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Die erste Wahlkundgebung der NSDAP

Aus der Provinzialhauptstabi.

Gießen, den 1. 3uni 1932.

Oer Monat der Rosen.

Der Juni ist der Rosenmonat. Mit Recht führt die Rose den schmückenden Beisatz einerKöni­gin der Blumen". Denn die Rose, wie sie sich dem Auge darbietet, in Rubinen, Saphiren, To­pasen, Opalen, Amethysten und ihren Zwischen­spielen, die Rosen mit den klangvollsten Ramen aus allen Kulturländern und Gesellschaftsschich­ten, sind samt und sonders Emporkömmlinge, Selfmademen, oder vielmehr Selfmadewomen, die sich aus den einfachsten Verhältnissen empor­gebildet haben und zu ihrem heutigen Ansehen gelangt sind. Bei den allerletzten Schöpfungen auf diesem Gebiete gärtnerischer Exterikultur und Duftei, bei den hocharistokratischen Mitgliedern der Familie Rosa, wird man kaum noch daran erinnert, daß die Stammütter und Basen dieser feudalen Kinder der Flora ganz bescheidene Weg­genossen sind, die sich noch immer H e ck en- röschen nennen, oder als Bauernröschen schon ein klein wenig mehr Wert auf Aufmachung legen. Sie sind also gewissermaßen die verblümte Formulierung des Satzes von der Bohn, die dem Tüchtigen, der es in sich hat, frei ist. Aus den Windrosen find Rosenwunder geworden. Jede Bauernrose trägt den Marschall-Riel-Stab in ihren Staubfäden, und das Aschenputtel am Wegrain wird zur Kaiserin und Königin, sobald es die Wünschelrute des Züchters aus seinem Dornröschenschlaf weckt.

Der Kampf der weihen und der roten Rose, wie ihn die Geschichte als historisches Geschehnis überliefert, wird in jedem Rosenmonat wieder Zeitgeschichte. Wenn aus den Blättern der Rosen die Düfte quellen, dann greifen alte Sehnsüchte an die pflastermüde Seele und verwirren sie mit der Zwiespältigkeit des Lebens in Traum und Wirklichkeit. Die weiße Rose der nüchternen Erkenntnis der gegebenen Tatsachen gerät mit der roten Rose des glühenden Verlangens nach fremden und fernen Gefilden in Zwiespalt. Ent­rückt die Gedanken in die Weiten, die für die

mung der Mehrheit der oberhessischen Bevölke­rung unverblümt nach oben zu berichten, denn er habe jetzt nichts mehr zu riskieren. Weiter verlangte der Redner vom Provinzialdirektor, er solle den Staat auf die Auszahlung von einer Million Mark verklagen, die der Staat der Pro­vinz Oberhessen als Rechtsnachfolgerin der Kreise für die Llebernahme der Landstraßen bis heute noch nicht bezahlt habe. Ferner forderte Graf Solms für diesen Wahlkampf vollste Freiheit für die RSDAP., und warnte eindringlich, ihr diese Freiheit zu beschränken. (Lebhafter Beifall.) Der Redner gab dann Kenntnis von der Zu­sammensetzung der neuen Reichsregierung, die aber nur eine Interimsregierung sei, da un­bedingt Reuwahlen zum Reichstag folgen würden. Er erklärte weiter, am 19. Juni würde die RSDAP. bestimmt die Mehrheit im Landtag erreichen, und dann werde sie sich vielleicht sogar genötigt sehen, den Minister Leuschner in Schuhhaft zu nehmen. Lieber die bisherige Land­tagsarbeit teilte der Redner mit, daß die Tätig­keit der RSDAP.-Abgeordneten nach einigen kleinen Fehlgriffen am Anfang stets konsequent und klar gewesen sei und sie besonders in den Ausschüssen die maßgebende Rolle gespielt hätten. Das Ziel der RSDAP. bei der kommenden Land­tagswahl sei die Erringung der absoluten Mehr­heit, und dann werde keine andere Partei bei der Regierungsbildung noch irgend etwas mitzu­reden haben. Zum Schluffe forderte der Redner neben der Bekämpfung des Klassenhasses auch die Zertrümmerung des Kastengeistes, damit eine bessere Verständigung von Mensch zu Mensch er­zielt werden könne. Ferner sei es notwendig, den nationalsozialistischen Sieg bei der Landtags­wahl, der ja heute schon als sicher an^usehen sei, so überwältigend wie möglich zu gestalten, um die ganze Kraft einzusehen gegen die Rovember- Parteien für die deutsche Revolution. (Lang- anhaltender stürmischer Beifall.)

