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Ur. 305 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 3. Dezember

Die Stadt Gießen an der Jahreswende 1931/32.

Von allen kommunalen Jahresbilanzen, die nach den Jnflationsjahren am Silvestertage zu ziehen waren, ist noch keine so wenig erfreulich gewesen, wie die heutige Kommunalbilanz Les Jahres 19 31. Aus der ganzen Linie Ler öffentlichen Verwaltung, aber auch in der Entwickelung der privaten Wirtschaft überwiegen die Minuszeichen sehr erheblich die wenigen be­friedigenden Pluspunkte, als deren hauptsächlich­sten man wohl die Tatsache ansehen kann, daß von den Grundlagen der öffentlichen und der privaten Wirtschaft nicht noch weit mehr als bisher schon zu Bruch gegangen ist. Es wäre ver­fehlt, die Stadtverwaltung mit derVerantwortung für diese ungünstige Entwickelung im Jahre 1931 belasten zu wollen. Man wird sich vielmehr bei der heutigen rückschauenden Betrachtung des Weges unseres Gemeinwesens im Jahre 1931 die Tatsache vor Augen halten müssen, dah toie überall im Reiche auch hier die Zwangs­läufigkeiten des vom Reiche, oder vom Lande bestimmten Ganges der Dinge in einschneidendster Weise das Schicksal der Kommune und der Wirt­schaft beeinflußt haben.

Am klarsten kommt diese Signatur der Zeit in der nahezu völligen Aufhebung des Selb st verwaltungsrechtes der Ge­meinden und in den schwerwiegenden Ein­griffen der Reichsregierung in weite Gebiete des öffentlichen und privaten Wirtschaftslebens zum Ausdruck. Es wirkt geradezu wie eine Ironie Les Schicksals, dah das Jahr 1931, in dem man durch Leiern des Reiches, der Länder und Ge­meinden das Andenken an den Schöpfer der kommunalen Selbstverwaltung, den Freiherrn vom Stein, anläßlich der 100. Wiederkehr seines Todestages ehrte, die hoffentlich nur zeitweilige Ausschaltung dieses hohen kommunalen Rechtes brachte und an seine Stelle eine Diktatur auf­richtete, die dem modernen Geiste unserer Zeit ebenso sehr widerspricht, wie dem Freiherrn vom Stein jener Verwaltungszustand, den er durch sein Werk des kommunalen Selbstbestimmungs­rechtes von der Tagesordnung absetzte. Man muh an der Jahreswende 1931,32 vom Standpunkt eines selbstverantwortungsfrohen und für die Ge­staltung der eigenen kommunalen Angelegenheiten auch verantwortungsbereiten Bürgertums aus nur dringend wünschen, dah die Staatskommissare zu Anfang des Jahres 1931 und die Dürger- meisterdiktatoren am Schlüsse dieses Jahres im kommenden Jahre nicht zur Dauereinrichtung wer­den, sondern baldmöglichst ihre Ablösung finden durch die volle Wiederherstellung des Mitbe- stimmungsrechtes der Bürgerschaft. Wenn in einem Gemeinwesen die gewählte Vertretung der Bevölkerung durch eigenes Verschulden sich zur Erledigung ihrer gefetzmähigen Obliegenheiten unfähig zeigen sollte, so möge man für derartige Cinzelfälle Sondermaßnahmen in Kraft setzen, aber man möge nicht alle über einen Leisten schlagen und dadurch bei den ausbauwilligen Kräften die Freude und den Willen zu verant­wortungsbewußtem Mitarbeiten lähmen oder gar töten. Wir wissen, dah der Gießener Stadtrat auch in dem schweren Jahre 1931 stets bereit war, den gerechten Erfordernissen der kommu­nalen Verwaltung zu entsprechen und diese in Einklang mit der Leistungsfähigkeit der Bürger­schaft zu bringen. Cs ist uns auch bekannt, dah die durch staatlichen Zwang etablierte Verwal­tungsdiktatur keine Freude oder Sympathie bei der Spitze unseres Gemeinwesens ausgelöst hat, dort vielmehr das hohe Gut des Selbstverwal­tungsrechts unter verantwortlicher Mitwirkung der gewählten Bürgerschaftsvertreter in vollem Umfange geschäht wird. Und es ist auch nicht zu bestreiten, dah unsere Stadt, deren Haushalt noch für das ebenfalls schon schwere Jahr 1930 ohne Fehlbetrag abgeschlossen werden konnte, durch harmonisches Zusammenwirken von Ver­waltung und Stadtrat in durchaus zufrieden­stellender Weise geführt wurde, bis die jüngste bedauerliche Entwickelung der Verhältnisse als Auswirkung der allgemeinen Wirtschaftskrise ein­trat. Von dieser Gießener Sachlage aus gesehen wird also niemand bestreiten können, dah unsere Forderung nach Wiederherstellung der kommu­nalen Selbstverwaltung und nach Behandlung der Gemeinden durch die Staatsgewalt je nach Lage der örtlichen Verhältnisse in vollem Um­fange gerechtfertigt ist.

