Nr. 99 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhefien)
Mittwoch, 29. April 193|
Lugend und Hochschule.
Das erste Semester.
Bon einem allen Herrn.
Mit einiger Rührung sieht man, wie sie in das erste Semester gehen, all die jungen Menschen, die jetzt frisch von der Schulbank kommen. Der einmalige und deshalb so einzige Zustand des Mulus-Daseins ist zu Ende. Mulus, das heißt „das Maultier" und bedeutet: nicht Pferd, nicht Esel, gewissermaßen nicht Fisch, noch Fleisch, nicht Schüler, nicht Student. Eine Mischlingszeit im heitersten Sinne des Wortes. Denn es bedeutet eine Zeit, in der man sich gleichsam schwebend zwischen Himmel und Erde hält, in der man ausatmet von der Last der Schule und noch nicht eingespannt ist in die neue Ordnung. Von Ordnung zu Ordnung — das ist ja dex Weg, und bei so manchem führt er gerade und ohne den Versuch einer V'egung ins Philistertum, als welches ja der Zustan) oder Stand der nicht bezweifelten und nid), vezweifclbaren Ordnung ist. Weniges erlaubt ist, eine Anleihe beim Historischen zu machen, so sind die Symbole des Philisters die lange Pfeife, der Schlafrock und die Zipfelmütze. Ruhet sanft, schöne SeelenI Möge kein Gott und kein Teufel euren Schlaf störenl Möget ihr hinüberdämmern in die endgültige Dunkelheit, deren Zierde ähr sein werdet! Aber wir — so sagt sich der Mulus — aber wir sind die Herren der Welt, wir sind frisch und grün, wir sind die Tyrannenmörder und die Erlöser der Menschheit! Ach, wer hätte nicht auch einmal so gedacht und so gesprochen, wer hätte nicht gebrannt im heiligen Feuer der Begeisterung und hätte jeden einen Lugner genannt, der einen Zweifel geäußert hätte. Alnö doch sieht man später, nicht, zwar, daß die Zweifler recht gehabt haben, aber wohl, daß sie nicht unrecht gehabt haben. Denn hart im Raume stoßen sich die Sachen, und nicht minder hart im Raume stoßen sich die Menschen.
Aber man soll den jungen Leuten den Mut nicht nehmen, man soll sie ermuntern und sich angesichts ihrer Begeisterung schämen und sich Tagen: nur die eigene Erfahrung macht den Menschen klug und niemanden kann man die eigene Erfahrung ersparen, und — schließlich — hat die Iugend recht. Denn alles, was vorwärts bringt, kommt von den Zungen oder, wie der alte Montane gesagt hat: aus Liebe und Be- geistcr^ng fließt alles.
Da ziehen sie also hinaus, die Zungen. Die Optimisten unter ihnen sind der Meinung, daß die Entscheidung über die Wahl des Berufes p”'"är';q ist. Sie werden Zuristen, si>r werden Mediziner, sie werden Theologen oder Etudien- rcue. Aber wie o,t erleben sie es dann, daß man sich falsche Vorstellungen gemacht hat, daß die Wirklichkeit ganz anders aussveht als der Traum. Dann sitzen sie fest, und eines Tages ist die Fakultät gewechselt. Für die meisten zum Glück, zum Glück auch für den Beruf, dem sie sich nun abwcnden. Für viele ist auch dann noch keine Lösung da, aber sie halten sich tapfer und machen fertig, was sie angefangen haben. Doch go't.ob gibt es auch heute noch Menschen, die sich ihrer Bestimmung bewußt sind, die unbeirrbar wissen: da und nirgends anders gehöre ich hin! Sie sind am glücklichsten daran, haben es aber gleichzeitig oft nicht leicht, dieser ihrer Bestimmung zu folgen. Da fehlt es am Geld, da fehlt es an Verständnis auf Seiten der Eltern, und so weiter. Viele merken auch, daß sie keine Wissenschaftler sind, sondern Praktiker oder Künstler. Für sie ist das Studium nur ein Durchgang, wenn auch meist ein dunkler oder beschatteter, zu ihrem eigentlichen Berufe. Mancher bleibt auf der Strecke und resigniert, aber die Starken kommen durch, und zum Glück hält sich jeder Mensch für stark, solange er jung ist.
