Mittwoch. 13. Mai 1931
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)
Nr. 111 Zweites Blatt
Tunis, berSonlMel Wischen Wien undZrankleich
Don unserem ^-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Paris, Mai 1931.
Die Reise des französischen Präsidenten Doumergue nach Tunis fiel mit der fünf» zigsten Jahreswende des französischen Protektorats zusammen. Sie entspricht den voran- gehenden zwei nordafrikanischen Reisen des französischen Staatsoberhauptes nach Marokko und Algier und ist gewissermaßen die letzte Amtshandlung und der 2lbschied Doumergues. Die bevorstehende koloniale Ausstellung tn Paris erklärt noch mehr diese Demonstration, die Doumergue übrigens vor (Zähren schon beschloß. Dennoch — die Verhältnisse wollen es so — entbehrte die Präsidentenreise nicht eines hochpolitischen Charakters. Und dieser wurde noch unterstrichen durch die Worte Doumergues, daß Frankreich entschlossen sei," in Tunis zu bleiben und es niemals zu verlassen. Das „Nous maintiendrons“ des französischen Präsidenten, in so gemäßigte Ausdrücke es auch eingewickelt war, hatte den Zweck, in Italien — gehört zu werden.
Der »Streit um Tunis gehört zu denjenigen Kapiteln des italienisch-französischen Gegensatzes, die am schwersten überwunden werden können. Richt so sehr aus sachlichen, wie aus psychologi- schen Gründen. Für Italien ist Tunis mcht nur eine wirtschaftlich-politische Angelegenheit, sondern auch eine sentimentale. Solange die italienische Seele sich von der römischen Geschichte nicht lossagt — und das tut sie heute weniger denn je —, wird man in Italien von dem einstigen karthagischen Imperium träumen. „Le Temps" spricht vom „Mystizismus" mit der ganzen Geringschätzung, die man in Frankreich dafür empfindet. Diese „mystische" Seite muß aber bet jeder Betrachtung des Problems im Vordergrund stehen, denn es ist vielleicht das wichtigste. Politische oder wirtschaftliche Fragen lassen sich umgehen oder ausgleichen, Fragen aber, in, die der nationale Mystizismus hineinspielt, müssen entschieden werden.
Betrachtes man die Tunis-Frage vom nur objektiven Standpunkt, so gelangt män allerdings zu einer wesentlich anderen Ueberzeugung. Als Tunis in 1881 mit der stillschweigenden Unterstützung der meisten europäischen Mächte unter französisches Protektorat kam, waren die Italiener darüber erbittert, doch diese Verbitterung ift so ungefähr alles, was sie bis dahin taten. Cs gab zwar eine italienische Kolonie, aber die eigentliche italienische Einwanderung nach Tunis, wenn man noch von einigen sizilianischen Emigranten absieht, fing erst im Iahre 1 892 an. Also erst als Frankreich tn Tums schon in feinem Administrationswerk stark fortgeschritten war. Es wäre ungerecht, die Erfolge dieser Kolonisation in Abrede zu stellen, wenn sie auch Fehler beging: und es ist unbestreitbar, daß erst die französische Administration die Vorbedingungen für eine großzügige italienische Einwanderung schuf.
Geopolitisch gehört Tunis eher zu Italien als zu Frankreich. Wirtschaftlich wäre es ein fetter Dissen für das arme und übervölkerte Italien, lind das italienische Element ist heute in Tunis zahlreicher als das französische. Rach der Volkszählung von 1926 gab es in Tunis 173 281 Europäer. Salon waren 89 21 6 Italiener und nur 71 020 Franzosen. Allerdings heben die Franzosen hervor, daß seit dieser Zeit 17 000 Italiener die französische Staatsangehörigkeit annahmen. Auch berufen sie sich auf die französische und algerische Einwanderung feit dieser Zeit. Es gab aber auch eina italienische Einwanderung!
Die Rechte der Italiener in Tunis und ihre Bewahrung vor der Entnationalisierung wurden in der Konsularkonvention von 1896 festgelegt. Frankreich kündigte 1919 diese Konvention
und 1921 verfügte ein französisches Dekret die Raturalisierung der dritten Generation der in Tunis ansässigen Itallener. Dieses Dekret trat^ollerdings nicht in Kraft. Auf Betreiben der italienischen Diplomatie kam eine Einigung zustande. wonach der 1896 festgesetzte Zustand dreimonatlich provisorisch verlängert wird. Auf die Dauer ist man aber in Paris nicht geneigt, sich mit dieser Lage der Dinge abzuftnden, da man mit Recht eine vollständige Italianisierung fürchtet.
