Nr. 303 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)Dienstag, 29. Dezember Ml
Ende der argentinischen Landwirtschaft, wenn nicht anderswo ein Ersah zu finden wäre. Nach der tiefen Enttäuschung des Iahres 1930, dem Hochschuhzoll der Vereinigten Staaten, wäre von diesen nichts zu erwarten. Und Kontinentaleuropa zeigt ebenfalls bedenkliche Tendenzen, sich abzuriegeln. Nur mit Mühe hat Argentinien die Ratifizierung des deutsch-rumänischen Handelsvertrages verhindert. Wird es auch weiterhin sich diese Märkte erhalten können?
Um so dringlicher erscheint ein Zusammenschluß der sü da meri k a ni s ch e n S.t a a- t e n selbst, um sich auf wirtschaftlichem Gebiet
gegenseitig zu ergänzen und so von der sich abschließenden übrigen Welt unabhängig zu werden. Im Juni fanden die ersten Vorbesprechungen statt, die in dem chilenischcnVorschlageei n e r südamerikanischen Zollunion gipfelten. Mitte Dezember sollen diese Verhandlungen in Vuenos Aires sortgciührt werden. Das ist deswegen so wichtig, weil die verschiedenen südamerikanischen Länder durch ihre so eigenartige geographische und soziale Struktur auch wirtschaftlich sehr verschieden sind und sich daher gut aushelsen könnten. Reben dem fast ganz agrarischen Argentinien, dessen Ausfuhr zu 95
Die Zinssenkung aus dem Kapitalmarkt.
Oie Ausführungsbestimmungen.
Vertin, 28. Dez. lCRV.) Zu den in der Rotverordnung vom 8. Dezember erlassenen Bestimmungen über die Zinssenkung auf dem Kapitalmarkt sind am 23. Dezember Aus- führungsbestimmungen erschienen, die von zuständiger Stelle erläutert werden.
Die Ausführungsbestimmungen zur Kapitalzinsherabsetzung sind als „erste" Durchführungsverordnung bezeichnet worden. Daraus geht hervor, daß das Problem noch nicht gänzlich hat gelöst werden können. Insbesondere die sehr schwierigen grundbuchrechtlichen Fragen müssen erst noch eingehend beraten werden.
Drei schwierige Fragen bedurften einer Regelung vor dem 1. Januar. Zunächst die Frage der Abgrenzung derjenigen Forderungen, die überhaupt unter die Kapitalzins- senkung fallen. Die Kapitalzinssenkung tritt nicht ein bei rein bankmäßigen Personalkrediten, deren Fälligkeit weiter als ein Iahr liegt, und zweitens bei sog. Zwischenkrediten. Dasselbe gilt für die sog. Police- darlehen und alle Gefälligkeitsdarlehen. Hingegen mußten Forderungen, die bei ihrer Begründung auf unbestimmte Zeit festgelegt wurden, auch dann der Zinssenkung unterliegen, wenn sie durch kurzfristige Kündigungs- möglichkeitcn sällig gemacht werden können. Denn es handelt sich dabei um ein großes Kontingent von Hypothekenforderungen, wo die Zinssenkung Rückwirkungen auf die Miet/enkung auslöst. Es werden nicht gesenkt Strafzinsen, Derzugs- zinses und ähnliches. Richt gesenkt werden ferner dividendenähnlichc Zinsen, d. s. Zusatzzinsen bei gewissen Unternehmungen, die sich nach der Höhe der Dividenden richten. Für die Zeit nach dem 1. 2 anuar 1932 herrscht an sich völlige Vertragsfreiheit in der Zinshöhe mit folgenden Einschränkungen: Die Ausgabe von Inhaberschuldverschreibungen unterliegt künftig der Genehmigung durch die Reichsregierung. Auf diesem Wege erhält sie einen Einfluß aus alle Zinsen. Weiter tritt § 247 BGB. wieder in Kraft, d. h. wenn jemand verpflichtet ist, mehr als 6 Prozent zu zahlen, kann er die Schuld mit sechsmonatiger Kündigungsfrist kündigen. Schließlich sind auch diejenigen Forderun- gen in die Zinssenkung einbezogen, die zwar formell noch dem 1. Januar entstehen, zu deren Begründung sich aber die Gläubiger schon vorher verpflichtet haben. Wenn also nach dem 9. Dezember 1931 ein notarieller Vertrag geschlossen ist über die Hergabc einer Hnpothek, das Darlehen aber noch nicht hat gegeben werden können, dann unterliegt auch diese Hypothek der Zinsherabsehunz.
