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Nr. 2(9 Swett« via«

Racketeers!

politische Sinbrücke auf einer Weltreise. Don Dr. Paul Rohrbach.

VanAran-i-ko, ®nbe August 193L

Tie Sprache be« Amerikaner« ist in den letzten Jahren um ein merkwürdige« Wort bereichert worden: Racketeer! Racket ist ein Dallschläger, e« kann auch Lärm und dergleichen heißen, aber man würde weder von einem noch vom andern darauf kommen, baß ein Aacketeer Im heutigen Amerikanisch einen Menschen bezeichnet, der al« Häuptling oder Alitalied einer Bande, einer sog. ..gang", illegale Kon­tributionen und Erpressungen mit Androhung, ost auch mit Anwendung von Ge­waltmitteln eintreibt.

Ter bekannte Zeitung«besitzer Hearst, der auch al« Erster für eine Milliardenanleihe aut Er­nährung der Arbeitslosen im kommenden Winter eingetreten ist, ein Plan, den der (Gouverneur von Pennshlvanien, Pinchot, eben in einer großen Rede in Detroit weiter propagiert hat verlangt in seinen Blättern, man solle die Banden behan­deln al« da«, wa« sie seien: eine fremde feind­liche InvafionSarmee. 3. Trail ein angesehe­ne« Kongreßmitglied, hat dazu öffentlich die fol­gende örfiärung abgegeben:

.Gangster, Racketeer«, Bootlegger (Alkohol­schmuggler) und organisierte Plünderer rauben da« amerikanische Bolk au«. Ihre Operationen sind da« größte Geschäftsunterneh­men in den Bereinigten Staaten geworden. Sie beherrschen und kontrollieren Polizeibeamte, Par­teiorganisationen und mitunter f e l b st die Gerichte und ganze Städte. Laster, Derbrechen und angemahte Privilegien sind zum Gefchäst gemacht und haben sich für ihren Profit gegen die Wohlfahrt der Ration verbündet. Ihre Befehlshaber sind meist nichtnaturalisierte Aus­länder, die in dies Land gekommen sind, um durch Derbrechen ihren Dorteil zu suchen. Diese Meister deS Verbrechens haben Millionen von Dollars ausgehäuft, mit denen sie Beamte bestechen, Ge­richte beeinflussen und eine Armee von Banditen unterhalten, zu dem Zweck, die Frevel auSzufüh- ren, die ihnen ihre Generale besehlen!"

So ein Mitglied deS amerikanischen Kongresses in öfsentlicher Rede. Amerika ist groß, unb alle Verhältnisse sind hier mit Energie geladen: waS man in Alt-Suropa schon als Anarchie bezeichnen würde, wird hier immer noch verhältnismäßig leicht ertragen. Da« Racketeerunwesen hat aber tatsächlich Dimensionen angenommen, die in der amerikanischen Oessentlichkcit eine starke Llnruhe erregen. Die Sache nahm ihren Anfang von der Prohibition, die'geradezu ein Faktorder Demoralisierung für da« amerikanische Leben geworden ist. Wenn man von den wenig zahlreichen GewissenSprohibitionisten absieht, so ist Trinken, und zwar unmäßige« Trinken, geradezu ein selbstverständliches Zubehör der Ge- settigkelt geworden. Wer nicht reichlich Alkohol aussahren läßt, ist ein lumpiger Gastgeber. 3n den sieben Jahren, da ich Amerika nicht gesehen habe, sind die Zustände direkt skandalös geworden. Auch die Frauen trinken und betrinken sich jetzt. Am bedenklichsten ist der wüste AlkoholiSmuS unter der Jugend, bis hinunter zu den Schul­mädchen. L« gibt keine Tanzerei ohne Whisky und Gin, und cS ist gar keine Schande mehr für ein junges Mädchen, auf einem Studentenball zum Schluß betrunken auf dem Sofa zu liegen. 3ch habe Zeugnisse dasür, die mehr als beweisend sind

Mit der Besriedigung diese- AlloholbedarsS und mit einem immer verstärkteren Angebot hat daS Treiben der Gangsters und jt arte­te e r t angefangen. Die Gewinne dabei sind sabcl- 6a1t. Man hat daS Einkommen deS berüchtigten Thikagocr Häuptling« Al Tapone. der 10 Braue­reien besitzen soll, und den SchnapSkonsum einer Diermillionenstadt kontrolliert, auf zehn Millio­nen Dollars jährlich geschätzt. Andere sagen, das sei noch zu wenig. Das meiste Geld kommt aus der Belieferung der .Flüsterkneipen" (Speakea- fiefl) und RachtklubS, davon es in jeder Groß-

Rom wird Hafenstadt.