Aber es ist eine Ersahrnngstatsache und sollte als solche den Eltern und Erziehern zu denken geben, das berühmte erste Semester, ja, die ersten zwei oder gar drei sind die Zeit des Tastens, des Rochnichtwissens, des Zweifelns und Experimentierens. Hat der Zunge sich geirrt, so gebe man ihm — wenn irgend möglich — nochmals eine Chance, ohne kleinlich zu sein. Man bedenke, daß es besser ist, ein Zahr dranzugeben, als dann jahrzehntelang den falschen Beruf zu haben. Das ist eine wichtige Frage, und es ist
Moderne Grziehungsprobleme.
Don Dr. H. Gerhardt.
Eine bekannte Formel bezeichnet unsere Zeit als das „Jahrhundert des Kindes". Wir muffen jedoch festsfellen, daß die entscheidende Bedeutung der Kindheitsperiode für die Gesamtentwrcklung des Menschen noch keineswegs hinreichend erkannt wird. Zweifellos ist die Zahl derer geringer geworden, die ihre elterliche Pflicht erfüllt glau- fen, wenn sie für Rahrung und Kleidung ihrer Kinder sorgen. Die Erziehung wird heute ernster genommen als in früheren Zeiten und das Gefühl der Verantwortung ist gestiegen. Man kennt jetzt die Bedeutung sorgsamer Körperpflege und fördert die körperliche Ertüchtigung der aufwachsenden Generation. Da man weiter aus Erfahrung weih, daß Wissen Macht bedeutet, suchen auch einfache Kreise oft unter großen materiellen Opfern ihren Kindern dadurch einen Start zu geben, daß sie sie gediegene Kenntnisse erwerben lassen und ihr Gesichtsfeld durch notwendige Bildungsstoffe erweitern. Dagegen wird die seelische Entwicklung des Kindes nur von einem sehr kleinen Prozentsatz weitsichtiger und moderner Erzieher gebührend gewürdigt. Kindliche Aeußerungen werden entweder überhaupt nicht beachtet oder falsch gedeutet. Man begreift oft nicht, daß Menschen in ihrer ersten Entwicklungszeit eine höchst eigenartige seelische Existenz führen, die mit viel Mühe und Liebe enträtselt werden will.
Ein Beispiel. Zedes Kind produziert mitunter seine Wunschvorstellungen in unwahren Berichten. Das wird von den Erwachsenen dann leicht als Lüge gebrandmarkt. Was soll ein kleines Wesen, das so behandelt wird, sich eigentlich dabei denken? Es erfindet eine wunderschöne Geschichte, redet den Eltern und auch sich selbst ein, es habe das wirklich eben erlebt. Cs wird aber nicht begriffen, daß das Kind nur ganz unvollkommen
kein Grund sich zu genieren und auf die Meinung der Belannten Rücksicht zu nehmen und zu sagen: O Gott, der Zunge ist gescheitert! Rein, noch kann alles aus ihm werden!
Doch wer denkt an solche Dinge, wenn er anfängt. Uni) es ist gut, zunächst nicht daran zu denken. Viel wichtiger ist doch die bunte Mütze und das bunte Band, oder der Sportplatz oder — die Bücher. Wie geehrt und ausgezeichnet fühlt man sich, wenn die ersten Keilbesuche kommen, wie erwartungsvoll geht man zur ersten Kneipel Und man lieft Romane von den „Tugenden" der fiha hospitalis und wundert sich, daß das meistens gar nicht stimmt. Mitleidig sieht man zu den Professoren hinauf, man staunt über so viel Weisheit, man schreibt auch einiges auf davon. Aber sobald man draußen ist, atmet man auf und erinnert sich, gehört zu haben, daß das
Schwänzen von Vorlesungen durchaus nichts Ehrenrühriges ist. Ob man es mal versucht? Ob man nicht lieber heute zum Tanzen acht? Ob man nicht mal im Schwimmbad die Glieder reckt? O, wie ist das Leben schön! Kein Muh, aber ein Dürfen, so weit das Auge sieht! Und dies Gesühl, dieser Glaube: Dir gehört die Welt, das ist es, was den Zauber des ersten Semesters ausmacht. Wünsck)en wir all den jungen Studenten, dah sie nicht zu früh, doch auch nicht zu spät aus diesem Traum erwachen, dah sie begreifen, wozu sie da sind, dah sie den Segen der Arbeit und die Freude, dem Rächsten zu dienen, spüren mögen und dah sie werden, was sie und alle ehrlich denkenden Menschen (sogar ab und zu die Philister, liebe Muli!) wünschen: tüchtige, aber fröhliche und ungebrochene Männer!
