Oie Engländer imMandatsgebietOeutsch-Ost
Aus unserem Leserkreis wird uns liebenswürdigerweise der interessante Dries eines Arztes zur Verfügung gestellt, der in einem Älifsionshospital der Bethel-Mis- sion imTanganyika-Territorium, der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, tätig ist. Der Brief zeigt deutlicher, als lange Aufsätze es tun könnten, die geschickte Cingeborenenpolitik der Engländer, die sehr deutlich zwischen Häuptlingen und Stam- mesuntertanen differenziert und dadurch die Kolonie als ganzes fest in der Hand hat. 3n dem Brief heißt es:
„Aach viermonatigem Aufenthalt in Dumbuli kann ich Dir schon eine ganze Menge berichten. — 3n den Hospitalbetrieb habe ich mich eingelebt, so sehr unterscheidet er sich nicht von dem Betrieb in Deutschland. Die ärztliche Tätigkeit füllt noch immer nicht den ganzen Tag aus, und das ist auch gut so, denn ich habe für andere Arbeiten auch noch Zeit nötig. Der Dienst in Bumbuli weicht überhaupt in vielen Dingen von dem ab, wie ich mir früher die Missionsarbeit gedacht hatte. Die großen Missionare sind auch selten. Unsere Station scheint auf den ersten Blick eine friedliche 3nsel im Getriebe der übrigen Welt, beim näheren Zusehen hat sie aber die gleichen Reibungen und Verstimmungen, die es auch in Deutschland in den Kreisen gibt, in denen man so n»he aufeinander angewiesen ist.---3m Vergleich zu der Rot, die jetzt
in der übrigen Welt herrscht, führen wir ein behagliches und friedliches Leben. Es langt sogar täglich zu einem halbstündigen Croquetspiel. Zufolge der wirtschaftlichen Lage hat sich nämlich mem Eingeborenenhospital immer noch nicht genügend gefüllt und erfordert noch nicht meine volle Kraft. 3m Gegensatz dazu war das Europäerhospital mit seinen fünf Zimmern fast ständig gefüllt, dabei der größte Teil Patientinnen mit Leiden, die zu meinem Spezialfach gehören, darunter auch vier Geburten.
Zur Zeit ist lebhafter Betrieb inälsambara: der neue Gouverneur macht seine Antrittsbesuche. 3n dieser Woche weilt er in unserer Kreisstadt L u s h o t o (Wilhelmsthal), und von dort kam er auch zu einem kurzen Besuche nach Bumbuli herüber und sah sich das Hospital und die übrige Station an. Dazu war unsere ganze schwarze Bevölkerung erschienen, der Häuptling im gestickten Feiertagskleid, unser Posaunenchor blies „Heil Dir im Siegerkranz" (God save the King). Der neue Gouverneur soll in Deutschland studiert haben und recht gut Deutsch sprechen. Hier in B. hat er nichts davon merken lassen. So war die Verständigung trotz Toussaint-Langenscheidt ziemlich mäßig. 3n diesem Zusammenhang ist es ganz interessant, sich über die ®e- fühle der Eingeborenen betr. der Herrschaft der Deutschen oder der Engländer klar zu werden. 3ch fragte gelegentlich einmal unseren Karani (Verwalter), wen er wohl am meisten liebe, Engländer oder Deutsche, darauf sagte er: „3ch liebe beide nicht. Warum soll ich sie lieben? Es sind ja nicht meine Verwandten. Es kommen immer mehr davon ins Land, und nehmen uns immer mehr Boden weg. 3ch habe gerne Lesen und Schreiben gelernt, weil ich dadurch Bücher lesen und mehr wissen kann. 3eht habe ich cs Englisch gelernt. Wenn die Deutschen dageblieben wären, hätte ich e- Deutsch gelernt, das ist ganz egal. Und ich kann nicht verstehen, daß es Leute bei uns gibt, die sagen, wir wollen lieber die Deutschen, oder, wir wollen lieber die Engländer." So denkt sicher eine große Anzahl, besonders der jüngeren Generation. Unter diesen jüngeren wird sich auch eine große Anzahl finden, die die englische Herrschaft der deutschen vorziehen. Diese Herrschaft ist ja in vielem freiheit-
Das bißchen Erde.
Vornan von Richard Gkowronnel.
Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
36 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
So sprach Frau Liselotte mit ihrem feinen Stimmchen, und der junge Graf Römnitz hörte zu. Manches war da, was ihn an eigenes Erleben erinnerte... er war ja auch ohne Liebe durchs Leben gegangen: der ihm am nächsten stand nach dem Verluste der Eltern, verfolgte ihn mit unauslöschlichem Haß... Mit zehrendem Mitgefühl sah er das zierliche kleine Persönchen an, das da drüben, von Trauer und Schmerz überwältigt, den blonden Kopf gegen die harte Leiste des Sofas lehnte. Die großen Augen geschlossen... wie ein dunkler Schimmer lagen die langen Wimpern über den zarten Wangen... Die Brust zersprengte es ihm fast vor Liebe und Mitgefühl.
Und da geschah es fast wie ein Wunder...
Eine sanfte Röte stieg ihr ins Gesicht, wie unter einem Zwange stand sie auf mit geschlossenen Augen und tastete sich um den Tisch... ging ein paar Schritte ins Zimmer, mit einem leisen Wehlaut sank sie in die Knie... Da griff er zu, um sie zu stützen, willenlos hing sie in seinem Arm. Er preßte sie an sich, bedeckte ihr Gesicht, Mund und Augen mit brennenden Küssen... Und mit einem Male kam sie wieder zum Bewußtsein, sah ihn aus zornigen Augen an. Mit der geballten kleinen Faust stieß sie ihn gegen die Brust, wehrte sich heftig in Verwirrung und Scham, nur um so fester griff er zu. Da erlahmte ihr Widerstand, und zwischen brennenden Küssen stammelte sie abgerissene Worte, halb wie ein widerwilliges Geständnis... Schon in der ersten Sekunde hätte sie's gefühlt, daß sie ihm verfallen wäre mit Leib und Seele, er aber raunte an ihrem kleinen Ohr, ihm wäre es nicht anders ergangen. Rur ein ganzes Ende früher schon. Als er sie gestern abend in seinen Armen nach Hause getragen, wäre ihm zumute gewesen, als trüge er sein Schicksal...
Danach saßen sie lange zusammen, Hand in Hand, tauschten Küsse und allerhand törichte Liebesworte. Wenn er aber einen Anlauf nahm, um ernsthaft über die Zukunft zu sprechen, über die Schritte, die nun doch notwendig wären, ihre unwürdige Fessel zu lösen, hielt sie sich lachend die Ohren zu... Womit er sich jetzt schon den Kopf beschwerte, das käme alles von selbstI... Aber ein Stelldichein wollten sie verabreden für den nächsten Tag — ob sie ihn nicht heimlich besuchen könnte in seinem Schloß? Die verginge vor Reuaier, zu sehen, wie ihr Liebster hauste... 3n Maltes Seele regten sich Bedenken, was würden wohl Lentz und die Miken dazu sagen?...
sicher als die deutsche war. AeuherNch sind die Engländer viel höflicher, wenn sie auch sehr ost das Gerechtigkeitsgefühl der Schwarzen verletzen. Die größere Vorliebe für die deutsche Herrschaft findet sich besonders unter den älteren und den wenigen ganz verständigen, die den äußeren Schein der Härte und Strenge von der trotzdem für die Schwarzen vorhandenen Liebe trennen können.
Soviel ich bis jetzt bei den Engländern habe beobachten können, hat er bei aller Höflichkeit und Freundlichkeit kein Herz für die Schwarzen. Er vergißt nie die Distanz, sie sind es ihm nicht wert, daß er sie schlägt, dafür kürzt er ihnen bei Verfehlungen ihr Gehalt. Es ist oft recht ulkig, zu hören, wie die älteren Schwarzen die früheren deutschen Beamten schildern, wenn z. B. einer erzählt: der Herr saß hinter seinem Schreibtisch, und dann funkelte er einen mit seinen Augen durch die Brille an, und dabei wackelten seine Schnurbartspitzen, und dann sagte er, wenn man etwas verbrochen hatte: 10 mit dem Kibogo (Rilpferdpeitsche). 3a, die Deutschen waren kali sana (sehr streng). Aber trotz dieser Strenge betonten sie die Distanz lange nicht so sehr wie die Engländer. Wenn der Herr seinen Arbeitern eine Tracht Prügel verabreicht hatte, so konnte es doch bald darauf wieder vorkommen, daß er im Kreise dieser Arbeiter sah, mit ihnen lachte und sich unterhielt und Unsinn trieb. Soviel vergibt der Engländer sich nie, sich mit den Schwarzen gemein zu machen. Und die Verständigeren unter ihnen empfinden das. Dafür schenken die Engländer den Häuptlingen Autos und geben ihnen für Afrika sehr hohe Gehälter. Dadurch erzielen sie eine ihnen ergebene Oberschicht, und die Abhängigkeit von dieser Ober
Oie neue hessische Gemeindeordnung.
