Gießener Gtadtcheaier.
Stephan Kamare: „Seinen aus Arland".
„Ein Lustspiel in vier Akten aus dem alten Oesterreich, nennt es der Verfasser, schildert darin eine Episode aus Wien während der Vorkriegszeit und Iaht dabei indirekt wissen, dah Wien nicht nur aus Grinzing besteht, sondern daß es dort auch ein Handelsministerium gibt. Hnd statt dem ewigen Heurigen werden uns diesmal — Akten serviert. Diese Akten müssen allerdings erst gesucht werden, denn man kann von einem kleinen österreichischen Beamten nicht verlangen, dah er auf den Gedanken kommt, dah der mit der Erledigung des Falles betraute Herr Hofsekretär die Akten mit nach Hause genommen haben könnte, um ernsthaft zu arbeiten.
Hm es vorweg zu nehmen, es handelt sich um die Akten der Carolina A.-G.» Wäsche en gros. Betrifft: „Veredelungsverkehr für Leinen aus Irland." Die Quintessenz ist dabei: Wenn die Carolina das irische Leinen nicht zollfrei einfüh- ren darf, dann lohnt das Geschäft nicht, und wenn es nicht irisches Leinen ist, dann verzichten die Brasilianer auf die Wäsche der Carolina. Danket Aber im Handelsministerium sitzt dieser Dr. Goll, der sich gegen die Zollfreiheit auSspricht, weil nach seiner Ausfassung dadurch die heimische Leinenindustrie lahmgelegt werde und die Bauern ihren Flachs auf den Hut stecken könnten. Daran ändert auch die Tochter des Grohindustriellen nichts, die die Widerstände auf loyalem Wege beseitigen möchte. Schließlich bleibt aber das glückliche Ende doch nicht aus. Dr. Goll bekommt seine Lilly und der Herr Generaldirektor sein Leinen aus Irland — zollfrei natürlich.
Dos Lustspiel mit dem etwas eigenartigen Titel läßt vermuten, dah sich die Handlung etwas von dem Heblichen unterscheidet. Dein ist auch so. Auch dann noch, wenn das Ende die geheiligte Tradition wahrt. Das Lustspiel enthalt so allerlei, so eine leise Persiflage auf den österreichischen St. Bureaukratius. auherdem eine Menge humorvolle Einfälle und auch einige Fünkchen Ernst, die sich zu verschiedenen Augenblicken tatsächlich zum Wesentlichen aufschwingen.
Da ist z. B. der sympathische Dr. Goll, der eine ernste Meinung von seinem Beruf hat und diese auch dem Geschäft seine- Schwiegervaters
Oie Terrordittatur in Polen.
Die ostgalizischen und Brest-L towsker Vorgänge vor dem Sejnu
Warschau, 27. Ian. (WTB.) Gestern nach- mittag trat der Sejm zu einer Dauersitzung zusammen, die bis in die Morgenstunden des heutigen Tages währte. Auf der Tagesordnung stand die sogenannte Pazifizierung Ost - galiziens und die Affäre von Brest- Litowsk. Selbstverständlich wurden in beiden Fällen die oppositionellen Anträge abgelehnt.
In der Frage der Pazifizierung wiederholten der Regierungsvertreter und der Berichterstatter die bekannten Gedankengänge, wonach diese Aktion notwendig gewesen wäre, um Schlimmeres zuverhüten. Demgegenüber stellten der ukrainische und der sozialistische Redner fest, dah schon ein Zehntel der im ukrainischen Antrag enthaltenen Vorwürfe genüge, um für ihn zu stimmen. Im Interesse des künftigen Zusammenlebens der beiden Rationen, so führte der Sozialist Dubois aus, selbst ein einmaliger Brester Häftling, mühten die Schuldigen bestraft werden. In der Brest-Litowsker Affäre hielt der bekannte nationaldemokratische Politiker Professor S t r o n s k i eine grohangelegte Anklagerede, wobei er neue Einzelheiten der unwürdigen Behandlung der oppositionellen Politiker brachte. Der Sozialist Riedzialkowski unterstrich gleichfalls den nationaldemokratischen Antrag zur Bestrafung der Schuldigen und gab hierbei eine Beschreibung der Mißhandlung eines Parteigenossen.
