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Samstag, 28. März (951

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. 74 Drittes Blatt

Arbeiiserschließung im Lahngebiei.

Rach den jüngsten Festellungen des Landes- Arbeitsamtes Hessen waren in der ersten Hälfte des Mär- in Hessen und Hessen-Aassau rund 308 800 Arbeitsuchende vorhanden. Davon entfal­len auf den Bezirk des Arbeitsamtes Gießen, der mit Ausnahme der Gegend von Vilbel und von Schlitz die ganze Provinz Oberhessen um­faßt. 17 110 Erwerbslose, auf den Bezirk des Ar­beitsamtes Wetzlar, der bis in die Gegend von Limburg reicht. 7390 Personen, auf das Ge­biet des Arbeitsamtes Limburg, dos sich bis in die Gegend von Koblenz erstreckt, 17 126 Be­schäftigungslose. Der durchschnittliche monatliche Geldaufwand, der zur Unterstützung der Erwerbs­losen in der Reichs-Anstalt in der letzten Zeit geleistet werden muhte, beläuft sich auf rund 80 Mt. für jeden Erwerbslosen. Hiernach kann man sich die Höhe der monatlichen Summen leicht errechnen. Das sind Zahlen, die jedermann sehr ernstlich zu denken geben müssen. Ganz besonders werden olle diejenigen, die in irgendeiner Weise Wege zur Beseitigung oder Milderung des, in diesen Zohlen zum Ausdruck kommenden Rotstan- ides glauben weisen zu können, sich die Wucht die­ser Zahlensprache einprägen müssen. Dazu rech­nen wir nicht nur die beamteten Vertreter der Behörden,^ sondern auch die Abgeordneten und Mitglieder von öffentlichen Körperschaften, z. D. Kreistagsabgeordnete. Mitglieder des Oberhessi­schen Provinzialtags oder des Kommunal- bzw. Provinziallandtags in den preußischen Bezirken des Lahntales. Aber auch die kommunalen Kör­perschaften, denen ja die Fürsorge für die aus­gesteuerten Erwerbslosen obliegt, können schon im Hinblick auf die Belastung der städtischen Finanzen nicht ohne ernste Sorge den vor­stehenden Zohlen gegenüberstehen.

Cs kann natürlich keinen Augenblick zweifelhaft fein, daß den bedauernswerten Volksgenossen, die jetzt wider ihren Willen aus dem Arbeitsprozeß ausgeschaltet sind, die Unter ft Übung der Volks- gesamtheit zuteil werden muh. Dabei handelt es sich nicht allein um die materielle Seite, son­dern auch darum, daß den zur Untätigkeit ge­zwungenen Leuten in möglichst weitgehendem Mähe ein moralischer Halt gegeben wird. Wenn man sich die bisherige Entwicklung der Dinge auf dem Gebiete der Crwerbslosenfürsorge vor Augen hält, wird man nicht leugnen können, dah hier noch vieles unbefriedigend ist, sowohl vom Stand­punkt der Volksgesamtheit aus, wie auch unter dem Gesichtswinkel des wohlverstandenen Inter­esses jedes erwerbslosen Mannes. Volkswirt­schaftlich gesehen ist die gegenwärtige Form der Unterstützungen unproduktiv, der einzelne Er­werbslose aber muh mit berechtigter Bitterkeit und z. T. mit niederdrückender Hoffnungslosigkeit das Gefühl haben, im Schaffensprozeh seines Vol­kes überflüssig zu fein und dabei mit feiner Fa­milie wirtschaftlich immer tiefer zu sinken. Aus dieser Sachlage ergibt sich für die Bürgergesamt­heit und ihre Wortführer die Verpflichtung, nach Wegen zu suchen, die eine volkswirtschaftlich und auch persönlich befriedigende Aeuregelung der Dinge wenn auch nur im Bereiche unseres Wirtschaftsbezirkes ermöglichen.

