Ausgabe 
19.1.1931
 
Einzelbild herunterladen

Montag, 19. Ianuar 195<

Siebener Anzeiger fGeneral-Anzeiger für Oberhessen)

Rr. 15 Zweites Blatt

529 D

eisAbbau

öolt Rödiger

aUtorsUaBe 35 WJA

Achime WrüBjtn e Kerne

Wt« Torte, be'onder« jit iol®iu-ntinbtl erbälilich bei [Qgy bte-vink

TtltUbott 8103

^Einrichtungen

lle - Oas Elektr.

* Deu*$chen Großhandels

ehe und Filets inge,3Pfd.70Pf. us Cuxhaven

3 13) A Tel. 2417.

ies

ke, 528V

Lödl,UVUV.Ü üttbinsdöhe, V. 21. vis 24. Jan. 19 1 bet Henn Mir

Mittler, 'Babncb fuflijc 24 Hiebe 8?p eiNWNUNgl. 5311)

üö-l

imi-1 Flatten lüx 24.1, allen'1931, abba.b'iiUbt, mmt I

ließen

qes wegen

entneroijndjl;

lll

t) flut

ie

mal

1. AU 5 dir.

5401) ueln.

Hl

Stadttheater Ticnöiaa,20. Inn. von ial3bi6 22', llbt 1S.WM-R-M Gewöhnliche Vitjw 1

time poliiiiibe 9o- möbie m 3 fltiea von Äervard Ebow. Teuiich von Sieg­fried TrevNtlb-

(bebendste Ton- zu sehen, ver-

jen 20. Jan.

nnfiln' ebuhr hmann- ert . isooci

***.

)Uhf-

Der 6O.^eichsgründungsiag in Gießen.

Oie Feier in der Llniversiiäi.

Die 60. Wiederkehr des Tages der !R c i d) s g r ü n b u n g beging die Hessische Ludwigsuniversität durch einen in den traditionellen Formen gehaltenen F e st a k t in der Neuen Aula, zu der neben dem Lehrkörper und der Studentenschaft auch eine Reihe von Gasten aus der Bürgerschaft erschienen waren. Unter feierlichen Orgelklängen betrat der Senat die Aula. Der Aka- dcmi che Gesangverein unter Leitung des akadem,. schen Musikdirektors Dr. Temesoary trug Brahms Fest, und Gedenkspruch vor und dann wandte sich

Se. Magnifizenz, der Rektor der LudwigSumvel-sität Professor Or. Eger in einer kurzen Ansprache an die Festversammlung, in der er u. a. oussührte:

Es ist kein Tag sorgloser Freude, vielmehr, ein solcher schmerzlichen Erinnerns und ernster Besin­nung. Damals, vor 60 Jahren ein glückliches, slar- Fes, aufstrebendes Volk,ein starker Gewappneter, der seinen Palast bewahret und dem das Seine in Frieden bleibet". Der 18. Januar 1871 mit der Kaiserproklamation ein Tag des Jubels und der Freude, die heute noch nachilingen in den Herzen derer unter uns, die jenen Tag bewußt miterlcbten. Und heute erlassen Sie mir, das Heute mit Wor- ten im einzelnen zu schlldern. Wir fühlen ja olle die drängende Rot. Im Innern unerträgliche wirt­schaftliche Derhällnisse, die furchtbare Arbeitslosig­keit, dazu der wahnwitzige Hader zu dieser Zeil, in der einiges Zusammenstehen, besonnenes Zu­sammenhandeln und gemeinsame Abwehr der Ge­fahren, die uns alle zu erdrücken drohen, das dringende Gebot der Stunde wären. Und nach außen ein entwaffnetes Volk, großer Teile feines Gebietes und seiner Kolonien Beraubt, eingepreßt zwischen waffenstarrenden Nachbarn, mißachtet selbst von dem so viel kleineren Polen, aus desien Gebiet deutsche Brüder um ihres Deutschtums willen Leiden erdulden. Dunkel breitet sich über den Weg, den das deutsche Volk in der nächsten Zeit gehen wird. Weil wir uns als Glieder des großen Ganzen und mit­verantwortlich fühlen, dürfen wir trotz allem Schwe­ren und Schwersten nicht feige verzagen. Denn dem Tapferen und Tüchtigen hilft Gott, dem der stand­haft und fest, auch von schwerstem Geschick sich nicht zu Boden drücken läßt. Geloben wir uns in dieser Stunde, mitzuhelfen in diesem Geiste, ein jeder an seinem Teil in selbstloser Hingabe und treuester Pflichterfüllung nach dem großen^ Vorbild unseres ehrwürdigen Reichspräsidenten. Stärken soll uns dabei der Gedanke, daß uns ein hohes Gut geblie­ben ist trotz aller Versuche, uns auch dieses zu rau­ben: die Einheit des Reiches. Und mag kommen, was da will, das Reich muß uns doch bleiben. Laßen wir noch eins zu uns sprechen, was uns trotz aller lastender Sorge mit Stolz auf unser Deutschtum und mit Zuversicht erfüllen muß: tue Erinnerung an all das Gewaltige, was unser deut- sches Volk in diesen 60 Jahren des Bestehens des Deutschen Reiches in der Arbeit des Friedens und in der heldenhaften Abwehr im großen Kriege ge­leistet hat. Die Kräfte, die in ihm wohnten und noch in ihm wohnen, die es diese Leistungen voll­bringen ließen, sie werden es auch befähigen, die furchtbaren Nöte der Gegenwart zu überwinden. So lassen Sie mich schließen mit dem Wunsche und der Bitte: wir wollen gemeinsam gehen durch Sturm und Ungemach, einer gestützt durch den an-

deren und alle gestärkt durch den unerschütterlichen Glauben an die Zukunft des deutschen Volkes.

Die F e st r e d e hielt der ordentliche Professor der systematischen Theologie,

Professor D. Dr. Schumann:

Der Redner ging davon aus, daß in diesem Jahr 60jährigen Gedächtnisses der 18. Januar in ganz Deutschland mit öffentlichen Feiern begangen wird. In den letzten Jahren waren es im wesentlichen nur die deutschen Hochschulen, die dieses Tages in regelmäßiger öffentlicher Feier gedachten. Wenn die deutschen Hochschulen sich die Pflege dieses Tages zu besonderer Aufgabe gemacht haben, so müssen sie Rechenschaft darüber ablegen können, warum sie es tun. Sie tun es nicht aus Opposition nach irgend­einer Seite; denn sie haben es in Jahren politischer Zerrissenheit als ihre Aufgabe betrachtet, immer wieder.Wege sachlichen Sichverstehens frei zu machen. Wenn die deutschen Hochschulen die Feier des 18. Ja­nuars besonders pflegen, so tun sie es in der lieben zeugung, in diesem Tag einen Besitz des ganzen deutschen Volkes zu hüten und einer Lebensnotwen­digkeit des deutschen Volkes zu genügen. Dann aber ergebt sich die Frage: Kann die Feier eines solchen Tages der Vergangenheit und der Gegenwart Lebensnotwendigkeit für ein Volk sein ? Und diese Frage führt auf Die andere: Wodurch entsteht und besteht ein Volk eben als Volkseinheit? Ein Polk ist ja keine Naturgröße, die sozusagen von sel­ber weiterbesteht, ein Volk besteht nicht durch den natürlichen Fortpflanzungsprozeß, ein Volk kann als Volk sterben, auch wenn bei den Individuen, die es bildeten, der natürliche Fortpflanzungspro- zeß weitergeht. Ein Volk stirbt, indem es zerfällt. Es lebt nur dadurch, daß die Individuen durch Ge­danke und Wille zusammengehalten sind; es ist eine geiftige, eine geschichtliche Größe. Was ist es nun aber, was aus Individuen ein Volk werden läßt, was Individuen zur Einheit Volk zusgmmen-