Nach längerer Aussprache nahm gegen 3.30 Uhr Ministerpräsident Oberst S l a w e k das Wort. Er wies auf die Lage des Landes hin, das im vergangenen Jahre derSchauplatz einer staats- feindlichenAgitation gewesen sei, die einerseits dos Vertrauen zu Polen im Auslande zu untergraben und andererseits Wirren, die zu einem blutigen Konflikt führen konnten, hervorzurufen suchte. Brest als starke Reaktion seitens der Regierung sei das einzige Mittel gewesen, um dieses Treiben zu ersticken. Slawe! erklärte, daß er die Frage der Einkerkerung der ehemaligen Abgeordneten prüfe, und stellte fest, daß die Disziplin in Brest streng gewesen, die Gefängnisordnung aber in keiner Weise verletzt worden sei. Es sei keine Mißhandlung vorge- kommen. Die Opposition verleumde die Offiziere und sei bestrebt, Brest-Litowsk zu politisch-agitatorischen Zwecken auszunützen.
Im Laufe der etwa siebenstündigen und oft sehr stürmischen Aussprache wurden von der Opposition einschließlich der Minderheiten, die grausamen undunmenschlichenMethoden von Brest- Litowsk, wie sie aus den persönlichen Aussätzen der betroffenen Abgeordneten bekanntgeworden sind, sowohl vom Standpunkt des polnischen staatlichen Interesses, als auch mit Rücksicht auf die menschliche christliche Moral mitdenschärfstcnWorten verurteilt. Die Vertreter des Regierungsblocks stellten die Angelegenheit als eine st a a t s p o l i ° tische Notwendigkeit hin und wiesen die Anklagen der Opposition mit auffallender Kaltblütigkeit und Zynismus als Verleumdung zurück.
Frankreichs Angst vor der -rutschen Industrie.
Falsche Folgerungen aus der Entwicklung des deutschen Außenhandels.
Paris, 27. 2cm. (TH.) Einige Pariser Blätter, besonders das „Journal" und das „Oeuvre", zeigen sich über die deutsche Außenhandelsbilanz äufterst beunruhigt. Sie ver- suchen, ihre These zu bestärken, daß weder die - Repcrrationslast noch die Arbeitslosigkeit Deutschland in seiner Entwicklung gehindeü habe. Das „Iournal" schreibt u. a., daS Ergebnis müsse um so mehr unterstrichen werden, weil es in einem Augenblick bekannt wurde, in dem man deutscherseits immer wieder auf die Hnhaltbar- keit des Voungplans aufmerksam mache. Interessant sei die Feststellung, dah der deutsche Außenhandel dank der Sachlieferungen des Voungplanes England überflügelt habe und nunmehr an die erste Stelle nach Amerika gerückt sei. Die Wirtschaftslage in Deutschland sei außerordentlich gesund, obwohl die Industrie nicht vollständig ausge-
nuht werde. Das Blatt fragt, welches die Macht Deutschlands wäre, wenn es seine Industrie voll beschäftigen würde. — Die gleiche Frage wirft auch das „Oeuvre" aus. ES verlangt die Einberufung einer internationalen Konferenz für die Einschränkung der Industrieerzeugung. Man dürfe nie vergessen, dah die Friedens
erzeugnisse in vieler Hinsicht auch eine Kriegsgefahr in sich schlössen. Wenn Brüning in seiner letzten Rede daraus hingewiesen habe, daß die Ausstellung eines Zehnjahresplanes notwendig erscheine, so könne man hier von einer Industrialisierung mit aller Gewalt sprechen. Diese könne für Deuschland unter Hm» ständen sehr gefährlich werden.
Große pwgrammrede Hngenbergs.
Oie deutschnaiionalen Parolen für 1931.