Wenn unsere Gießener Bürgerschaft nach dieser grundsätzlichen kommunalpolitischen Betrachtung den Blick auf die bemerkenswertesten Positionen der städtischen Entwicklung im Jahre 1931 lenkt, so wird sie in erster Linie die Gestaltung der städti­schen Haushaltswirtschaft für 19 3 1 /32 betrachten müssen. Dabei wird nicht zu übersehen sein, daß für den gegenwärtigen Haus­haltsplan die höhere Gewalt der allgemeinen Wirt­schaftskrise und der reichs- und landesgesetzlichen Eingriffe in die Kommunalverwaltung in vollem Umfange zur Geltung kam. Unter der Einwirkung der schon im Frühjahr beginnenden Krise mußte zum ersten Male in der Geschichte unserer Stadt ein unausgeglichener Haushaltsvoranschlag verab­schiedet werden. Mit einem ungedeckten Fehlbetrag von 304 000 Mark ging unsere Stadt in das neue Wirtschaftsjahr hinein. Im bisherigen Verlaufe des Rechnungsjahres wuchs das Defizit im Haushalt durch unvorhergesehene Minderung der Einnahmen die Ueberweisungen an Reichssteuern allein sind um 27 v. H. hinter den Voranschlagssätzen zurück­geblieben und durch ' e steinenden Lasten der fVohlfahrtserwerbslosenfürsorge. Auch die durch das kürzliche kommunale Steuerdiktat festgesetzte Er­hebung der Bürgersteuer nach dem Dreifachen des Landessatzes und die Heraufsetzung der Biersteuer und der Gemeindegetränkesteuer, sowie die von der Reichsregierung angeordnete Erhöhung der Reichs­umsatzsteuer mit ihrer anteilmäßigen Auswirkung auf unseren städtischen Haushalt werden nicht die Möglichkeit bieten, den vor einigen Wochen noch auf etwa 600 000 Mark bezifferten Fehlbetrag auszu- gleidfen, da bekanntlich durch die Preissenkungs­maßnahmen der Reichsregierung auch weitere Min­derungen der bisher veranschlagten kommunalen Einnahmen eintreten werden. Der Rückgang der städtischen Ausgaben unter der Einwirkung der Vierten Notverordnung wird gleichfalls nicht aus­reichend fein, auch nur annähernd das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben herzustellen. Unter diesen Umständen muß die Bürgerschaft bei der gegenwärtigen Kommunalbilanz leider die be­trübliche Feststellung machen, daß der städtische

Haushalt auch im neuen Jahre Gegenstand ernster Sorge sein wird, solange nicht das Reich in eine anderweitige Regelung der Wohlfahrtserwerbslosen­fürsorge mit dem Ziele einer durchgreifenden finan­ziellen Entlastung der Kommunen einwilligt.

