Ausgabe 
22.8.1931
 
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Oie Augen nach Amerika!

Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin.

Außenpolitische Llmschau.

Kann durch den Hooverplan und das, was dar­aus zwangsläufig folgt, eine weitgreifende Ver­änderung der intern ationalenMacht- Verteilung durchgeführt werden gegen den französischen Willen in der Finanz- und der Abrüstungsfrage? Man muß sich darüber klar sein, sowohl m bezug auf das, was praktisch bis zum 2lblauf des Hoover-Feierjahres in der Lributfrage von uns zu tun ist, wie auch in bezug auf den Aufmarsch zur Abrüstungs- konferenz im nächsten Februar. Es liegt auf der Hand, daß die offensichtliche Annäherung Englands und Italiens an Deutsch­land unter diesem Gesichtspunkt betrachtet wer­den muß. Jedermann wird sie begrüßen, und deshalb waren die Ministerbesuche, die einander so rasch folgten, werwoll, wenn sie auch ein un­mittelbar praktisches Ergebnis nicht haben konnten.

Die Linien der gemeinsamen Arbeit sind ja deutlich InderAbrüstungsfrage scheinen sie (wir betonen das Wort scheinen) zwischen Deutschland einerseits und England und Italien anderseits, namentlich zwischen Deutschland und England, ganz parallel zu laufen, älnd wirtschaft­lich finanziell hat sich die Lage Englands, des Siegerstaates im weitesten Sinne, der Deutsch­lands, des besiegten Weltrivalen Englands, so angeglichen, daß wirklich die Formel nicht un­begründet erscheint, die angeblich Henderson in Paris entschlüpft ist: ein allgemeines Moratorium Deutschlands zieht das gleiche in England nach sich mit unabsehbaren Wirkungen auf die Welt. Das ist alles unbestreitbar, älnd doch soll man sich hüten, daraus nun so weitgehende Schlüsse zu ziehen, als wenn Deutschland in England und tn Italien direkt Bundesgenossen sehen könnte, zu einer gemeinsamen Front, mit der Frankreich irgendwie rechnen mühte.

Italien ist nach seiner militärischen, wirt­schaftlichen und finanziellen Lage, ebenso aus bekannten geographischen Gründen noch auf lange Zeit hinaus darauf angewiesen, in England einen Bundesgenossen zu haben. Ohne diesen vermag es ist nicht anders Italien einen wirklich großen Schritt vorwärts für seine außenpolitischen Ziele nicht zu machen. Selbst wenn wir also einmal davon absehen, daß zwischen Deutschland und Italien immerhin noch einige Gegensätze sind, daß zudem die Einstellung der beiden Länder zu Reparationen, Abrüstung und Dertragsrevisivn ganz und gar nicht identisch ist, für Deutschland ist Italien nur insoweit ein Bundesgenosse, als es von englischer Sun* desgenossenschaft gestützt würde, wie in den Jahrzehnten vor dem Kriege. Diese Bundes- aenossenschaft war gar nicht oder kaum in einem Vertrage niedergelcgt werden. Sie ergab sich natürlich, zwangsläufig aus der Lage im Mittelmeer, und es war ein Grundfehler der deutschen Dorkriegspolitik, wenn sie je glauben konnte, Italien würde in einem Kriege zwischen Deutschland und England auf unserer Seite stehen.

England aber Bundesgenosse? Wie stark ist doch die potentielle Schwäche des britischen Reiches heute! Dom Reich im ganzen hat Groß­britannien nichts als Sorgen, in Indien und wo sonst. Die Selbstverwaltungskolonien gehen in der Wirtschaftskrise rücksichtslos ihre eigenen Wege. Wir werden abwarten müssen, ob sie im .Abrüstungskampf immer in gleicher Front mit dem Mutterland stehen. In diesem aber: Arbeits- losigkeit, Rückständigkeit der Industrie und nun diese Finanzschwierigkeiten, die Goldabzüge, die 7 der englischen Weltftnanzorganisation zu schmerz­lich ihre Achillesferse zeigten, die ihr vor Augen führten, wie groß man auch auf diesem Gebiete

hat Frankreich werden lassen. So können England und Italien Deutschland für das, was es jetzt in der großen Politik erreichen will, wesentlich nicht helfen, nicht weil sie es nicht wollten, son­dern eben, weil sie es nicht können.

