Kr. 250 Zweites Blatt Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 26. Gttober (951
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England im Aufbruch.
Oer Wahlkampf. — Freie Hand für Macdonald. — Oer Glaube an sich selbst. Zurück zur Arbeit.
Don unserem D. B. Londoner Korrespondenten.
London, 22. Oktober 1931.
Der englische Wahlkampf ist in vollem Gange. Die Dationalregierung hat sich ein ganzes Hauptquartier geschaffen, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Flugzeuge, Autos stehen zur Verfügung — und besonders der Ministerpräsi- dent Ramsay M a c d o n a l d entwickelt sich immer mehr zum fliegenden Schotten; er besitzt geradezu eine Leidenschaft für die Fliegerei. Am liebsten flöge er von seinem Hause in der Downing- street 10 nach dem Parlament, obwohl es nur fünf Minuten Weges sind. Der behäbige V a l d - w i n fliegt weniger gern. Selbstverständlich spielt auch der Rundfunk eine Rolle; mehrmals in der Woche halten die Parteiführer große Ansprachen an dgs Volk und versuchen für ihren Standpunkt zu werben. Aber nicht immer geht die Sache so, wie man sich's denkt. Lloyd George hat auch gesprochen und ist dabei mit beiden Füßen und Händen ins Fettnäpfchen geraten. Der Bruch im liberalen Lager erscheint endgültig zu sein. England befindet sich wieder auf dem Wege zum Zwei-Parteien-System.
Seine Anwendung bereitet freilich noch mancherlei Schwierigkeiten. Da sind die Rationalkonservativen, die Rationalliberalen, die Rationalarbeiter und da sind die Alt-Liberalen unter Lloyd George und die Labourparth in alter Ausgabe .Es ist wirklich ein rechtes Durcheinander. Ratürlich ist es da nicht ganz einfach, denAus- gleich zwischen den verschiedenen parteipolitischen Interessen zu finden. Aber in den allermeisten Fällen ist es der Rationalregierung gelungen, einen Ausgleich zu finden. Der parteipolitische Opfersinn der einzelnen an der Rationalregierung beteiligten Gruppen ist vorbildlich. Ganz sichere Kandidaten haben vielfach zugunsten ihrer früheren politischen Gegner verzichtet. Rur in wenigen Wahlkreisen kommt es zu einem Chaos.
Die innere Einigkeit im „nationalen Lager' entspricht aber nicht ganz der äußeren. Die wilden Leute im Schuhzollager haben schon jetzt manches Porzellan zerschlagen. Sie kämpsen mit allen Mitteln für den Schutzzoll, obwohl es als ausgemacht galt, daß der Sinn des Wahlkampfes nur freie Hand für die Regierung sein konnte, weder Schutzzoll noch sonst ein Pro- grammpunlt, sondern eben — freie Hand. Das wird nun freilich keinerlei böse Wirkungen auf das Endergebnis ausüben. Wenn die Rationalregierung Macdonalds den Wahlkampf gewinnt, womit jedermann rechnet, dann werden diese kleinen Schönheitsfehler beseitigt werden, immerhin aber schafft dieses aus der Reihe tanzen innerhalb der Rechten einiges böses Blut. Denn es ist ganz gewiß und bleibt ganz gewiß, daß den Engländern mit einem Schuhzollprogramm in der landesüblichen Ausgabe n i ch t g e d i e n t ist. Zunächst muß doch die Rückwirkung der Währungs- Wertung abgewartet werden, ehe man sich zu weitergehenden Maßnahmen großen Stils entschließt. Die Pfundentwertung, von der hier übrigens kein Konsument etwas verspürt, wirkt doch zunächst stärker und schneller, als jeder Tarif das vermöchte. Auch lassen sich solche Dinge nicht in der offenen Feldschlacht des Wahlkampfes behandeln, sondern höchstens im Rate erfahrener Männer. .
