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Nr. 158 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 16. Juni 1931
Notverordnung und
Der 'Reichsfinanzminister hat die neue Rot - vero rdnung zum Teil damit zu rechtfertigen versucht, datz er erklärte, daS Reich ßrlbst habe die ganze Sanierungsarbeit im Grunde gar nicht nötig gehabt. Sie sei in erster Linie auf die finanzielle Rotlage der Länder und namentlich der Gemeinden zugeschnitten. Das Bemühen Dr. Dietrichs, die Empörung über die verordneten Maßnahmen auf die Länder und Gemeinden abzuladen, dürfte vergeblich sein. Denn die moralische und politische Hauptverantwortung für die gesamte öffentliche Haushaltswirtschaft in Reich, Ländern und Gemeinden liegt seit der Steuergesetzgebung Erz- bergcrs unzweifelhaft beim Reich, das heute die Verpflichtung hat, Länder und Kommunen mit zu alimentieren, wie umgekehrt früher die Länder den finanziellen Bedarf des Reiches zum großen Teile zu decken hatten. Ueberdies muh Dr. Dietrich selbst zugeben, daß sich die Steueraus- sälle bei seinem eigenen Ressort auf 500 Millionen Mark beziffern, während er sie für Länder und Gemeinden nur auf 440 Millionen Mark errechnet. Und endlich steht fest, daß der Posten des Haupt- fehlbetrages in allen Gemeinden, nämlich die kommunalen Wohlfahrts-Aufwendungen für d i e Erwerbslosen, im wesentlichen von der Reichsgesehgebung her beeinflußt worden ifti- Mit Fug und Recht weisen seit 2ahr und Tag die kommunalen Epihenverbände darauf hin. daß bei der Schaffung des Gesetzes über die Arbeitslosenversicherung der Leitgedanke der war, die Gemeinden von ihrer Fürsorgepflicht den Arbeitslosen gegenüber zuentlasten, während die Praxis seit geraumer Zeit auf eine immer mehr zunehmende Belastung durch die langfristige Erwerbslosigkeit hinausläuft.
Die Rotverordnung gibt denn auch die katastrophale Finanzlage der Kommunen durchaus zu, und sie erkennt an, daß diese Situation in erster Linie aus den unheimlich gesteigerten Wohl- sahrtsausgaben resultiert. Wenn man sich nun ansieht, welchen Gesamtbetrag das Reich zur Erleichterung der kommunalen Wohlsahrtsetats mit Hilfe der Rotverordnung zur Verfügung stellt, so erscheint die Situation auf den ersten Blick nicht unwesentlich entspannt. Rach den Aufstellungen des Reichssinanzministeriums würden nämlich den Kommunen insgesamt 3 0 2 M i l- lionen Mark für Wohlfahrtszwecke zur Verfügung gestellt werden können. Unb das müßte nach der Meinung Dr. Dietrichs vollkommen ausreichen, um einen geschätzten Gesamtbedarf für die Wohlfahrtserwerbslosigkeit in Höhe von 700 Millionen Marl abzudecken, da er annimmt, daß etwa die Hälfte dieses Gesamtbedarss in den Gemcindehaushaltungen selbst bereits Deckung findet. Wir fürchten, daß das ein Trugschluß ist. Denn es durfte heute schon feststehen, daß d i e Etatansätzc der Gemeinden auf der Ciunahmeseite durch d i e bisherige Entwicklung der Verhältnisse läng ft überholt sind und daß das tatsächliche kommunale Steueraufkommen nicht unerheblich hinter den Voranschlägen zurückbleiben wird.
Sehen wir uns zunächst aber einmal an, aus weichen Quellen das Reichsfinanzministerium den Gemeinden Zuwendungen machen will und unter welchen Voraussetzungen sie gewährt werden sollen. Von der Einstellung der Lohnsteuer- r ii d c r ft a 11 u n g erwartet die Rotverordnung sür das laufende Iahr einen Betrag von 60 Millionen, der den Gemeinden für den genannten Zweck zufließen soll. Den Ertrag der Gehaltskürzung für Länder und Kommunen errechnet der Finanzminister auf 207 Millionen, und endlich sollen die Länder aus dem QUeljrauf- kommen der Umsatz st euer, das durch eine andere Erhcbungsart hereinkommen soll. 35 Millionen Mark mehr überwiesen • erhalten. Das Reichsfinanzministerrum gibt sich nun der Er-
Gemeindefinanzen.
