Montag, 25. März 195(
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 69 Zweites Blatt
Das Gießener Handwerk wirbt!
Eine handwerkliche Werbe-Veranstaltung.
3m Rahmen der Reichs-Handwerks-Woche trat das Gießener Handwerk am Samstagnachmittag im Saale des Lase Leib mit einer handwerklichen Werbe-Veranstaltung vor Die Oessentlichkcit. Unter den Besuchern bemerkte man auch Vertreter zahlreicher Behörden, die aus diese Weise das Interesse ihrer Dienststellen an dem (Siebener Handwerk bekundeten.
Rach musikalischen Darbietungen von Mitgliedern der Kapelle Weller und einem Gelangs- vortrag von Kurt Richter eröffnete der stellvertretende Vorsitzende des Ortsgewerbevererns.
Bäcker-Obermeister Loeber
namens dieses Vereins, der Innungen und der handwerklichen Verbände die Kundgebung mit herzlichen Begrüßungsworten. Weiter sagte er Dann u. a.: ,.In schwerer Zeit tritt das Handwerk vor die Oefsentlichkeit mit einem Rot- und Mahnruf:
Gebt dem Handwerk Arbeit! helft ihm seine wirtschaftliche Selbständigkeit zu behaupten durch Arbeit! Sichert dadurch den Fortbestand gesicherter mittelständlerischer Grundlagen in Kommunen, Staat und Reich und bekämpst auf diesem Wege die Arbeitslosigkeit!
Erfreulich ist. daß dieser Ruf des Handwerks anläßlich der Reichs-Handwerks-Woche bisher bei allen wohlmeinenden Bevölkerungstreisen, insbesondere auch bei den Behörden, lebhaften Widerhall gesunden hat. Sehr erfreulich ist es auch in Ziehen, daß die hiesigen Behörden in so stattlicher Zahl vertreten sind und durch ihr Erscheinen bekunden, daß sie dem Handwerk gegenüber guten Willend sind." Der Redner richtete hierauf besondere Worte der Begrüßung an die Behörden-Ver- treter und an die Hausfrauen, sowie an den Hauptredner Dr. W a g n c r. der die Wünsche und Hoffnungen der Handwerker zum Ausdruck bringen werde. Weiler erklärte ter Redner dann: „Das Handwerk fordert eine in allen Teilen gesunde M i t t e l st a n d P o l i t i k, die nichts gemein hat mit Unterstützung und steuerlicher Begünstigung von handwerksfeindlichen Genossenschaften, wie Hausrat Bauhütte. Konsumvereine, Warenhäuser usw. sondern die sich aufbaut auf der Grundlage wirtschaftlicher und steuerlicher Gerechtigkeit. Dann wird nicht nur das Handwerk blühen und gedeihen, sondern mit ihm auch das ganze Vaterland." „
3m Anschluß an die mit lebhaftem Beifall mitgenommene Eröffnungsrede sprach
Or. Wagner-Marburg
als Hauptredner über das Thema: „D a s H a n d- werk und die Zukunft der deutschen W i r t s ch a f t.“ Er erinnerte zunächst an die einschneidenden weltwirtschaftlichen Verschiebungen, skizzierte dabei ein Bild der Wandlungen in Deutschland vom Agrar- zum Industriestaat, sodann behandelte er in großen Umritten den mächtigen industriellen und Handelsaufschwung in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und dis zum Kriegsausbruch. Er wies ferner auf die immer weiter ausgedehnte Schaffung nationaler Industrien hin, die während des Krieges in den damaligen Feindstaaten und auch in den Kolonialländern durchgeführt wurde, durch deren Auswirkung unser Anteil am Welthandel von 13 Prozent im Jahre 1913 auf knapp 9 Prozent seht gesunken ist. Zu dieser empfindlichen Verschlechterung unserer Außenhandelswirtschast kämen noch die schwerwiegenden Folgen' der übereilten Rationalisierung hinzu, die mit ihren riesigen Kapitalinvestierungen sich in Deutschland als ein Fehlschlag erwiesen und auch den Arbeitsmarkt so ungeheuer verschlechtert habe, dah wir für die Dauer mit einem Millionenheer von Arbeitslosen zu rechnen hätten. Bei dieser Sachlage richte sich der nach Besserungsmöglichkeiten ausschauende Blick wieder auf den Mittelstand.
Bei der Volks- und Betriebszählung im Jahre 1925 seien 1,3 Millionen selbständige Hand-
III. Tag im Kammerfpiel-Zyklus.
Konzert der Weintraubs Syncopators.