Nächster Schritt: die Finanzlage, die ungeheuere Staatsschuld, macht England zu einem geradezu fanatischen Anhänger der Butgetbschrän- kung in der Abrüstungsfrage. Wie be­kannt, will die Arbeiterregierung unter allen Umständen einen Erfolg der Abrüstungskonfe­renz, deren Dorsihender Henderson sein wird, der kommende Mann in der Führung, wenn Mar- donalds Kraft erlahmt, ülnd wo der Erfolg ge­sucht wird oder sich bietet, das ist: zunächst die Limitierung, also die Limitierung der Rüstungen nach oben, wenigstens das Halt für die Rüstungsausgaben und dann die Her­absetzung dieser Rüstungsausgaben. So tritt Lord Robert Cecil, der so glänzend die Cigeninteressen seines Staates mit den allge­meinen Gesichtspunkten zu umhüllen versteht, auch für den 25prozcntigen Abstrich an den Rüstungs­budgets aller Länder gleichmäßig ein.

Was die deutsche Vertretung in Genf zu diesem Punkte sagte, ist und bleibt der deutsche Standpunkt, der ün ganzen zur Abrüstung bekannt ist, der die Rüstungsgleichheit und die drastische Abrüstung deranderen fordert, in der Dudgetbeschränkung schlechthin und der mechanischen Limitierung aber keine brauchbaren Mittel zur Rüstungsgleichheit sehen kann. Eng­land kann soundsoviel Prozent am Rüstungs­budget nach internationaler Abmachung und Bin­dung streichen und bleibt doch militärisch eine Weltmacht. Deutschland aber, das abgerüstet ist, kann das nicht und sieht durch eine solche Entwicklung der Abrüstungsfltoge den Weg zur Rüstungsgleichzeit vielmehr verbaut. Wozu kommt, daß die Festsetzung der Rüstungs­ausgaben, die nicht überschritten werden dürfen, wie es der Konventionsentwurf will, nicht die geringste Gewähr bietet, daß sie eingehalten wird. Ist aber das nun so mit dem englischen Stand­punkt, so ist die Gefahr groß, daß England bei der Abrüstungskonferenz Frankreich gegenüber zur Nachgiebigkeit geneigt sein wirdl

Amerika wiederum hat in Genf der Dudget- beschränkung für die anderen zugestimmt, für sich aber jede Beschränkung seines Ausgaben­rechtes für Militärrüstungen abgelehnt. Da­mit hat es sich schon mit einem Fuß aus wichtigen Auseinandersetzungen der Abrüstungskonferenz herausgestellt. Anderseits ist Frankreich zu dieser Beschränkung bereits hält aber fest an seinem Standpunkt, derinterddpendance der Rüstungsgattungen. D. h., es hat stets gefordert, daß die Abrüstung zu Land, zu Wasser und in der Luft als Einheit gesehen werden müsse. Das wieder bedeutet, daß Amerika, wenn es überhaupt Mitarbeiten will, sich nicht auf das beschränken kann, woran ihm liegt: nämlich die maritime Abrüstung, während die Fragen der Land- und Luftrüstung von ihm beiseite ge­schoben werden könnten.

Daraus nun wieder ergibt sich die Frage, wie England und Amerika sich zur deutschen Forderung der Rüstungsgleichheit stellen, des Rüstungsausgleiches, der natürlich in irgendeiner Form eine größere Bewegungs­freiheit für die deutsche Rüstung in sich schließen müßte. Das lehnt Frankreich, wie es zuletzt noch in seiner Rote vom 15. Juli mit nicht zu überbietender Schärfe ausgesprochen hat, rund­weg ab. Rach ihm ist der erzwungene Rüstungs­stand der Besiegten überhaupt die Grund­lage, die unabänderliche Voraussetzung und Plattform, von der aus erst darüber geredet

werden könne, ob eine Abrüstung der anderen gewissermaßen in einer Etage darüber möglich sei. Aber wie die Dinge heute liegen, ist uns zweifelhaft, ob Deutschland in seiner These auf Rüstungsgleichheit und in der Richtung auf größere Freiheit, auf der Konferenz von England und Amerika unterstützt werden würde.