Wartung hin, daß der Gesamtbetrag dieser drei Posten den notleidenden Gemeindeetats zuge- wandt wird, obwohl es hierüber reichsgesetzliche Bestimmungen nur in sehr begrenztem Umfange erlassen kann.
Unterstellen wir einmal, daß die Finanzminister der Länder nicht nur in der Lage, sondern auch ohne weiteres bereit wären, kwn not leidenden Gemeinden unter die Arme zu greifen — was sicher nicht überall der Fall sein dürfte —, so ist immer noch die Ausschüttung der eingesparten Lohnsteuerbeträge von feiten des Reichs an die Kommunen und Bezirksfürsorgeverbände an gewisse Voraussetzungen geknüpft, die außerordentlich tief in das Selbstverwaltungsrecht ein- greifen und schon deshalb- sehr erhebliche Bedenken erregen müssen. Wenn endlich der Reichsfinanzminister noch den zusammen mit der am 1. Dezember vorigen Jahres verordneten Real- steuersenkung zu bildenden A u s g l e i ch s f o n d s als Deckungsreserve für besonders notleidende Gemeinden erwähnt, so^gibt er sich hier zweifellos einem übertriebenen Optimismus hin. Denn zur Zeit ist von diesen 110 Millionen praktisch gar nichts verfügbar.
Erscheint so die unmittelbare Reichshilfe zugunsten der Gemeindefinanzen schon als reichlich problematisch, so sind die indirekten Rück
wirkungen der jüngsten Rotverordnung auf die kommunalen Steuereinnahmen geradezu verheerend. Es unterliegt keinem ZweifÄ, daß die Krisen st euer und die 2 esol - dungskürzung für die Beamten einen sehr beträch t lichen Konsumrückgang auf allen Gebieten zur Folge haben werden, gleichgültig, ob es sich um lebensnotwendigen Bedarf, oder um den bescheidenen Luxus des Theater- und Kinobesuchs handelt. Die unmittelbare Folge der Derbrauchseinschränkung wird nicht nur ein sehr beträchtlicherRück- gang der ilmfatjfteuercrträgc sein, die als Lieberweisungssteuer in den Länder- und Gemeindefinanzen eine wesentliche Rolle spielen: der Konsumschwund wird nicht minder stark auch b e i anderen Länder- und Kommunalste u e r n zu spüren fein. Wir erwähnen nux die Gewerbesteuer, die gemeindliche Biersteuer, die städtische Vergnügungssteuer u. a. m.
Wie unter diesen Umständen das Reichsfinanz- ministerium seine These aufrechterhalten will, daß wenigstens die Hälfte der gemeindlichen Wohl- fahrtslasten durch die kommunalen Etats selbst gedeckt sei, ist uns nicht erklärlich. Wir müssen die begründete Befürchtung hegen, daß die Hot* Verordnung genau das Gegenteil dessen bewirkt, was s i e anstrebt, nämlich statt einer grundlegenden Sanierung der kommunalen Finanzgebarung deren weitere starke Verschlechterung.
S.J.-fpor/
BfB.-Gießen.
BfB. Gießen (Liga) — Germania Lieber 1:2.
Die Äätte aus dem Mainkrcis wußten bei ihrem ersten Austreten in Gießen gut zu gefallen. Die Elf mar in allen Teilen außerordentlich schnell und verlangte vom Gegner die Hergabe alles Könnens. Daß es trotzdem nicht möglich war, die VfBer höher zu schlagen, ist darauf zurückzuführen, daß Vöckler im Tor eine glanzende Partie lieferte; wenn er diese Form beibehalten würde, wäre er seiner Mannschaft die stärkste Waffe. Er hielt scharfe flache Bälle mit überraschender Sicherheit. Zu diesem Spiel trat der BfB. mit <jroei neuen Kräften an, die einiges für die Zukunft erhoffen lassen. Greger wirkte als Mittelstürmer (seine Vorzüge liegen mehr auf technischem Gebiet) und konnte gut gefallen. R e - m i g o l f M erwies sich als sehr schnell und gibt sicherlich einen guten Außenstürmer ab. Kreß, eifrig, stand leider nur die erste Halbzeit durch. Ritter ließ diesmal sehr zu wünschen übrig. Im Sturm der VfBer klappte es wieder nicht so recht, die Außenläufer verstanden es nicht, den Innen- fturm rationell zu bedienen. Der Sturm der Mannschaft wird mehr und mehr zu einer heiklen Angelegenheit, mit der sich die zuständigen Herren einmal ernsthaft befassen müßten. Die Läufer hatten gegen den flinken Gegner einen sehr schweren Stand. Die Verteidigung erwies sich als sehr zuverlässig. Tormann und Verteidigung dürften das hauptsächlichste Verdienst daran haben, daß das Spiel nicht höher verloren wurde.
