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Ausland Veit Krieg erklärt habe, um in einem Kamps gegen den Zarismus die deut­schen Sozialdemokraten mitzureihen, daß der öster­reichische Außenminister Gras Berchtold Ser­bien auf jeden Fall habe reizen trollen, um Oesterreich die Möglichkeit zum Ein­marsch au verschaffen, daß vier oder fünf Per­sonen in der .Dunkelkammer des Berliner Aus­wärtigen Amtes" Beschlüsse gesaht hätten, die Deutschland ins Verderben führten, und daß englische Dermittlungsvorschläge a limine abgelehnt, verschleppt oder sabotiert worden seien usw. Auch Oesterreichs I Ultimatum an Serbien sei vorher in Berlin

bekannt gewesen. Die französische Presse verzeichnet mit Genugtuung, daß damit d i e Schuld Deutschlands am Weltkriege nur einmal mehr bewiesen fei. Der .Matin" sagt u. a.: nach den Ausführungen Bü­lows könnten Gras Bernstorfs und Dr. Curtius getrost die Wiederaufnahme einesPro- z e f f e s betreiben. Es werde in Zukunft nicht meßr nötig sein, sich auf voluminöse Schriftstücke zu stützen; als sichere Beweisstücke würden viel­mehr die Erinnerungen Bülows ge­nügen, um das Gericht den Weg der Gerech­tigkeit und der Wahrheit finden zu lassen.

Was pole» aus -re deutsche Beschwerde autwortet.

Warschau, 13.San. ($11.) Die polnische Presse verof.entlicht heute den Inhalt der pol­nischen Antwortnote auf d i e deut­schen Beschwer devoten an den Völ­kerbund. Die polnische Bote besteht danach aus vier Teilen. Im ersten Teil wird nachzu­weisen versucht, daß die Aktion der Reichsregie- rung den' in Minderheitenfragen zulässigen Rah­men überschritten habe und dah die deutsche Rote den Charakter einer unmittelbaren politischen Aktion trage. Das Verhalten der Reichsregierung habe die leidenschaftlichte Kampagne der deutschen Presse und öffentlichen Meinung, die sich aus erdichtete und übertriebene Tatsachen stutze, verstärkt.

Der zweite Teil der Rote geht auf die Vor­würfe wegen des Wahlterrors in Ober- schlesien ein. Es wird versucht, diese Vorwürfe an Hand von Material zu widerlegen. Die tiefe­ren Ursachen einer gewissen Erregung der Geister in Oberschlesien während der Wahlzeit seien in der Reaktion zu suchen, die in der polnischen öffentlichen Meinung durch den Terror gegen d ie durch keine Minderheiten­verträge geschützte polnische Min­derheit in Deutschland und durch die politische Aktion Deutschlands ge­gen den polnischen Staat als Ganzes ausgelöst worden sei. Dies habe in der polnischen Oefsentlichkeit Unruhe hervorgerufen und die deutsche Minderheit gehindert, dem polnischen Staat gegenüber ein loyales Verhältnis zu finden.

Im dritten Teil wird der Versuch gemacht. Be­weise zu erbringen, daß die Vorfälle während der Wahlzeit in Oberschlesien den Rahmen von Wahlzwischekfällen, die eine Folge derPar- teikämpfe darstellten, nicht überschritten hät­ten. Diese Zwischenfälle könnten nicht mit Wahl­zusammenstößen in anderen Ländern, bei­spielsweise in Deutschland, verglichen werden, wo die Erhitzung der politischen ßeiben» schaften größeren Umfang angenommen und eine Anzahl von Opfern an Toten und Verwundeten nach sich gezogen habe.

Zum Schluß gibt die polnische Regierung dem Völkerbundsrat die Anordnungen der Lokal- und Zentralbehörden bekannt, die in Zusammenhang mit den Zwischenfällen in Oberschlesien verfügt worden seien. Die polnische Rote, so heißt es endlich, stütze sich auf ein umfangreiches Beweis- material, das in 10 Anhängen zusammen gefaßt ist.

