Ur. 127 Erstes Via«
182. Jahrgang
Donnerstag, 2. Juni 1952
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General-Anzeiger für Gberhessen
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Chefredakteur
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Vohtih Dr Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.Tdyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschetn und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Das Kabinett von Papen.
Zentrum und Bayrische Volkspartei lehnen ab. — Keine parlamentarische Mehrheit für die neue Reichsregierung. — Am Dienstag Regierungserklärung im Reichstag. — Unverzügliche Auflösung des Reichstags und Neuwahlen.
Die Stellung der Parteien
Das Llrteil der presse
in den Eisenbahnwerkstätten des Eifenbahndirek- tionsbezirks Äöln. Bon 1911 bis 1914 war er als technischer Sachverständiger beim Generalkonsulat in Neuyork tätig, arbeitete 1914 bis 1916 bei den Eisenbahnformationen des westlichen Kriegsschauplatzes und hielt sich 1916 bis 1917 im Balkan
zwecks Reorganisation der bulgarischen Eisenbahnen auf. Später wurde er dem Feldeisenbahnchef im Großen Hauptquartier zugeteilt. Nach dem Kriege war er zunächst im Reichsverkehrsministerium tätig, vis er 1924 zum Präsidenten der Reichsbahndirektion Karlsruhe ernannt wurde.
Berlin, 1. 3uni. (TDIB.) « m 111 d). Der Herr Reichspräf ident hat Herrn Fran, von P a p e n zum Reichskanzler und auf dessen Vorschlag folgende Herren zu Relchmlnlslern ernannt:
den Botschasler Freiherrn von Reurafh zum Reichsminister des Auswärtigen,
das M.d. RR. Frei Herrn von Gayl zurn Reichsminister des Innern,
den Ministerialdirektor de» Reichsfinanzminifte- rium» Graf S ch w e r l n . tt r o f i g k zum Reichsminister der Finanzen,
Generalleutnant von Schleicher zum Reichswehrminister,
Reichsminister a. D. Professor Dr. w ar m bold zum Reichswirlschastsminister,
den Regierungspräsidenten a. D. Freiherrn von Braun zum Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, gleichzeitig zum Oft- kommissar,
den bayrischen Juslizminister Dr. G ü r t n e r zum Reichsminister der Justiz,
den Reichsbahndirektionspräsidenten Freiherrn Llh von Rübenach zum Reichspost- und gleichzeitig Reichsoerkehrsminister.
serner den Rcichrwirtschastsminister Professor Dr. Warmbold mit der einstweiligen Wahrnehmung der Geschäfte de» Reich»- arbeitsminister» beauftragt.
Die Vereidigung der neuen Minister erfolgt um 17.30 Ahr. 3m Anschluß daran tritt da» fia- binett um 18 Uhr schon zu feiner er ff en Sitzung zusammen.
Der Mittwoch hat auch bereit» Klarheit über die
Die Sozialdemokraten gehen in Opposition.
Berlin, l.Suni. (035)3.) 3m Anschluß an die sozialdemokratische Fraktionssihung im Reichstag gab die Fraktion solgende E klärung bekannt: Der Sturz der Regierung Brüning, der außerhalb des Parlaments durch unverantwortliche Ratgeber des Reichspräsidenten herbeigesührt worden ist, eröffnet eine außerordentlich schwere inner- und außenpolitische Krise. Die Art der Bildung und der Zusammensetzung der Reichsregierung ist gegen das Dolksinteresse und gibt keine Gewähr für die Aufrechterhaltung der Sozialpolitik, insbesondere der Rechte der Arbeitslosen. Desgleichen ist die Führung einer Außenpolitik gefährdet, die zu einer Wiederherstellung des Vertrauens und der notwendigen internationalen Zusammenarbeit führt. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ist ent- schloffen, gegen alle reaktionären Anschläge, gegen alle inflationistischen Experimente und gegen alle Angriffe auf die Verfassung und die Demokratie den Kampf zu führen, fiept der sich bildenden Regierung mit schärfstem Mißtrauen gegenüber und wird daraus alle parlamentarischen Konsequenzen ziehen.