Gerade durch die Abschiebung der Wohlfahrts- erwerbslosen-Fürsorge vom Reich und zu einem er­heblichen Teile auch von der Arbeitslosenversicherung auf die Kommunen ist das kommunale Finanzelend bei den meisten Städten und Landgemeinden, dabei auch in unserer Stadt, eigentlich erst entstanden. Während das Reich seinen Haushalt zu sanieren bemüht war und die Länder mit mehr oder minder großem Erfolg das gleiche Bestreben zeigten, überließ man den Kornmunaloerwaltungen immer mehr die Aufgabe, ihre ganze Finanzkraft zum weitaus größten Teile nur noch der Fürsorge für die Wohifahrtserwerbslosen dienstbar zu machen. Einen Maßstab für die steigende Inanspruchnahme der städtischen Finanzen für die Wohlfahrts- erwerbslosenfürsorae gewinnt man, wenn man sich das Wachstum der Ziffern der versorgungs­berechtigten Personen vor Augen hält. In Gießen waren an Wohlfahrtserwerbslosen mit Angehöri­gen in der Betreuung des Wohlfahrtsamtes am 1. Juli 1930 insgesamt 297 Hauptunterstützungs­empfänger mit 582 Zuschlagsempfängern, am 30. De­zember 1930 waren es 358 bzw. 659 Personen, bis zum 1. Juli 1931 waren die Zahlen auf 467 Haupt­unterstützungsempfänger mit 1158 Zuschlagsemp­fängern und bis zum 30. November 1931 auf 807 Hauptunterftützungsempfänger mit 2093 Zuschlags­empfängern angewachsen. Dieses ständige Ansteigen der Ziffern tritt um so mehr hervor, als in allen übrigen Teilen der Wohlfahrtspflege die Zahlen der betreuten Personen heute im großen und ganzen noch denselben Stand aufweisen, wie in der Mitte des vorigen Jahres. Dadurch wird der Beweis ge­liefert, daß die kommunale Wohlfahrtsarbeit zum weitaus größten Teile der Aufgabe gilt, die eigent­lich Sache des Reiches und der Arbeitslosenversiche­rung ist. Die finanzielle Belastung der Stadt durch diese Fürsorge, in Verbindung mit dem starken Rückgang und der langsamen Zahlung der Steuern, hat denn auch dazu geführt, daß die Mittel der Stadtkasse unter mancherlei Anstrengungen nur noch gerade hinreichen, die Wohlfahrtsausgaben und den laufenden Verwaltungsaufwand an Gehältern und Löhnen, sowie an den unbedingt notwendigen sach­

lichen Kosten zu decken. Die Stadt lebt also tatsäch­lich von der Hand in den Mund.

Die bedauerliche Folge dieses Zustandes war, daß während des ganzen Jahres 1931 keine neuen Werte in unserer Kommunalwirt­schaft geschaffen werden konnten. Weder war es möglich, den dringend notwendigen Schul­hausbau in den Eichgärten fertigzustellen, obwohl weitere Dauraten etatsmäßig bewilligt, aber aus- zahlbar nicht zu beschaffen waren, noch konnte der ebenfalls schon seit Jahren allgemein als sehr dringlich anerkannte Dau eines Biehhoses in die Wege geleitet werden. Ein vorausgezahlter Zu­schuß des Staates für den Viehhofbau war sogar wieder zurückzuzahlen, weil die Stadt nicht die Möglichkeit hatte, auch nur einen Teilbetrag ihres Kostenanteils verfügbar zu machen. Die gleiche Erscheinung ist aus dem Gebiete des Straßen­baues festzustellen, obwohl auch hier eine ganze Reihe dringlicher Arbeiten vorhanden find. Eine schwere Last trägt die Stadt ferner an den städti­schen Wohnhausbauten, die namentlich durch die zwangsläufige Aebernahme der Hegemag-Häuser auf die Stadt verursacht wurde und zur Folge hatte, dah irgendeine weitere Aktivität der Stadt­verwaltung auf dem Gebiete des Wohnungs­baues nicht entfaltet werden konnte. Daß grö­ßere und ebenfalls dringliche Aufgaben unserer Kommunalwirtschaft, wie z. D. die Lösung der Gaswerk-Frage, der Zentralisierung aller Ver­waltungsstellen usw., unter den obwaltenden Tlm- ständen auf dem Papier stehenbleiben mußten, ist natürlich selbstverständlich.

Unter.diesem Mangel an städtischer Schaffens­möglichkeit mußte naturgemäß auch die h e i - mischeWirtschaft, insbesondere das Bauge­werbe und die verwandten Handwerkszweige, sehr empfindlich leiden. Mit starkem Bedauern muß man heute eine weitere Verelendung großer Teile des gewerblichen und handwerklichen Mittelstan­des verzeichnen, die sogar schon dahin geführt hat, dah selbständige Handwerksmeister den von 'vielen nie für möglich gehaltenen Weg zum Ar­beitsamt zwecks Hilfeleistung von dieser Stelle antreten muhten und auch der handwerkliche Rachwuchs an selbständigen Existenzen und Ge­sellen immer mehr in Verfall kam. Diese Ent­wicklung wirkte sich in steigendem Maße neben der allgemeinen Arbeitslosigkeit auch auf die übri-

OiestädiischenVersorgungsbeiriebe

Das städtische Elektrizitätswerk.

