Ausgabe 
24.10.1931
 
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Nr. 249 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)

Samstag, 24. Oktober (93t

Grandi - der Arm Mussolinis.

Don unserem römischen ^-Korrespondenten.

Rom. 21. Oktober.

Don Gens, wo er sich entschieden für den Völkerbund, gegen einen Krieg im Fernen Osten einsehte, reist der italienische Ruhen­mini st e r über Berlin, wo über die Abrüstung gesprochen werden soll, nach Washington, um die Lockerung der Wirtschaftsbremsen zu be­schleunigen.

Grandi das ist der 2lrm Mussolinis, der ins Ausland reicht. Sein bester Dot-

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schafter. Richt einer von den seßhaft und damit beamtenhaft gewordenenGesandten", sondern einer von den Abgesandten früherer Geschichts­perioden, ein Sendbote seines Herr­schers, dessen Wunsch und Wille er über­bringt, ohne deswegen gebunden und gehalten zu sein, bei jeder kleinen Positionsverschiebung erstDirektiven einholen" zu müssen. Denn Grandi weist, was Mussolini denkt, auch wenn er unterwegs ist. Beide Männer ergänzen sich auf eine so eigene, geradezu mechanische Art, daß man gar nicht darüber spricht, dah von Einstimmigkeiten noch nichts bekannt geworden ist, obwohl das Mitarbeiterverhältnis bis in die Sturm- und Drangperiode des Faschismus zurückreicht.

Grandi wie Mussolini sind aus derGio- vinezza", der heute allein herrschenden Staats­partei, hervorgegangen, aus der Kriegs- und Revolutionsjugend. Als der Duce an die Tore von Rom pochte, war er 39 Jahre alt, und sein Generalstabschef während des Aufstandes der Schwarzhemden, Dino Grandi, zählte 27. Heute ist er mit seinen 36 der mächtigste Mann nach Mussolini in Italien, und die Propheten wollen wissen, dast er bereits zu seinem Rachfol­ger erkoren sei. Run, vorläufig ist es noch nicht so weit, er wird allem Anschein nach noch Zeit haben, in seine Führerrolle hineinzuwachsen.

Seine Lausbahn war ein einziger, ununter­brochener Aufstieg. Sprung auf Sprung, nicht ein Absitzen der üblichen Diplomatenleiter. Grandi, der Austenminister, ist. wie die meisten bedeutenden Männer Italiens, aus dem Journalismus hervorgegangen, in dessen Wirbel man einen jungen Mann nur hineinzustellen braucht, um zu erkennen, ob er

ein Stürmer oder ein Kleber ist. Als Zwanzig­jähriger, das juristische Doktordiplom in die Schublade wersend, zieht der Alpenjäger in den Krieg, bringt es ein Jahr darauf zum Leutnant, kämpft als Hauptmann an der Piave, wird fünf­mal auf dem Schlachtfeld ausgezeichnet und im vergangenen Jahrewegen besonderer Der- dienste" zum Oberstleutnant befördert.

Unter dem Liktorenbündel ging es nicht we­niger schnell als unter den königlichen Feldzeichen. Er ist einer der verwegensten Aufwiegler in der Heimat Mussolinis, der Romagna, er steht unter den Sturmtruppen der Emilia, in Bologna grün­det er denAssalto" (Angriff), wird Führer einer Kampfabteilung, dringt mit den ersten faschi­stischen Abgeordneten an der Seite Mussolinis ins Parlament und übernimmt dort drei Jahre später, als dem Schein nach noch verschiedene Parteien im Lande regieren, das Amt eines Vizepräsidenten.

Mussolini ist das letztemal im Ausland ge­wesen, als in Locarno die berühmteOrangen­blüte" aufging seither zieht er es vor, auf der römischen Kommandobrücke zu bleiben und nur seinen Steuermann in die Häfen der weltpolitischen Schiffahrt zu schicken. Grandi weist sich überall mit der gleichen Sicherheit zu be­wegen, das glatte Parkett der alten Diplomaten­schule schreckt ihn so wenig wie das Stachel­gestrüpp der Hotelhallen, in denen die Reporter lauern. Er lächelt in den Wandelgängen von Gens und lächelt an den Banketten. Immer taucht bas schwarze Spitzbärtchen, das einem Dierziger zu gehören scheint, dort und im rechten , Augenblick auf, wo und wann es im Interesse Italiens nötig ist. Der Austenminister ist nicht der geborene Versammlungsredner wie Musso­lini, der die Massen zu elektrisieren weist, aber was er einmal formuliert hat, ist schwer anzu­fechten. Er springt immer ein, wo dem Duce die Geduld reisten würde, er weih zu verhandeln, er bringt lieber eine Dertagung als eine Rieder­lage mit nach Hause.