Am gestrigen 60. Reichsgründungs- t a g c, dessen in den Gottesdiensten gedacht wurde und an den die öffentlichen Gebäude durch Flaggenschmuck erinnerten, trat auch das I. Batt. 3 nf. - Aegts. 15 au Gießen mit einer eindrucksvollen militärischen F:ier in die Öffentlichkeit. Auf Oswaldsgarten sand, vom Wetter begünstigt, mittags Appell und Pa­rade der Garnison statt. Eine riesige Men­schenmenge umsäumte an allen Seiten den Pa- radeplah, um Zeuge dieses denkwürdigen Er­eignisses zu werden. Auf dem Paradeplatz wohn­ten zahlreiche Ehrengäste, teils in Uniformen der alten Armee, teils in festlichem Zivil dem feierlichen militärischen Aki bei.

ilm 12 älfjr ruckle daS Bataillon unter Füh­rung des Hauptmanns Hofmann über die Südanlage und Westanlage an, schwenk!« von der Aeustadt her in die Kirchstraße Richtung Feuer­wache ein und nahm dann vor der Feuerwache in einem nach der Westanlage zu offenen Viereck Aufstellung. Unmittelbar nach dem Aufmarsch der Truppe ließ der Befehlshaber Hauptmann Hofmann die Kompanien präsentieren, hier-

häll. Man ist versucht, zu sagen, daß es der I Staat sei. Und gewiß spielt der ctaat für Werden | und Bestehen von Völkern eine große Rolle. Aber es gibt Völker, die aus Einheiten bestehen, ohne daß ihnen ein Staat entspricht, und es gibt Staaten, denen kein Dolksbewuhtfein entspricht. Auch die ge­meinsame Abstammung, Sprache und Kultur kann viel bedeuten für Werden und Bestehen von Völ­kern. Aber aus keinem von ihnen kann das Werden und Bestehen von Volk erklärt werden. Am Beispiel des schweizerischen und des seit Jahrhunderten ohne eigenen Staat bestehenden jüdischen Volkes zeigte der Redner, daß der wesentlichste Grund für bas Werden eines Volkes immer große, alle mitreißende geschichtliche Ereignisse (Frccheitslämpfe, Revolu­tionen, religiöse Geschehnisse) sind und daß das Fortbestehen der Volkseinheit geknüpft ist an das Lebcndighalten der Erinnerung an diese die einzel­nen Willen zusammenbindenden Ereignisse. Ein Volk besteht dadurch, daß durch die Erinnerung der gemeinschaftsstiftende Wille der Vergangenheit ver­gegenwärtigt wird und in dem einzelnen den Wil­len zur Gemeinschaft des Volkes erzeugt. Es ist die Ausgabe des politischen Historikers, in-den Ereig­nissen der Vergangenheit seines Volkes den das gegenwärtige Geschlecht fördernden Gemeinschafts- willen aufzuzeigen. Dazu muß er aber selbst in der Gemeinschaft stehen, deren Geschichte er schreibt. Das hebt seineObjektivität" nicht auf, gibt ihr aber einen neuen Sinn. Im Sinn dieser Zusammenhänge kann ein Volk nicht bestehen, ohne in Feiern der Gedächt­nistage seiner Geschichte, ihrer tragischen ober sieg­haften Ereignisse sich seiner Zusammengehörigkeit und Zusammengebundenheit bewußt zu werden. In die­sem Sinne feiern die deutschen Hochschulen den 18. Januar als den Tag eines Ereignisses, in dem es Einheit gewann und der daher als Forderung und Verheißung seine Zukunft mitgestaltet. Er ist ein Tag des ganzen deutschen Volkes, der hinweist auf den Zukunftstag roiebergeroonnener Einheit unb Freiheit, der einst tagen wird.

Die Rede klang aus in dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes. Mit einem Orgelnachspiel, I unter dessen Klängen der Senat die Aula verließ, I war die würdige Feier beendet.

auf meldete er die Truppe dem Stellvertreter des abwesenden Bataillons kommandrurs, Haupt­mann von Stockhausen. Aach Entgegen­nahme der Meldung begrüßte Hauptmann von Stockhausen zunächst in militärischer Weise die Ehrengäste, hierauf schritt er in Begleitung des Hauptmanns Hofmann unter den Klän­gen der Bataillonsmusik die Front der Truppe ab. Sodann richtete Hauptmann von Stock­hausen, während die Truppe unter Präsen­tiertem Gewehr stand, folgende

Ansprache an das Bataillon:

Grenadiere!