Glücklich bestanden! Aber was nun?
Geringe Aussichten in den weiblichen akademischen Berufen, von Or. Margot Melchior.
Grundsätzlich gelten in den meisten akademischen Berufen die Zulafsungcbedingungen für Frauen wie für die Männer. Nicht anders steht es um die Berufsaussichten. In der Praxis aber ergeben sich bisweilen recht erhebliche Verschiedenheiten. Um nur eine hervorzuheben: während der Frau der Beruf als Theologin außer im Schulfach noch so gut wie verschlossen ist, ist das Fach des Volkswirtes in der sozialen Arbeit, der Domäne der Frau, erst nach und nach den Männern zugänglich geworden.
Sehr bedeutsam für die Berufswahl der Mädchen ist die Gesundheitsfrage. Die rein körperliche Eignung, die Stärke der Sinnesorgane, vor allem der Augen, die Kraft des Nervensystems, die Geschicklichkeit der Hände ist von großem Gewicht für den Erfolg im Berufsleben.
Bei praktischen, besonders den technischen Berufen, haben heute vielfach Eignungsprüfungen mannigfacher Art für die Feststellung der Befähigung oder Nichtbefähigung für einen bestimmten Beruf wachsende Bedeutung gewonnen. Das weite Neuland, das hier der Erschließung harrt, ist kürzlich vom Neid)skuratorium für Wirtschaftlichkeit zum erstenmal öffentlich betreten worden: an Vorträge ährender Forscher auf dem Gebiet der Arbeitsphy- iologie, der angewandten Psychologie usw. schloß ich die Gemeinschaftsarbeit über Berufsauslese und Bestgestaltung der Arbeit an, mit dem Leitgedanken: „Der Faktor'Mensch in der Rationalisierung". Derartige Eignungsprüfungen experimentalpsychologischer Art sind für akademische Berufe freilich erst in sehr beschränktem Umfang möglich.
Eines der ältesten Gebiete der Berufsarbeit der Frau ist der Lehrberuf. Obwohl es in Deutschland akademisch gebildete Lehrerinnen erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit gibt — 1905 erhielten in Preußen Frauen die Erlaubnis, das Staatsexamen pro facultate docendi gleich den Männern abzu- legen —, so ist heute der Lehrberuf der begehrteste aller weiblichen akademischen Berufe. Fast die Hälfte aller Studentinnen auf deutschen Hochschulen will sich dem höheren Lehramt widmen, d. h. anteilmäßig beträchtlich mehr als die männlichen Kommilitonen. Dabei ist beachtlich, daß der Andrang der weiblichen Philologiestudierenden noch dauernd wächst: während von den Studierenden in höheren Semestern nur gut ein Fünftel weiblich ist, entfallen von den Studierenden im ersten und zweiten Semester gut ein Drittel auf die weiblichen. Nach dem neusten amtlichen Zahlenmaterial über die zur Zeit studierenden Frauen ist bis Ostern 1934 mit einem Neuzugang vcm etwa 5300 Studienreferendarinnen zu rechnen, und die durch Ministererlaß ergangene Warnung vor dem Philologiestudium ist mehr als berechtigt. Dabei dürfte die Unterbringung des weiblichen Nachwuchses noch größere Schwierigkeiten bereiten als die des männlichen. Unter den bis Ostern 1934 erwarteten 5300 Referendarinnen sind rund Dreiviertel mit preußischer Staatsangehörigkeit. „Selbst wenn ein merklicher Abgang durch Verheiratung oder den Uebertritf in verwandte Berufe stattfände, oder wenn sich in größerem Ausmaß eine Umwandlung von Oberschullehrerinnen- stellcn in solche für Studienrätinnen bewerkstelligen lassen sollte, dürste die Zahl derer, die auf Beschäf-
in der Wirklichkeit lebt. Die sogenannte Lüge des Kindes ist meist freies Spiel seiner Phantasie. Zeder Tag lehrt, wie das Kind die Wirklichkeit umformt. Ein Stuhl wird zur Lokomotive, ein Teppich zu einem Blumengarten.