Von Äürgermeister Or.Völflng, Alsfeld.
3m Regierungsblatt Rr. 14 vom 9. September ist die vom Hessischen Landtag in der Sitzung vom 10.3uli verabschiedete hessische Gemeindeordnung erschienen, die am 1. Oktober 19 3 1 in Kraft tritt. Die Fertigstellung dieses Gesetzes war eine der Hauptursachen, aus denen heraus der Hessische Landtag um ein 3ahr verlängert wurde, um die Reform der hessischen Der- waltungsgesetze auf diesem Gebiete noch zu erledigen.
Die hessische Gemeindeordnung vom 10. 3uli 1931 tritt an die Stelle der seitherigen Städteordnung und Landgemeindeordnung. Als wesentliche Reue- rung bringt sie die Zusammenfassung beider Gesetze in einer einheitlichen Gemeindeordnung. Schon bisher waren die überwiegende Mehrzahl der in der Städte- und Landgemeindeordnung enthaltenen Bestimmungen des Gemeinderechts nicht nur inhaltlich, sondern vielfach auch in ihrer Fassung, die gleichen. Es kommt hinzu, daß zahlreiche Landgemeinden, besonders solche in der Rähe größerer Städte, in den letzten 3ahrzehnten eine Entwicklung genommen haben, die eine wesentliche Abweichung in der Verwaltungsorganisation gegenüber den Städten nicht mehr rechtfertigt. Die langjährigen Erfahrungen in der Selbstverwaltungspraxis erlauben es, eine Reihe einengender Bestimmungen auch für die übrigen Landgemeinden fallenzulasfen, so daß gesehestechnische Bedenken gegen eine Zusammenfassung der Vorschriften her seitherigen Städte-
Lüge um Liebe
Mit dem Ärstabdruck dieses großen Romans von Anny von panhuys wird heute begonnen
in de« Lllutteierien des Gießener Anzeigers
schicht ist auch jetzt noch recht groß. Auch unsere eingeborenen Pastoren und Lehrer neigen dazu, die englische Herrschaft vorzuziehen."
Taten für Samstag, IS. September.
Sonnenaufgang 6.05 Uhr, Sonnenuntergang 18.32 Uhr. — Mondaufgang 15.55 Uhr, Monduntergang 22.12 Uhr.
1814: der preußische Rechtslehrer Karl Friedrich o. Sacigny in Berlin geboren: — 1870: Paris wird von den Deutschen eingeschlossen: — 1914: die ßü» deritzbucht wird von den Engländern besetzt: — 1925: der Afrikaforscher Georg Schweinfurth in Berlin gestorben.
Aber schließlich war er doch der Herr und reichlich erwachsen, und weshalb sollte er seine Braut nicht in seinem Hause empfangen, wenn auch unter etwas ungewöhnlichen Umständen? ... Und ob sie nicht wenigstens eine Freundin hätte, die bei dem Besuche als Anstandsdame mitkommen könnte, fragte er. Da schloß sie ihm mit einem Kusse den Mund: „O du lieber großer 3unge du, ganz allein will ich mit dir sein, und wo soll ich hier in der Geschwindigkeit eine Freundin hernehmen? Vielleicht die stolze Baronin Perkwald?"
Es gab ihm einen Stich im Herzen, als sie den Ramen aussprach, aber sie konnte ja nicht wissen, qn was sie damit rührte ... Und er tat, als überlegte er eifrig, wie sie es am besten anstellen könnten, damit sie ungesehen ins Schloß käme. Auf der Straße, die durchs Dorf führte, wäre es unmöglich, bis es ihm plötzlich einfiel, auf der andern Seite läge ja der Dee! Wenn sie mit Dunkelwerden am Ufer warten wollte, würde er mit dem Boote kommen, sie abholen. Und er beschrieb ihr genau die Stelle. Eine gewaltige Eiche stände ganz allein am Rande einer niedrigen Fichtenschonung, sie könnte gar nicht fehlgehen. Und sie brauchte sich nicht zu fürchten, denn er würde natürlich längst vor ihr am Platze sein, mit dem Boote im Uferschilf warten ...
