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Ar. 200 Zweiter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Zreitag. 28. August 1931

Oer Umschwung in Lhile. - Das Ende der Oikiatur Ibanez.

Dem unserem ttr.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

London, Ende August 1931.

QH» General 6arM Ibanez nach ileber- schreiten der argentiniichen Grenze da- 2b- ichied-telegramm nach Santiago sandte, er habe die Heimat freiwillig verlassen, um eine noch schwerere Störung der nationalen Har­monie zu verhindern, hat sicherlich so mancher seiner politischen Gegner so etwas wie ZukunstS- soraen empfunden. DaS Regime Ibanez, da- im Februar 1927 mit einem kaum verhüllten Staats­streich gegen das oligarchische Regiment der al­ten Familien, gleichzeitig aber auch gegen die radikale sozialistische Drohung des seit einem Jahrzehnt abwechselnd als Präsident und Oppo- sitionssührerreformierenden, aber noch mehr unruhestistenden Arturo Liessen dri be­gann, hat dem chilenischen Volke zunächst sicher­lich viel Gute- gebracht. Man hat die langge­streckt« Republik am Stillen Ozean ja wohl schon hübet gelegentlich al- da-Preußen Südamert- ka-" lx^eichnct, nicht nur wegen der vielfachen äuherlichen Angleichung an preußische Uniformen und preuhische- Exerzierreglement (vor etwa einem halben Jahrhundert durch General Ster­ner eingesührt), sondern auch wegen der chatak- teristisch^n Eigenart des LhilenentumS im De- gen,a& zu der allgemeinen lateinamerikanischen Äentalität.

Don diesem Preußentum haben Ibanez und der kleine KreiS seiner ursprünglichen Anhänger und Mitarbeiter zweifellos auch 'Dewcise geliefert. Da­mit soll nicht nur ein energische- Durchgreifen« gegen tne in ihren Privilegien und in deren Mih- brauch mehr oder minder verletzten Anhänger der alten Regierung gemeint sein, sondern zum Bei­spiel auch die damals gewaltige- Aufsehen er­regende Verfügung, wonach von den Ministerien und übrigen Behörden daS klassische alte spanische SchlendrianSwortManana" .morgen" künftig weder im inneren Verkehr noch vor allem dem Publikum gegenüber angewandt werden durste. Gleichzeitig erfolgte ein drakonischer De- amtenabbau.der besonders all« jene genialen .PuestiioS'-Inhaber betraf, die durch ihre Be­ziehungen möglichst drei Pöstchen auf cln- m a l besaßen, um monatlich einmal pünktlich, näm­lich am Tage der Gehaltszahlung, in den betref- senden Bureaus zu erscheinen. Dies« rücksichtslose Resormmaßnahme zum erstenmal wurde in Chile auch eine moderne SteuerprariS durchgeführt rief In den ersten Wochen und Monaten natürlich vielfach Heulen und Zähne- kloppern hervor, um dann überraschend schnell neue- Vertrauen und neue Belebung von Handel und Wandel zu schaffen.

Die Regierung Ibanez, die das 'arlament fortbestehen ließ, ihm aber jeden wirklichen Ein­fluß genommen hatte, zeigt sich vor allem auf dem Geb ete der öffentlichen Arbeiten und der Rationalisierung der nationalen Industrien - freilich auch durch progresfive Schutzzölle sehr aktiv. Ein großzügiger Ausbau des Wegenetzes wirkte zurück aus die private Bautätigkeit, be­sonder- in der Landeshauptstadt Santiago, wo ganz neue weite Wohnviertel, teilweise im modernen Cottagestil, entstanden. Die Salpeter- Produktion im Rorden, die schon seit Iahren an einer schweren Krise infolge der zunehmenden künstlichen Stickstoffgewinnung in allen Ländern litt, sollte durch neue Methoden und Bewirt­schaftung, wobei die Regierung von sich auS mit- wirkte, wieder gehoben vx.den. Auch die Wein- auSfuhr wurde subventioniert und wie gesagt, jedeIndustria Racional" gegen ausländische Konkurrenz geschützt. Gleichzeitig aber wurde außer dem Heer«. daS schon lange so etwas wie Mustergültigkeit für Südamerika besaß, vor allem das Polizelwefen (z. T. unter Mitwir­