meisten Menschen zeitlebens die hängenden Gär­ten der Semiramis bleiben, weil der Flug zu * ihnen, heute erst recht, an (finanz)technischen Schwierigkeiten scheitert. Rosen blühen zur Reise- zeit, diesem zur Freude, jenem zum Leid. Denn wie keine Rose ohne Dornen wächst, sitzt auch im Leben mancher Wunsch als ewiger Stachel (viel­leicht auch als Ansporn) zwischenden zwei Seelen, die, ach, in unserer Brust wohnen".

Rosen gleichen alle ihrer Ahnfrau, jener sagen­haftenRose von Jericho", die von Kreuz­fahrern nach dem Abendland heimgebracht wurde. Obwohl sie verwelkt war. blühte sie in geweihtem Wasser zu ihrer morgenländischen Schönheit wieder auf. So blühen auch aus dem welken Strauß vergangener Tage in der Weihe solcher Stunden mit Rosen vertrocknete Blätter in dem Herbarium der Erinnerung wieder für Augen­blicke zu gewesener Wirklichkeit auf. Denn irgendwann sprießt und sproßt in jedem Men­schenleben eine Rose neben den Disteln des täg­lichen Durchhaltens auf, deren Blühen und Duften von unvergänglichem Eindruck bleibt und Balsam über die Rarben streicht, die wir uns an dem Dornenpfad des Waffenganges mit des Geschickes Mächten rissen.

Da steht vor einem kleinen Fenster ein karger Rosenstrauch in einem Kübel. Wie ein schüch­terner Liebhaber steckt er sich immer nur ein blasses Röschen an, ohne feurigen Lieberschwang. Bisweilen neigt sich ein silberfädiger Kopf wie zum Kuß darüber und verschwindet wieder hinter den Scheiben. Dann gehen Rosenlieder ohne Worte um diesen Busch, und hinter den Vor- hängen träumt es von einem Rosenstrauß, den ihre Hand hielt, als das Rosenwunder der Liebe in ihres Lebens Mai geschah ... Kig.

Vornotizen. .

Tageskalender f ü r Mittwoch: Ober­hessischer Kunstverein: Turmhaus am Brandplatz, 15 bis 17 Uhr. Ausstellung. Lichtspielhaus, Bahn- ^ofstrqße:Die letzte Galavorstellung im Zirkus

D e Datteri ch!" Man schreibt uns: Wenn mer sich deß Winters miese Laune verlache will, un en heitere un vergnichte Awend in diese sorge­

heitsparteien hinweggehen. Diese Diktatur der Frei­heit werde nicht gleichbedeutend mit Knechtschaft und Tyrannei sein, da sie von dem Mehrheitswillen des Volkes getragen werde, sondern das Volk neue Kraft gewinnen lassen. Die NSDAP, kämpfe lediglich für die Freiheit, und um diese zu erhalten und zu stär­ken, wolle sie die Diktatur, weil sie auch den Mann dazu habe. Der Redner beschäftigte sich dann mit den hessischen Verhältnissen, wobei er insbesondere schauf gegen den Innenminister Leuschner pole­misierte, der sich nun auch nicht lange werde halten können. Die Stimmung im hessischen Volke habe den Siedepunkt erreicht. Die Regierung allein sei dafür verantwortlich, was auf Grund ihrer Maß­nahmen und Anordnungen geschehe. Die NSDAP, habe in Oberhessen die absolute Mehrheit. Man habe es daher nicht für möglich halten können, daß sich in einer solchen Provinz ein Fall Stamm - l c r hätte ereignen können. Die Regierung habe diesen Beamten strafversetzt, der, keiner Partei an­gehörig, sein Amt rein sachlich geführt habe: sie habe ihn strafversetzt, nur weil seine Söhne sich zu Adolf Hitler bekannt hätten. Dafür aber seien Ober- regierungsrat Ritzel und Kreisdirektor Rech- t h i e n nach wie vor in Oberhessen iip Amt. Diese beiden Pvrteimänner bedeuteten für die oberhessische Bevölkerung eine unerhörte Provokation. (Stürmi­scher Beifall.) Der Redner forderte die sofortige Ab­berufung und Strafversetzung von Oberregierungs­rat Ritzel und Kreisdirektor R e ch t h i e k» wegen parteilichen Verhaltens. Andernfalls könnte sich die oberhessische Bevölkerung auf den Standpunkt stel­len, da der Innenminister selbst nach dem Be­schluß des Landtages nicht mehr gesetzlich im Amte fei, daß sie sich selbst illegal machen würde, wenn sie den Anordnungen eines illegal im Amt weilenden Ministers folgen würde.'Der Redner forderte den Provinzialdirektor auf, die Stim-