Bei Ueberlegungen dieser Art dürften in un­serem Bezirk zwei grohe Aufgaben wohl in erster Linie ernsteste Beachtung verdienen. Wir denken hier zunächst an das seit vielen Jahren durch Wort und Schrift propagierte und teilweise auch schon verwirklichte Projekt der Lahnkanali- sierung, sowie an eine mit weiter Zielsetzung in Angriff zu nehmende Landstrahen-Her- st e l l u n g. Zuzugeben ist von vornherein, dah grundsätzlich und bei normalen Verhältnissen so­wohl die Lahnkanalisierung, wie auch die Durch­führung eines grohzügigen Strahenbaupro- gramms nicht ziu den Aufgaben gehören, für die sich die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittelung einsehen mühte. Aber ungewöhnliche, ja anormale Verhältnisse wie die gegenwärtigen lassen ungewöhnliche Maßnahmen überall da angebracht, ja sogar notwendig erschei­nen, wo es im Ergebnis darauf ankommt, gleich­zeitig mit der Schaffung des Werkes auch dem Daseinszweck der Reichsanstalt für Arbeitslosen­versicherung und Arbeitsvermittlung gerecht zu werden. Unter diesem Gesichtspunkt muß man eine Verbindung der i r t f <6 a f tdin­ier e f f e n im Lahnbezirk mit dem Arbeitsbefchafsungsinte resse der Reichsanstalt betrachten, und wenn man von hier ausgeht, dürste der Weg zur Befriedigung beider Interessen wohl nicht mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verbaut fein.

. Wie die Reichsanstalt für Arbeitslosenversiche­rung und Arbeitsvermittelung die Fortführung deS Mittellandkanals und die Schaffung der Edertalsperre dadurch förderte, dah sie beide Werke als Rotstandsarbeiten ansah und mit Zuschüssen ausstattete, so dürfte wohl auch die Durchführung der Lahnkanali- sierung auf der Strecke von Gießen bis Limburg von der Reichsanstalt als Röt­st andsarbeit betrachtet und mit ansehn­lichen Zuschüssen unterstützt werden können. Die Grundförderung wird bekanntlich seit längerer Zeit vom Landesarbeitsamt in der Regel als verlorener Zuschuß in Höhe von 3 Mark für den Tag und Arbeiter gegeben. Die verstärkte Förderung kann bis zum Fünffachen des Grund- sörderungsbetrages gehen, insgesamt kommen also für Tag und Arbeiter im Höchstfälle 18 Mark in Betracht. Die 15 Mark der verstärkten För­derung finö 4bprozentige Darlehen, rückzahlbar in 15 bis 20 Jahren. Die Provinz Ober- Hessen und die Regierungsbezirke Wies­baden und Koblenz als staatliche Haupt- intereffeuten müßten sich natürlich zur Verwirk­lichung dieses Projekts ebenfalls tn irgendeiner Form gemeinsam betätigen. Welche hohe Be­deutung die Schiffbarmachung der Lahn von Giehen ab bis zum Rhein für das gesamte Wirtschaftsleben im Lahngebiet hat, ist aus der bisherigen dankenswerten Arbeit des Fulda- Lahn-Kanalvereind bekannt. In diesem Zusam­menhänge sei besonders hervorgehoben, daß die Schaffung billiger Frachtwege von der Lahn über den Rhein zum Ruhrgebiet vor allem auch für die Erzbergwerke im Lahnbezirk von größter Wichtigkeit, ja von ausschlaggebender Bedeutung für einen wirt­schaftlich gedeihlichen Betrieb dieser Unter­nehmungen überhaupt ist. Wiederholt ist vom 'Bergbau des Lahngebiets darauf hingewiesen

Was geht an der Adria vor?

Von unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom, Ende März.