kung eines deutschen Fachmannes) reorganisiert und besonder- das Elitekorps der Earabine- rvs entsprechend den italienischen Earabinieri auch numerisch wie in Ausrüstung und Aus­bildung stark auSgebaut. Ibanez wußte wohl aus seiner persönlichen Vergangenheit wie au- dem Studium der südamerikanischen Geschichte, daß auch der politische Boden dort stet- mehr ober minder vulkanisch bleibt. Iahre hindurch konnte er sich auf die unbedingte Zuverlässigkeit seiner Earabineros stützen Aber gerade sie sollte all­mählich eine neue Opposition in der übri­gen Bevölkerung auch eine geheime Rivali­tät zwischen den bevorzugten EarabinervS und dem übrigenHeere war nie ganz erloschen Her­vorrufen

Alle- wär« jedoch weiterhin gut oder leidlich gegangen, wenn nicht im Frühjahr 1930 die Weltwirtschaftskrise, die bereit- da- ganze übrige Südamerika schwer ergriffen hatte, auch auf Chile übergegriffen hätte. Zwar hatten Ibanez und feine Vertrauten in echtem Patrio­tismus sich seinerzeit zu der Umsturzaktion ent­schlossen weil sie ganz richtig erkannten daß di« goldene Zeit einer üppigen Wirtschaftsblüte, die Chile besonders durch die Monopolstel­lung de- Salpeters, des .weißen Gol- d«-", jahrzehntelang genießen durfte, in dieser Form endgültig vorüber war, was eine neue schärfere Wirtschaft-- und Finanzgebarung nötig machte. Aber mit der Riesenkatastrophe, die die ganze Welt ergreifen sollte, hatte natürlich auch Ibanez nicht rechnen können. Immer noch hielt da- chtlenische Staatswesen dem Sturm viel län­ger und besser stand al- alle Rachbarn. Aber die Regierung sah sich doch zu Immer einschneiden­deren Rotverordnungen veranlaßt, die weite Kreise der Bevölkerung belasteten und verbitter­ten. Die um sich greifende Opposition wurde dann durch verschärfte Zensurmaßnahmen von jeher ein« Schattenseite de- Regimes Ibanez äußerlich unterdrückt, um natürlich die Gärung noch zu verschärfen. Dor allem aber: Die kata­strophal gesunkenen Rohstoff-Preise außer Sal­peter, Kupfer, fämtlich« Agrarprodukte des chile­nischen Südens konnten durch RegierungSmah- nahmen nicht wieder auf die Höh« gebracht wer­den. Privatwirtfchaftlich wurde die Lage von Mo­nat zu Monat schlimmer und den gerade wegen! der großzügigen Meliorationsarbeiten starken finanziellen StaatSbsbürfnissen standen immer ge­ringer werdende Eingänge gegenüber.

Run regten sich die lange Zeit verstummten Gegnerschaften und verbanden fich mit der neuen Opposition, die allmählich die gesamt« Bevölke­rung mit Ausnahme der engsten Dertrauten von Ibanez erfaßten. Bezeichnend waren die tage­langen revolutionären Streiks und Straßen­kämpfe gerade der gebildeten Schich­ten, Studenten, Aerztc, Rechtsanwälte, denen sich natürlich die Großstadtmasse sehr schnell an­schloß. Ob dieses durch das kostenlose Studium verhängnisvoll genährte akademische Pro­letariat Ruhen aus seinem Siege ziehen wird, ist allerdings sehr zweifelhaft. Trotzdem bleibt die Lage in Chile immer noch verhältnismäßig besser als in den anderen südamerikanischen Staa­ten. Das spricht sich u. a. darin aus, daß der chilenische Papierpeso nur wenige Punkte gegen­über katastrophalen Stürzen der übrigen Süd­amerika-Devisen verloren hat. Sehr wichtig ist dann, daß der alte Unruhestifter Qlleffanbri den Lockrufen seiner einstigen radikalen Anhän­ger, au- dein (Stil nach Chile zurückzukommen, nicht gefolgt ist Damit ist die Gefahr einer radikalentarteten demokratischen Bewegung sehr gemindert. Dann aber darf man die Zuversicht hegen, daß die vierjährige Erziehungsarbeit deS Diktators Ibanez' bei den Männern, die jetzt die

Stimme von oben.