Berlin, 28.Jan. (111.) Bei der Reichsgrün- dungsfeier, die die Landesverbände von Berlin, Potsdam I und Potsdam II der Deutschnationalen Volkspartei am 27. Januar im Sportpalast zu Berlin veranstalteten, hielt Geheimrat Hugenberg eine Rede, in der er u. a. ausführte: Hinter dem bedeutungsvollen Jahre 1931 leuchtet wie ein klarer Fixstern ein Zielpunkt Spätestens im Frühjahr 1932 ist verfassungsmäßig ein neuer preu- ßischerLandtagzu wählen. Im Frühjahr 1932 ist auch ein neuer Reichspräsident zu wählen. Spätestens in diesen Wahlen muß sich aufs neue das deutsche Schicksal entscheiden. Das ist der Entscheidungskampf. Das ist unsere erste Parole für 1931. Aber ist es nötig, daß wir noch fünf Vierteljahr lang tiefer und tiefer in das Elend hineinmar- chicren? Wir verlangen, daß der veränderten Volkstimmung Rechnung getragen und daß der Preu- jifche Landtag aufgelöst und neu gewählt wird. Das ist unsere zweite Parole für 1931. Soll es wirklich Wahrheit werden, daß man im Interesse des Bundes Schwarzrot auch vor dem Aeußerften nicht zurückschrecken wird? Nämlich davor, spätestens im Frühiahr 1932 — wenn bei der Landtagswahl das Volk zugunsten der Rechten wird gesprochen haben, oder wenn man sich der Erkenntnis nicht mehr verschließen kann, daß es so kommen wird, — unter irgendeinem Vorwandte in Preußen verfassungswidrig am Ruder zu bleiben? Wäre das nicht die logische Fortentwicklung aus der heutigen Praxis der Ausschaltung des Reichstages? Wir rufen schon heute laut und öffentlich den von uns gewählten Reichspräsidenten an, der übers Jahr vor dem Ende seines Amtes steht: möge er auf der H u t sein, nicht in das Gegenteil von dem hineingezogen zu werden, was er will — in die geschichtliche Verantwortung für einen neuen Staatsstreich, für einen Staatsstreich in Preußen, dem die Reichswehr Gewehr bei Fuß gegenüber- steht wie 1918 das alte Heer der roten Matrosenrevolution!
Wir sprechen offen aus, daß diese Gefahr über Deutschland liegt, denn oft ist rechtzeitige Wahrheit und Offenheit die einzige Medizin gegen kommendes Hnheil. das ein Volk in Bruderkrieg stürzt. Wir verlangen zum Beweise dessen, daß man so etwas nicht will, die Reuwahl des Preußischen Landtages in diesem Frühjahr! — Aber wir sind gefaßt darauf, dah um diese Forderung gekämpft werden muh. Ie länger man die Landtagswahl verschiebt, um so mehr steigt im Herzen des deutschen Volkes das Barometer auf Sturm. Sehen wir doch täglich, wie die preußische Schupo Reichsbannerleute zum Hilfsdienst rüstet. Die Inflation war das Ergebnis marxistischer Wahnsinnspolitik. Sie wirkte sich in unsinniger Vermehrung des Papiergeldes und in der Vernichtung seiner Kaufkraft aus. Heute kommt das Gespenst von der anderen Seite her. Man nennt es Deflation. Sie ist im Grunde noch schlimmer. Sie ist das Ergebnis des Bundes der Sozialdemokratie mit gewissen westlichen Geldmächten der Feindstaaten. Sie schnürt mit der unsichtbaren goldenen Schnur der Währung und einer internationalen Fesselung der heimischen Wirtschaft den Zahlungsmittelumlauf und den Blutstrom der Kredite ein. Eie vernichtet damit eine wirtschaftliche Existenz nach der anderen. Sie macht Millionen arbeitslos. Schließlich muß der Tod die Sündensaat der Menschen ernten. Deflation und Inflation ist im Endergebnis dasselbe: Cs ist Vernichtung jeder Wirtschaft und jedes Volkstums.