Don Dr. Gustav W Gberlein, Rom.

Mussolini hat den Befehl ausgegeben, die stunden­weit im Lande liegende und von einem zwanzig bis dleißia Meter breiten Steppengürtel umgebene Hauptstadt Zu einer modernen Hafenstadt zu machen. Die Steppe ist zu entseuchen, von der Malaria zu befreien, der Hafen an der Tibermündung zu er­richten.

Sehr interessant. Aber wo mündet der Tiber? Welcher Römer hat das schon gesehen?

Dort hinten, sagte der Schäfer, den ich fragte, wer weiß wo

(Er weidete seine Herde, wo schon einmal die Schisse aus- und einfuhren und jetzt eine Stabt aus tausendjährigem Schlafe erwacht. Der Sand hat sie eingelullt, der seine Dünensand, daß die Schafe da­hinzogen über Tempel und Thermen, über Handels- Häuser und Kneipen. Spätere Menschen, die nicht mehr berauben, sondern nur sehen wollten die Kö­nigin des Tyrrhenischen Meeres, zogen die Decke von ihr herunter und so rollen die Kippwägelchen tagaus, tage in über das Gras, über die Straße, unter die «chafe: 0 ft i a , bie säulenherrlichen Hafen­stadt, ist wieder so weit ausgegraben, daß man die steinernen Stiegen des Getreidehoses hinaufsteigen, über dengroßen Stern* bummeln und in der Bar leinen rjut an den Dronzenagel hängen kann, wie der Besucher des Jahres 31. Damals regierte Tiberius.

(Es scheinen aber wenig Menschen zu kommen, die so seltsame tragen stellen. Wo ist die libermün- Jung? Auch der Straßenwärter schüttelte den Kopf. Wie lange er denn sein Amt hier versehe, frage ich weiter. Run, so dreißig Zähre werden es schon sein, eher mehr. Und in dieser ganzen Zeit habe er nie­mals nach der Mündung des heiligen Stromes ge­sucht. die m der Luftlinie kaum fünf Kilometer ent- fernt sein könne?

Rein. Wozu auch, Herr? Das sollt« ich dort?

Die Menschen der Campagna drängt es nicht nach dem Meere, dem Urbecken des Mistens. Dom Süden herauf über die pontinifchen Sümpfe hinauf bis nach Livorno zieht sich die Küste des gelben Todes der Malaria. Warum in ihren giftiaen Atem rennen? Wozu auch? Jahrhundert über Jahrhundert steigen dort auf und versinken und verfaulen wie die irdi­schen Dinge, die der Tiber außer Landes trägt. Was gehen sie uns an?

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)Samstag, 19. September 1931

stabt unzählige gibt. 3n biefen Geheimlokalen fließen Whisky und Ehampagner in Strömen, und wollte e« ein Inhaber wagen, sich anderSwo als an der befohlenen Stelle zu Dedorgen. fo hat er die Äugel im Le be 3n Reuhork sind am 1. August fünf auf der Straße spielende Kinder durch Ge- wehrfeuer au« einem Auto verwundet worden, da­durch die Straße sauste, um ein Strasgericht an einem Derfehmten zu besorgen. Sin Kind ist ge­storben, die Verbrecher sind nicht gefaßt.