Sehr wichtig ist die Abgrenzung gegenüber dem Aus lande. Wenn ein Ausland eine Hypothek in Deutschland gegeben hat, wird es selbstverständlich betroffen. Wenn ein Ausländer deutsche Pfandbriefe an der Börse gekauft hat,
sei es im Inlande oder im Auslande, wird er selbstverständlich auch von der Senkung betroffen. Aber wer sie in geschlossenen a u s l ä n d i - scheu Emissionen erworben hat, soll von dieser Senkung befreit bleiben. Wenn ferner ein Ausländer fremdes Geld' ausgeliehen hat, wenn er also seinen Gläubigern gegenüber die alten Zinsen zahlen muß und die Zinssenkung in Deutschland nicht seinen Gläubigern gegenüber geltend machen kann, dann soll auch für ihn keine Zinssenkung eintreten.
Zur Zinsspanne in Form von V e r w a l - tungskostenbeiträgeu wird bestimmt, daß die Hypothelenbanken, öffentlich-rechtliche Kreditanstalten usw., wenn sie besondere Derwaltungs-' kostenzuschläge berechnen, für diese Zuschläge von der Senkung befreit bleiben. Dies ist nötig, denn diese Zuschläge sind das einzige, was diesen Instituten bleibt, um die Kosten für Ausfälle, Verwaltung und ähnliches zu decken. Die Verordnung sieht weiter vor, daß ein gewisser Teil des Zinssatzes als Verwaltungskostenbeitrag abgesondert und von der Senkung verschont wird. Das gleiche gilt auch für die Sparkassen und Versicherungsgesellschaften. Es beständen keine Illusionen darüber, daß ein großer Teil der Hypotheken nicht aus rund 6 Prozent herunterkonvertiert wird. Das lasse sich nicht durchführen, ohne die Kreditinstitute unter Umständen in Schwierigkeiten zu bringen.
Die Bestimmungen über Rückzahlung in Pfandbriefen beziehen sich selbstverständlich nur auf R e a l k r e d i t i n st i t u t e, die Pfandbriefe ausgeben.
Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß auch der Privatmann Pfandbriefe als Rückzahlung von Hypotheken annehmen müsse. Die normalen Tilgungs- und Abzahlungsbeträge müssen weiter in bar geleistet werden. Die ganze Aktion ist bis Ende 1933 beschränkt. Als Erfolg wird erreicht eine Hebung der Pfandbriefkurse und verhütet wird eine allzu starke Entblößung der Hypothekenkreditinstitute von Barmitteln.
Oie wettere Durchführung der Zinssenkungsaktion.
Berlin, 28. Dez. (ERB.) Wie wir im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Ersten Durchführungsverordnung über die Zinssenkung erfahren, verhandelt der Dantkommissor zur Zeit mit den Spihenorgonisationen des Bankgewerbes über die Frage der Zi ns - senkung für Bankschulden. Cs ist anzunehmen. daß diese Verhandlungen noch vor Iah- resende zum Abschluß führen werden. Mit den Sparkassen werden gleichzeitig Verhandlungen geführt auf der Grundlage, daß in Zukunft für tägliches Geld 4, und für Gelder, für die eine Kündigungsfrist besteht, 5 Prozent gegeben werden sollen.
Die Welt an der Jahreswende.
III.
Siidamerikanische Zahresrundschau.
Don unserem ».-Berichterstatter. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Rio de Ianeiro, Dezember 1931.
Die schwere Weltwirtschaftskrise hatte bereits im Iahr 1930 große wirtschaftliche und politische Erschütterungen für Südamerika gebracht. Die Hoffnung, daß damit das Schlimmste überstanden wäre und daß 1931, wenn keine Besserung, so doch wenigstens keine Verschlechterung bringen würde, hat sich jedoch nicht erfüllt. 1931 wird in der südamerikanischen Geschichte als das Iahr des wirtschaftlichen und vielfach des politischen Zusammenbruchs weiterleben.