Den werdenden Menschen an die moralischen Wertmaßstäbe heranzuführen, ohne dabei seine Einbildungskraft zu zerstören, ist die große Aufgabe der Erziehung. Es gelingt spielend, dem Kinde das Lügen abzugewöhnen, wenn man es nur versteht, in seiner kindlichen Sprache und Vorstellungswelt mit ihm umzugehen. Aber wie wenige Eltern geben sich diese Mühe? Die meisten wissen nichts besseres, als das Kind für seine „Verlogenheit" zu strafen.
Die beliebteste Form der Strafe ist leider auch heute noch das Prügeln. Gewiß werden nur besondere Rohlinge den Körper eines Kindes gewaltsam traktieren. Aber etwas weh muß es schon tun.
Was ist das Ergebnis dieser Strafe? man schüchtert das Kind ein, das nichts Böses gewollt hat und somit den Sinn der Strafe' gar nicht begreift. And bestenfalls wird, wenn derartige Lektionen regelmäßig wiederholt werden, erreicht, daß es aus Angst sich „bessert" und nunmehr die unverstandenen Belehrungen geduldig über sich ergehen läßt.
Es wäre verkehrt, zu glauben, daß der Versuch, die bisherigen Erziehungsmethoden abzubauen, zur Crziehungsanarchie führen muh. Das Verständnis, auf das die Kindesseele berechtigten Anspruch hat, darf nie dahin führen, daß nun- mehr der Wille des Kindes schrankenlos herrscht und in Tyrannei ausartet. Das Kind muß beizeiten fernen, sich unterzuordnen. Rur darf man nicht versuchen, dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß man den Willen des Kindes gewaltsam niederdrückt. Wer mit dem Triebleben des Kindes umzugehen versteht, seine Regungen ernst nimmt und dadurch seine Liebe erwirkt, kann spielend
' tigung und Anstellung im höheren Schuldienst warten, doch noch immer unverhältnismäßig groß bleiben uno den Bedarf von Jahrzehnten decken." (Statistische Untersuchungen zur Lage der Akademischen Berufe, Ergänzungsband zur Deutschen
i Hochschulstatistik.) Das Württembergische Kultusministerium ist hier bereits einen bemerkenswerten Schritt vorwärts gegangen. Wer sich dort dem Studienratsbedarf widmen will, muß sich jetzt vor An- trit des Studiums beim Ministerium melden und kann hier schon zurückgewiesen werden. Erreicht ein Zugelassener im Staatsexamen nur die Note „befriedigend", so ist er damit gescheitert. Einschränkende Bestimmungen dieser Art gelten für die Aufnahme in die Liste der Studienassessorinnen und -assessoren.
Für die neue Volks schullehrerbildung stehen die nieiften der Pädagogischen Akademien auch Frauen offen; unter diesen ist Beuthen (eröffnet Ostern 1930) ausschließlich für katholische, Frankfurt a. M. (eröffnet 1927) für Studentinnen aller Konfessionen bestimmt. Die Aufnahmebedingungen in die Akademien sind auch mit Rücksicht auf die Einschränkung der Zahl der Studierenden schwer, nur verhältnismäßig wenige Meldungen können berücksichtigt werden und zwar bestimmungsgemäß zunächst nur aus den betreffenden Provinzen selbst. Musikalische Vorbildung, für männliche Bewerber obligatorisch, ist für weibliche erwünscht, doch müssen die Bewerberinnen eine Aufnahmeprüfung über Kenntnisse und Fähiakeit in Nadelarbeit im Umfang einer abgeschlossenen Lyzeumsbildung nachweisen.