Sie schmiegte sich zärtlich an ihn: „Mich fürchten, wenn du in meiner Rähe bist?" ... Und mit einem unsäglich liebreizenden Lächeln fügte sie hinzu: „Wie der Zufall spielt ... Richts als Ruhe habe ich für meine alten Tage hier gesucht, und jetzt erlebe ich ein romantisches Abenteuer nach dem andern" ...
„Alt?" sagte er mit trunkenen Augen und zog sie an sich, daß er das Pochen ihres Herzens spürte, „das Leben fängt jetzt erst an! Für mich bist du die 3ünaste und Schönste und Herrlichste auf der Welt! Und ich werfe alles hinter mich, nur dir gehöre ich allein. Will dir dienen als dein getreuer Knecht und Herr zugleich, dich schirmen und schützen gtgen alle Gefahr" ...
Sie erschauerte leicht in seinem Arm, an dec zum Rebenzimmer führenden Tür pochte es leise. Frau Liselotte strich eilig die verwirrten Haare zurecht, setzte sich ehrbar wieder aufs Sofa. „Herein", sagte sie mit klarer Stimme.
Die Zofe erschien auf der Schwelle.
„Gnä Frau, ick bitt' sehr um Entschuldigung, aber der Herr Doktor hat mir jesagt, er reißt mir ’n Kopf ab, wenn ick Sie nich um elf Uhr wieder zu Bett bring'" ...
Frau Liselotte lächelte.
„Diese Herren Aerzte — die reinen Tyrannen!" ... Sie sah nach einer auf dem Tische stehenden kleinen Stutzuhr, schlug erschreckt die Hände zusammen: „Aber wahrhaftig, es ist ja schon mehr als ’ne halbe Stunde drüber! Wie beim Plaudern die Zeit vergeht nun denn.
und Lanögemeindeorönung in einem einheitlichen Gesetz nicht mehr bestanden.
Die neue Gemeindeordnung ist in fünf Hauptabschnitte eingeteilt: Gemeindeverfassung, Gemeindeverwaltung, Vermögensverwaltung und Haushaltssührung, Staatsaufsicht, UebergangS- und Schlußbestimmungen. Sie hält, ungeachtet der Einschränkungen, die — bedingt durch die besonderen Verhältnisse der Rachkriegszeit — in den letzten 3ahren auf dem Gebiete der Selbstverwaltung eingetreten sind, an dem Gedanken der Selbstverwaltung fest, die noch weiter zu entwickeln und auszubauen ist, und vermeidet es deshalb auch, Rotmaßnahmen, wie sie das Gesetz zur Sicherung der Haushaltsführung der Gemein-
Herr Graf, entschuldigen Sie eine arme Patientin, wenn Sie 3hnen für heute den Stuhl vor die Tür setzt" ...
Malte errötete heftig vor Verlegenheit. Erst jetzt bemerkte er, daß er sitzen geblieben war, wie ihm später einfiel, vor Verwunderung, daß die kleine Frau so rasch von einer Stimmung in die andre fand. Wer sie sah, wie sie so ruhig mit der Dienerin sprach, hätte wohl kaum geahnt, daß sie noch vor wenigen Minuten in heißer Umarmung trunkene Liebesworte gestammelt hatte ... Er sprang auf, entschuldigte sich verwirrt, er hatte gar nicht gemerkt, wie spät es schon wäre. Sie streckte mit kokettem Lächeln die ringgeschmückte Hand über den Tisch ...
„Run, jedenfalls ein Beweis dafür, daß Sie sich nicht gelangweilt haben, Herr Graf ,.'. Auf Wiedersehen also, recht bald ... Und, Marie, nehmen Sie die Lampe, leuchten Sie dem Herrn Grafen" ...
Während Malte das zierliche Händchen an die Lippen führte, drang es wie ein Hauch an sein Ohr: „Denk an mich, Liebster, und träume von mir" ...
Wie trunken ging er hinaus, auf dem Flur griff er in die Tasche, leerte sein Portemonnaie in die ausgestreckte Hand. Und er achtete nicht darauf, daß die hübsche Zofe trotzdem ein wenig zufriedenes Gesicht machte. Als wenn sie von den Gästen ihrer Herrin noch ein andres Trinkgeld gewöhnt wäre ...
