages.

Reichskommifsar Or. Bracht über Staat, Obrigkeit und göttliche Weltordnung

sich auf die These der nationalen Sicher­heit zurückgezogen, was gebilligt werden kann, wenn Frankreich diese These auch anderen Ländern, insbesondere aber Deutschland zuer­kennt. Stellen wir uns einmal vor, daß die ande­ren Staaten weiter aufrüsten, daß die nationalistische Begehrlichkeit bei diesen Staaten weiter wächst, so ergibt sich zwingend, daß die Wehrlosigkeit Deutschlands den Nationalismus der anderen förm­lich zur Entladung bringen muß. Die Entwaffnung Deutschlands war nur als Vorleistung für die all­gemeine Entwaffnung gedacht, nicht aber als ein Zustand von ewiger Dauer, erst recht dann nicht, wenn die allgemeine Abrüstung nicht zu erreichen war oder ist. Ein Volk von 65 Millionen kann nicht auf die Wehrhoheit verzichten, wenn ohne diese Wehrhoheit keine Sicherheit für seinen nationalen Bestand gegeben ist.

Amerika erwartet deutsche Zahlungen.

London, 2. Sept. (WTD. Funkspruch.) Ti­mes meldet aus Washington, daß der stellver­tretende Staatssekretär Castle heute eine Aeu- ßcrung getan habe, wonach die Regierung fest entschlossen sei, auf ihrer bereits bekanntgegebenen Politik au verharren, daß Kriegsschulden bezahlt werden müssen. Der stellvertre­tende Staatssekretär sagte, die Vereinigten Staa­ten erwarteten, daß Deutschland die am 3 0. September fälligen Teilzahlun­gen lei st en werde. Der Korrespondent fährt fort, diese Teilzahlungen seien nur gering, sie be­tragen nur 12,5 Millionen Reichsmark für Besatzungskosten und 20 400 000 Mk. für die Bezahlung der Ansprüche amerikanischer Bürger gegen Deutschland. Castle erklärte, daß von T^utschland keine Aeußerung bezüglich der Zah­lung dieser Summen eingegangen sei, daß aber die Vereinigten Staaten die Zahlung der Gelder aus dem abgelaufenen Moratorium erwarte- t e n. Bei den seinerzeitigen Verhandlungen im vorigen Jahr hätten sowohl Deutschland als auch die Vereinigten Staaten den Standpunkt vertre­ten, daß die Bezahlung solcher Forderungen nicht in die Suspendierung der Schulden- zahlungcn eingeschlvssen werden solle, da es sich um eine Vereinbarung handele, die lediglich zwischen amerikanischen Bürgern und deutschen Bürgern abgeschlossen worden sei.

Hierzu wird amtlich mitgeteilt: Amerika ist be­kanntlich auf der Lausanner Konferenz nicht ver­treten gewesen, so daß die Zahlungen an Amerika noch besonders geregelt werden müssen. Eine Regelung ist in nächster Zeit zu erwarten. Nach den Bestimmungen des Abkommens vom 13. März 1930 ist ein Zahlungsaufschub möglich, und zwar für beide Arten Der Zahlungen an Amerika, nämlich für die Mir^) Claims und die Besatzungskosten für 2£ Jahre. Hinsichtlich der ande­ren Zahlungen ist in Aussicht gestellt worden, daß darüber erneut verhandelt werden soll.

Essen, 1. Sept. (TU.) Der Donnerstag, der eigentliche Eröffnungstag des Deutschen Ka­tholikentags, wurde eingeleitet mit einer feier­lichen Pontifikalmessc in der altehrwürdigen Münsterkirche, die von Weihbischos Dr. Hammels- Köln zelebriert wurde. Im Anschluß daran begann der Vertretertag, der im Rahmen der 71. Ge­neralversammlung der deutschen Katholiken ftatt- findet. Von hervorragenden Persönlichkeiten des katholischen Lebens wurden die religiösen und staatsbürgerlichen Probleme der Gegenwart unter dem GesamtthemaChristus in der Großstadt" be­handelt. Am Vormittag tagte noch die Haupt­versammlung der katholischen Lehrer und Lehreri nli c n Deutschlands. Weih­bischof Stockum- Köln, der die Grüße des Kar­dinalerzbischoss von Köln überbrachte, stellte in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen das Wort des Apostels PetrusIhr seid ein königliches Priester­tum" und würdigte die große Bedeutung des Reli­giösen im Unterricht, lieber die Aufgaben der katho- Nlchen Schule in der Großstadt sprach Frau Dr. W e i n a n b.

