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Nr. 501 Erstes Matt (L)

18(. Jahrgang

Donnerstag, 24. Dezember 193|

Ertcherni raglich, außer Sonntags und Feiertag».

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Die Illustrierte Gießener Familienblätter

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Gießener Anzeiger

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.

Der Bericht des Baseler Sonderausschusses.

Oie weltwirtschaftliche Entwicklung hat den ssoungplan illusorisch gemacht. - Deutschlands wirtschaftliche Lage gestattet keine Transferierung der aufschiebbaren Reparationsannuitaten. Warnung vor weiteren Katastrophen, wenn die Regierungen nicht ohne Verzug das gesamte Gchuldenprobkem bereinigen. - Aber keine formulierten Empfehlungen.

Das Basier Menetekel.

Der Basler Sachverständigenbericht ist. wie vor­auszusehen war, keine Sensation und keine Enthüllung neuer Erkenntnisse. Er bringt Tatsachen, die in Deutschland schon feit Monaten zum täglichen Handwerkszeug aller Er­örterungen über die Notlage gehören. Die Tat­sachen, Zahlen und Ziffern, die der Bericht wiedergibt, sind in Deutschland bekannt; sie wer­den aber durch den Bericht in einem weiteren Umfang und nun auch der Weltöffent­lichkeit vor die Augen gehalten und werden dadurch hoffentlich dazu beitragen, in den Län­dern, in denen bisher noch Unklarheiten über die wirtschaftliche Zerstörungsgewalt der Repa­rationen bestanden haben, eine klarere Einsicht in die weltwirtschaftliche Bedeutung desProblems zu eröffnen.

Man muß es bedauern, daß die Sprache des Be­richts nicht an allen Stellen so klar und e n t s ch i e d e n ist, wie dies der Wirklich­keit und der katastrophalen Lage Deutschlands ent­sprechen würde und daß an den entscheidenden Stellen der Bericht die überzeugenden Zahlen und Tatsachen hinter einer mühsam ausge­wogenen Dialektik zurücktreten läßt, die nur ein Schleier für die politi­sch e n Absichten ist. die hier an diesen Stel­len des Berichts nach oben stoßen. So ist es bei dem Abschnitt über die Reichsbahn der Fall, wo man im Grunde nur die Binsenwahrheit fest­stellt, daß bei Zeiten der Prosperität auch eine entsprechende Rentabilität der Reichsbahn zurück­kehren wird, wo man aber hätten die Sach­verständigen nur a's Wirtschaftler gehandelt auch das Wort erwartet, daß diese behauptete Prosperität nur widerkehren wird, wenn Die Wirtschaft von dem Reparations­druck entlastet wird.

Licht und Schatten halten sich auf den ersten Blick in diesem Bericht die Waage. Wenn man klaren Entscheidungen und klarer Sprache dort, wo sie notwendig wären, auch ausweicht, so un­terstreicht der Bericht doch an mehreren Stellen denentschlossenen Willen der Reichsregierung", ihrekühnen Maßnahmen" und ihre Rettungs­versuche zum Schutze der Währung und zum Ab­bremsen des wirtschaftlichen Bergrutsches. Damit wird ein D a m m a u f g e r i ch t e t gegen die be­sonders von französischer Seite betriebene Pro­paganda eines böswilligen und absicht­lichen verschuldens Deutschlands gegen seine Reparationsverpflichtungen. Das wird in späteren Behandlungen unter Umständen noch einmal von besonderer Bedeutung fein.

Bei der Beurteilung des Berichts muß man sich vor allem an die logische Linie halten, die sich von einem Kapitel zum anderen zieht, und wenn in dem heftig umkämpften zweiten Kapitel nach Formulierungs'künsten über die unterschiedliche Beurteilung' der Lage eines Landes zu Hochkon­junktur- und Krisenzeiten der Satz folgt:Aber wenn man auch den Zeitpunkt der wirtschaft­lichen Stabilität nicht voraussehen kann, so ist es doch nicht weniger sicher, daß diese Stabilität erst mit Hilfe der im vierten Kapitel g e^ machten Vorschläge erreicht werden kann", so zeigt sich darin klar, daß die Sachverständigen selbst den Gipfelpunkt ihrer gesamten Arbeit in den im vierten Kapitel enthaltenen Schlußfol­gerungen sehen. Dieses Kapitel beginnt mit der wichtigen Feststellung,daß Deutschland den, auf­schiebbaren Teil der Annuitäten nach Ablauf des Hoover-Jahres nicht zu transferieren vermag" und weist damit schon in die Zukunft und auf die Not­wendigkeit hin, daß von einer Aufrechterhaltung zum mindesten des bedingten, d. h. des größten Reparationsteiles nicht mehr die Rede sein kann.