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Draußen schien der Vollmond am wolkenlosen Himmel, fast taghell lag die Dorfstraße da mit den niedrigen Häuschen zu beiden Seiten. Malte blickte nach dem Forsthause zurück, hinter dessen Fenstern eben das Licht erlosch: da schlummerte sein Glück! Wie ein Sturmwind so rasch war es gekommen, jetzt durste es wohl der Ruhe pflegen ... 3n ihm aber war es wie ein seliger Rausch, trieb ihn, irgendeine Torheit zu begehen. Laut zu schreien und zu lärmen, quer feld- ein zu Rennen ober Rad zu schlagen vor Freude ... 3eht erst hatte er die Liebe kennengelernt: alles, was vorher gewesen war, erschien ihm wie ein Trunk abgestandenen Wassers gegen brausenden Schaumwein ... Wie Feuer rann es durch seine Adern, in seinem Herzen war ein Klingen und Singen und das unsägliche Glücksgefühl durchdrang ibn von Kopf bis zu Füßen. Ordentlich leicht schritt er dahin, aller Sorgen lebig ... Ein plattköpfiger, bick- bäuchiger Kerl wimmelte ba irgendwo herum, ben schob man mit einer Handbewegung beiseite: verziehen Sie sich gefälligst, Sie bejammernswertester sämtlicher Sterblichen, Sie haben hier nichts mehr zu suchen. Wer einen ©betiteln besitzt unb hält ihn wie einen wertlosen Kiesel, braucht sich nicht zu wundern, wenn er ihn verliert ...
den vom 11. Dezember 1930 (Staatskommissar) gebracht hat, als Dauereinrichtung in das Gesetz einzubauen. Anderseits muß aber auch festgestellt werden, daß Aenderungen grundstürzender Art tm Selbstverwaltungsrecht der Gemeinoen schon um deswillen heute nicht in Frage kommen, weil die gegenwärtigen Übergangszeiten hierfür nicht geeignet erscheinen. Wenn die neue Gemeindeordnung also, im ganzen betrachtet, an dem Grundaufbau des bisherigen Rechts festhält, so bringt sie doch im einzelnen gegenüber dem bisherigen Rechtszustande zahlreiche und teilweise einschneidende Aenderungen sachlicher Art. Dabei ist auch dem Gedanken, die Rechtsangleichung in den deutschen Ländern zu fördern, Rechnung getragen worden.
3m systematischen Aufbau der Gemeindeverwaltung wurde an der seitherigen, durchaus bewähr- !cn Bürgermeister Verfassung festgehal- o’Jy der seitherigen Städteordnung vom b- ^uli l911 vorgesehenen Bestimmungen über die Möglichkeit der Einführung der Magistratsver- fasfung sind aufgehoben worden. Richt ausgenommen in die neue Gemeindeordnung sind die bisher in der Städte- und Landgemeindeordnung enthaltenen Vorschriften über das Ortsbürgerrecht, die polizeilichen Bestimmungen über die^Htrndhabung der Lokalpolizei, sowie die Bestimmungen über die Gemeindeverbände. Die seitherigen Bestimmungen über das OrtSbürger- recht bleiben daher noch in Kraft, ebenso die vorerwähnten polizeilichen Bestimmungen in der seitherigen Städte- und Landgemeindeordnung. Das Recht der Gemeindeverbände, das seither in den Artikeln 195 ff. der Landgerneinde- ordnung geregelt war, ist durch das neue hessische Zweckverbandsgesetz erseht. Was das Ortsbürgerrecht anbetrifft, so ist beabsichtigt, diese Materie den Zeitverhältnissen entsprechend neu zu regeln und habet auch die heute in Sondergesehen enthaltenen Teile dieses Rechts miteinzubeziehen. Die erwähnten polizeilichen Bestimmungen sollen demnächst In einem besonderen Polizeiverwal- tungsgeseh geregelt werden. Die Tatsache, daß also künftig bis zur Reuregelung des Ortsbürger- Wesens und der Lokalpolizei nach Erlaß dec neuen Gemeindeordnung noch Teile der seitherigen Städte- und Landgemeindeordnung in Kraft bleiben, ist ein Mangel der neuen Gemeindeordnung.
