Kreuzweg der Liebe.
Roman von Paul Grabein
Arheberrechtsschuh: Romandienst „Digo", Berlin W 30.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
All? drei Herren waren mit ihrer Zigarre beschäftigt. nur hin und wieder wechselten sie ein kurzes Wort. So früh am Morgen war man nicht zur Unterhaltung aufgelegt, am wenigsten auf einer solchen Fahrt. Zwar die Bedingungen waren an sich nicht so schlimm — aber trotzdem: man konnte ja nie wi,sen.
Wigand blickte, mechanisch seine Zigarre rauchend, gedankenverloren vor sich hin. Richt etwa, daß er das Rencontre von gestern bereute — v neinl 2koch war ja sein Zorn nicht verflogen, und er brannte vor Begier auf den Augenblick, wo er dem andern endlich mit der Waffe in der Hand gegenüber treten sollte. Aber Arsulas Bild drängte sich zwischen diese Rachegedanken und entzweite ihm seine Empfindungen.
Sie hatte natürlich keine Ahnung von dem, was neulich vorgefallen war und heute vor sich gehen sollte. Auf dem Ball hatte Jörg zwar notgedrungen noch ein paar Stunden in ihrer und ihrer Familie Gesellschaft aushalten müssen, sogar im Beisein des Gegners. Er hatte es sogar schweigend ertragen müssen — um nicht einen Skandal vor den Augen der Familie herbeizuführen — dah Fred noch ein paarmal Arsula zum Tanz engagiert hatte, wie ihm zum stummen Hohn. Er hatte es ertragen, tröstete ihn doch der geheime Gedanke an die Stunde der Abrechnung!
Arsula war schließlich über seine Ruhe, mit der er ihr herausforderndes Benehmen ertrug, verwundert gewesen, dann schämte sie sich. Mit heimlichen Annäherungsversuchen wollte sie ihn wieder versöhnen, sie versagte dem Vetter schliehlich weitere Tänze, tanzte überhaupt nicht mehr und suchte mit wachsendem Schuld- und Reuegefühl sich nur Jörg zu widmen. Aber er tat, als ob er ihre geheimen Bitten nicht verstände, und als sie ihn endlich mit flehenden Augen offen bat, doch einmal mit ihr zu tanzen oder wenigstens doch mit ihr ein wenig zu promenieren — da erklärte er, dah cs überhaupt wohl Zeit sei. endlich auf- zubrechen.
So waren sie ohne Aussprache fortgegangen von dem Feste. Schweigend hatte er ihr gegenüber im Wagen mit ihrem Vater und der Tante gesessen,
und vor der Haustür hatte er sich nur mit einem flüchtigen Händedruck von ihr getrennt. Am gestrigen Tage war er aber überhaupt nicht zu Arsula gegangen: mit einigen Rohrpostzeilen hatte er sein Ausbleiben mit gehäufter Berufsarbeit entschuldigt. Er wollte ihr vor dem Austrag der Affäre eben nicht mehr begegnen. Sie sollte inzwischen in bangem Zweifel sein, was er dächte und tum würde. Hoffentlich würde diese Lektion ein für allemal genügen, ihren Trotz ihm gegenüber zu brechen.
Bis heute morgen war Wigand ganz fest in diesem Empfinden gewesen. Run aber — seltsam! — sprach eine zweite, mildere Stimme in ihm, immer lauter und eindringlicher. Kam es von der grauen Melancholie dieses trüben Wiu- termorgens, lag es an seinem persönlichen Befinden — er fühlte sich nach den seelischen Erregungen der letzten Tage heule reichlich abgespannt — jedenfalls ein weicheres Regen war da und lieh sich nicht mehr abweisen.
Immerfort stand ihm in dieser Stunde Arsels Bild vor Augen, reuevoll, mit jenem geheimen Flehen im Blrck, wie bei ihrem letzten Beisammensein. Hut) es brannte ihm plötzlich heiß auf der Seele, das) er so hart gewesen, dah er ohne ein leises Zeichen von Liebe, ohne jedes Abschiedswort von ihr gegangen war.
Wenn nun ein unglücklicher Zufall — Pah, weg mit solchem düsteren Gedanken! Immer wieder klang ihm dieses abscheuliche: .Wenn nun aber doch!" im Ohr. And dann? Wenn er vielleicht so für immer von ihr gegangen war, wenn sie ihn nicht mehr lebend Wiedersehen sollte, verzweiflungsvoll an seine Bahre knien würde, der sich im Groll, ohne ein Wort des Verzeihens und der Liebe von ihr gewandt hatte?
Es stieg plötzlich siedeheiß in Wigand auf, und eine qualvolle Anruhe zuckte in seinem Körper. Gott sei Dank, daß sie eben angelangt waren. An der Wegekreuzung bei der Signalfichte hielt schon der andere Wagen. Schnell stiegen die Herren aus und legten den Rest des Weges, fünf Minuten waldeinwärts, zu Fuß zurück.
Auf der verabredeten Stelle, nahe einem früheren, jetzt unbenutzten Militärschiehstand, standen bereits die Herren der Gegenpartei. Eine kurze, sehr formelle Vorstellung.
