Ausgabe 
14.8.1931
 
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8reitag, 14. August 1931

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Ur. 188 Zweiter Blatt

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

4. Brünberg 13. Aug. Der im Ruhestand lebende Lehrer G.'Höchst wurde Mittwoch- morgen, als er auf einem Wagen ms Feld fuhr, von einem Schlaganfall betroffen der feinen |ofortigcn Tod zur Folge hatte. Lehrer Höchst wirkte vor ieiner Pensionierung im nahen Oden- ^chAusdernördlichenWetterau, 13.Aug. Nachdem Die Preise für Fettschweine monatelang auf rund 0,40 Mark für das Pfund Lebendgewicht ftan- ben sind die Preise seit zwei Wochen sprunghaft in Dir Hohe gegangen. Wahrend noch in voriger Woche 45 bis 48 Pf. bezahlt wurden, sind die Preise in dieser' Woche aus 50 Pf. und darüber gestiegen. Das Angebot übersteigt die Nachfrage. Die Ladenpreise für Schweinefleisch sind um 8 bis 10 Pf. in die Höhe gegangen.

Arcis Schotten.

? Schotten, 13.Bug. Wit der Wieder» besetzung der Kreisarztstelle kommen die schul­ärztlichen Untersuchungen in allen KreiSorten zur Durchführung. 3n früheren Jahren crftredten sich diese au- finanziellen Rücksickten nur auf wenige Orte de- Kreise-. Auch^ heute können noch nicht alle Kinder ärzt­lich untersucht werden, sondern nur bestimmte Jahrgänge Aber mit der Zeit werden sämtliche schulpflichtigen Kinder unter ärztlicher Kontrolle stehen. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, krank- heitSverdächtige oder schwächliche Schüler au- nichtuntersuchlen Jahrgängen der ärztlichen Un­tersuchung zuzufühten

\ Gedern, 14. Aua. Fast ein ganze- Jahr wird nun schon der hiesige Bahnhof vertretungs­weise durch Acich-bahnassistent Christian S t ö h r verwaltet. Seit 26. August de- Dorjahre- war Oberbahnhos-Vorsteher G i« r m a n n erkrankt. Sein Gesundheitszustand bedingte, daft er vorzei­tig in den Ruhestand treten muhte. Er verlieb am 1 Juli d. 3. unser Städtchen mit seinen Ange­hörigen, um nach Dad Liebenwerda i. S. Übrr- zusiedeln. Don seilen de- SisenbahnvereinS wurde für den Scheidenden eine schlichte Abschied-seier veranstaltet, in der seine hier geleistete Arbeit volle Anerkennung sand und ihm alle guten Wünsche für die Zukunft überbracht wurden. Zum Aachsolger wurde nun von der Reichsbahn­verwaltung ab 15. August Obersekretär Karl S ch r ö n von Al-feld al- Oberbahnhof-Vorsteher nach hier verseht.

Gedern, 13. Aug. Di« hiesig« Frei­willige Feuerwehr wird am Sonntag die Feier ihres 40jährigen De stehens be­gehen, damit ist zugleich der Bezirksseuer- wehrtag deS Kreise- Schotten verbun­den. Die Tagung wird durch einen Fest- gvtteSdienst eröffnet, an den sich eine gröbere Hebung mit Drandangriff anschliehen wird. Die Freiwillige EanitätSkolonne vom Roten Kreuz wird sich ebenfalls beteiligen. Die geschäftlichen Derhandlungen finden im GasthauS Zum Löwen" statt. Für den Rachmittag ist ein Festzug nach dem Marktplatz vorgesehen.

(Starfenburg.

WSN T> a r m ft a b t, 13. August. Nach der Heuti. Sen amtlichen Nachweisung hat die Maul» und lauenseuche einen erfreulichen Rück, gang zu verzeichnen. Es sind insgesamt nur noch 15 Gehöfte, und zwar im Kreise Bensheim sechs, im Streife Dieburg vier, und im Kreise Friedberg fünf Gehöfte verseucht.

Preußen.

Kreis Wetzlar.