Hierzu erfährt die Telegraphen-Hnion von zuständiger Stelle: Der von polnischer Seite unternommene Versuch, den deutschen Be­schwerden einen politischen Anstrich zu geben, dient nur der Verschleierung der wirklichen Sachlage und ist gleichzeitig eine Anerkenntnis der Schwäche des polnischen Standpunk.es. Die deutschen Beschwer­den sind nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbst­zweck, um der deutschen Minderheit den Schuh zu gewährleisten, den sie auf Grund der von den Polen übernommenen Verpflichtungen eigent­lich haben müßten, aber tatsächlich nicht hat. E s gibt keinen Terro r gegen die pol­

nische Minderheit in Deutschland. Bei den wenigen Verstößen geringer Ratur und lokaler Bedeutung, die gegen die polnische Min­derheit als solche gerichtet gewesen sind, hat die deutsche Polizei stets rücksichtslos durch­gegriffen, sofort Untersuchungen eingeleitet und die Schuldigen der Bestrafung zugeführt. Umgekehrt hat in Ostoberschlesien sich der Terror nicht nur unter Duldung, sondern teilweise sogar unter aktiver Begünstigung der pol­nischen Polizei abgespielt. Ein Vergleich zwischen den beiderseitigen Formen der Minder­heitenbehandlung kann also nur zu ungunften Polens ausfallen und ist nicht geeignet, die unerhörten Vorgänge in Ostoberschlesien zu recht- fertigen. Die deutschen Minderheiten in Polen würden glücklich sein, wenn sie der Behand­lung teilhaftig würden, die die polnische Minder­heit in Deutschland genießt.

Kein Glück

mit Enilastungsprozeffen.

Lieden deut che Angeklagte freigcsprochen.

Kattowitz, 13.San. (WTB.) Vor dem Be­zirksgericht in Kattowitz fand heute ein Prozeß statt, der in mancher Hinsicht an den Golassowitzer Fall erinnert. In der Wahlzeit wurden in Zalenze in einer Gastwirtschaft die Gebrüder Gregorzyk und fünf ihrer Arbeitskollegen von Aufständischen der­art mißhandelt, daß sie mit schweren Ver­letzungen ins Krankenhaus überge­führt werden mußten. Eigenartigerweise wurde gegen die Brüder sowie ihre fünf Begleiter, die sich lediglich in Notwehr befanden, ein Strafoef- fahren wegen Hausfriedensbruches und schwerer Körperverletzung einge­leitet. Die Beweisaufnahme ergab aber eindeutig die völlige Haltlosigkeit der Beschuldigun­gen. Nach Schluß der Zeugenvernehmung äußerte der Vorsitzende fein Befremden darüber, daß sich die Angeklagten in Untersuchungshaft befänden, -fioch einer auffallend kurzen Beratung wurden sämtliche Angeklagte freigesprochen.

polnische Aufständische vor Gericht.

Wegen brutaler Mißhandlungen verurteilt

Rybnik, 13. Ian. (WTB.) In dem gleichen Gcrichtsgebäude, in dem gegen d i e Golasso­witzer Angeklagten verhandelt wurde, hat in aller Stille eine weitere Gerichtsverhandlung stattgefunden, die sich mit den Terrorakten in Zb er.Wilcza befaßte. Angeklagt waren die Ausstandiscken Dzierzama, Las, Winch und Kosteczko. Die Angeklagten hatten am 15. November auf Veranlassung des Gemeindevorstehers Wiosna von Ober-Wilcza den Vertrauensmann der Deut­schen Wahlgemeinschaft, Landwirt Joseph Greitzke, einen 60jähr,gen Mann, in abscheulicher Weise mißhandelt. Nachdem sie ihn zunächst mit einem Automobil entführt und öfters mitErschießenbedroht hatten, mußte Greitzke seine Füße entblößen, woraus ihm der An-

Washington braucht jeden Dollar.

Kein Gedanke an eine Gchuldenherabsetzung, sagen die Politiker.