Jm überfüllten Saale des Cafe Leib hielt die RSDAP. in Gießen gestern abend ihre erste öffentliche Versammlung im neuen Landtagswahl­kampf ab. Als erster Redner sprach

Studienrat Dr. Blank (Gießen).

Der Redner wies zu Beginn seiner Rede auf den Rücktritt das Reichskanzlers Dr. Brüning hin und betonte, damit werde hoffentlich eine Periode abgeschlossen, der das deutsche Volk nur mit Dan» gen und steter Angst zugesehen habe. Brüning, sehr gescheit und persönlich anständig, habe nicht in diese Zeit hineinpaßt, immer habe er ge­zaudert, während das Volk rasch vorwärts strebte. Der Redner beschäftigte sich dann mit dem Wahl­ausfall in Oldenburg, bei dem die Deutsche Volks­partei und die Wirtschaftspartei ein völliges Fiasko erlebt hätten, während das lebenbe­jahende Deutschland sich unter dem Banner Adolf Hitlers zusammengeschart habe. Durch die absolute Mehrheit der RSDAP. in Oldenburg sei die Frage der Regierungsbildung hundertprozentig gelöst, jetzt werde dort im Rahmen der landes­rechtlichen Grenzen die praktische Erfüllung dessen erfolgen, was in dem Programm der RSDAP. stehe. Rach einem kurzen Hinweis auf Anhalt, das früher rot war. jetzt aber nationalsozialistische Hochburg sei, beschäftigte sich der Redner mit den Vorgängen im Preußischen Landtag, wobei er die Disziplin der nationalsozialistischen Fraktion trotz der wüsten kommunistischen Beschimp­fungen rühmte, den dann folgenden Hin­auswurf der kommunistischen Fraktion durch die RSDAP.-Abgeordneten als durchaus ver­ständlich bezeichnete und billigte, wobei er wünschte, unser Vaterland könnte auf diese Art genau so rasch in vier Minuten geräumt werden. In seinen weiteren allgemeinen Betrachtungen forderte der Redner volle Opferbereitschaft der deutschen Volksschichten für die in Rot geratenen Volksgenossen. Er nahm scharf Stellung gegen den besonders nach dem Kriege von links her, aber auch von der anderen Seite vertretenen Klassen­kampfgedanken, durch den trotz der steigenden Rot in Deutschland die Bildung einer wahren Volks­gemeinschaft verhindert worden sei. Sodann wies er auf die zunehmende Verarmung des deutschen Volkes und die ungeheuer gestiegene Arbeits­losigkeit hin, wobei er die Einführung der Ar- beitsdienstpslicht für die Jugend von 18 bis 22 Jahren forderte. Auf diesem Wege könnten die Milliarden zur wirklichen Sanierung angewandt werden, anstelle einer Sanierung für Reparatio­nen, bei der das Volk zugrunde gehe. Die Ar­beitsdienstpflicht müsse allgemein für die jugend- lichen Angehörigen aller Schichten gelten. Der Redner kam am Schlüsse seiner Ausführungen nochmals auf den Rücktritt Brünings zu sprec^n, und erllärte, Hindenburg habe in Ostpreußen sicher manches gehört, was er bisher nicht gewüßt habe. Er wies auf den Besuch Hitlers bei Hinden­burg hin, erinnerte an das Anwachsen der RSDAP. und betonte, die Rationalsozialisten seien nicht mehr weit vom Ziel, sie seien vor den Toren und bei und vor ihnen stehe Adolf Hitler. (Stürmischer Beifall).