Die Vörse ist hoffnungsvoll. Das Geschäft m Wahlmehrheiten hat sogar schon Rückwirkungen aus die allgemeine Stimmung. Reulich stieg die Rotiz für Regierungsmehrheit von 180 auf 186, und mit dieser Rotiz ist auch die Frage beantwortet, wie dieser Wahlkampf ausgehen wird. Wenn sie mit einer Regierungsmehrheit von etwa 186 Sitzen rechnet, so müßte die Rationalregierung mit annähernd 400 Abgeordneten aus den Wahlen zurückkehren. Das wäre natürlich ein großer Erfolg. Aber man soll bei einem englischen
Wahlkampfe nicht prophezeihen. Das englische Wahlverfahren ist nur scheinbar einfach, in Wahrheit enthält es Chancen wie eine Lotterie. Immerhin, die Rationalregierung sollte mit einer ausreichenden Mehrheit zurückkehren. Auf der anderen Seite der Stufenleiter der Wahlmöglichkeiten aber liegt eine vernichtende Riederlage der Sozialisten.
Die Arbeiterpartei verhält sich nämlich recht unklug. Gleichviel wie der Wahlkampf ausgeht, man nimmt es ihr sehr übel, daß die meisten Sprecher der Rationalregierung, die aus ihrer Reihe stammen, bei Arbeiterverfammlungen niedergebrüllt worden sind: so ist es dem Premierminister Macdonald, so ist es Thomas gegangen. So etwas verträgt man in England nur schlecht; das widerspricht den Begriffen der politischen Gerechtigkeit. Auch sachlich steht Henderson und die Seinen auf schwachen Füßen. Snowden hat sie neulich sehr böse bloß- gestellt, als er mitteilte, daß seine ehemaligen Parteifreunde, die heute gegen die Schuhzollparole sind, in Kabinettsberatungen dafür eingetreten seien. Doch müssen alle diese Fragen als nebensächlich betrachtet werden, sofern man die Gesamtbedeutung dieses Wahlkampfes ins Auge faßt. Rachdem man sich einmal für ihn entschieden hat, kann er sehr wohl zum Wendepunkt der Rachkriegsgeschichte Englands werden. Selbst wenn es den Arbeitern gelänge, eine Mehrheit zu erringen, was nicht wahrscheinlich ist, so wäre auch ein solcher Ausgang der Entscheidung nur ein Auftakt zur Umkehr.
Was unter dieser Umkehr zu verstehen ist, das ist zweifellos nicht nur der Schuhzollgedanre. Der ist nur ein freilich wesentlicher Teil des Programms. Aber gleichzeitig steckt darin die Abkehr vom Kontinent, steckt darin eine Kampfansage an Frankreich, das Bekenntnis zu sich selbst, das Bekenntnis zum Glauben an die eigene Zukunft. England will wieder für sich arbeiten. Es will nicht mehr ein Staat aus Rentiers sein. Dies Land befindet sich in der Lage eines alten Geschäftsmannes, der von seinen Zinsen lebt und den die Sorge um seine Zukunft plötzlich aus der Behaglichkeit des besonnten Lebensabends in neue Betriebsamkeit aufschreckt und der dabei entdeckt, daß auch noch junge Kräfte mit ihm zusammen arbeiten wollen.
Die Frage ist nicht, ob man diesen Entschluß faßt, sondern ob er nicht zu spät gefaßt worden ist. Aber darüber zu spintisieren, ist müßig. Es ist immerhin ein eindrucksvoller Vorgang, wenn man sieht, mit welcher Entschlossenheit, mit wel- cher Hingabe und mit welcher Disziplin sich dieses Volk hier zusammengerafft hat und mit welch unerschütterlicher Ruhe man an die Arbeit geht. Gefahr weckt den Engländer auf! So schläfrig sein allgemeiner Zustand erscheint, jetzt begegnen wir wieder den großen Eigenschaften, die ihm die Welt erobert haben. Sie treten natürlich in ziviler Bekleidung und ganz unheroisch auf, aber sie sind sehr wohl bemerkbar und deutlich, und ihre Erkenntnis ist es denn auch, die den Führern, mögen sie gu> nfr^r schlecht sein, wieder Mut und Vertrauen gibt. Denn es gibt nun einmal für den Engländer kein größeres Vergnügen auf dem Gebiete der Politik, als Engländer richtig zu führen. Unö wenn wir Deutsche an die großen Zeiten unserer eigenen Geschichte denken, so werden wir begreifen, daß in diesen Engländern ein gut Stück Preußentum steckt, das sich auch einmal wirklich führen ließ.
