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182. Jahrgang
Dienstag, November 1932
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und;ür ben Anzeigenteil i. V. TH.Kümmel sämtlich m (Biegen.
Abrüstungsberatung im englischen Kabinett.
Deutschlands Mitwirkung bei der Abrüstung wird als dringend erwünscht angesehen — Will man jetzt ernstlich abrüsten?
London, 31. Oft (1.1L) Das Kabinett ist heute vormittag zusommengetrelen. um besonders die Frage der A b r ü ft u n g zu prüfen. Die 5if$ung dauerte viele Stunden Es handelte sich darum, Klarheit über das englische vorgehen beim wieder- zusammentritt des allgemeinen Büros der Abrüstungskonferenz zu beginnen. Ls verlautet, dah die militärischen Fachmini st er die Stellungnahme der Armee, 2TI a - eine und Luftstreitkräfte sehr stark zum Ausdruck gebracht haben und dah die Erörterung sich zum grohen Teil darum drehte, diese Forderungen in Uebereinstimmung mit den politischen Zielen und wünschen zu bringen, weiter wurde aus die Gefahren aufmerksam gemacht, die sich ergeben könnten, wenn die Abrüstungskonferenz ohne deutsche Mitarbeit einen Abrüstungsentwurf fertigstellcn und ihn dann Deutschland zur Annahme oder Ablehnung vorlegen würden. Ls bestand Uebereinstimmung dahin, dah die Mitarbeit Deutschlands an der Fertigstellung eines Abrüstungsentwurfes dringend erwünscht sei, und es wurde erwogen, ob durch eine Art Erklärung, in der der Wille der Mächte zu ern st Hafter Abrüstung zum Aufdruck kommt, eine Heranziehung Deutschlands erleichtert werden kann.
Der französische plan stand ebenfalls zur Erörterung, obwohl man darüber einig war, dah eine endgültige Stellungnahme erst erfolgen kann, wenn nähere Einzelheiten, insbesondere Zahlenangaben vorliegen und wenn die französischen Ziele hinsichtlich der See. und Luflabrüstung bekannt sind.
R.cht für England gültig?
London, 31. Ott. (WTB.) Der Pariser Ko respondent der ..Times" schreibt, aus näheren M tte. hingen von unterrichteter Seite gehe hervor. dah der neue französische Ab - rüstungsplan s;ch nicht aus Groh- britannien beziehe sondern nur aus die Armeen der Länder des Kontinents. Großbritannien werde nicht aufgefordert werden. de Dienstpflicht einzuführen oder die jetzige Organisation seiner Armee in irgendeinem Punkte zu ändern. Auch würden in dem Plan Grohbritannien keine Verpflichtungen auf- erlegt, die übe. die Verpflichtungen des Locarnovertrags hinausgingen. Die einzige neue Forderung. die gestellt werde, sei, dah Groh- britannien mit e nem System internationaler Untersuchung und Kontrolle durch den Völkerbund sein Einverständnis erklären solle. Die Abstimmung in der fran- zös schen Kammer sei tatsächlich der Anfang einer Revision der Friedensverträge durch Frankreich.
Kritische Randnoten der Londoner presse
Conbon, 31. Oft. (TU.) Die Londoner Presse Hai den französischen Ab rüstungsplan ruhig und ohne Zeichen einer besonderen Vegei- stcrung ausgenommen. Sie erhebt gegen eine De he von Vorschlägen ernste Einwendun- 0 _2im«8" sagt: Eine endgültige Antwort könne jetzt noch nicht gegeben werden, da tue Einzelheiten erst später bekannt würden. Die französische Absicht bezüglich des Artikels 16 mühte zu umfangreichen Erörterungen führen, da dieser Artikel wegen der automatischen Sanktionen den englischsprechenden Ländern stets besonders zuwider geweseü sei. Gegen die zwangsweise Schiedsgerichtsbarkeit und die internationale Untersuchung von nationalen Rüstungen werde man jedoch keine besonderen Einwände finden.