Zum 60. Male jährt sich heute der Tag, an wel­chem im Spiegelsaal des französischen Königsschlosses zu Versailles das Deutsche Kaiserreich aegrünbet würbe. An derselben Stelle, wo 48 Jahre später die Staaten des Feindbundes Deutschland einen aus Lug und Trug geborenen, unerhört grausamen Frieden aufzwangen.

Der Jahrtausend alte Traum der Besten unseres Volkes war mit der Gründung des Kaiserreiches

Appell unb Parade unserer Garnison.

endlich in Erfüllung gegangen; der welsche Erb- feind war in einer Reibe glänzender, siegreicher Schlachten wie Wörth, Gravelotte, oeban von den deutschen Heeren, welche zum erstenmal, in all ihren Stämmen einig, zusammen gerungen hatten, geschlagen worden.

Der greife König Wilhelm I hatte persönlich die Armeen geführt, deren Schwert der vreußische Kriegsminister Roon geschärft, deren Schlachtplan der große Schweiger Moltke ausgearbeitet hatte, während der gewaltige Staatsmann Bismarck in unermübllchem Sinnen und zäher Tatkraft die staat­lichen Grundlagen zu dem neuen Dau gelegt hotte.

Das Werk Bismarcks war eine ganze Tat. Die deutsche Einheit hat sich trotz des Diktats von Ber- sailles, das letzten Endes die Zersplitterung Deutsch- lands beabsichtigt, in den schweren Nachkrlegsjahren behauptet. Ei sollt sind geblieben die langjährigen Hoffnungen unserer Voreltern. Die schwere Not hat uns bisher nicht bezwungen und wird das deutsche Volk nicht unterliegen. Die Liebe zum Vaterland muß unb wird die beutschen Gaue Zusammenhalten unb bas nationale Bewußtsein wachhalten. Wir wollen ein freies Volk bleiben und die Augen furdjt- los in Deutschlands Zukunft richten. Ich rufe euch zu: Deutscher, denk' nicht kleiner von dir, als Gott von dir denkt Der Gott, der Eisen wachsen ließ der wollte keine Knechte. Geradeaus gehe deinen Weg und bergauf. Hilf mit aufbauen! Deine Arbeit sei dein rodendes Schwert. Besinn' dich auf dein ger­manisches Blut und mehre des deutschen Namen» Ruhm und Ehr'. _

Denken wir alle daran, daß noch zu allen Zeiten der deutschen Geschichte es stets daS Heer gewesen ist, das die Vorbedingungen und Grundlagen für die Epochen deutscher Große und deutschen Glanzes schuf. Holten wir fest an dem Gedanken der Wehrhaftigkeit des deutschen Vol­kes, denn nur ein starkes Deutschland wird m der Welt geachtet sein. Hoffen wir alle, daß m nicht zu weiter Feme aus der kleinen Wehrmacht, die uns verblieben, ein deutsches Volks-eer der Zukunft emporsteigen möge, welchem der stolze Wahrspruch des alten preußischen Fahnentuches mit dem aufsteigenden Aar und der Inschrift Nec soli cedit voranleuchten wird.

All' unser Sehnen, all unser Hoffen fassen wtr heute, an dem 60. Geburtstag unseres Deutschen Aeiches, das uns ttoh aller Aot geblieben ist und bleiben wird, eingedenk des Wahrspruches am Deutschen Eck:Aimmer wird das Reich zer­störet, wenn ihr einig seid und treu! zusammen in dem Auf: Unser geliebtes deutsches Datcr- lanb, an dessen Spitze sein allverehrter Reichs­präsident, der Generalfeldmarschall von Hinden­burg, Hurra, Hurra, Hurra!