XX Kinzenbach, 14. Aug. Landwirt Phi­lipp Schäfer vollendet morgen sein 84. Lebens­jahr und erfreut sich noch immer einer guten Ge­

sundheit. Der Hochbetagte ist nicht nur der älteste Einwohner, sondern auch der einzige 1870 7kr Detcron unserer Gemeinde. Landwirt Ludwig Schäfer, der 39 3ahre dem hiesigen Kirchen­vorstande angehörte, tft im Alter von 81 3ahren gestorben.

I Atzbach-Dorlar. 13 Aug. Die KreiS- shnode Wetzlar feierte in unserer Kirchen- gemcinde am letzten Sonntag das Synodal- Mission-fest. Am Dormittag fand ein M i f- sionsgotte-dienst in der Kirche zu Ah» bach statt, in dem MissionarBörger, der 23 3ahrc lang auf Mentawai (Holländisch-In­dien) wirkte, predigte und von seinen Erlebnissen berichtete. Der Festgolte-dienst am Rach» mittag sand in der Kirche zu Dorlar statt. Missionar Borger hielt die Festpredigt. 3n der Rachversammlung, die im alten SUo ft et- garten stattsand, sprach zuerst der neue Direktor Der Rheinischen Mission. Pfarrer Keppler. Barmen. Er wie- besonders auf die groben Auf­gaben der Mission, aber auch aus die Röte und Schwierigkeiten der heutigen Zeit hin. Ein Jung - srauenchor von Wetzlar und der Iungmädchen- verein von Dorlar verschönten das Fest mit ihren Gesängen.

l. Münchholzhausen, 14. Aug. In der letzten Gemeinderatsfitzung wurde über die Finanzierung des Kirchturm­bau eS beraten. Der Bau, von der Kirchenge­meinde und dem Gemeinderat grundsätzlich be­schlossen, ist mit 10 000 Mk. veranschlagt. Private Geldgeber wollen diese Summe der Gemeinde als Darlehcn zur Berfügung stellen zu einem Zinssatz von 5 und 7 Prozent. Die Gemeinde soll die Ber- zinsung und Amortisierung deS Kapitals über­nehmen. Der Gemeinderat erklärte sich mit dem Plan einverstanden.

I Oberkleen. 13 Aug. Das Synodal-Gustav- Adols-Fest der Kreissynode Wetzlar sand am letzten Sonntag hier statt. 3m Festfottesdienst hielt Psatrer R e r l i ch. Wetzlar, die Festpredigt. Er berichtet« von der evangelischen Bewegung

in Spanien. 3n der Rachversammlung gab Platter K u l k c. Riederkleen. einen Bericht über die Provlnzialvetsammlung deS Rheinischen Gustav-A^ilf-Betein- in Meisenheim. Psatrer Schmidt. Wetzlar, berichtete über die evange­lische Diasporaarbeit in Böhmen unb in Belgien. Die Kollekte erbrachte 93.70 Mk.

i Niederkleen, 12. Aug. Unter großer Betei­ligung fand am DicnStag die Beerdigung de­in der Klinik zu Giesten verstorbenen Postagen­ten Heinrich Mack III. statt. Der Berftorbene hat jahrzehntelang die hiesige Postagentur ver­waltet, war srüher lange Jahre Mitglied der Gemeindevertretung. des hiesigen Ort-gericht- und der Bürgcrmcifterciterfammlung der Bür­germeisterei Rechtenbach. Auch da- Amt deS Gemeindevorsteher-Stellvertreters hat er längere Zeit bekleidet. An feinem Grabe legten ein Ber- tretet des BerbandeS Deutscher Pvstagenten. ein Betitelet des Postamtes in Wetzlar, und Ober- Postmeister Liebig vom Postamt in Butzbach Kränze nieder.

Untcrlahnkrcis.

WSR. Diez (Lahn), 13. Aug. In RenterS- hausen (Westerwald) war ein dreieinhalb)übri­ges Kind in einen Brunnen gefallen. Zwei gleichaltrige Spielkameraden hatten di« Geistesgegenwart, den ver­sinkenden Jungen beim Wiederauf- tauch en zu packen und herauS- z u z i e h e n. Als auf ihre Hilferufe ein gröbe­res Mädchen hinzukam. hatten sie ihr Rettungs- Werk schon vollendet.

Maingau.