Die Sachverständigen gehen aber noch weiter unb greifen, soweit es ihnen bei ihrem eng be­grenzten Mandat und bei den politischen Wider­ständen von verschiedenen Seiten möglich war, das gesamte Reparations- und Schuldenproblem auf, indem sie erklären, der einzige Schritt von Dauer, der das Ber- trauen wiederherstel'm kann, ist die Anpas­sung aller zwischenstaatlichen Schulden, Re­parationen und anderen Kriegsschulden a n d i e gegenwärtig zerrüttete Lage der Welt." Diese beiden letzten Zitate sind viel­leicht weniger für Deutschland als für die ge­samte Welt die positivsten Ergebnisse der sieb- zehntägigen Basler Derhandlungeu. 3n ihnen wird zum erstenmal von autoritativer Seite auf die schicksalnotwendige Regelung des ge­samten Schuldenproblems hmgewiesen.

Die weiteren Entscheidungen, die sicher noch schwere Kämpfe und große Gegensätze bringen werden liegen nun, nachdem die Sachverstän­digen selbst nicht zu Vorschlägen bestimmter Ein­zelmaßnahmen gelangt sind und angesichts der Unmöglichkeit weiterer Reparatio.iszahlungen auch nicht gelangen konnten, bei den Regie­rungen. Und an diese Regierungen richtet der Ausschuß die ernste Mahnung,, die ihr ganzes Gewicht erst aus den erschütternden Tatsachen die­ses Berichtes erhält, .ohne Verzug zu Ent­

scheidungen zu kommen und damit neue Hoffnun­gen auf eine Besserung der schweren Krise zu er­wecken, die gleichermaßen auf allen lastet."

Die Schlußsitzung.

Vorbehaltlose Einigung ans den Bericht.

Basel, 23. Dez. (MTB.) Der Bericht des Beratenden Sonderausschusses der BIZ. wurde heute gegen 22 Uhr in einer nicht­öffentlichen Vollsitzung des Ausschusses unter Vor­sitz von Professor Veneduce (Italien) von sämtlichen Mitgliedern des Ausschus­ses unterzeichnet. Bevor die Mitglieder ihre Unterschrift unter das umfangreiche Dokument setz­ten, wurde der Bericht, der bis jetzt nur in eng­lischer Sprache vorliegt, von dem Chefdolmetscher des Ausschusses Oberregierungsrat Dr. Michae­lis- Berlin Abschnitt für Abschnitt vorgelefen. Die Verabschiedung des Berichts erfolgte beb alle-

Was enthält

Das erste Kapitel gibt einen U e b e r b l i ck über die gegenwärtige Lage. Der Be­richt hebt die besondere Empfindlichkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber der Kreditkrise hervor. Er weist auf die hohe kurz­fristige Verschuldung hin, wie sie sich auf Grund der neuerlichen Erhebungen ergeben hat, und meint, daß die 12 Milliarden fucxfri* stigerVer schuldung (Ende Juli d. 3.) etwa vier Milliarden Reichsmark nicht bankmäßige Kre­dite einschließen, die wahrscheinlich nicht in dem gleichen Matze wie die Bankkredite zurückgezogen wurden und denen zu einem beträchtlichen Teil ausländisch eAktiva gegenüberstehen.

Die Ausfuhrüberschüsse der letzten Zeit haben ein gewisses Gegengewicht gegen die jüngsten Kreditabzüge geschaffen. Ls erscheint aber zweifelhaft, ob die wirt­schaftlichen Bedingungen Ausfuhrüberschüsse in der bisherigen höhe gestatten. Insbeson­dere wirken Zollmauern, Devisenvorschrif­ten und Auslandeinfuhrbeschränkungen und Kon­tingente zusammen mit verschärftem Wettbewerb infolge der Entwer­tung des Pfundes und anderer Währung in entgegengesetzter Richtung.