Oie Parade.

Aach dem ersten Vers des Deutschlandliedes formierten sich die Kompanien zur Parade. Der Vorbeimarsch in Zugkolonnen, den Hauptmann von Stockhausen abnahm, zeigte unser Ba­taillon in prächtigem, militärischem Schneid und hinterlieh den Eindruck, daß in unserer be­waffneten Macht auf den altbewährten Grund­lagen in guter Weise weitergebaut wird.

Oie Feiern in Darmstadt.

WSA. Darmstadt, 18. Ian. Die Reschs- gründungsseiern in Darmstadt wurden von der Darmstädter Studentenschaft mit ihrer Feier in der Otto-Berndt-Halle eröffnet, zu der als Dertteter der Regierung Minister Kirnberger, der Prälat der evangelischem

Nachdruck

22 Fortsetzung

Seine Stimme hatte plötzlich eine

verboten seltsame, blitzten.

flingenbe Festigkeit. Seine Augen .

Windthorst empfand diesen starken Ton sehr deutlich und war innerlich über die besondere Betonung etwas erstaunt. Das mochte auch in dem Ausdruck seines Gesichtes irgendwie zum

Ein Verstehender. Einer, der tiefste Aot be­greifen und fühlen und darüber schweigen kann. Unb es ist gut, wenn man zuweilen auch über solche Dinge spricht. Tiber nur, wenn man einen Menschen hat, der ihrer wert ist. Nachher werden auch Sie leichter reden können. Denn ich merke wohl, Eie haben mich vielleicht nötig

Er stand auf. Gin feines, leichtes Lächeln spielte um seinen Mund.

Wördchoff folgte seiner Aufforderung.

Ich komme, Doktor. Sie haben recht ich werde Sie wohl brauchen können.

Gemächlich schritten sie die Straße entlang, zwi­schen den niedrigen Häusern mit ihren Vor­gärten. aus denen die Spätrosen dufteten, dem Bergwald zu. Die Sonne sank hinter den Wipfeln und goß rote und violette Tinten über den Himmel.

Und während sie dann den Waldweg dahin­spazierten, erzählte Dr. Windthorst kurz die Liebestragödie seines Lebens.

Wördchoff hatte schweigend zugehört. Was der Arzt da erzählte es war knapp, sachlich, tote es so seine Art war war ergreifend, wenn manzwischen den Worten" zu hören verstand. Denn ungesprochen klang da das Leid um die Frau, die sich trotz ihrer heißen Liebe zwingen ließ, einen Ungeliebten zum Mann zu nehmen, um den Vater aus fragwürdigen Finanzopera­tionen zu retten und die dennoch an ihrem Herzen zerbrach.

Wördchoff ballte unwillkürlich die Fäuste in den Taschen.

Aicolette! Sie sollte nicht zugrunde gehen an dem Konflikt, in den er gestellt war!

Er mußte frei werden!

Da wandte sich Windthorst ihm zu. Sie waren nun schon eine Weile still nebeneinander berge- gangen.

Sprechen Sie Wördchoff!"

Und es brach aus ihm hervor:

Ich ich hab' eine Frau, Doktor! Eine Frau, die ich nicht liebe, die mich nicht liebt. Eine Frau, die mich einmal berauschte, weil sie es so wollte, die nur meinen Ruhm geheiratet hat und die von dem Künstler in mir nichts begreift, als daß er Geld verdient? Darum bin ich geflohen!"

Er atmete tief.

Windthorst fragte:

Und wußten nicht, daß Sie hier Aicolette finden würden?"

Bei Gott ich wußte es nich', Doktor! Ich lief in mein Schicksal hinein. Es mußte wohl so sein. Ich habe mich gestemmt gegen diese tziebe! Ich habe sie nicht gewollt! Aber sie war stärker als ich. Und Aicolette hat mich ge­liebt, feit wir uns -um erstenmal sahen. ES

Ausdruck kommen.