Wer wollte leugnen, dah das Ansehen der Grohmacht Italien unter dem Doppelgestirn Mussvlini-Grandi in den letzten Jahren gewach­sen ist?

Grandi auf Reisen, das ist sozusagen Mus­solini inkognit'o. Der Minister kann tun, was der Duce nicht tun könnte. Zum Beispiel den Besuch Brünings erwidern. Schon bei der Abreise des Reichskanzlers in Rom war ich in der Lage, zu berichten, dast Mussolini entgegen seiner Zusage nicht nach Berlin kom­men. sondern Grandi als seinen Stellvertreter schicken werde. Er konnte ja nicht so tun, als ob er den Aufruf der preuhischen Regierung, mit dem sie innenpolitisch ebenso erfolgreich wie austenpolitisch verfehlt im gleichen Atemzug gegen das Freiheitsideal des Dolksentscheids und gegen dasfaschistische Gewaltregiment" polterte, nicht gelesen hätte.

Run hat das zweite Brüningkabinett die Ein­ladung wiederholt und Mussolini konnte dem deutschen Botschafter in Rom darauf nur er­widern, dast er sich seinen Besuch sür einen spä­teren Zeitpunkt Vorbehalten müsse, Grandi aber als seinen Stellvertreter schicken werde. Also, nun ist es amtlich. Berlin must sich schon damit be­gnügen.

Das tut aber dem Ernst der Besprechungen, wenn sie Brüning so nehmen will, keinen Ab­bruch. Ein artiger Zufall will es ja, dast auch der Kanzler gerade die beiden wichtigsten Posten, versieht, Reichsleitung und Auhenpolitik. Wie Mussolini durch und in Grandi. Es wird der Arm Mussolinis sein, der am Bahnhof in Berlin den Händedruck vom Bahnhof in Rom erwidert. Wen besucht Grandi? Ein Triumvirat,eine dreiköpfige Diktatur". Hindenburg-Brüning-Groe- ner. Es hieste den Kopf in den Sand stecken,

wollte man die wachsenden Sympathien Italiens für die deutsche Rechtsbewegung übersehen. An­drerseits wäre es aber nicht minder kurzsichtig, anzunehmen, Grandi werde sich dadurch irgendwie bei den Derhandlungen beeinflussen lassen. Rein, sein Auftrag lautet, ohne Rücksicht darauf, wie sich die Lage in Deutschland noch gestalten kann, das Mögliche zu versuchen, um eine Ein­heitsfront zur Bekämpfung der

europäischen Krisis herzustellen. Dazu ge­hört nach der Meinung Mussolinis die Regelung der Kriegstribute, da sie nur zur Verstärkung der französischen Rüstungen gegen Italien dienen, und entschlossenes Auftreten auf der _ Ab­rüstungskonferenz. Bei solchen Gedankengängen müstte es nicht schwer sein, sich in Berlin zu ver­ständigen.

Aktuelle Währungsprobleme.

Von Dr. W. Prion, 0. ö. Professor der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Berlin.

IL*

Herabsetzung der Aotendelkung?

Kürzlich ging durch die Presse eine Rachricht, derzusolge der Generaldirektor der DIZ. (Basel) den Vorschlag gemacht haben soll, dast die Ro­tenbanken allgemein ihre Gold­deckung auf zwanzig Prozent herab­setzen möchten als ein Mittel, auch von dieser Seite die sich ständig ausbreitende Weltwirt­schaftskrise zu bekämpfen. Lind wenn auch in­zwischen ein Dementi von der DIZ. erfolgt ist, so zeigt doch die Aufnahme in der Presse, dast die­ser Vorschlag sehr vielen Wünschen entgegenge­kommen ist. Da die Frage der Rotendeckung auch für die Reichsbank von aktuellstem Interesse ist, so lohnt es sich, etwas näher auf den Vorschlag ein­zugehen. Um die Folgen zu erkennen, ist es aber erforderlich, sich zunächst über das Wesen und die Bedeutung der Rotendeckung überhaupt klar zu werden.