Don Lons Ratonek.

Ich liebe diesen Apparat nicht, der drohend und stimmgeladen auf meinem Schreibtisch steyt und eS jedermann erlaubt, ungefragt bei mir einzutretcn, durch meinen Gehörgang mitten ins Gehirn. ES ist noch sehr die Frage, ob man das Telephon benutzt oder nicht vielmehr von ihm benutzt wird. In ihm verdichtet sich das Charakte­ristikum aller technischen Errungenschaften: sie sind ebenso unentbehrlich wie unausstehlich.

Aber eines Vormittag- geschah doch etwas Un­erwartetes: zunächst noch nicht, die Glocke schrillt wie gewöhnlich, mahnend, anmaßend, es ist ihr ganz gleichgültig, wa- sie in diesem Augenblick zerreißt: einen zarten Gedankenfaden, ein wich­tiges Gespräch. Die Glock« ist unschuldig Irgend­jemand hebt den Hörer auS der Gabel und der Apparat spielt: jeder kann sich seiner bedienen. Don hundert Anrufen sind mindesten- fünfzig Mißbrauch einer an sich genialen Erfindung. Welch ein seine- komplizierte- Gebilde totrb von groben, einfältigen Menschen -um Funktionieren gebracht! Dieser Kontrast könnte Erfinder ab- schrecken, wenn sie Philosophen wären: es ist ein Glück, daß sie e- nicht sind.

ES klingelte also wie gewöhnlich: der erst« Anruf, was wird es schon sein: ein Anliegen, eine Beschwerde, jemand, der eine Beziehung anknüpfen will. Ich finde, alle Stimmen durchs Telephon haben etwas Verstellte-, Falsches, die Heuchelei einer Rähe, di« doch nur vorgetäuscht wird. Man sollte mit Menschen, denen man nicht ins Auge schauen kann, nicht sprechen. Das viele Telephonieren, wobei jeder feine Worte durch Gesicht und Gebärde ins Gegenteil verkehren kann, verdirbt den Charakter. Da- Telephonieren ist eine typische Beschäftigung der Erwachsenen.

Roch ehe ich dazu kam, ein unfreundlich knar­rendesHallo 7" in das Sprechrohr zu rufen, klingt dies an mein Ohr:

Alle meine Entchen schwimmen auf dem See, Schwimmen auf dem See, Köpfchen unterm Wasser, Schwänzchen in die Höh'."

Was ist daS? Ich bin verdutzt, völlig aus dem Konzept gebracht: ein Anruf wie aus einer anderen Welt, gesungen von einem dünnen, sphä­risch-klaren Stimmchen, das von irgend woher kommt, nur nicht aus dem Telephon, auS dem

Telephon nicht! Mit diesem Ding am Ohr hörte ich niemals andere als sehr irdische, sehr er­wachsene Stimmen.

Ich hänge hilflos am Hörrohr. Ich kann doch eine Eng.stimme nicht fragen.Hallo, wer dort?" Eher schon:Wer ruft mir? M i r, nicht mich. Mir" klingt nicht nur berlinerisch, sondern auch sieheFaust" klassischer, entrückter.

Stille. Ich lausche dem Klang nach, ich höre ein Bächlein rauschen, ich schmecke.einen Quell, ein kleiner Wind flüstert im Erlengebüsch; mir ist fo frisch zumute.

Roch einmal, bitte, sage ich und habe Angst, die Erscheinung zu vertreiben.

Und mein altes verdrießliches Telephon, das schon viel gehört hat, aber das noch nicht, singt; silbrig träufeln die Laute auf mich herab, durchrieseln mich, ein Stimmchen. wie wenn das schwer lose Wappen einer Bachstelze Ton ge­worden wäre.