Die Aufnahme ausländischer Anleihen — jetzt spricht man sogar von großen Anleihen bei unserem erbittertsten Feinde Frankreich — verschleiert nur diese Entwicklung. Fremde Anlei^n sind dazu bestimmt, jede un
abhängige deutsche Außenpolitik unmöglich zu machen und in Deutschland ein System am Ruder zu halten, das uns immer tiefer in Abhängigkeit und Elend verstrickt. Der Sozialdemokratie ist ihr Versuch vom Frühjahr 1930 nicht gelungen, sich mit Hilfe des Zentrums und der Mitte im entscheidenden Augenblicke nach dem Muster von 1923 der Verantwortung zu en'ziehen. Vielmehr hak sie alle die Fronden und Lasten, die ihre Politik dem Volle auferlegt hat, in Form der Genehmigung der Rotverordnungen mitbewilligen müssen. Es gibt einen Weg, der unser Voll aus dem Elend herausführen kann. Zurück zu einem inländischen Umlaufmittel, das unserer Wirtschaft eine unabhängige Grundlage der Entwicklung gibt.
Wir werden denen, die guten Willens sind, den gesetz- und vertragsmäßigen Ausweg auch aus solchen felbftgelegfen Schlingen zeigen — mögen die heute Verantwortlichen uns nur erst einmal ihren Platz einräumen! — Die wirtschaftspolitische Rettung unseres Dolles — das ist die dritte Parole für 1931.
WHP. Darmstadt, 27. Ian. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags begann mit der Beratung des Etats für das Iahr 1931, der im Druck noch nicht vorliegt. Auch den Abgeordneten find erst Bürstenabzüge einiger Kapitel vorgelegt.
Zinanzmimster KimSerger
erklärte: In den Ausgleichsetat 1931 seien alle Ziffern nach sorgfältigster Prüfung und mit größter Gewissenhaftigkeit eingestellt. Für den künftigen Rechnungsabschluß sei damit eine gewisse Sicherheit geboten, Voraussetzung bleibe allerdings, daß der Landtag k e i n e neuen Ausgaben ohne gleichzeitige Deckung bewillige. Die Höhe des Fehlbetrages 1930 lasse sich heute noch nicht übersehen. Aus den monatlichen Kassenausweisen könne auf einen Fehlbetrag nicht geschlossen werden. Die Sparvorschläge desReichskommissars habe die Regierung zum größten Teil d u r ch g e - führt. Die meisten zum Abbau vorgeschlagenen Beamtenstellen wurden auf den Inhaber gesetzt. Daraus ergebe sich, daß die Sparmaßnahmen sich hauptsächlich auf Kosten der Beamtenschaft auswirken.
Abg. Widmann (Soz.) verwies auf die Spar- Vorschläge des Reichssparkommissars, denen er zustimme, soweit es sich um die Feststellungen handele, die hessische Regierung habe sich zu viel Aufgaben aufgeladen und der Beamtenapparat sei überseht. Auch der Anregmrg, zur zweijährigen Budgetperiode überzugehen, stehe er sympathisch gegenüber. — Der Finanzminister erklärte sich ebenfalls für die zweijährige Budgetgeltung.
Oie Aussprache.
Abg. Dr. Leuchtgens (Landbund) billigte der Regierung den guten Glauben zu, dah ihr Etat ausgeglichen sei. Er selbst glaube nicht daran. Insbesondere seien die Einnahmeschätzungen zu hoch. Die Einnahmen aus der Forstverwaltung würden bei den niedrigen Holzpreisen nicht eingehen. Wie schon seit Iahren, werde er mit seinen Prophezeiungen recht behalten.
Abg. Dr. Keller (Vpt.) erklärte, seine Partei habe stets klar und unzweideutig gegen einzelne Maßregeln der Regierung Stellung ge°
Hofprediger D. Do eh ring stellte die gfragt, ob sich wohl jemals in der Weltgeschichte einen unsterblicher blamiert habe als die Führer der Sozialdemokratie. Sie hetzten den Arbeiter tn den Hmsturz hinein, um ihn heute in Erwerbslosigkeit oder Kurzarbeit verelenden zu lassen. Arm in. Arm mit den Sozialdemokraten gehe das Zentrum. Sollte der flugc Brüning nicht wissen, wessen Schrittmacher er ist? Daß neben ihm sein Koalitionsgenosse Braun marschiert, der seine politischen Tendenzen deutlich genug in seinem bekannten Wort offenbart habe: Merxis nus und Bolschewismus unterscheiden sich nur im Tempo!
deutsche Ration lasse das Reich Brünings samt feinen bolschewistischen Folgezuständen hinter sich und sehe dem dritten Reich, dem neuen! deutschen Kaisertum, entgegen.