Dabei werden sich die verschiedenen Länder bei der großen Llnterschiedlichkeit ihrer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Struktur jedesmal in besonderer Weise in dieses Bild einfügen. Ilm mit Brasilien als dem größten und volksreichsten Staate zu beginnen, so finden wir dort äußerlich eine politische Ruhe, die angenehm von den Revolutionen und Amwülzungen des vergangenen Iahres absticht. Das darf uns nicht darüber Hinwegtäuschen, daß auch in Brasilien die Dinge im Fluß und noch nicht konsolidiert sind. Die Revolution des vergangenen Iahres 1930 hotte neben der persönlichen Mißwirtschaft des damaligen Präsidenten einen tieferen Grund, der in dem besonderen Aufbau des brasilianischen Bundesstaates beruht. Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Iahrzehnte hat vor allem zwei Staaten begünstigt, S a o P a ul o und Minas Geraes, während die anderen Staaten von der Macht im Bunde ziemlich aus- geschaltet waren, selbst wenn sie nicht, wie die älrwaldstaaten des Amazonasbeckens, wirtschaftlich und sozial zurückgeblieben waren. Die Macht Sao Paulos beruhte auf dem Kaffee und der Industrie. Der Zusammenbruch des Kaffe Marktes und der Versuche zu seiner Stützung mußten daher das politische Gesuge des Bundes erschüttern. Das Iahr 1931 hat an dieser Lage nichts geändert. Die Zerstörung von Millionen von Säcken Kaffees, die inzwischen schlecht geworden waren und nur noch in der Statistik für Beunruhigung des Marktes sorgten, Hot die Pre se nicht einmal ftub lifieren, geschweige denn erhöhen können.
Die Auswirkung in dem verminderten Steuer- eingang und dem Fehlen an Devisen trotz der scharfen Einfuhrdrosselung hat zur Einstellung des Staatsschuldendienstes, zu dem Moratorium gegenüber dem Auslande und einer ungewöhnlichen Arbeitslosigkeit geführt. Die Ratschläge des englischen Bank- sochmasnes Riem,eher, der im Staatsauftrage die Reorganisation der brasilianischen Staatsbank vornehmen sollte, werden solange undurchführbar bleiben, wie die Grundfesten der Wirtschaft selbst erschüttert sind. Trotz der scharfen Devisenbestimmungen ist die Währung immer weiter gesunken, so daß der Milreis heute nur noch 25 Pfennig wert ist gegenüber Ende 1930. Der Ausfuhrüberschuß von etwa 12 Millionen Pfund, den Brafilien schätzungsweise erziele?! wird, kann die großen Verpflichtungen aus der Zahlungsbilanz nicht decken, dec in nominalen Iahren 40 Millionen Pfund beträgt. Unter diesem Drucke hat sich das Staatsgefüge des Bundes sehr gelockert. Die Zentralregierung läßt die einzelnen Staaten so weit wie möglich selbst versuchen, wie sie aus eigener Kraft mit ihren Problemen fertig werden. Damit sind die
inneren Spannungen sehr vermindert worden, und so erklärt sich zum größten Teil die dem Aneingeweihten so merkwürdige politische Ruhe. Wie werden sich aber die Dinge im nächsten Iahre entwickeln? Einmal muh die große Aufgabe, den brasilianischen Bund gemäß den veränderten Verhältnisfen auf neuen Grundlagen aufzubauen und die Stellung der einzelnen Staaten neu abzugrenzen, gelöst werden. Aus den Ereignissen des Iahres 1931 läßt sich noch nicht erkennen, in welcher Form das möglich sein wird. So geht dieses ungeheure Gebiet einer unsicheren Zukunft entgegen.
Deutlicher lassen sich die Dinge in Argentinien überblicken. Trotz der Verschärfung der Weltkrise zeigt der Außenhandel ein viel günstigeres Bild als im vergangenen Iahre, da die Ausfuhr, wenn auch nur unbedeutend, gesteigert, die Einfuhr jedoch ganz beträchtlich vermindert werden konnte. Aber auch hier muh man hinter diese Kulissen blicken, um die wirkliche Lage erkennen zu können. Die Wertsteigerung in der Ausfuhr ist rein äuherlich und wurde durch die Kursverschlechterung der Währung herbeigeführt. In Gold berechnet ist auch die Ausfuhr beträchtlich gesunken, obwohl die hervorragende Ernte im Gegensatz zum Vorjahre eine mengenmähige Steigerung um etwa 30 Prozent ermöglichte. Gleichzeitig brachte die Währungsverschlechterung um 33 Prozent im Laufe des Iahres eine starke Erleichterung der inneren Wirtschaft, vor allem eine Entlastung der Landwirtschaft von den über- mähigen Pacht- und Zinsverpflichtungen, während die Preise für die ausländischen Erzeugnisse wegen der katastrophalen Lage nicht entsprechend erhöht werden konnten. Dor allem hat es die Regierung verhindert, dah die englischen Eisen- bahngesellschaften ihre Tarife in Gold festsehten, was eine unerträgliche Belastung besonders für die Getreideproduzenten bedeutet hätte.