Wigand blieb am Rande der Lichtung neben dem Kollegen, der dort sein „Lazarett etablieren" wollte, wie er scherzte. Mit einer gewissen stumpfen Gleichgültigkeit blickte Jörg den drei Herren zu, wie sie die Distanz abschritten. Sein Auge streifte unwilltürlich auch einmal den Gegner; er
stand drüben mit seinen Freunden anscheinend sorglos plaudernd, die Zigarette im Munde, die Hände nachlässig in den Laschen des eleganten Pelzes. Jetzt klang sogar ein helles, etwas her- auslorderndes Lachen herüber. Sonderbar! Es erregte Wigand nicht. Er betrachtete mit einem Male den andern so ruhig, so leidenschaftslos, als ob sie nie Feinde gewesen wären. Ja, es kam ihm plötzlich fast lächerlich vor, daß sie sich in der nächsten Minute die eiserne Mündung auf die Brust richten sollten. Sich schießen — töten — war es nicht eigentlich eine Verrücktheit, eine widerliche Brutalität für zwei Kulturmenschen?
Wigand ärgerte sich selbst über diese völlige Gleichgültigkeit; er wünschte, dah jetzt wieder jene wilde Kampfstimmung über ihn kommen möchte wie vorgestern auf dem Ball — aber so etwas lieh sich nicht künstlich erzeugen. So wandte er denn seine Blicke auf den Doktor neben ihm, der jetzt die blinkenden Sonden, Pinzetten, Watte und Bandagen auf einem frisch gewaschenen Leinwandtuch auf dem Waldboden ausbreitete. Mechanisch folgte Jörgs Blick feinen Bewegungen. Der plötzlich aufsteigende süßliche, widerwärtige Geruch von Jodoform und Karbol löste mit einem Male verblahte Erinnerungsbilder in ihm aus: aus der Studentenzeit, wo er manchmal auf der Mensur gestanden hacke. Ja damals! Das war anders gewesen — ein frisch-fröhlicher Strauh mit schneidigem Draufgehen: Aber hier — dieses heimtückische Glücksspiel mit der Kugel, wo der gemeinste Schuft und Feigling einen Herkules abtun konnte? Ein wenig nobles Geschäft! Da konnte keine Kampffreude über den Mann kommen.
Sein Auge richtete sich unwillkürlich wieder auf die drei da drüben. Sie waren dabei, die Pistolen zu laden. Ein Ruck durchfuhr ihn. Run war's gleich so weit, nur vielleicht eine flüchtige Minute noch. And wieder durchfuhr's fein Hirn: Vielleicht die letzte.
Arsula! — Mit einem Male stand ihr süh-ban- ges Antlitz wieder vor seiner Seel, ein aufbrausendes Weh durchflutete seine Brust. Wie namenlos er sie liebte — dieser Augenblick lehrte es ihn. Rein — er konnte nicht so von ihr gehen! And rasch rih er seine Brusttasche heraus , auf eine Visitenkarte warf er einige wenige Worte, aber ein Vermächtnis feiner unsagbar tiefen Liebe.
So, nun war er wieder ruhig — nun mochte kommen, was da wollte. And schon begann das ernste Spiel.
„Meine Herren — bitte, auf Ihre Plätze I"
Lässig warf Alfred Drenck seine Zigarette weg, zog den Pelz aus und folgte der Aufforderung
deS Anparteiischen. Gleichzeitig nahm Wigand seine Stellung ein. Fest ballte sich feine Hand um den Kolben der Pistole, die der Sekundant ihm reichte.
„Meine Herren, es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu- machen, dah Sie int Begriff stehen, eine strafbare Handlung zu begehen. Ich fordere Sie daher noch einmal auf, sich zu versöhnen — zum ersten — zum zweiten — zum dritten!"
Zum erstenmal blickten sich jetzt in dieser Sekunde die Gegner ins Auge — beide, fest, mit kalten Mienen, einen Zug hochgespannter Energie um die Mundwinkel. Es erfolgte keine Antwort von ihnen.
Der Anparteiische hatte dies natürlich auch nicht anders erwartet; es war ja nur eine leer« Form gewesen, der er genügen muhte.
Der Versöhnurgsverfuch ist erfolglos gewesen. Mechanisch hoben die Gegner ihre Waffen.
„Eins" — der Drücker ging Wigand wie von selbst los, ein Heller, peitschender Knall, eine kleine Rauchwolke vor seinen Augen, die Rechte mit der Waste sencke sich mechanisch, und währenddessen ein nervenspannendes Warten auf den Schuh des Gegners — aber er erfolgte nicht. Was war das?
Durch den sich verteilenden Rauch drang Wigands Bl'ck: Da drüben taumelte Alfred Drenck eben in die Arme seines herzusprmgenden Sekundanten.
Mein Gott!--•
Wie gebannt blieb Wigand stehen und starrte auf die Gruppe da drüben: Jetzt war der Arzt da; sie legten den Verwundeten auf die Erde, und da — ein Husten, Röcheln! — da riefelte ein Heller, kleiner Vlutstrom aus dem Munde Drencks, dessen Antlitz plötzlich wachsbleich geworden war — die Besinnung hatte ihn verlassen.
Ein Lungenschuh — ein tödlicher!? Wigand wollten die Knie zusammenbrechen. „Rein, nein — nur das nicht?'* schrie es in ihm. „Das hab' ich ja nicht gewollt!"
Mit ein paar eiligen Schritten war er bei dem To< wunden, als ob er helfen, retten mühte.
„Herr Kollege" — Wigands Stimme zitterte, und fiebrig glänzten feine Augen aus dem fahlen Antlitz. „Die — die Lunge, nicht wahr?" Ein geheimes, letztes Hoffen dabei, er möchte sich geirrt haben.
Der andere nickte aber nur stumm, ohne von seinem Samariterwerk aufzusehen.
„Schwer — hoffnungslos?"
„Ich fürchte."
(Fortsetzung folgt.)
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