Kürzlich sollte 21 Tapone vor Gericht gestellt toerben, und die Komödie, die darau- wurde, ist Vie beste Illustration zu den scharfen Worten deS Deputierten Trail. Die Justizverwal­tung in Washington eS berichten die Zeitungen yielt eS für notwendig, etwa- für die Beru­higung der öffentlichen Meinung zu tun und ließ AI Tapone unter der Hand wissen, wenn er sich de- Prohibition-Vergehens und der Einkommen- steuerhinterziehuna schuldig bekenne, so werde er gelinde abkommen, wahrscheinlich mit einer Geldstrafe. die er lächelnd bezahlt hätte, und höchsten- noch etwa- vergnügtem Gefängnis. Zur

peinlichen Lleberraschung Ai Tapone« und des Iustizdepartementes wollte aber der amtierende Richter von diesem Pakt nicht« wissen und präpa­rierte eine scharfe Sentenz. Run zog Tapone« An­walt da« Geständnis zurück und ber Fall wurde natürlich vertagt.

Die Racketeer« haben nicht nur den Alkohol monopolisiert, um den Schlachten unter ihnen selbst geschlagen, Morde und andere blutige Stra­fen verhängt werden, fondem ihr llntocfcn dehnt sich aus jede« Gebiet au«, auf dem die organisierte Erpressung möglich ist: den Gemüse- und Milch- Handel, da« Beladen und Entladen von Eisenbahn- zügen, ja selbst die Einschmuggelung von Einwanderern hinter dem Rücken der Be­hörde. Auch dazu finden sie bestechliche Beamte, die mitmachen. Wenn die Milch um einen Cent in einem Bezirk steigt, weiß der Reuyorker Be- scheid! .Wenn eine feindliche Armee im Lande den Schaden anrichtete, wie die Racketeer«", sagt Trail, Jo würden alle Kräfte de« Staate« mobili­siert werden warum nicht gegen daS organi­sierte und .kommerzialisierte' Derbrechen?"

Keine Fortschritte in Gens.

Außenpolitische Llmschau.

Von Dr. Otto Hoehsch, o. 6. Pros, der Geschichte an der Universität Äerlin.

Am 15. September ist daS sog. Stillhalte­abkommen in London endgültig unterzeichnet worden. Der Abschluß hat aber doch längere Zeit gedauert, als man glaubte, aber er ist wenigstens eine Atempause. Richt mehr! Eine Atempause wofür? Damit wir im Innern unsere Verhältnisse, soweit irgend möglich, in Ordnung bringen und, was noch wesentlicher ist, in Ordnung halten: und: damit draußen die Vorbereitung getroffen werde für die end­gültige Regelung deS Reparation-- und Schulden­problems. Man muß fo rechnen: zwischen Ablauf deS Stillhalteabkommen- und des Hoover-Feior- IahreS liegen nur vier Monate. Am Ende des Hoover-Iahces muß eine Einigung über die deutschen Zahlungen erreicht fein, sonst werden die Gläubiger schwerlich das Stillhalteabkommen erneuern wollen. Man sieht: ein Jahr scheint eine lange Zeit, und bei solcher Betrachtung er­gibt sich, wie knapp die Fristen sind, die ge­stellt wurden.

Darüber haben soeben die Leiter der amerikanischen Bundesbanken, der Fädäral-Reserve-Banks, bei ihrer Dierteljahrs- konferenz in Washington mitHoover ausführ­lich gesprochen. Sie haben ihm einstimmig emp­fohlen, das einjährige Moratorium für Kriegs- schulden und Reparationen sofort auf drei oder fünf Jahre zu verlängern. Danach glauben diese Männer also nicht, daß eine end­gültige Regelung der Internationalen Schulden- frage bis Mitte nächsten Jahres möglich fei. Das ist auch wahrscheinlich. Aber nicht wahrscheinlich ist, daß Hoover jetzt schon das Moratorium auf drei oder fünf Jahre verlängern wird. Er hat öfter sich dahin ausgesprochen, weitere Schritte in der Dchuldenfrage nicht zu unternehmen, bevor der Kongreß das einjährige Moratorium nachträglich ratifiziert hat. Der Kongreß tritt aber erst im Dezember zusammen. Kurz daraus beginnt die Abrüstungskonferenz, ilnb soeben ist noch einmal, was niemand über­rascht, aus Amerika erklärt worden, daß die Regierung jede Erörterung über eine Revision, eine Herabsetzung der Schulden vor Beendi­gung der Abrüstungskonferenz ad­le hnt. Ohne Zweifel ist darin auch ganz Ame­rika mit seinem Präsidenten einig. Man kann danach etwa so rechnen, daß der Kongreß im Dezember das Schuldenjahr ratifiziert und daß, während die Abrüstungskonferenz läuft, über die Verlängerung des Echuldenseierjahres um ein 3ahr oder mehr gesprochen wird.