Müssen die Aussichten der künftigen Studienrätinnen und der Anwärterinnen auf die Dolksschul- lehrertätigkeit als fast hoffnungslos bezeichnet werden, so sind die der Aerztinnen und Zahnärztinnen in Deutschland nicht viel besser. Der Bedarf — 1927 kamen auf je 10 000 Einwohner, etwa 7 Aerzte und 1,34 Zahnärzte — wird nach der Zahl der zur Zeit Studierenden mehr als gedeckt. Auf je 20 Aerzte entfällt jetzt in Deutschland eine Aerztin; 2300 Frauen befinden sich etwa unter den 48 000 deutschen Aerzten beiderlei Geschlechts. Rechnet man bei uns im Durchschnitt mindestens 32 Berufsjahre, so ergibt sich rein rechnerisch ein jährlicher Abgang von 1500 männlichen und weiblichen Ärzten durch Tod oder Invalidität. Nimmt man an, daß etwa der fünfte Teil der Studierenden nicht zum Abschluß ihrer Studien gelangt, so würden etwa 1900 Studierende alljährlich neu ins medizinische Studium einrücken können, um den Abgang zu decken. Es wäre nun aber verkehrt anzunehmen, daß an die Stelle der 1500 ausscheidenden Aerzte regelmäßig, entsprechend dem Verhältnis 20 männliche und 1 weiblicher Arzt, 75 Aerztinnen und 1425 Aerzte treten. Vielmehr verschiebt sich das Bild durch eine Reihe von Faktoren: Der Andrang der Frauen zum medizinischen Studium ist relativ größer als der her Männer, die Frauen sind immer noch in einem, wenn auch langsamen, so doch stetigen Vordringen; die geographische Verteilung der Aerztinnen im Vergleich zu den Aerzten ist lehr ungleichmäßig. In einzelnen Bezirken ist die Zahl der Aerztinnen weit unter dem Reichsdurchschnitt,
alles erreichen. Dem logischen Argument sind Kinder meist unzugänglich. Das muß der Erwachsene verstehen lernen. Erziehung und Einflußnahme beruht auf echtem Vertrauen. Und eine Autorität, die Dauer in sich tragen soll, will schwer verdient sein. Man hüte sich vor Afsektausörüchen, die das Kind ängstigen und in das Gefühl der seelischen Vereinsamung drän- ?en. Aber man vermeide auch zärtliche Heber* a den hei t, die nur erdrückend wirk t. VKrs kleine Menschen brauchen, ist anspruchsloseGüte.
Für die sehr schwierige Frage, in welchem Tempo das Kind an die Ansprüche des Lebens heranzuführen ist, läßt sich eine allgemeine Regel nicht aufstellen. Das Ziel einer vernünftigen Erziehung muß jedenfalls sein, den Realitäten in der kindlichen Vorstellungswelt allmählich einen entscheidenden Platz zu sichern. Der werdende Mensch muß sich mit der Tatsache abfinden fernen, daß das Leben Hnauflösbarkeiten und Beschwernisse in reichem Maße bietet. Er muß sich frühzeitig daran gewöhnen. Widerstände zu meistem und mit der Zeit zu der Fähigkeit gelangen, auf mancherlei Triebbefriedigung freiwillig verzichten zu können. Eine Erziehung, die die Wirklichkeit künstlich zu verdecken sucht, um das Kind möglichst lange vor den Unbilden der Welt zu behüten, verstärkt nur die Konflikte, die einmal doch zutage treten müssen. Es sind schwere Augenblicke, wenn Elfem die Harmlosigkeit des Kindes weichen sehen. Aber nichts ist verkehrter, als die Finsternisse und Geheimnisse dieses Lebens mit Stillschweigen zu übergehen und dadurch nur zu erreichen, daß das Kind von dritter Seite an sie herangeführt wird. Hierdurch wird nicht nur die Konfliktsituation verstärkt, sondern auch das Vertrauen zu den Eltern in schwere Gefahr gebracht.