Der im Jahre 1929 begonnene Neubau des Hoch­spannungs-Schalthauses, sowie der Umbau der Gleichstromanlagen sind vor kurzem beendet und in Betrieb genommen worden. Die Raumverhältnisse wurden so groß gewählt, daß später Erweiterungen leicht durchgeführt werden können. Durch die Er­richtung der neuen Schaltanlagen mußten sämtliche Hoch- und Niederspannungskabel umgelegt werden. Sonstige Netzerweiterungen wurden nicht vorge­nommen.

Im Laufe des Jahres 1931 wurden im Ueber- landgebiet 103, im Stadtgebiet 21 Neuanschlüsse her- gefteUt und insgesamt 520 neue Zähler gesetzt.

Die nutzbare Stromabgabe belief sich im Jahre 1931 auf 8 542 759,5 KWh, gegen 9174 968 KWh im Jahre 1930. Von dem Verbrauch entfallen an KWh auf das erste Vierteljahr 1931 insgesamt 2 200 395,5 (1930 = 2 439 162,5), auf das zweite Vierteljahr 1 857 214 (2 042 359). auf das dritte Vierteljahr 2 042 680,5 (2 102 713), auf das vierte Vierteljahr 2 442 469,5 (2 590 733,5). Die Stromab­gabe hat in diesem Jahre gegenüber dem verflosse­nen Kalenderjahr um etwa 6 Prozent abgenommen. Die Wenigerabgabe beschränkt sich in der Haupt­sache auf industrielle Ab nehme.. Durch erhebliche Zunahme an Haushaltestrom, insbesondere Einrich­tung von elektrischen Küchen, wurde ein großer Teil des Ausfalles wieder ausgeglichen.

Oie städtische Straßenbahn.

Im Januar 1931 wurde die Strecke Bahnhof BahnhofstraßeMarktplatz stillaelegt, um den voraussichtlich auftretenden Zuschuß zu mindern. Der Verkehr nach dem Reuen Friedhof wird durch Umsteigen auf dem Marktplatz aufrecht­erhalten. Im Laufe dieses Jahres hat sich her- ausgestellt, dah durch die Stillegung dieser Strecke die vorgesehenen Ersparnisse noch weit über­schritten worden sind.

Im allgemeinen ist der Verkehr durch die wirtschaftliche Rotlage nicht unerheblich zurückgegangen. Befördert wurden im Jahre 1931 insgesamt 1 239 080 Personen, gegen 1 847 885 im Jahre 1930. Die Frequenz der Stra­ßenbahn auf Vierteljahre verteilt, stellt sich wie folgt dar: im ersten Vierteljahr 1931 befördert 310 747 Personen (1930 = 433 960), im zweiten Vierteljahr 334 088 (510 767), im dritten Viertel­jahr 297 925 (478 313), im vierten Vierteljahr 296 320 (424 845).

Oas städtische Gaswerk konnte am 24. Dezember d. I. auf fein 75jähri- ges Bestehen zurückblicken. (Siehe Artikel imGie­ßener Anzeiger" vom 22. Dezember Rr. 299.)

Das Werk litt im abgelaufenen Jahre unter dem Drucke der ungünstigen Wirtschaftslage. Die Gasabgobe ging um 133 000 Kubikmeter auf 3 311 000 Kubikmeter zurück. Der Rückgang ver­teilte sich während des Jahres nicht gleichmäßig, denn während in den ersten 8 Monaten noch eine Zunahme von 3270 Kubikmeter zu verzeichnen war, brachten die letzten 4 Monate einen Aus­fall von 136 000 Kubikmeter, der hauptsächlich durch Wenigerverbrauch in den Haushalten ver­ursacht wurde. Der Gasverbrauch in der Rach­bargemeinde Wieseck, die bekanntlich das Gas aus dem Gießener Gaswerk erhält, hat sich während des Jahres um rund 7000 Kubikmeter auf 57 600 Kubikmeter erhöht. Die größte Lagesabgabe be­lief sich auf 11 800 Kubikmeter (23. Mai 1931), gegen 11780 Kubikmeter im Jahre vorher, die geringste Tagesabgabe war 6560 Kubikmeter (2. Osterfeiertag).