Daten für Montag, 26. Oktober
Sonnenaufgang 7.07 Uhr, Sonnenuntergang 17.11 Ahr. — Mondaufgang 16.56 Ahr, Monduntergang 6.51 Ahr.
Gießener Konzertverein.
I. Konzert: Busch — Serkin.
Die jetzt zu Beginn der Konzertsaison allerorts aufgeworfene Frage, ob in der heutigen schweren Zeit bei der Zermürbung der Einzelnen durch bie wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein Bedürfnis nach guten Konzerten vorhanden sei, erhielt die eindeutigste Antwort durch den überaus guten Besuch des B u s ch - S e r k i n - Abends. Es schien so, als suche jeder einmal eine Stätte, wo er alles das, was ihn bedrückt, vor den Toren zurücklassen kann, um so, unbeschwert durch die Widrigkeiten des Alltäglichen, sein eigenes Ich wiederzu'inden und nach solchem Ruhe- und Erholungspuntt des Innern neu erfrischt dem Leben gegenüberzusteheir.
Da war es angesichts der Programmauswahl das einzig Richtige, Regers S-Moll-So- n a t e (op. 122) an die Spitze zu sehen. Das Problematische bei Reger mit seinem starken Drängen, seinem Ringen um Klarheit, muß es uns heute nicht besonders lebensnah sein? Mag Regers Stil uns zunächst etwas schwer erfaßbar erschemen, so nimmt er uns doch bald gefangen durch die starke Kraft des Impulses und die strenge Logik seines harmonisch-melodischen Geschehens, das sich nicht wie bei den Klassikern mit ihrer durch die Harmonik stark gegliederten Melodik nicht nur auf die Hauptdreiklänge stützt, sondern den harmonischen Amkreis überaus --rweitert durch die Hineinbeziehung entferntere: Klänge, die aber dem logischen Gesamtkomplex, etwa in der Art von An- erkennungen, Ausblicken und Rebengedanken eingeordnet werden. So wird diese harmonische Vielfältigkeit bei ihm nicht Selbstzweck oder gar nur effektvolles Wirkungsmittel wie bei vielen seiner Zeitgenossen, sondern sie wird beherrscht und dem Ganzen organisch eingegliedert durch das Crkennenlassen der inneren Bezogenheit.
Regers Form wird man darum ebenfalls nicht nach denselben Gesichtspunkten beurteilen können wie bei der Klassik, wo wir meist die Klarheit im Einordnen des Thematischen von vornherein erkennen können. Bei Reger entwickelt sich der Aufbau aus immer wieder neuen Ansätzen, Die zwar anfangs von einander getrennt erschemen, aber int Verlaufe ihrer Entwicklung zu einer organischen, homogenen Struktur geläutert, ein- geschmolzen werden.
Das ließ sich klar an dem ersten Sah der Sonate mit seiner hohen Leidenschaftlichkeit, inneren Durchwühltheit und Erregtheit ersehen. Das Vivace geisterte spukhaft, jedoch nicht ohne lyrische Ansätze. Im Adagio gibt er der Kanta- bilität breiten Raum, die melodische Linie strömt in Abgeklärtheit und Inbrunst; fein Ausklang in der Terzlage mochte als ein Symbol neu gewonnener Kraft, wieder erwachten Lebensgefühls gelten, und das aufgelichtete Hauptthema des Finales (Allegretto espressivo) wurde zu einem Ausgangspunkt von immer wieder neuen thematischen Exkursionen.