WSN. F r a n f f u r t a. M. 13. Aug. Das Landes- Arbeitsamt Hessen (Bezirk Hessen unb Hessen-Nassau), das seither in der Moltke-Allee 22/24 untergebracht war, ist dieser Tage nach Frankfurt a. M.-Eüb, Gartenstraße 140 (neues Verwaltungsgebäude der Ortskrankenkasie) u m g e z o g e n. Die rpuc leie- phonnummer des Landesarbeitsomtes Hessen ist 62044 (Amt Frankfurt a. M.).

SJL-'Spoit

Volkstümliche Wettkämpfe des MTV.

Der Männertumverein Gieften veranstaltet am Samstag. 22.. und Sonntag. 23. August, auf dem herrlich gelegenen Waldsportplatz des Bersins für Bewegungsspiele eine große sportliche Ber- anftaltung, volkstümlich« Wettkämpfe, zu denen sich die Leichtathleten aus dem Lager der Deut- fdym Turnerschaft und den Sportvereinen unterer näheren Umgebung ein Stelldichein geben werden. Das Sportfest sieht ein umfangreiches Programm vor. Am Samstagnachmittag werden di« Iugend- kämpfe ausgetragen, für den Abend ist eine schlichte BegrüyungSfeier vorgesehen. Am frühen Morgen des Sonntags beginnen die Dreikämpfe, an di« sich die Bor- und zum Teil auch schon die Sntscheidungskämps« in allen Klassen der Turnerinnen und Turner anschliehen werden. Die hauptsächlichsten Ent­scheidungen fallen am Sonntagnachmittag. Di« Siegerverkündigung wird den Tag beschliehen.

Die Ausschreibung verzeichnet folgende Wettbewerbe:

Die A»3ugenb (Jahrgang 1913 bis 1914) tritt zu 100 Meter. 1000 Meter, Hochsprung. Kugelstoßen, zum Dreikampf und zur 4x100- Meter-Stasfel (Kurt-Kausmann-Gedächtnis-Wan- derpreis) an. Die 6-Jugend bestreitet 100 Meter, Weitsprung. Schlagballweitwurf, den Dreikampf und die 4xl00-Meter-Stafsel. Für die Turner-Unterstufe sind 100 Meter, 400

Meter, 1000 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen, Speerwurf, ein Dreikampf und eine 4X100-Meter- Staffel genannt. Außerdem wird eine Schweden- Staffel gelaufen. Für die Mittelstufe sind 200 Meter, 800 Meter, Hochsprung, Schleuderball­wurf und Kugelstohen vorgesehen. Die größte Anzahl an Wettkämpfen haben die Turner der Oberstufe zu bestreiten. Ihnen bietet sich die Gelegenheit, über 100. 200. 800, 1500, 3000 und in einer 4X100-Meter-Staffel die Kräfte zu messen. Außerdem find Weit-, Hoch- und Stab­hochsprung ausgeschrieben, Kugelstohen, Speer- wurf. Diskuswurf, ein Dreikampf und eine Olym­pische Staffel sieht daS Programm außerdem vor.

Die Turnerinnen-Iugend bestreitet 75 Meter und 4X75 Meter, dazu Hochsprung, Schlagballweitwurf und den Dreikampf. Die Unterstufe kann über 75 Meter, zum Weitsprung, zum Kugelstoßen und zum Dreikampf antreten. Die Oberstufe verzeichnet 100 Meter, Weitsprung, Hochsprung. Kugelstoßen, den Dreikampf. Speer- toutf und die 100-Meter-Staffel.

Zu dieser großzügig angelegten Beranftaltung erwartet der hiesige Blaimerturnberein Gäste und Teilnehmer auS den maßgebendsten Berelnen des Mittelrheinkreises, insbesondere hofft man, die Leichtathleten der Frankfurter Turnvereine zahlreich am Start zu sehen. Außerdem erwartet man auch die Leichtathleten der Sportvereine der näheren und weiteren Umgebung. An den

Wettkämpttn werden sich naturgemäß die beiden hiesigen Sportvereine, di« Lpielvercinigung 1900 und der BfB., zahlreich beteiligen, schließlich dürf­ten der Turnverein 1846, die Univerlttät, eventuell auch die Reichswehr vertreten fein.