Italienischerseits wird in Tunis eine sehr heftige „I r r e d e n t a" getrieben. Tunis wird mit faschistischen Agenten, die alle Teile der Be- völlerung bearbeiten, geradezu überschwemmt. Italienische Schulen, Massenbesuche der Kinder in Italien, italienische Danken, Presse und Radioemissionen und all die sonstigen bewährten Mittel der Propaganda werden angewandt. Mit materiellen Belohnungen und moralischem Druck verhindert die italienische Propaganda die Ra- turalifierungen. Die Schiffs- und Luftfahrtverbindungen von Italien nach THiis sind geradezu luxuriös. Die italienischen Behörden tun* gerne so, als ob sie in Tunis zu Hause wären
Der deutsche Reitersieg in Rom
Am Montag, dem Echlußtage des internationalen Reitturniers in Rom, wurde den bisher noch nicht siegreich gewesenen Pferden Gelegenheit gegeben, sich um den Lido-Preis zu bewerben. Aus dem über zwölf Hindernisse führenden Iagdspringen ging der italienische Major M o r i g i auf Fulvio-Flaco mit 0 Fehlern in 1:48,8 als Sieger hervor. Den zweiten ^ind dritten Platz belegte Oblt. Brandt mit Bosco (1:49,8) und Balmung (1:52,4) mit ebenfalls 0 Fehlem. Die schnellste Zeit des Tages hatte Oblt. Lippert auf Duwan mit 1:47 erzielt, jedoch warf er das letzte Hindernis. Im Ama- zonen-Iagdspringen siegte die italienische Prinzessin L i s c o auf Clrnos. Die bekannte Schweizer Herrenreiterin Frau Stoffel holte sich auf Posidonius noch den dritten Platz.
Pachdem am Sonntagabend die deutsche Reichswehr Mannschaft noch Gast des Botschafters Schubert gewesen war, wurde am Montag die Heimreise angetreten. Rur Rittmeister a. D. v. Barne ko w, Oblt. Sahla und Gras Görtz machen noch in Florenz Halt und nehmen an dem dort am Donnerstag beginnenden internationalen Rettturnier teil. Die deutschen Erfolge haben- in der italienischen Presse große Bewunderung hervorgerufen, und es wird festgestellt, daß die deutsche Reichswehrrnann- fchaft auf dem ohnehin sehr schwierigen Kurs der PiaZza di Siena einen Gegner von internationaler Masse abgegeben hat.
Die deutsche Pferdezucht kann stalz auf die Erfolge in Rom sein.
Die drei Spitzenpserde, die unseren Reitern zu dem Siege in der Coppa Mussolini verhalfen, sind in Hannover (Derby), Schlesien (Wotan) und Schleswig-Holstein (Tora) gezüchtet. Die deutschen Pferde machten in Rom, wo Reiter unb Pferde Tagesgespräch waren, durch ihre Ausgeglichenheit, ihr Springvermögen und ihre ganze Manier den günstigsten Eindruck. Unter den 18 Pferden, die aus Deutschland zum Turnier nach Rom gingen, befanden sich nur zwei Irländer bzw. Engländer. Don diesen hat General einen Sieg davongetragen, nicht weil er Engländer ist, sondern weil ihm die Meisterschaft des Rittmeisters v.Barnekow zum Siege verhalfen hat. Das deutsche Pferd ist, wie die Siege in Amerika und jetzt in Rom zeigen,
und umgehen den diplomattschen Weg. All das führt selbstverständlich zu Reibungen.
Betrachte: man die Besihverteilung in Tunis, so sieht man, daß die Franzosen in einer wesentlich belferen Lage sind als die Italiener. Die Franzosen besitzen 678 000 Hektar, dagegen ist der Landbesitz der Italiener nur 62 000 Hektar. Allerdings ist der sranzösische Grundbesitz in großem Maße an Italiener verpachtet, wird also in der Wirklichkeit von Italienern bearbeitet. Auch in den Städten ist die wirtschaftliche Lage der Franzosen unvergleichlich besser. In Italien betont man immer wieder, daß Tunis die Prosperität den Italienern verdankt und die Franzosen daraus den Ruhen ziehen. Das ist eine einseitige, aber nicht ganz unwahre Darstellung.