BeethovensSonate in 0 - Dur, op. 30, Rr. 3 , gehört zu den weniger problematischen Werken des Meisters, sie will mehr der Freude am Zusammenspiel der beiden Instrumente dienen. Der erste Sah ein sprühendes Allegro; der zweite (Tempo di Menuette) atmet Beschaulichkeit und fesselt sowohl durch die vornehme Ein- gängigfeit des Themas als auch durch seine reizvolle rhythmische Variierung. Das Schluß-Rondo läßt das leichtbeschwingte Grundthema durch die kontrastierenden Zwischensätze ständig in anderem Lichte erscheinen.
Die Fantasie o p. 1 5 9 von Schubert hat wie so manches andere Werk seines Schöpfers nicht die Zustimmung der zeitgenössischen Kritik gefunden. Als sie der Geiger Joses S l a w i k zum erstenmal im Januar 1828 gelegentlich eines Konzertes im Landständischen Saale in Wien spielte, stellte man fest, daß es mit seiner Dauer die Zeit überschreite, die der Wiener derartigen Genüssen zu widmen pflege. Ein Teil der Konzertbesucher verlieh damals den Saal, bevor das Werk zu Ende geführt worden war. Heber eine Aufführung, die ein paar Wochen später stattfand, äußert sich eine Leipziger Pressestimme dahin, daß sich Schubert in diesem Werk vollständig vergaloppiert habe.
Zwar ist die Fantasie in großen Ausmaßen angelegt, aber man wird nach heutigem Musikempfinden wohl kaum Längen in ihr entdecken können. Die Einleitung eröffnet in ihren Tremolo- Akkorden eine schicksalserfüllte Welt. Ein Allegretto in A-Moll mit zahlreichen Feinheiten in der Themenverwebung der konzertierenden Instrumente führt über eine dramatisch gesteigerte Koda zu einer Variationenreihe, der Schuberts Lied »Sei mir gegrüßt“ zugrunde liegt. Rach der
1757: der Staatsmann Friedrich Freiherr vom und zum Stein in Rassau geboren. 1800: Graf Helmuth von Moltke in Parchim geboren. 1828: der Landwirt Albrecht Thaer in Möglin gestorben. 1929: der Dichter Arno Holz in Berlin gestorben.
Aus der prvvinzialhaupistovl.
Gießen, den 26. Oktober 1931.
Abg. Or. Oberfohren über die deutschnationale Politik.
In der vollbesetzten Turnhalle am Oswalds- garten sprach am Samstagabend in einer offent- lichen Wählerversammlung ber 5>e u t f d) nationalen Bolkspartei der Vorsitzende der deutschnationalen Reichstagssraktion Abg. Dr. Oberfohren über die deutschnationale Politik. Der Redner polemisierte zunächst gegen den Christlich-sozialen Volksdienst und gegen die Wirtschaftspartei wegen deren Abstimmung im Reichstage über das Mißtrauensvotum gegen das Kabinett Brüning. Hierauf erklärte er u. a. weiter, die Regierung Brüning habe die unbedingt notwendige Fähigkeit zum Vorausschauen der Entwicklung nie gezeigt. A. a. sei die Regierung überrascht worden von dem Ausbruch der Bankenkrise im Juli. Die Deutschnationalen hätten es nie an Warnungen und Ermahnungen fehlen lassen, die aber nicht beachtet worden seien. Die jetzige Ausdehnung der Krise sei nicht eine Weltkrise, sondern eine deutsche Krise durch den Mangel an Vorausschau der Träger des heutigen Systems. Jetzt arbeite die Regierung mit Rotverordnungen, die sämtlich verfassungswidrig feien da für sie die Voraussetzungen des Artikels 48 Abs. 2 der Reichsverfassung (unmittelbare Störung und Bedrohung der öffentlichen Ruhe und Ordnung) fehlten. Der Regierung Brüning machte der Redner weiter zum Vorwurf, daß sie die Häufung kurzfristiger Kredite geduldet, selbst sogar kurzfristige Kredite von Frankreich angenommen habe, ohne die damit verbundene politische Gefahr zu erkennen und die wirtschaftlichen Erschütterungen bei der plötzlichen Zurückziehung dieser Kredite vorauszusehen. Der Redner forderte Wiederherstellung des