Der 7Ntv. veranstaltet diese volkstümlichen Wettkämpfe zum erstenmal

und hat «S sich zur Ausgabe gemacht, den Teil­nehmern den Aufenthalt in Dießen so angenehm wie möglich zu machen. Für die Sieger liegen wertvolle Preise bereit. An die Sieger der Dtei- kürnpse gelangen Plaketten, an die siegenden Staffelmannschaften wertvolle Wanderpreise, große künstlerische Bronzeplaketten und Urkunden zur Berteilung. Die Sieger der Einzelkämpfe erhalten Erzplaketten und Urkunden. Die 'Wett­kämpfe werden bei jeder Witterung au-getragen. Für die Bewertung der Leistungen steht ein zu­verlässige- Kampfgericht zur Berfügung. AiS Meldeschlufttermin ist der 16. August genannt Auf den Berlauf der Beranftaltung. auf die Sr- Sbniffc der Wettkämpfe darf man gespannt sein.

us daS Meldeergebnis kommen wir zum ge­gebenen Zeitpunkt noch zurück.

(SpielDcreintgung 1900 Gießen.

Die Blauweihen eröffneten die neue Saison mit einem Gesellschaftsspiel gegen den Sport­club Wiesbaden-Dotzheim, eine süddeutsche KreiS- ligamannschaft. Man spielte beidcr'eitS mit zahl­reichem Ersatz und sind demgemüh auch die Leistungen zu betoc r:«n, die keineswegs erbaulich waren. Die Gäste spiel'.en den flacheren Fußball. 1900 war jedoch sehr eifrig. Wiesbaden spielt« biS zur Paus« ständig leichi überlegen. Der we­nig schuhgewalliae Sturm war aber mit einer Ausnahme zur Erfolglosigkeit verurteilt. Dieser Trefser fiel aus einem Gedränge vor dem Tore. Der Ausgleich der Hiesigen lieh aber nicht lange auf sich war.en. Best war der Schütze des Aus- gleichslreffers. Beiderseits versiebt« man einen Groftteil der günstigsten Ehancen. Besonder- die Blauweihen taten sich darin nach dem "Wechsel mit dem Rückenwind des Guten zu viel. Endresul­tat 1:1 (Halbzeit 1:1).

Di« Ligareserve war durch Abgaben an di« Liga und durch sonstig« Ausfälle allzusehr ersatz­geschwächt nach Weilburg gefahren und konnte eine Riedcrlage nicht verhindern. Der Gastgeber siegte 6:1 (Halbheit 2:0).

Die Lehrmannschaft blieb in Garbentelch gegen die dortige 1. Mannschaft mit 5 3 Treffern sieg­reich (Halbzeit 3:1). Diese vorjährige erst« Iugend- mannschaft berechtigt zu den besten Hoffnungen.

1900s vicr:e Elf war au schwach ausgestellt, um gegen Lollars zweite Mannschaft erfolgreich ab» schneiden zu können. Die Gießener unterlagen mit 5:2 (Halbzeit 4:0).

Am BersassungStag trat die Ligamannschast dem Sportverein 06 Alsfeld entgegen und verlor abermals gegen diesen Gegner. Die Einheimischen lieferten eine recht unglückliche Partie. Rach an­fänglich überlegenem Spiel der 1900er wurde Alsfeld zusehends besser. Die Blauweihen führten zuerst mit 2:0. Ein Fehl« deS Torwarts und ein Handelfmeter brachten Alsfeld den Ausgleich. Beim dritten Treffer über sah der Schirr die glatte Abseitsstellung des einleitenden Links­außen Alsfelds. Beim letzten Treffer versagte die Aufmerksamkeit des Giehener Torhüters. AlS- seld siegt« 4:2 (Halbzeit 1:2), ein Unentschieden hätte den beiderseitigen Leistungen eher ent­sprochen.

Die Lehrmannschaft stellte ihre augenblickliche gute Form erneut unter Beweis. Diese- Mal muhte W-eseck- erst« Mannschaft daran glauben. 9:1 siegte 1900 (Halbzeit 4:0).

DieAlten Herren" spielten gegen die Schieds­richter und verloren 1:2 (Halozeit 0:0).

Schwimmfest in Laubach.