So konnte die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt in einem gewissen Mähe durch die Währungsverschlechterung aufgefangen werden, aber nur, weil die Einfuhr rücksichtslos gedrosselt wurde. Die importierten Artikel wurden unerschwinglich, damit sanken aber auch die großen Einnahmen des Staates aus den Einfuhrzöllen. So muhte überall gespart werden, auch an Heer und Beamtenschaft, wodurch die politischen Stützen der Regierung sehr gefährdet wurden. Die Wahlen im April schienen zu beweisen, dah die neuen Männer unter üri- buru nicht die öffentliche Meinung hinter sich hatten, und dah nur eine schonungslose Rieder- knüttelung ihrer Gegner sie an der Macht erhalten könnte. Die Wahlen am 8. Rovember haben das Gegenteil gezeigt. Das argentinische Volk scheint sich zu einer neuen verfassungsmäßigen Regierung durchzuringen, wobei die Führer der Revolution von 1930 ihm weitgehend entgegenkommen wollen.
Argentiniens weiteres Schicksal hängt von außenpolitischen Faktoren ab, auf die es selbst nur einen begrenzten Einfluß hat. Im März fand in Buenos Aires die feierliche Eröffnung der britischen Ausstellung unter persönlicher Anwesenheit des Prinzen von Wales statt. Es wurden schöne Reden der gegenseitigen wirtschaftlichen und politischen Verbundenheit gewechselt. Auf das Kernproblem ist man nicht ein« gegangen: Wird England auch weiterhin der beste Kunde Argentiniens bleiben, oder wird es dem Drängen seiner Dominions nachgeben und künftig seinen Weizen aus Kanada, seine Wolle aus Australien, sein Fleisch aus Südafrika beziehen? Das wäre das
Ich hab dir vergeh«!
Roman von Clotilde von Stegmann-Stein.
Copyright by Martin Feuchtwange r, Halle.
3 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Tiefer und tiefer brannte die sengende Flamine in seiner aufgewühlten Seele. Wie sollte er es beginnen, um Dolores für immer an sich zu fesseln, sie unempfindlich zu machen gegen bte Bewerbungen der anderen Männer? Er kannte ihre fast krankhafte Reigung für Schmuck, Glanz und Reichtum, die sogar über die Liebe zu ihm zu siegen drohte. And hatte sie damit nicht eigentlich recht? Durfte so große Schönheit nicht nach allem langen, was Glanz, Macht und Reichtum hieß? Konnte er dieses Verlangen befriedigen, so besah er diese Frau, ohne die er nicht leben konnte, der er, der bisher so Sieggewohnte, für immer verfallen war. Das, was er bisher für sie getan hatte, war nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Er mußte Geld schaffen — immer, immer wieder Geld. And dazu gab es nur einen Weg.
Unter diesen Gedanken und Ausblicken wich der Sturm in seinem Innern allmählich ruhigerer Ueberlegung. Er lockerte den herrischen Griff, mit dem er die beiden Rappen angetrieben hatte, und die edlen Pferde, erschöpft und heiß, gehorchten nur zu gern der Rachgiebigkeit ihres Herrn.
Hinter einer Biegung der Landstraße tauchten jetzt die beiden Türme von Schloß Tannenaue über den hohen L ubbäumen auf. Die ersten Regentropfen fielen schwer hernieder, em jäher Windstoß riß die gilbenden Blatter von der großen Buche, die vor dem Eingangsportal Wacht hielt.
Der Kutscher sprang herunter, öffnete das breite, schmiedeeiserne Tor, das in die schwere Mauer eingelassen war. Langsam rollte der Wagen auf dem Kies um das Rondell und hielt.
Das Knirschen der Räder war noch nicht ver- klungen, da öffnete sich bereits die Tur von der großen Vorhalle. Graf Friedrich erschien Anter dem schützenden Mauervorsprung des Portals stand er und sah dem Bruder entgegen. Der Wind wühlte in seinem dunklen Haar, und die Finsternis des Herbsthimmels schien sich auf seinen Z.Zzen widerzuspiegeln. Aber ehe er noch den Bruder eines Wortes würdigte, rief er dem Kutscher zu:
„Die Decken für die Pferde — abreiben — in den Stall, rasch —. Die Gäule werden mir noch einmal kaputtgehen."