Diese ganzen Zusammenhänge muß man sich

immer vor Augen halten und woraus es unS vor allem ankommt muß die deutsche Regie­rung sich klarmachen, daß sie in einen verhält­nismäßig engen Zeitraum eingespannt sind, innerhalb dessen borbereitet und gearbeitet wer­den kann. Die deutsche Regierung kann die Reparationssrage jetzt nicht einfach eine Weile zu den Akten legen, weil die Schulden auf ein Jahr gestundet sind und die Stillhalteaktion gelungen ist. Sie muh heute schon sich dar­über klar werden, was sie dazu in den nächsten Monaten zu tun und vorzubereiten gedenkt.

Das ist der große Rahmen, in dem sich unsere Erwägungen bewegen müssen. Wie hilslos, wie ergebnislos, wie wenig nützlich dafür ist doch alles daS, was jetzt eben in Genf geredet wird. Besonder- nach Erledigung der Zollunion-frago verliert die diesmalige Völkerbund-Versammlung vollend- an Interesse. Sie ist ungewöhnlich matt. Jedermann weiß, daß sie irgendwie för­dernde Ergebnisse nicht zustande bringen wird. Um die Erledigung der ZollunionS- frage geht jetzt der Streit in Deutschland. Der Spruch deS Haager Gerichtshof- ist ein poli­tischer Spruch. Das bedarf keine- Wortes und daS bedauern wir im Interesse eines Ge­richtshofes, der bisher daS größte Ansehen der Welt sich gewonnen hat. Es sei bemerkt, daß Befürchtungen in bezug auf einePolitisierung" des Haages schon vor einem Jahre in Genf laut wurden, als die Reuwahl der Richter vollzogen wurde. Roch bevor der Spruch öffentlich er­gangen war, haben die beiden Regierungen in Genf auf den Plan vernichtet, nicht auf die Idee solcher Zusammenschlüsse überhaupt. ganz im Gegenteil wohl aber auf die im Frühjahr eingeleitete Aktion, Deutschland und Oesterreich in einer Zollunion miteinander zu verschmelzen.

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß diese Aktion in den luftleeren Raum hinein vorgenommen wurde, ohne richtige und reale Betrachtung der Lage und der im Augen­blick auf die Lage einwirkenden Faktoren. Der Gedanke an sich war und ist richtig und gut, aber er wurde zur unrechten Zeit, in einer unmöglichen Situation in Angriff genommen, und dazu mit dem Mangel an wirklicher diplomati­scher Vorbereitung, der leider so charakteristisch für die deutsche Diplomatie war und ist und wahrscheinlich leider GotteS auch bleibt. Ein Mangel, der die besten Ideen und Aktionen ge­fährdet oder kaput macht!

Unabhängig von der Aktion freilich war eS, daß im Juli der furchtbare Zusammenbruch in Wien eintrat, Oesterreichs Lage sich wirt­schaftlich so verschlechterte, daß Hilfe gesucht wer­den muhte, wo sie 06 finden war, und bah es so natürlich jede ihm gestellte Bedingung annehmen muhte. Wie unterwühlt feine ganze Situation

Näherkommen zu einem verdächtigen, nasebeleidigen- den Gerippe, man weiß nie, ob die Ueberreste tieri- schcn oder pflanzlichen Ursprungs sind. Das ist eben so, wenn der Teufel ausspuckt, sagt ein Fischerjunge und beißt einen lebendigen Krebs ab wie einen Zuckerstengel.

Gewölle des Meeres, Gekröse des Flusies die Möwen sind auch nicht wählerisch.