Zur Erzeugung des Gases sind etwa 9000 Ton­nen westfälische Kohlen verbraucht, die zum Ver­kauf 4500 Tonnen Koks und 390 Tonnen Leer als Rebenerzeugung ergaben. In der Ammo­

niakfabrik wurden insgesamt 56 Tonnen schwe- felsaures Ammoniak erzeügt.

Das Gasrohrnetz erfuhr eine Erweiterung um 555 Meter und hat jetzt eine Länge von rund 57,2 Kilometer erreicht. Rcuanschlüsse wurden 12 ausgeführt. Gewöhnliche Gasmesser sind mit Ende dieses Jahres 6311, Dorausbezahlungs- gasmesser 1394 vorhanden, zusammen 8205 Messer -mit 40 699 Flammen, gegen 8170 Messer mit 39 793 Flammen am Ende des Vorjahres.

Oas städtische Wasserwerk wurde infolge des niederschlagreichen Sommers nicht stark beansprucht. Die Förderung des Pump­werkes Queckborn ist daher von 2 843 000 Kubik­meter im Jahre 1930 auf 2 456 000 Kubikmeter im Jahre 1931 zurückgegangen. Der Zulauf aus den Brunnen- und Stollenanlagen im Gießener Stadtwold und bei Großen-Buseck betrug 190 000 Kubikmeter, so daß der Gesomtwasserzulauf sich im abgelaufenen Jahr auf 2 646 003 Kubikmeter berechnet. Queckborn hat 19 800 Kubikmeter, Wieseck 3 400 Kubikmeter, Heuchelheim 56 800 Kubikmeter, Lindenstruth 4200 Kubikmeter und Klein-Linden 22 650 Kubikmeter Wasser aus dem Gießener Wasserwerk erhalten. Die Wasserver­sorgung der Gemeinde Klein-Linden begann am 1. Juni 1931. Die größte Lagesabgabe belief sich am 3. Juli 1931 auf 9970 Kubikmeter, gegen 12 400 Kubikmeter im Jahr zuvor, die niedrigste am 6. Dezember 1931 auf 4343 Kubikmeter gegen 4724 Kubikmeter im Jahr 1930. Dos Wasserrohrnetz wurde um 1100 Meter verlängert und ist ein­schließlich der Zubringerleitungen von Queckborn und der Brunnen- und Stollenanlagen 121,8 Kilo­meter lang. Die Zahl der Hous- und ® arten- anschlüsse stieg um 19 auf 2954, die Zahl der Wassermesser auf 3268 und die Zahl der Hy­dranten auf 433.

Das Wasser der verschiedenen Versorgungs- anlagen wurde wieder, wie in den Vorjahren, durch das Chemische Untersuchungsamt der Pro­vinz Oberhessen regelmäßig chemisch und bakterio­logisch untersucht. Das Wasser entsprach stets den Anforderungen, die an ein gutes Trink- und Gebrauchswasser zu stellen sind.

Oas städtische Volksbad wurde im abgelaufenen Jahr von 150 175 Bade­gästen, gegen 150 763 irn Jahr zuvor, besucht, so daß nur eine sehr geringe Abnahme zu verzeichnen ist. An Bädern wurden irn Jahre 1931 verabreicht: Schwimmbäder 65 544 (1930 = 64 635), Wannen­bäder 25 728 (31 544), Brausebäder 22 010 (22 537), Schulbäder 34 843 (29 859), Schwitzbäder 2050 (2188). Je Einwohner und Jahr gerechnet sind 4,1 Bäder verabfolgt worden.

Im März wurde versuchsweise an den Sonntagen das Bad geöffnet: der Sonntagsbetrieb wurde jedoch wegen Unwirtschaftlichkeit wieder aufgegeben. Das Schwimmbeckenwasser, das täglich dreimal umge­wälzt und monatlich erneuert wird, wurde durch das Chemische Untersuchungsamt der Provinz Oberhes­sen regelmäßig chemisch und bakteriologisch unter­sucht und hat wie in den Vorjahren keinen Anlaß zu Beanstandungen gegeben. Das Wasser im Schwimmbecken ist infolge der dauernden Filtrie­rung und Chlorung in jeder Hinsicht als vollkommen einwandfrei zu bezeichnen.