O e Gehaltskürzung -er Staats- angestellten.
Berlin, 27. Ian. (ERB.) Wie der gewerkschaftliche Pressedienst mitteilt, ließ das Reichs- arbeitsminifterium erkennen, dah keine Aussicht besteht, daß der Schiedsspruch für die Reichs- und preußischen Staatsangestellten, der eine öprozentige Gehaltskürzung vorsieht, für verbindlich erklärt werden könnte. Die Organisationen stimmten daher trotz schwerer Bedenken einem Vorschlag des Reich^xbeitsmini- steriums zu, wonach laut Schiedsspruch für die Monate Februar und März eine öprozentige und ab 1. AprileineöprvzentigeGehalts- kürzung eintritt. Als Abgeltung für die Pflichtbeiträge zur Angestellten- und Erwecbslo'enver- versicherung erfahren die kürzungspsl.chiigen Bezüge noch eine Verringerung, so daß der Gehaltsabzug ab 1. April rund 5,7 Proz. beträgt.
nonxmen, sowohl gegen die neuen Steuern, die im Dezember der Bevölkerung auf erlegt wurden, wie auch gegen bestimmte Einschränkungen. Objektiv aber müsse anerkannt werden, dah die Regierung sich in den beiden letzten Iahren grohe Mühe gegeben habe, wirkliche Einsparungen in der Verwaltung zu erreichen. Dafür sprächen die Deseisigung des Defizits und die Tatsache, dah es gelang, die aus früheren Fehlern sich automatisch ergebende Ausgaben st eigerung zu verhindern, denn sonst müßte jetzt mit einem Fehlbetrag von 18 Millionen gerechnet werden. Wenn er dies zugestehe, müsse er ebenso klar betonen, daß die Volkspartei die Maßnahmen für falsch erachte, mit denen dies Ergebnis erzwungen wurde.
2lbg. He inst ad t (Zentr.) sprach dem Finanzminister Dank für dem ausgeglichenen Etat auS. Diesem Staatsvoranschlag komme besondere Bedeutung zu, da er gemäß Rotverordnung der Reichsregierung als Grundlage für die kommenden Iah re diene.
Abg. Dr. Best (Vrp.) kritisierte zahlreiche Einzelkapitel, insbesondere die Einnahmen aus der Justizverwaltung.
Abg. Reiber (Dem.) gab der Freude Ausdruck, daß auch die Volkspartei heute der Regierung Anerkennung gezollt habe, nachdem doch gerade Abg. Dr. Keller am vergangenen Sonntag in Bad--Rauheim sehr scharfe Worte gegen die Weimarer Koalition gebraucht habe.
Abg.Glaser (Ldbd.) kündigte an, der Landbund werde ein eigenes Sparprogramm vortegen. Lehnten die Regierungsparteien ab, dann müßten sie alle Folgen tragen, denn die Entwickelung drauhen verkünde schweren Sturm.
Staatspräsident Or. A-etung:
Die Bezüge b er Beamten sind vorn 1. Februar 1931 ab nach der Verordnung des Reichspräsidenten vom 1. Dezember 1930 um 6 Prozent zu kürzen. Auch die Bezüge der Minister sind im gleichen Ausmaß zu ermäßigen. wenn ihre kürzungspflichtigen Bezüge die Bezüge der höchstbezahlten Reichsbeamten, das sind Staatssekretäre usw., nicht übersteigen. Obwohl das Diensteinkommen der hessischen Minister wesentlich hinter den Bezügen der Staatssekretäre im Reich und in Preußen, deren Gehalt
Veg im der Gatsderainngen im Finanzausschuß.
