AS MU Ml.
Original-Roman von Anny von panhvys.
Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.
22 Sortkt j- Nachdruck verboten I
Celias Augen strahlten ihn noch immer an und der kleine Mund lächelte: ..Ich darf Ihnen ein wenig helfen bei dem großen Werk, nicht wahr?"
Er neigte den Kopf.
Sie stammelte: „Ich dan^e Ihnen herzlichst", und ehe er es sich versah, hatte sie seine Hand, die zwischen ihren beiden Händen log, hochgerissen an die Lippen. Er zog hastig die Hand zurück, „älmgelehrt ist's richtig", lächelte er und küßte ihre Hand.
Sie schlug den Blick nieder und wartete etwas beklommen, was nun käme.
Werner Sturm hielt die Hand fest.
„Liebe Gräfin Celia, nachdem ich eingesehen habe, wir beide verstehen uns so gut, wie ich es nie geglaubt hätte, erwidere ich Ihnen auf Ihr menschenfreundliches Angebot, ja, ich nehme es gern an, aber ich tue es nur unter der Bedingung, baß Sie meine Frau werden."
Sie hätte am liebsten laut gejubelt: Gesiegt! Aber sie hob nur den Blick und flüsterte: „Ich liebe dich, Werner!"
Er muhte in diesem Augenblick daran denken, wie Lil zu ihm gesagt: Ich habe dich lieb, Werner, über alle Mähen lieb! Auf der Brücke zwischen Frankhirt und Sachsenhausen war es gewesen, und die Llfer hatten unter einer leichten Schneehülle so phantastisch dagelegen, so verwandelt.
Ich habe dich lieb, über alle Mähen liefe!
Wie stark schienen ihm die Worte damals, als sie gesprochen wurden, und waren doch nur armselig und unfeedeutend gewesen. Wie in der Sonne die leichte Schneehülle zerrann, so war auch Lils Liebe zerronnen. Er fühlte, wie sein Herz weh tat, das törichte Herz, das trotz allem Ver- gesfenwollen doch noch manchmal aufbegehrte.
Celia dauerte die Pause zu lange. Sie wiederholte: ..Ich liebe dich!" Lind sie bog sich vor, bot ihm den Mund, dah er sie küssen sollte. Sekundenlang zögerte er noch, sekundenlang war all sein Denken und Fühlen noch bei Lil — und dann kühte er Celia. Er war ja auch nur ein Mensch, die schöne Gräfin, die so willig in seinem Arm lag, machte ihn warm. Er kühte sie wieder und wieder. Lind sie schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich fest an ihn.
Endlich hatte sie erreicht, was sie schon seit langem gewünscht. Nun würde sie Werner Sturm
heiraten, der jetzt eine so grohe Nolle als Arzt spielte, und sie würde als Gattin eines gefeierten Mannes mitgefeiert werben. Sie begehrte ihn auch als Mann. Seine Küsse berauschten sie, und sie freute sich, ihre Rolle heute so geschickt gespielt zu haben, dah er sich in der Schlinge gefangen, die sie für ihn zurechtgelegt. Sie liebte ihn, was sie unter Liebe verstand, aber es würde ihr nicht einfallen, als seine Frau ein stilles, zurückgezogenes Leben zu führen, wie er jetzt wahrscheinlich glaubte. Sie liebte Lärm, Musik, Tanz und lustiges Beisammensein, sie liebte es, durch immer neue, kleidsame Toiletten den Herren zu gefallen und den Neid ihrer Mitschwestern zu erregen. Sie liebte den Gesellschaftstrubel und dachte nicht daran, sich darin zu ändern. War sie erst verheiratet, wollte sie sich schon mit Werner darüber einigen. Sie war schön und gescheit genug, mit einem Manne fertig zu werden, der so verstiegenen blöden Idealen nachlief wie er. Bor allem beabsichtigte er, auch armen Gelähmten zu helfen, solchen, die nichts bezahlen konnten. Ünd er hatte das auch schon getan. Sie würde ihm, wenn sie erst verheiratet waren, bald klarmachen, dah sich ein kluger Mann an seiner Stelle an die reichen Kranken halten muh. Cs würden ja bald Kranke aus aller Welt kommen, um seine Hilfe zu erbitten. Die Multimillionäre sollten ihre Kassen weit öffnen für die Heilung, und wenn ein wenig bemittelter Mensch seine letzte Mark hergab, brauchte es ihn auch nicht kümmern. Die Hauptsache war es, die Gelegenheit wahrzunehmen. Sie würde ihn schon umkrempeln, aber mit Llmkrempelungsversuchen durfte sie erst nach der Hochzeit beginnen. Das Geld, das sie für das Krankenhaus hergeben wollte, muhte sich reich verzinsen.