Man muß sich diese Lage völlig klar machen, um Schwierigkeiten zu erkennen, die erst hervor­treten, wenn man das Licht scharf auf die Cinzel- probleme fallen läßt. Was über alles Gesagte hinaus aber bleibt, ist zunächst einmal: inter­nationales Schuldenproblem und Abrüstungsfragen hängen trotz allem mit- einander in der Wurzel zusammen. Amerika ist für beide Fragen in der Schlüsselstellung, wenn es beide zugleich zusammenfaht und anfaßt. Das hat Hoover eingesehen, in der Richtung geht er. Dann ist aber klar, daß im letzten, und vor der eigentlichen Entscheidung Amerika der Stärkere ist und sein muß, stärker auch als ein Frankreich, das heute militärisch, politisch und finanziell, wie es scheint, nicht zu irgend etwas gezwungen werden kann.

Weiter: mit diesem Zusammenhang, der für Amerika auch sachlich notwendig ist, hat Hoover sein persönliches Schicksal als Politiker verbunden. Er will ihn vorwärts bringen, weil er sonst schon in der Aufstellung zur Präsident­schaf t s w a h l durchfällt. Diese Aufstellung fin­det im Juni etwa des nächsten Jahres statt. Dis dahin würden Monate der Abrüstungsverhand­lung in Genf vergangen sein, damit natürlich Pannen, Stoße und Krisen, wie sie bei einer solchen Konferenz immer sind, sich abgespielt haben und immer abspielen. Dis dahin muß die Rotwendigkeit dieses ganzen Zusammenhanges dem amerikanischen Publikum einleuchten, sonst kann man ihm nicht den Kandidaten für dieses Problem anbieten. Dann müssen also gewisse greifbare Fortschritte schon erkennbar sein.

Diese werden sich, wie wir hossen, auf dem Wege der Finanzvorbereitung zur Umgestal­tung des Voungplans vollziehen. Denn mit dem Feierjahr hat Hoover nicht nur Amerika aufs stärkste auch mit dem Tributproblem ver­bunden, sondern auch sich selber, so sehr er heute noch Distanz davon nimmt, an deren Mög­lichkeit er schwerlich selber noch glaubt. So wird im wesentlichen für Deusschland seine politische Arbeit zwischen heute und der Mitte des nächsten Jahres auf die Vereinigten Staaten gerichtet sein müssen. Alles, was für die Zusam­menarbeit für England und Italien nötig ist, muh getan werden, ist erfreulich und werwoll. Aber entscheidend helfen und vorwärtsbringen wird es nicht!

Oberheffen.

Siadirais-Sihung in Butzbach.

pb Butzbach, 21. Aug. In der gestrigen Sitzung berichtete zunächst Bürgermeister Dr. Jansen eingehend über das Ergebnis der Ver­handlungen mit der Hessischen Regierung wegen evtl. Aufteilung des hiesigen Finanz­amts, die nach einer Mitteilung des Landes­finanzamts Darmstadt vom 1. Juli geplant sein soll. Er nahm ensschieden Stellung gegen einen in derButzbacher Zeitung" enthaltenen Artikel des Landtagsabgeordneten Dr. Leuchtgens, wonach eine Kommission der Stadt Butzbach nicht nur gegen die Verlegung des hiesigen Finanz­amts nach Friedberg bei der Hessischen Reaierung vorstellig geworden sei, sondern umgekehrt die Verlegung des Friedberger Finanzamts nach Butzbach beantragt hätte. Der Stadtrat faßte den Beschluß, daß er gegen die erwogene^ Aufteilung des hiesigen Finanzamts allergrößte Be­denken erhebe. Infolge der großen Entfer­nungen der jetzt zum Bezirk Butzbach zählenden 26 Landgemeinden von Gießen, oder Friedberg würde die Verwirklichung des Planes für die

betroffene Landbevölkerung eine nicht unerheb­liche Delaswng und Verschlechterung bedeuten Die gesamte Butzbacher Geschäftswelt, die durch den letztjährigen Rückgang der heimischen In­dustrie schon sehr empfindlich getroffen wurde, erblickt in einer solchen Maßnahme in der heuti­gen Rotzeit eine weitere empfindliche Schädigung. Der Stadwat bittet darum, daß künfttg bei der­artig für die Bevölkerung bedeutsamen Erwä­gungen die Stadt vorher gehört wird.