in spe nicht opfert: da ist der Großiuustrielle l selbst, der wohl wünscht, daß sein Gesuch be- I fürtoortet werde, der aber schließlich doch enttäuscht ist, als es den Anschein hat, Dr. Goll könnte doch nachgegeben haben. Hnd schließlich seine Tochter Lilly — das ist auch ein ganzer Kerl. Der leichte Ton wird aber trotzdem auf der ganzen Linie gewahrt, dafür sorgt schon die Figur des Allerwelts-Geschäftemachers Schlesinger aus ofutari, der echte weanerische Baron Faltz und der tschechische Hosrat Wik, der gerne aus nationalem Eifer dem deutschen Hntemehmer das Geschäft versalzen möchte. Alle bereinigt eine ebenso geschickte wie humorvolle Dialogführung, eine logisch gesteigerte Handlung, die an keiner Stelle krampfhafte Zufälligkeiten walten zu lassen braucht, und schließlich eine gemütliche Grundstimmung. Man kann zu diesem Lustspiel mit gutem Gewissen „3a“ sagen, schon deshalb, weil ihm Spuren von Originalität zu eigen sind und weil der Zuschauer für ein paar Stunden dem Alltag entrückt wird.
Was für das Lustspiel an sich gilt, das gilt mit einigen Einschränkungen auch für die Aufführung. Für die Regie zeichnete Dr. Ritter verantwortlich. Er wurde seiner Aufgabe gerecht. Das Stück ging flott über die Bühne. Die Ausführung hätte allerdings gewinnen können, toenn das Mundartliche etwas mehr berücksichtigt worden wäre, das man bei einem Stück aus der Wiener Atmosphäre nun einmal nicht missen möchte. Die Ausstattung (Karl Löffler) war wieder von erlesenem Geschmack. Die Darstellung lieh wenig zu wünschen übrig. Walter Bäuerle gab einen sicheren Kommerzialrat Brennstein von der alten Schule, leicht antiquiert; Lony Leutholf als Lilly stellte ihren ganzen Charrn in den Dienst der Sache und erwies sich ihrer dankbaren Rolle gewachsen, während es Eduard Wesener sichtlich schwer siel, das ernste Gesicht zu machen, das man für die Rolle des pflichttreuen Herrn Hofsekretär Dr. Goll erwartet hätte. Ivchen Hauer traf für den Baron Falk den richtigen Ton und gefiel durch seine unbekümmerte Art. Karl Druck als quecksilbriger Schlesinger tänzelte immer hart an der Grenze des Allzukomischen, errang aber damit einen Heiterkeitserfolg nach dem anderen. Die Rolle schien ihm auf den Leib geschrieben.
1 Ausgezeichnet Hrrnrich Hub als Hofrat Wll,
Maria Koch als Frau von Gebhardt ganz Dame und Friedrich Zingel ein origineller Minister. In kleineren Rollen die Herren Fassott, Ritter, Schelcher, Rieren und Volck. Richt zu vergessen Linkmann als Amtsdiener Prihoda, der schon durch sein Erscheinen zum Lachen reizte.
Das Publikum dankte bereits nach dem ersten Akt mit herzlichem anhaltendem Beifall, nicht weniger zum Schluß. n.
Rekorde des Gammelfpleens.