Da Deutschland keine Kolonien besitze, werde die Frage der Reich^wchr zu Schwierigkeiten führen,
aber im Hinblick au| Deutschlands Wunsch nach einer Miliz ergäben sich Aussichten für einen Ausgleich. Deutschland könne nicht erwarten, dah die übrige Welt sich damit abfinde, dah es sowohl ein auf der allgemeinen Dienstpflicht beruhendes Heer, als auch ein Berufsheer habe. Man müsse sich bewußt fein, dah kein Abrüstungsplan Erfolg haben könne, der die starken Desorg- nisse der meisten europäischen Ländern um die Erhaltung des Status quo gegen gewaltsame Störungen unberücksichtigt lasse.
..Daily Telegraph" bemerkt, es bestünde Tesorgnis. dah das System der regionalen Abmachungen Verhandlungen über Aenderungen des territorialen Besitzes verhindern könnten.
Die Deverbrook-Presse hebt hervor: Frankreich habe seinen Fehler erkannt, Deutschland eine De» russarmee aufzuzwingen. Es gleiche dem Fuchs, der seinen Schwanz in der Falle verloren habe und nun eine Konferenz einberufe und Vorschläge, dah alle Fuchse ihre Schwänze abschneiden sollen.
Die gegenwärtige Lage in Europa sei auf die Tatsache zurückzuführen, dah Frankreich den
polnischen Korridor erhalten wolle. Das englische Volk werde niemals zugeben, dah fein Heer und seine Flotte Hilfsdienste für polen leisten.
Das Blatt fordert daher die Kündigung des Locarno-Vertrages durch England.
„Hauplpfeiier des Weltst edens" Eine Unterredung mit Reichskanzler von Papen.
Paris, 31.Ott. (TU.) Die Agentur „Havas" veröffentlicht den Inhalt einer Unterredung, die Reichskanzler von P a pe n dem europäischen Vertreter der in Buenos Aires erscheinenden
„Racion" gewährte. Der Reichskanzler bezeichnete die französisch-deutsche Annäherungspolitik als ' en Hauptpfeiler des Weltfriedens.
Die Beunruhigung Frankreichs angesichts der angeblichen militärischen Vorbereitung der deutschen Jugend sei unbegründet, denn die deutschen militärischen Organisationen seien nichts anderes, als die amerikanische Legion oder die französische Vereinigung ehemaliger Kriegsteilnehmer. Er halte eine deutsch-französische Verständigung für wünschenswert und möglich.
Während der letzten Jahre sei es gelungen, eine ganze Reihe heikler Fragen, wie die Rheinland
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Unter dem Vorsitz des französischen Staatspräsidenten Lebrun fand in Paris im Elysee eine neue Sitzung des Obersten französischen Kriegsrates skat., um eine Einigung zwischen Kriegsminister Paul- Boncour und den militärischen Sachverständigen über den viel erörterten und in Frankreich leiben- sckaftlich umstrittenen Sicherheits- und Abrüstungsplan zu erzielen, der bekanntlich Deutschland die Einführung des Milizsystems an Stelle der Reichswehr anbietet. — Unser Bild zeigt die Mitglieder des Kriegsrah beim Verlassen bes Elysee. Von links nach rechts: Marschall Pelain, ber frühere Oberbefehlshaber ber französischen Armee; Ministerprasibent Herri ot: Kriegsminister Paul-Boncour.
Groener über das Milizsystem.
Gedanken des früheren Heichswehrministerö zu Herriots plan.
Re uy or k, 31. Oft. (ERB.) In einer Unterredung mit dem Chefkorrespondenten der Associated Preh gab Reichsweh.Minister a. D. G r oe- ner der Ansicht Ausdruck, dah Herr i ot s s o- genannter Milizvorschlag eine ganz neue Situation in der internationalen Abrüstungsdiskussion geschossen habe, — eine Situation, deren sich Deutschland und die anderen Rationen bemächtigen sollten, um aus der Sackgasse, in der sich die Abrüstungsdiskussion befindet, herauszukommen.