Graf Solms, als zweiter Redner des Verfammlungsabends, betonte zunächst die Geschlossenheit aller in der NSDAP, vereinigten Volksschichten auch bei der Behandlung von wirtschaftlichen Fragen, wobei er hervorhob, daß jetzt ein durch 28prozentige Lohn­kürzung in Hirschhorn veranlaßter Streik auch von ber_ NSDAP, unterstützt werde, weil eben in der NSDAP, ein Stand für den anderen nach dem Maßstab der Gerechtigkeit eintrete. Der Redner kam dann auf Oldenburg zu sprechen und erklärte dabei u. a. das Oldenburger Volk habe sich mit dem Stimmzettel für die Diktatur entschieden und sich klar gegen diktatorische Ansprüche einer Minderheit er­klärt. Die bisher herrschenden Minderheitsparteien seien in Wirklichkeit Vertreter der krassesten Reak­tion gewesen, sie hättetn eine Tyrannei ausgeübt, da­bei aber immer von Demokratie gesprochen. An diesem Zwiespalt, sei auch Brüning gescheitert. Die deutsche Revolution, die einx Diktatur der Freiheit errichten wolle, werde über die heutigen Minder-

schwere Seite verlorne will, dann besuche mer fotg vor Torschluß de Benefizoorstellung de Mitglierek des Gießener Stadttheaters. Unner dr Spielleiduntz von Heinrich Hub gelangd unner Mitwirkung vom gefamde Schauspielpersonal und in de Hauptroll Heinrich Hub als Datterich Ernst Niebergalls Poss« De Datterich" arnolig zur Usführung. Jede Theater­freund hoat Geläjeheid, durch sein Besuch e Schärf­lein zur Ferienkaffe von de Schauspieler beize, droage, un so sei Dankboarkeid fir de Leisdunge un Oarweide des Ensembles ze beweise. Um alle Kreise des Theaterpublikums Geläjeheid zum Besuch dieser amoaliche Sondervorstellung zu göwwe, gälte ge» wenliche Schauspielpreise, un is de Vorstellungs­beginn erst uf 20.15 Uhr oagesezd. (Siehe heutige Anzeige.)

Linns-Feier 19 3 2. Wie in früheren Jah­ren, wird auch in diesem Jahre die Linns-Feier ein Thema aus den Grenzgebieten der Botanik behan- dein. Professor Küster wird einen Lichtbildervor­trag über die Darstellung der Pflanzen in der bilden­den Kunst halten. Näheres'-in der heutigen Anzeige.

Daten für Mittwoch, I.Juni.

1765: Christine von Goethe, geb. Vulpius, in Weimar geboren; 1780: der preußische. General Karl von Klausewitz in Burg bei Magdeburg ge­boren; 1899: -der niederdeutsche Dichter Klaus Groth in Kiel gestorben; 1920: die Provinz Posen wird in Kongreßpolen einverleibt.

Daten für Donnerstag, 2. Juni.

1850: der Maler Fritz August von Kaulbach in München geboren; 1863: der Komponist und Musikdirigent Felix von Weingartner in Zara ge- boren.

Pflanzenschutz und Biologie.

Auf Einladung der Biologenschaft unserer Llni- versität sprach am Montagabend im Hörsaol des Landwirtschaftlichen Instituts der Direktor der Biologischen Reichsanstalt, Geheimrat Professor Dr. Appel, überPflanzenschutz und Biologie". Aus den Darlegungen des Vortragenden ist fol­gendes au berichten:

Es ist noch nicht lange her, daß universelle Geister sämtliche Raturwissenschaften beherrschen konnten. Inzwischen haben aber die einzelnen Wis­sensgebiete so große Fortschritte gemacht, daß heute nicht nur die vier großen naturwissenschaft­lichen Grunddisziplinen, Botanik, Zoologie, Chemie und Physik, vorhanden sind, sondern daß sich auch diese wieder in zahlreiche Llntergebiete aufspalten. Für diejenigen, die die Raturwissenschaften prak­tisch ausnutzen, liegt darin eine große Gefahr, denn auf ihrem Arbeitsgebiet spielen sich die ein­zelnen Fragen nicht im Rahmen einer Einzel­wissenschaft ab, sondern sie greifen vielfach in­einander über.