Der Spielverlauf brachte von selten der Gäste das typische süddeutsche Flachspiel, das ihnen stets eine leichte Feldüberlegenheit sicherte. Dabei legten die Germanen manchen gefährlichen Angriff vor das Gießener Tor, ohne jedoch während der ersten Halbzeit etwas zählbares zu erzielen. Vielmehr gingen die VfBer in Führung. Der Führungstreffer resultierte aus einem Strafstoß, von Kreß getreten und von Fenster geschickt mit dem Kops verwandelt. Halbzeit 1:0 für VfB. Die zweite Halbzeit brachte weiter flotten Spielverlauf, bei ständiger leichter Ueberlegenheit der Gäste fiel zunächst kein Erfolg. Die reguläre Spielzeit war bereits zu Ende, aber der Schiedsrichter ließ 7 Minuten länger spielen
und in diesem Zeitraum erzielten die Germanen Ausgleichs- und Siegestreffer. Für die VfBer ist das ein ausgesprochenes Künstlerpech. Bei Einhal- tung der regulären Spielzeit konnten sie sehr wohl als Sieger vom Platze gehen. Die Entscheidungen des Schiedsrichters Weller- Wetzlar wurden nicht immer widerspruchslos ausgenommen.
Schalke in Frankfurt besiegt.
Der Siegeszug von Schalke 04 wurde am Samstag in Frankfurt jäh unterbrochen, denn der Fuh- ballsportverein besiegte vor 8000 Zuschauern die „Knappen" sicher mit 5:2. Durch Tore non Keck und Rohr (FSV.), sowie Tibulski und Kuzora ging es 2:2 in die Pause. Rach dem Wechsel stellten Armbrüsten, Gölz und Hehm durch drei weitere Tore für den FSV. den Sieg sicher. — Der 1. FC. Rürnberg hatte vor 9000 Zuschauern im Zabo den bekannten DFE. Prag zu Gast und gewann knapp, aber verdient 3:2. — Bayern München bezwang vor 8000 Zuschauern ebenfalls am Samstag den mitteldeutschen Meister Dresdner SC. 5:2 (3:2). Richard Hofmann verteidigte mit wenig Erfolg, da die Süddeutschen sich in glänzender Form präsentierten.
Aeue deutsche Leichtathletik-Rekorde.
Bei einem Sportfest in Krefeld gelang es der Düsseldorferin Frl. Rotte, die bisherige Bestleistung im Hochsprung von 1,54 auf 1,58 Meter zu verbessern. — Bei den Kreis-Meisterschaften in Insterburg stellte Fritsch- Darkehnen im beidarmigen Speerwerfen mit 107,63 Meter einen neuen Rekord auf.
Kurze Sportnotizen.
Bayern 07 Nürnberg schlug im Wasserballspiel um die Süddeutsche Meisterschaft seinen Ortsrioalen 1. FEN. 3:1 und verteidigte damit seinen Titel erfolgreich.
Einen Weltrekord im Brustschwim - men stellte Leonhard Spence in Neuyork über 200 Hards mit 2:30,2 auf. Spence verbesserte damit feine eigene Bestleistung von 2:31,8 ziemlich erheblich.
Gin HauS für eine Tulpenzwiebel
Das holländische Blumenparadies.