Vertrauens zu unserer Währung und zur Wirtschaft, er sprach sich ferner mit Entschiedenheit gegen die Fortsetzung der Deflation aus, durch die unsere Wirtschaft erwürgt werde, lehnte aber auch mit allem Rachdruck eine Inflation ab, die er als Verbrechen am Volke bezeichnete; in diesem Zusammenhänge betonte er, daß die Rationale Opposition auf ihrer Tagung in Harzburg ebenfalls keiner ei Inflation gefordert habe. Dann kritisierte er die Steuerpolitik der Regierung. Der deutschnationalen Fraktion sei es als Verdienst anzurechnen, daß sie die Politik der fortgesetzten sinnlosen Steuererhöhungen nicht mitgemacht habe. Gr lehnte diese Steuerpolitik, deren Ertrag nur in ein Faß ohne Boden fließe, entschieden ab, da sie an die Wurzeln unserer Substanz greife und die wichtigste Arsache für das ungeheure Ansteigen der Arbeitslosigkeit und die Minderung des Lebensstandards der Bevölkerung sei. Eine grundlegende Reform dieser Steuerpolitik sei dringend zu fordern, ebenso dringlich zur wirtschaftlichen Gesundung sei die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung der Arbeit durch Ausschaltung aller Faktoren, die zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer stünden. Weiter übte der Redner scharfe Kritik an der „Schröpfung" der Beamten, bemängelte das fehlende psychologische Verständnis der Rotverordnungspolitik gegenüber der seit anderthalb Jahren gründlich veränderten Volksstimmung und wies dabei auf das starke Anwachsen der nationalen Bewegung hin. Auf dem Gebiete der Außenpolitik machte der Redner dem Kabinett Brüning ebenfalls mangelnde Voraussicht der Entwicklung der Dinge zum Vorwurf, weiter rügte er, daß der Reichskanzler durch seine Rundfunkrede, in der er sich zur Verständigung mit Frankreich bereit erklärte, die im Sommer bevorstehende Isolierung Frankreichs in der Weltmeinung verhindert habe. Ebenso wie Dr. Frick sei auch er (Redner) zur Verständigung mit
vierten Variation meldet sich wieder das Einleitungsthema mit seinen Tremoloakkorden als leitender Grundgedanke; es wächst in starker Aufwallung; dann aber übernimmt ein krafterfülltes Thema die Führung im Finale, ein wirksamer Gegensatz zu der lyrischen Ausbreitung in den Variationen. Mit einer großen Steigerung bricht es plötzlich ab, eine Reminiszenz des Variativns- themas läßt noch einmal zurückblicken und mit wild anstürmender Gewalt bricht die glanzvoll gesteigerte Koda hervor.
Wie sich die beiden Künstler für die drei in sich so unterschiedlichen Werke einsetzten, ist über jedes Lob erhaben. Man weiß nicht, was man an jedem der beiden zuerst bewundern soll, die souveräne Beherrschung des Instrumentalen oder die unbeschreibliche Fähigkeit, wie sie das im Notenbilde Niedergelegte zum unmittelbaren elementaren Erlebnis werden ließen, das jeden in seinen Bann schlug und mit sich fortriß. Jeder der drei gespielten Meister wurde mit der ihm zukommenden Eigenheit erfaßt: bei Neger eine dem Feinsten nachgehende Sensibilität, bei Beethoven die abgeklärte Art der Artikulierung, bei Schubert das Aufgehen in der Größe des Lyrischen, wo stellenweise der Klavierpartner im Nachschaffen der allerfeinsten Regung den Geiger noch zu übertreffen schien. Eindrücke, die in ihrer Eigenart und Größe sich jedem- fest einhämmerten, denen gegenüber jedes berichtende Wort verblaßt.
Der Widerhall bei den Hörern war derartig stark, daß sich die beiden Künstler entgegen ihrem sonstigen Brauch dennoch zu einer weiteren Gabe bereit sanden. Sie antworteten nicht mit einem virtuosen Glanzstück, sondern ließen die Variationen aus Beethovens D-Dur-Sonate in voller Weise erleben.
