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Nr. 25 Erstes Blatt

181 Jahrgang

Mittwoch, 28. Januar 1951

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Die DDultriertt Lietzener Famrtienbläriei Heimat im Bill»

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur:

Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot' für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Biegen.

Oer neue Kurs in Indien.

Das Ergebnis der Londoner Konferenz am /Runöen Tisch." - Oie Freilassung der Ralionaiistenführer.

Oie indische Sphinx.

Es verdient immer wieder Bewunderung, daß es die britische Staatskunst meisterhaft versteht, gerade in Gefahrz^ kn das Imperium aus dem Altwasser überlieferter Politik in den Wirbel der Erneuerung zu drängen. Macdonald macht davon keine Ausnahme, denn er hat nicht nur vor Jahr und Tag aus den Verhandlungen über die Seeabrüstung für England einen klaren Gewinn herausgeholt, er hat es in wahrhaft glänzender Weile verstanden, die Verhandlung um den Runden Tisch über das indische Problem zu einem für England günstigen Abschluß zu bringen. Don einem oieg zu reden, ist vielleicht zu viel. Es läßt sich heute noch nicht übersehen, wie die indischen Dölker das Ergebnis von London aufnehmen werden. Was seit dem 17. November 1930 am Runden Tisch verhandelt wurde, bedeutet nicht nur Schicksal für Indien, sondern auch für das allbritische Reich. Der Rund« Tisch ist hier bildlich zu verstehen, denn es sott damit ausgedrückt werden, daß die Derlreter Indiens mit den Vertretern Seiner britischen Majestät auf dem Fuße der Gleichberechtigung miteinander verkehrt haben.

Das indische Problem ist in seiner unmittel­baren Zuspitzung auch ein Ergebnis des großen Krieges, das wie so viele andere dem englischen Sieger eine so schwere Enttäuschung bereitet hat. Hin die indischen Völker für ihre Treue während des großen Krieges zu belohnen, stellte ihnen Lloyd George feierlich in Aussicht, daß in absehbarer Zeit der Vasallenstaat Indien zum Range eines unabhängigen Domi­nions erhoben würde. Diese absehbare Zeit wurde später vom Dizekönig bis Ende 1929 be­fristet, was selbst die indischen Rationalisten ursprünglich sür annehmbar hielten. Auch Gandhi w.r der Heberzeugung, daß ohne eine Lleberaangszeit die schwierigen inneren Verhält­nisse Indiens sich nicht Warden in einen Ver­fassungsstaat mit Selbstherrschaft überführen lassen. Als das Iahr 1929 sich dem Ende näherte, war für die Verwirklichung des Dominionstatus noch wenig getan, um so weniger, als die englische Regierung den Mißgriff begangen hatte, trotz der feierlichen Zusage eine Abordnung nach Indien zu schicken, die unter Führung des klugen Lord Simon die indischen Verhältnisse stu­dieren, tatsächlich aber nur Zeit gewinnen sollte.

In England hatte sich eine gewisse Ernüchte­rung durchgeseht, die genährt wurde durch die Vorgänge in der südafrikanischen Union und in Kanada. Da die Unabhängigkeitsbcwcgung in Indien immer stärker sich ausgebrcitet hatte, da insbesondere der Rationalkongreß immer stür­mischer den Dominionstaat forderte, fürchtete Eng­land nicht ohne Grund, daß aus dem Dominion sehr bald ein freies und unabhängiges Indien werden würde. England kann viel verlieren, aber der Verlust Indiens würde sür das Imperium der Todesstoß bedeuten. Eine konservative Regierung wäre unter keinen Um­ständen bereit gewesen, Indien ein größeres Maß von Freiheit zu gewähren, als es dies in den zehn Iahren des Uebergongs zum Dominion­status schon erreicht hatte. Aus dieser Zwickmühle einen Ausweg zu finden, blieb der L a b o u r - regierung Vorbehalten, deren fast unlösbare Aufgabe es war, Englands lebenswichtige Inter­essen in Indien zu schützen, gleichzeitig aber auch zu verhindern, daß die indischen Völker in offener Rebellion sich Freiheit und Unabhängigkeit er­zwingen würden.