Das sind sieben lustige junge Leute: man kennt sie ihrem Sammelnamen nach aus dem Radio und aus dem Tonfilm. Aber man kennt sie nur halb, wenn man sie nicht gesehen hat.
Man muß sie leibhaftig auf der Buhne vor sich sitzen sehen: alle sieben in grauen Strahenanzugen: sie bauen einen ganzen Instrumentenladen vor sich auf. eine wahre Musikalienhandlung. Jeder von ihnen (abgesehen vom Pianisten) spielt drei, vier, fünf und mehr Instrumente. Und es sind höchst aparte und raffinierte Sachen dabei.
Dann geht es los: ein Konzert von verblüffender Vielseitigkeit. Sprühende Musizierfreudigkeit und durckgebildete Musikalität, haarscharfer Rhyth- »vius, blendende Technik (bis an die Grenze der" Virtuosität). Humor. Sinn für Variationen, Kontraste und Parodie kennzeichnen ihr in zahllosen Avancen schillerndes Spiel.
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Rach einer drolligen Einführung durch ihren Manager Heinz Berger beginnen sie mit einer schmetternden Introduktion, dem Grenadiermarsch aus der „Liebesparade".
3m scharfen und effektvollen Gegensatz dazu eine ganz lyrische Komposition von Roy Turk. Unmittelbar anschließend ein cnglish Waltz mit Gesang, der einem so in die Deine fährt, daß man gleich lostanzen möchte,... und eine stürmische Improvisation über Lehars berühmten Tauber-Schlager „Dein ist mein ganzes Herz"...
Sie bringen eine witzig tonmalerische Eisenbahn- Fantasie „Chou-Chou“ und spielen mit vollem Unisono-Einsatz ein symphonisches Arrangement „San“. Das machen sie alle sieben: Horst Graff, John Kaiser, Jack Rosner. Baby Schul- v a t c r. Freddie W i se . Marcel de R i d d e r und Stefan Weintraub. Und sie spielen, was fabelhaft klingt, das ganze große, kompliziert gesetzte Programm (jeder mit mehreren Instrumenten!) auswendig. Bis auf eine einzige Rümmer.
iverksbetriebe, die drei viertel sämtlicher gewerblichen Betriebe darstellen, gezählt worden, von dem jährlichen Gesamtumsatz aller deutschen Wirtschaftszweige in höhe von rund 130 Milliarden sehe das Handwerk allein mehr als 25 Milliarden um. 23 bis 27 Millionen Menschen, also etwa die Hälfte des
Volkes, gehörten dem Mittelstand an.
Heute spreche die nationalökonomische Wissenschaft, die einst von dem „sterbenden Handwerk" gesprochen habe, von dem „ewigen Handwerk" (Pros. Sombart), das allen Entwickelungen der Wirtschaft standhalte. Der Einfluß dieser Mittelstandsschicht aus die Gestaltung der politischen und wirtschaftlichen Dinge entspreche aber leider noch lange nicht ihrer hohen wirtschaftlichen Bedeutung. Entsprechend dem Beispiel der in den Gewerkschaften zusammengeschlossenen Arbeiterschast sei es auch für den handwerklichen Mittelstand dringend notwendig, sich enger als bisher zusammenzuschließen und stärkste Solidarität zu üben. Jeder Handwerker müsse durch Mitgliedschaft und Mitarbeit in seinen Innungen und Berufsverbänden alles zur Stärkung seines Berussstandes tun. Unter den neuzeitlichen Wirtschastsbedingungen sei das solidarische Zusammenwirken der Handwerksmeister zur Erlangung und Ausführung von Aufträgen, ähnlich der Tätigkeit der Edeka und der landwirtschaftlichen Organisationen, dringend zu empfehlen. Die Oefsentlichkeit, die Behörden, Hochschulen usw. mühten in ganz anderer Weise als bisher ihre Aufmerksamkeit dem Handwerk zuwenden und es tatkräftiger noch als bis jetzt fördern. Auch bei der Lösung der Arbeitslosenfrage sei der handwerkliche und gewerbliche Mittelstand zu bedeutsamer Mitarbeit berufen. Mit steuerlicher Bevorzugung von Konsumgenossenschaften und Warenhäusern gegenüber dem Handwerk mühten die öffentlichen Gewalten aufhören, und um das zu erreichen, sei auch hier wieder geschlossenes, einiges Zu- sammenstehen des handwerklichen Mittelstandes dringend erforderlich. Die Regierung müsse in klarer Erkenntnis der Wirklichkeit, ohne ideologische Voreingenommenheit, einen
langsamen Umbau unserer wirtschaft im Sinne stärkerer Geltung des Handwerks
auf lange Sicht vorbereiten. Rur dadurch werde es möglich sein, unser Volk wieder aufwärts zu führen. Gesunde Mittelstands- und Handwerkspolitik sei eine der wichtigsten Kernpunkte dieses wirtschaftlichen Umbaues, und wenn dieses Kernstück in der rechten Weise Beachtung finde, werde es zum Besten des ganzen Volkes sein. (Lebhafter Beifall.)