Das alles glitt durch ihren Kops, während sie sich küssen lieh. Er gab sie frei und lächelte: „Das hätte ich wahrhaftig nicht gedacht, dah ich als dein Berlobter heute dein Haus verlassen würde."
Er sah sie an und er stellte fest, er konnte wahrhaftig zufrieden sein, eine der hübschesten Frauen Frankfurts wurde die seine.
Sie erhob sich. „Wir trinken jetzt zusammen ein Gläschen Sekt, Werner, dann begleite ich dich zu deiner Mutter, ich freue mich ja so unbändig, deine Frau zu werden, deine Mutter muh das als erste hören."
Celia wuhte, wie sehr Werner Sturm an seiner Mutter hing, und der Sah war von ihr genau überlegt worden. Ihm gefiel der Satz besonders. Wie schlecht hatte sich Lil mit seiner Mutter gestanden, und wie nett war der Ton, in dem Celia von seiner Mutter sprach. In Gedanken bat er iHr noch einmal ab, wie sehr er sie verkannt.
Acht Tage später feierten Werner Sturm und
Celia Kurzmann Berlobung, zur größten Freude von Werners Mutter und der Frau von Welp.
Werner redete sich ein, er wäre jetzt vollkommen glücklich und zufrieden. Er hatte sich schon einmal einbilden wollen, Lil wäre gestorben. Damals als sich herausstellte, sie war mit einem kleinen Wanderzirkus, der am Schönhof sein Zelt aufgeschlagen, mitgezogen, und was ihm damals nicht gelungen war, muhte ihm diesmal gelingen. Sobald jetzt noch einmal Lils Bild vor ihm auftauchte, wollte er es fortjagen in die Gruft zurück, in die es gehörte.
16. Kapitel.
Lil möchte Werner helfen!
In einem vornehmen Hotelsalon Londons sahen sich Lil und Melchior Stampfer! gegenüber. Seit Lil in Neapel den Artikel über Werner gelesen, ging es ihr fortwährend im Kopfe herum, wie konnte sie ihm helfen. Er brauchte Geld für ein Krankenhaus. Ihr Bankkonto wuchs, sie war in der Lage, ihm zu helfen, und hatte auch die feste Absicht, es zu tun. Aber auf welche Weise es geschehen konnte, das wuhte sie noch nicht. Merken durfte er nichts davon, dah sie mit der Hilfe etwas zu tun hatte.
Sie hatte eben Melchior Stampfer! erzählt, was sie vor hatte, und er antwortete: „Laß die Finger aus dem Spiel, Mädelchen, es bringt dir nur Enttäuschung und Aerger ein.“
Sie beharrte auf ihrem Vorhaben.
„Ich habe mir das schon genau überlegt", erklärte sie, „einen Anwalt, wie bei dem Bezahlen von Vaters letzten Schulden, darf ich nicht mit der Sache beauftragen, weil ich fürchte, dabei käme möglicherweise heraus, ich stecke dahinter, und dann weist Werner das Geld sicher zurück."
„Weiht du, was du bist, kleine Lil?" fragte der Alte.
„Natürlich weih ich das. Ich bin der Clown Fix, der schon ziemlich weltberühmten Nummer .Fix und Nix', eine Weltstromerin, die heute hier und ein paar Wochen später an ’ner ganz entgegengesetzten Ecke der Welt Purzelbäume schlägt. Sonst bin ich nichts, und trotz dem vielen Geld, was man mir gibt, ein ganz armes Ding, wenn ich dich nicht hätte, du lieber, guter Kevk"
Der Alte sah sie lange an.