Die englische Politik hat in einem Jahrhundert weise vorgearbeitet, d. h. ihren Grundsatz in der Behandlung fremder Völker, sie zu zertetten und zu verwirren, um sie dann um so sicherer zu beherrschen, sehr erfolgreich angewandt. In Indien konnten die Fürsten gegen die Masse der Bevölkerung ausgespielt werden, wie es auch In Indien möglich war. die religiösen Gegensätze zu starken Fronten auszubilden, die sich unversöhnlich gegen- überstanden. Es war der große Krieg, der Eng­land» einen Strich durch Die Rechnung machte. Wenn die Sieger während des ganzen Krieges mit dem Selbstbestimmungsrecht der Dölker hausieren gingen, so dursten sie sich hinterher nicht beklagen, wenn die wirklich unter­drückten Voller auch in den eigenen Koloriten aus dies Recht pochten. Als Ende 1929 Die inDi- fen Rationalisten unter Führung Gandhis die britische Regierung förmlich vor ein Entweder- Oder stellten, war auch für Macdonald Die Zeit gekommen, das größere Uebel durch ein kleineres zu verhindern. Gandhi wies schroff jede Ein­ladung des Dizekönigs zurück, nachdem sein durch religiöse Kasteiungen gestählter Wille Den Ent- fchluß gefaßt hatte, dem indischen Volke das Signal zu einem gewaltlosen Freiheitskamps zu geben. Das war der berühmte Salzmarsch zum Meere im März 1930, Der wohl in Die Geschichte als Der Geburtstag eines freien und unabhängigen Indiens eingehen wird.

Das wird heute und morgen noch nicht der Fall fein, Denn einstweilen wird Die englische Politik all ihre Künste und Kräfte spielen lassen, um

das indische Problem zu meistern. Macdonald hat mit einem wahrhaft kühnen Griff die Lage zu retten versucht, als er Indien in der Schluß­sitzung am Runden Tisch zwar den Domi­nionstatus versprach, aber für England gleich­zeitig Rechte forderte, mit denen sich wohl auch die Konservativen zufriedengeben werden. In­dien wird ein Parlament erhalten, Indien wird sich bedingt selb st regieren, aber das alles wird nicht so weit gehen, daß das englische Parlament ausgeschaltet wird. Was die Hauptsache ist, die englischen Trup­pen sollen einfttoeUcn noch in Indien bleiben, wobei der zeitliche Begriff Ermessenssache Der englischen Regierung ist. Es fragt sich, wie Die indischen Rationalisten diese Entscheidung in Lon­don aufnehmen werden, zumal Die Ereignisse Der letzten Monate Der indischen Freiheits­bewegung so starke innere Kräfte verliehen haben, daß noch mehr als britische Staatskunst dazu gehört, um Indien nicht in offenem Aufstand zu verlieren.

Gandhi in Freiheit.

Lchwerc Zusammenstöße in Bombay. Kein Verzicht aus den Boykott.

London, 27. Ian. (WTB.) Heber die bereits gemeldete Freilassung Gandhis gibt Reuter in einer Meldung aus Puna folgende Darstellung: Die Freilassung Gandhis aus dem Beroda-Ge- fängnis, wo er nicht ganz neun Monate in­terniert war, wurde um 23 Uhr unter dra­matischen Umständen vollzogen. Der QllonD war eben hinter Dem alten Kastell van Puna verschwunden, als sich das Gefängnistor öffnete und ein g r ohes Auto mit Gandhi und feinen Begleitern erschien und in schneller Fahrt davonrollte. Die schrillen Klänge von Polizeipfeifen verständigten die unterwegs be­findlichen Polizeipatrouillen von der Freilassung des Rationalistenführers. Einige Leute unter Der kleinen Gruppe von Rationalisten, die geduldig: ausgeharrt hatten, versuchten hinter dem Auto herzulaufen, wurden aber von Polizisten daran verhindert. Gandhi trug bei feinem Eintreffen auf dem Bahnhof von Ehinchwad feine übliche Klei­

dung, ein Lendentuch, und hatte sich zum Schutz gegen die Rachtkälte in eine große Decke getoidelt. Auf dem Bahnhof wurde das umfangreiche Gepäck des Mahatma aus- geschichtet. Es umfaßte eine kleine Bibliothek, mehrere Spinnräder und zahlreiche Manuskripte von Uebersehungen, die Gandhi während seiner Gefangenschaft angefertigt hat, sowie Tau­sende von Briesen, Die ihm seine Bewun­derer in allen Teilen Der Welt, besonders in den Bereinigten Staaten und Deutschland, ins Gefängnis gesandt hatten. Der Schnellzug nach Bombay wurde Gandhis we­gen in Ehinchwad angehalten. Gandhi und die inzwischen ebenfalls eingetroffene Frau R a i d u uno vier Begleiter bestieg nein reservier­tes Abteil 1. Klasse hinter der Lokomotive, und nach nur zwei Minuten Aufenthalt dampfte Der Zug in Richtung Bombay davon.