Am Donnerstagabend wurde der Katholikentag feierlichst eröffnet. Außer den Veden des Präsi­denten Bernhard Otte- Berlin und des badi­schen Kultusministers hielt auch der stellvertre­tende Veichskommissar für Preußen, der Essener Oberbürgermeister Dr. Bracht, eine Begrü­ßungsansprache. Christliches Leben und Gemein­wesen, so führte er u. a. aus, beruht auf dem Dien st an einer von Gott gegebenen Ordnung. Die Arbeit der Diener des Staates und Kommune und die Arbeit der Diener der Kirche können darum nicht frestrd nebeneinander hergehen. Wenn wir in dieser Zeit, in der Vermessenheit und Anglaube die christliche Grundlage des Staatswesens anzugreifen suchen, an das Apostelwort erinnern:Jedermann unter­werfe sich der obrigkeitlichen Gewalt", dann kann nicht deutlich genug hinzugefügt werden:Denn es gibt feine Gewalt außer von Got t." So sehr wir im Sinne dieses paulinischen Wortes die Verpflichtungen des Menschen gegenüber aller Obrigkeit anerkennen und verlangen, um so ernsthafter und gewissenhafter muß darauf ge­achtet werden, daß die Obrigkeit selbst keinen Schaden erleidet. Wer heute eingesetzt ist, die Obrigkeit des Staates zu vertreten, der muß am Anfang seiner Arbeit mit den schärfsten Maß­stäben prüfen, ob die Einrichtungen des Staates noch in der Lage sind, dem Staatsbürger gegenüber sichtbarer Ausdruck der Obrigkeit zu sein. Obrigkeit ruht auf dem Gedanken der Pflicht. Für die Rechte und es gibt deren viele heutzutage die der Staat gegenüber dem einzelnen in An­spruch nimmt, kann nur dann eine über den

äußeren Zwang hinausreichende Anerkennung verlangt werden, wenn tief im Bewußtsein des Staatsbürgers das Gefühl verankert ist, daß alle diese Rechte des Staates aus Pflichten gegenüber der Gesamtheit entstanden sind. Deshalb muß bei dem Bemühen um die Errichtung einer Obrigkeit beim Staat selbst angefangen werden. Deshalb muß von jedem einzelnen Staatsdiener verlangt werden, daß er nicht einer Partei, sondern der Gesamtheit dient. Auch das Schicksal der großen politischen Bewegungen wird schließlich davon abhängen, ob sie in ihren Entschließungen die Interessen des Staates über ihre eigenen Interessen zu stellen vermögen. Endlich muß auch gegenüber dem Versuch, den Staat mit der Partei gleich­zusehen, der Staat immer auf d i e höhere Ebene unseres Bewußtseins gestellt werden.

Der päpstliche Vuntius Dr. O r f e n i g o über­brachte den Segen des Papstes. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß von dem Essener Ka­tholikentag ein starker Antrieb zur Stärkung des christlichen Glaubens ausgehen möge. Der Kar­dinalerzbischof von Köln, Schulte, wies auf die schicksalsschwere Vergangenheit des deutschen Volkes insbesondere im Ruhrgebiet hin. Bürger­meister Schäfer sprach in dieser Versammlung für die Essener Stadtverwaltung, Oberpräsident Fuchs für die preußische Staatsregierung. An Reichspräsident von Hindenburg und an den Papst wurden Ergebenheitstelegramme gesandt.

OefHeichökanzler an den Katholikentag

Reichskanzler von Papen hat an das Prä­sidium des Deutschen Katholikentages zu Hän­den des Fürsten Löwenstein ein Telegramm ge­richtet: Dem heute in Essen zusammentretenden Katholikentage sende ich meine herzlichsten Wünsche und katholischen Gruß. An der geistigen Wende, die uns von dem die besten sittlichen Kräfte zerrüttenden Materialismus hinweg z u einer neuen Volksgemeinschaft füh­ren soll, gegründet auf den tiefen Glauben an Gott und seine uns verpflichtenden Gebote, wird es das Ziel der Reichsregierung sein, den ch r i ft- lrchen Grundsätzen im deutschen Volke und Staatsleben wieder zu entscheidender Geltung zu verhelfen. Die Reichsregie­rung will das von seelischer und materieller Rot zerrissene deutsche Volk jenseits allerPar- teibinbungen unter einer Autori- 1 a 1 $ y.e.9 1 c r u n g sammeln. Der deutsche Katholizismus in seinem unerschütterlichen Glau- ben an die göttliche Ordnung dieser Welt möge Der -Ration ein Führer und Wegweiser auf Die- fern Wege sein, mit allem Willen, der in Arbeit und Gebet seine große Stärke findet.