«MM,AM!"
Roman von Gert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwsnger, Hall«.
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Doch das alles blieben geheime Gedanken. Niemand von der übrigen Dienerschaft erfuhr durch ihn je ein Wort. 3m Gegenteil! Er duldete nie, daß über die Herrschaft gesprochen wurde.
Heute war nun die gnädige Frau gairz plötzlich abgereist, nachdem irgendein Streits gewesen war. Gerade heute hatte sie ihn im Stich gelassen.
War sie mit dem Baron Ilzenescu geflohen?
Karl sah sich entsetzt um. Wenn jemand seine Gedanken hätte erraten können? Wohin verirrte er sich denn da eigentlich?
Hnö er sollte das junge Mädchen, das er heute abend zum Herrn Doktor geführt, mit „Gnädige Frau" ansprechen? Es wirbelte nun eben in dem alten Hirn, das war doch wirklich nicht zu verwundern.
Karl richtete sich jetzt aus. Er hatte wieder, wie schon so viele Male, das Vertrauen seines Herrn zu rechtfertigen. Lind er würde es!
Mit seinem raschen, elastischen Schritt ging Doktor Ansbrück wieder hinüber.
Dort stand Nenne, schmal und schön, mitten im Zimmer.
Er trat zu ihr. ein seltsames Gefühl im Herzen. Vielleicht mochte es auch nur grenzenlose Dankbarkeit fein. Er küßte plötzlich ihre kleine Hand. Dann sagte er:
..Nun aber aufpassen, kleines Mädclchen, sonst ist olles umsonst. Nein. Mister Harrison würde mit Necht empört sein, wenn er "hinter die ganze Wahrheit käme. Ich weiß mir aber tatsächlich keinen anderen Rat."
..Ich tue es gern. Ich will auch gewiß dafür sorgen, daß Sic nicht noch mehr Llnannehmlich- keiten haben, Herr Doktor."
Er lächelte.
Lind aus diesem Lächeln spürte sie nicht die heimliche Sorge, ob sie gesellschaftlich gewandt genug sein würde. Aber als er sie fragte:
„Hast du den Brief an deine Mutter fertig. Kind?", da sagte sie:
„Gewiß, hier ist er. Wenn du allo so freundlich fein willst, den Chauffeur zu beauftragen?"
Da freute er sich sichtlich. Aenne Ohlen würde ihre Rolle spielen, davon war er überzeugt. Lind er wußte ja auch, daß ein natürliches Takt- gesühl. wie es wahrscheinlich diesem jungen Mäd
chen eigen war. viel besser wirken konnte als alles Geächtete. Gelernte, Schablonenhafte?
Sie stand dicht neben ihm. Ihr blondes Haar duftete zu ihm empor: eine weiche Locke spielte an seiner Schulter.
Doktor Ansbrück. völlig unbefriedigt und ent- täuscht in seiner Ehe. zu der er den besten Willen gehabt, blickte wie gebannt auf den blonden Mädchenkopf.
Es klingelte.
Doktor Ansbrück überflog noch schnell die schön gedeckte Tckfel mit einem scharf prüfenden Blick, dann ging er, um seine Gäste in der im orientalischen Geschmack eingerichteten Halle zu empfangen.
Mister Harrison war gutgelaunt und rief Ansbrück gleich einige Scherzworte zu. Mistreß Harrison sah sich bewundernd um. Diese Halle gefiel ihr. Genau so würde sie die Halle in ihrem reichen Hause daheim einrichten, wenn sie nur erst wieder dort waren.
Sie blickte lächelnd in Doktor Ansbrücks schönes braunes Gesicht. Er gefiel ihr sehr, und sie machte auch gar kein Hehl daraus.
Wie ein Bild aus alten Tagen stand Karl steif aufgerichtct an der weit geöffneten Flügeltür.
Strahlende Helle! Lind mitten in dieser Flut von Licht eine schlanke blonde Frau, die aussah wie ein junges, unberührtes Mädchen.