Alle meine Entchen schwimmen auf dem See..

Vormittags II Uhr in meinem Bureau. Schwimmen Entchen auf dem See.

Die kleine anonyme Anruferin gibt sich schließ­lich zu erkennen:

Hier ist Ursula Thimmig, ich danke auch schön für die vielen kleinen Entchen, die Sie mir ge­schenkt haben!

Ach, ich hatte meine Geburtstagsgabe längst vergessen; und daß die Fünfjährigen schon tele­phonieren können, habe ich noch nicht gewußt. Und sie tun es sogar, wie ich nachträglich erfuhr, ganz spontan, gehen zum Apparat, stellen die Verbindung her und singen:Alle meine Entchen..

Als ich zum ersten Male telephonierte, war ich 14 Iahre alt. Ich war sehr ungeschickt und so befangen, daß ich kaum ein Wort herauSbrachte, geschweige denn einen kleinen Singevers. 3a, vor dreißig Iahren waren die Äinber noch nicht so weit. Wir hatten noch ein bißchen Angst vor der Technik und dem Apparat. Wir waren wie die Wilden, die, was sie nicht begreifen, fürchten.

Und S i e, wann haben Sie zum ersten Male in Ihrem Leben telephoniert?

Aber die Kinder von heute sind wie (leine Götter, sie sind kindlich und bedienen sich den­noch mit einer herrlichen Sicherheit des Kompli­zierten, sie sind in die Technik hineingeboren, sie plätschern in ihr wie in einem selbstverständ­lichen Element, sie statten ihrDanke auch schön" telephonisch ab, sie sagen VerSchen telephonisch

Regierung-Verantwortung übernehmen, unb dar­über hinau» beim ganzen chilenischen Volk« nach- tmrfen wird.

Oberbeffen.

Gtadtvorstand in Alsfeld.

H AlSfeld, 27. Aug In der jüngsten Sit­zung wurde der Voranschlag der Ober- realschulefürdaSRj. 1 932 vorgelegt. Der Antrag der Flnanzkommisfion, dem Voranschlag in der vorgelegten Form zuzuftimmen, wurde nicht angenommen. ES wurde vielmehr die Zurück­verweisung an die Kommission zur Prüfung von SinsparungSmöglichkeiten an den sachlichen Ausgaben, sowie an den persön­lichen Kosten beschlossen. Der Zuschuß der Stadt für daS Rj 1932 ist auf 32 462 Mark veranschlagt, gegenüber 35 065 Mark im Rj 1931. Ein Ge­such der Iagdpächter Der Gemarkung Als­feld um Ermäßigung der Iagdpacht im Hinblick auf die veränderten wirtschaftlichen Vcr- hältniffe wurde abgelehnt, ebenso ein Antrag des Pächter- der Waldjagd, da die Pachtpreise alS an- gemejen erachtet werden. Zu der von der hessi­schen Regierung angeregten Gewährung von steuerlichen Vergünstigungen zur Wiederbelebung Der Dauwirtschaft bei WohnungSneubauten wurde b.schlossen, bezüg­lich der Gemeindegrundsteuer keine De reiung ein­treten zu lassen im Hinblick auf die weittragenden allgcmcircn Fölsen, zuma'. durch diele Maßnahme eine Wiederbelebung der Dauwirtschaft nicht er­reicht wird.

Landkreis Gießen.

* Wief eck, 27. Aug. In der Rächt zum 26. August wurde indcrSommcrwirtfchaft W a l d e S l u st auf der U r f u I u m ein Ein­bruch verübt. Den Einbrechern, die es scheinbar auf Rahrungsmittel und Rauchwaren abgesehen hatten, fiel nichts in die Hände, fo daß außer dem Sachschaden an dem Dache und dem Mauer­werk, welches durchbrochen wurde, dem Eigen­tümer Schaden nicht zugefügt ist. Die Ermittlun­gen nach den Tätern wurden von der Gen­darmerie sofort aufgenommen.