Man hört sie nicht keifen und schelten, wie an den nordischen Seen, der Sturmwind frißt jeden Laut. Hier ist kein Platz für ein StrandcafS, hier.^zieht's*, hier zieht's ganz abweisend. Gut, daß der Fuß tief in den Streusand einsinkt, so hat man doch mehr Halt. Der Sand bringt freilich auch in den Nacken ein, in die Augen, in die Nase, durch die Kleider hindurch und beißt. Es sind so viele feine Salz» lristalle darunter. Wenn man eine Thermosflasche aus Aluminium achtlos stehenläßt, ist sie in einer Stunde zerfressen. Den Staat kommt die Salzge­winnung billig zu stehen, er schöpft es einfach aus den natürlichen Tellern, die das Meer beim Zurück- gehen gefüllt zurückläßt. Schon die alten Römer nütz­ten diese Salinen.

Unendlich di« Einsamkeit, so muß es vor der Schöpfung ausgesehen haben. Mein Hund kauert sich zwischen meine Füße und fängt eigentümlich zu heu­len an. Es klingt urhaft. Wenn er so einen Knäuel aus Pinienfasern, wie sie zu Tausenden Herumliegen, zu Hause hätte, würde er ibn mit Freudengeheul Herumjagen. Jetzt drückt er sich in die vom Wind niedergewalzten Disteln, ohne der Stacheln zu achten. Es ist der Wind der Ewigkeit, der vom Meere hereinfegt.

Die Krebse, die Seeigel, die Tintenfische, wie sie hier springen und rollen und faulen, sie sind dort, wo der Sand versteinerte, vor hunderttausend oder Millionen Jahren mitoerfteinert. Da ist nicht der geringste Unterschied im organischen Aufbau, in Kopf und Gliedern fest zustell en. Was sind zwanzig­mal hundert Jahre für den Sand, der Ostia begrub? Damals lag es am Meere, gewiß, und jetzt liegt es eine Stunde einwärts, so emsig hat der Tiber an- gestückt. Warum soll man jetzt nicht das 20 Kilo­meter entfernte Rom wieder ans Wasser rücken? Aber das Meer ist weit und der Wind immer der­selbe ...

.. Der Hund fährt hoch, ein Flugzeug ist vorn Himmel heruntergejagt und geht in der Tibermün­dung nieder. Es kommt vomanderen Ufer*, von Afrika her. Zwei, drei Pasiagiere steigen aus, ein Autobus wartet schon, sie rollen davon.

Schiffbar ist der Tiber auch nicht. Für die kleinen Schlepper, die man ab und zu in Rom braucht, das erst in den letzten Jahren seinen natürlichen Badestrand entdeckt hat, für die paar Küstendampfer, chen und Segler haben sie einen Kanal abgezwängt, der mühsam genug ausgebaggert wird. Hier liegt Fiumicino, ein armseliges Fischernest, es steht da sogar eine große deutsche Flaschenfabrik, von der die Mär geht, sie habe sich in dem Glauben nieder- gelaßen, man könne ohne weiteres den Strandsand zu Glas einschmelzen, aber die eigentliche Mündung des Stromes bei der Isola Sacra, der heiligen Insel, die kennt niemand.

Als ich hinkam, ging es mir beinahe wie dem Manne, der einen bestimmten Punkt nicht sieht und nicht sinken kann, weil er darauf steht. Soweit das Auge reichte, nichts wie Wasser und Wellen, Stru­bel und Brandung. Weit in der Ferne ein Leucht- türm, aber das war der von Fiumicino. Möwen zur Linken, Möwen zur Rechten, doch treffen sie sich mit Vorliebe im spitzen Winkel da vorne: Ich werde also, denke ich, auf einer Art Landzunge stehen und an ihrer Spitze, wo die Seeschwörme der Vögel mit den Landschwärmen zusammenstoßen, da muß der Fluß einmünden.

Und so ist es. Oft kann man es mit den Augen unterscheiden, wo die Wellen des Meeres mit denen des Stromes sich vereinigen, denn das Meer ist blau und vorn Tiber sagen sie, er sei blond. Der biondo Tevere aber ist gewöhnlich ber Stärkere mit sol­chem Ungestüm unb in solchen Massen wirft er sein Wasser in das Urbecken, daß das Meer weit hinaus gelb gefärbt wird, als münde hier der Hoangcho ein. Zumal zur Zeit der Ueberfchwemmungen drückt er den blauen Spiegel gewalttätig auf den Grund. Man kann sich bann kaum mehr vorstellen, baß zuweilen, im Sommer, auch ber umgekehrte Fall eintritt, das Meer in den Strom einbringt unb ihn weit ins Land zurückwirft.