Einstellung dc» Zentrum» und der Bayrischen votk»partei zur neuen Regierung gebracht. Die Erklärung, die das Zentrum abends veröffentlichte, und die Versagung des Reichspostministers Schätzet bestätigen die Auffassung, daß beide Parteien in strikter Opposition zum Kabinett von p a p e n treten werden. Daraus ergibt sich, daß die Reichsregierung keine Mehrheit im gegenwärtigen Reichstag hat. Die Fraktionsarithmetiker haben denn auch bereit» errechnet, daß rund 250 Abgeordnete — die Rechte — für die Regierung fein und 320 Abgeordnete einem Mißtrauensantrag ihre Zustimmung geben würden.
Unter diesen Umständen gilt e» seht al» sicher, daß der Reichskanzler, da sein Kabinett in diesem Reichstag über feine Mehrheit verfügt, voraussichtlich am Dienstag, im Anschluß an die Regierungserklärung das Auslösungsdekret ver- l i e st. Diese Lntwicktung ist nach Auffassung unter- richteker Kreise durch die Haltung von Zentrum und Bayrische Volkspartei zw a n g s I ä u f i g.
Auch Wechsel in der Reichskanzlei und der preffeabteilunq.
Berlin, 2.3uni. (ENB. Funkspruch.) Wie wir erfahren, wird Dbcrregierungsrat Dr. Planck als Nachfolger Dr. Pünders zum Staatssekretär der Reichskanzlei ernannt werden. Gleichzeitig wird auch die Ernennung des bisherigen Dirigenten der Presseabteilung Geheimrat Dr. von Kaufmann zum Leiter der Presseabtei- lung der R e i ch s r e g i e r u n g erfolgen. Ministerialdirektor Dr. Zechlin wird zunächst einen Urlaub antreten, bis er seinen neuen Posten als Gesandter in Rio de Janeiro übernimmt
Sicherung der Wahrung
Berlin, 2.3uni. (WTB. Drahlrnridung.) Der Reichskanzler von Popen wird heute mittag eine Unterredung mit dem Reichsbankpräsiden t e n Dr. Luther haben. Bei dieser Gelegenheit soll die an und für sich bereits bestehende Uebeteinftimmung zwischen der neuen Regierung und der Rcichsbank darüber konstatiert werden, daß auchunterderneuen Regierung die deutsche Währung in keiner weife gefährdet werden wird.
Neue Namen.
Ter neue '.Hcid)6crnäl)runqemini)tcr wurde 1878 in Neucken geboren. Nach Abschluß seiner juristischen Studien wandte er sich zunächst der Verwaltungslaufbahn zu. 1915 berief ihn Minister v Delbrück in das Reichsamt des Innern, wo er zunächst unter Holfscrich als Pressechef tätig war. 1917 wurde er Ministerialdirektor und Pressechef in der Reichskanzlei, war sodann als Hauptmann der Reserve in Rußland Leiter der politischen Abteilung der Militärverwaltung in Wilna und kam als Geheimer Regierungsrat und Vortragender Rat in das Ministerium des Innern. Später wurde er zum Regierungspräsidenten in Gumbinnen ernannt Seit bem 12. Januar 1926 ist er Generaldirektor der Deutschen Raiffeisengenossenschaft.
Rctchomiuislcr Freiherr lilfc v. Rüvcnach ber bis jetzt das Reichsbahnbirektorium in Karls- ruhe inne hatte, wurde 1875 geboren. Er studierte Maschinenbau und arbeitete bann ein Jahr praktisch
Nationalismus gehe es nicht um Parteimachtstellung, sondern um den Wiederaufbau von Nation, Staat, christlich-ideeller Weltanschauung jchlechthin.