# Beuern, 27. Aug. Für die am kommenden Sonntag in unserer Gemeinde stattfindende Bür­germeisterwahl wurden drei Wahlvorschläge eingereicht. Sie lauten auf Georg Wilhelm Lin­de n st r u t h , den gegenwärtigen Bürgermeister, ferner auf Landwirt Johann Karl Bell off und auf Ludwig Pfeiffer, der von der Arbeiterpartei ausgestellt wurde.

e Leihgestern, 27. Aug. Der letzte Sonntag sah unsere Kleinkinderschule bei ihrem IahreSsest. Rach einem gemeinsam gesunge­nen Choral der Gemeinde und einem Be- grüßungsgedicht der Kinder folgte nach dem Vor­trag ihrer Lieder und Sprüche eine kurze An­sprache über die Macht des KindeS. 3m zweiten Teil zeigte die festesfrohe Schar an einer Reihe, von Spielen, wie fein sie sich in ihre Rollen, gefunden hatte. Der Dank für den sonnigen Rachmittag gebührt unserer Schwester Minna, die mit ihrer Arbeit bewiesen hat, daß sie unseren Kleinsten die rechte fröhliche Mutter ist. Mit strahlenden Augen trug jedes der Kleinen feine Brezel nach Haufe.

me Allendorf a. d. L., 27. Aug. Am Sonn­tag feierte die hiesige Klein-Kinderschule ihr 3 a h r e s f e st. Zur Freude der Kinder und der Erwachsenen konnte die Feier im Freien ab» gehalten werden. Der Posaunenchor und der ge­mischte Eingchor der Christlichen Gemeinschaft verschönten die Feier. Herr G e r t h vom Vor­stand der Schule, Prediger Meng von Großen- Linden und Pfarrer Germer hielten Ansprachen.

Z4. Langd, 27. Aug. Wie die Himbeeren, so liefern auch die Brombeeren in unseren Waldungen eine reiche Ernte. 3n früheren 3ahren holten nur wenige Leute aus dem Dorfe ihren Beerenbedarf. 3n diesem 3ahre aber kom­men Kinder und Arbeitslose aus der näheren und weiteren Umgebung und pflücken die Beeren zum Verkauf. Für ein Pfund werden meist 35 Pf.

auf, sie lassen ihr kleines Herzchen ferndrahtlich klopfen...

Ich dank' dir auch schön, Ursula, für den ver­zauberten Vormittag. Ich werde das Silber» stimmchen nie vergessen, das in mein gkaueS, ge- schäft.ges Bureau durch den Draht hereingewcht tarn wie zarter Morgenwind...

Goethe wird imRoten Ochsen"geneppt

Am 21. 3uni 1811 istG 0 ethe vom Wirt .Zum Roten Ochsen in Schlaggenwald nicht unocträcht- lich geneppt worden. Freilich nahm er dieS nicht ruhig hin, sondern wußte sich ganz energisch zur Wehr zu setzen. Der Dichter war damals mit seiner Frau und deren Begleiterin, einem Fräu­lein Ulrich, zur Kur in Karlsbad. Aus einem Ausflug besuchte er die alten Bergwerke in Schlaggenwald und war in der heitersten Stim­mung, al- er im .Roten Ochsen einkehrte, um dort sein Mittagessen «inzunehmen. Doch als er die Rechnung empfangen hatte, war mit einem Schlage die gute Laune fo gründlich geschwunden, daß er diesen Ausflug in den .Tag- und Iahres- heften nicht einmal erwähnt. Rur in den mit äußerster Sorgfalt geführten Tagebüchern finden sich die folgenden vielsagenden Eintragungen: .21.3uni, früh gegen 6 Uhr ausgefahren nach Schlackenwald, die Werke besehen. 3m .Roten Ochsen" zu Mittag. Händel mit dem Wirt wegen übertriebener Forderung. 22. 3unL Promemoria wegen des Wirtes in Schlackenwald und Vorschlag an den Kreishauptmann." Daraus geht hervor, daß fich Goethe bei dem Kreishauplmann, der auch zugleich die Stell« eines Dadekommissars von Karlsbad Der trat, beschwerte, und diese sehr cha­rakteristische Deschwerdeschrift deS Dichters ist uns im Wortlaut erhalten: .Gestern, als am 21. die­se-, fuhr ich mit den Weinigen nach Schlacken­wald. ES waren unser 4, wir kehrten zum .Roten Ochsen" ein und genossen ein Mittagessen, mit dessen Detail ich weder beschwerlich sein, noch dessen Wert allzusehr herabsetzen will. Genug, man tat ihm sehr viel Ehre an, wenn man den Drei- desselben dem der Picknicke auf dem .Post- Hofe gleichstellen und die Person auf st10 Gul­den anschlagcn mochte. Der Wirt verlangte 66 Gulden und für den Kutscher 10 Gulden, zusam­men also 76 Gulden! 3ch verweigerte die Zah­lung und äußerte, daß ich diesen Vorfall dem Herrn Kreishauptmann Hochwohlgeboren anzei- gen würde, welches hierdurch mit Beilage der 76

