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Nr. 136 Drittes Blatt

Samstag, 13. Zum 1931

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Wandem und weisen Bäder und Sommerfrischen.

Fahrt an den Bodensee.

An den Ufern desSchwäbischen Meeres". Don Johanna Silling-Wieüner.

Gibt es irgendwo auf deutscher Erde noch solche Obstbaumwälder, die vom Eisblick ferner Glet­scher überglänzt, von den Wellen eines meilen­weiten Gewässers unttpielt werden? Da liegt Lindau , das reizende, schon ganz südlich-hei­tere Insclttäbtchen. Als Pforte zum alemanni­schen Apselland hat es bereits selbst eine apfel­runde Gestalt bekommen. Dom Hoyerberg Über­sicht man entzückt diese westlicheMost-Ecke" Bayerns, das an trinkbaren Flüssigkeiten von je­her nicht arm war. Und drüben über'm See blüht es im Hagnauer Kirschenparadies! Tag für Tag pendeln zur Erntezeit dieKirschenschiffe" hin und her, beladen mit lirschenschmausenden Manschen, die den Reichtum in Körben und Körbchen nach Hause tragen. DieseHagnaäer Kirschen­wal l s a h r t" , heißt es, sei die angenehmste und beliebteste im ganzen Gau.

Der^Wandcrer steigt auf den weihen Boden- seedampfcr, fährt an den großartigen Aussichts­molen von Friedrichshafen vorbei und steuert aus dem Majestätischen ins 3ntime, in die Duchten des Ueberlinger Seearmes. Wenn irgend­wo, so beglückt uns hier deutscher Süden, eine kleine, sonnen reiche Riviera zwischen blauer See­flut und weich schwingenden Rebhügeln, zwischen strotzenden Fruchtgelanden, Wäldern und Gärten, wo das dunkelschwere Erdreich oft wahre Pflan­zenwunder entfielen läßt. Hoch und grün schwimmt Rebberg an Rebberg vorüber: der erste Weingau, den Rheinwasser auf deutschem Boden wässert, nicht verwässert. Mitten darin die uralte Meersburg. Alles erinnerungsschwer Schlösser und Städtlein, gleich einer bunten, mit­telalterlichen Chronik mit vielen kunstvollen Ara­besken. Lleberraschend ist der südliche Einschlag in steilen Treppengäßchen, manchem freskenge- fchmücktem Haus, riefigen Kellergewölben, wo im Herbst der Traubensegen in die Kelter rauscht. Üebcrall Dlumengerank um schmale Fensterborde, Freude für Äünftleraugen. und in altväterischen Gaststätten weinfrohe Winkel, Freude für Künst­lerherzen, die auf den roten Meersburger schwö­ren. Begeisterte erklimmen den gewiß poetischsten Rebberg der Welt, den Deutschlands größte Dich­terin, die D r o st e, erst kaufen konnte, als ihr erstes Lyrikbändchen erschienen war...

Herrlich geht von hier die Schau über den licht- funkelnden See, über Städte und Berge zur ge­waltigen Alpenbühne im Süden, vom silberweißen Säntis beherrscht, und man träumt so ins Blaue, bis das Konstanzer Schiff drüben seine Rauch­fahne aufzieht. Dringende Mahnung, daß ge­rade noch Zeit ist, den Steilhang hinabzusausen und den Anschluß zur Mainau zu erwischen.

Berühmt ist der fast exotische Pflanzenwuchs der mit künstlerischem Verständnis angelegten, liebevoll gepflegten Gärten, die vom mildesten Klima dieser Gegend sprechen. Reizvoll umblühte Wege, üppige Bosketts, stille Laubgehege, Mar­morbilder, fremd vor fremdländischen Taxus­hecken, auch gärtnerische Spielereien, Grotten und Brunnenrieseln. Draußen aber, wo die Hänge sich sanft zum Seespiegel neigen, ein wildes, bun­tes Blumenleben auf allen Wiesen, mächtige Baumgruppen stehen zwanglos verstreut, und die Wege ziehen weiter, in die Wälder hinein. Es gibt ilebergänge zu den Konstanzer Forsten, wundervolle Duchenhallei', öurd) die man die alte Dischofsstadt, Hauptstadt des deutschen Do- denseegebietes, in wenigen Stunden erreicht. Man kann quer über denDodanrück", durch unbe­rührte Waldeinsamkeit zum Untcrfce, bis Ra­dolfzell schweifen, und der Wanderer nach

ilebetlingen findet Höhenwege, von deren Schön­heit fich die meisten Dodenseesahrer nichts träu­men lassen!