Die .D A 3“ (gern. Rechte» bedauert eS, daß eS nicht möglich war, die R S D A P. gleich jetzt in politische Verantwortung mit cinzubeziehen. Aber eS könne doch nicht geleugnet werden, daß daS Kabinett v. Papen wenigstens einen ersten Schritt auf diesem Weg bedeute. Diesen Kräften den Weg bereitet zu haben, damit daS gestörte Gleichgewicht im Leben der Rationen wieder hergestellt werde, das sei ein Verdienst des Reichspräsidenten und des Sjerrn von Pnpen. — Die »Deutsche Zeitung" (alldeutsch) schreibt u. a„ das Verhalten deS Zentrums und der Bayerischen VolkSpartci fei durchaus geeignet, die Lage zu vereinfachen. Bei der Auslosung deS Reichstags werde sich Herr v. Papen darauf berufen können, daß der heutige Reichstag dem Willen der Wählerschaft nicht im entferntesten mehr entspreche und daß die völlige Bereinigung der politischen Lage das dringende Gebot der Stunde, ja überhaupt erst der Anfang wirklicher nationaler Politik sei. - Der »Vorwärts" (soz.) lagt, der Reichspräsident befände sich offenbar unter dem Einfluß von Männern, denen wenig daran liegt, auch fein persönliches Ansehen au schädigen, wenn sie dabei nur zu ihren eigenen Zielen gelangten. Der .Vorwärts" veröffentlicht einen Kampsausruf des Parteivorstandes der SPD. gegen das Kabinett, in dem zum erstenmal seit 1918 die Arbeiter. Angestellten und Beamten, ganz gleich welcher Richtung, ohne Vertretung geblieben seien.
FafiH,7MilliardenKehlbetrag im Reichshaushatt 1931.
Die tentividltinfl der Neichöfinanzen im Rechnungsjahr 1931.
Berlin, l.Junl. (WTB.) Nach Mitteilung des Reichsfinanzministeriums war am Ende des Rech- nungsjahres 1930 im Ordentlichen haushalt e i n Fehlbetrag von 1190 Millionen Mark vorhanden, von dem im Rechnungsjahr 1931 durch die außerordentliche Schuldentilgung 4 2 0 Millionen Mark abgeöerft worden sind. Das Rechnungsjahr 1931 bleibt somit mit einem Fehlbetrag aus 1930 in höhe von 770 Millionen Mark belastet, wozu ein neu entstandener Fehlbetrag von 449,1 Millionen Mark tritt, der sich aus einer Mindereinnahme von 115,7 und einer Mehrausgabe von 333,4 Millionen Mark zu- sammensetzt.
Im Außerordentlichen haushalt betrugen im Rechnungsjahr 1931 die Einnahmen 21,7 und die Ausgaben 178,7 Millionen Mark. Die Ausgaben überfliegen also die Einnahmen um 151.6 Millionen Mark. Einschließlich früherer Fehlbeträge fehlte Ende 1931 beim Außerordentlichen haushalt noch Deckung für insgesamt 47 0,9 Mil- I i o n en M a r k. Da in absehbarer Zeit m i t einer Anleihe, bei der dieser Betrag in Rest zu stellen gewesen wäre, in dieser höhe nicht gerechnet werden kann, ist der gesamte Fehlbetrag des Außerordentlichen Haushalts Ende 1931 auf den Ordentlichen haushalt übernommen worden, so daß sich ein Gesamtfehlbetrag von 1 690,0 TtiHionen Mark für den Schluß des Rechnungsjahres ergibt, der nach den Vor- schriften der Reichshaushaltsordnung im Jahr; 1933 abzudecken ist, wenn nicht etwas anderes bestimmt wird.
Adolf Hitlers Einnahmen.
München. 1. Juni. (WTB ) Die Nationalsozialistische Parteikorresponden; veröffentlicht eine Erklärung von Rechtsanwalt Dr. Frank II, die sich mit einem Artikel der Siegener Volkszeitung vom 31. Mai über „Adolf Hitlers Einnahmen" befaßt. In der Erklärung heißt es, es fei unwahr, daß Adolf Hitler vom Verlag Franz Eher Nachf. in München jährlich 240 000 Mark beziehe. Adolf Hitler lebe von feinen Bücher- und Schrift- ft ellerhonoraren, die nur einen Bruchteil der genannten Summe ausmachen. Unwahr fei es, daß Adolf Hitler aus Derfammlungseinnah- men jährlich 200 000 Mark erhalte. Er decke seine Versammlungsreisen aus seinen persönlichen Bücher - und Schrift st ellerhono- raren und gebe davon noch so weit als möglich für Parteizwecke ab. Unwahr sei, daß Adolf Hitler als ..Parteifunktionär" ein Gehalt von jähr- Ich 18000 Mk. erhalte. Adolf Hitler beziehe überhaupt keinerlei Einnahmen von dec Partei. Unwahr sei. daß Adolf Hitler außerdem noch das Gehalt eines Regierungsrates beziehe. Sein gesamtes Gehalt lasse Adolf Hitler der Braunschweigischen Staatsbank zur Verteilung an ausgesteuerte Erwerbslose üderwei- s e n. Unwahr sei. daß Adolf Hitler vom Berliner Hotel ,Kaiserhos" für einen lOtägigen Aufenthalt eine Rechnung von annähernd 5000 Mark aus- fiefteUt wurde. Wahr fei, daß diese von der Permer Wochenschrift Welt am Montag veröffentlichte Rechnung eine Fälschung darstelle.