° Eine Schätzung der deutschen Zahlungsbilanz für das Jahr 1931 zeigt den hohen Anteil, der von dem Ausfuhrüberschuß für den Zinsen -und TilgungsdienstderAuslandschulden und der Reparationszahlungen vor dem Hoover-Jahr verwendet werden mußte. Die Kapitalabzüge zwangen Deutschland, nicht nur seine auswärtigen Reserven einzusetzen, sondern auch Kredite, wie die der Reichsbank und der Golddiskontbank in Anspruch zu nehmen. Trotz­dem waren umfangreiche Coldverläu'e erforderlich, und die Wirkungen der Kapitalabzüge auf die Reichsbankreserven sind be'onders be­merkenswert.

Deutschland hat eine überlegte Preis- und Lohnsenkungspolitik be­folgt, um seine wirtschaftliche Lage gegenüber dem Auslande soweit wie möglich zu schützen. Preise und Löhne wurden durch die letzte Notverordnung weiter gesenkt. Der Produktionsindex fiel gegenüber 1928 ( 103) auf 66 im September d. 3. Ein Drittel des wirtschaftlichen Le­bens Deutschlands hat aufgehört. Die Arbeitslosigkeit ist weiter gestiegen. Sie betrug am 1. Dezember 5 Millionen gegenüber 21 Millionen Arbeitnehmern.

Die Lage der Landwirtschaft, die 3o o.h. der arbeitenden Bevölke­rung Deutschlands beschäftigt (1925), ist durch diese Entwicklung betroffen. Die Landwirtschaft mit ihrer hochverzinslichen Verschuldung kann diese Zinsen kaum erarbeiten, so daß moralo- riumähnliche Maßnahmen ergriffen werden mußten, um ihren Zusammenbruch zu verhüten. Die außerordentlich hohen Zinssätze haben die deutsche wirtschaft überhaupt stack belastet und sind eine der Ursachen der gegen­wärtigen Krise.

Die Krise hat auch für die öffentlichen Finanzen eine kritische Situation geschaffen. Die Einnahmen für das nächste Jahr werden auf nicht mehr als 7,25 Milliarden Mk., verglichen mit 9,25 Milliarden Mk. 1929 30 geschäht. Del dieser Einnahmenverminderung sind die verschie­denen Steuererhöhungen der letzten zwei Jahre mit einem Gesamtausmah von 1,5 Mil­liarden schon in Rechnung gestellt. Ohne diese Steuererhöhungen würden die Einnahmen um 3,5 Milliarden oder um 40 Prozent gefallen sein. Einschneidende Ausgabeneinschränkungen sind erfolgt Die Ausgabenverminderung be­

l o s. Einwendungen wurden von keinem Mitglied erhoben. Der Bericht trägt nunmehr die Unter­schriften folgender Persönlichkeiten: Bene­duce (Italien), Melchior (Deutschland), Lay- t o n (Großbritannien), R i st (Frankreich), Franc- q u i (Belgien), E o l i j n (Holland), R y d b e ck (Schweden), Bindschedler (Schwei;), Dju- ritsch (Jugoslawien), Rogara (Japan). Die Mitglieder des Ausschusses haben größtenteils sofort nach Beendigung der heutigen Sitzung Basel wieder verlassen. Der Bericht wird den be­teiligten Regierungen und der BIZ. von dem Vor­sitzenden des Ausschusses Beneduce übermittelt wer­den. Er besteht aus vier Kapiteln und verschiedene Anlagen, die die Ergebnisse der Arbeiten des Unter­ausschusses für die Auslandsverschuldung und die Auslandsguthaben Deutschlands, für den Reichs­haushalt und die Reichsbahn enthalten.

der Bericht?

trägt beim Reich gegenüber dem Stande von 1929 rund 22 Prozent. Aehnliches gilt für Länder und Gemeinden. Die Steuerlast ist nach Aul» sassung des Ausschusses so hoch gestiegen, datz für eine weitere Erhöhung kein Raum mehr ist.

Die Wirtschaftsschrumpfung zeigt sich auch in den Einnahmerückgängen der Reichsbahn. Trotz energischer Sparmaßnahmen sank der Be- trrebsüberschuh von 860 Millionen auf 480 Mil­lionen Mark im Jahre 1930. 3m Jahre 1931 blieben die Einnahmen um 2 8 v. H. hinter denen von 1929 zurück. Der Detriebsüberschuß wird auf nicht mehr als 178 Millionen geschätzt. Daher ist selbst nach Inanspruchnahme der Reserven die Reichsbahn 1931 außerstande, aus ihren Einnahmen Zahlungen für Repara­tionen und Schuldverpflichtungen zu leisten, obgleich im Zusammenhang mit dem Hooverplan die Kassenlage erleichtert worden ist. Für 1932 können keine Schätzungen vorgenommen werden.