In das fast österliche Friedensgeläute, das nach dem verheißungsvollen römischen Flot­te n p a k t über dem italienisch-französischen Mit­telmeer anhub und die Psalmisten der Pax Ro­mana ebenso mächtig wie verwegen in die Saiten greifen lieh, ist plötzlich ein schriller Mißklang gekommen. Die römische Presse läutet Sturm. Man liest von einer feindseligen Handlung, die sich Jugoslawien, der Schützling Frank­reichs, zuschulden kommen ließ, ja, von einer offenen Kriegshandlung, die hinzunehmen das faschistische Italien nicht gewillt sei.

Was ist geschehen? Der Italienerhah am an­deren Ufer des Marc nostro explodierte. Seit auch der Freundschaftsvertrag, den der junge Staat Mussolinis in schönem Optimismus über die natürlichen Gegensätze hinweg mit dem Erben der Doppelmonarchie geschlossen hatte, verblaßte und verfiel, seit dem Einsturz der seinerzeit mit so lyrischem Schwung eingeweihtenBrücke über die Adria" legen sich Serben und Kroaten in dieser Hinsicht merkwürdig einig keinerlei Zwang mehr auf. Eie boykottieren die italieni­schen Waren, siearbeiten" durch ihre politischen Geheimbünde gegen die feldgrünen Zöllner, das heißt: nach ortsüblicher Weise mit Dolch und Revolver, sie Hetzen die Jugend auf und es ver­geht kein Tag, an dem nicht italienfeindliche Demonstrationen stattfinden. Das faschistische Ita­lien hat ihnen seinerseits mit einigen Hinrich­tungen die ersehntenMärtyrer" geliefert und früher schon den Begriff der Irredenta. Die histo- rifche Entwicklung geht auf ihren eigenen Spuren rückwärts, nur mit getauschten Rollen: jetzt reklamieren die Serben und Erben T r i e st, G ö r z und Fiume, wie es vorher die Italiener taten. Aus dem unglücklichen Grenzland scheint eine Art Elsaß werden zu wollen, wie sich denn allmählich überall die Früchte der Kriegs­verträge zeigen, die in Versailles und seinen Fi­lialen geschlossen wurden. Wir haben jetzt zwan­zig Reibungsflächen gegen drei vor 1914. Rach dem großen Kriege, der bekanntlich nur des­wegen bis ans bittere Ende durchgeführt werden mußte, weil esder letzte" fein sollte, ver­briefte man diese mittelalterliche Vermehrung als denTriumph des Rechts und der Gerechtig­keit".

Zwei der Sieger, die Anrainer an der Adria, können sich leider über die Auslegung der klang­vollen Etikette nicht einig werden, und man muß gestehen, daß sowohl die natürlichen Verhältnisse wie die diplomatisch geschaffenen, vor allem der Schild Frankreichs, der über Belgrad glänzt, den Verstimmungen Vorschub leisten. Rach rö­mischer Auffassung wäre alles in schönster Ord­nung, wenn sich auch Jugoslawien mit dem Status quo zufrieden geben würde, wie es Italien tut. Drüben aber spricht man von unhaltba­ren Grenzen. Wir haben an der Adria also ein Parallelverhältnis zum Rhein und zur Weich­sel, und in Belgrad glaubt man sich gerade Rom gegenüber darauf berufen zu können, daß ja Mussolini selber der R e v i s i o n der Verträge seine Stimme leihe. Es ist raffiniert, die Sache so zu drehen, aber schließlich nicht mehr als poli­tisch. Unb die Serben gehen sogar noch einen Schritt weiter, indem sie in ihremDefreiungs- feldzug für die uncrlöften Brüder" auch die deut­schen Südtiroler einbeziehen, ohne zu fragen, ob diese auch wollen. Auf diese Weise soll auf jeden Fall die italienische Erregung auch gegen Oesterreich und Deutschland gelenkt werden. Ein solches Schachbrett verlangt allerdings diploma­tische Meister und es fragt sich sehr, ob die Revolver die nötige Geduld für das Spiel auf­bringen werden.