Am Sonntag fand im Schwimmbad zu Laubach eine große schwimmsportliche Beranftaltung statt.

Das bißchen Erde.

Vornan von Richard Skowronnek.

Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.

5 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Sieh mal. Lentz, und hör mir vernünftig zu, gestern war- eine halb« Kinderei, aber heute ist- Ernst, nach dem, was mir geschehen ist, kann ein Mann von Ehre nicht weiterleben. Der Baron von Köhnemann hat mich heute vor­mittag tätlich beleidigt und verweigert mir jetzt die Genugtuung. Ich habe den Borfall meinem vorgesetzten Bezirkskommandeur gemeldet. Er gab mit den Rat, meinen Gegner mit der Reitpeitsche aut Sati-saktion zu zwingen, und als ich darauf sagte: .Herr Ofcerftleutnam, das geht nicht, ich kann mich doch nicht an dem Batet des jungen Mädchens vergreisen, das ich bis heute als meine Braut ansehen durfte', zuckte er mit den Achseln, ,3a dann, Herr Graf, bleibt 3hnen nichts andres übrig, als den Spruch Ihrer Ka­meraden anzurufen. Aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, wie dieser Spruch lauten wird: Bkr einen Fleck am Frack hat, muh ihn ausziehen. Das überlegen Sie sich wohl recht gründlich, ehe Sie weitere Entfchlüss« fassen' ... Damit ging ich in den S.relitzet Hof, traf die ganze Um- gegenb so ziemlich, denn heule war ja Zohlen- marft gewesen, und es war ein toller Betrieb in der alten Bude. Alles trank mir zu. niemand hatte eine 'Ahnung, was mir passiert war. Und ich trank mit. Die andern brauchten ja nicht zu wissen, dah es für mich ein Abschied war. Aber nach der ersten Flasche Sekt wollte es mir schei­nen. als wäre alles gar nicht so schlimm. Ir­gendwo muhte es doch ein Mittel geben, aus der Berschmetterung mit Anstand herauszukommen ...

Als die andern sich zum Spielen hinsehten, nahm ich mir den Panschenhagener Bredow bei- seue den Aelteren, weiht du. der auch mit mir tn der Reserve von den Friedeberger Dra­gonern steht. erzählte ihm die ganze Geschichte und bat um sein Urteil. Der Bezirksiommandeur hätte mir zwar schon feine Meinung gesagt, der Tüfchowet heute nachmittag ebenfalls, aber di« wären ja wegen ihrer überschroffen Ansichten be­kannt. Und ich bat ihn. es nicht als Feigheit an- zusohen. Wenn man dreiundzwanzig Jahre alt ist. so sagte ich ihm ungefähr, bäumt sich- doch einem da innen auf. wenn man so Hundföttisch Schluh machen soll. Man hofft, es könnte viel­leicht doch noch einen anständigen Ausweg ge­ben ...

Also der Panschenhagener hört mir au. nur seine Augen werden immer gröher. Wie ich fertig bin. fragt er. ob sich das alles wirklich so zugetragen hätte, und als ich natürlich ja sage, stehl er auf: .Dann. Herr Graf Römnitz, wundere ich mich nur, daß Sie sich erlaubt haben, heule abend noch in unserer Gesellschaft zu er­scheinen. Ich gebe Ihnen die Bersicherung, da ist niemand darunter, der nicht ganz genau wühle, was er in einem solchen Fall zu tun hätte' ...

Ich sag:« nur: .Scharmant. Herr von Bre­dow, das wollt« ich von Ihnen hören. Grüßen Sie mir die andern Herren, ich reite jetzt nach Haus« und werd« Sie nicht mehr behelligen, außer noch bei einer Gelegenheit, bei der Sie nicht persönlich zu erscheinen brauchen. Sie kön­nen es mit einer Bi fiten forte abmachen und einem Kranz an di« Adresse meines Herrn Onkels in Hohenrömnitz/ Damit ließ ich meinen Wotan verjähren, bezahlt« meine Rechnung, und hier bin ich jetzt, hab' dir alles genau erklärt. Wenn du nicht so eine treue alte Seele wärst, hätte ich nicht den langen Sermon gehalten, aber jetzt ist- genug. Jetzt gib den Platz srn. oder ich muh so leid es mir täte Gewalt anwenden."