gezahlt. In unserem Dorfe sind d r e i Dresch­maschinen in vollem Gange. Der Körnerertrag kann als ziemlich gut bezeichnet werden, da die Frucht schon vor Beginn deS schlechten Wetter­eingefahren werden konnte.

Mrctd Friedberg.

DSR Friedberg, 27. Aug. In einem sog. Bruch der Braunkohlengrube Wecke-- heim wurde ein Bergmann durch herab- stürzende Kohlen fo schwer verletzt, daß er sofort dem hiesigen Dürgerhospital zugeführd werden mußte. Der Verunglückte hat auf dec Grube bereit- drei derartige Unfälle erlitten.

Mrcie Büdingen

-t- Unter-Schmitten. 27. Aug. Die Schwalbenkolonie am Schuppen de- Fried­rich U h l schen Anwesen- in der Dorfmittc hat sich in diesem Iahre wiederum stark erwei­tert. Die Zahl der Schwalbennester hat sich von 32 a u s 50 erhöht. Der Schuppen hat auf drei Leiten einen weit vorspringenden Dachrand, desfcn Unterseite aus Fachwerk besteht, was den Schwal­ben jedenfalls zufagt. Die Südseite hat über 30, die Westseite 20, die Rordfeite nicht ein einzige- Rest. Im übrigen Teil deS Dorfe- ist kein Rest der Hausschwalbe anzutresfen.

Kreis Schotten.

WSR 6db otten, 27. Aug. Rahezu 70Iahre all. ist in dem Kreisort Steinberg der Bür­germeister Heinrich Kaiser gestorben. Der Ent­schlafene stand über 38 Iahre lang, und zwar seit Februar 1893 bis zu seinem Tode, al- Bür­germeister, Standesbeamter und OrtsgerichtSvor- stcher an der Spitze seiner Gemeinoe, der er stets ein treuer und vorbildlicher Verwalter und Berater gewesen ist.

Schotten, 27. Aug. Der M u s 1 k v e r e i n Schotten gibt bekannt, daß er, der R 0 tzeit Rechnung tragend, von der Erhebung deS B e i t r a g e S für das zweite Halbjahr 1931 ab­sieht.

Starkenburg.

WSR. Offenbach, 27. August. In den heu­tigen Vormittagsstunden stieß ein au- Offenbach kommendes Auto mit einem au- entgegen« gefetzter Richtung kommenden Motorrad­fahrer zusammen. Der Motorradfahrer wurde fo schwer verletzt, daß er in daS städtische! Krankenhaus geschafft werden mußte. Das Auto hatte im letzten Augenblick noch versucht, den Zusammenstoß mit dem Motorradfahrer zu ver­meiden und war dabei gegen einen Daum gefahren. Es wurde dabei fo erheblich beschädigt, daß es abgeschleppt werden mußte.

Preußen.

Hanau verlangt Hilfe vom ZReid?.

Mehr al. 2,5 Millionen Defizit.