Um dies zu zeigen, gab der Vortragende an Hand von Lichtbildern einen Ueberblirf über eine Reihe solcher Fragen, in denen die wissenschaftliche Bio­logie verschiedener Richtungen grundlegend ist. An dem Beispiel der Rübenfliege, die früher als nicht bekämpfbar galt, zeigte der Vortragende, daß ein genaues Stadium ihrer Entwicklungsgeschichte nicht nur bekämpft werden kann, sondern daß man auch einen Einblick gewonnen hat in das Zustandekom­men und das Auf- und Abschwellen von Epidemien, sowie die Vorhersage von solchen.

Der Kartoffelkrebs ist eines der einfachsten Bei­spiele der Züchtung widerstandsfähiger Sorten. Durch diese Erkenntnis ist die Grundlage gegeben für die in vollem Gange befindliche Umstellung des deutschen Kartoffelbaues von den anfälligen auf die nichtanfälligen Sorten. Wesentlich schwieriger liegt diese Frage bei der Kraut- und Knollenfäule, eine der schlimmsten Kartoffelkrankheiten, weil unter unseren sämtlichen einheimischen Kartoffelsorten keine widerstandsfähige gesunden werden konnte. Um diese zu schaffen, war es daher nötig, Wild­sorten aus der Urheimat der Kartoffel zu benutzen, und in mühseliger Arbeit ist man nun doch zum Ziele gelangt. Die auf biologischer Grundlage aus­gearbeiteten Prüfungsmethoden machen es heute jedem Züchter möglich, sicher sowohl krebs-, als frautfefte Kartoffeln zu züchten.

Ganz andere Einblicke gewährt die Rostfrage, bei der wir die physiologischen Rassen kennen» lernen und die Schwierigkeit erkannten, die hier der Ommunitätszüchtung entgegenstehen. Soweit

JHNeMW

Roman von Gert Rothberg.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«.

29. Fortsetzung. Rachdruck verboten!

Das Licht flammte wieder auf, beleuchtete die zwei Menschen unter den Palmen.

Fröhliches Gelächter, allgemeines Gratulieren!

Dilma von Dandorfs und Graf Osten!

Mitten unter den fröhlich auf das Brautpaar Erndringende» Doktor Ansbrück!

Vilma wurde es schwarz vor den Augen.

Was sollte das heißen? Hier war doch nur Ansbrück gewesen? Oder war es eine abgekartete Sache zwischen den beiden? War Ansbrück dessen fähig?

®raf Osten bot Dilma liebenswürdig den Arm.

«Aber Liebling, wir bleiben doch nicht länger unter Palmen? Wir müssen doch auf unser Glück trinken."

Ihr schönes Gesicht war blaß und still.

Ja, tausendmal ja Ansbrück war ein Teufel!

Sie konnte nichts mehr ändern. Durch ihre hemmmrgslose Liebe hatte sie sich ausgeliefert. Lind Graf Osten hatte die Situation geschickt ausgenuht.

Es war, um wahnsinnig zu werden.

Seltsam wie außergewöhnlich freundlich plötz­lich alle Damen zu ihr waren! War es, weil fre ihnen Doktor Ansbrück nicht genommen hatte?

lächelte. Sie lächelte strahlend und glücklich.

Soviel Schauspielerin war sie schon, daß sie keinem Menschen zeigte, wie es in ihr aussah.

Einmal tanzte sie auch mit Doktor Ansbrück. Er beugte sich zu ihr.