Darm wandte er sich mit einem srostigen Mick
zu dem Bruder. „Ich habe mit dir zu sprechen!" Hans Egon warf einen unbehaglichen Blick
auf das finstere Gesicht des Bruders.
„Hätte das nicht Zeit, bis ich mir trockene Sachen angezogen habe? Oder ist dein Bruder weniger wert als deine Gäule?"
Mit einem Blick auf das schöne, leichtsinnige Gesicht versetzte Graf Friedrich schneidend:
„Die Gäule tun auch ihre Pflicht, während du —", er beendete den Sah mit einem verächtlichen Achselzucken. „Aber ich möchte nicht schuld sein, daß deine kostbare Gesundheit durch einen Schnupfen leiden könnte. Also — in einer Viertelstunde in meinem Zimmer."
Hans Egon war es nicht sehr behaglich zumute, als er jetzt seinen Gemächern zuschritt. In dem Flur begegnete ihm Mamsell Stülpnagel, sagte aber kein Wort, sondern ging mit einem scheuen Blick an ihm vorüber. Das erhöhte das unbehagliche Gefühl, das ihm beim ersten Anblick pes Bruders bereits beschlichen hatte.
Zum Teufel, es mußte endlich einmal ein Ende haben mit dieser angemaßten Vormundschaft des selbstgerechten Stiefbruders! Sein Entschluß war gefaßt. Mochte Friedrich sehen, wie er das verschuldete Gut und das Schloß rettete, mochte er jeden Pfennig zusammenhalten er, Hans Egon, war nicht dazu geschaffen, sein Leben lang eine Figur in diesem Trauerspiel zu bleiben.
Bei diesem Gedanken angelangt, pfifs er bereits wieder eine lustige Schlagermelodie, während er den feuchten Anzug achtlos in eine Ecke schleuderte. Bald würde man sich nicht mehr selbst bedienen müssen, sondern ein geschulter Kammerdiener würde, jedes Winkes gewärtig, seine Befehle erwarten.
Er entnahm dein alten Cichenschrank eine elegant verschnürte seidene Joppe, die er sorgsam vor dem Spiegel zurechtrückte, wobei ein wohlgefälliges Lächeln über sein Gesicht glitt, als er sein elegantes Spiegelbild betrachtete. Er öffnete ein kleines Wandschränkchen, holte eine Flasche heraus, die er genießerisch gegen das Licht hielt, ehe er mit der goldfarbenen Flüssigkeit einen kleinen silbernen Likörbecher füllte. „Roch eine Zigarette", dachte er, „und das Leben ist wieder passabel. And nun in die Höhle des Löwen."
Er ging aus seinem Zimmer heraus und pfiff den Marsch aus Carmen: „Auf in den Kamps". Mit dem letzten Pfiff auf den schönen, genußsüchtigen Lippen trat er in das Arbeitszimmer seines Bruders, das auf der anderen Seite des langen Korridors lag.
Dieses Arbeitszimmer kennzeichnete den Charakter und die Lebensweise des überaus ernsten Mannes, der sich jetzt langsam in seinem Armsessel umwandt«.
Eine riesige Schreibtischplatte war bedeckt mit großen Geschäftsbüchern. Tabellen, landwirtschaftlichen Zeitungen und Prospekten. An der Wand neben und über dein Schreibtisch hingen an Drahthaken Papiere und wieder Papiere, Listen, Abrechnungen und so weiter. Es war eher das Zimmer eines Geschäftsmannes als das eines Schloß- besihers. Auch Graf Friedrich sah in diesem Augenblick mehr einem sorgenvollen Geschäfts- mannc ähnlich, als einem Manne, dem ein so stolzer Besitz zu eigen war.
Graf Friedrich faßte den jüngeren Bruder scharf in die Augen und - - nachdem er stumm auf einen Stuhl gewiesen, fragte er: „Du weißt, aus welchem Grunde ich dich gerufen habe."
Hans Egon zuckte leichtsinnig mit den Achseln.
„Was soll es wohl sein?" Er sah angelegentlich dem Rauch seiner Zigarette nach. „Wieder einmal eine deiner so beliebten Strafpredigten. Hat der Schneider Zickelbein vielleicht gemahnt? Der Kerl soll froh sein, wenn ich für seine Anzüge Reklame laufe. Oder drückt dich der unbezahlte Kognak, den ich kommen ließ? Darf ich dir vielleicht ein Glas zur Probe anbieten? Die Marke ist gut.“ And er erhob sich, als wollte er der Tür zu- schreiten.
