Severmg spricht in Frankfurt.
Frankfurt a. M, 1. Nov. (Lpd.) In einer riesigem Kundgebung der Eisernen Front in dem größten Saale Frankfurts sprach der Preußische Innenminister Dr. S e v e r i n g. Er wies darauf hin, daß er vor zwei Jahren auf der Fahrt zu einer Kundgebung nach Frankfurt erfahren habe, daß er zum Preußischen Innenminister ernannt worden sei, während ihn heute unterwegs die Kunde erreicht habe, daß er durch den früheren Essener Oberbürgermeister ersetzt worden wäre. Er lehne es ab, inr Einzelnen auf diese Vorgänge, sowie auf die Entscheidung des Staatsgerichtshofes einzugehen, da er erst die Stellungnahme seiner Kollegen abwarten wolle.
Wenn sich die heutige Regierung als ein Kabinett der nationalen Konzentration bezeichne, so sei das abwegig, da in ihm die Vertreter der Bauern, Arbeiter und Angestellten fehlten. Papen sei der Garant dafür, dem Staat, den die SPD. in der Hauptsache geschaffen habe, den Wohlfahrtscharakter zu nehmen. Zwar wußte er, Seoering, sehr wohl, daß ein Staat sich in der Rot zur Decke strecken müsse, doch müsse es erbittern, wenn man diese Maßnahmen damit begründe, daß man dem Staat seinen Wohlfahrtscharakter nehmen wolle. Wenn man glaube, der Wirtschaft dadurch zu helfen, daß man Soziallasten und Löhne kürze, so zeige sich heute schon das Gegenteil, da jede Einkommensverschlechterung der breiten Dolks- massen eine Kaufkraftoerminderung mit sich bringe. »
Bezüglich der Verfassu n g sreform er. klärte der Redner, daß neben der Rot des Leibes nun auch noch die der politischen Entrechtung des Volkes komme, auf die Dauer aber, so glaubte er Papen warnen zu müssen, sei mit Bajonetten ein Volk nicht zu regieren. Die Regierung möge den Dogen nicht überspannen. Die Hinden- burgwahl bereue er nicht, denn ohne Hindenburg sei ein 13. August nicht möglich ge. wesen. Wenn sich Papen aber dauernd auf Hm- denburg berufe, so sei ihm $u erklären, daß dieser nicht alle falschen politischen Maßnahmen decken könne.
Sodann setzte sich der Redner mit dem Ratio- nalsozialismus auseinander, der an seiner Demagogie zugrunde gehen würde. Dem „neuen Demokraten Hitler" könne man aber erst recht keinen Glauben schenken. Die Rationalsozialisten seien nur zu gerne bereit, baldigst wieder in das echt faschistische Fahrwasser zu steuern. Auch die Deutschnationalen hätten nichts dazuge- lernt. Bezeichnend für sie sei es, daß sie in der heutigen Rotzeit wieder ihre monarchistischen Pläne erörterten. Am Schluß zog Dr. Sevemng eine bemerkenswerte Trennungslinie gegenüber den K o m m un i st e n, die bei ihrer gewissenlosen und demagogischen Kampfesweise keine geeigneten Bundesgenossen für eine Einheitsfront seien. Die wahre sozialistische Einheitsfront bestünde innerhalb der „Eisernen Front". Wie die SPD. in früheren Jahren mit den Spaltungen fertig geworden sei, so werde sie auch mit den Spaltungen im Jahre 1932 fertig werden.
Gtaatsminister Dr. Schreiber in Stettin.