Harrison war ganz aus dem Häuschen.
Das war Doktor Ansbrücks Frau? Donnerwetter. besaß der einen guten Geschmack!
Mister Harrison küßte die Hand der jungen Frau mit Inbrunst, und seine eigene Frau sah lächelnd zu und zeigte gleichfalls mit offener Herzlichkeit, wie sehr ihr Dr. Ansbrücks junge Frau gefiel.
Erleichtert atmete Ansbrück auf, als er festste llen konnte, wie tadellos Aenne sich benahm. An ihrer wie auch an seiner Rechten blitzte ein breiter Trauring. Es waren die Ringe seiner verstorbenen Eltern, an die ihn im letzten Augenblick der alte Diener Karl erinnert hatte.
Mit einem Gefühl der Erleichterung hatte Doktor Ansbrück seinen eigenen Trauring vom Finger gezogen. Zu viel Schweres, Folgenschweres hing an diesem Ring. Die ruhelosen Jahre, die Zänkereien der letzten Monate, die Verschwendungssucht Lisas!
Er hätte unter anderen Llmständen den Ring trotzdem nicht abgestreift, doch heute zwang ihn die Lage der Verhältnisse dazu.
Man saß an der ovalen Tafel! Das Mahl war auserlesen, der Wein erstklassig — und schmunzelnd stellte Mister Harrison fest, daß bereits Sekt auf Cis stand. Er wurde immer gesprächiger, erging sich in manchmal ein bißchen ungeschickten Komplimenten gegen Aenne, die dann er
rötend auf Ansbrück sah. während Mistreß Harrison gutmütig lächelte.
Doktor Ansbrück aber war erstaunt. Lind auch der alte Diener blickte mit großen Augen auf das schöne, blonde Geschöpf, das heute abend mit dem Karton hier angekommen war, um ein Kleid für Frau Doktor Ansbrück abzuliefern, und das nun so sicher und selbstverständlich mit an der luxuriösen Tafel faß. als sei das der Platz, der ihr für immer gehöre.
Die Amerikaner waren entzückt von Aenne und Tagten das ganz ungeniert „ihrem Gatten".
Der wurde schweigsamer und schweigsamer. Seine mächtigen, dunkelgrauen Augen blickten mit einem sonderbar sinnenden Ausdruck auf das junge Geschöpf. Mister Harrison flüsterte seiner Frau vergnügt zu:
„Mächtig verliebt! Herrlich, wenn man von seinem gemächlichen Alter aus so was mit bewundern kann."
Lind seine Frau gab ihm durch einen Händedruck recht.
„Wenn ich um etwas bitten dürfte, Herr Doktor? Dann lassen wir die geschäftlichen Sachen heute beiseite. Wir werden auf jeden Fall einig werden. Ich habe mir alles noch einmal genau überlegt. Ihre ausgearbeiteten Verträge und Pläne werden sicher so gehalten sein, wie wir bereits mündlich besprochen haben. Ich möchte mir auf keinen Fall den heutigen wunderschönen Abend mit geschäftlichen Dingen verderben, und meine liebe Frau ist sicherlich der gleichen Meinung. Nicht wahr. Alice?"
Seine Frau nitlte energisch.
„Wenn man einen so reizenden Abend verleben darf, soll man ihn wirklich nicht mit geschäftlichen Dingen vollstopfen. Die Herren machen das am besten morgen früh allein unter sich aus."
Wenn doch nur die Papiere wieder herbei- geschafft werden könnten!, dachte Doktor Ansbrück.
Wenn die Gäste fort waren, mußte er eben sehen, wie er bis morgen mittag die Verträge und Pläne nach dem Gedächtnis noch flüchtig zusammenstellen konnte.
Da hörte er neben sich Mistreß Harrisons Stimme:
„Ich würde mich sehr freuen, liebe Frau Doktor. wenn wir uns während unseres hiesigen Aufenthaltes recht oft sehen könnten."