Reu York, 13. Ian. ($11.) Alle führenden Blätter berichten aus Washington, daß weder das Schatzamt, noch das Staatsdepartement auch nur im entferntesten daran däch­ten, ihre Haltung in der interalliierten Schul- denfrage zu ändern. Die Aussichten für eine Schuldenherabsetzung seien gerade jetzt um so geringer, als die Regierung jeden herein- kommenden Dollar benötige, wenn die in Angriff genommenen und noch geplanten Rot- standsarbeiten in vollem Umfang durch­geführt werden sollten.

In ihren Meinungsäußerungen stehen die ame­rikanischen Zeitungen auf der Seite Wiggins. DieRew llZork Times" erinnert daran, daß schon Mellon vor einigen Iahren erklärt habe, ein wirtschaftlich gesundes Europa sei für Arne- . rifa wertvoller, als die Einziehung sämtlicher Kriegsschulden. Gegenwärtig wollten jedoch, so erklärt das Blatt, weder der Kongreß, noch die amerikanische Regierung diese Binsenwahrheit anerkennen. Die Frage der Herabsetzung der Kriegsschulden sei noch nicht erörterungsreif. Die gesunde Klar­heit und Nüchternheit der Gedanken Wiggins werde sich durchsetzen, sobald wieder eine Herr­schaft der Vernunft aufgerichtet fei. Die New Vork World" nennt den Wiggin-Dericht die schärfste Verurteilung der Wa­shingtoner Verdunkelungspolitik. DasSournal of Commerce" meint, dah eine geradezu unerklärliche Furchtsamkeit die einsich­tigen Politiker hindere, die Führung zu über­nehmen und dem Volke die Wahrheit zu sagen.

London bleibt skeptisch.

Es muß viel schlimmer kommen, che Amerika zur Einsicht w nmt.

London, 13. Ian. ($11.) In der englischen Presse findet die Erklärung des früheren ameri­kanischen Botschafters in Berlin, Gerard, der daran erinnert, daß er schon im Dezember den Zusammenbruch verdeutschen Repa­rationszahlungen innerhalb von 18 Monaten und daran anschließend die Forde­rung Europas nach einer Revision der Schul­denabkommen vorausgesagt hätte, Beachtung. Den Eindruck in London faßt dieMorningpost" da­hin zusammen, daß man den von Zeit zu Zeit in Amerika immer wieder auftauchenden Äuße­rungen über eine Revision der Schuldenabkommen zu viel Bedeutung beilege. Immerhin sei es sehr interessant, dah diese Aeußerungen von verantwortlichen Finanzleuten in Amerika gemacht wurden. Roch vor acht Iahren hätte man in Washington in solchen Erklärungen lediglich einen Versuch Englands gesehen» sich

seinen Verpflichtungen zu entziehen. In Amerika gewinne jetzt die Auffaffung die Oberhand, daß die ursprünglichen englischen Ansichten i m InteressedergesamtenWelt lägen. Die Times" sagt: Die Aeußerungen des Präsidenten Wiggin beweisen nichts weiter, als dah einige Fmanzleute liberalere Tendenzen tjabm als die Politiker. Die Lage wird sehr viel schlim­mer werden müssen, ehe die Politiker bereit fein werden, zuzugeben, daß die USA. eine offiziell abgeschlo, sene Rechnung erneut prüfen foh­len, ober die amerikanische Regierung bereit fe'.n wird, eine Empfehlung In diesem Sinne zu machen.

Oie W rtschastskrisis in England.

Sparsamkeit oder grotz;üg'geS Arbeitsprogramm?

London, 13. Ian. (WTB.) Am 27. Ianuar soll mit einer großen Versammlung in Conton ein Feldzug zugunsten größerer Spars amkeit bei staatlichen und kom­munalen Ausgaben eingeleitet werten. Die Bewegung trägt nicht parteipolitischÄck Charakter, was schon daraus hervorgeyt, dah der Liberale Lord Grey und der Konservative Sir Robert Home, ein vormaliger Schahkanzler, zu den) Rednern gehören.Moming Post" erklärt, eS sei klar, daß keine der politischen Parteien sich zur Annahme eines großzügigen Sparsamkeits­programmes entschließen werde, wenn nicht die öffentliche Meinung einen energischen Druck ausübe.