Graf Friedrich schlug jetzt mit der Faust auf den Tisch.
„Genug mit diesen Rarreteien! Du weiht ganz gut, warum ich dich gerufen habe. Aus unserer Gemäldesammlung fehlt das kostbarste Stück, der berühmte Rodenwald. Wo ist das Bild?"
Hans Egon zündete sich umständlich eine neue Zigarette an und sagte wie beiläufig zwischen zwei Zügen:
„Wo soll es sein? In guten Händen."
„Willst du dich gefälligst deutlicher ausdrücken", fuhr Friedrich auf. Seine Stimme hatte einen bedrohlichen Klang angenommen.
Hans Egon gab seine bequeme Haltung auf und setzte sich jetzt kampfbereit dem Bruder gegenüber.
„Wenn du es durchaus wissen willst, ich habe mir erlaubt, es zu verkaufen. Ich habe nicht länger Lust, um jeden Pfennig bei dir zu betteln, während die Vermögen hier tot an der Wand herumhängen."
Graf Friedrichs Stimme grollte. „Das nennst du totes Vermögen? Bist du dir gar nicht klar, was du getan hast? Du weißt genau so wie ich, daß der Wert des Bildes nicht nur in dem berühmten Rainen des großen Meisters lag, der es vor Iahrhunderten geschaffen hat — nein, der Wert für unsere Familie ist ein doppelter gewesen. Du weiht genau so wie ich, dah dieses Bild die Stunde darstellt, in der unser Arahne vom Kaiser Maximilian zum Ritter geschlagen wurde. Du kennst auch die Bestimmung des Hauses
Rauenstein, daß dieses Bild nicht aus dem Schloß Tannenaue entfernt werden soll."
Die Zornader auf der Stirn des Grafen Frieo- rich schwoll zu immer bedrohlicherer Stärke an.
„Ich nehme an, dah du deine Schulden mit dem Geld bezahlt hast. Aber zu welchem Gläu- biger hast du das Bild gebracht? Renne ihn mir sofort, ich werde versuchen, koste es, was es wolle, das Bild wieder zurückzuerwerben."
„Du hast ganz recht mit deiner Vermutung, dah ich Schulden damit bezahlt habe", erwiderte Hans Egon: „aber welcher Art diese Schulden sind, das zu sagen, fühle ich mich nicht verpflichtet, da ich ja schließlich feit einigen Iahren majorenn und dir keine Rechenschaft schuldig bin. Du bist nicht mehr mein Vormund."
Das Gesicht des Grasen Friedrich wurde bleich.
„Wenn du nicht schon den Anstand besitzt, diese Entnahme rückgängig zu machen — das Wort Diebstahl möchte ich zwischen uns beiden denn doch vermeiden —, vielleicht aber denkst du dann wenigstens an die alte Sage unseres Hauses, die jedem Anglück verheißt, der das Bild unseres Ahnen aus dem Hause führt. Ich warne dich, Hans Egon!"
„Also Sentimentalität und noch Aberglauben obendrein" - Hans Egon lachte leichtsinnig aus —, „damit kannst du einen aufgeklärten Menschen nicht fangen. Aus den Fluch lasse ich es ankommen. Vorläufig hat der Verkauf des Bildes mir noch kein Anglück gebracht, im Gegenteil —"
Graf Friedrich sah den Leichtsinnigen mit einem ernst-schmerzlichen Blick an und ließ sich müde in den Schreibtischscssel zurücksinken.
„Ich sehe zwischen uns keine Verständigung mehr. Aber das eine weiß ich: ich werde Mittel und Wege finden, um zu verhindern, daß das mühsam von mir gehütete und erhaltene Besitztum durch deinen verbrecherischen Leichtsinn verschleudert wird."
„Ich kann dich schon gern heute dieser Mühe entheben", erwiderte Hans Egon und stand auf.
„Ich werde in absehbarer Zeit nicht mehr nötig haben, deine Dettlerpfennige anzunehmen. Es gibt Frauen, die nur allzu gern bereit sind, mir außer ihrem Herzen noch ihren Reichtum zu Füßen zu legen."
Verächtlich erwiderte Graf Friedrich:
„Dann müssen diese Frauen denselben Wert haben wie du."
Hans Egon sah dem Bruder mit einem lauernden und triumphierenden. Blick in die Augen.
„Wenn du dich nur nicht täuschest, du Menschenkenner!"
Die letzten Worte sprach er schon an der Tür, die er rücksichtslos hinter sich zuwars.
(Fortsetzung folgt)