©ute Zeit für bie Fischer. Sie haben schon vor dem Einsetzen der großen Regenfälle ihre Netze ge­spannt, ihre Reußen gelegt. Nun wimmeln sie von Aalen und seltsamem Seegetier. Nicht alle Fang- aeräte kommen wieder ans Licht, zahlreiche werden binausgetrieben, manche sind zu Fetzen zerrissen. Denn auch bie großen Räuber, bie sonst bie flache Küste meiden, lockt die tolle Mündung mit ihren Wirbeln und Mühlen und dem ungeheuerlichen Zu­sammenprall zwischen Süß. und Salzwaffer, zwischen Brandung und Auswurf. Da liegt ein gestrandeter Schwennsch, der nur noch ein faulendes Fleisch­gebirge ist. Der vermeintliche Baumstrunk wird beim

ift. hat eben der Heimwehrputsch aller Welt gezeigt. Auch wenn der Spruch Im Haag durchaus für untere Seite günstig gefallen wäre, hätte Oesterreich verzichten müften. Was sollte Deutschland bann tun? Man kann eine Zoll­union nicht allein machen, man braucht doch zwei dazu. So haben die Vorgänge im Juli die Zoll­unton schon begraben, unb was jetzt geschah, war leiber nur eine selbstverstänbliche ZwangS- folge.

In iebem von uns bleibt ein Stachel zurück über diesen AuSgang ber Aktion Frank­reichs Dor- unb Liebermacht in Eu­ropa hat sich in ber stärksten Weise gezeigt, unb sie ist von seiner Vertretung noch überspannt worben. In Gens spürte man hanbgreisiich biese Liebermacht Frankreich» im heutigen Europa, unb wenn eS auch ganz selbstverständlich ist. daß sich dergleichen einmal überschlägt, so daß sich alle- andere bann bagegen Aufammcnfinbet für ben Augenblick, für bie Wintermonatc gilt ba« nicht! Dazu ist bie reale Macht Frankreichs $u groß, unb sink) auf ber anberen Seite die Kräfte viel zu schwach, ist bie Rot viel zu groß: in Onglanb, in Italien, überall sonst in Europa unb ganz besonberS bei uns in Deutschlanb.

Wie stark bie Gesamtanschauung Frankreich« unb Deutschlanb« in bezug auf bie großen Pro­bleme auSeinanbergehen. hat namentlich bie Rebe von Dr. CurtiuS in Genf gezeigt. Sie hat bestimmt unb klar unb mit einer In Genf ungewöhnlichen Deutlichkeit Deutschlanb« Stanb- punkt zur Wirtschaftsnot, zur internationalen Zu­sammenarbeit, sowie vor allem zur Abrüstungs­konferenz unb bamit zum Dölkerbunbe über­haupt klargelegt. Die Brianbsche Rebe, bie ihr zuvorging, war dagegen inhaltslos. Deutlich spürte man an ihr, baß bie LIHr Brianb« in ber Europapolitik abgelaufen ist, baß feine Methoben nicht mehr paffen unb bah darum alle«, wa« er sagt, hohl klingt unb im Wiberspruch steht zur französischen Politik überhaupt. Anbere Kräfte als er bestimmen heute diese Politik Frankreich«.