In den letzten Tagen haben sich jedenfalls die Dinge auf eine bedenkliche Weise zugespitzt. Ita­lien glaubt nicht nur auf außenpolitischem, son­dern auch auf handelspolitischem und religiösem Gebiete Grund zur Klage zu haben, eine Klage, die kaum vor das Genfer Gericht gebracht wer­

den wird. Der Konflikt riecht eher nach den Ka- noncnfd)üffcn von Korfu.

Rach einer Reihe heftiger Zeitungsattacken gegen die ilnterbiianj im Handels­verkehr zwischen den beiden Staaten kam man in Rom zu der Ueberzeugung, daß die Mil­liardenziffer, mit der Italien ms Hintertreffen geraten sei, kommerziell nicht begründet, son­dern von Serbien politisch geschaffen wor­den sei. Während einerseits der italienische Markt mit Produkten überschwemmt werde, die Serbien einfacher und zweckmäßiger in andere Kanäle leiten könne, werde ihm andrerseits bei der Ein­fuhr in Jugoslawien systematisch Tür und Tor verschlossen. Die größten Handels- und Industrie­verbände Italiens haben daraushin in einer einheitlichen Entschließung von der Regierung sofortige und scharfe Maßnahmen gefordert, um diesem politischen Skandal ein Ende zu machen.

Roch während der Beratungen führte Jugo­slawien neuen Gesprächsstoff in Massen nach Italien aus. Die Rachrichten über die Vorberei­tung und die Durchführung despolitischen Kreuzzuges" durch den Episkopat des Rachbarn überstürzten sich. 3m ganzen Lande sol­len die Geistlichen von der Kanzel herab irre» dentistische Hetzreden gehalten und die Fahne des Aufruhrs vorangetragen haben. Richt nur bildlich genommen, nein, die umflorten Fahnen von Triest, Görz und Fiume wurden in feier­licher Prozession herumgeführt. In allen großen Städten wurden die Glocken geläutet wie vor einem Kriege, und als Monsignore Bauer einen Hirtenbrief gegen Italien verlas und verlesen ließ, da war es sogar die große Glocke der Ka­thedrale ob in Zagreb, Lubljana oder Ma­ribor. ist nicht ganz klar und dem Italiener, der mit den neuen Städtenamen nichts anzufangen weiß, auch ganz gleich die nur bei außer­gewöhnlichen Gelegenheiten gezogen werden darf, die die Gläubigen im allgemeinen und die Ita­lienfeinde im besonderen zum Hochamt rief. S o steht cd in den römischen Leitun­gen mit einem Aufwand von Einzelheiten, der auch besonnenen Leuten das Blut ins Gehirn treiben könnte. Wir haben, so steht es ferner ge­schrieben, dieser Entweihung der Kirchen und einer Religion, die zum Frieden unter den Men­schen auffordern soll, bisher mit christlicher Ruhe zugesehen, nun aber i st unsere Geduld zu Ende. Möge Gott verhüten, daß sie reiße..

In einem Leitartikel schreibt der Popolo di Roma vier oder fünfmal, daß Jugoslawien eine vollendet feindselige Haltung, einen ausgesproche­nen Kriegsakt (atto di guerra) begangen habe, den Italien nicht verdient habe und den es daher auch nicht ungesühnt lassen könne. Für die italienischen Zeitungen besteht keine Vorzensur, nur wird ihnen, wenn sie etwas Falsches oder Unzweckmäßiges sagen, von oben die Meinung gesagt. Man dürste also darauf gespannt sein, ob Qlluffolini den atto di guerra billigen ober eine solche Kennzeichnung abschwächen lassen werde. Rein, am nächsten Tage wiederholte das der Regierung besonders nahestehende Blatt kurz und scharf und bestimmt die Formulierung: eine Kriegshandlung. In Sperrdruck.