Das zur Berichlecsialtung über die Lage der Reichsbahn eingesetzte llnterkomitee ist indessen zur Schlußfolgerung gelangt, daß die Reichs­bahn im Grunde ein gesundes Un­ternehmen und künftig bei Beobachtung kaufmännischer Grundsätze einen Belriebsüber- schuh zu erarbeiten in der Lage ist, wie ihn die üblichen großen Auslandsbah­nen erzielen können, wenn in späterer Zeit einmal Deutschland und die Welt das Gleichgewicht wieder gewonnen haben und normale wirtschaftliche Verhältnisse eingetreten sind.

Das zweite Kapitel behandelt die Umstände und Verhältnisse, die zu der gegenwärtigen Lage ge­führt haben. Wie alle anderen Länder, hat Deutsch­land unter den Folgen des außeror­dentlichen Preis st urzes gelitten, der für das Wirtschaftsleben der Welt seit 1929 charakte­ristisch ist. Der Rückgang in der Konsum­kraft breiter Massen hat eine Verminde­rung oder sogar ein vollständiges verschwinden der Rentabilität, schwere Arbeitslosigkeit und einen Riederbruch der Börsenwerte herbeigeführt. Zahl­reiche Banken gerieten in Gefahr. Diese Banken- krisis wiederum führte zum Abzug von Aus-landskapital aus den Ländern Zentral­europas. Dieses und die Ausgabe des Goldstandards in einer Reihe von Ländern hat eine Beunruhigung geschaffen und die allgemeine Tendenz zum horten von Geld gefördert. Die Erhöhung der Zollmauern vermehrt die bereits von dem Wiggin- Komitee geschilderten Schwierigkeiten in den Be­ziehungen zwischen Gläubiger- und Schuldnerlän­dern, da Zahlungen von einem Lande in das andere schließlich nur in der Form von waren gemacht werden können. Der Umschwung von einer Periode der Kreditgewährung zu einer Periode der Kreditabzüge, denen die Goldreserven der Schuldner- länder nicht gewachsen waren, hat teils zu stärkerer Devisenkontrolle, teils zur Aufhebung des Gold­standards geführt.

So außergewöhnlich jetzt auch die Krise sei, so sei doch jeder Krise ein Aufschwung gefolgt. Die starke wirtschaftliche Ausrüstung Deutschlands könne jetzt zwar nicht voll aus- genüht werden, aber wenn man auch den Punkt der wirtschaftlichen Stabilität nicht voraus­sehen könne, so sei es doch nicht weniger sicher, daß diese Stabilität erst mit Hilfe der in Kapitel 4 gemachten Vorschläge erreicht werden könne.

(Fortsetzung des Berichts auf Seite 2.)

Zur Weihnacht.

Don D Dr Friedrich Karl (Schumann, o. 6. Professor der Theologie an der Universität Gießen.

Die Zeit ist erfüllt." Markus 1,15.

I.

Friede auf Erden," Das scheint der Weih­nachtsklang zu sein, dessen Schallwellen am wei­testen fliegen; kein Weihnachtswort wird um Weihnachten so oft ausgesprochen wie dieses, sei es in stillem Sinne, sei es in heißer Hoff­nung, fei es in wehmütiger Resignation, sei es schließlich in höhnender Anklage. Vor allem pfle­gen auch die Weihnachtsbetrachtungen der Tages­zeitungen mit besonderer Vorliebe an dies Wort anzuknüpfen, um daran die bedrückende Fest­stellung zu knüpfen, wie weit wir doch von dem schönen Ziele noch entfernt seien, das jener Weih­nachtsruf vor uns stellt. 3st dieser Ruf damit richtig verstanden, wenn wir uns an ihm den Abstand vergegenwärtigen, der unsleider immer noch" von einem 3öeal trennt? Wäre es so, dann müßten jedenfalls die Betrachtungen, die sich dieses Wortes bedienen, noch um ein gut Teil pessimistischer klingen, als es der Fall ist. Dann müßte rund heraus gesagt werden, daß wir seit jenem Engelsgesang dem Ziel des Frie­dens auf Erden nicht nur nicht nähergekommen sind, sondern uns gegenüber jener Zeit nicht unbeträchtlich von ihm entfernt haben. Damals war die politische europäische Welt in einem seither kaum wieder erreichten Maße befriedet, deneuropäischen Menschen" gab es in wesentlich zahlreicheren, imponierenderen und vor allem mehr bedeutenden Exemplaren als heute. Des Redens vonVerständigung", das auf alle Fälle immer bedenklich nach Pulver riecht, bedurfte es damals nicht. Don Weltkonferenzen wußte man nichts. Könnte es der Sinn eines so betont als Himmels botschast bezeichneten Wortes sein, der antiken Welt einen politischen Zustand vor Augen zu halten, den sie eben im Begriffe schien, zu verwirklichen? Einer Welt, welche den Kaiser Augustus als denSoter", denHeiland" des Weltfriedens feierte?