Der bekannte Wirtschaftssachverständige Key­nes sagte dagegen in einer Rundfunkansprache, das wahre Heilmittel für die herr­schende große Arbeitslosigkeit bestehe nicht in gesteigerter Sparsamkeit, sondern im Gegenteil in großzügiger Verwendung des Geldes. QSer 5 Shilling täglich spare, mache damit einen Mann füt einen Tag arbeits­los. Am besten wäre es, wenn umfassend« Plane aufgestellt würden, z. D. Baupläne. Statt die Arbeiter der Rot preiszugeben und sie von der Arbeitslosenunterstützung abhängig zu machen, wäre es besser, ganz Süd-London von Westminster bis Greenwich einzureihen und neuer und schöner aufzubauen. Key­nes betonte, wir find nicht untüchtig, wir sind nicht arm. Wir leben nicht von unserem Kapi­tal, ganz im Gegenteil. Unsere Arbeiter und un­sere Fabriken sind viel leistungsfähiger! als früher. Unser Rationaleinkommen vermehrt sich sehr schnell. Wir leiden nicht an greisenhaf­tes Schwäche, sondern an Kinderkrank­heiten.

geklagte Dzierzawa mit einem Lederriemen auf die nackten Fußsohlen schlug. Die Beweisaufnahme ergab einwandfrei den geschilder­ten Tatbestand. Der als Zeuge geladene Gemeinde­vorsteher Wiosna verweigerte die Aussage, worauf der Staatsanwalt Zechenter (Rybnik) mitteilte, daß er gegen ihn ein gesondertes Verfahren in dieser Sache einleiten werde. Das Gericht verurteilte unter dem Vorsitz von Dr. Stawarski den Hauvtangeklag. ten Dzierzawa zu 6 Monaten Gefängnis, Las und Winch zu je drei Monaten, Kosteczko zu zwei Monaten Gefängnis.

Blutige Str. ikunruhen in Erfurt.

Bei der Berlin-Erfurter Maschinen- fabrikHenry Pels & Co., Erfurt, war die gesamte Belegschaft in den S.reik getreten, weil die Werksleitung die im Thüringer Metall,cyieds-

spruch vorgesehene 6proz. Lohnsenkung vorgenom- men hatte. Rach der Verbindlichkeitser- klärung des Schiedsspruches nahm die Hälfte der Belegschaft die Arbeit wieder auf, während die andere Hälfte, meistens Kommunisten, i m Streik verharrte. Schon Arontagnachmittag kam es vor den Werkstätten zu Beschimpfun­gen der Arbeitswilligen durch die an- gefammelten Streikenden und Erwerbslosen. Po'.i- zei muhte mit dem Gummiknüppel die Demon­stranten zerstreuen. Sie wurde mit Steinen beworfen, wobei ein Polizeioffiz'^er eine Wunde am Kopse davontrug. Dienstag 17 Uhr kam es gelegentlich des Schichtwechsels in bergab. iE wieder mehrfach zu Zusammenstößen zwischen Ar­beitswilligen, Streikenden und Erwerbs, o, en. Hierbei wurde ein Arbeitswilliger schwer verletzt. Die Polizei wurde, als sie eine Sttahe des Erfurter Rordrns räumen wollte.

phttalelistische Feinheiten.

Von *lfrei> $ Lichtenstein, Aeuyork.

Dem bekannten amerikanischen Briefmar­kensammler, Förderer der Philatelie und Be­sitzer hochwertiger philatelistischer Raritäten, verdanken wir die nachstehenden interesssanten Ausführungen.