Dr. H.
Kleist-Preis 1931.
Berlin, 24. Ott. (WTB.) Der diesjährige Vertrauensmann der Kleist -Stistung, Carl Zuck» mayer, hat den Kleist-Preis für das Jahr 1931 zu gleichen Hälften an Oedoen v. Horvath für seine dramatischen Dichtungen und an Erik Reger für seinen Roman „Die Union der festen Hand" zuerkannt.
Von Oedoen von Horvath, dem in Bayern ausgewachsenen, deutsch-ungarischen Schriftsteller
Frankreich bereit, aber nur unter der Voraussetzung vollständiger moralischer, wehr- und machtpolitischer Gleichberechtigung. Der Redner bemängelte sodann den Empfang Lavals und Driands durch den Reichspräsidenten, dessen Rame sich noch auf der „Kriegsverbrecherliste“ Frankreichs befinde. Er betonte weiter, die Deutschnationalen seien für eine intensive Realpolitik unter Aufrechterhaltung der Ehre, Freiheit und Gleichberechtigung Deutschlands, sie seien aber gegen jede Politik, die auf der Grundlage des Internationalismus beruhe. Zum Schlüsse forderte er auf, die Politik der Deutschnationalen Volkspartei, die den Sieg des nationalen Gedankens bringen werde, auch bei den Landtagswahlen in Hessen zu unterstützen.
Die Rede wurde oft von Beifall unterbrochen und am Schlüsse mit langanhaltender lebhafter Zustimmung unterstrichen. Eine Aussprache wurde von der Versammlung nicht beliebt.
„Silberkondor über Feuerland."
Das Kreisschulamt Gießen läßt dieser Tage in den Orten Watzenborn-Steinberg, Lich, Ober-Bessingen, Eberstadt, Großen-Linden, Londorf, Grünberg und Großen-Buseck den rühmlichst bekannten Film des Tsingtau-Fliegers Gunther Plüschow, „Silberkondor über Feuerland", zur Vorführung bringen. Der Film, der wie in vielen anderen deutschen Städten auch in Gießen bereits gezeigt wurde und überall großen Beifall fand, vermittelt ein einziges großes Erlebnis der Landschaft. Der Flieger Plüschow, der auf einem kleinen Segelkutter und mit einem leichten Segelflugzeug die Reise nach dem südlichsten Amerika, nach dem Kap Horn, nach Feuerland antrat, filmte mit großer Ausdauer und mit viel Verständnis, gleichzeitig aber mit einer beispiellosen Kühnheit jenes „Land der Wolken und Winde", das gebirgige zerklüftete Feuerland vorn schwanken Flugzeug aus und brachte ein Werk zustande, das ihm die Dankbarkeit vieler Freunde des Kulturfilms einbrachte. Reben den Bildern von der grandiosen Dergwelt des Feuerlandes bringt der Film auch Bilder von dem Leben in Argentinien und Brasilien, von Land und Leuten in Südame- rrifa, von den riesigen Plantagen und den großen Viehherden, er bringt Ausschnitte aus der Romanze aussterbender wilder Indianerstämme, jedenfalls aber Unterhaltendes und Belehrendes in einer Form, wie sie glücklicher nicht gedacht werden kann. Der Film ist durch den steten Wechsel der mannigfachen Offenbarungen im Bild stets anregend und nie ermüdend. Die Eltern, die ihren Kindern die Gelegenheit bieten können, diesen Film zu sehen, sollten nicht versäumen, den Kindern dieses Erlebnis, das der Film zu vermitteln vermag, zu ermöglichen. Die Eintrittspreise sind sehr niedrig gehalten, so daß selbst Kinder, deren Eltern erwerbslos sinb, der Besuch möglich fein sollte. Der Film ist für Kinder wie für Erwachsene gleich interessant. Räheres, besonders über den Zeitpunkt der Aufführungen in den verschiedenen Orten, ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
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** Evangelisch-kirchliche P e r s o n a 1 i e. Pfarrer Heinrich W o 1 f zu Ranstadt wurde auf fein Nachsuchen durch die Kirchenregierung mit Wirkung ab 1. November in den Ruhestanv versetzt.