Stettin, 1. Nov. (TU.) In einer Kundgebung der Deutschen Staatspartei sprach am Montag der preußische Staatsminister Dr. Schreiber. Bei der Wahl handle es sich einmal darum, ob das Volk sich seine Rechte und Freiheiten nech men lassen wolle, und zum anderen, ob wir durch eine folgerichtige Politik der W i r t s ch a f t s n o t und dem Arbeitslosenelend ein Ende bereiten, oder ob wir die Zukunft des Volkes durch abenteuerliche Experimente aufs Spiel setzen wollten. Bei der V e r f a s s u n g s r e f o r m handele es sich darum, das deutsche Volk durch Aenderung des Wahlrechts und Aufbau feiner politischen Vertretung so einzuschalten, daß seine starken Kräfte
politisch voll wirksam werden könnten. Das Ziel müsse sein, die Schaffung einer auch dem Volk verantwortlichen Staatsführung und ihre Kontrolle durch dessen Vertretung. Die Beseitigung des Dualismus Preußen- Reich sei ein erstrebenswertes Ziel. Freilich seien die Methoden des Reichskanzlers unglücklich. Es wäre eine Erschütterung des Rechtsgefühls, wenn jemand den Spruch des Staatsgerichtshofes nicht feinem Wortlaut und seinem Geiste nach respektieren wollte. Der Rechtsgedanke müsse auch in der Wirtschaftspolitik stärker zur Geltung kommen. Zu begrüßen seien Maßnahmen der Regierung zur Ermutigung der Unterneh- m e r. Die Wirtschaft brauche zu ihrer Gesundung endlich politische Beruhigung. Die Kontingentierungspolitik der Reichsregierung könne die Kaufkraft des Volkes nicht heben. Es müsse alles geschehen, den Kredit zu verbilligen. Das Kardinalproblem bleibe aber die Ueberrvindung der Arbeitslosigkeit. Arbeitsbeschaffung im weitesten Sinne sei notwendig
Der würtiembergische Staatspräsident zur Lage. Berlin, l.Rov. (ERB.) Die „Vossische
Zeitung" veröffentlicht heute einen Artikel Les württembergischen Staatspräsidenten Dr. Bolz, der als erster auf der „Wahlkampftri- büne" des Blattes zu Worte kommt. Unter dieser Spitzmarke sollen führende Vertreter der Gruppen in dem Blatt Gelegenheit zur Meinungsäußerung haben, die sich „zur Verfassung als dem Grundgesetz der Ration" bekennen.
Staatspräsident Dr.Bolz schreibt unter der Lieberschrift „Keine Experimente" u a.: Wer sich ernsthaft mit den politischen Aufgaben und ihren Lösungsmöglichkeiten befaßt, findet Gegebenes und Zwangsläufiges und wird bald zu der Erkenntnis kommen, daß alles Experimentieren mit dem sogenannten grundsätzlichen „Herumwerfen des Steuers" nicht helfen kann. Ruhe möchte das Volk finden. An diesem berechtigten Verlangen des Volkes versündigen sich diejenigen, die ohne zwingende Rot die Zahl und das Maß der Sorgen des deutschen Volkes vermehren. Auf einmal gibt es auch noch Der- fassungssorgen.
Ls ist wahr, daß einige verfassungsbestimmun, gen änderungsbedürftig sind, das alles aber zu seiner Zeit.
Daß man die Parteien nicht meistern kann, daß man auf dem Instrument des Parlaments nicht zu spielen versteht, ist noch kein Beweis für dringende Reformbedürftigkeit, höchstens für mangelnde persönliche Eignung, für schlechten Willen. Gegen unseren Willen sind die Verfassungsfragen mit in den Wahlkampf geworfen worden. Wir nehmen den Kampf auf. Wir hoffen, daß die Fragen der Verfassung, der Kampf um die Grundrechte des Volkes einen starken Antrieb zur Zusammenarbeit nach der Wahl bilden. Eine Rotgemeinschaft der Parteien ist die entscheidende politische Frage nach den Wahlen. Kommt sie nicht zustande, dann sind der Ver- fassungöbruch und die Diktatur unvermeidbar.
Hitler spricht in Limburg.
Limburg, 1. Rov. (LPD.) Adolf Hitler sprach heute abend in Limburg. Mindestens 15 000 Personen versammelten sich in dem auf dem Marktplatz errichteten Zelt.
Landesinspektor Sprenger hielt zunächst eine längere Rede, in der er sich gegen das Bemühen des Reichskanzlers aussprach, die parlamentarischen Spielregeln nicht mehr in Anwendung zu bringen, nachdem die Rationalsozialisten ihren großen Sieg errungen haben. Rach altem politischen Brauch habe niemand anders als Adolf Hitler als Führer der stärksten Partei ein Anrecht darauf, mit der Regierungsbildung beauftragt zu werden.