Schon das dichte Waldreich um Dodrnan, das man auf dieser Wanderung zuerst erreicht, ist mit seinen Gründen und Zobeln, den versteckten Burgen, Frauenberg, Hohenbodman, mit dem ver­träumten Seeneskchen Bodman selbst, eine der in­teressantesten kleinen Welten in diesem Gau der Mannigfaltigkeit. Bodman war bekanntlich die älteste Alemannensiedlung am See, dem sie im Mittelalter den Ramen gegeben haben soll. Be­merkenswerte römische Funde, Aufdeckung von Alemannengräbern, Pfahlbauten, Resten einer karolingischen Königspfalz zeugen von eifriger Forfcherarbeit und geben dem grünen Bodanwin- kel ein fesselndes Relief. Don Bodman fährt man am besten im Kahn über den schmalen See- arm nach Friedrichshafen und erreicht hier­mit den herrlichsten Hohenweg am deutschen Ufer, der in wechselvollem Auf und Ab nach Meberlmgen führt. Lichter Buchenhochwald und blumige Wiesenpfade; Aussichtskanzeln der be­zaubernde Blick von Steinpalmen (675 Meter hoch); das Idyll des Haldenhofs mit Ruine Alt- Hohenfels, einst die Minnesängerburg Herrn

Burkhards von Hohenfels; abenteuerliche Schlucht­engen beim Hödlingertobel mit der einsamen Süßenmühle und sogar eine Diets «Her­rn ü h k e im Felsgeklüft, die größte und dennoch wohl die unbekannteste aller Gletschermühlen: Gleich einem vielfarbigen Filmband ziehen die Bilder dieses köstlichen Weges vorbei, bis man endlich zu den seltsamenHe i de n h ö h 1 e n" absteigt, jebemEkkehard"-Freund wohlvertraut, und nach einer weiteren Diertelstunde Ueberlin- gen anläuft dort, wo es am merkwürdigsten ist I

Dieses vielseitige Dodenfeestädtlein höchst mittelalterlich adjustierte Reichsstadt mit Mauern und Türmen, ernsthaftes Mineralbad, lustiges Seebad und Sommerfrische hat den absonder­lichsten Kurpark der Welt, und zugleich viel­leicht den schönsten deutschen Tropengarten: im Festungsgraben. Ein Gärtnergenie kam auf die Idee, zwischen den zyklopischen Molasse-Felswän- den, der natürlichen Umwallung mehrerer Grä­ben, ausländische Gewächse, südliche Radelhölzer, Agaven, selbst Kakteen, in herrlichen Gruppen anzupslanzen, und der absolute Windschutz, feuch­tes Seeklima und wahrscheinlich auch die Doden- beschaffenheit dieser uralten Erdgänge halfen mit zum Erfolg.

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Rheinland. Von Herbert Eulen, berg. Mit vielen Zeichnungen von F. M. Jansen und Otto Pankok. Farbiaer Umschlag von Walter Trier. Kartoniert 3,80 Mark, Leinen 4,80 Mark. München, Pioer. (213) Ein neuer Band, der zwölfte, der bekannten FührerWas nicht im Bae­deker steht". Was Eulenberg als geborener Rhein­länder über seine engere Heimat schreibt ist wirklich erlebt und geschaut und so kenntnisreich, daß nicht nur der Reisende, sondern auch der Einheimische viel aus dem Buche lernen kann. Eulendera führt uns mit Luft und Laune, zu Fuß und zu Wagen durch das Gebiet von Tanten bis Bingen, durch die Täler der Mosel, Ahr und Lahn und durch die Eifel bis nach Aachen. Heber große und kleine Städte, über Schlösser und Burgen, über Klöster und Abteien und nicht zuletzt über die kleinen alten Weinnester und die Weine selbst erzählt er tausend unterhaltende und instruktive Dinge.