Reichswchrminister a. D. Groener führte u. a. aus; Die bisherigen Genfer Beratungen haben keine brauchbare Grundlage für eine Verständigung gebracht. Solange man ein Abrüstungssystem au| Waffenkategorien und Terminologie bauen will, ist man aus dem Holzwege. Etwas neues oder grundsätzlich anderes muhte gesunden werden. Vielleicht hat Herriot, indem er aus die Ideen, die Immanuel Kant bereits 1795 ' in seinem Werl über den Ewigen Frieden entwickelt hat, zurückstriff, dieses grundsätzliche Reue für bie Genfer Beratung geschaffen. Ich habe mich der Frage der Miliz viel gewidmet und bin ein R n Hänger bet M i l iz. Während viele Militärs die schweizerische Miliz über die Achsel ansehen, halte ich diese für ein brauchbares Instrument der Defensive.
herriots Vorschlag kann jedoch nur bann als praktisch erachtet werden, wenn er zwei Voraussetzungen erfüllt: Erstens keine Ausnahme darf für irgendwelchen Staat gemacht werden; zweitens die Wehrpflicht muh eine allgemeine sein in jedem Land.
Wenn ich also mich für die Miliz einsehe, so hin ich mir anderseits ber Rachteile biesesSystems voll bewuht, und ich bin auch nicht so töricht, zu glauben, dah burch seine allgemeine Einführung der Frieden absolut gewährleistet werden kann. Schließlich ist ja der Landkrieg heute längst nicht so entscheidend, wie er selbst zu Beginn des Weltkrieges war. Der Luftkrieg wird der
entscheidende Krieg der Zukunft fein, und da sehe ich, offen gestanden, noch nicht, auf welcher Basis man sich verständigen kann.
Auf die Frage, was er mit den Rachteilen des Milizsystems meine, erwiderte der General: Es ist nicht leicht, das Milizsystem den geo- graph schen Verhältnissen der verschiedenen Länder anzupassen. Das Milizsystem ist am besten einem Lande w e die Schweiz angepaht, dessen Gebirge einen natürlichen Defensivwall bilden. Man muh sch übrigens immer vor Augen halten, dah die Miliz die Verfassung der Defensive ist und sich nicht zur Offensive eignet. Frankreich könnte le cht das Milizsystem einführen, denn n cht nur hat es den natürlichen Schuh der Gebirge und Meere sondern es hat auch die Lücke, welche die Ratur zw schen Strahburg und Luxemburg gelassen hat durch einen Gürtel von Festungen geschlossen
Es i" selbstoerstänblich, bah es Deutschland, bas keinen selben günstigen natürlichen Grenzschutz besitzt, erlaubt sein mühte, Defensivfestungen ba zu errichten, wo biese notwenbig sinb.
Das M.hziystem kann nach Ansicht Groeners nicht quasi über Rächt eingeführt werden, sondern muh in Etappen verwirklicht werden. Was Herriots Idee einer internationalen Militärkontro11 e anbetrifft, so wies Groener daraus hin, dah Deutschlands Erfahrung mit der Interalliierten Kontrollkommission nicht glücklich war, dah diese zu einer „Schnüffel- kommission" wurde, die sich auf die übelsten Elemente, nämlich Landesverräter, für ihre Informationen stützen muhte. Wenn jedoch, so schloß Groener, die internationale Kommission so zusammengesetzt ist, dah die Delegierten der verschiedenen Länder offen in etwa derselben We se ihre Ansichten darlegten, wie es die Präsidenten der Zentralbanken in Basel tun, so könnte ich mir denken, dah viel Gutes aus einer solchen Einrichtung entstehen könnte.
räumung und die Reparationen zu lösen, und er sehe nicht ein, weshalb man nicht auch zu einer Regelung der Gleichberechtigungsfor- be r u n g Deutschlanbs gelangen sollte. Er könne nicht glauben, bah Frankreich, das immer wieder von Menschenrechten spreche, Deutschland bie gleichen Rechte verweigern werde. Eine Verständigung mit Frankreich über diese grundsätzlichen Fragen könne nicht unmöglich sein.
Amerika günstig gestimmt.
Aber keine Waffentzilfe.
Washington, 31. Ott. (WTB.) In Bestätigung ber vorgestrigen Melbung über den günstigen Eindruck, ben ber Plan Herriots hier gemacht habe, erklärte heute Unter- staatssekretär Castle, bah der Eindruck hier „sehr freundlich" sei und der Plan mit Erleichterung und Befriedigung begrüht worden sei. Die amerikanische Regierung hoffe, bah der neue französische Plan die Basis zu Verhandlungen zwischen den europäischen Kontinentalmächten bilden werde. Er passe gut zum Hooverplan, und aus einer Kombination dieser beiden Pläne werde sich — so hoffe man hier zuversichtlich — eine allgemeine Herabsetzung der Rüstungen entwickeln. Amerika sei gern bereit, seinen Teil zur Sicherung Frankreichs bei- i u t r a g e n, soweit dies nicht durch Waffengewalt zu erfolgen brauche und sofern sich Frankreich mit Stimsons Interpretation des Kellogg-Paktes als hinreichende Garantie begnüge. Dem Anschein nach sei Frankreich hiermit zufrieden, und damit sei ein weiteres, bisher schwer überwindlich scheinendes Hindernis weggeräumt.