Gewöhnlich fängt das Briefmarkensammeln in der Jugend an. Ohne Rücksicht auf den Wert der Marke suO/t der jugendliche Sammler möglichst viele Stücke zusammenzubringen. Er kennt nocy nicht die strenge Methodik der Philatelie, er weiß noch nichts davon, daß ein unscheinbarer Riß im zarten Papier den Wert des besten Objektes ungeheuer herabmindert. Ihm kommt es vor allem auf die Quantität an. Doppelte Marken begrüßt er und verwendet sie für Tauschzwecke, um fo seine Sammlung immer mehr abzurunden. Im Laufe der Zeit aber erkennt er, daß der Reiz des Briesmarkensammelns mehr in der Qualität 'als in der Quantität, mehr in der weisen Beschränkung als in der Universalität und mehr in bem- gründlichen Studium des Briefmarkensck^itzes eines bestimmten Landes als in der katalogmäßigen Ansammlung möglichst vieler Markentypen liegt.

Eine komplette Weltsammlung müßte nach dem heutigen Stande der Briefmarkenkunde etwa 70 000 Stück umfassen. Die restlose Zusammenttagung und ständige ä jour-Haltuna einer solchen Sammlung ist selbst bei größtem Eifer kaum möglich; ganz ab­gesehen davon, daß ihre Zusammenstellung bedeu- tende Geldopfer erfordert. Der wirkliche Sammler beschrankt sich daher lieber auf Spezialsammlungen einzelner Länder oder Epochen; er ist bestrebt, sei- ner Sammlung sozusagen den Stempel eines histo- rischen Dokumentes aufzudrücken. Auf diese Weise erhält er nicht nur die Möglichkeit einer gründlichen, äußerst lehrreichen Kenntnis seines speziellen Land­gebietes, sondern ihm bietet sich auch die Gel-gen° heit überaus interessanter historischer und kulturel­ler Studien. Diele Sammler folgen bereits diesem Prinzip. In richtiger Erkenntnis der Feinheiten des spezialisierens beschränken sie sich auf Sonder- gebiete. Da gibt es Sammler, die nur bestimmte Erdteile oder Länder, solche die nur englische Ko­lonien, Altdeutschland, Rußland, Balkan ober Spa­nien sammeln; andere wieder ziehen ihren Kreis noch enger. Sie sammeln zum Beispiel nur Ab­stimmungsbriefmarken, solche aus der Jnflations- zeit ober solche aus besetzten Gebieten.

3dj habe mich In einer meiner vielen «Sammlun­gen auf bas hochinteressante Land Britisch-Kolurn- bien spezialisiert, jenem zur Zeit des Auskommens eines primitiven privaten Postverkehrs noch wenig bewohnten und selbst heute stellenweise noch recht unwirtlichen Telle unseres Planeten, der an der

Küste des Stillen Ozeans, etwa zwischen Alaska und den Rocky Mountains liegt. Britisch-Kolumbien ist ein Land mit wilden, teilweise von schneebedeck­ten Wipfeln gekrönten Bergzügen, mit reißenden Flüssen, großen, einsam liegenden Seen, ein Ge­biet, das neben bedeutenden Schätzen an Gold, Sil­ber und anderen Edelmetallen ungeheure Wälder besitzt, in denen wertvolle Pelztiere leben.

Dieses Land wurde bis zu seiner Erhebung zur britischen Kronkolonie (1858) von zwei Handels­gesellschaften verwaltet, die sich vornehmlich mit dem Pelzhandel befaßten, der sogenannten Northwest Comp. und der Hudson Bay Co. Lange Jahre hin­durch ging der Postverkehr in Britisch-Kolumbien in äußerst primitiver Weise vor sich. Pelzjäger, In­dianer oder sonstige Reisende nahmen die ihnen an- vertrauten Briefe mit, die sie am Körper trugen, auf indianischen Ponys ober Mustangs ober auf Renntierschlitten beförderten, zuweilen aber auch auf dem Kopfe balancierten, wenn sie nämlich bei d«r Ueberquerung eines Stromes kein Kanoe oor- fanden und gezwungen waren, den Wasserlauf zu durchschwimmen.