Zum Ostseejahr 1931 hat der Verlag Biblio­graphisches Institut AG. in Leipzig die Ostsee- führet seiner bekannten SammlungMeyers Reisebücher" in gänzlich neuer Bearbeitung heraus- gebracht. (209/211) In drei handlichen Bänden ist die gesamte deutsche Ostseeküste von der Flens­burger Förde bis zum Memelgebiet einschließlich des Hinterlandes ausführlich behandelt. Die Osthälfte Schleswig-Holsteins bis Hamburg im Süden und das ganze Mecklenburgische Gebiet sind in dem Band M e rf l c n b u r g" vereinigt (300 Seiten mit 22 Karten, 27 Plänen und 4 Grundrissen. In Ganz­leinen 4 RM.). Das Buch gibt zuverlässige Auskunft über alle Seebäder, Kurorte und Sommerfrischen, es führt zu den Schönheiten der Förden und den waldumrahmten Binnenseen der mecklenburgischen und holsteinischen Schweiz, es zeigt die Sehenswür­digkeiten der alten Hanfastädte Lübeck und Hamburg, die interessanten Werft- und Hafenanlagen Kiels, die Kunstschätze der Kirchen, Schlösser und Museen. Der anschließende BandP ommer n" (284 Seiten mit 10 Karten und 14 Plänen. In Ganzleinen 3,75 Reichsmark) behandelt in gleicher Ausführlichkeit den mittleren, wohl meistbesuchten Teil der deutschen Ost­seeküste einschließlich der schönsten und größten deut­schen Insel Rügen und der vielbesuchten dänischen Insel Bornholm. Endlich:, ,O st p r e u ß e n" (212 Seiten, mit 11 Karten, 12 Plänen und einer (See-

zeichentafel; in Ganzleinen 3,50 RM ). Der Ostpreu- ßenführer zeigt alle Zugangswege; für Polen, Me­melgebiet, Litauen werden wertvolle Verhaltungs­maßregeln gegeben; die Seebäder von Zoppot bis Memel, die Kurische Nehrung und die Masurischen Seen, die sehenswerten Städte und die Schlachtfelder von 1914/15 sind ausführlich dargestellt. Meyers Ost­seebände enthalten zusammen die stattliche Zahl von 43 Marten und 53 Plänen. Auch in der farbigen Gestaltung und in der Klarheit und Vielseitigkeit sind diese unübertroffen. Sogar Jugendherbergen und Autobuslinien sind überall verzeichnet.

Wanderfahrten.

Butzbach Cleeberg Vodcnrod Hausberg Butzbach.

Wir fahren mit Sonntagskaste nach Butzbach, überschreiten den Bahnkörper und gehen über den Schrenzcr schwarzen Punkten nach am gastlichen Forsthaus Butzbach vorüber durch einsame Waldung und schließlich über Felder zu dem 312 Meter hoch­gelegenen Dorf Cleeberg, das, von einer Ruine über­ragt, eine anmutige Lage hat. Von hier folgen wir grünen Strichen, die uns, meist durch Wald, nach dem hochgelegenen Taunusdörfchen Bodenrod führen. Roten Strichen nach gelangen wir in einer Stunde über altgermanische Ringwälle zum Hausberg, von dessen Turm wir einen umfassenden Rundblick über die Wetterau mit zahlreichen Dörfern haben. Von hier gehen wir roten Keilen nach über das reizend gelegene Dörfchen Hausen nach Butzbach zurück. Marschzeit 5'/i Stunden.

Gießen Wißmar Ruttershausen Odenhausen Schmelz Fronhausen.

Wir gehen von der Unterführung in- der Eder- straße blauen Strichen nach, die uns den Bahndamm entlang führen. Kurz vor der Badenburg verlassen wir das Zeichen, überschreiten die Lahnbrücke und kommen nach Wißmar. Gleich nach den ersten Häu­sern schlagen wir nach rechts einen Feldweg ein, der uns an der Eisenbahnbrücke vorüber auf die Rutters- hauiener Straße bringt. Wir gehen nun zumeist am Lahnufer mit hübschen Landschaftsbildern entlang, durch Ruttershausen und hierauf an hohen (Stein- brüchen vorbei nach Odenhausen. (Gute Einkehr.)