Wenn man heute von Rotendeckung spricht, so meint man herkömmlicherweise die Deckung der umlaufenden Roten durch Gold (einschliehlich Devisen, die man als Anweisungen auf Gold ansieht). Sie beträgt nach dem letzten Reichsbankausweis 28,6 Prozent. In weiten Krei­sen der Bevölkerung ist mit dieser Golddeckung die Auffassung verbunden, dast der Wert des Geldes, also eines 100-Markscheines, von dem Gold abhängig fei, das eben als Deckung der Roten in den Kellern der Reichsbank ruht. Diese Vorstellung bleibt auch bestehen, obwohl nicht alle ausgegebenen Roten durch entsprechende Goldmengen gedeckt sind, also nicht alle Roten in Gold eingelöst werden können. Das liegt daran, dah man weiter weist (und glaubt), dast eben nicht alle Roten auf einmal präsentiert werden und eingelöst zu werden brauchen. Es liegt aber auch daran, dah neben dem Gvlde noch eine andere Deckung für die nicht in Gold gedeck­ten Roten vorhanden ist: das sind bei uns gute Handelswechsel mit drei Unterschriften und einer Höchstlaufzeit von drei Monaten. Da diese Wechsel in kurzer Zeit einzulösen sind, so bedeutet dies, dah bei Fälligkeit der Wechsel auf diesem Wege entsprechende Mengen Roten zur Reichs­bank zurückfliehen.

So wichtig es ist, diese volkstümlichen Vorstel­lungen von dem Wert des Geldes, der sich aus der Golddeckung ableiten soll, bei der praktischen (und gesetzlichen) Gestaltung z. B. irr ben Vor­schriften über die Höhe der Golddeckung, Einlö­sung der Roten u. a. m. zu berücksichtigen, so sind es diese mehr psychologischen Voraussetzungen doch nicht allein, die das Wesen und die Bedeutung der Deckung ausmachen. Von einem geordneten Geldwesen verlangt man, dah jeweils soviel Zah­lungsmittel in Umlauf sind, wie der wirt­schaftliche Verkehr des betreffenden Lan­des es erfordert. Auf dich richtige Geld­menge kommt es an, wenn nicht durch ein Zu­viel an Geld eine Preissteigerung (Geld­entwertung -- Inflation) oder durch ein Zu­wenig an Geld eine Preissenkung (Geld­wertsteigerung Deflation) herbeigeführt werden soll. Die notwendige Höhe des Geldumlaufs zu er­kennen und die erforderlichen Zahlungsmittel zur Verfügung zu stellen - das ist die grohe Kunst,

* Vgl. den ersten Aufsatz in Rr. 237 des G. A. vom 10. Oktober.

und richtig erkannt wird. Rehmen wir den Fall an, dah in einem Lande sämtliche umlaufen­den Roten durch Gold gedeckt und auherdem Gold­münzen im Verkehr sind. Bei einem Z u v i e l an Zahlungsmitteln (Roten und Goldmünzen) würden in diesem Lande diePreise st eigen; das würde zur Folge haben, dah das Gold nach dem Ausland abströmt, weil hier bestimmte Wa­ren billiger zu haben sind. Es würde also im Inland eine Verringerung der Gold- (und Geld«) Menge eintreten, was wiederum zur Folge hätte, dah hier die Preise sinken würden. Damit wäre ein automatischer Aus­gleich zwischen Goldmenge und Preisen in allen, der Goldwährung angeschlossenen Landern erreicht. Dem Prinzip nach liegt dieser Fall der ^klassi­schen" Goldwährung der Peelschen Bankakte von 1844 zugrunde, nach der die Dank von England ihre Währungspolitik betreibt (wovon sie aber während des Krieges und auch wieder in jüngster Zeit abgewichen ist).