Mit Jubel begrüßt erschien kurz vor 22 Uhr Adolf Hitler in der Versammlung. Millionen Menschen, so erklärte er, sind in diesen Wochen immer wieder auf die Frage gestoßen, die auch mir so oft von Parteigenossen und bürgerlichen Politikern vorgelegt worden ist: „Herr Hitler, warum haben Sie am 13.August Nein gesagt?" Ich bin, so sagte Hitler, in den Zug der Regierung Papen nicht eingestiegen, weil ich nicht die Absicht hatte, hinterher wieder auszusteigen. Wenn die letzte große Hoffnung des deutschen Volkes einmal eingesetzt wird, dann muß dies wirklich des deutschen Volkes große und entscheidende Stunde sein. Seit 13 Jahren kämpfen die alten Parteien mit wirtschaftlichen Mitteln-gegen eine Saat, die eine völkisch-politische ist. Die Wirtschaft ist aber nicht der Ausgangspunkt, sondern das Ende der Katastrophe. Wenn man ein neues Reich aufbauen will, muß man das Volk wieder in Ordnung brin
gen. Man muß die deutschen Menschen wlede- durch Konfessionen und Gesellschaftsschichten zu einem einheitlichen Willen führen. Deshalb muß man von unten und nicht, wie die heutigen Staats- künftter, von oben zu bauen beginnen. Ich hatte das Glück, zu sehen, wie die Bewegung von sieben Mann auf 100 000be, auf 13,7 Millionen anwuchs. Wenn die Welt uns jetzt anders beurteilt, dann nicht deshalb, weil ein Mann erstanden ist, der o. Papen heißt, sondern weil diese Bewegung dem Volke ein neues Gesicht gegeben hat. Mein Wert liegt darin, daß ich dem deutschen Staate etwas mitbringe, was er verloren hat und was das Kostbarste für die Zukunft ist: Das Millionenvolk, das ich hineinschieben will in das Reich der Zukunft als feine tragenden Pfeiler. Hitler schloß mit den Worten: Aus Geist allein wird das deutsche Volk nicht geboren werden, sondern aus Mut, Tatkraft und einer glühenden Liebe.
Aus aller Well.
Goethe-Medaille für Professor Dr. Meinecke.
Der Herr Reichspräsident hat dem bekannten Historiker Universitätsprofessor Dr. Friedrich Meinecke aus Anlaß des 70. G e b u r t s t a g e s feine Glückwünsche ausgesprochen und ihm die Goethe- Medaille für Wissenschaft und Kunst verliehen. Der Reichsminister des Innern hat dem Gelehrten die Auszeichnung mit einem besonderen Glückwunschschreiben übermittelt
Goethe-Medaille
für den französischen Schriftsteller Valery.
Der deutsche Geschäftsträger in Paris, Botschaftsrat Dr. Forster, hat dem französischen Schriftsteller Paul Valery, Mitglied der Academie fran$aise, die Goethe-Medaille nebst Verleihungsurkunde überreicht.
Inthronisation des neuen wiener Erzbischofs.
Unter riesiger Beteiligung der katholischen Bevölkerung von Wien fand die feierliche Inthronisation des neuen Erzbischofs Dr. I n n i tz e r im Stefansdorn statt, wo sich der Bundespräsident, der Bundeskanzler mit den übrigen Mitgliedern der Regierung, das gesamte diplomatische Korps und andere hohe Würdenträger einge- sunden hatten. Der Erzbischof wurde vorher in feierlicher Prozession von der Augustinerkirche zum Stefansdom geleitet. In seiner Ansprache gedachte der Erzbischof Dr. Jnnitzer des dahingeschiode- nen Kardinals Piffl, dankte dem Hl. Vater und versprach, alle seine Kraft einzusetzen, um allen ohne Unterschied der Gesinnung in dieser Zeit schwerster Not in Liebe zu dienen.
Die Ergebnisse der Arktisfahrt des „Graf Zeppelin".