Bäcker-Obermeister Loeber
sprach dem Redner den Dank der Versammlung aus und wünschte, dah die Darlegungen des Vortragenden überall ausnahmewilägen und aufnahmefähigen Boden in der Oefsentlichkeit finden möchten, damit für das schwer bedrängte Handwerk wieder eine bessere Zeit anbreche. Möchten namentlich die Behörden allenthalben erkennen, welche wertvollen Kräfte für unser Volkstum im Handwerk vorhanden seien, wie arbeitsbereit für das allgemeine Wohl diese Kräfte seien und wie gerne sie mit den Behörden gemeinsam an Der lieber» Windung der Rot dieser Zeit schaffen würden.
Behörden, Handwerk, alle wirtschaftlichen Korporationen und die einsichtige Bevölkerung möchten sich die Hände reichen zu gemeinsamem Schassen im Interesse des ganzen Volkes und Vaterlandes. Jedermann möge dem Handwerk Helsen, und gern werde auch das Handwerk jedem bcistehen.
In diesem Sinne möchte diese Werbekundgebung für das Handwerk zugleich auch ein Bekenntnis und eine Werbung für die wahre Dolksge -
D>c Dortragssolge ist überaus geschickt zusammengestellt: die Weintraubs sorgen für Abwechselung, llntcrbrcd/ung, Kontraste.
So spielen sie zu dritt eine entzückende „kleine Kammermusik für Flöte, Geige und Getto“, ganz ohne Jazz: eine Gavotte von Gossec.
Sehr eigenartig eine Berceuse für Posaunensolo: danach die mit einer virtuosen Technik vorgetragenen „Zigeunerklänge nach ungarischen und russischen Motiven" (Solovioline).
Was den Leuten alles einfällt: das Orchester instrumentiert das Originalthema „Sonny boy“ — „falls Sie es noch nicht kennen sollten": aber wir kennen es alle — dann wird es vom Pianisten im Stil alter Meister vierfach paraphrasiert: a la Puccini, ä la Chopin, a la Beethoven und a la Wagner mit einem schmetternden Blech-Finale: eine groteske Idee, ein musikalischer Witz ... mit verblüffender Sicherheit gesetzt und gespielt.
Weiter, weiter: ein Solo für Klarinette — jeder von den Sieben darf mit seinen besonderen Spezialitäten mal an die 'Rampe und was zum Besten geben: ein Slow-Fox mit wirbelndem Step-Solotanz: ein sehr melodiöser Tango mit leiser Gesangsbegleitung: und zum Schluß vor der Pause: ..Zehn Jahre Jazz", ein Potpourri berühmter Schlager vom „Bummelpetrus" und den „Bananen" bis zur „Elisabeth" und „Sous les toits de Paris“.
Ganz übermütig und spielerisch wirkt der Ausklang des Programms: nach einem Foxtrott mit zwei flüsternden "Baritonen und einem Tylo- phon-Arrangement hört man die witzig kostümierte Abwandlung eines englischen Original- themas als Wiener Walzer, auf orientalisch, als Tango und im Stil einer oberbayerischen Bauernkapelle. Die „Weintraubiade" endlich bringt noch einmal das Gesamtorchester und die Solokpeziali- täten höchst wirksam und lustig zur Geltung.
Die Morgenfeier war stark besucht: das Publikum war begeistert und konnte gar nicht genug bekommen. Es gab stürmischen Applaus und mehrere Zugaben. (Am Abend: Wiederholung mit neuem Programm als Fremdenvorstellung.) h th.
meinschask sein, bei der einer dem anderen förderlich werde.
„Ehre deutsches Volk und hüte treulich deinen Handwerksstand. Als das deutsche Handwerk blühte, blühte auch das deutsche Land.'"