In Deutschland besteht neben der Golddeckung noch die Wechseldeckung; das soll heihen. dah nur 40 Prozent (jetzt 30 Prozent) der Roten durch Gold, der Rest durch Handelswechsel gedeckt sein müssen. (Auch hierbei gibt es also keineun­gedeckten", sondern nurnicht durch Gold ge­deckte" Roten.) Der Vorteil liegt natürlich darin, dah man nicht die ganze Golbmenge zu besitzen braucht, die sonst für die Geldmenge^erforderlich wäre (und dah die Reichsbank für die Kredite, die sie bei der Diskontierung der Handelswechsel ge­währt, Zinsen erhält). Man muh sich aber bei dieser Zusatz-Deckung (Diskontierung von Wech­seln Kreditgewährung) klar darüber fein, dah es sich um eine zusätzliche Kaufkraft han­delt, die von der diskontierenden Rotenbank durch die Ausgabe von Roten geschaffen wird und in die Volkswirtschaft einströmt, wo sie naturgemäh die Tendenz hat, die Preise zu steigern. Diese preissteigernde Tendenz glaubt man vor­übergehend in Kauf nehmen zu können, weil man der Meinung ist, dah der der Rotenausgabe zu­grunde liegende Handelswechsel der Ausdruck für eine produktive Warenvermeh­rung sei (die Ware ist verkauft worden) und dah eben nach kurzer Zeit (höchstens drei Mona­ten- die Roten zur Ausgabestelle zurückfliehen.

Aus diesen Zusammenhängen geht folgendes hervor: 1. dah die Reichsbank bei der Diskontie­rung von Wechseln sehr aufpassen muh, damit nicht zuviel, aber auch nicht zuwenig Geld auf

Am Montag, 26. Oktober, werden wir in den Familienblättern mit dem Abdruck eines moder­nen Romans beginnen, der nach Gehalt und äußerem Umfang etwa neben Speyers Erzählung vomKampf der Tertia zu stellen wäre:

Zwei wollen zumTheater von Hans-CasparvonZobeltitz So heißt ein frisch und warmherzig geschrie­bener Roman von jungen Menschen unsererZeit, von ihrer Begeisterung fürs Theater und für die Schauspielerei, von ihrer unverdrossenen Arbeit und ihrer unromantischen Liebe.

Chinefenkinder.

Don Paul Eipper.

In fremden Städten gehe ich am ersten Abend gern in ein Darietetheater, einmal, weil man im Zuschauerraum solcher Dergnügungslokale alle Schichten der Bevölkerung beisammen hat, und dann, weil ich unter den Artisten fast immer alte Bekannte treffe. Wenn man dann durch die schmalen Korridore hinter der Bühne geht, den Garderoben zu, so trifft man mit ziemlicher Sicherheit in irgendeinem Winkel auf Chinesen oder Japaner, die über dünnen Bambusstäbchen porzellanene Teller drehen. Sie nehmen vom Vor­übergehenden keine Rotiz; man könnte denken, sie seien eingeschlafen, mitten in ihrer Tätigkeit, denn nur die weihe Tellerscheibe bewegt sich.

Irgendwo in London oder in Marseille erlebte ich eine Ausnahme. Da grinste plötzlich solch ein Chinesengaukler, ein Junge von vielleicht zehn Jahren, verzog sein Gesicht, aber nur für Sekun­den, und war dann wieder eine leblose Maske. Aber ich blieb stehen, fragte überrascht:Kennen wir uns?"Yes, Sir, Zirkus in Göteborg, You viel schreiben auf Papier." Dann nahm der Knabe die beiden Bambusstäbchen in eine Hand, gab mir die andere zum Gruh, prüfte zugleich mit schnellem Blick, ob dennoch beide Teller richtig tanzten.

Diese kleine Begebenheit, so unbedeutend sie ist, enthält das ganze Charakteristikum der jugend­lichen Tausendkünstler aus dem Fernen Osten.