In der Zeit von Ende Oktober bis 13. November veranstaltet die Internationale Gesellschaft zur Erforschung der Arktis mit Luftfahrzeugen (Aero Arctik) in der Technischen Hochschule Charlotten- burg eine Ausstellung über b i e wissen- schaftlichen Ergebnisse der voriäh. rigen Arktisfahrt mit „Graf Zeppelin'. Sie wurde durch Dr. Eckener, dem Präsidenten der Aero Arctik, eröffnet. Dr. Eckener betonte, daß der Vorteil des Luftschiffes, sowie des Flugzeuges darin bestehe, daß sonst unzugängliche Gebiete erforscht werden könnten. Er wies hin auf die Luftaufnahmen der weiten Sumpfstrecken in Sibirien, die eine große Bereicherung der geographischen Kenntnisse gebracht hätten. Unter den Anwesenden bemerkte man u a Hauptrnan a D. Bruns, den Begründer und Generalsekretär der Aero Arctik und den Leningrader Professor Samojlowitsch.
weitere Schneefälle im Schwarzwald.
Die Schneefälle im Schwarzwald haben, wie aus Freiburg i. B. gemeldet wird, auch in den vergangenen Rächten angehalten und dauern auch jetzt noch fort. Er werden zwischen 1 und 4 GradKälte gemeldet. Eine geschlos
sene Schneedecke bedeckt die Höhen bis zu 800 Meter herab. Auf dem Feldberg hat die Schneedecke bereits eine Mächtigkeit von 30 Zentimeter erreicht. Mit weiterem Anhalten der Schneefälle ist zu rechnen.
kommunistischer Uebersall auf Angehörige der Reichsmarine.
Zwei Angehörige der Reichsmarine, die anläh- lich des Besuches der ersten Schnellboot-Halbflo- tille in Vegesack bei Bremen weilten, wurden nachts in Vegesack ohne irgendwelchen Anlaß von einer großen Anzahl von Kommunisten Überfällen. Dabei wurden die beiden Reichsmarineleute nicht unerheblich verletzt. Der Polizei gelang es, zwei der Täter, darunter den Haupträdelsführer, fest zunehmen.
Die Voruntersuchung im Fall Hintze eröffnet.
Während der Vernehmungsrichter beim Amtsgericht Charlottenburg den Bankier Hintze, den Gatten der Berliner Opernsängerin Gertrud Dindernagel, wegen versuchten Totschlags in ülntersuchungshaft nahm, hat jetzt der Llntersuchungsrichter beim Landgericht III auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Worunter- suchung gegen Hintze wegen versuchten Mordes eröffnet. Das Befinden Gertrud Din- dernagels hat sich weiterhin gebessert, so daß eine ernstliche Lebensgefahr nicht mehr vorhanden ist.
Drei Kinder verbrannt.
In Altensteig (Oberamt Ragold) brach in einem als Armen-Wohnung aufgestellten Eisenbahnwagen, den seilt Jahren der erwerbslose Hilfsarbeiter Eugen Ottmar mit seiner Familie bewohnte, Feuer aus. Die Eltern waren abwesend und hatten ihre drei Kinder im Alter von 6, 21/, und P/e Jahren eingeschlossen. Das Feuer wurde von Leuten des Freiwilligen Arbeitsdienstes, die in der Rähe beschäftigt waren, bemerkt. Es wurden sofort Versuche zur Rettung der schreienden Kinder unternommen. Die Rauchentwicklung war jedoch so stark, daß ein Eindringen in die Rotwohnung unmöglich war. In wenigen Minuten brannte der Eisenbahnwagen nieder. Die drei Kinder wurden aus einem verbrannten Sofa zusammengekauert mit furchtbaren Brandwunden, teilweise verkohlt, tot aufgefunden.
heftige Stürme in England und Frankreich. — Schiffe in Seenot.
Am Sonntagabend erlebte England einen der heftigsten Stürme in diesem Jahr. Der Sturm hatte, wie amtlich festgestellt wurde, zeitweise eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometer. Der Kanaldampfer „Maid of Kent“, der 126 Fahrgäste an Bord hatte, war den Wellen vollkommen preisgegeben und machte acht vergebliche Versuche, in den Hafen
Deiner Hände Werk
Cftoman von Klothilde von Stegniann'Stein.