Die Frage, ob Italien Aussicht darauf besitzt, die Führung in Tunis an sich zu reihen, muh verneint werden. Militärisch ist die Portion Frankreichs in Tunis sehr günstig. Und die eingeborene Bevölkerung liebt die Italiener wenig, teils wegen der Konkurrenz der italienischen Arbeiter, und teils auch, weil die mohammedanischen Flüchtlinge aus Tripolis gegen Italien sehr erfolgreich Propaganda machen. Cs ist also nicht abzusehen, wann und wieso Italien und Frankreich über Tunis einig werden. Praktisch verhindert das aber eine Zusammenarbeit nicht.
dem englisch-irischen Pferde zum mindesten an Springvermögen gleich, an Schönheit, Rittigkeit und gutem Temperament eher überlegen. Den Preis der Rationen zu Rom entschied die bessere Klasse der deutschen Pferde.
Die Anerkennung sämtlicher Ausländer über das deutsche Pferdematerial war restlos.
Die C o p p a Mussolini, ein ganz schwerer, goldener, herrlich gearbeiteter Cup, fällt den deutschen Siegern noch nicht endgültig zu. Er wird erst Eigentum nach dreimaligem ununterbrochenen Siege. Deutschland mühte ihn also in den Iahren 1932 und 1933 nochmals gewinnen, um ihn endgültig zu besitzen.
Das erfolgreiche Auftreten der deutschen Reichswehrreiter in Rom ist die Folge der guten einheitlichen Ausbildung an der Kavallerieschule zu Hannover, deren Springstall von Major von Waldenfels geleitet wird. Es handelt sich dort nicht, wie vielfach angenommen wird, um die völlige Uebemahrne des italienischen Springstiles, sondern um die gelungene Schöpfung eines deutschen Spring st iles, der das, was für deutsche Verhältnisse brauchbar ist, von Italien übernommen hat, aber erhaltend aufbaute auf den Grundlagen alter, guter deutscher Reiterei, die mit den der Zeit entsprechenden Modifikationen ihren Wert und ihre Stellung stets behalten wird, wie jetzt Rom zeigte.
Die Deutschland Rundfahrt.
Am Dienstag wurde bei der Deutschland- Rundfahrt die achte Etappe von Breslau nach L i e g n i tz über 228,1 Kilometer abgewickelt. Die Fahrt stellte an die Fahrer keine allzu schweren Anforderungen und so kam wieder eine 21 Mann starke Spitzengruppe am Etappenziel an. Im Spurt gewann der Berliner Buse in 7:39,42 vor Metze (Dortmund), dem Franzosen Mauclair und dem Italiener Frascarelli. 16 weitere Fahrer wurden auf den fünften Platz gesetzt. Im Gesamt- klassement führt Metze (Deutschland) mit 68:12,13 Stunden und 86 Punkten vor Thierbach (Deutschland! und Ricolas Frantz (Luxemburg). Im Länderllassement führt Deutschland klar vor Frankreich.
Englische CRufrerer in Trier.
Auch in diesem Iahre wird sich der englische Rowing-Club London an der Trier-Kölner Regatta. die am 6. und 7. Iuni auf der Mosel
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Das Geheimnis des Tempte.
Ewiges Rätsel der Weltgeschichte.
Zu den Rätselfragen der Weltgeschichte, die immer wieder auftauchen, gehört auch die nach dem Schicksal des unglücklichen Sohnes Ludwig XVI. und der Marie Antoinette, des Dauphin, dem die Geschichte den Ramen Ludwig XVII. eingeräumt hat. Verschiedene Anwärter auf die Rechte dieses Fürstenkindes, das angeblich in seinem Gefängnis im Turm des Pariser Temple gestorben fein soll, sind später aufgetreten; am bekanntesten wurde der Uhrmacher R a u n t> o r f f, dem man den Titel des „Schattenkönigs" verliehen hat. Roch heute, nach 136 Iahren, ist dieser Streitfall nicht zur Ruhe gekommen; Raundorffs Rachkommen führen den Prozeß um seine Anerkennung noch weiter und besitzen bis zum heutigen Tage das verbriefte Recht, den Ramen Vourbon zu führen. Die neuesten Ermittlungen, die über dieses historische Rätsel angestellt worden sind, sprechen immerhin dafür, daß die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen ist, einer der Prätendenten sei der echte, Dauphin gewesen, und das weitaus meiste Anrecht auf Glaubwürdigkeit hätte bann der Potsdamer Uhrmacher, den fein neuester Biograph Hans Roger Madol nach sorgfältigster Prüfung das Für und Wider für den echten Sohn Ludwig XVI. zu halten geneigt ist. Für die ganze Echtheitsfrage ist es entscheidend, ob der Knabe, der mit dem Königspaar während der Revolution im Temple eingekerkert wurde, und das Kind, das am 8. 