In Bombay kam es auf Der Esplanade, wo sich eine gewaltige Menge eingefunden hatte, um Gandhi reden zu hören, zu schwe­ren Zusammenstößen, bei Denen zahl­reiche Personen verletzt wurden. 31 Berichte mußten in die Krankenhäuser gebracht werden, wo eine Frau ihren Verletzungen erlag. Die Rednertribüne, von der Gandhi sprechen sollte, war von dichten Menschenmassen umlagert, so daß Gandhi den Zugang versperrt sand und seine Absicht, eine Ansprache zu halten, aufgeben mußte. Er ist, von mehreren Führern der nationcuistischen Bewegung begleitet, nach Allahabad abgereist.

In einer HnterreDung mit einem Presse­vertreter erklärt« Gandhi, die Freilassung der indischen Führer werde nur Dann ihre volle Wirkung ausüben können, wenn all« wegen ,zi­vilen Hngehorsams" Derurteillen ebenfalls freigelafsen würden. Selbst, wenn Die Kreise Deä- Alli irdischen Kongresses glaubten, auf Grund der Erklärungen Macdonalds ihre Mit­arbeit zum Derfafsungswert an bieten zu Dür­fen, so toürDe man doch weder auf das Recht, Streikposten vor den Geschäften aufzustetten, noch auf dasjenige, für Die Mil­lionen Hungernden Salz herzu stellen, verzichten können.

Gesamtplan für die Landwirtschaft

Besprechungen beim Reichskanzler über Neugestaltung des Agrarprogramms.

Berlin, 27. Ian. (1BIB.) Reichskanzler Dr. Brüning empfing heute in der Reichskanzlei im Beisein der Reichsminister Schiele und Trevi- r a n u s den Grafen sialckreuth, den Präsi­denten Brandes, die früheren Reichsernährungs­minister Dr. Hermes und Dr. Fehr sowie den Professor Dr. Warmbo 1 d. 3n der eingehenden Aussprache wurde die Gesamtlage der deut­schen Landwirtschaft durchgesprochen, vom Reichskanzler wurde in Uebereinstimmung mit den Vertretern der Landwirtschaft als Ziel der Aus­sprache bezeichnet, in gemeinsamer Arbeit zu einem Gesamtplan zu kommen, der der deutschen Landwirtschaft nicht nur vorübergehend Erleichte­rungen bringe, sondern auf lange Sicht die Grundlagen einer soliden Agrarwirtschaft schaffe.

Die Verhandlungen find zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen, weil die Erörterungen Der all­gemeinen Agrarprobleme noch nicht zu Ende geführt werden konnten. Der Reichskanzler Hot offensichtlich die Absicht, sich grundsätzlich mit dem ganzen Agrarproblem ouseinanderzusehen, um dann zu einer Klarheit darüber zu kommen, welche Teile des Agrarprogrammes Schieles alsbald durchge­führt werden müssen. Infolge dieser ausgiebigen Behandlung konnten bisher lediglich die Acker­bauprobleme erörtert werden, also die Fragen, die sich auf einen den Absahverhältnissen angemesse­nen Reichsbestellungsplan beziehen. Die aktuellen Fragen, für die von landwirtschaftlicher Seite seit langem eine Notverordnung gefor­dert wird, insbesondere die Fragen der Verede­lungswirtschaft und Der Handelspoli­tik, dürften somit erst am Donnerstag behandelt werden. Dann sollen auch Die grunDsählichen Fragen Der Osthilfe durchgesprochen werden.

Organischer Llmbau.

Mehr Rücksicht auf den Absatz bei der Bestellung.