„Ein Engel bist du, Lil, ein leibhaftiger Engel! Dieses Doktorbqrönchen benimmt sich wie ein verknöcherter Schulmeister, quält dich ebenso wie seine Mutter, beide treiben dich dadurch in den Iammerzirkus von_ Johann Gerhard, und du willst ihm noch dafür helfen, seine großen Pläne auszuführen. Ich gebe ja zu, was der Doktor vorhat, ist etwas Gutes, aber du, gerade du, hast nicht den geringsten Grund, ihm bei der Erreichung seines Zieles zu helfen." — Lils Augen
verschleierten sich. — „Es ist wahrscheinlich alles richtig, was du sagst, ich weih es nicht, aber vielleicht hatte i ch damals auch etwas unrecht. Weiht du, jetzt, nachdem doch schon ein paar Jahre darüber hingegangen, sieht alles anders aus. Doch das ist gleich, ich möchte ihm ja nur Helsen und ich wollte dich um deine Vermittlung butten. Aber wenn du es so hart auffaht, wage ich meine Bitte gar nicht."
Melchior Stampfer! fuhr sich über die weihe Perrücke, die so tadellos gearbeitet war, dah man glauben muhte, das dichte, weihe Scheitelhaar wäre auf seinem Kopf gewachsen.
„Es gibt nichts, Lil, um das du mich nicht bitten dürstest", beteuerte er. „Du hast mich Alten, der schon bei einem Zirkus Gerhard überflüssig war, aus dem Dreck gezogen, mich vor einem bösen Sterben aus Not bewahrt, wenn ich dir mit irgend etwas dienen kann, dann fordere es von mir. Was im Bereich meiner Kraft liegt, tue ich für dich."
Lil lächelte schon wieder.
„Du bist gut, Onkel, und ich habe dich lieb, als wenn du mein wirklicher Onkel wärst. Nein, lieber habe ich dich. Richtige Verwandte sind oft gar nicht angenehm. Llnd nun pah auf, wie ich mir deine Vermittlung bei Werner Sturm denke. Ich habe mich schon oft damit beschäftigt und es mir zurechtgelegt. Soweit ich es beurteilen kann, mühte alles, wie ich es mir ausdachte, gut klappen."
Sie begann auf ihn einzusprechen und er hörte aufmerksam zu. Llnterbrach sie nur ab und zu mit einer kurzen Frage. Lange sahen die beiden diesen Nachmittag beisammen, und schließlich erklärte Melchior Stampfer!: „Ich will deinen Auftrag gut ausführen, keinen blassen Schimmer soll er davon haben, dah du deine Hand im Spiel hast. Sollte er nicht darauf eingehen, kann ich nichts dafür, ich werde tun, was irgend möglich ist, um den gerissensten Diplomaten zu beschämen." Lil reichte ihm die Hand.
„Ich danke dir, Onkelchen, in vierzehn Tagen sind wir wieder in .Deutschland, dann suchst du Werner Sturm auf.
Er nickte: „Ja, dann suche ich ihn auf, und bei der Gelegenheit sehe ich mir den Mann ganz genau an, der eine Lil forttaufen lieh in die weite Welt."
Lil seufzte, aber sie schwieg. Erst nach einem Weilchen meinte sie: „Wollen wir nicht ein bihchen ausgehen, Onkel, es ist zwar kein besonders schönes Wetter, aber so lange wie wir schon in London sind, regnete es oder man konnte vor Nebel keine drei Schritt weit vor sich sehen. Heute ist's erträglich. Ein Stündchen im Hyde- park wird uns gut tun vor der Vorstellung heute abend."
(Fortsetzung folgt.)
Lichtspielhaus ♦Gießen
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Leo, Ortsgerichtsoorsteher.
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Gießen, den 15. Juli 1932.
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Gleichzeitig laden wir alle Interessenten für die am Wartweg-Freiligrathstraße neu zu errichtenden zehn Drei- und Vierzimmerwohnungen zu einer Besprechung auf den 6. August 1932, 20 Uhr, im Unterrichts- zimmer des Oberhessischen Bahnhofs in Gießen ein. 5617D
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