3uni 1795 in diesem Gefängnis starb, ein und dieselbe Persönlichkeit find. Sofort nach dem Tode des angeblichen Dauphins tauchten Gerüchte auf, daß der Königssohn vorher aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt wurde und in die weite Welt entkam, und an diesem Glauben halten noch heute viele Franzosen und eine Anzahl von Gelehrten mit Zähigkeit fest. Die Gefangenhaltung des Knaben, zu dessen Aufsicht ein Schuhmacher und eifriger 3a- kobiner Simon bestellt war, ist vielfach erörtert worden, und man hat den Schuhmacher von dem Dorwurt gereinigt, er habe das Kind grausam mißhandelt und zum Trunkenbold gemacht. Alle Zeugnisse stimmen darin überein, daß der Dauphin, der nach der Hinrichtung seiner Eltern von seiner Schwester getrennt wurde, ein aufgewecktes und gesundes Kind war. Um so merkwürdiger erscheint es, daß die drei Konvents-Mit
glieder, die einen Bericht über das Ergehen des „jungen Capet" erstatten sollten, ein krankes und taubstummes Kind vorfanden. Die Annahme ist nicht von der Hand zu weisen, daß an die Stelle des geflohenen Dauphins dieses taubstumme Kind in das Gefängnis gebracht wurde.
Rach den Memoiren von Barras, einem späteren Mitgliede des Direktoriums, soll der Prinz 1794 aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt und auf den Landsitz eines Bankiers gebracht worden sein. Auch eine reiche Engländern, Frau Atkins, die das Schicksal des Fürstenkindes tief erregte, plante seine Befreiung und erzählt in ihren Erinnerungen, es sei ihr mit Hilfe des Marquis de Fenoy 1 gelungen, als Wärter einen anderen Mann an die Stelle Simons zu bringen, und als bann Simon mit seiner Frau den Temple verließ, befand sich in bem Wagen, der seine Habseligkeiten fortführte, unter den Sachen der junge Prinz; der taubstumme Sohn eines Schneiders aus der Rormandie sei statt dessen ins Gefängnis gebracht toorben. 3e- denfalls starb am 8. 3uni 1795 ein Knabe in dem Kerker des Temple und wurde unter dem Ramen des Dauphin in der Kirche von St. Marguerite begraben. Als diese Kirche im 3ahre 1853 unter Rapoleon 111. niedergelegt wurde, grub man die Ueberrefte dieses Grabes aus und lieh sie durch die besten Aerzte jener Zeit genau untersuchen. Sie erklärten, daß der Knabe, der hier beerdigt war. nicht Ludwig XVII. gewesen fein könnte. Das Gutachten, das damals die Aerzte Dr. R e - camier und Alphonse Milcent erstatteten, sagt ausdrücklich: „Cs ist unmöglich, daß dieses das Skelett eines Kindes von 10 3ahren ist. Die Knochen sind die eines jungen Mannes von 15 bis 18 3ahren. Auf Grund dieses Gutachtens sind jetzt neue Forschungen angestellt worden; man hat die in dem Dokument von 1853 angegebenen Maße und Einzelheiten nachgeprüft und ist zu der Ueberzeugung gelangt, daß die damaligen Schlußfolgerungen richtig waren und daß der ziemlich erwachsene Mensch, der im Gefängnis starb, nicht der 10jährige Knabe gewesen sein kann, der als Sohn des Königspaares in das Gefängnis gebracht worden war. Die Ansprüche bet Rachkommen Raundorffs gewinnen dadurch eine neue Unterstützung. Zweifellos sind viele Anwärter Betrüger gewesen. Befand sich doch unter ihnen sogar ein Indianer, der von einem Missionar nach Frankreich gebracht wurde. Einiges Aufsehen erregte ein gewisser Dru ° meau, der als Tagelöhner in den Vereinigten
Staaten sich mühsam durchs Leben schlug und 1818 nach Frankreich zurückkehrte mit der Behauptung, er sei Ludwig XVII. Er starb im Gefängnis 1825. Mit großer Geschicklichkeit kämpfte für seine Ansprüche ein gewisser Hebert, der sich „Herzog von Richemont" nannte. Aber auch er muhte vom Schauplatz verschwinden. Der einzige. der wirkliche Erfolge erzielte, war Raun- borff. Ihm gelang es immer wieder, einflußreiche Personen zu finden, die sich für ihn einsetz- ten. und an feiner Leiche haben die Aerzte dis gleichen Merkmale wie. am Körper des Dauphin festgestellt: die Rarbe an der Lippe, das ausgebreitete Muttermal am Schenkel, die vorstehenden Zähne und ein Dreieck, das durch die Impfung hervorgerufen war.