Was wird nun kommen? In den diplomatischen Kreisen gab es eine anregende Unterhaltung, in die gerade zur rechten Zeit der ungarische Außenminister K a r o l y hineinreiste. Schließlich ist ja auch Ungarn an Fiume interessiert, mehr noch aber an Rom. Und Grandi? Seine Koffer standen schon für Paris bereit. Er wollte nur noch die internationale Landwirtschaftskonferenz in dieser Woche eröffnen, dann unverzüglich Briand in die Arme eilen wie die Boulevard­blätter in Paris mit einem spitzbübischen Seiten­blick auf dasisolierte Deutschland" jubelten. Jetzt 4st plötzlich dieendgültige ftalienisch-franzö- sische Aussöhnung" keine so dringliche Angelegen­heit mehr. Der Knabe an der Adria fängt an, fürchterlich zu werden. Und Paris selber ließ verlautbaren, Grandi habe seinen Besuch ab­gesagt.

worden, daß die hohen Frachten des Schienen­wegs die Erze aus den Gruben an der Lahn gegenüber dem schwedischen Eisenerz konkurrenz- unfähig machen, da gegenwärtig das schwedische Erz trotz des weiteren Transportweges im Ruhr­industriegebiet gegenüber den Lahnerzen erheblich im Vorteil ist. Wenn der billigere Wasserweg über die Lahn nach der Ruhr geschaffen ist, dürfte für die Grubenbetriebe im Lahnbecken wieder eine bessere Zeit anbrechen, und auch der preußische und der hessische Staat konnten dann ihre Subventionen ersparen, mit denen sie dem Erzbergbau im Lahngebiet zu Hilfe kom­men mußten. Von einer kräftigen Wiederbele­bung des Bergbaues in unserem Wirtschafts- bezirk wird aber auch eine Besserung für die heimische Holzindustrie zu erwarten sein, da bekanntlich in den Bergwerken große Mengen von Grubenholz benötigt werden, für die in erster Linie die Wälder des Vogels­bergs und die preußischen Forsten an der Lahn als Lieferquellen in Betracht kommen.

Aus dieser kurzen Zusammenstellung der lei­tenden Gesichtspunkte ist wohl zur Genüge er­sichtlich. daß die Verwirklichung der Lahn- lanalificrung in diesen wirftchaftlichen Rot­zeiten nicht nur reiche Arbeitsmöglich­keiten für große Arbeilerfcharen bedeutet, son­dern auch Auftriebswirkungen für wichtige Wirtschaftszweige unserer engeren Heimat in sich schließt. Zwar ist die finanzielle Seite dieses großen Profits keine leichte Sache, aber zu den Unmöglichkeiten durfte ihre Erledigung auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen wohl nicht gehören, wenn die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittelung sich finanziell mit engagiert, die beteiligten Provinzbehörden und Provinz- parlamente unter Würdigung aller Gesichtspunkte mit Rachdruck für die baldmöglichste Inangriff­nahme des Projekts cintrctcn, die beteiligten Staaten, Hessen und Preußen, ihr Interesse nicht nur platonisch bekunden, sondern in finan­zieller Art ausreichend zur Tat werden lassen und auch die Anleihe-Genehmigungsstelle in Ber­lin mit weitherziger Einstellung dieser Aufgabe gegenübertritt. Man darf allerdings nicht an irgendwelchen Zwirnsfäden zum Stolpern kom­

men und auch nicht im Instanzenweg stecken blei­ben, sondern muß mit frischer Tatkraft and Werk gehen, um endlich in unserem Wirtschaftdgebiet Hunderte von Arbeitslosen wieder in den Schaf­fensprozeß einzuschalten und dabei zugleich wirt­schaftliche Entfaftungsmöglichkeiten auf viele Jahre hinaus zu erschließen.