Der Umstand, daß im 3ahre 1857 in dem bas Land durchziehenden Fraserstrome Gold entdeckt wurde, führte zu einer starken Einwanderung von Goldsuchern, die hier bald reich au werden hofften. Infolge der dadurch beroirlten Zunahme des Ver­kehrs entstanden zu jener Zeit zahlreiche sogenannte Expreßgesellschaften", die es sich zur Aufgabe mach­ten, Postsachen nach einem eigenen System und nacf) eigenen Portosätzen zu befördern. Das waren jene Zeiten, in denen eine amtliche Briefpost noch nicht bestand, die Zeiten, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, in denen jeder Brief ein besonderes Wertobjekt darstellte, das einzeln tariert und je nach den zu überwindenden Schwierigkeiten im Preise feftgelegt wurde. Die vergilbten Briefe aus lenen Tagen erzählen alle ihre eigene Geschichte, öie meist hochinteressant und spannend wie ein Ro- man ist. Manche dieser Briefe tragen einen primi­tiven Stempel, manche weisen eine mit der Hand geschriebene Anweisung auf, wonach der lieber» bringet sich bei der Ablieferung des Schreibens einen bestimmten Betrag vom Empfänger aus­bezahlen lassen darf.

Mit der Erhebung des Landes zur englischen Kronkolonie entstanden eine ggnze Reihe von Ge- fellschaften, die im Laufe der Zeit zur Ausübung eines regelrechten Postprioileges ermächtigt wurden. Sie hatten jedoch der staatlichen Postverwaltung des Mutterlandes eine Gebühr von 2% d per Brief als Abgabe zu entrichten, die sie wieder ihrerseits vom Kunden einkassierten. Derartige Gesellschaften waren zum Beispiel die Ballous Pioneer Fraser Kiver Express Co., die Viets & Nelsons Columbia and Victoria Express Co. und Barnards Cariboo Express Co., die ihren Verkehr durch Renntierfahr-

zeuge vermittelte. Während der Zeit der Kronver- roaltung gaben diese Gesellschaften zahlreiche über­aus interessante Postwertzeichen heraus, die für den Spezialsammler eine nie versiegende Quelle intet- eßanter Studien bilden. Es sind meist sogenannte Ganzsachen, d. h. Briefe mit eingeprägter oder auf* geklebter Marke, bei denen nicht nur das Postwert­zeichen selbst, sondern auch vor allem die Aufstempe- lung und die verschiedenen postalischen Vermerke eine wichtige Rolle spielen, haben doch alle Merk­male ihre besondere Bedeutung. Diese Ganzsachen zum Teil Franko-Kuverts, für welche die Um­schläge aus den Vereinigten Staaten mit eingepräg­tem Wertstempel verwandt wurden und deren Ent­wertung biird) einen besonderen Aufdruck erfolgte sind Stück für Stück eine Rarität, philatelistische Seltenheiten, deren eingehende Durchforschung einen hohen Genuß bereitet. Wir finden Briefe, die be­reits beim Versand aus verschiedenen Teilen zu­sammengesetzt waren, Briefe, die mit teilweise durch­schnittenen Marken versehen sind usw. Solche Stücke sind Unica, von denen jedes einzelne seinen eigenen Lebenslauf besitzt, dessen verschlungenen Pfaden nachzuspüren zu den besonderen Reizen des Spe­zialsammelns, zu den .wahren Finessen der Phila­telie gehört.