Andere Methoden als Brianb? Welcher Art unb welcher Möglichkeiten? Darüber wollen nun bie beutschen unb französischen Staatsmänner toben, wenn bie letzteren Ende be« Monats nach Berlin kommen. LlnS schiene auch heute noch, bah btefer Besuch besser unterbliebe. Worüber sollen im Grunb bie Herren jetzt toben, nachbem bie Sache, bie Lago selbst in ben Minister­gesprächen so oft beleuchtet worben ist? Run, ber Besuch soll also ftattfinben unb er wirb nützlich sein, wenn beibe Teile sich über baS Verhältnis zwischen Deutschlanb unb Frankreich flar sinb unb Klarheit barüber schas - f e n, ob eine Verständigung überhaupt möglich ist unb waS Deutschlanb unb Frankreich dazu beitragen können. Auf unserer Seite besteht weit­hin Llebeteinstimmung barüber, baß beutsch-sran- zösische Zusammenarbeit versucht werben muh, weil sie nach wie vor baS zentrale Pro­blem ber europäischen FtiobenSpoli- t i k ist, bah sie aber nur von Wirtschaft- i i chet Seite auS in Angriff genommen unb betrieben toerben kann. Dafür liegen Anregungen unb Iboon mancherlei Art vor. Dah bie Vor­bereitung schon für irgonbwolche toeitertragenbe Verabredungen ausreiche, halten toir für aus­geschlossen. So kann denn bei dem Besuch schließ­lich nicht viel mehr herauSkommen, als daS jetzt diskutierte Deutsch-Französische Ko­mitee. DaS ist an sich auch kein neuer Ge­danke. Reu wäre nur, daß es permanent sein soll und toas allerdings daS Wichtigste dabei wäre daß bie Regierungen, ihre leitenben Staatsmänner, darin entscheidend mitsprechen. Staat unb Wirtschaft sink) heute miteinanber so eng verbunden, daß auch für Erwägungen über wirtschaftliche Zusammenarbeit die Regierungen ausschlaggebend sind.

Daten für Sonntag, 20 September.

Sonnenaufgang 6.07 Uhr, Sonnenuntergang 18.30 23 24 "u m°nbauf0Qnfl 16.38 Uhr, Monduntergang

1898: der Dichter Theodor Fontane in Berlin ge- ftorben.

Der Flughafen fürs Mittelmeer ist schon vorhan­den, «r wird wachsen von Tag au Tag. Bald wer- den die Molen ihre steinernen Zungen in die Flut hinausstrccken, Schisse landen, bald wird der Hasen der ewigen Roma sich wieder auftun.

Der vollkommene Kuß.

Dr. TharloS Daugham 6 r a ft e r, SanitätS- infpektor von Rewark in Rew-Vorfey, hat sich nach England eingeschifft, um dort eine Kam­pagne gegen das Küssen zu eröffnen. Er bezeich­net das Küssen alS eine ungesunde Beschäftigung unb warnt vor ihr. Aber bevor et noch den Feldzug begonnen hat. findet er bei Dr. Josiah O l b f i e l b , einem englischen Arzt, energischen Widerspruch. Dr. Olbfielb fühlt sich jetzt schon gedrängt, gegen Crasters Antikuhpropaganda zu protestieren.Stellen Sie sich vor", sagt er einem Zeitungsberichterstatter,dah ein junges Mädchen mich küht, unb zwar so, dah es ein vollkommener Kuh ist. Dann findet ein Austausch von Mikroorganismen guter und gesunder Art statt. Solange es ein vollkommener Kuh ist. ist das Küssen eine natürliche Sache, und dafür bin ich entschieden." Was ist ein vollkommener Kuh? Darunter versteht Dr. Oldfield einen sol­chen,der Liebe, Achtung und Leidenschaft ent­hält". Wenn eine dieser Ingredienzien fehlt, dann freilich ist nach Dr. Oldfields Meinung der Kuh nicht das, was er sein soll, und vielleicht ge­fährlich. Dr. Craster scheint aber doch nicht so unrecht zu haben. Der Kuh, den sich Mister Fitz- aeralb und Frau Trehler bei Stuckton in Kali­fornien gaben, war sicherlich ein vollkommener Kuh nach dem Rezept Dr. Oldfields, er hatte indessen Llnheil zur Folge. Er wurde jebenfall« im unrichtigen Moment gegeben. Fitzgerald sah in einem Automobil neben Frau Trehler. Eie lenkte den Wagen. Plötzlich wandte sich Fitzgerald an seine Rachbarin mit den Worten:Punky, gib mir einen Kuh!" Punky lieh sich das nicht zweimal sagen und kühte Fitzgerald auf voll­kommene Weise. Aber das Auto war anscheinend mit diesem Vorsprung nicht einverstanden, eS be­gann im selben Augenblick Kapriolen zu schlagen und sprang vom Fahrdamm auf den Fuhsteig. Ein Mann, der nicht rasch genug auswich, wurde niodergestoßen und erlitt erhebliche Verletzungen. Hoffentlich ist der Vorfall den beiden Küssen­den nicht ganz entgangen.