Der Wasserverbrauch im Jahre 1931 betrug 41500 Kubikmeter; das ist je Bad 276 Liter. Der Verbrauch an Brennstoffen für die Wassererwär­mung und Heizung der Baderäume betrug 460 Ton­nen, oder je Bad 3,6 Kilogramm. Für Strom wur­den für den Betrieb der elektrischen Schwitzbade­apparate, für die Schwimmbeckenwasser-Reinigung und für die gesamte Beleuchtung 13 500 Kilowatt­stunden verbraucht, d. i. umgerechnet für ein Bad 0,09 Kilowattstunden.

gen Zweige der heimischen Wirtschaft aus und trug sehr wesentlich zu der besorgniserregenden! Dezimierung unserer Industrie- und Gewerbebe­triebe, sowie des Einzelhandels bei. Wie ungün­stig die Entwicklung der Verhältnisse im Jahre 1931 hier geworden ist, beweisen die Zissern der Vergleichsverfahren und Konkurse. Während im Jahre 1929 im Amtsgerichtsbezirk Gießen 8 Vergleichsverfahren und 15 Konkurse zu verzeichnen waren und das Jahr 1930 15 Ver­gleichsverfahren und 32 Konkurse brachte, muß­ten im Jahre 1931 wiederum 15 Vergleichsver­fahren und 43 Konkurse registriert werden. Da­zu kommt, dah in allen Unternehmungen die Er­träge stark gesunken sind und hierdurch die Ak­tionskraft der Wirtschaft in weitgehender Weise von der Rot der Zeit aufgezehrt wurde. Daß un­ter diesen Umständen die Clendskurve unserer Zeit bis zum Jahresschluh immer größeres Ausmaß annahm, ist nicht verwunderlich.

Der Kommunalpolitiker, wie überhaupt jeder mit Verantwortungsbewußtsein in der Entwicklung der Dinge stehende Bürger kann nach dieser Jahres- Schlußbilanz nur mit ernster Sorge die Schwelle des neuen Jahres überschreiten. Es wäre jedoch verfehlt, sich nun einer Art Berzweiflungsstimmung hinzu- geben. Richtig wird es vielmehr sein, angesichts der Schwere der Verhältnisse alle Kräfte z u ver- stärkter Energie zusammenzufassen, um im Rahmen der kommunalen Möglichkeiten durch zweckdienliche Maßnahmen einer weiteren Ausbreitung des Unheils entgegenzuarbeiten und den Weg zu einer Besserung der Verhältnisse be­reiten zu Helsen. Diese Arbeit wird nicht leicht wer­den, sie wird vielmehr zahlreichen Hemmungen und Beschwernissen begegnen, aber sie muß mit unbeugsamem Mut getan werden, denn nur durch Mut und Einsetzung aller Kraft ist der Weg aus dem Elendskreis ins Freie zu erringen. Möchte uns nach den schweren Enttäuschungen und Sorgen der verflossenen 12 Monate das neue Jahr diesen Erfolg des Mühens und Strebens bringen.

Aus der provinzialhaupistadt.

Gießen, den 31. Dezember 1931.

Jahreswechsel.

. Sanduhren sind heute nicht mehr im Gebrauch. Die Industrie hat bessere Instrumente, die Zeit zu messen, geschaffen, doch ist es schade, daß man diese alten Zeitmesser nicht knehr besitzt; denn keine Uhr, so kunstvoll sie konstruiert ist, versinnbildlicht das Da­hinschwinden der Zeit so gut wie der Sand, der aus der einen Schale in die andere rinnt. Er versinn­bildlicht das Dahinrinnen der Zeit, über diese selbst, kann er keine Erklärung geben. Zeit! das ist ein Wort, das wir oft, auch in mannigfachen Wortver­bindungen, im Munde führen, aber den Begriff, der sich mit diesem Worte verbindet, kann uns kein Naturforscher und kein Philosoph definieren, hier stehen wir vor einer völlig rätselhaftem geheimnis­vollen, unser Denken übersteigenden Größe. Aber eins wissen wir von der Zeit gerade am Jahres­wechsel tritt das mit aller Deutlichkeit hervor, daß sie unaufhaltsam dahinflieht. Der Psalmist sagt: Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. Unser Leben führet schnell dahin, als flögen wir da­von", und Hiob klagt:Meine Tage sind leichter da­hingeflogen denn eine Weberspule".