Copyright by Martin Feuchtwangrr, Halle (Saale)
Nachdruck verboten.
4 Fortsetzung.
„Ra, du hast es ja lange genug genossen, das Studentsein, Hans Egon", meinte er etwas anzüglich. Denn der Bruder hatte sich reichlich Zeit bis zu dem Reserendar gelassen, den er endlich beim zweiten Male mit Ach und Krach bestanden hatte.
Hans Egon war gar nicht böse über diese kleine Spitze. Er war im Grunde genommen ein gutmütiger, nur hoffnungslos leichtsinniger Mensch.
„Llze du mich ruhig, mein Junge", sagte er faul, „mir tut das gar nichts. Ich bin froh, daß ich mir mit dem Studium Zeit gelassen habe. Ra, Servus, du sehnst dich wohl schon nach deiner unvermeidlichen Werkstatt?" ,
„3a". sagte Kurt eilig, „vielleicht entschuldigst du mich bei Mama, wenn ich nicht zum Abendbrot komme: es find ja so viele Gäste da..."
„Du wirst entschuldigt, mein Teurer , meinte Hans Egon phlegmatisch. „Ihr beide liebt euch ja nicht allzusehr, die Mama und du — und ihr habt ja in den Ferien noch genug Gelegenheit, euch in den Haaren zu liegen.' .
Kurt mußte lachen. Er hatte den Stiefbruder ganz gern, der nach dem Grundsatz „Leben und leben las en" handelte. Rur freilich, daß diese Lebensau fassung dem Geldbeutel des Vaters Diel kostete. O t klagte der Vater über die übergroßen Ansprüche, die Hans Egon sowie die beiden Damen an ihn stellten. Aber immer war er zu schwach, um einmal ein energisches Wort zu sprechen.
Ta war man schon wieder bei der Frage, die einem das Herz beschwerte: Warum der Vater gerade diese Frau als seine zweite Gattin in sein Haus geführt. Unmutig schüttelte Kurt den Kopf, er kam doch zu keinem Resultat — es war besser, nicht daran zudenken. Schnell lief er hinauf in sein Zimmer. Karl, der Diener, hatte schon seinen Koffer ausgepackt. Die Bücher standen geordnet auf dem Bücherbord, die Anzüge hingen sauber auf den Bügeln im Schrank.
Rasch vertauschte Kurt seinen weißen Anzug mit einem alten, unscheinbaren — denn in diesem Geckenzeug, wie er den weißen nannte, konnte, er unmöglich in seine geliebte Werkstatt. Erst aber mutzte er Erika abholen: es war Zeit. Denn schon klangen von der Kirche neben dem Schlotz sechs Llhrschläge. In den letzten mischten sich schon die Glocken, die den Feierabend kündeten.
Eilig lief Kurt hinunter, guckte im Dorüber- ftitzen noch einmal schnell in die Küche, wo Anna,
die alte Wirtschafterin, waltete, die ihn von dem ersten Tage seiner Geburt an kannte. Ihr dickes rotes Gesicht strahlte, als sie den jungen Mann sah.
„Tag, Anna!" nickte er ihr zu. „Gib mir schnell einmal ein paar ordentliche Butterbrote: ich bin von dem süßen Kleinkram da draußen beim Tee ordentlich flau geworden."
„Gewiß doch, gewiß, junger Herr!" Sie eilte, so schnell es ihr ihre Rundlichkeit'erlaubte, und bei sich brummte sie: „Don dem Getue da draußen kann einem noch mehr als flau werden." Bald kehrte sie wieder zurück, ein paar zierlich verpackte Päckchen in der Hand haltend: „Das ist für Euch, junger Herr! Ich hab' von der Jagd noch Reh- braten übrigbehalten — und das hier ist für Fritz, Sie gehen doch sicher mit ihm in die Werkstatt."
„Bist ein guter Kerl, Anna", meinte Kurt gerührt. Er wußte, wie gut es Anna mit jedem meinte, der zu ihm hielt.