Berlin, 2. Juni. (ENB.) Die Ernennung des Herrn v. Papen zum Reichskanzler wird von den Blättern ausführlich besprochen. Die „Germania" (Zentr.) schreibt u. a.: „Wenn auch das Kabinett von Papen, falls es zustande kommt, ausdrücklich als ein Uebergangskabinett zu bezeichnen fein wird, das durch eine Neuwahl die endgültige Klärung mit allen politischen Konsequenzen herbei- führen (oll, so wird es doch immer mehr fraglich, ob es selbst für diese sachlich und zeitlich beschränkte Mission eine kurzfristige parlamentarische Unter- stützung finden wird. In weitesten politischen Streifen wird sehr stark die Tatsache empfunden, daß in der sachlichen Entwicklung der Reichspolitik e i n Bruch eingetreten ist, und man hält ein lieber- gangskabinett nicht für geeignet, dieser Sachlage Rechnung zu tragen. Die ungeheuren Aus- Waben, vor denen die deutsche Politik innen und ußen steht, die durch den höchst unzeitigen Aus- bruch der Krise verhängnisvoll erschwert worden sind, vertragen keine irgendwie gearteten Zwischenlösungen. Ueberall wird deshalb der Wunsch nad) einer sofortigen Klärung laut, die es ermöglichen würde, denen die volle Verantwortung zukommen zu lassen, die zum Erwerb der politischen Macht a u f d i e Krise bingewirkt haben. Die Tatsache der Neuwahl ist ohnehin sicher, wenn auch der von dem neuen Kabinett etwa beabsichtigte Zeitpunkt noch völlig im Dunkeln liegt. Bei dieser »achlage dürfte es sich tatsächlich nicht empfehlen, die unvermeidliche Entscheidung des Volkes durch ein länger amtierendes Uebergangskabinett zu verzögern und noch nicht zu überwindende Entwicklungen zu belasten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich diese stari hcroortretende Tendenz zu rascher Entscheidung auch
infofern durchsetzt, als das neue Kabinett, falls es überhaupt noch vor den Reichtag treten sollte, dort sofort gestürzt wird und in Konsequenz dieser Tatsache die Ausschreibung von Neuwahlen u n - verzüglich erfolgt.
Der nationalsozialistische „Anarisf schreibt: Trotz seiner antimarristischen Abstempelung trägt das Kabinett den Charakter eines lieber- ganges sichtbarlich an sich. Bei seiner Bildung muhte rasch gehandelt werden, einmal, weil ja das Reich nicht ohne amtliche Vertretung den noch in diesem Monat fälligen Ereignissen der Lausanner Konferenz ent- gegensehen konnte, und zum zweiten, weil der Reichsetat, der noch vollkommen in der Luft hängt, bearbeitet und bereinigt werden muß. Diese Aufgaben wird das neue Kabinett vor allem zu lösen haben. Tritt es dem Reichstag Gegenüber, um sich ein Vertrauensvotum zu holen, o ist es von der Einstellung und Haltung der NSDAP, abhängig. Es_wird sich zeigen, ob das Kabinett sich dessen im Sinne der nationalsozialistischen Mindestforderungen bewußt ist.
Der „I a g" (deutschnatl.) schreibt, das neue Kabinett sei nicht unterbaut durch eine parlamentarische Mehrheit, es ruhe auf dem Autoritätsbegriff Hindenburg und auf dem Funda- ment der deutschen Wehrmacht, das vielleicht die einzige feste Stütze in dem Wirrwarr unterer Tage bilde. Die Aufgabe der nationalsozialistischen Bewegung gegen die marxistische Novem- berfront und was sich chr anschließe, aus den Bezirken der Demokraten und des Zentrums, sei für die kommenden erbitterten Wahlkämpfe gegeben. Aus dieser Aufgabe folgere sich die Haltung zu der neuen Regierung selbst. Denn für den deutscher
Der Fraktionssitzung war bereits eine Beratung des Fraktionsvorstandes vorange gangen. Da Reichskanzler Dr Brüning, auf dessen Teilnahme an der Sitzung der Vorstand Wert legte, infolge der Ereignisse der letzten Tage leicht erkrankt war, fand die Dorstandssitzung in der Reichskanzlei statt. Wegen der Indisposition von Dr. Brüning konnte dieser auch Herrn von Papen nicht persönlich empfangen, der heute vormittag in der Reichskanzlei er- schienen war und dann eine Unterredung mit Staatssekretär Dr. Pünder als Vertreter Dr. Brünings hatte.