Herr Gras", erwiderte der Alt« respektvoll. «S is das erstemal in meinem Leben, wo ich gegen meine gnädige Herrschaft in Ungehorsam dastehe. Aber es bleibt dabei! Bon diesen Ehrensachen verstehe ich nichrs. nur befürwort« ich. di« Herren, bie so den Mund auf reiften, urteilen wie ein Ochs über den Geschmack von einer Muskatnuß. Ausprobieren taten sie es noch nich. wie es schmecken mag. wenn man als ein junger Mensch aus dem Leden gehen fall, und hat noch nichts davon gehabt. Unb ich 'tage weiter, wie kann ein Mensch bem andern bie Ehr« abfchn«iden. wo er selber keine hat? Der Herr Baron von Köhne­mann aber hat keine Ehre mehr, benn damals, als ihm mein seliger Herr Rittmeister unter vier Augen das Fell vergerbt« wegen seiner Riedcrträchtigkeiten und so, hat er sich ganz ruh-g verhalten hinterher unb keine Forderung nach Bellahn geschickt, sonst mühte ich- doch wissen. Also, wenn man urteilt, wie die Herren urteilen, hat er keine Ehre mehr, unb wenn er «inen beleibigt, gilt «s nich. Das ist, als wenn ein Dorfköter bellt, hat immer mein seiger Herr Rittmeister gesagt, unb wenn der Herr Graf bas dem Herrn Bezirkskonnnanbeur unb bem Pauschenhagener unter bie Ras« reiben wollten, möchten sie wkchl klein beigeben unb nich mehr so großspurig mit Menschenleben um sich schmei­ßen. Mit Menschenleben! Als toerm man die sich auf'dem Markt neu kaufen könnte wie ein Paar Stiesel, unb bie alten laugen nichts mehr unb lvl" ...

Lentz hatte sich in einen heiligen Eifer ge­sprochen, sein junger Herr aber zuckte nur mit ben Achseln.

Das finb billig« Ausflüchte, wirb jeder sagen, bie mir hinterher eingefallen sind. aber, schließlich hast du recht. Man kann mal probieren, ob bie anbern nicht braus anbeißen. Unb jetzt wollen w r schlafen gehen, morgen ist ja auch noch ein Tag." Er tat. als wenn er mübe wäre, hielt gäftnenb die Hanb vor ben Munb. Unb fast wäre bet Alte ihm barauf hereingefallen. Schon wollte er sich mit kurzem Gruße zurückziehen. alS es ihm plötzlich auffiel, baft Graf MalteS Augen mit einem Male aufleuchteten. Unb solche flackern- ben Augen hatte keiner, der müde war . .. Da kehrte er wieder um, stellte sich, ohne ein Wort zu sprechen, auf seinen alten Platz. Graf Malt« aber g.ng auf unb ab; man konnte beutlich hören, wie er vor Zorn mit ben Zähnen knirscht«. Und plötzlich kam ein dumpfer Wehlaut aus seiner Brust, er warf sich auf den Widerspenstigen, der chm den BJeg versperrt«, es gab ein heftige- Ringen. Er hatte den Untergriff, ber Zorn ver­lieh ihm schier übermenschliche Kräfte, und es dauer e nur ein paar Augenblicke, bis sein Geg­ner mit dem Kopf« gegen die Schreibtischkante flog. Er aber durchwühlte Tnit fliegenden Hän­den seine Taschen nach dem Schlüssel zum Ge­wehrschranke. Da fing Lentz an, laut zu rufen: Zu Hilfe, Miken, zu Hilfe!" Senn allein wußte er sich feinen Rat mehr ...