Don unserem ständigen K-r.-Berichterstatter. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Amsterdam, im 3unL
Eine besondere Rote verleihen dem Stadtbild Amsterdams und anderer holländischer Städte, besonders an den recht zahlreichen Tagen, a* denen ein graues Wolkenheer über den Häusern hängt, die vielen Blumenhändler, die man in dieser Zahl selten wo anders finden dürfte. Blumen über Blumen werden außer in den zahlreichen Blumengeschäften an den Ständen und Karren feilgehalten, die man überall antreffen kann. Einen bedeutenden Teil der farbenprächtigen und duftenden Handelsware machen im Frühjahr die Blumen der Zwiebelgewächse aus, darunter in erster Linie die Tulpen, die jetzt noch zu einem Spottpreis erhältlich sind. Die späten, langstieligen Tulpen sind es. die letzten des Jahres; sie grüßen aus den Fenstern der Häuser, sie erfreuen noch für kurze Zeit das Auge der Menschen in den öffentlichen Anlagen Amsterdams. am Rembrandt- und am Leidscheplein, im Sarphati- und im Dondelpark. Ihr Ende findet für dieses Jahr auch bald die bunte Pracht draußen auf den Blumenfeldern zwischen Haarlem und Leiden, der sog. Bollen st reek (Bollenstrecke), die Holland den Beinamen des Bollenlandes (Landes der Blumenzwiebeln) eingebracht hat. Rur wenige Wochen, insgesamt etwa zwei Monate im Iahr dauert die Blumenhcrrlichkeit, erfreuliche Beigabe eines Zweiges der holländischen Wirtschaft, der von großer Bedeutung für das ganze Land ist.
Die Dollenstreek, die sich etwa 30 Kilometer lang zu beiden Seiten der elektrischen Schnellbahn Haarlem—Leiden erstreckt, umfaßt ein Gebiet von einigen Tausend Hektar Cant) in den Provinzen Rord° und Südholland. Geographischer Mittelpunkt dieses Gebietes ist der Ort Lisse mit etwa 8000 Einwohnern, der ebenso wie der vier Kilometer nördlich gelegene mit 12 000 Einwohnern größte Ort der Bollenstreek. Hillegom, rings von Blumenfeldern umgeben ist. Dort, wo sich jetzt die Blumenfelder erstrecken, hausten einst nut Hirten mit ihren Schafherden und Torfstecher, später lag hier die Gemüsekammer Amsterdams, bis schließlich die Blumenzwiebelzucht ihre endgültige Herrschaft antrat.
Die Kultur der Blumenzwiebel wird in Holland
bereits seit dem 17. Jahrhundert getrieben, aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelangte sie zu größerer Bedeutung. Im Herbst werden die Zwiebeln der Erde anvertraut. Dann gehen durch das von zahlreichen Kanälen durchzogene Land viele Männer, die die Dollen, in der Hauptsache Hyazinthen und Tulpen, daneben aber auch Rarzissen, Krokus, Scylla, Iris usw. in die Erde senken. Schutz gegen die Unbill des Winters bietet eine dicke Schicht Schilf, das, zu hohen Schobern ausgestapelt, der Landschaft im Frühjahr ein besonderes Gepräge gibt. Unter dieser Schilfdecke geht im Winter das Keimen vor sich; haben die ersten warmen Sonnenstrahlen das Land getroffen, dann wagen sich zunächst die Scyllas hervor, deren bald helleres, bald dunkleres Blau sich in das noch lichte Grün der Blätter mischt. Das Blühen hat begonnen! Bald bringen die Krokusse eine neue Rote in das Landschaftsbild; ihr Geld, Violett, Weih und Bunt gefeilt sich zu dem verschiedenartigen Blau der Scyllas. Die mit diesen Blumen bestellten Felder sind aber nur von verhältnismäßig geringem Umfang, so daß das Blühen noch keine Besucher hinauszulocken vermag. Leer und still sind Anfang bis Mitte März die Wege an der Dollenstreek. Wochen vergehen noch bis zu dem traditionellen „Bollenzo n da g", der eigentlich auf den zweiten Oftertag fallen sott, d. h., wenn es dem Wettergott gefällt. Ist aber Ostern früh oder ist der Winter streng und von langer Dauer wie der von 1928z29, dann verzögert sich das Blühen um mehrere Wochen. Eine erhebliche Verzögerung brachte auch der diesjährige kühle und regnerische Frühling mit sich. Dies war nicht nur im Freien, sondern auch in den geschützten Städten der Fall; so in Amsterdam, dem nordischen Denedig. wo bis Ende April, ja bis in den Mai hinein die Bäume an den malerischen Grachten ihre kahlen Zweige in den Himmel reckten und auf das Kommen des Dlumenfrüh- lings nur von den Kähnen am Singel geschlossen werden konnte, auf denen aus den Treibhäusern stammende Blumen feilgehalten wurden. Diese Blumenkähne entsprechen etwa den Aepfelkähnen, die die ersten Früchte des Iahres nach Berlin bringen.