Jetzt schien es aber mit Aennes Fassung vorüber zu sein. Hilflos blickte sie in Doktor Ansbrücks Augen. Der nickte ihr beruhigend zu. Dann tagte er:
„Wenn meine Frau rechtzeitig zurück sein kann, ist es für uns selbst die größte Freude, wenn sie noch einige Tage in Ihrer uns sehr lieben und werten Gesellschaft verbringen darf. Doch meine
Frau reift morgen früh ab. Eine nahe Verwandte ist erkrankt."
„Das ist bedauerlich. Sehr? Aber vielleicht kann man es einrichten, daß man sich später noch einige Tage hat?" sagte die alte Dame liebenswürdig.
Lind ihr Gatte fügte hinzu:
„Da könntest du eigentlich in aller Ruhe nach Dresden reifen und im „Weißen Hirsch" bei Lah- mann deine Kur anfangen. Ich habe im Rheinland zu tun, und die vielen geschäftlichen Änge reiben dich mit der Zeit unnütz auf, während sie mir direkt Bedürfnis sind. Was meinst du?"
„Ja. das geht sehr gut. Länger als sechs Wochen brauche ich nicht zu bleiben, und während dieser Zeit kannst du sehr viel erledigen. Wir treffen uns dann eben nach diesen sechs Wochen hier alle vergnügt wieder."
„So wird's gemacht", sagte Mister Harrison vergnügt und hob sein Glas. Dann setzte er hinzu: ..Wir wollen auf die Schönheit unserer jungen Gastgeberin trinken, das ist mir zunächst auch ein dringendes ^Bedürfnis."
Hell stießen die Gläser aneinander. Fast silbern verhallte ihr Klang im "Zimmer.
Mit weit offenen Augen blickte Aenne in das Gesicht des hochgewachsenen Mannes, der sich über sie beugte. Wie die Schwingen eines geängstigten Vogels zitterten ihre Bretten Lider.
Der Mann aber faßte die kleine Hand, die den feinen geschliffenen Kelch hielt, und er drückte einen Kuß auf diese kleine Hand.
Dann saß man im Erker.
Doktor Ansbrück reichte Mistreß Harrison das seine, dunkelrote Zigarettenkästchen mit der japanischen Malerei. Dann gab er ihr Feuer.
„Lind du, Mausi?"
Sie zuckte, zusammen. War über sich selbst entsetzt.
War es ihr im Anfang nicht ganz leicht gefallen, diese — diese Rolle zu spielen? Weshalb wurde ihr nun auf einmal so ängstlich zumute?
Mister Harrison trank sehr oft sein Glas leer. Sehr oft! Die sanften Zurechtweisungen seiner Gattin fruchteten längst nicht mehr. Sie unterließ sie deshalb resigniert. Aber Mister Harrison blieb Kavalier auch in dieser Stimmung. Es lieh sich absolut nichts dagegen sagen. Aber es wurde fidel und immer fideler. Auch Aenne lachte einmal laut und herzlich, und wie gebannt blickte Doktor Ansbrück auf den schöngeschwungenen Mund, der ganz entzückende, kleine, spitze, schneeweiße Zähne zeigte.
Er selbst fühlte sich in einer solch behaglichen Stimmung wie seit langem nicht.
„Gnädige Frau", meinte Harrison begeistert, „singen Sie uns doch bitte, etwas! Ihrem Lachen nach fingen Sie wundervoll. Bitte, bitte, ich höre Gesang für mein Leben gern.“
(Fortsetzung folgt.)
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Für die Hinterbliebenen:
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In tiefer Trauer:
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Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme bei dem Heimgange unsrer lieben Entschlafenen, für die trostreichen Worte des Herrn Pfarrer Krämer und die zahlreichen Kranzspenden sagen wir auf diesem Wege unseren innigsten Dank.
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