Die Alte aber war längst schon zu Bett ge­gangen, hatte dem Wotan einen Klapps gegeben, baft er sich bie Dammallee entlang zum Stalle Itollte. Auf ber zugigen Freitreppe war es bitterkalt geworben, unb die beiden oben im Schreibzimmer wurden wohl auch ohne sie fettig, vielleicht hatte Lentz nur wieder einmal Ge­spenster gesehen. Als sie jedoch ben lauten Hilfe­ruf vernahm, lieft sie sich kaum Zett, in den Unterrock unb die Filzpantoffeln zu schlüpfen, hastete eilends bie Treppe empor. Graf Malte schrie sie heftig an. als sie mit dem Lichte in bet Hand auf ber Schwelle stanb, sie aber konnte kein Wort hervvrbringen vor Schreck, blies nut bas L.cht aus und schlich zitternd zum nächsten Stuhle. Unb waS Männerworten und Benumft- gxünben nicht gelungen war. schaffte sie mit Litern schier fassungslosen Weinen. Wie ein Häufchen Unglück saft das jammernde alte Iüng- fewlein in bem tiefen Ledersessel neben bem Schreibtische, in einem Aufzuge, in dem sie sich Dar Mannsaugen wohl noch nie in ihrem Leben gezeigt hatte. Unaufhaltsam rannen ihr bie Trä­nen über bas runzelige Gesicht, unb weil sie in ber Angst unb Aufregung das Taschentuch ver­gessen hatte, putzte sie sich bie Rase mit ihrem

flanellenen Unterrod«. Graf Malte aber muftte trotz allem Kummet unb Zorn mit einem Male aus lachen bei bem rühtendkomischen Anblicke, unb weil inzwischen auch bie bösen Weingeister ver­flogen waren, schlug sich von biesem Lachen eine Brücke zu ruh gerer Ueberlegung. Unb wer wollte es ihm mit feinen dreiundzwanzig Jahren ver­denken. baft sich in seinem Herzen zugleich eine ganz leise Hoffnung zu regen begann? Wenn baS Wahrheit war, was ber Alte vorhin erzählt hatte, baft bet Baron von Köhnemann schon seit Jahren einen Schimpf herumtrua, ben er nicht abgewaschen hatte, gab eS vielleicht boch noch einen mit Ehren zu beschreitenden Weg. ber aus aller Rot wieder ins Helle zurückfuhrte. Wenn aber nicht, wat eS ja immer noch Zeit, die unabweisbare und nach altem Herkommen vor geschriebene Schlußfolgerung au ziehen. Ber- argen konnte es ihm niemand, baft er nicht leicht­fertig unb halb im Rausche an bie Ausführung des letzten Entschlusses gegangen war, ben ein Mann auf dieser Welt zu fassen hatte. Unb wer mochte wissen, wie all bie aufrechten Herten, die über seinen Fall so kühl aburteilten, sich wohl benehmen würden, wenn sie baS Schicksal in bie gleiche Lage ver'etzte? Ob sie nicht auch viel­leicht nach einem rtttenden Ausweg suchten, bet ihnen das Weiterleben ermöglichte, und ob sie wohl nicht die Beigung verspüren würden, im eigenen Falle milder zu richten alS in einem fremden? Zutückgekommen war ja noch ferner, bet an sich selbst da- Urteil vollstreckt hatte, um au erzählen, ob er ohne Zaudern die inS DunN« führende Strafte beschritten hatte ... Außerdem aber, und das wat wohl ber triftigste aller Grünbe. fein Leben gehört« ihm ja nicht allein! Da brüben in Alten-Krakow saft eine, bet er sich angelobt hatte und die ohne Schutz zu- rücfbticb, wenn «r von bannen ging. Zum min* besten hatte sie boch ben Anspruch, baft er Ihr noch einen letzten Gruft schickte und chre Ber* zechung erbat, wenn er das Gebot ber Ehr« höhet stellen mußte als alle übrigen Psllchten ...

Lentz hatte sich mühsam nach dem schmerzen­den Sturze erhoben, wischt« sich bi« blutende Sl rn und trat, ohne ein Wort zu sprechen, vcr den Gewehtfchrank. sperrte ben unheilvollen Weg mit seinem breiten Rücken. Ganz selbst- verstänblich war es. baft et toieber an biefen Platz ging, und kein Bortourf war in seinem Gesichte zu kfen. Wie ein wachsamer alter Hof­hund stand er da. ber von seinem ungerechten Herrn für einen guten Dienst der Treue mit einem guft:title belohnt worben ist. Das lat sehr weh natürlich, ober deswegen durst« man doch nicht auf begehren ober gar seine Pflicht versäumen... (Fortsetzung folgt.)