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Kreuzweg der Liebe.
Roman von Paul Grabein.
Urheberrechtsschuh: (Romandienst „Digo", (Berlin W 30.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Eilends fuhr sie dann auf und schlich sich auf den Zehen bis an die Tür, von wo aus sie den Blick über Freds Lager hatte. Besorgt spähte sie dann in das Halbdunkel des kleinen Zimmers, ihres Stübchens, hinein, das jetzt den schwer Leidenden beherbergte. Ungewiß nur leuchtete ihr aus der Dämmerung das fahle, blutleere Antlitz Freds mit den tiefen Schatten um Augen und Wangen entgegen, das, zur Seite geneigt, mott auf dem Kopfkissen lag, die blassen Lippen ein wenig geöffnet. Das weißblonde Haar, sonst immer so tadellos frisiert, hing jetzt wirr ins Gesicht.
Mit geheimer Scheu nur konnte Ursula auf dies Leidensgesicht sehen: War es nicht mit ihre Schuld, daß der Unselige da so lag? Wenn nun freilick; auch, nach dem Urteil der Aerzte, die Gefahr für fein Leben abgewandt war, blieb nicht auch so noch Qual und Leid genug für jenen übrig, das sie sich zurechnen mußte?
Mit schweren Gedanken kehrte Ursula jedesmal von solchem Beobachten auf ihrem Platz am Fenster zurück. Wenn nun die erlösende Botschaft kam, auf die sie hier in Aengsten harrte, würde sie sich dann wirklich freuen können — dürfen? Was würde der da drinnen dazu sagen, wenn er erführe, daß die beiden sich wieder, ohne Schaden und bleibenden (Nach- leil, gecijit hätten, um derentwillen er so Furchtbares erlitten hatte?
Immer und immer wieder drängte sich Ursula diese Frage auf, die sie in einen quälenden Zwiespalt versetzte. —
Damals, unter dem ersten vernichtenden Eindruck des Schrecklichen, als Fred für einen Ver- lorenen galt, da war ja nur ein einziges, sie ganz beherrschendes Gefühl in ihr gewesen: Niemals konnte sie 3örg diese Bluttat verzeihen, nie wieder durfte er sie sehen!
Dann aber war — Gott sei gedankt — das Schlimmste an Fred vorübergegangen — und damit war eine ruhigere Besinnung zu Ursula zu- rückgekehrt. Es war fast unmittelbar darauf, nachdem sie ihren Absagebrief an 3örg geschickt hatte. Mit einem Male fiel ihr s nun auf die Seele, daß sie übereilt und ungerecht gegen Sorg gehandelt hatte. Plötzlich kam ihrs zum Bewußtsein, daß auch sie doch nicht ohne Schuld sei. Zwar drängte diese Empfindungen immer noch wieder ein trotziges Gefühl zurück, daß feine Schuld doch die viel größere sei; aber doch lebte
in ihr der geheime Wunsch, ja die Hoffnung, Sorg werde ihr trotz ihres Verbots noch einmal schreiben und um eine Gelegenheit zur (Rechtfertigung bitten.
So hatte Ursula zwischen Furcht und Hoffnung den ganzen Tag nach Abgang ihres Briefes zugebracht. Endlich am Abend hatte ihr dann die Post Jörgs Antwort gebracht — aber statt des erwarteten Flehens um Gehör, die stumme, doch so furchtbar beredte Sendung: seinen (Ring!
Erst hatte ein tödlicher Schreck Ursula niedergeschmettert; dann aber riß sie ihr im Tiefsten verwundeter Stolz wieder hoch. Tat man sie so ab? Ah, er war nicht wert, sich auch nur einen Augenblick darum zu grämen! Dann aber, als sie daran dachte, dem Vater alles zu sagen, erschien ihr plötzlich die Sache in einer anderen Beleuchtung. Wie würde es der Vater beurteilen? Die Beantwortung der Frage zeigte ihr nach und nach in immer schärferem Lichte die eigene doppelte Schuld von Trotz und Ueber- cilung und die bitterherben Folgen: den Zorn des Vaters, den Skandal vor der Gesellschaft, die ganze trostlose Oede eines verpfuschten Lebens!