Wenn Sie's sind, werden Sies auch blei­ben! Aicolette ist ein Edelstein, dessen Kostbarkeit nie verblassen kann"

Ja ja das weiß ich" sagte Wörde- hosf, unb sein Gesicht war abgewandt und blickte in den dämmernden Wald hinüber. Es drängte ihn plötzlich, Windthorst etwas von dem zu verraten, was ihn innerlich doch bedrückte, je mehr die Zeit verrann. Kinna konnte er sich nicht erschließen - nun hatte er in Windthorst einen getreuen Menschen gefunden, dem das Wohl und Wehe Nicolettes nicht weniger am Herzen lag, als ihrem Vater. War cs nicht gut und ehrlich, ihn zum Vertrauten zu machen?

Solche Gedanken gingen ihm jetzt durch den Sinn.

Und aus diesen Gedanken heraus sagte er nun: Doktor, neben dem Glück steht oft auch das Leid ober der Kampf!"

Windthorst horchte auf. Was war das? Was sollten diese 'Horte bedeuten?

Wördehofss Gesicht drehte sich langsam ihm zu. Beider Blicke griffen ineinander. Ein kurzes, gegenseitiges Forschen darin. Dann nickte Windt­horst ernst.

Ich weiß, Wördchoff. Das große Gluck, von dein die Menschen träumen und das doch nur so wenige von ihnen jemals finden das kostet immer Kampf. Kamps, wenn es dauern soll, und Leid, wenn einer die Waffen streckt. Ich habe das Leid kosten müssen und bin allein geblieben babei. Denn die Frau, die ich einst begehrte und für die meine Liebe ihre große Eehnsacytscrsüllung war, die konnte nicht kämpfen und ließ ihren Willen zerbrechen von fremdem Zwang. Nachher starb sie daran.

Windthorst schwieg. Wördchoff saß schweigend da und fühlte, wie jener eben ein Stück seiner Seele vor ihm entblößt hatte. Fühlte, daß er Ver­stehen haben muhte für ihn und seine Hot Denn etwas Verwandtes war in ihm.

Kommen Sie, Wördchoff, gehen wir ein Stück durch die Stadt, zum Wald hinauf. Ich weih, ich vergebe mir nichts, wenn ich Ihnen etwas aus meinem Leben erzähle. Sie sind ein Dichter.

Die kleine Aicolette

Roman von Paul Hain

sollte alles so sein. Das weiß ich jetzt! Nun aber muh ich frei werden, Doktor. Ich muß kämpfen. Muß so kämpfen, daß Aicolette nichts davon erfährt. Sie soll nicht soll nicht Schaden leiden an ihrer Seele. Sie soll nicht hineingezogen werden in den Kampf. Denn ich weiß Aorma ist eine Frau, die haften kann!"

Er schwieg.

Aorma?" fragte Dr. Windthorst.

Aorma Aelson, die Schauspielerin, das ist meine Frau!"

Es war ein spöttisches Lachen in diesen Worten.

Ich will mit ihr sprechen. Sie ist wohl in Partenkirchen auf Urlaub. Das heißt ich wäre schon weg. wenn nicht Kinnas Krankheit dazwischen gekommen wäre. Aun hat sich alles verzögert. Und die Zeit rennt dahin. Aber ge­schehen muß doch etwas, nicht wahr?"

Dr. Windthorst nickte.

Sie haben Kraft, Wördchoff. Hier sind Sie der Kämpfende Eie werden siegen. Und daß Sic es gleich wissen: Meinen Beistand haben Sic. wenn Sic ihn einmal gebrauchen sollten. Aoch sehe ich ja nicht flar genug, wie die Dinge liegen. Aber das eine weih ich: Ein ehr­licher Irrtum ist keine Schande. Unb, Sie sind keiner von denen, die mit Herzen spie'en. Aico­lette und Sie Sie haben ein Glück verdient. Unb nun wenn Sie wollen erzählen Sie mir genau, wie alles gekommen ist. Vielleicht daß ich Ihnen raten kann. Daß ich selbst den Ver­mittler spiele. Es gibt ja so manche Möglich­keiten

Wördchoff drückte ihm impulsiv die Hand.