Hat aber erst die Sonne endgültig die Herrschaft angetreten, dann bedarf es nur noch kurzer Zeit, um die denkbar schönste blühende Pracht in die Landschaft hineinzuzaubern. Ein Teppich, gewirkt aus den herrlichsten Farben, die sich auf der Palette des Malers finden, breitet sich dann über das Land. Mit jedem Tag treten
neue Farben hinzu, immer größer wird der Teppich, dessen grüner Grundtvn schließlich fast ganz im Farbenmeer verschwindet. Taus ende und aber Tausende von Hyazinthen blühen in allen Schattierungen von dunkel- und hellrot, weiß und gelb, violett und blau, einfach und doppelt. Ein betäubender Dust liegt über der zu neuem Leben erwachten Erde, so daß man schon auf große Entfernung das Blumenwunder ahnt. Und dann kommt die Zeit der frühes Tulpen. Fast über Rächt erschließen sie sich und feuerrot flammt es bald hier, bald da auf; orangefarbige und weiße, gelbe und bunte Farbflecke gesellen sich dazu. Kaum zu zählen finb all die Spiel- und Farbarten, die sich jetzt dem Auge des Beschauers darbieten. Auch die Osterglocken und Rarzissen wollen nicht zurückstehen; wie die Halme eines Getreidefeldes wiegen sich die Blütenstengel im Wind, der manchmal noch sehr rauh sein kann, sind doch die „Eisheiligen" noch nicht vorüber. Immer größer wird jetzt die Zahl der Besucher, die hinausströmen, um das sich jedes Iahre erneuernde Wunder zu schauen. Was Werder zur Zeit der Baumblüte für den Berliner, das ist die Bollenstreek nun für den Amsterdamer und Haarlemer, den Haager und Leidener, den Rotterdamer und Utrechter, ja für ganz Holland. Dazu kommen dann noch die vielen Fremden, die zum Teil mit Sonderzügen in langsamer Fahrt durch die Pracht geführt werden. Kaum können die öffentlichen Verkehrsmittel den Anhrang der Massen bewältigen; AU Fuß, zu Rad, im Wagen und Auto beoölfern die Menschen die Wege, die durch die Blumenfelder führen. Frohes Leben und Treiben herrscht überall, wohin man blickt. Für lächerlich geringes Geld kann man die schönsten Blumen erstehn, um auch daheim noch die Rachfreude des Geschauten zu genießen. Man schmückt sich selbst, fein Rad, Wagen oder Auto mit Girlanden aud Osterglocken oder Tulpen, deren Schönheit in Staub und Wind aber bald verbleicht. Iung und alt, arm und reich, hoch und niedrig gibt sich ein Stelldichein.
Aber auch das schönste Blühen nimmt einmal ein Ende. Roch sind die Hyazinthen nicht verblüht, da gehen wieder Männer durch das Land, die mit geübter Hand die Blüten abftreifen, nicht etwa die Dolden abschneiden, da dadurch die Entwicklung der Zwiebel beeinträchtigt wird. Die Blüten werden in Körbe geworfen, die dann am IRanb des Feldes oder in die Kähne entleert werden, die auf den Kanälen liegen. Rach den Hyazinthen kommt die Reihe an die Tulpen,
Lim die deutsche Fußballmeisterschaft.
Münchens Torwart Riemke wirft sich dem Schuß des Berliner Stürmers Hahn entgegen.
—
Sobeks Schuß wird über das Münchner Tor gefaustet.
Abendsportfest der Llniversität.
Das Institut für Leibesübungen an der LandeS- universität veranstaltet am Mittwoch, 24. Iurri, auf dem Universitätssportplatz ein Abendsportfest, an den neben den Studenten auch die Leichtathleten der hiesigen Vereine, der Spielvereini- gung 1900, des Vereins für Bewegungsspiele, die hiesigen Turnvereine und die Mannschaften des Reichswehrbataittons teilnehmen werden. Der Meldeschluß ist auf den 20. Iuni festgesetzt worden.