Wirklich meinen allerherzlichsten Glückwunsch, mein gnädiges Fräulein. Sie werden eine wun­derschöne Gräfin Osten sein. Llnd ich habe Sie vor mir bewahrt. Weil Sie, wenn Sie nur wollen, an Graf Ostens Seite ein echtes Glück finden werden", sagte er herzlich.

Ihre Lippen waren blaß und schmal, und sie wandte den Kopf zur Seite wie in stummer Qual

-im wußte Ansbrück, daß sie ihn vielleicht doch aufrichtig geliebt hatte.

Tiber das hatte Lisa ja einst auch. Wenn die Versuchung kam, dann waren sie sich alle gleich ob arm, ob reich! Lind aus diesem Grunde standen

ihm alle Frauen so fern, trotzdem er fast täglich mit Frauen zusammen war.

Aber doch etwas nachdenklich gestimmt ging er von diesem Fest nach Hause.

Frau von Dandorff beobachtete Vilma besorgt, fagte_ aber nichts. Ihr Gatte war sehr zufrieden. Er küßte Vilma und sagte:

«Siehst du, mein Kind, das war das beste, was du tun konntest. Osten ist ein Windbeutel; ihn kannst du aber ziehen, wie du ihn brauchst, und der Rame paßt für dich. Im anderen Falle wärst du nur Frau Doktor Ansbrück geworden, und den Mann kannst du niemals so an dich fesseln, wie du es wünschst und wie es im Interesse einer guten Ehe wünschenswert ist. Ich"

Sei doch endlich still!"

Vilma weinte es heraus und ging schnell zur Tür hinaus.

Herr von Bandorff stand mit offenem Munde da und sah seine Frau an.

Olun sag mir doch bloß, Linchen!

Frau von Bandorff nickte mit dem Kopfe.

Sag nichts mehr, mein Alterchen, sag nichts mehr! Aber gut war es sicher, daß sie Osten nahm, wenn er auch nichts hat wie Schulden."

*

-Der Bankier Lorenz schob seinen Arm in den Doktor Ansbrücks.

Lieber' Ansbrück, Sie kommen doch morgen abend zu mir? Sehr fidel, sehr fidel soll's wer­den, und Sie lieben den Rummel doch auch?"

Herrenabend?"

Ree! So ganz doch nicht. Ein paar Mädels sind auch da. Ich habe da neulich was ganz Pikantes kennengelernt. Pompöse Erscheinung. Findet man kaum in unseren Kreisen. Zum Hei­raten natürlich nichts. Sie will zwei Freundinnen mitbringen. Sie, lieber Doktor, Baron Henkels und ich! Wenn Spichermann und Fredern noch kommen, können wir es nicht ändern. Die können aber ihre Freundinnen anrufen; eine von ihnen hat schon Zeit."

Ich komme!"

Der andere nickte sehr zufrieden.

Hab ich ja gewußt! Man wäre ja auch dumm, wenn man die paar Jahre, die man auf dieser blöden Welt herumsteigt, nicht genießen wollte. Lim acht Llhr also morgen abend bei mir. Auf Wiedersehen. Ansbrück!"

Auf Wiedersehen, Lorenz!"

Langsam waren die Herren auf und ab ge- schlendert. Als sie sich trennten, waren auch schon ihre Wagen zur Stelle.

Rudolf Ansbrück lehnte sich weit in die Polster zurück.

Mitten drin im Strudel also wieder. Es war gut so! Diese oder jene Geschäftsreise würde das jetzige Leben dann wieder einmal ablösen. Lind so würde es nun immer fein.

Immer!

Er legte die Hand vor die Augen.

Reich und einsam!

Dis er starb!

Fast unhörbar summte der Motor. Jetzt kam der dunkle Kiefernwald, der den Dillenvorort von dem unermeßlichen, lichtdurchfluteten Häuser­meer trennte. Gleich darauf bog der Wagen in das weit geöffnete. Tor ein. Der wartende Diener schloß es sorgfältig. Bald danach lag die Dilla in tiefster Ruhe. Alles schlief.

Rur der Herr nicht! Ruhelos durchschritt er die Zimmer. Lind es war doch schon drei Llhr nachts. Draußen dämmerte es sogar schon leise und grau herauf.