Der Redner wünschte, daß diese Worte immer eine bleibende Stätte in Deutschland haben möchten. er gedachte des Vaterlandes und des Reichspräsidenten. Ehrenmeisters des deutschen Handwerks, Exzellenz v o n H i n d e n b u r g. mit herzlichen Worten und brachte auf das deutsche Vaterland und Vater Hindenburg begeistert aufgenommene Hochrufe aus.
Mit dem anschließenden gemeinsamen Gesang des ersten Verses der Rationalhymne schloß die gehaltvolle Kundgebung.
Zubilöums-pferdemarkt und Werbetage in Gießen.
Die Werbetage, die aus Anlaß des Iubiläurns- Pferdemarktes und der anderen Märkte von morgen, Dienstag, bis einschließlich Donnerstag dieser Woche in Gießen statt finden, werden im Hinblick auf das Gebotene und die in diesen Tagen in den meisten Geschäften gewährten Vergünstigungen viele Einwohner der näheren und weiteren Umgebung veranlassen, Gießen aufzusuchen. Gießen besitzt neben Berlin den größten deutschen Rinder-
N u tz v i e h nt a r k t. Am Dienstagvormittag ist Gelegenheit gegeben, einen solchen Markt und den Austrieb von etwa 12<>0 bis 1500 Stück Großvieh aii besichtigen. Sowohl dieser Markt, wie der am Mittwoch staltsindende Jubiläums-Pferde- markt und der gegen 12.30 Uhr beginnende Umzug durch die Stadt mit Reitern, Wagen und den für die Verlosung angetauften Pferden werden zeigen, daß trotz des Autos auch heute noch das für die Landwirtschaft unentbehrliche gute Pferd und Diehmaterial in genügender Menge vorhanden ist und sich zu behaupten weiß. Gleichzeitig mit dem Pferdemarkt ist auf dem Oswaldsgarten K r ä - mermarft. Am Donnerstag, dem letzten der Werbetage, findet im Stadthause Bergstraße ab 14 Uhr die Ziehung der P f c r ö e in a r f 11 o 11 c • r i c statt. Die Ziehung ist öffentlich, so daß sich jedermann dort einfinden, die Ziehung verfolgen und seststellen kann, ob ihm das Glück in Gestalt des Hauptgewinnes zugefallen ist.
Im S t a d 11 h e a t e r wird am Dienstag um , 19.30 Uhr zu gewöhnlichen Preisen „Nachtasyl", am Mittwoch zur gleichen Zeit „Lady Windenneres Facher" gegeben. Die Lichtspielhäuser geben an allen Tagen um 16, 18 und 20.30 Uhr Vorstellungen mit besonderen Programmen. In den G a ft |t ä 11 c n wird neben bester Verpflegung Unterhaltung der verschiedensten Art gegeben sein.
Ein Besuch der Stadt Gießen in diesen Tagen dürste sich sehr empfehlen. Wir verweisen auf die Anzeige vom Samstag.
Industrie- und Handelskammer Gießen.
Heber die jüngste SitzungderIndustrie- und Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach wird uns folgendes berichtet:
Herr Rinn eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache. „Cs ist verständlich, daß es mir bei dieser ersten Handelskammersihung, die ich leite, ein Bedürfnis ist, unserem verehrten Herrn E h - rcnpräsidcntcn, meinem Vorgänger, den Dank und die Anerkennung für das auszusprechen, was er in langen Jahren sür die Kammer geleistet hat. Ich brauche mich hierbei nicht in Einzelheiten zu verlieren, denn seine verdienstvolle Tätigkeit ist bereits bei der Abschiedsfeier gewürdigt worden. Besonderen Dank schuldet die Kammer dem Herrn Ehrenpräsidenten für das ihr geschenkte bleibende Andenken, eine Standuhr, welche die Widmung trägt: „Der Industrie- und Handelskammer Gießen in dankbarer Erinnerung Heinrich Schirme r." Mit diesen wenigen schlichten Worten ist alles gesagt. Ferner möchte ich noch einer Donlespflicht nachkommen, und zwar - dem Herrn Kommerzienrat R a m s p e ck gegenüber, dem es seinerzeit gelungen ist, die Abschieds- feier für den scheidenden Herrn Vorsitzenden so an- zubahnen, daß es eine so schöne und erhebende Feier wurde, wie sie die Kammer wohl noch nicht erlebt hat. Herr Kommerzienrat Ramspeckhat damals die richtigen Worte für unseren verehrten Herrn Ehrenpräsidenten gefunden: ihm sei nochmals herzlich dafür gedankt. Auch für die Kammer ist der harmonische Verlauf dieser Feier eine Auszeichnung gewesen, denn ein Gremium, das verdiente Männer ehrt, ehrt sich selbst. — Run- mehr mutz ich als Mitglied — nicht als Vorsitzender noch etwas nachholen, das in der ersten Iahressihung unterblieben ist. Ich spreche dem früheren Vorstand den Dank der Kammer für die im abgelaufenen Jahr geleistete Arbeit aus.