Schon dah ich nicht mehr weih, wo diese Be­gegnung stattfand, ist aufschluhreich. Für uns Europäer haften die Begriffe von Zeit und Ort nicht bei der Erinnerung an chinesische Akrobaten; sie sind überall und sehen so gleich aus, dah tausend Einzelerscheinungen doch nur einen Ein­druck vermitteln. Man weih bei den zierlichen Gestalten auch nichts über das Alter; ein Kind erscheint zuweilen ernst und verwittert wie ein sehr erprobter Mann, und aus einem scheinbar uralten Greis lächelt plötzlich die Anmut eines Kindes.

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Ich habe eine grohe Vorliebe für diese Men­schen. Erst war es eine Art von Sport, hinter ihre Maske zu kommen, zu erfahren, was sie

fühlen, wie sie innen aussehen. Jetzt habe ich I diesen Wunsch längst aufgegeben; manche Rätsel kann man nicht lösen!

Als ich einen Sommer mit dem Zirkus durch Schweden reiste, war ich mit solch einer Chinesen­truppe Tag für Tag beisammen. Wir nickten uns zu, wenn wir uns in der Stallgasse trafen, am Sattelplatz, an der Bahnhofsrampe; aber noch nach Wochen habe ich selbst die Kinder verwechselt, weil sie niemals eine persönliche Eigenheit erken­nen liehen, immer still und leise vorübergingen, lächelten und sich auf ihre Arbeit konzentrierten. Sie üben immer, jonglieren, balancieren, turnen, verrenken sich. Lind sind, schon die Kinder, voll­kommen beherrscht, gleichgültig gegen alle Llm- welt.

So denkt der europäische Beobachter. Bis er dann erlebt, was für ein Teufel von Temperament in solch einem zehnjährigen Burschen steckt; bis er fast angstvoll spürt, welch ein Wirbel von Leidenschaft, Ehrgeiz, RervositLt, Kampf- und Siegerwille hinter der gelblich matten Haut zu- fammengeballt ist.

Mit dem Gehirn kann man diese CH nesenkinder nicht erfassen, die geräuschlos über die Kontinente ziehen, überall zuhause sind und nirgends. Diel schöner, sich einfach zu freuen, wann immer man sie trifft, in Paris auf den Doulevacds, wo sie plötzlich vor den Kaffeehaustischen die phantastische Geschicklichkeit ihres Körpers zeigen, im Dariete Groh-Darmen, im Wanderzirkus zwischen Augs­burg und Passau.

Gewih werden auch aus diesen Chinesenkindern im Lause der Zeit Männer. Wir rnerken's nur nicht, weil ja dann andere Säuglinge herange­wachsen sind und graziöse Marionetten im Scheinwerferlicht stehen, Kubhändchen Werfer, plötzlich alle Lieblichkeit in den gestickten Dlurnen ihrer Seidenmäntel verschwinden lassen, Kops, Arme, Leib und Beine durcheinander biegen, den Gesetzen der Statik und der Schwere Hohnsprechen, knicksen und einen Schritt zur Seite machen, um weltverloren dazustehen, als wühten sie nicht den Llnterfchied von rechts und links.

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Manchmal ist in einer solchen Gaukler truppe auch ein kleines Mädchen, ein Kind von sieben oder acht Jahren. Der Lruppenchef schält es aus seinem Mantel, und nun trippelt zögernd das

Etwas in den Vordergrund ein Porzellanfigür­chen, ein verträumter, fremder Engel, eine Blume, rührend in scheuer Versponnenheit. Lin ter der prangenden Helmkrone aus Metall und Samt atmet ein spitz-ovales Gesicht, dessen Stirn lack­schwarze Haare verdecken, fast bis auf die beiden schmalen Mandelaugen, die noch einen zweiten Vorhang schützend vor sich legen, die transparen­ten Lider mit den geschwungenen Wimpern. Feuerrot brennt der Mund, treibt in trotzigen Kurven die geflammten Lippenbögen; aber alles tritt zurück, ist nie gewesen, wenn für einen gedankenschnellen Augenblick der Glanz der Pu­pillen groß und strahlend auf den Mongolen fällt, der das Kommando führt.