Französische Zwischenbilanz.
Die Stellungnahme gegenüber Deutschland.
Paris, 31. Ott. (TTl.) In französischen politischen Kreisen hat man mit Spannung auf den Widerhall gewartet, den der französische Sicherheits- und Abrüst u n g s p l a n bei den Großmächten finden würde. Die Stellungnahme Amerikas, sowie die ersten Eindrücke in London und Berlin sind hier mit Genugtuung ausgenommen worden. Der dem Quai d'Orsay nahestehende „Temps" entnimmt dem internationalen Echo, bah man bie Aufrichtigkeit anerkenne, mit der Frankreich sich um die Lösung der heiklen Frage ber Rüstungseinschränkung bemühe. Besonders zufriedenstellend sei bie Tatsache, dah diese günstige Aufnahme sich selbst auf solche Länder ausdehne, in denen man den französischen Vorschlägen sehr zurückhaltend gegenüberstehe. Wenn man auch die ersten Eindrücke mit Vorsicht aufzunehmen habe, so sei es am Vorabend der Wiederaufnahme der Genfer Besprechungen doch be» grühenswert, dah man im Ausland die Rede des Ministerpräsidenten so auffasse, wie sie wirklich gemeint gewesen sei.
Denn in Deutschland die Neuordnung des Militärdienstes zunächst besonders beachtet werde, da man darin einen ersten Schritt auf dem Wege zur Abschaffung der Versailler Militärklauseln sehe, so werde man abwarten müssen, bis die Reichsregierung auch in den übrigen Punkten, vor allem zu dem Regionalab- kommen, Stellung genommen habe, die den Locarnovertrag ergänzen sollten. Diese würden bestimmt gewisse Einwendungen hervorru'en. Man dürfe sich jedoch in Berlin keinen Illusionen Über die weitere Tragweite der französischen Vorschläge machen, was Frankreich Vorschläge, sei ein Ganzes, in dem die Vereinheitlichung des Mititärsystems mit den Sicherheitsformeln eng verbunden fei. Ls wäre ein Irrtum, zu glauben, dah man Frankreich Zugeständnisse entreißen könnte, ohne als Gegenleistung die geforderten Garantien zu geben.
Das „Journal des Debats" bezeichnet es als einen Grundfehler des Planes, bah man alle Armeen gleichmäßig gestalten wolle, um bie Au gäbe ber Abrüstungskonferenz zu erleichtern. Man gewähre dadurch Deutschland die Gleichberechtigung, bie man lange ab» gelehnt habe, und gebe hierfür feine andere Begründung als lediglich die Bequemlichkeit der Berechnung, die ein einheitlicher Typ bieten würde. Lieser geringe Vorteil scheine teuer bezahlt zu sein. Unglücklicherweise fei aber bas grundsätzliche Zugeständnis bereits gemacht, und zwar ohne jede Gegenleistung und ohne jede Hoffnung auf eine solche.
Um die Abrüstung zur Gee.
Washington, 31. Oft. (WTB. Reuter.) Der amerikanische Beobachter auf ber Abrüstungskonferenz Rorman Davis, der vor kurzem eine Fühlungnahme mit ber englischen Regierung hatte, berichtete heute bem Staatsdepartement, bei seinen Besprechungen mit Macbonald und den anderen Mitgliedern des britischen Kabinetts sei kein Versuch gemacht worden, ein definitives Flotten abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und England auszuarbeiten. Er erklärte aber, die Atmosphäre der Besprechungen sei ganz ausgezeichnet gewesen, und er glaube, hoffen zu können, baß die Vereinigten Staaten unb Großbritannien ihre Divergenzen über Tonnagesragen in befriedigender Weise erledigen werden.