Don den allgemein interessierenden neuen Bestimmungen In der Gemeindeordnung vom 10.3uH 1931 sei die Vorschrift des Artikels 22 erwähnt, wonach durch Beschluß des Rates den Rats- Mitgliedern für die Teilnahme an den Sitzungen allgemein eine Vergütung gewährt werden kann. Wird eine solche nicht gewährt, so ist für entgangenen Arbeitsverdienst Ersah zu leisten. Die seitherige unterschiedliche amtliche Bezeichn nung der von dem Bürgermeister vertretenen Behörde, die In den Städten der »Bürgermeister (Oberbürgermeister) der Stadt ..In den Landgemeinden »Bürgermeisterei" lautete, ist einheitlich wieder In ,Bürgermeisterei" zurückgesührt worden. 3n Städten mit mindestens 20 000 Einwohnern führt der Bürgermeister, wie seither, die Amtsbezeichnung »Oberbürgermeister". Reu auf- Senommen ist die Bestimmung unter Ziffer 7 des lrtikels51, wonach der Bürgermeister die erforderlichen Angestellten und Arbeiter einzustellen und zu entlassen hat. Die seitherigen Kommissionen, Ausschüsse und Deputationen sind umgewandelt in Ratsausschüsse und Derwaltungsausschüsse. Für die Landgemeinden ist von Bedeutung die Bestimmung der neuen Artikel 73 und 74. Danach müssen 5er Gemeinderechner und die Polizei- und Feldschutzbediensteten mit Ausschluß des Hilfspersonals als Gemeindebeavite an-c- stellt werden. Der Artikel97 Absatz II enthält ev e Reuerung für das Rechnungswesen der Stadt: mit mindestens 30 000 Einwohnern. Dort ist die Entwickelung praktisch dahin gegangen, die Buchführung und die Kreditkontrolle, sowie auch die Rechnungslegung von den eigentlichen Kassen-
Auf der Hellen Straße kam ihm ein Männlein entgegen, bas anscheinend beim abendlichen Trünke schwer geladen hatte. 3m Zickzack ging es, von einer Seite zur andern. Er sah schärfer hin, es war der alte Leibkutscher Fuhbel. Lachend hielt er ihn an.
„Ra, Fuhbel, du scheinst ja 'nen Lütten gehoben zu haben?"
Der Kleine blieb erschrocken stehen, rlh die Mühe vom Kopfe und nahm sich zusammen.
„Ach du mein lieber Gott, der Herr Gras! Und entschuldigen Sie man vielmals, Herr Graf, es wird nich wieder Vorkommen" ...
„Unsinn", sagte er lachend, „weshalb soll man nicht mal über die Stränge schlagen? Wo hast du dir den Affen geholt?"
„3n Hohenrömnih, Herr Graf. Da Ist efl abends z u gemütlich im Zuterreng mang diese 3talieners! Die Kerls spielen auf ein Instrument, wo sie Mandoline zu sagen, wie ’ne Fiedel is es, nur ein büschen dicker, unb sie spielen mit bie Hanb, die Deems aber kloppen auf so ’ne lütte Trommel mit Schellen dran und drehn sich, daß man die drallen Waden sieht. Z u appetitlich is das!"
Malte drohte ihm mit dem Finger.
„Fuhbel. Fuhbel!" Und was sagt deine Alts dazu?"
Der Kleine spuckte in die Hand und machte eine nicht mißzuverstehende Handbewegung.
„Gar nichts sagt sie, ich krieg bloß meine gewöhnliche Portschon Schacht. Weil sie nämlich stärker is wie ich. Aber es nutzt nichts. Wenn ich ’n Abend frei hab', lauf' ich doch wieder hin" ...
„Unverbesserlicher alter Sünder", lachte Malte und wollte weitergehen. Der Kleine aber machte ein Gesicht, als wenn er noch etwas aus dem Herzen hätte. Da blieb er stehen: „Ra, was noch weiter, Fuhbel?"
„Zu Befehl, denn noch weiter ... also heute war das Vergnügen man kurz im Zuterreng. Es hat nämlich im Schloß gebrannt" ...
Malte schreckte zusammen: „Gebrannt?" Der Alte aber hob beruhigend die Hand.
„Es war man bloß ein lüttes Feuer, weil Exzellenz die Lampe umgestohen hatte im Schreibzimmer oder so. Der Herr Schwager kam in den Zuterreng gelaufen, sagte was auf italienisch, und da haben wir es mit ’nem paar Dutzend Eimer Wasser ausgelöscht, ganz still. Daß nämlich die Frau Erblandmarschall nicht beunruhigt werden sollte und wegen dem Kleinen keinen Schaden nich kriegen. Es is auch nich viel passiert ... bloß der Teppich verbrannt und auf dem Schreibtisch ’n Hümpel Papiere, und eins >von die alten Bilder war angesengt. Aber der Paalzow hat gemeint, das wär weiter nich schlimm, das könnt’ man wieder zurechtmachen mit ’n o-schen Firnis und Oelfarb1" ...
(Fortsetzung folgt)