Ein „Steckenpferd“ ist ein ganz gutes Mittel, um sich über die Eintönigkeit des Alltags hinwegzutäuschen, und zu allen Zeiten ist das Sammeln eine beliebte derartige Ablenkung gewesen. Bei keinem Volk aber treibt dieser Sam- melwahn merkwürdigere Blüten als in England dem Lande des Spleens. Hier hat es stets die wunderlichsten Sammler gegeben, und sie sind auch heute noch nicht ausgestvrben. Der britische Romandichter Thomas Burke, der sich besonders gern mit solchen Sonderlingsnaturen beschäftigt und viele derartige Persönlichkeiten in seinem Leben kennengelernt hat, erzählt in einem Aufsatz von den beiden erstaunlichsten Vertretern des Sammelspleens, die ihm begegnet sind. Da lernte er einmal einen Herrn kennen, der ihn zu einem Besuch in seiner Wohnung einlud. „Er führte mich“, fo schreibt Burke „nach dem Hinterzimmer einer Hinterstraße und wies mit Stolz auf eine Riefenmenge von Schachteln und Kisten, die an den Wänden bis zur Decke hochgetürmt waren. Andere solche Kästen standen unter dem Tisch und waren unter dem Bett zu- sammengepreßt.“ „Ietzt werde ich Ihnen etwas zeigen", sagte der Mann triumphierend. Er ergriff eine der Schachteln, öffnete sie mit der Miene eines Zauberkünstlers und sagte: „Bitte, sehen Sie!“ Die Schachtel war bis oben hinauf angefüllt mit Schrauben, kleinen Bo'.zen usw. „Alle die Kisten und Kasten, die Sie hier sehen“, erklärte der Wann, „sind voll, alle gefüllt mit solchen Dingen." Er zog noch einige heraus, öffnete sie, überall Schrauben, Waschinentellchen und wieder Schrauben. „Wissen Sie, wo ich das alles gefunden habe? 3a, da werden Sie staunen, auf der Straße. 3edes dieser Schräubchen ist von mir auf der Straße aufgelesen worden. Seitdem die Kraftwagen aufgekommen sind, gehe
ich Rächt für Rächt durch die Straßen, mit einer elektrischen Lampe, die ich auf den Boden richte. Meine Augen sind gut. meine Sinne geschärft, und so finde ich meine Schätze." Der Hnglückliche hatte sogar den 3nhalt seiner Sammlung gezählt und wußte die Menge, die hier zusammengebracht war, anzugeben; es waren 386 257 Stück oder so ähnlich. „Hnd was wollen Sie bloß damit anfangen?“ fragte ich. ..Mit ihnen anfangen?“ erwiderte er verächtlich. „Was hat wohl Morgan mit seinen Schnupftabaksdosen gemacht? Was fängt das Britische Museum mit seinen Marmorwerken an? Ich bin Sammler, mein Herr!" Eine andere Sammlung, die noch seltener war, wurde mir einmal von einem magern, unbedeutenden Herrn in mittleren 3ahren gezeigt, dessen Bekanntschaft ich bei einem Freunde machte. Der hungrige Ausdruck feines Blicks und die gierige Art seiner Bewegungen fiel mir auf. Ich besuchte ihn in einer sehr eleganten Wohnung, die er mit Geschmack ausgestattet und dann durch feinen Sammelwahn verunstaltet hatte. An den Wänden gab es kein Bild, sondern über dem Büfett war ein Holzplakat angebracht: „Verbotener Weg. Hnberechtigtes Betreten wird streng bestraft.' Heber dem Sofa befand sich ein Cmailleschild: „Plätze für 5 Personen"; darüber prangte ein Plakat: „Vor Taschendieben wird gewarnt!" Hnd überall aus den Ecken und von den Wänden grüßten solche Plakate und Anschläge jeder Art und jeden Inhalts. Da las man z. D.: „Richt hinauslehnen.“ „Vorsicht, bissiger Hund." „Aus- spucken verboten." „Das Betreten des Rasens ist untersagt." „Richt den Draht berühren, Todesgefahr!" usw. Alles, was da zu sehen war, hatte der Mann, wie er voller Stolz versicherte, mit eignen Händen — und mit einem Schraubenzieher — von öffentlichen Plätzen, aus Eisenbahnwagen, Omnibussen usw. gesammelt. Besonders stolz war er auf einen Anschlag: „Scheibe einschiagen, Glocke ziehen und auf die Feuerwehr warten." Er hatte nächtelang die' Feuermeldestelle beobachtet, die diese kostbare Inschrift zeigte, und einen sicheren Moment abgewartet, an dem er in den Besitz des seltenen Stücks gelangen konnte. Viele dieser erbeuteten Gegenstände hatten ihm Gefahren, ja sogar Strafen gebracht. Hm fo stolzer ist er auf die Sammlung, die er dem London-Museum hinterlassen wird."
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