Wir durchschreiten das Dorf, wandern am Altenberg her durch das anmutige Salzbödetal bis zur Schmelz, von wo wir jetzt schwarzen Punkten folgen und über einen mäßigen Höhenrücken nach unserem Endziel Fronhausen gelangen. Dauer der Wände- rung 4% Stunden.

Reifewinke.

Nordsecbad Borkum.

Nordseebad Borkum, die weit ins offene Meer vorgeschobene grüne Inlel mit ihrem reinen Hoch­seeklima gewährt jährlich Tausenoen oqn Menschen angenehmen Aufenthalt und Erholung. Badeverwal- tung und Einwohner sind eifrig bemüht, den Gästen die Kurzeit recht angenehm zu gestalten. Borkum hat vorbildliche Badeanlagen: Seebäder Warmbad mit einem neuzeitlichen Inhalatorium, Licht und Lust- bad. Den Wünschen der Gäste entsprechend ist in diesem Jahre Gelegenheit gegeben, unabhängig von Ebbe und Flut zu jeder Tageszeit zu baden. Statt der festen Kursteuer ist eine Tageskurtaxe eingeführt, die längstens bis zum 15. läge des Aufenthaltes zu zahlen ist. Die Preise für Unterkunft und Verpfle­gung sind äußert niedrig gehalten; neu eingeführt sind preiswerte Pauschalkuren.

Nordseeschlick als natürliches Heilmittel.

Vor 3 Jahren ist durch die Deutsche Zentralstelle für Balneologie der Nordseeschlick als Heilmittel ent­deckt worden. Ein fachmännisches Gutachten stellt fest, daß der bei Wilhelmshaven unter besonders gün­stigen Bedingungen anfallende NordseeschlickZwei­fellos ein ebenso brauchbarer Heilschlamm ist, wie die untersuchten berühmten russischen Fangovor- kommen". Das bedeutet, daß mit einem Schlage für Deutschland auch hinsichtlich der Heilschlamme die Unabhängigkeit vorn Auslande gesichert ist. Die fräf- tige Wirkung des Schlicks, von der Wissenschaft im voraus fcftgefteUt, wurde durch die lebendige Erfah­rung bestätigt. Trotz des herrschenden Kapital­mangels hat die Stadt Wilhelmshaven die erforder- lichen Mittel herbeigeschafft, und sie hofft, spätestens am 1. Juli eine neue Kuranstalt dem Betrieb über­geben zu können. In bestimmten Erkrankungsfällen empfiehlt es sich, Schlickbäder im Wechsel mit Moor­bädern und Warmseebädern zu verabreichen. Auch die dafür erforderlichen Einrichtungen sind vorhan- den. In Aerztekreisen wird dem Schlickheilverfahren schon jetzt starke Bedeutung beigemessen. Die Wil­helmshavener Badeverwaltung hat über den Schlick als Heilmittel eine hochinteressante Schrift heraus­gebracht, die auf Anfordern kostenlos übersandt wird.

Sommer- und Hcrbftreiscn 1931 der Schiller-Akademie.

Die Schiller-Akademie bringt im Rahmen ihrer übrigen kulturellen Veranstaltungen auch im kom­menden Sommer und Herbst eine Reihe von all­gemein zugänglichen, gemeinnützigen Studien, und Ferienfahrten zur Durchführung, die unter anderem im Juni und September nach dem Sonnenland Dal­matien, in den Ferienmonaten Juli und August nach den Weltstädten Wien, Budapest, Paris und London sowie nach Norwegen, Schweden und Dänemark führen. Anläßlich der Studienfahrt nach Paris wer­den die Schlachtfelder und Gräber um Verdun be­sucht und kann ein Ausflug in die Normandie und nach den Weltbädern Deauville und Trouvllle unter­nommen werden, während von London aus Ausflüge nach Oxford, Stratford und zur Insel Wight sowie nach Schottland vorgesehen sind. Jrn Herbst veran­staltet die Akademie zwei besonders schöne Fahrten, und zwar eine Reise nach Spanien und Marokko und eine Fahrt nach Athen-Konstantinopel zu über­aus günstigen Bedingungen.

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