Der Ehrenpräsident, Herr Kommerzienrat Schirmer, dankt dem Vorsitzenden für seine ehrenden Worte. Die Kammer sei ihm für seine Stiftung keinen Dank schuldig. Beim Scheiden nach 31jähriger Zugehörigkeit sei es ihm ein Bedürfnis gewesen, der Kammer ein bleibendes Andenken zu geben. Er freue sich, dah seine Auswahl Beifall gefunden habe, und hoffe, dah der Schlag der Ahr eine bessere Zeit einleiten möge.
Herr Kommerzienrat Ramspeck dankt ebenfalls für die ehrenden Worte und versichert, dah er lediglich seiner Pflicht genügt habe. —
Die Versammlung hört dann einen Bericht des Herrn Horn über den
Entwurf eines Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb
an. Der Gesetzentwurf kann in der vorliegenden Fassung nicht als eine gciqnctc Grundlage zu wirksamer Behebung der auf dem Gebiete des Ausverkaufswesens bestehenden Mißstände angesehen werden. Um wenigstens den schlimmsten Auswirkungen begegnen zu können, werden von den hessischen Kammern die Einführung der Genehmigungspflicht, die Erstreckung der Warenverzeichnisse auf die Angabe der Preise, das Recht der Beschlagnahme der vor- oder nachgeschobenen Waren und das Verbot der Fortsetzung des Ausverkaufs, schärfere Bestrafung bei Verstößen gegen die Vorschriften über Ausverkäufe und Einrichtung von Einigungsämtern auf gesetzlicher Grundlage als Forderungen aufgestellt.
Herr Bankdirektor Grietzbauer verbreitet sich in längeren Ausführungen über die seit geraumer Zeit in Regierungskreisen ernstlich erwogene Schaffung eines gehobenen Standes von
Wirtschaftssachverständigen,
welchen die Vornahme der gesetzlich vorgcschrie- benen Pflichtrevisiocnn zugedacht ist. Don den amtlichen Berussvertretungen der Wirtschaft ist hierzu die grundlegende Forderung aufgestellt worden, daß ihnen bei der Prüfung, Anstellung und Beeidigung solcher Berater der 'Wirtschaft ein entscheidendes Mitwirkungsrecht cingeräumt wird.
Der Leiter der Steuerberatungsstelle der Kammer, Herr Steuersyndikus Will, erstattet ein Reserat über die mit Wirkung vom 1. Januar 1931 vorzunehmende
Reufeststellung der Einheitswecte.
Da- die Beobachtung und Erfahrung gelehrt hat, daß die Zugrundelegung des Wehrbeitragswertes den wirklichen Ertrags- und Wirtschaftsverhältnissen nicht mehr entspricht, und in den einzelnen Gebietsteilen des Reichs zu außer- ordenttich ungleichen Bewertungsergebnissen geführt hat, ist eine Anpassung der Grundstücksbewertung an die tatsächliche Entwicklung zur unbedingten Rotwendigkeit geworden. Als geeignetem Wertmesser sollte an dem Wehrbeitragswert als Grundlage festgehalten werden: dieser Wehrbeitragswcrt ist jedoch in dem Sinne zu berichtigen, dah eine weitgehende individuelle Behandlung der Grundstücke eines bestimmten Bewertungsbezirks ermöglicht wird. Dies könne dadurch geschehen, daß man den Wehrbeitragswert berichtigt und von diesem Wert einen
Morgenkantate der Sperlinge.
Von Peter Bauer.