Kein Zweifel, daß Erziehungsfehler sich immer wieder einstellen werden. Riemand wird sich von Hnb herrschtheit frei wissen; dafür sorgt schon der Alltag mit seinen ständigen Anforderun.,en
in den Großstädten, z. B. in München besonders, darüber. Tatsächlich beträgt nun aber der Zugang an Medizinstudierenden nicht 1900 im Jahr, sondern zur Zeit das Doppelte und mehr. Allein vom S.-S. 1929 bis zum S.-S. 1930 hat sich die Zahl der reichsangehvriaen weiblichen Studierenden der allgemeinen Medizin von 2406 auf 3105 erhöht, der Andrang, d. h. die Zahl der weiblichen Medizinstudierenden im ersten Semester ist um 25 v. H. gestiegen. Der verhältnismäßig kleine Teil der Bevölkerung, vor allem des Mittelstandes, der nicht den Krankenkassen angehört, ist heute durch Vermögensverlust und geringe Verdienstmöglichkeiten weit weniger als früher in der Lage, ärztliche Behandlung zu bezahlen. Dadurch, besonders aber durch die Einschränkung der Zulassung zur Kassenpraxis, wird der Aerztin die Begründung einer Existenz sehr erschwert.
Durchaus nicht entwicklungsfähig scheint der Beruf der wissenschaftlichen Bibliotheka- r i n Heuzutage, von denen in ganz Deutschland nur etwa ein Dutzend im höheren Bibliotheksdienst tätig ist. Selbst wenn die vorhandenen Stellen alle bestehen bleiben können, was fraglich ist, wird der Bedarf von jährlich 17 bis 18 Bibliothekaren durch die männlichen Anwärter mehr als reichlich befriedigt. An Volksbibliotheken dagegen, wo außer für die Gesamtleitung größerer Betriebe wissenschast- liche Vorbildung nicht vorausgesetzt wird, sind Frauen vielfach tätig; hier handelt es sich im wesentlichen um eine pädagogisch-literarisch-kritische Tätigkeit. Der Andrang zu den Praktikantenstellen ist groß, das Angebot an fertigen Bibliothekaren für den mittleren Dienst übersteigt die Nachfrage. Da aber mit einem weiteren Fortschritt des Volksbildungswesens auch die Volksbibliotheken einen Aufschwung erfahren werden, wären bei normaler Wirtschaftslage die Aussichten nicht ungünstig. Unter den heutigen Verhältnissen aber ist über das Tempo der Entwicklung nichts auszusagen.
Durch Reichsgesetz von 1922 sind Frauen zum Richt er amt zwar zugelassen, sind aber bisher nur in ganz wenigen Fällen eingestellt und haben mit Widerständen aller Art zu kämpfen, einige sind auf Privatdienstvertrag, andere kommissarisch entgeltlich ober unentgeltlich tätig. Auch für den lieber- gang in den höheren Verwaltungs- und Finanzdienst, vielleicht mit Ausnahme des Kommunaldienstes, sind praktisch die Aussichten gering. Eine Juristin bearbeitet z. B. als Dozentin im Berliner Polizeipräsidium die Fragen des Kinder- und Ju- gendlichen-Schutzes in der Theater-Abteilung. Als Rechtsanwaltinnen werden Frauen außer in familienrechtlichen und Vormundschaftsangelegen. Helten auch auf dem Gebiete des Arbeitsrechts und Arbeiterinnenschutzes herangezogen, doch ist die Mehrzahl der Mitglieder des Deutschen Juristinnen- Vereins in sozialen, kaufmännischen und Vermal- tungsftellen tätig, üben also eine eigentliche juristische Tätigkeit nicht aus.