Weiter beschließt der Stadtrat, das Anwesen in der Taunusstrahe 60, das von dem früheren Stadtbaumeister Scherrer bewohnt wurde,zum Preise von 15 000 Mk. an F. K. Rühl in Köln

zu verkaufen.

Sodann wurde der Beschluß gefaßt, während der Erntezeit die Schließung der Feld- gemarkung von Eintritt der Dunkelheit ab, anzordnen.

Don der Rowerordnung des Reichspräsidenten vom 20. Juli, wonach ab 1. August für rück­ständige Steuern für jeden angefangenen halben Monat ein Zuschlag von 5 v. H, zu entrichten ist. wird Kennwis genommen. Weiter wurde be­schlossen, eine weitere Befreiung der Woh­nungsneubauten von der Grund­steuer über fünf Jahre hinaus ivt ch t eintreten zu lassen. Frau S. Sellheim hak"lhr Ehren­amt al8 Mitglied der Wohlfahrtsdeputation aus Gesundheitsrücksichten niedergelegt. An deren Stesse wurde Beigeordneter P l o ch als Mitglied der Deputation gewählt.

Der Entwurf einer Polizeiverordnung überden Fahrzeugverkehrin der Ge­markung Butzbach wird zur KennwiSnahme mitgeteilt, der Stadtrat wünscht, daß die Kaser- nensttahe nicht als Einbahnstraße erklärt, sondern freigelassen wird. Die Kosten der Kanal- und Wasserleitung für die im Lustgarten zu erbauen­den Schupowohnungen betragen 7200 Mk., sowie für die behelfsmäßig zunächst herzurichtende Zu- ganasstraße 1500 Mk. Diese wurden bewilligt. Bei dem Elektrizitätswerk ist ein Koch- und Heiztarif eingeführt, bei dem die Kilowattstunde auf 12 Pf. berechnet wird. Bisher wurde eine jährliche Mindestabnahme von 500 Kilowattstun­den verlangt. Diese soll nun ab 1. September aus 300 Kilowattstunden ermäßigt werden. Für das Elektrizitätswerk wird die Beschaffung von zwei älebers pannungsschuhvorrichtungen zum Preise von 2000 Mk. bewilligt. Der für Wohl­fahrtserwerbslose vorgesehene, vorläufig unge­deckte Bettag von 100 000 Mk. wird nach dem derzeitigen und im Winter zu erwartenden Stand der Wohlfahrtserwerbslosen nicht in voller Höhe nötig sein, es ist aber mit einem Bettag von 50 000 bis 60 000 Mk. zu rechnen, für den noch Deckung aufzubringen ist. Der Minister des Innern hat die Einstellung dieses Fehlbetrages beanstandet und verfügt, daß da Stadt nach ihrer Finanzlage auf Erhebung eines lOOprozenttgen Zuschlags zur Gemeinde-Bier- und Bürgersteuer angewiesen sein dürste, der Stadttat umgehend über die Erhebung von Zuschlägen beschließen mühte. Der Stadttat lehnte jedoch die Erhöhung der Bier- als auch der Dürgersteuer einstim­mig ab.

Landkreis Gießen.

£ Wi eseck, 21. Aug. Der Gerneinde- r a t beschloß in seiner gestrigen Sitzung auf Grund des Gesetzes vom März 1930 die Einfüh­rung der Besteuerung für Wanderla- g e r. Die Sätze sind im Gesetz vorgeschrieben und betragen für Wieseck bis 7 Tage Aufenthalt 240 Mark. Auch wurde der Ermäßigung der erhöhten Sondergebäudesteuer zu- gastimmt. Um die Auszahlung der Gelder an die Wohlfahrtserwerbslosen sicher zu stellen, soll das Wassergeld durch Gemeindebedienstete erho­ben werden. Ein Antrag von Gemeinderat Erb, Erwerbslosen usw. mit einem Jahreseinkommen unter 1000 Mk. von der Bezahlung des Wasser- geldeS zu befreien, wurde abgelehnt, da ja be­reits in früheren Fällen bei in Rot befindlichen

Das bißchen Erde.