Oie Erle und der Aktuar.
Eine Himmelfahrtögeschichie von Professor Max Liebermann.
Die urdeutsche Sitte für Herren hat auch mich in früheren Iahren verpflichtet, in Freundeskreis auf dem Kremser in die Welt zu fahren. Wobei nicht immer schönes Wetter nur entschied, sondern auch Bier und Karten.
Die schönste Himmelfahrtspartie aber unternahm ich — und meine viele Freunde seien mir darum nicht böse — vor etwa 25 Iahren ... allein! Als „besserer Herr ohne Anhang".
Sie führte mich in die Märkische Schweiz und war — ohne alle Begleitumstände, den unvermeidlichen Skat und das nie leere Glas — eine der abgeschlossensten und schönsten. 3ene innere Ruhe, die uns erst nach dem ©türm beschieden wird, durchdrang mich ganz, und mein Auge fühlte die Weite der Ratur. Und jenes Blaß- blau, das vom Himmel siel, ergriff mich tief, weil es wie „Sehnsucht" ist, wenn wir die Farben dick wie Borke auf die Bilder hauen.
Ich war ganz erfüllt von dieser unendlichen Ruhe. Mein Auge erfaßte eine weite Lichtung, die nur von einer einzigen Erle erfüllt war. So winzig klein sie sich in der Weite ausnahm, so riesig groß wirkte sie im Umkreis von einigen Metern, das Grün von jenem Blaß bl au überstrahlt.
Ich skizzierte — obwohl ich nur einen Spaziergang machen wollte. Und bemerkte den einsamen Spaziergänger nicht, der um mich herum tänzelte. Er hat mir auf seine Weise den Himmelfahrts-- tag verschönt — oder verdorben, wie man's
auSgefahren wird, mit einem Vierer beteiligen. Sollten die Engländer, was noch nicht feststeht, auch eine Achtcrmannschaft melden, so werden in diesem Falle Amicitia-Mannheim und der Berliner RC. ihr Gegner sein.
Jiurmi finnischer Waldlaufmeister.
Der finnische Weltrekordmann Paavo R u r m k konnte sich auch als Waldläufer überlegen aus- zeichnen. Bei den in Aabo ausgetragenen filmischen Waldlaufmeisterschaften über 6,5 Kilometer siegte Rurmi überlegen in 23,06 vor Suomi- ne n in 24,30.
DfB.-Gießen.
Die Ligamannschaft des VfB. weilte am vorigen Sonntag in Friedberg zum Rückspiel gegen den dortigen Namensvetter. Muhten vor acht Tagen die Friedberger in Gießen eine 5:1-Riederlage einstecken, so drehte diesmal der Ramensvetter aus. Friedberg den Spieß herum und schickte Gießen mit 6:0 geschlagen nach Hause. Gießen tonnte sich auf dem kleinen Platz bec Gastgeber nicht zurechtfinden, der beim Vorspiel in Gießen gut aufgelegte Sturm lieh in Friedberg unzählige Chancen aus. Dis zur Pause holte Friedberg einen Vorsprung von zwei Toren heraus, dem VfB. Gießen infolge Auslassens unzähliger Torgelegenheiten nichts entgegensetzen konnte. Das erste Tor war ein verwandelter Elfmeter. Als kurz nach Halbzeit für Friedberg zwei weiters Tore fielen, war Gießen derart deprimiert, daß der Gastgeber vollauf die Oberhand gewann und die Tordifferenz auf sechs erhöhte. Auch in der zweiten Halbzeit hatte VfB. Gießen eine Anzahl Torgelegenheiten, die jedoch durch das auffallend schlechte Spiel des Sturms nicht zu Erfolgen umgewandelt wurden.
Die 3. Mannschaft hatte die l.Mann- schaftOberbiel zu Gast. Gießen verlor nach mattem Spiel 1:2. Allerdings hatte sie sich durch die Verpflichtung der 1. Mannschaft von Oberbiel etwas zuviel zugemutet.
3ugenbfpfclc.