Das ließ sie nicht mehr los, Tag und (Nacht. Voller Vcrzweiflug schleppte sie insgeheim die furchtbare Last auf ihrem Herzen herum. Erst hatte sie noch immer ein leises Hoffen, Jörg werde in sich gehen und doch noch einmal von sich hören lassen — aber der zweite, der dritte Tag waren verronnen, ohne ein Lebenszeichen von ihm.
Da war denn heute endlich ihre Widerstandskraft zusammengebrochen, sie hatte der Tante alles gestanden. —
(Nun harrte sie mit angstvoll pochendem Herzen des Ausgangs: Würde sich wirklich doch noch einmal alles zum besten kehren?
Unwillkürlich falteten sich ihre Hände, und, Tränen in den Augen, tat sie sich ein stilles Gelübde: Sollte es wieder gut werden, so wollte sie fortab wahrhaftig eine andere werden, endgültig ihren unseligen Hang zum selbstvergessenen Genießen abstreifcn und folgsam gegen Jörgs doch nur gut gemeinte Winke sein.
Wie gut erschien er ihr plötzlich! Wie schwer hatte sie ihn gekränkt und gereizt, bis er endlich selber sich vergaß. Wenn er sie doch noch ein bißchen lieb hätte, es bloß noch ein einzigesrnal mit ihr versuchen wollte!
Dann aber wieder schoß ihr plötzlich jener quälende Gedanke an Fred durch die Seele: Durfte sie wirklich noch an ein Glück mit Jörg denken, nach dem, was ihm dieser angetan hatte?
Schmerzlich stöhnte Ursula auf, von Zweifeln hin und her gerissen. Doch schließlich verjagte ein freudiges Hoffen die Schreckbilder: Fred würde ja gewiß wieder ganz genesen. Er hatte ja eine zähe, kraftvolle (Natur — hatte der Arzt
gesagt — der er allein sein Durchkommen zu danken gehabt hätte. Da würde er mit Gottes Hilfe ja auch Die Folgen der schweren Verwundung allmählich überwinden. Und dann würde er auch verzeihen, ihr und Jörg.
Ein Klingeln schreckte Ursula auf: einmal — zweimal, die Tante!
In fieberhafter Erregung stürzte Ursula zur Entretür, auch das Mädchen war ja zu Besorgungen ausgegangen.
(Nun hatte sie die Tür geöffnet und die Tante hereingezogen. Aber — mein Gott — was war das? Stumm stand die alte Dame vor ihr, mit tiefernstem Gesicht.
„Tante — um Himmels willen! — Was ist? Jörg will nicht?" —
„Er ist fort.“
„Wie — fort?“ Die Stimme brach Ursula; verständnislos starrte sie die Tante an.
Tante Marie nickte nur stumm; dann nahm sie mütterlich das junge Geschöpf, Dem Das Blut stockte und dessen Linke sich eiskalt anfühlte, und zog es die paar Schritt mit sich in das Zimmer.
„Es hilft ja nichts, mein armes Kind, Du mußt es ja Doch erfahren: Jörg hat Berlin, Die Heimat verlassen und ist auf (Reisen gegangen — ins Ausland."
Kein Ton kam von Ursulas Lippen; aber wie ohnmächtig sank sie zusammen. Sie wäre zu Boden gefallen, hätte sie die Tante nicht gehalten und zum nächsten Stuhl gedrängt.
Fort! (Nur dies eine Wort gellte ihr im Ohr, beherrschte ihr Seele mit seiner ganzen, furchtbaren Wucht. (Nun war alles vorbei, ihr Hoffen und Sehnen, ihr Unrecht wieder gut machen, ihr Leben wieder neu aufbauen zu können. Unversöhnt war er davongegangen — für immer! Alles, alles war aus.
Und plötzlich fiel ihr das Haupt schlaff in die Hände — ihr ganzes Wesen brach zusammen unter diesem letzten, furchtbarsten Schlage.