Vornan von Richard Stowronnek.

Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

12 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Che", sagte Lentz und Traute sich mit mög» liehst unschuldiger Miene den Kopf,da weiß ich nu nichts von. Den Herrn von Lewenitz hab ich in diese ganze Zeit nur einmal gesprochen, auf 'n Pferdemarkt in Moltzahn. Er fragte noch im Vorbeigehen: ,Ra, immer noch zu Wege, alter Knackstiebel?' aber wegen eine Postkarte oder so hat er sich nicht zu erkennen gegeben. Da denk ich mir so, mit dem Wundern meint er vielleicht die neue Verfassung, wo die Regierung uns nu mit eins geben will. Da wundern wir uns näm­lich ässe darüber, denn was die alte Verfassung is, die war doch wohl noch ganz gut, nid)? ... Oder geht es uns vielleicht schlecht bei unfern gnädigen Herrschaften, haben wir nich unser reichliches Auskommen? Chewvll, sag' ich, es geht uns sogar sehr gut, aber der Hvhenrömnitzer Lehrer, wo ich neulich mit ihm drüber diskerierte, meinte mitnichten. Mehr Volksschulen mühten wir haben, damit ein Strahl von die allgemeine Bildung auch in das mecklenburgische Land fallen täte, und dazu mühten wir wohl erstne neue Verfassung kriegen. Da sagt' ich ihn aber, ah nein, Herr Kanter, das wär wohl ganz verkehrt! Bildung für den, wo Bildung gehört. Wenn aber die, wo hinterm Pflug herzugehen haben, umne Portschon klüger werden als die vorm Pflug, dann is zu End mit unserm alten Meck­lenburg! Rich?"

Malte hatte unwillkürlich lächeln müssen.

Hast recht, mit dem alten Mecklenburg wäre es dann wohl zu Ende. Aber fragt sich nur, ob das neue nicht besser wäre!"

Lentz fuhr ordentlich erschreckt in die Höhe.

Halten zu Gnaden, Herr Graf, dann wissen Sie wohl nich, wie weit daß es bei uns schon gekommen is? Bei der letzten Reichstagswahl Salben wir hier in der Suppenterrine von der Frau Verwalter, wo als Urne gedient hat, be­reits einen roten Stimmzettel gefunden! Also der Herr Verwalter war starr, der Förster Schwarz war starr, ich aber sagte zu ihnen: .Sehen Sie, meine Herren, das kömmt bloß davon, daß in den Zeitungen immer von diese vertrackte Ver­fassung die Rede is, und Gedrucktes können die Kerls lesen. Da bildet son entfamtiger Snösel sich denn ein, er dürst sich ungestraft solche Ord­nungswidrigkeiten erlauben und so!' Weil wir nu alber uns ungefähr denken konnten, wer dah die rote Stimme abgegeben hatte, nämlich der Koppelknecht Bohn, und er hat nämlich früher

mal in Rostock gearbeitet, also da lud ihn der Herr Verwalter sich zu eine politische Unter- reöung in den Schaf stall."

Ranu", fragte Malte verwundert,in den Schafstall? Wenn da ein Fremder 'reinkommt, fängt doch die ganze Gesellschaft zu blöken an, dah man vor lauter Spektakel nicht sein eigenes Wort versteht?"

Der Alte machte ein ganz ernsthaftes Gesicht, nur seine weihen Schnurrbartspitzen zuckten ver­räterisch.

Wohl, wohl, Herr Graf. Aber das hat nu wieder auch den Vorteil, dah von außen niemand hören farm, was da drinnen verhandelt wird. Zu der Unterredung hatte der Herr Verwalter sich nämlich einen handlichen Haselstock geschnit­ten, und wie er mit dem Koppelknecht Bohn wieder aus dem Schasstall "rauskam, waren sie sich einig. Da hatte der nu wohl die richtige polittsche Meinung gekriegt."