Als Volkswirtin betätigt sich die Frau auf den verschiedensten Gebieten, in der sozialen Arbeit, als Archivleiter an Wirtschafts- und Wohlfahrtsarchiven, in Arbeitnehmerverbänden und in der Privatwirtschaft, allerdings vielfach nur in der Theorie und als Statistikerinnen. Unbedingt nötig ist, daß auf breiter Basis angelegte und je nach Eignung und Neigung etwa nach der juristischen, der prak- tisch-sozialen, der betriebswissenschaftlichen usw. Seite ausgebaute Studium während und nach dem Studium durch umfangreiche praktische Arbeit zu ergänzen. Das Dorwärtskommen gerade als Volkswirtin ist besonders stark auf eigene Leistung gestellt, der Befähigungsnachweis muß dauernd neu erbracht werden, da es sich ja fast nirgends um fertig ausgestaltete Stellen und oorgeschriebene Arbeitsweise handelt, sondern das Arbeitsgebiet und sein Umfang fast stets erst zu erkämpfen und von der eigenen Initiative abhängig ist. Erschwert wird das Dorwärtskommen dadurch, daß Juristen, Diplomkaufleute, Techniker und Journalisten als Mitbewerber um viele Stellen auftreten, und gerade bei Frauen ergeben sich in der Praxis oft große Schwierigkeiten. Gelegentlich erhält eine Frau einen Assistentenposten gleich dem männlichen Kollegen, rückt aber nicht wie dieser weiter auf. Das Gebiet der Jnstruktorin in großen Handelshäusern steht auch der Volkswirtin offen. Besonders aber ist sie auf dem Felde praktischer Fürsorgearbeit, dem ureigensten Aufgabenkreis der Frau, neben der Aerztin, Theologin und der Wohlfahrtpflegerin tätig.
an die Rervenkraft. Aber feinem Kinde werden gelegentliche Verstoße Schaden bringen, wenn der Grundakkord der Beziehungen auf Vertrauen und Kameradschaft abgeftimmt ist. Die alte Erziehung, die auf Angst sich gründete, mußte zur Entfremdung führen. Eine neue, reinere Atmosphäre kann nur entstehen, wenn man es verschmäht, im Kinde ein Spielzeug zu erblicken, das man beliebig malträtieren kann. Kinder führen ein eigenes, von uns oft schwer verstandenes Seelenleben, und sie verlangen, in ihren Aeußerungen ernst genommen zu werden. Zhr Znstinkt ist noch unverbildet. Wer hier zu beobachten versteht, wird an der Unmittelbarkeit dieser Lebensäußerungen nicht nur viel Freude empfinden, sondern mancherlei fernen. Schlummernde Kräfte entdecken und unmerklich entwickeln, ist wahre Erziehungskunft.
Man fürchte nicht, daß man sich des Einflusses begibt, wenn man den Eigenwillen des Kindes fördert und ihm weitgehende Freiheit läßt. 3m Gegenteil. Das normale Kind sehnt sich nach Führung. Aber die Erfahrung lehrt immer wieder, daß freudigen Gehorsam nur jene finden, die mit dem feinen Instrument der kindlichen Scefe vorsichtig umzugehen verstehen.
Voraussetzung einer Einflußnahme ist die Herstellung einer inneren Verbindung, die auf Liebe gegründet fein muß. Die Forderung nach sklavischem Gehorsam verstärkt nur die Trohgefühle und vernichtet die großen Möglichkeiten organischer Einwirkung. Wer zur Disziplin erziehen will, muß es verstehen, eine innere Bereitschaft hierfür zu erzeugen. Das ist aber nur da möglich, wo das Kind seine seelische Freiheit unangetastet fühlt. Die erste Bedingung eines ErziehungS- erfolges ist, Liebe und Vertrauen sich zu erwerben. Dann sorgt schon ein natürliches Gesetz der kindlichen Seele für reichlichen Entgelt. Die Gegenliebe des Kindes zeigt sich darin, dah es aus Lust. Freude zu bereiten, seinen Betreuern gehorcht.