„Aber zum Abendbrot sind Sie doch da, junger Herr?" fragte Anna bittend. „Ich hab' extra Hühner gemacht, obgleich die Gnädige Täubchen bestimmt hat: aber ich hab' mir gedacht, wenn Sie so gerade von der ilniöerfität kommen, da sind Täubchen ein zu spirrliges Essen für einen Studenten."
„Tu bist ein kluges junges Mädchen", neckte Kurt die alte Anna. „Wann ist denn die Abfütterung? Lind itzt mein Vater mit?“
„Um acht Uhr, junger Herr. Und der Herr Kommerzienrat essen mit. Sonst, wenn soviel Klimbim drin ist", sie deutete mit der breiten, verarbeiteten Hand verächtlich nach draußen, „dann essen der Herr ja immer drüben im Kontor bei der Arbeit. Aber seit der junge Herr aus Schweden da ist, da kommt er immer zu Tisch. Und wenn Sie da sind, junger Herr, na, da läßt er es sich doch nicht nehmen." Und sie sah mit einem Blick des Stolzes und der Zärtlichkeit auf Kurt.
„Du, Anna", meinte der, „am liebsten würde ich ja mit dem Vater zusammen im Kontor essen, das wäre entschieden gemütlicher, aber das geht vermutlich nicht. Ra, also ich bin um acht Uhr wieder hier; aber deine Butterbrote, die schenke ich dir dock) nicht!" Und lachend ging er weiter.
Traußen sah er auf die Uhr — halb sieben! Ein weiches Lächeln kam auf sein Gesicht, als er nun schnell durch das Seitenportal des Hoses hinausging, den kleinen Anlagen zu, die am Fluße entlang von der Stadt hereinführten.
Fünftes Kapitel.
Erika kam mit ihrer kleinen, abgegriffenen Aktenmappe langsam durch die Anlagen. Sie bog von dem Hauptwege ab. Der Weg am Wasser war Überhängen von den lichtgrün belaubten Zweigen der alten Weiden. Es duftete leise von
den blühenden Kätzchen. Wie eine zarte Pastell- zeichnung lag jenseits des Flusses der Turm einer alten Burg. Der Fluß sandte leise seine Wellen gegen die Steine des Ufers. Durch die zart belaubten Zweige sah der blaue Frühlingshimmel.
Das Mädchen ging wie in tiefe Gedanken versunken. Wie sie so dahinschritt, gestrafft und fest, mit ihrer schlanken und doch kräftigen Gestalt, dem schmalen Kopf mit dem goldbraunen weichen Haar, paßte sie so ganz zu dieser einfachen schönen Landschaft, zu diesen klaren Linien von Himmel, Wiese, Feld und Ebene. Die Hände waren, obwohl fein geformt, dennoch verarbeitet — gewöhnt, bei der Arbeit im Hause mit zuzufassen. Aber der Kopf mit den klaren lichtgrauen Augen, dem kluggeschnittenen Munde hatte eine edle Vornehmheit.
Hinter einem großen Ahorn verborgen, der auf dem Wege zwischen niedrigem Gebüsch stand, folgte Kurt mit heißem Entzücken den anmutigen Schritten des jungen Mädchens, das gleichmäßig und federnd durch die frühlingsgrünen Anlagen feinem Heim zuschritt.
Jetzt horchte sie auf: Von einem Baume ober aus einens Gebüsch rief der Kuckuck — erst einmal, bann wieder und nun noch einmal, ilntoill- kürlich hielt Erika an, um auf den Ton des Vogels zu lauschen: es war das erste Mal in diesem Frühling, daß sie ihn hörte. Er mußte sehr nahe sein; dort hinter dem Gebüsch, an dem großen, weitschattenden Ahorn schien er sich verborgen zu halten. Seltsam, daß er so nahe am Wege saß, der scheue Vogel, den sie noch nie zu Gesicht bekommen, wie oft sie auch in der Kinder- zeit mit ihrem Freunde Kurt zusammen versucht hatte, den Frühlingsboten zu entdecken.