Keine Witterung kann diesen ewigen Vagabunden, die treu und dreist um Haus und Hof, ir? Garten und Straße herumlungern, die gute Laune verderben. Den ganzen Tag steht ihnen der Schnabel nicht stilt und immer sind sie auf den Beinen. Rudelweise sitzen sie im Baumgeäst, in einer Dachtraufe, auf einem Zaunstück oder sie hüpfen in leichten, hurtigen Sähen, wobei die Beine wie zwei winzige Stelzen steif und reglos bleiben, am Boden hin, kleinen aufprallenden Oummibällcn, die drollig weiterspringen, nicht unähnlich.
ilebcratt sind sie, wo es etwas zu picken gibt. Aus allen Winkeln des Gartens kommen sie, wenn ein paar Brosamen in den Hof fallen. Zunächst pirscht sich ein einzelner Sperling heran, wohl der Aufpasser und Führer des Reviers. Mit vielen Kopfverrenkungen äugt und lauscht er nach jedem Sprung vorwärts. Dabei vergißt er nicht, die aufgeregte Bande hinter sich mit energischem „Zwillich! — Zwillich!" wiederholt vor Ueberstürzungen zu warnen und sie zum Abwarten zu mahnen. SXaum berührt er jedoch den Boden, sind schon drei, vier weitere Sperlinge neben ihm. Bleiben diese ungestört, ist im Ru das ganze Rudel da. Wild und blindlings stürzen sie, wie geworfen, h<rbei. Wehe, wenn einer sich erdreistet, mit dem dicksten Brocken im Schnabel zu verschwinden. Wütend verfolgen fie den Verwegenen mit einem schritten Schreichor, jagen ihn von Baum zu Baum, hinab und hinauf, beschimpfen, zausen und pussen ihn, bis der Bissen irgendwo zu Boden gefallen ist. und sie zuguterletzt doch noch unverrichteter Sache abziehen müssen. Das Zanken und Streiten gehört nun einmal zu ihrem Wesen wie ihr Wagemut und ihre Frechheit.
Am einigsten sind sie in den ersten Morgenstunden. Wenn der Tag aus der Dunkelheit auf- steigt wie eine Insel aus verebbender Flut. Da sammeln sie sich lichttrunken auf einem Baurn und schilpen wild und begeistert eine Jubelkantate. Sie hat in ihrer Eintönigkeit Aehnlichkeit mit einem Grillenchor in Sommernächten. Aber die
Sperlinge schrillen viel gleichmäßiger. Takt und Rhythmus, die viel hitziger und drängender find, scheinen jedem eingeboren zu fein. Der erste Lichtstrahl macht die Sperlinge zu Besessenen, peitscht sie in einen wilden Schreitaumel, dessen Heftigkeit und Hingerissenheit sich bis zur Atemlosigkeit steigert. Wenn sie erschöpft abbrechen, machen sie eine kurze Pause, um dann von neuem zu beginnen. Ein paar Vorsänger stimmen dis Weise an, langsam und tonsicher. Der einfallende Chor behält zunächst das Tempo bei, nimmt aber bald an Lautstärke und Schnelligkeit zu. Wenn die Sonne endlich da ist und Garten und Hof mit einem sanften Glanz überschüttet, beenden die Sperlinge ihre letzte hitzige Strophe in einem rasenden Endspurt geschrillter Schreie und lösen sich in kleineren Gruppen auf.
Manchmal bleibt ein Schwarm sitzen und läßt sich eine Rede halten. Vielleicht übernimmt der Führer das Kommando und gibt in einer Ansprache die Tagespläne bekannt. Sein nachdrückliches Zwillichen wird oft von dem stürmischen Geschilp der Masse unterbrochen. Cs scheinen Beifallsbezeugungen zu sein.
Liegt ein bißchen Sonne auf dem frischbekiesten Bürgersteig, dann ist fie den Sperlingen zum Baden und Paddeln ebenso lieb wie eine Regen- Pfütze. Mit aufgepulstertcn Federn kugeln sie sich hinein und räkeln und recken sich in dem kaum angetoärmten Sand, als ob es Hochsommer wäre und die Erde glühte. Je weiter der Mittag vorrückt, um so müder scheint ihnen der Schnabel zu werden. Vereinzeltes Rusen und Warnen ist immer noch hörbar, aber kein Massenchor mehr, wie im Morgen, der Freude und Aeberschwang war. Sie spüren das Räherrücken der Abschiedsstunde des Lichts im Blut und werden schweigsam und schwermütig.
Schließlich — in der Dämmerung — huschen sie nur noch wie lautlose Schatten dahin und dorthin, einen Unterschlupf suchend vor dem drohenden Dunkel der Rächt. Diele haben sich die Schwalbennester unter den Dachtraufen angeeignet und träumen wohl schon von Liebe, Hochzeit und Familienglück.
Das wird ihrem Morgengesang neue Stimmen zuführen. Aber bis dahin psalmodieren die Amseln und lenken die Aufmerksamkeit ab von der schlichten Kantate der Sperlinge...