In Malles Stirn hatte sich eine unmutige Falte gegraben.

Ra, lassen wir das jetzt, darüber werde ich mit dem Verwalter Dergemann mich mal gehörig aussprechcn. Die Wirtschaft mit bem Stock in der Hand wollen wir doch gesässigst bleiben lassen! ... Aber sag mal, schon die ganze Zeit über ist's mir ausgefallen: was sind denn das für helle Flecke in der Tapete zwischen den Hirschgeweihen? Da hingen doch früher immer die alten Delfter Teller, die mein fefiger Groß­vater mitgebracht hat, als er noch am Hof von Holland Gesandter war?"

Lentz griff in den Halskragen, die Frage war ihm sehr unbequem.

Die alten Tess er? Che, da hat die Miken wohl vergessen, sie nach dem Groh rein em ach en wieder hinzuhängen. Auf ihre letzten Jahre ist sie nämlich sehr schwach von Gedächtnis gewor­den. Und Miken, sag ich immer zu sie, es is man ein GotteSglück, dah gewisse Körperlichkeiten auch bei Ihnen fest angewachsen sind wie bei andern Menschen. Sonst täten Sie die mal noch irgendwo rumlicgen lassen."

Schwindel nicht, Alter, ich seh' dir's ja an der Rase an, da ist etwas nicht in Ordnung. Also 'raus mit der Sprache, wo sind die Teller?"

Run denn" ... Lenh druckste noch ein Weil­chen herum, aber jetzt gab's fein Ausweichen mehr ...die sind in Hohenrömnitz drüben. Auf Defchl von Seiner Exzellenz dem Herrn Erb- landmarschass."

Malte stand auf, und seine von der Tropen- sonne gebräunten Wangen färbten sich um einen Schatten dunkler.

Ach nee! Und da hast du nicht die Herausgabe verweigert? Weiht du denn nicht, dah Vellahn mir gehört mit allem drum und dran, solange ich der Erbe des Majorates bin?"

Che, das weih ich wohl", sagte Lentz ver­

legen,und ich hab's dem Herrn Erblandmarschall auch mit allem schuldigen Respekt vorgestellt. Aber da kam ich bös an. Ich hätte den Schnabel zu halten und zu gehorchen, .Und die Teller werden sofort heruntergeholt, nach Hohenrömnitz geschafft. Meine Frau Gemahlin wünscht es so, basta!' Und das hatte seine Richtigkeit. Die Frau Erblandmarschall waren ja wie närrisch vor Entzücken über das alte Scherbenzeug, und da gab es keinen Widerspruch. Seine Exzellenz tun ja alles, was sie ihr nur an den Augen ab sehen können."

Erlaube mal!"

Graf Malte lieh sich wieder in den Sessel fallen und machte eine Handbewegung, als wäre es in dem Kopfe seines alten Getreuen nicht ganz r chtig.Was hast du eben gesagt? Mein Onkel Christoph täte alles, was er seiner Frau an den Augen absehen könnte? Und meine gute Tante Elfriede soll mit einemmal vor Entzücken über die alten Teller närrisch geworden sein? Die kannte sie seit ungefähr vierzig Jahren und hat niemals den Wunsch geäußert, sie zu be­sitzen?" ... . .

Lenh sah geradeaus, schnusselte nur ein wenig, als mühte er sich aufsteigender Tränen erwehren.

Wohl, wohl, Herr Graf. Wegen der seligen Frau Erblandmarschall möchten die Teller da vielleicht noch vierzig Jahre hängen. Aber sie is gestorben, kaum sechs Wochen nach Ihrer Ab­reise. Schon im Herbst, das Trauerjahr war noch nich zur Hälfte herum, haben Seine Exzel­lenz frisch geheiratet und, wie die Leute erzählen, sollen sich seine Hoffnungen ja wohl erfüllen. In Hohenrömnitz drüben wird ein Erbe erwar­tet!" So. nun war es heraus, alles auf einmal. Gesagt hatte es doch werden müssen, also war es schon besser, man machte ganze Arbeit. Malte aber schleuderte mit einer heftigen Bewegung seine Zigarre in das offene Kaminfeuer. Donner­wetter nochmal, das war ja eine unerwartete Bescherung, die ihm ganz plötzlich über den ahnungslosen Kopf gepladdert war! Wie eine Hagelwolke war es gekommen aus heiterem Him­mel, und wo sie lang gezogen war, lagen ge­knickte und zerschlagene Hoffnungen ... Es dau­erte eine ganze Weile, bis er feine Bestürzung soweit gemeistert hatte, dah er wieder ruhig sprechen konnte.