6. Kapitel.
„Ist es wahr, Ursula? Du hast Frau von Schlehden auch heut' wieder weggeschickt?" Mit finsterer Stirn sah der Major streng die Tochter an. Frau von Schlehden war die Gattin eines einstigen (Regimentskameraden des einzigen, mit dem er noch lose Beziehungen hatte.
„Ja, Papa!" Mit einer festen, fast trotzigen Entschiedenheit im Ton, die ihr früher fremd gewesen, antwortete Ursula, und auch zwischen ihren (Brauen zeichnete sich eine scharfe Falte.
„So!" Das grollende Unwetter zog herauf, und die Finger des Majors trommelten nervös auf den Tisch. „Und aus welchem Grunde, wenn ich fragen Darf?“
„Weil Frau von Schlehden unfehlbar nach Jörg gefragt hätte und ich weder Lust habe zu lügen, noch ihr Die Wahrheit zu sagen."
„Und glaubst Du Denn, daß du Die Sache ewig wirst bemänteln können — wie?!" Erregt trat Drcnck dicht vor Ursula, Die mit einer Handarbeit am Tisch im Wohnzimmer saß. -
Mit säst unnatürlicher (Ruhe zuckte Ursula Die Achseln. Ihr war alles gleich — nur nicht zu Den Leuten reden zu müssen über Die Dinge, Die ihr fast das Herz gebrochen hatten, Die sie — endlich, — noch einmal überwunden hatte.
„Bitte — ich wünsche eine Antwort!" herrschte sie der Major an. (Noch nie hatte er so hart, mit herrischer Kommandostimme Die Tochter an- gelassen — solange sie denken konnte.
Trotz all der Stumpfheit ihrer wunden Seele empfand Ursula schmerzlich diesen Ton, und ein bitterweher Zug schlich sich um ihre herb geschlossenen Lippen.
Freilich, sie wußte ja: der Vater verzieh ihr nicht, daß sie ihm das angetan hatte, daß zum zweiten Male seinem Hause, seinem (Namen ein Makel angehestet worden war, erst durch die Frau, nun durch die Tochter. (Nach seinen strengen Ehrbegriffen war Die Tatsache, daß Die Verlobung — zumal in Diesem ganzen Zusammenhänge — zurückgegangen war, ein schwerer Makel; Denn nach seinem ersten.großen Unglück hatte er um so ängstlicher seine Ehre, seinen (Ruf bei Den Menschen gehütet. Und Srewi hielt, nach seinen ganzen Mannesanschauungen, die Tochter für Die weitaus mehr, ja fast einzig Schuldige. Sie hatte, wie sie selbst ihm ja eingestanden, Jörg durch ihr Benehmen herausgefordert, und die beiden Männer aufeinander gehetzt, die nach den Ehrbegriffen ihres Standes nun das tun muhten, was geschehen war. Für.den unseligen Ausfall war Jörg nicht verantwortlich zu machen, und nun hatte Ursula noch obendrein — um alles zu krönen — ihrerseits dem Verlobten den Lauf- paß gegeben!
„Kannst du nicht reden? Ich will wissen, wie du dir die Zukunft denkst!" herrschte der schwer erregte Mann die Tochter an. „Dein Verlobter kann doch nicht einfach spurlos verschwunden sein?"
Ursula sandte einen kurzen, flehenden Blick zu Dem Vater auf: Hab' doch einen Funken Mitleid mit mir! Wenn du ahntest, wie mein Inneres zerrissen ist! — Aber Drencks Mine blieb unerbittlich hart. Da sagte sie leise, müde:
„Ich weiß nicht, Vater. Ich habe Darüber noch nicht nachgedacht.“
„Es wird aber die höchste Zeit!" Zornröte schoß Drcnck ins Gesicht. „Sollen die Menschen vielleicht erst anfangen, sich die Sache auf ihre Weise zu erklären? Ein angeschossener Vetter, Den Die Braut aufopfernd pflegt, und ein Bräutigam, Der dankend auf diese Braut verzichtet, und davongeht — ich denke, die Leute brauchen sogar nicht erst groß zu suchen."(Fortsetzung folgt.)
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