Berlin, 28. Jan. (ERB.) Die Preisberichtsstelle beim Deutschen Landwirtschaftsrat veranstaltet mit Unterstützung des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vom 27. bis 31. Januar 1931 in Berlin ihren ersten Absatzlehrgang. Dieser will die auf dem Gebiete der Absatzpolitik tätigen Stellen der Landwirtschaft anregen, künftig neben Der Beschaffung neuen Materials zur Beurteilung der Marktentwicklung in vermehrtem Umfange da­für Sorge zu trägem daß die landwirtschaftliche Praxis über die Marktzusammsnhänge

so weit aufgeklärt wird, daß sie das bisher vorlie­gende Nachrichtenmaterial praktisch und er­folgreich anwenden kann. Die mehr als 400 Teilnehmer des Lehrganges umfassen nicht nur die zuständigen Referenten der Landwirtschaftskammern und Leiter von Genossenschaften, die sich hauptamt­lich mit diesen Fragen befassen müssen, sondern auch Landwirtschaftslehrer und Versuchsringleiter, sowie sonstige Strafte, die irgend wie in der Beratung der Landwirtschaft tätig sind.

Der Lehrgang wurde gestern durch Regierungs­präsident Dr. Kutscher eröffnet, hierauf erklärte Minister Schiele, daß die Absatzwissen­schaft in die landwirtschaftliche Pra­xis umgesetzt werden müsse. Minister Schiele ging dann auf die Umstellungsbestrebun- gen der deutschen Landwirtschaft ein, ohne die eine Beseitigung der jetzigen Krise nicht möglich sei. Aller­dings müsse hierbei ganz planmäßig vorge­gangen werden, da nur ein o r g a nischer Umbau, der von den gegebenen Möglichkeiten ausgehe, Aussicht auf Erfolg habe. Der Minister wies darauf hin, daß wir etwa 700 000 hek - tar Roggen und 800 000 Hektar Hafer zu viel hätten, daß jedoch in Deutschland noch Raum sei für den Anbau von 500 000 Hektar Weizen und 500 000 Hektar © e r ft c. Auch Grünland und Futterrübenbau könnten noch eine Ausdehnung erfahren, nur müsse eine planmäßige Entwicklung angestrebt werden.

Reichspost und Arbeiismarkt.

Berlin , 27. Ian. (SH.) Wie von der Reichs­post mitgeteilt wird, ist diese, abgesehen von Dem im Sommer 1930 vorgelegten zusätzlichen Arbeits­beschaffungsprogramm in Höhe von 200 Millionen Mark auch in ihren eigenen Betrie ben bemüht geblieben, zur Besserung der Arbeits­marktlage beizutragen. Durch Einschränkung sach­licher Ausgaben hat sie beispielsweise rund 2000 Telegraphenarbeiter, die der Derkehrs- lage entsprechend hätten entla sen werden müssen, bisher durchgehalten, ferner konnten durch verlangsamtes Tempo bei der Rationalisierung des Fernsprechbetriebes Hunderte von Hel­ferinnen, sowie durch Zurückhaltung in der Einrichtung von Landpostkraftlinien, in der Be- schaf u g von Buch.mgsmcschincn im Postscheck, er- kehr u. Dgl, ebenfalls sehr viele Arbeitskräfte i n ihren Stellungen belassen werden. Der Weihnachts- und Reujahrsverkehr 1930/31 ist fer­ner so lebhaft gewesen, daß 5)ilf f f te a n ge­nommen werden muhten. Di« zu diesen Zeiten sonst üblichen Heber stunden der Beam­tenschaft sind abgestellt und die erspar­ten Beträge gleichfalls zur Einstellung von

Lohnarbeitern verwandt worden. Die Deutsche Reichspost war dadurch in der Lage, rund 23 000 Erwerbslose, wenn auch zu­nächst nur vorübergehend, e i n z u st c l l e n. E.rd- lich wurde angeorDnet, daß der Erholungs­urlaub für das Rechnungsjahr 1931 schon im Ianuar beginnen soll. Auch dadurch wird es möglich sein, einige tausend Arbeitskräfte zu beschäftigen.

Oer Gparsamkeitsfeldzug in Engtand.

Gegen die Ausgnbcnwirtschaft der öffentlichen Hand.