An leichtathletischen Wettbewerben sind vorgesehen: 100 Meter, 3000 Meter. 4x1000 Meter, eine Schwedenstaffel und 3X1000 Meter; außerdem gelangen Hochsprung, Weitsprung, Stabhochsprung, Kugelstoßen, Diskuswerfen und Speerwerfen zur Ausschreibung. Die Wertung der Wettkämpfe erfolgt nach den Wettkampfbestiin- mungen der DSB. Die Kampfrichter stellt die Universität, die einzelnen Vereine die Obleute zur Kontrolle.
Das Sportfest, an dem sich die hiesigen Vereine sicherlich sehr zahlreich beteiligen werden, dürfte einen spannenden Verlauf nehmen, der um so mehr das Interesse der Gießener Bevölkerung wachrufen wird, als gerade dieses Fest einen Maßstab für das Können der Gießener Sportler und Turner, der Soldaten und der Studenten unter sich barftetlen wird. Aus das Meldeergebnis kommen wir zu gegebener Zeit noch zurück.
Deutscher Rudersieg in Luzern.
Während sich am ersten Tage der internationalen Ruderregatta in Luzern die deutschen Teilnehmer nicht durchsetzen tonnten, gelang es am Sonntag der Mainz-Kasteler RG., den Großen Achter vor See-Club Luzern und Deutscher RD. Zürich für sich zu entscheiden. So»
beren Blumen abgeschnitten werden; ein Teil nur gelangt zum Verkauf, die übrigen wandern SU den Hyazinthen. Und zieht der Abend ins Land, dann liegen die flachen Kähne mit ihrer Blumenlast oft tief im Wasser, liegen die Blumen — kurz vorher noch Augenweide — zu Häuf. 2k>ch blühen die langstieligen Darwin- und andere Tulpen, aber auch ihre Stunde schlägt. Dort wo sich eben noch ein Teppich ausbreitete, so schön tote nur die Ratur ihn wirken kann, herrscht nun t>a8 fahle Grün der welkenden Blätter vor. Sind sie ganz vertrocknet, dann gehen wieder die Männer durch das Land, die die Zwiebeln aus ber Erde bergen und sie nach großen Aufbewahrungshäusern bringen. Ein Teil der Zwiebeln bient zur Vermehrung, die außer durch Saat bei ben Hyazinthen durch künstlichen Eingriff, bei ben Tulpen auf natürlichem Wege erfolgt und drei bis fünf, bei der Zucht aus Saat sieben 3abre in Anspruch nimmt. Ein großer Teil der Zwiebeln findet auch für den Versand nach aller Herren Ländern Verwendung.
Der Versand der Zwiebeln und nicht, wie so Diele annehmen, der Verkauf der Blumen, ist Hauptzweck der ganzen Zucht. Don ben Zwiebeln ftnb es besonbers bie ber Tulpen, bie sich überall einer großen Beliebtheit erfreuen. Rirgenbs aber bat biefe Beliebtheit einen solchen Grad erreicht, wie in Hollanb in bet ersten Hälfte bes 17. Iahr- hunberts. Die unsinnigsten Preise wurden damals für die Zwiebeln gegeben, ja bis zu 13000 Gulden standen besonders seltene Zwiebeln im Preis. Es war die Zeit, in ber die Tulpen als Spekulationsobjekt bienten unb als Zahlungsmittel verwandt wurden. Dies kündet z. B. der Giebelstein eines Hauses in Haarlem mht ben Worten: „Für eine Tulpenzwiebel kauf te ich dies Haus". Solche Preise wie ebebem werden beute für Blumenzwiebeln zwar sucht mehr angelegt, trotzdem spielen sie aber m der holländischen Wirtschaft eine erhebliche atolle. Richt weniger als 34 Millionen Kiko* gramm Blumenzwiebeln im Werte von 40 Millionen Gulden wurden 1929 aus Holland aus- gesührt, was 2 Prozent ber gesamten holländischen Ausfuhr bedeutet. Der größte Abnehmer Hollands nach dem Kriege sind trotz verschiedener Einfuhrbeschränkungen die Vereinigten Staaten, es folgen Großbritannien und Irland, Deutschland und Oesterreich, die skandinavischen Länder unb Dänemark, Rußland, Frankreich So gibt die Zucht ber Blumenzwiebel, die allein an der Bollenstreek in mehr als 50 Gemeinden getrieben wird, zahlreichen Menschen Arbeit und Brot.