WSR. Hanau. 27. Aug. In einer Presse­besprechung nahm am Mittwoch Oberbürgermeister Dr. Dlaum nach der Festsetzung deS Zwangs» e t a t 8 durch den Bezirksausschuß Stellung zu den schwebenden Etatssragen. Die Zahl der WohlfahrtSerwerbSlosen ist, wie be­richtet wurde, von 1250 zu Beginn de- IahrcS auf 2175 gestiegen. Bei einem Gesamtetat von 14 Millionen Mark betragen in Hanau die Aus­gaben für Woh lf ahr t Szwecke rund 3.5 Millionen Mark. Durch da- Anwachsen der WohlsahrtsauSgaben um rund eine Million Mark erhöht sich das Defizit, einschließlich des Fehlbetrages auS dem Vorjahre, auf rund 2,5 Millionen Mark. In Hanau werden fast 3 0 vH. der Bevölkerung unterstützt. Die Stadt­verwaltung könne für die Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die sich in Hanau infolge der besonderen industriellen Lage besonder- stark gel­tend machen, nicht verantwortlich gemacht wer­den. Die Lasten, die sich daraus ergeben, könnten unmöglich allein von der Stadt getragen werden. Der Staat hab« die Pflicht. Hanau Hilfe zu leisten. Der Magistrat beabsichtigt, gegen einige Aenderungen des Etats Beschwerde beim Pro-

Gulden gehorsamst bewirkt wird. ES ist hierbei zu bemerken, daß nichts als das bloß« Mittag­essen und weder Frühstück, noch Wein, noch Kaffee genossen worden. Der Kutscher erhielt für sich geringe Kost und hatte feinen Hafer bei sich. Unterzeichneter bittet um Vergebung, wenn er mit dieser anscheinenden Kleinigkeit beschwerlich fällt Aber e- ist in diesen Tagen schon öfters zur Sprache gekommen, daß Gesellschaften, welche durch die schönen Wege, die herrlichen Ratur- gegenftänbe und das gute Wetter auswärts ge­lockt wurden, mit Verdruß über ganz unerwartete Zechen nach Hause gekehrt unb ihre gehoffte unb genossene Freube vergällt worben. Goethe fügt bann, wie er ausbrücklich betont,um zu zeigen, wie sehr ich wünsche, daß Karlsbad bei feinem bisherigen guten Ruf von billiger Behandlung erhalten werde", einenunmaßgeblichen Vorschlag" bei, wie man diesem.Hebel der Repperei" steuern könne. Er beginnt mit der all­gemeinen Bemerkung:Das bisher in Deutsch­land übliche Zutrauen, daß man in einem Gast­hof einkehrt, Bewirtung verlangt und dem Wirt überläßt, zuletzt die Rechnung zu machen, kann bei der gegenwärtigen Krise, bei dem Schwanken deS Silber- und Papiergeldes in hiesigen Gegenden wohl kaum mehr stattfinden. Dom Wirte ist eS kaum zu verlangen, daß er die alten Preise halte, und nicht von den Säst-m, daß sie sich neue sollen gefallen lassen" Der Dichter rät daher, daß die Reisenden wie in Italien vorher die Preise genau ausmachen unb schlägt vor:Sine hohe Behörde lege solchen Gastgebern in der Rachbarschaft die Verpflichtung auf, mit Personen, welche entweder vorher Bestellung machen ober welche geradezu anfahren, einen bestimmten Akkord zu treffen über den Preis dessen, was man von ihnen verlange. Den Gästen würde dies brkanntgemacht, unb je­her würde sich gern danach richten, weil die, Sache sehr einfach ist Diese Beschwerde Goethe- war erfolgreich: der Wirt wurde zu einer Strafe von 10 Gulden unb zu einer Herabsetzung feiner 5orberung auf 41 Gulben 20 Kreuzer verurteilt. Ob feinVorschlag" von bet Behörde angenom­men würbe, haben wir aber nicht erfahren.

Hochschulnacb richten.

D. Dr. Iohann Simon Schöffel, Hauptpastor an Et.Michael in Hamburg, hat einen Ruf auf ben Lehrstuhl Der Kirchengeschichte an der Universität Erlangen erhalten.