Hieraus folgt für den Menschen, der sich seiner Pflicht bewußt ist, daß er die Zeit in seinen Dienst stellt, rastlos tätig ist und an das Heilandswort denkt:Ich muß wirken die Werke des, der mich gesandt hat, solange es Tag ist, es kommt die Nacht, da niemand wirken kann". Nichts quält den Men­schen hinterher so sehr wie die Erkenntnis, daß er seinen Lebenstag versäumt hat. Mit dem Arbeiten allein, dem Streben und Gewinnen ist es keines­wegs genug, alles Tun dieser Art muß von der Liebe zu den anderen Menschen geleitet sein. So­dann muß dem heutigen Geschlechte, dem der tech­nische und wirtschaftliche Fortschritt nicht schnell ge­nug vonstatten geht, gesagt werden, daß es mit­unter verdienstvoller sein kann, zu ruhen und zu schweigen, als ohne Rast und Ruhe zu debattieren, zu gestalten, zu rechnen. Die Mönche und Nonnen der alten Zeit, die in der Anschauung Gottes, in der täglichen Hinwendung zu den ewigen Dingen ihre Zeit verbrachten, die Mystiker des Mittelalters, die Pietisten der Kirche, die von Martin Luther ausge gangen ist, alle diese Frommen, die weltfremd aber als Gottes Freunde dahingelebt haben, haben der Menschheit mehr genützt, als mancher Erfinder und Politiker. Unsere Zeit hat sehr viel Geist, aber wenig Seele, viel Stimmung, aber wenig Gemüt; das war bei diesen Freunden Gottes anders.

Häufig hört man am Ende eines Jahres die Rede: Nun hat das Jahr von uns Abschied ge nemmen. Das ist kein Wort der Weisheit. Was wir in vergangenen Tagen erlebt haben, ist uns nicht verloren, es bildet vielmehr einen unveräußerlichen Bestandteil unseres Seins. Goethe sagt:Jeden Nach­klang fühlt mein Herz froh und trüber Zeit". War­um suchen alle Menschen gern die Stätten ihrer Kindheit und Jugend auf? Weil das, was sie dort gefunden haben, lebendig mit ihnen geht. Je höher die Jahre steigen, um so lebendiger wird die Erinne­rung an das, das vergangen ist. Alte Menschen reden auf einmal von solchen Jugendgefährten, die sie nie ihren Angehörigen gegenüber erwähnt haben, im Dämmerzustände fingen sie Lieder, sagen sie Ge­dichte her, die sie ein halbes Jahrhundert lang ver gelten hatten, das vergangene Leben ist ihnen ein dauernder Besitz und nicht etwa nur das Freudige aus der Vergangenheit. Ein auf dem religiösen Ge­biete der Gegenwart führender Mann hat gesagt: Ich bin gewiß, daß kein einziger Mensch die Er­innerung an getragenes Leid je hergeben wird".

Noch einmal soll zu uns die Sanduhr reden. Auf einem Grabstein steht die Inschrift:Flüchtig rinnt der Uhrensand und reißt uns fort ins dunkle Land, im erogen Kreislauf der Natur bist du, o Mensch, ein Sandkorn nur". Ein klangvolles, aber pessi­mistisches Wort. Anders denkt der christliche Glaube; er sagt, daß mir aus Gottes Hand kommen und in Gottes Hand gehen, daß unsere Zeit in Gottes Hän­den steht. Darum ist der Christ am Jahreswechsel ruhig und getrost. Was die Zukunft bringt, das kommt von Gott, und weil es von ihm kommt, ist es gut und heilsam. H. B.

Taten für Freitaq, 1. Januar.

1484: Der Reformator Ulrich Zwingli in Wild- haus (Schweiz) geboren; 1891: Deutschland be­setzt die Küste Deutsch-Ostafrikas.