Jetzt fange ich an zu verstehen, was der- schower Lewenitz mit seiner Posttarte gemeint hat! Aber wollen uns doch nicht gleich ins Bockshorn jagen lassen. Dah mein Herr Onkel sich auf seine alten Tage lächerlich macht, kann ich ihm nicht verwehren. Aber damit seine Ehe rechtsverbindliche Folgen hat, dafür gibt es beim Hvhenrömnitzer Majorat gewisse gesetzliche Vor­schriften. Die Frau Erblandmarschall muh von altem Adel sein, sechzehn richtiggehende Ahnen haben von Vater- oder Mutterseite, sonst gilt

es nicht! Sonst kann ihr Herr Sohn einen weih­geschälten Weidenstab in die Hand nehmen und sich wo anders einen Platz suchen. Also los, was ist meine Frau Tante für eine Geborene?'

Der alte Lentz zuckte bekümmert mit den Achseln. .

Das wissen wir hier alle nich. Seine Exzellenz haben die Frau Gemahlin im Herbst vornem Jahre mitgebracht, wie sie von der italienischen Reise zurückgekommen sind. Die Trauung soll auch da unten gewesen sein, in einer Gegend, die Mailand genannt wird. Wegen dem schönen Wetter, meint der Kammerdiener Paalzow, das dort Wohl fein soll das ganze Jahr über, wie bei uns im Frühling. Und ein ganzer Hümpel Menschen is bei dieser Heirat mitgefommen nach Hohenrömnitz. Eine Schwester und ein Bruder von der Frau Gräfin, mitnem kohlschwarzen Bart bis in die Augen,ne Frau Schwieger­mutter wie eine Zitrone so gelb, und sie schlampt fast immer in Schlafrock herum. Das schlimmste aber is die Dienerschaft. Alle Mecklenburger sind mit eins entlassen worden, auch die Deerns. Dafür sind denn Kerls gekommen und Mäkens, ebenfalls aus diesem Mailand. Den Kerls mocht man nich für fünf Minuten fein Portemonnaie zum Verwahren geben, meint der Paalzow, aber Die Deems wären ganz leckrig anzusehen. Wie die Druwäppel so rund allenthalben, und wenn sie sich so durch den Park bewegen tun, könnt man's dem Herrn Erbmarschall eigentlich nich verdenken, dah er sich auch so eine Mailänderin geheiratet hat."

Malte war ungeduldig geworden.

Meint der Paalzow", wiederholte er ärger­lich.Aber diese Mauserahergesellschaft zum Beispiel dieser Zitronenvogel von Schwieger­mutter kriegt doch Briefe? Weshalb ist der alte Esel da nicht so gescheit gewesen, sich mal die Adresse zu merken?"

Lentz traute sich den weihen Kopf.

Wohl, wohl, Herr Graf, aber das wär ebenso ungefähr, als wenn man einen Kolkraben fra­gen möcht: .Wieso kannst du eigentlich nich so schön fingen wie ein Kamalienvogel?' Weshalb merkt sich der Paalzow so eine Adresse nich? Weil er in seine Jugend nich gelernt hat, Ge­schriebenes zu lesen! Vogelnester finden, das könnt er. Aber in den Wissenschaftlichkeiten war er immer man ein Schwachmatikus!"

Malte machte eine abwehrende Handbewegung, das letzte hatte er nur mit halbem Ohre gehört.

Es ist gut. Morgen früh reite ich nach Hohen- römnitz hinüber, da werde ich alles erfahren ... Mein Onkel muh mir ja Rede und Antwort stehen. Uni) jetzt lah mich 'raus. Ich muß den heißen Kopf noch ein bihchen in die kühle Racht- luft tragen."

Wohl, wohl, Herr Graf" ...

(Fortsetzung folgt!