3a ich will Ihnen erzählen. Es ist gut, wenn ich einem davon sprechen kann, da Aicolette es nicht wissen darf."

Und während sie weiter durch den dunkelnden Wald schritten, berichtete er, wie er Aorma Aelfon tennenlernte, wie sie war unb wirkte, unb wie ihre Wege wieder auseinanbergingen, derart, daß er hatte forttoanbem müssen, um Ruhe unb Klarheit in sich zu finden.

15.

Zwei, drei Tage waren wieder vergangen. Die Aussprache mit Dr. Windthorst hatte Wördehoss toohlgetan unb auch sein Vertrauen auf die Zu­kunft gestärkt. Er hatte sich entschlossen, vorerst an Norma einen Dries zu schreiben, in dem er um eine persönliche Aussprache bat, die in Par­tenkirchen stattsinden sollte. Don Aicolette selbst hatte er natürlich nichts erwähnt. Dr. Windthorst hatte sich bereit erklärt, ihn auf der Reise zu begleiten. Es war immer gut, in solchen Dingen einen objektiven Zeugen bei sich zu haben.

Aber es sollte alles ganz anders kommen.

Wördehoft hatte den Brief noch nicht gelchrie- ben, da war es Aorma Nelson selbst die ihm

zuvorkam und so der Entwicklung der Dinge eine ganz andere Wendung gab.

Es war an einem Nachmittag.

Wördchoff kam den Schlohberg herunter -- allein, um in den Wald zu geben. Dort wollte er in Ruhe den Wortlaut dos Briefes formu­lieren, den Norma erhalten sollte.

Da stutzte er mitten auf dem schmalen Derg- psad. Das Blut schoß ihm augenblicklich zum Herzen zurück. Wie von unsichtbarer Macht be­zwungen, sprang er hinter das Strauchwerk, seitwärts vom Wege. Durch das Geäst konnte er auf das breite Band der Straße sehen, die über die kleine Drücke zumBraunen Hirsch" führte.

Herrgott narrte ihn ein Spuk? Olefften ihn seine Nerven? Das das konnte doch nicht Wirklichkeit sein? Das war doch unmöglich!

Unb dennoch seine Augen ließen sich doch nicht täuschen!

Dort die Frau in dem eleganten Sport- kostüm, die so selbstsicher dahinschritt das war Aorma! Wie sie lächelte, da ihr Blick den Gasthof streifte: ilnö neben ihr die beiden Herren Wördehosf biß die Zähne in die Lippen: Das waren doch Dr. Römer, der Regisseur unb dieser mondäne Maler, Darnowsky, der Galan feiner Frau!

Herrgott was wollten die drei hier?

llnb ohne ihn zu benachrichttgen?

Ihnen voran schob ein Gepäckträger von der kleinen Bahnstation eine Karre mit dem nicht unbeträchtlichen Gepäck.

Wördchoff atmete schwer.

Was was wurde aus all dem? Wollten die drei etwa - zum Schloß? Zu ihm? Aorma mochte seine Adresse wohl von der Wirtschafterin zu Hause erfahren haben, da er selbst ja nicht geschrieben hatte.

Ob sie ihn bemerkt hatten?

Aein sie hatten ihn wohl noch nicht gesehen. Eben wies Aorma mit der Hand zum Schloß hinaus und er hörte sie den Gepäckträger fragen:

Da also wohnt Professor Kiima?"

3a

Ganz allein?

.,Au er hat doch eine Tochter. Unb bann die Dicnstlcute. Unb ein Sommergast ist auch da

Kennen wir", lachte Dr. Römer ein bißchen ungeniert und Aorma warf eine Kußhand nach oben mit einer etwas reichlich theatralisch wir­kenden Geste.

ün da is also derBraune Hirsch", wo die Herrschaften hinwollten" fuhr der Dienstmann fort.

Aa ja sieht ja sehr Imchlich-sittllch aus

Man wohnt da sehr gut"

Sie schritten über die Drücke.

(Fortsetzung folgt! j