Auch dieBaynscheDolküpartei lehnt ab.
Die Fraktionssitzung der Bayrischen Volks- Partei endete mit der Verkündung folgender Erklärung: Die Reichstagsfraktion der Bayrischen Volkspartei nahm einen ausführlichen Bericht des Fraktionsvorsitzenden über die gesamtpolitische Lage entgegen. Nach eingehender Aussprache wurde als einmütige Auffassung der Fraktion festgestellt, daß für ein Mitglied der Bayrischen Volkspartei eine aktive Beteiligung an einem lieber- gangskabinett von Papen nicht in y rag e kommt. Der bisherige Reichspostminisuu: Dr. Schäkel hat die Aufforderung, in das Kabinett von Papen einzutreten, abgelehnt.
Das Zentrum lehnt die Zwischenlösung ab.
Scharfe Erklärung zum Lturz Brünings.
Berlin, 2. Juni. (DDZ.) Die Zentrumsfraktion des Reichstages nahm folgende Kundgebung an:
Die Zentrumsfraktion hat eingehend Berichte über die neugefchaffene politische Lage entgegengenommen. Die Vorgänge der letzten Tuge, die zum Rücktritt des Kabinetts Brüning geführt und im Lande stärkstes Befremden hervorgerufen haben, fanden einmütige und schärfste Verurteilung. Unmittelbar vor zielsicher vorbereiteten internationalen Verhandlungen haben leichtfertige Intrigen oersassungsunverant- wörtlicher Personen hoffnungsvolle Linien einer in großen Zusammenhängen eingeleiteten nationalen Ausbaupolitik j ä h unterbrochen und den wirl- chastlichen und sozialen Existenzkampf aller Krup- >en des deutschen Volkes wesentlich c r • ch w e r t.
Die Deutsche Zentrumspartei hat im Laufe der Geschichte immer wieder unter Selbstaufopferung politische Verantwortung übernommen und getragen. Sie hat es getan im Zeichen eln?? christlich- nationalen Staatspolitik und einer moralischen Auffassung des öffentlichen Lebens. Indem wir uns erneut zu diesen staatspolitischen Grundlagen de- kennen, verwerfen wir das monatelang geübte System unkontrollierbarer Treibereien und erklären, daß wir für alle hieraus sich ergebenden Erschwerungen unserer inneren Lage und äußeren Möglichkeiten jede Verantwortung ablehnen.
Das mit dem Kabinettssturz unterbrochene außen- und innenpolitische Gesamtwerk soll nunmehr p o - litischen Experimenten ausgesetzt werden. Weil die Parteikräfte der Opposition sich wei- gern, politische Verantwortung mitzuübernehmen, werden Zwischenlösungen angestrebt. Solche Verlegenyeitslosungen sind keine „nationale Äon- xentration". Sie böten auch keinerlei Bürgschaft für Die Fortführung einer Außen- und Innenpolitik, wie sie die Zeitumstände gebieterisch verlangen.
In einem Augenblick schwerster politischer Beunruhigung und politisch ungeeigneter Versuche hält es die Zentrumsfraktion für ihre Pflicht, eine Gesamtpolitik zu fordern, in der nationale Freiheit und Gleichberechtigung, entschlossener Kamps mit dem Kernproblem, der Arbeitslosigkeit, Sicherung unserer Währung, Erhaltung selbständiger Existen- zen in Handwerk, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft, die Gewährleistung sozialer Grundrechte und Fürsorgemaßnahmen und volkstümliche Siedlungs- Politik Wesensbestandteile sind. Aus solcher lieber» zeugung heraus lehnt die Zentrumsfrak» tion die Zwischenlösung ab.