Aenne stand nun ganz allein. Dor einem Jahre war ihre Mutter gestorben. Aller Jammer nützte nichts. Er weckte die allzeit stille, gütige, fleißige Frau nicht wieder zum Leben. Lind dieses Leben war hart, unerbittlich und fordernd.

Aenne mußte für sich selbst weiter sorgen, wenngleich sie sich am liebsten zu der Mutter in den schmalen Sarg gelegt hätte.

Aenne ging noch immer in das Atelier von Madame Endiee. ilnö noch immer war Madame Endiee darauf bedacht, daß ihr ja die Konkurrenz nicht etwa einmal diese Stütze wegschnappte. Daher war sie sehr nett und liebenswürdig zu dem Mädchen. Das kostete sie nichts und brachte ihr noch obendrein ein dankbares Lächeln ein.

Eines Tages nahm Hede Cerstner Aenne bei­seite:

Sag mal, was tust du eigentlich immer am Abend?"

Ich bin daheim."

Aber du bist doch allein?"

Ja! Ich bin am liebsten allein. Man kann lesen; manchmal besuche ich auch ein Theater oder gehe zum Konzert."

r>u mußt mal da heraus, aus diesem Leben. Ich gehe morgen abend zu einer netten kleinen Gesellschaft. War schon einige Male dort. Es ist sehr lustig und vornehm."

Dornehm!"

Was sonst? Ich gehe nicht wohin, wo es nicht vonrehm ist. Lind toerm man den ganzen Tag hier im Atelier steckt, hat man wenigstens am Abend das Recht auf Licht und Sonne?

Die andere hatte es fast trotzig gesagt.

Mein Flug in die Sonne!, dachte Aenne, und greifbar deutlich stand jener Abend wieder vor ihr. Jener Abend, an dem sie das erstemal die Liebe fermenternte.

Und Hede lockte weiter:

Wir sind zu dreien. Johanna Riemann kommt auch mit."

Ja, was ist es denn für eine Gesellschaft?"

Das wirst du schon sehen. Kleine. Mach dich schön, und wir holen dich ab.

3ch weiß doch nicht, ob es recht ist."

Sei nicht komisch und komm mit!"

Dringst du mich wieder nach Hause?"

Hede zuckte zusammen. Dann lachte sie hell auf:

Ach, du kleiner Angsthase, natürlich bringe ich dich wieder nach Hause. Wenn es dir nicht gefällt, kannst du ja auch eher wegfahren. Es hält dich kein Mensch."

Da war Aenne beruhigt.

Lind am Abend stand sie dann in ihrem schwar­zen Samtkleide da und wartete auf die Mädchen. Sie hatte sich noch schnell einen mattgelben Kragen und ebensolche Manschetten aufgenäht. Llnterwegs hatte sie sich einen Deilchenstrauß gekauft, und den hatte sie vorn am Ausschnitt des Kleides befestigt.

Sie wußte es nicht, wie wunderschön und jung sie aussah. Sie hatte sich kaum die Mühe ge­nommen, einen Dlick in den Spiegel zu werfen.

Run stand sie da und wartete. Dereute die Zusage bereits und wollte doch auch die Kolle­ginnen nicht kränken, wenn sie im letzten Augen­blick noch absagte. Draußen erklang mehrmaliges Hupen, lustiges Rufen.

Aenne öffnete das Fenster. Sie warteten unten mit einer Droschke und riefen und winkten herauf.

Ich komm^'

Aenne schloß das Fenster, schlüpfte in den Pelzmantel und ging rasch hinunter. Unten im Flur stand die alte Hauswirtin und sah das junge Mädchen mit traurigen Augen an. Aenne sah es und grüßte scheu. Schnell huschte sie vorüber.

Die alte Frau schüttelte den Kopf, und dann ging sie in ihre Wohnung.

Was hatte sie denn gewollt? Ein junges, über» schäumendes Geben vom Weg der Erfüllung zurückhalten? Mit welchem Recht hatte sie das tun wollen? Sollte das junge Mädchen sich viel­leicht zu ihr setzen? Zu ihr, der Greisin, für die die Freuden des Lebens längst vorüber, aber doch auch etnfr dagewesen waren?

(Schluß fofgb)