Gibt es Blumen, diearbeiten" müssen? Das Kind huscht über einen dünnen Draht, der an­scheinend sich selber trägt. Lind auch der Draht ist plötzlich weggewischt; die Dlumenelse schwebt frei, steht dann wieder auf dem Bretterboden der Bühne, auf einem Bein vielleicht, und das andere scheint sich in einen Arm verwandelt zu haben, strebt steil nach oben. Must man das genau wissen? Gibt es nicht Fabelgötter in China, die hundert Arme haben oder tausend? Lind warum soll nicht einer von diesen Armen, sollen nicht zwei sogar Dambusstäbchen drehen, unsichtbar, doch mit Erfolg, daß am oberen Ende ein Teller tanzt?

Irgendwo weih mein Verstand, dah es auch hier nüchtern zugeht, dah diese Gaukler aus Fleisch und Blut sind und ihre Künste das Produkt von Fleih und Energie. Ob sie nun, den Kopf rückwärts neigend, mit ihren Zähnen ein Taschentuch aufheben, das hinter ihren Fersen liegt, den Körper biegen wie eine Klinge aus Toledostahl; ob sie zwanzig Meter lange Papier­streifen in Schwingung bringen. Flammenbögen des Lichtes und der dämonischen Geschmeidigkeit von Schlangen beschreiben, ob sie angefüllte, flache Schalen kreisen lassen, fo schnell, dah kein Tropfen herausschwappt; ob sie an ihren Zöpfen hängend schwingen als lebendige Pendel es ist alles gelernt worden, auf natürliche Weise. Rur ein Geheimnisvolles kommt dazu: Lächeln und Starr- sein zugleich, Rühren durch kindhafte Anmut und bewußt fein, so sehr, dah kein Rerv zuckt auf der ganzen Haut.

Gchicksalsstunde des Kapitalismus.

Inmitten der täglichen neuen, sich fast überstürzen, den wirtschaftlichen Ereignisse sucht der einzelne nach einem festen Punkt zu umfassender, ruhigerer Be­trachtung. Einen Halt zu solcher Schau in der rnfen* den Flucht der Erscheinungen bildet das neueste Heft der Süddeutschen Monatshefte (München) Schicksals stunde des Kapitalismus". Dr. Robert Friedlaender-Prechtl stellt in feinem AufsatzWirtschaftswende oder Wirtschaftsende" als bezeichnend für den heutigen Krisenzustand der Wirtschaft fest, daß nicht Mangel an irgendwelchen notwendigen Wirtschaftsfaktoren die Notstände her­vorruft, sondern nur Mängel in der Anwendung der verfügbaren Einrichtungen. Die geistige Entwick­lung des Wirtschaftsmenschen hat mit seiner tech­nologischen nicht Schritt gehalten. Friedlaender hält es für das zukünftige Schicksal der deutschen Wirt­schaft entscheidend, ob es gelingt, die Wirtschaftsform zu schaffen, die in der Mitte schwebt zwischen in­dividualistischer Zuchtlosigkeit und kollektivistischer Erstarrung. Wilhelm Wittig schreibt zu dem Thema Industrie, Kapitalismus und Krise . Er tadelt scharf die vielfach falsche Anwendung der Rationali- sierung, bei welcher übersehen wurde, daß mit der gesteigerten Leistungsfähigkeit der Einrichtungen nicht gleichzeitig und in gleicher Weise auch der Be­darf in die Höhe geht. Schließlich nimmt zum ThemaWirtschaftswende und Landwirtschaft" Dr. Georg Heim, der bekannte Bauernführer, das Wort. Dr Heim zeigt, wie sogar auf sozialdemokratischer Seite sich die Stimmen mehren, welche die zwangs- läufige Verbundenheit von Arbeiter- und Bauern- schickfal betonen, ja sogar unumwunden ausrufen: Zurück zur Scholle". 300 000 Arbeitslose könnten in der Landwirtschaft Verbesserungsarbeiten leisten und Dauerwerte schaffen, ohne vorhandene Warenlager noch mehr anzufüllen, ohne Konkurrenten zu schä­digen, ohne andere Arbeiter brotlos zu machen.

Hochschulnachnchten.

Der durch den Weggang des Prof. Fritz von Wettstein an der LIniversität Göttingen er­ledigte Lehrstuhl der Botanik ist dem ordentlichen Professor Dr. Richard Harder an der Tech­nischen Hochschule in Stuttgart angeboten worden. Berufungen nach Bonn und Darmstadt hat Prof. Harder abgelehnt.