London, 27.Ion. (TU.) Unter zahlreicher Be­teiligung von Bankiers, Politikern und Geschäfts­leuten aus Der City fand in Der großen halle Der City von London eine Versammlung statt, die den neuen Sporsamkeitsseldzug einleiten soll. Der kon­servative Sir Rodert h o r n e erklärte, daß ein großer Teil des nationalen Reichtums durch d i e Finanzpolitik des Staates und der Gemeinden verschleudert und still­gelegt sei. Da die Einzahlungen aus der Erb­schaftssteuer wie eine lausende Einnahme behandelt würden, so v e r m i n d e r e sich hierdurch der Reich­tum der Nation. Industrie und handel seien durch Besteuerung und soziale Verpflichtungen zu stark belastet. Die Aktiengesellschaften hätten in den letzten zwölf Iahren rund 12 Milliarden Mark aus ihren Reserven der Einkommen st euerbehörda opfern müssen. Stein Staat in der ganzen Welt könne diesen Zwang auf die Dauer tragen. Daher sei äußerste Sparsamkeit dringend notwendig. Der Liberale Lord Grey sagte, daß alle Partei­gegensätze vor den schweren Gefahren verschwinden müßten, die durch die rücksichtslose Aus­gabenpolitik des Staates und der Stommunen heraufbeschworen seien.

Oie Unterdrückung des Deutschtums in Böhmen.

Protest gegen die Bolts äylung.

Prag, 27.Ian. (WTB.) Wie dasPrager Tagblatt" meldet, haben Die deutschen Abgeord­neten auf Grund von Meldungen, wonach i n drei mährischen Städten die deutsche Bevölkerung u-rter die Grenze von 20 Prozent ges uti k e n sei, Den Beschluß ge­faßt. eine gemeinsame Aktion zu unternehmen, an der sich alle deutschen Parteien, gleichgültig ob sie sich in der Regierung oder in Der Opposi­tion befinden, beteiligen sollen. Der christlich- soziale Abgeordnete Mayer-Harting (de« ehemalige Iustizminister) richtete eine Inter­pellation an die Gesamtregierung, ob sie bereit sei, die Vorgänge bei der Volkszäh­lung und die gegen diese vorliegenden Be-< schwerden einer gewissenhaften strengen Prü­fung zu unterziehen. Der deutsche christlich-so­ziale Abgeordnete Oehlingen interpelliert« den Minister für Rationalverteidigung wegen der Verlegung von 600 Mann Infanterie in die deutsche Stadt Srautenau am Vorabend der Volkszählung. In der Interpellation wird darauf hingewiesen, daß diese Maßnahme anscheinend nicht aus militäri­schen Rücksichten, sondern deshalb anbefohlew worden sei, damit der tschechoslowa­kische Prozentsatz auf mehr a ls 20 Prozent gesteigert werde. Die halb­amtlichenLidove Roviny" bringen die Rachricht, daß nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung die deutsche Minderheit in "Brünn unter 20 Prozent gesunken sei. Das würde bedeuten, daß die Brünner Deutschen ihre Sprachenrechte verloren hätten und die Amtssprache in Brünn nur noch tschechisch fein würde. Während die Deutschen noch im Iahre 1910 in Brünn die Mehrheit bildeten, ist es den mit Staatsgeldernj ausgestatteten Tschechisicrungsvereinen in den letz­ten zehn Iahren gelungen, den Hundertsah der deutschen Bewohner durch Schaffung rein tschechischer Vororte und Außenbe­zirke so weit herabzudrücken, daß nun dis deutsche Sprache aus Der Oefsentlichkeit der Stadt Brünn überhaupt verschwinden wird.

Oer Elsässer im Kabinett Laval.

Straßburg, 27. Ian. f$H.) Dem neuert französischen Kabinett Laval gehört a l s H n t e r- staatssekretär der elsässisch« Abgeordnete Frey an, der in der Kammer Den Kreis Straß­burg-Land vertritt. Frey war vor Dem Kriege Korrespondent eines bekannten deutschen Blattes und hat besonders im Fall Zabern in seinen Berichten di« innere Verbundenheit der Einge­sessenen und Eingewanderten, betont. Rach dem Äriege ist er sofort in s französische Lager ü b e r g e g a n g e n. Er hat bei Den späteren Autonomistenversolgungen stets die Ausfassung der nationalistischen französischen Kreise verfoch­ten. Die von ihm geleiteteStraßburger! ReueZeitung" ist eine gehässige Gegnerin der elsaß-lothringischen Heimatbe­wegung, wie sie auch stets gegen die Rhein- landräumung und gegen eine vorzeitige Regelung der Saarfrage gekämpft hat. Es ist für Frey be­zeichnend. daß er keine Bedenken trug, mit Laval zusammenzuarbeiten, der 1926 den Kampf gegen die elsässifche Autonomistenbewegung mit Gewalt­maßnahmen eröffnete und sich erst vor kurzem wieder ausdrücklich zu dieser Hnterdrückungspott- til bekannt hat.