Llnwillkürlich ging sie auf den Zehenspitzen auf das Gesträuch neben dem Ahornbaume zu. Wirklich, dieser Kuckuck mußte ein sehr sorgloser Geselle sein, denn unentwegt und immer lauter ertönte fein „Kuckuck".
Leise bog Erika die Zweige auseinander mit einem leisen Aufschrei fuhr sie zurück: Eine kleine hölzerne Vögelpfeife im Munde, sah ihr das lachende Gesicht Kurts entgegen. Lind im gleichen Augenblick war er auch schon zwischen den grünenden Zweigen heraus und schüttelte Erika die Hand:
„Guten Tag, Erie! Ra, das hast du denn doch nicht erwartet?"
Auch in Erikas grauen, lichten Augen war warme Freude.
„Kurt, du Liebermut", so sah ihn halb strafend, halb erfreut an, „wie kannst du es wagen, anständige junge Mädchen so zu narren?“
Kurt machte ein komisch erschrockenes Gesicht.
„Ich habe gemeint, du bist der alte liebe Erie- kerl! Von den anständigen jungen Damen — sprich .Gänschen' — habe ich nämlich genug."
Er machte eine bezeichnende Kopfbewegung hinüber, in der Richtung nach Bremerfchloh hin.
„Du bist eben ganz verwildert draußen, Kurt- chen", neckte Erika, „höchste Zeit, daß du wieder hierher und in Ordnung kommst." Sie sah nicht, wie bet Blick des jungen Menschen sie mit einem eigentümlich heißen und sehnsüchtigen Ausdruck streifte.
„Ja, höchste Zeit", sagte er mit gepreßter Stimme. Dann sich zusammennehmend, griff er, ehe sie es hindern konnte, nach ihrer Aktenmappe. „Damit das gnädige Fräulein sehen, daß ich noch nicht ganz verwildert bin..."
„Aber Kurt, wenn das die Leute sehen, daß du mir die Aktenmappe trägst" — Erika wurde ganz rot —, „das gebt doch nicht."
„Warum nicht?" fragte er ruhig zurück.
Ihr eben noch so unbefangen fröhliches Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck:
„Sie reden doch schon genug über unsere Freundschaft, Kurt. Du bist doch der Sohn des Besitzers vom Bremerwerk und ich die Tochter vom Materialverwalter."
„Sang du auch noch mit dem Unfug an, Erie! Weder kann ich dafür, daß mein Vater der Besitzer vom Bremerwerk, noch da dafür, daß dein Vater Angestellter bei meinem Vater ist. Hier handelt es sich doch um uns. Lind wenn ich dir die Mappe abnehme, so geht das keinen was an, ebenso wie unsere Freundschaft niemanden was angeht."
„Aber deine Mutter? Kurt, du weißt, sie sieht unsere Freundschaft nicht gern, und ich fürchte immer, sie wird es einmal meinem Vater entgelten lassen. Sie hat ihm schon ein paarmal gesagt, er möchte verbieten, daß ich immer mit dir ’rurnftrcli;e; wir wären keine Heinen Kinder mehr, und es schicke sich nicht."
Kurts offenes klares Gesicht bekam einen Ausdruck von Zorn und Bitterkeit:
„Hast du nicht schon oft genug miterlebt, Erie, daß sie mir alles kaputtmachen möchte, was mir Freude bereitet? Sie kann und kann es nicht verschmerzen, daß sie das Bremerwerk nicht für ihre Kinder allein haben kann — dabei macht Hans Egon sich gar nichts aus dem Werk.
Wenn der nur feinen Wechsel regelmäßig bezieht, ist ihm alles andere egal. Tu mir den einzigen Gefallen, Erie, nenne sie nicht meine .Mutter'. Du weißt", Kurt sprach leiser, „diesen Ramen gebe ich nur einer, meiner wirklichen Mutter. Die Frau von Stübben, die zweite Frau meines Vaters, nenne ich nur Mama, und auch das nur notgedrungen, weil ich meinem Vater nicht wehtun will. Ach, Erie, der einzige Grund überhaupt, aus dem ich noch in den Ferien herkomme, ist Vater — das Bremerwerk — und du." Das letzte fügte er leiser hinzu.
(Fortsetzung folgt.)