Die 1. Iugendmannschaft verlor in Lollar gegen die erste des TV. Lollar 1:5. Obwohl technisch ebenbürtig, kam sie gegen die körperlich weit stärkere Iugend Lollars nicht auf. Bereits kurz nach Beginn führte Lollar 2:0. Das Spiel war dann ausgeglichen, jedoch konnte die Deckung der VfD.-Iugendlichen den flinken und technisch guten Sturm nicht hindern, drei weitere Tore zu schießen.
Die 2. Iug end spielte in Klein-Linden 3:3, während die Schüler auf dem Waldsport- plah den Schülern aus Wieseck mit 0:2 unterlagen.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
1900 1. Jugend — Braunfels I 10:0 (3:0).
Die Gäste aus Braunfels waren fein ebenbürtiger Gegner und konnten den Gießenern nie ernstlich gefährlich werden. Das Spiel wickelte sich fast ausschließlich in des Gegners Hälfte ab. der selten über die Mittellinie tarn. Bei etwas mehr Schußfreudigkeit sowie Uneigennützigkeit vor bem Tore hätten die 1900er noch mehr Tore erzielen können . Trotz der hohen Rieberlage kämpften bie Gäste bis zum Schluß unverdrossen weiter.
1900 3. Jugend — Griedel 1. Jugend 3:0.
Die neu aufgestellte Iugenbavteilung des Gastes besaß noch nicht bie nötige Spielerfahrung, um zu einem Erfolg zu kommen. Aller Eifer und alle Mühe konnten sich bei dem besseren und schnelleren Zusammenspiel der Gießener nicht durchsetzen, trotzdem hätte der Gast daK Ehrentor verdient gehabt.
Landball der Sp.-Vg. 1900.
1900 I — Postsportverein Frankfurt I 4:4.
Einen schönen Erfolg hatten am Sonntag die 1900er gegen die Frankfurter Postsvortier zu verzeichnen, indem sie ein Unentschieden herausholten. Die Einheimischen hatten eine neue Manschaftsauf- ftellung herausgebracht, die sich im großen und
nimmt. Als er sich mir mit Räuspern bemerkbar machte, schreckte ich auf. Ich stellte fest, daß er — im verschlissenen Cutaway, mit dem auf der Rase tanzenden Kneifer und dem 7 Zentimeter hohen Kragen — der verknöcherte Aktuar der Witzblatttarikaturen war, riß j>ie angefangene Skizze herunter und hielt ihn mit ein paar Strichen fest.
Mein Aktuarius verrenkte sich die Glieder und hatte endlich die abgerissene Skizze ins Auge gefaßt und begutachtet; nun trat er hinter mich, um einen Blick auf die gegenwärtige Zeichnung zu werfen. Er wurde nicht klug daraus, ich hörte ihn murmeln: „Auch einer von diesen Schmierern, die die Ratur verschönern wollen." Und ging.
Ich hätte ihm eine Antwort geben können: sein Bild, aber ich beherrschte mich, griff wieder zu meiner ersten Skizze und verschönte die Ratur oder die Galerie um eine Himmelfahrtseingebung: die Erle.
Zeitschriften.
— Das Maiheft der „Zeitwende" (Verlag der C. H. Beckschen Verlagsbuchhandlung in München) behandelt die Frage: „Was wird aus Deutschland, wenn der Bolschewismus über uns hereinbricht?" Die Aufzeichnungen der Witwe des bekannten Theologen Girgensohn liefern ein anschauliches Bild der Leiden des balttschen Deutschtums unter der Bolschewikenherrschaft, aber auch von der Tapferkeit, mit der viele auf ihrem Posten aushielten und nicht wenige die Treue zur Heimat mit dem Tode besiegelten. — Erschütternd ist auch das Bild der Lage in Slsah- Lothringen im gleichen Hefte. Der französische Rationalismus sucht dort die deutsche Sprache und Kultur mit raffinierten Mitteln auszurotten. Der Verfasser tritt für die Selbständigkeit des Landes innerhalb seiner deutschen Sprachgrenze als einzig mögliche und erstrebenswerte Lösung ein.
Hochschulnackrichten.
Zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls der Pharmakologie an der medizinischen Akademie in Düsseldorf an Stelle des nach Innsbruck berufenen Professors A. Iarisch ist ein Ruf an Professor Dr. Fritz Külz in Kiel ergangen.
Zum Rachfolger von Prof. W. Soergel auf den Lehrstuhl der Geologie und Paläontologie an der Universität Breslau ist Professor Dr. Erich Bederke, daselbst, ausersehen.