Der Wann, der nichts vom Weltkrieg wußte

Erst kürzlich wurde berichtet, daß bei der Mos­kauer Regierung ein Brief eingelaufen ist, der an dasVäterchen Zar" gerichtet war und von einem Bauern aus einem fernen Teil des Russi­schen Reiches herrührte. Dieser Muschik hatte also nichts von der Revolution und dem Sieg des Bolschewismus vernommen. Daß es aber Personen gibt, die noch viel weniger wissen und nicht einmal in exotischen Weltfernen, son­dern in den Vereinigten Staaten, zeigt eine Geschichte, die amerikanische Blätter mitteilen. Zwei Beamte der lleberwachungsorganisation des Alkoholverbotes. Harrison und Webster, gelang- ten bei ihren Streifzügen in die Hinterwälder von Louisiana und kamen dort an eine ärmliche Holzhütte, in der sie einen alten, sehr alten Reger fanden. Er wußte nicht fein Alter an­zugeben, aber sein Haar war schneeweiß, und er sprach in einem altertümlichen Französisch, wie man es heute noch in San Domingo spricht. Da er ihnen guten Whisky anbot, sie sich aber mit ihm nicht verständigen konnten, brachten sie einen Dolmetscher mit, und zwischen diesem und dem Reger entwickelte sich das folgende Gespräch: Du machst Whisky?"Ja, Massa, gewiß, sehr guten Whisky!"Schon! Aber was wird der Richter sagen? Du kannst ins Gefängnis kom­men."Richter? Gefängnis? Warum??Weißt du denn nicht, dah das verboten IftF »Ver­

boten? Seit wann?"Run, doch bald nach dem Kriege, schon mehr als zehn Iahre."Was ist das für em Krieg? Dauert er noch an?"Rein, er ist seit 1918 zu Ende."Um fo besser, bann hat er doch endlich mal aufgehört. Und wer hat denn gewonnen, der Rorden oder der Süden?" Der Rorden, der Süden? ..." Es stellte sich heraus, daß der Reger geglaubt hatte, es handle nch um den Bürgerkrieg. Er hatte seitdem von der Außenwelt nichts mehr vernommen. Er war damals ein ganz junger Sklave gewesen, und die Weißen der Sadstaalen hatten ihn zum Kriegs­dienst heranziehen wollen. Aber er hatte Furcht und war in den Wald geflohen, und dort hatte er weit über ein halbes Jahrhundert ganz allein gelebt, vollkommen fern von der Kultur. Als der Dolmetscher sich von seinem Staunen etwas erholt hatte, sagte er:Das ist nicht mehr der Krieg, der ist seit langem zu Ende. Es ist ein anderer noch schrecklicherer Krieg."Ach so. Aber natür­lich auch wieder zwischen den Leuten des Südens und des Rordens?"Rein, zwischen den Volkern jenseits des großen Meeres." Von denen hatte der halbe Robinson noch nichts vernommen, und als man ihm sagte, daß dieser Krieg die ganze Welt ergriffen habe, baß. er auf allen Meeren des Erdballs ausgefochten wurde und 15 Millio­nen Menschen das Leben kostete, da schüttelte er nur verwundert fein weißes Haupt. Man ließ Öen Alten in seiner glücklichen Einsamkeit, man ueß ihn auch weiter seinen Whisky brauen, man verlangte nur von ihm einen Schwur, daß er seinen Alkohol an niemanden Weiterverkäufen werde.

Dolkesstimme.

Mussolini hatte neulich irgendwo im Lande eine Autopanne. Um sich die Wartezeit zu oeitrei- den. besuchte er inkognito das Kino des Ortes. Zuerst kommt natürlich die Wochenschau. Jubelnde Faschistenmassen spazieren über die Leinwand, das ganze Publikum erhebt sich von den Sitzen, nur der Duce duckt sich in seinen Parkettsessel, schlägt den Paletotkragen hoch, hält die Hände gedanken- voll vors Gesicht, und hofft, auf diese Art unerkannt 3U bleiben. . Jetzt zieht auch noch die königliche Familie vorüber. Das Publikum applaudiert. Musso- lini macht sich aus seinem Sessel so klein wie mög­lich. Endlich erscheint der Duce selber auf der Sein- roanb. Großaufnahme. Das Publikum applaudiert wie rasend.

Da klopft Mussolinis Nachbar dem Duce auf die Schütter und flüstert ihm ins Ohr:

Witzen Sie, ich bin natürlich auch Antifaschist 77 ä?cr ro^n*? Sie keine Keile kriegen wollen, rat» ich Ihnen doch, aufzustehen!