Gewiß, der Gedanke eines Völkerfriedens hat seinen älrsprung in der Bibel, und alle, die seit­her die Menschheitsträume von ewigem Frieden, von Gewaltlosigkeit und Völtereintracht geträumt haben, haben ihre Gedanken genährt an den Schauungen der großen Propheten. Aber freilich, indem sie sie in ihr Gegenteil verkehrten: denn für die Propheten war der Völkerfriede nicht eine Möglichkeit, welche durch menschliche Politik ver­wirklicht werden könnte, sondern das Kommen und Dekanntwerden dessen, der als der öänbe- kannte und älngetannte der Herr aller Völker­schicksale und aller Politik, der Frommen und der Gottlosen ist. E r wird kommen, diese grüne Menschenerde wird er mit seiner Gegenwart fül­len, er wird ihr Friede sein. Aber fein Kom­men wird anders sein, als alles Menschendenken in Hatz oder Liebe sich ausmalt.

Datz dieser Friede im Anbruch sei, datz dieses Kommen beginne, das ist der Sinn von: Friede auf ErdenI" als Weihnachtsbotschaft. Sie sagt nicht, daß es schön wäre, wenn etwas da wäre, was nicht da ist. Sie redet nicht vom ewig unerfüllten Ideal, sondern von Gegenwart und Geschehen. Ihr erstes Wort ist:Die Zeit ist erfüllt!"

II.

Die Zeit i st erfüllt!" Ein seltsames Wort, aus dämmernden Kindheits- und Schul- erinnerungen wohl vielen bekannt, aber gerade darum bekannt-unbekannt geblieben. Es be­deutet natürlich zunächst einfach: ein Zeitraum, in dem etwas erwartet und erhofft wurde, ist zu Ende aber es bedeutet eben zugleich: eine Hoffnung findet damit ihre Erfüllung, wo bisher eine Leere war, wird jetzt ein Inhalt, eine Fülle seien und diese Fülle wird von jetzt an alle Zeit erfüllen. Und in diesem Sinne umgreift das Wort alles, was Weihnacht bedeutet. Wieso?

Wir sagen zunächst: die Zeit ist erfüllt, und rühren damit an das dunkle, für uns unlösbare Rätsel, das w i r immer für uns selbst sind. Das Griechische, die Sprache des Reuen Testa­ments, hat zwei Worte für unser eines deut­sches WortZeit"; eins, das den eben sich er­füllenden, aber zugleich auch fliehenden Augen­blick, und eins, das die währende Dauer der Zeit bezeichnet. Aus beiden Augenblick und Dauer blickt uns wie aus dunkeln, verschleierten Augen das Rätsel unserer Existenz an, über das wir immer wieder sinnen und das wir doch nie ergründen:

Zögernd kommt die Zukunft hergezogen. Pfeilschnell ist das Jetzt verflogen. Ewig still steht die Vergangenheit."

Wir alle, auch die Ungelehrtesten unter uns, keimen dies Rätsel der Zeit, und auch die Ge­lehrtesten wissen nicht zu sagen, was Zeit ist. Es geht uns allen mit der Zeit, wie es schon Augustin, der erste im Abendland, der tief über sie nachgedacht, empfand:Wenn niemand mich fragt, so weiß ich, was Zeit ist; wenn ich es einem Fragenden erklären soll, so weih ich's nicht." Wie eine fremde, gewaltige und barm­herzige Macht erscheint sie uns jetzt, die über alles fühllos hinweggeht, die kein Flehen hal­ten, ein Abgrund, den keine Tränen beschwören können; und jetzt erscheint sie wieder ganz eng mit uns verknüpft, ein Stück unser selbst, denn ihr Atem ist unser Atem, ihr Schritt ist unser Schritt: sind wir fröhlich, so fliegt sie dahin, leiden wir, so will sie nicht rücken, so bringt ihr Kriechen uns Verzweiflung. Aber Leid und