** Allerlei Diebstähle. Der Polizeibericht meldet: Ende September wurden aus einem am Bahnübergang Watzenborn - Steinberg gelegenen Bienenhaus mittels Einbruchs etwa 75 bis 80 Pfd. Bienenhonig entwendet. Der Honig war in Büchsen (Bonbonbüchsen) aufbewahrt. Geschäftsleute oder sonstige Personen, die Honig aufgekauft haben, werden im eigensten Interesse ersucht, bei der Kriminalabteilung, Zimmer 24, vorzusprechen. — In einer im Leihgesterner Weg gelegenen Autogarage wurden von einem Personenkraftwagen Ersatzteile, wie Magnet, Scheinwerfer, Lichtmaschine usw. abmon- tiert und entwendet. — Am 14. Oktober wurden vor dem Volksbad von einem abgestellten Fahrrad eine elektrische Boschlaterne und am 22. Oktober ein Boschdynamo entwendet. Personen, die über den Verbleib der gestohlenen Sachen Auskunft geben können, oder sonstige Beobachtungen gemacht haben, die zur Ermittlung der Täter führen werden, wollen ihre Wahrnehmungen der Kriminalpolizei Mitteilen.
wird demnächst im Deutschen Theater, Berlin, dasStück „Geschichten aus dem Wiener Wald" uraufgeführt. Als Roman ist von ihm „Der ewige Spießer" bekannt. Erik Reger heißt eigentlich Hermann Tannenberger. Er ist der Verfasser des Kruppromans „Union der festen Hand".
Zeitschriften.
— „Der Erdbal l." Illustrierte Monatsschrift für das Gebiet der Länder- und Völkerkunde, herausgegeben von Leo Frobenius, 5. Jahrgang. Heft 8, 9, 10. Preis vierteljährlich 3 Mk., Einzelheft 1,25 Mk. Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde. — „Der Erdball" ist unter Frobenius' Leitung nicht nur eine sehr interessante Zeitschrift geworden, sondern hat auch durch den neuen Herausgeber eine gewisse systematische Zielrichtung erhalten. Die Hefte 8 und 9 sind den anthropologischen Grundproblemen und der Rassenfrage gewidmet. Aufsätze wie „Prof. Dr. Weidenreich, Die Variabilität des Menschen als Grundproblem physisch-anthropologischer Forschung", „Dr. Gieseler, Tatsächliches und Umstrittenes über den fossilen Menschen“, „Die Rassenfrage" von Dr. Sailer, „Don der Vererbung beim Menschen" von Prof. Just geben über diese Themen eine Orientierung, wie sie uns bisher noch nicht geboten worden ist. Das Oktoberheft schneidet ein neues Gebiet an: „Schiffahrt und Schiffbau". Frobenius leitet das Heft mit einer geistreichen Abhandlung über die Anfänge der Schifffahrt ein. Die Aufsätze „Brüning, Balkenflöße an der Ostküste von Peru", „Dr. Anhe, Wasserfahrzeuge in der peruanischen Kunst", „Heine-Gel- oern, Ausleger und Doppelboote im inneren Hinterindien" und „Prof. Hambruch, Schiffahrt in der Südsee“ eröffnen dem Leser einen hochinteressanten Einblick in diese in weiten Kreisen meist unbekannte Wissenschaft. Aber auch sonst bringen diese Hefte eine bunte Fülle wertvoller Beiträge. Ein Aufsatz von Prof. Lommel „Parathustra" wird jeden Theologen wie auch den Philosophen und Historiker fesseln. Reues über die Kanaken, namentlich ihre Tänze, über die Tobas, über die Wertschätzung der Frau unter den ostafrikanischen Völkern, über die Rgada zeigen, wie reichhaltig | und vielseitig die Zeitschrift ist.