Ansehnliche Beschäftigungsmöglichkeiten für zahlreiche Arbeitskräfte können auch von der Inangriffnahme eines weitreichenden Straßen­bauprogramms erwartet werden. Mit Be­dauern mußte man im vorigen Jahre in der Provinz Oberhessen auf die tatkräftige Fort­führung der Straßenbauarbeiten der letzten Jahre verzichten, weil diese Aufgabe von der Provinz nicht finanziert werden konnte. Die Provinzial­verwaltung. wie auch der Provinzialtag haben sich nur schweren Herzens zu diesem bedauer­lichen Entschluß durchgekungen, aber bet der da­maligen Sachlage blieb ihnen keine andere Mög­lichkeit. Daß die Aussichten für die Finanzierung eines einigermaßen ansehnlichen Straßenbau­programms aus eigenen Mitteln der Provinz, oder aus bemerkenswerten Mitteln der Kraft­fahrzeugsteuer von der ein ganz erklecklicher Posten alljährlich für den Zinsen- und Tilgungs­dienst für frühere Straßenbauanleihen erforder­lich ist mittlerweile günstiger geworden sind, kann angesichts der ganzen Wirtschaftslage wohl kaum angenommen werden. Wenn nicht alle An­zeichen trügen, wird man sich ohne finanzielle Anregung von außen her auch für das neue Etatjahr auf ein sehr bescheidenes Ausmaß von Straßenbauten gefaßt machen müssen. Bei dieser Sachlage wäre von einer finanziellen Förderung für Straßenbauzwecke von der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbei tsvermittlung unzweifelhaft eine starke wirtschaftliche 'Belebung zu erwarten. Allerdings ist dazu erforderlich, daß die Reichsanstalt auch diese Arbeiten als Röt­st andsmaß nähme anerkennt. Auch in diesem Falle ist das Interesse der Reichsanstalt, die Erwerbs­losen wieder in den Arbeitsgang hineinzubrin­gen, durchaus zu vereinbaren mit dem Interesse der Oeffentlichkeit an der Schaffung guter Der- kehrsstraßen. Don einer regeren Straßenbau» tätigfeit kann man aber auch eine umfangreichere

Beethoven-preiS 1931 für HanS pfihner.

Generalmusikdirektor Profefsor Dr. Hans P f i tz n e r, der Schöpfer vonPalestrina",Der arme Heinrich", Chriftelflcin" u. a., erhielt den Bcethovcn-Prcis für 1931 in Höhe von 10 000 Mark.

Beschäftigung in den oberbeffifeßen Basaltwerken erwarten, durch die in weite Kreise der Provinz­bevölkerung neue wirtschaftliche Kraft gelangen wird. Da bei stärkerer Produktion auf diesem Gebiete auch erhöhter Bedarf an Arbeitsmaterial der verschiedensten Qlrt eintreten wird, ist natür­lich für weitere Wirtschaftszweige ebenfalls dia Möglichkeit zu vermehrter Beschäftigung gegeben. Man sieht, daß auf diesem Wege mancherlei aus­sichtsreiche Perspektiven für unser Wirtschafts­leben sich eröffnen. Weite Kreise der Bevölkerung würden es begrüßen, wenn durch Zusammen­wirken der Reichsanstalt und der Provinz Ober- Hessen zu verstärktem Straßenbau neue wirtschaft­liche Kraftquellen erschlossen würden.

Vuhvach - Provinz Oberheffm.

Zu dem Bericht imGießener Anzeiger" vom 5. März über einen Prozeß der Stadt Butz­bach gegen die Provinz Oberhessen we­gen Aufhebung eines Schiedsspruchs über den Elektrizitätspreis wird und heute von der Pro­vinzialdirektion Oberhessen in Gie­ßen folgendes Schreiben übermittelt:

Die Tatsache, daß das Urteil des Land­gerichts Gießen wegen Aufhebung eines Schiedsspruchs zwischen der Stadt Butzbach und der Provinz Oberhessen in der Presse mit den verschiedensten Kommentaren erörtert worden ist, gibt uns Veranlassung, auf die Sache zurück­zukommen, nachdem nunmehr die Begrün­dung des Urteils vorliegt. Zunächst sei gegenüber anders lautenden Ausführungen in den verfchiedensten Zeitungen festgestellt, daß es sich hier um einen Spezialfall handelt und daß eine Anwendung der Entscheidung auf a n - dere Fälle nicht in Frage kommt. De» Sachverhalt ist kurz folgender:

2m Jahre 1917 war zwischen der Stadt Butz­bach und der Provinz Oberhessen ein Strom- lieferungsverttag abgeschlossen worden. Im April 1924 tarn eine neue Preisvereinbarung zustande dahin, daß die Stadt Butzbach bei einer fest­liegenden Mindestabnahme die nach den jeweils gültigen Großabnehmertarifen des ileberlanb- werks festgesetzten Preise zahlen sollte. Dieser jeweilige Großabnehmertarif bildete in den fol­genden Jahren die Grundlage für die Verrech­nung. Als nach mehrfachen Senkungen der Preise im Jahre 1929 eine kleine Erhöhung eintreten mußte, weigerte die Stadt Butzbach die Zahlung mit der Begründung, die Vereinbarung vorn Jahre 1924 sei nicht bindend. Das daraufhin von der Provinz Oberhessen angerufene Ver- tragsschiedsgericht. das nach dem Verttage t m 1917 über Streitigkeiten aller Art bei ccc Vertragsausführung zu entscheiden hatte, ver­urteilte die Stadt Butzbach zur Zahlung. Dieser Schiedsspruch wurde von der Stadt Butzbach mit Klage bei dem Landgericht Gießen angefochten, das nunmehr, ohne eine Entscheidung in der Sache selbst zu treffen, den Schiedsspruch auf- gehoben hat. In seinen Gründen kommt das Gericht zu dem Ergebnis, daß nicht das 23er- tragsschiedsgericht, sondern ein auf Grund der Verordnung vom 1. Fe­bruar 1919 zu berufendes Schiedsge­richt zuständig gewesen wäre. Im übrigen soll auf die Gründe hier nicht eingegangen werden. Berufung gegen das Urteil, das zahlreiche Angriffsflächen enthält, ist eingelegt. Aber selbst wenn das Oberlandesgericht oder das Reichs­gericht entscheiden sollten, daß das 23erfahren vor dem Vertragsschiedsgericht unzulässig wäre, so ist damit noch nicht gesagt, daß das 23er* ordnu'chiedsgcricht. das da..n angegangen wer­den müßte, zu einer anderen sachlichen Entschei­dung kommt als das Vertragsschiedsgericht.

Taten für Montag, 30 März

1746: der spanische Maler Francisco de Goya ge­boren: 1862: der Literaturhistoriker Wilhelm Bode geboren; 1925: der Anthroposoph Rudolf Steiner in Dörnach gestorben.

Lpictptan der frankfurter Theater.

Opernhaus. Sonntag, 29. März. 15 bis 18 Uhr:Die Fledermaus". 19.30 bis 22:Das Land des Wchelns". Montag, 30., 19 bis gegen 22.30:Viktoria und ihr Husar". Diens­tag. 31.. 19.30 bis nach 22:Schwanda, der Dudelsackpfeifer". Mittwoch. 1. April. 19.30 bis gegen 22.30:Hoffmanns Erzählungen". Donnerstag, 2., 19.30 bis 22.30:Don Juan". Freitag, 3., 17 bis gegen 22:Parsifal". Samstag. 4.. 19.30 bis nach 22.30;Die Macht des Schicksals".

Schauspielhaus. Sonntag, 29. März, 16 bis gegen 18 Uhr:Sturm im Wasserglas". 20 bis gegen 23.:Elisabeth von England". Montag. 30., 20 bis 22.30:Rotation". Diens­tag. 31. März, bis Donnerstag. 2. 2lpril, jeweils von 20 bis gegen 23 Uhr:Elisabeth von Eng­land". Freitag. 3., 20 bis gegen 22;Der Mann, den fein Gewissen trieb. Samstag, 4., 20 bis gegen 22.30;Alt-Frankfurt".