Nr. UO Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 12. Mai (951
Aus der Provinzialhauptstad«.
Dießen, den 12.Mai 1931.
Kreisausschuß Gießen.
Unter dem Vorsitz von Oberregierungsrat Ritzel tagte am Samstag der Kreisaus- schuß des Kreises Dießen und befaßte sich zunächst mit einem Einspruch von Ludwin Schneider (Dillingen) gegen die GemeindeDil- lingen, die durch Gemeinderatsbrschluh die Aufwertung des Einkaufgeldes für das im 3af)re 1922 erworbene Ortsbüraerrecht in einer Höhe von 75 Prozent verlangte. Mit einer solchen Angelegenheit hatte sich der Kreisausschuh schon verschiedentlich zu beschäftigen. Dem Einspruch lag der Tatbestand zugrunde, der in gleicher Weise bei früheren Verhandlungen zu Tage trat. Ortsbürger haben zur Zeit der Inflation für wenig Geld, oft nur um Pfennige, das Ortsbürgerrecht erworben, mit dem eine bestimmte Leistung, (Abgabe von Holz seitens der Gemeinde an die Ortsbürger) verbunden ist. Die Gemeinde Dillingen glaubte sich (neben mancher anderen Gemeinde) berechtigt, eine Aufwertung dieses geringen Einkaufsaeldes verlangen zu können. In Dillingen hatten über 40 Ortsbürger, die auf billige Art das Ortsbürgerrecht erworben haben, gegen diese Aufwertung protestiert, mit 33 Einwohnern konnte die Gemeinde einen Vergleich herbeiführen, die übrigen erhoben durch Ludwig Schneider Einspruch beim Kreisausschuh und beantragten Verhandlung im Derwaltungsstreitverfahren. Dr. Ruckeishausen (Gießen) als Rechtsvertreter der Kläger, stellte in längeren Ausführungen den rechtlichen Tatbestand fest, wies darauf hin, daß es sich bei diesem Ginkaufgeld nicht um eine „Schuld" handle, die zur Aufwertung die grundsätzlichen Voraussetzungen erfülle, er betonte weiter, daß ein Anspruch auf diese Aufwertung längst verwirkt und die Forderung als solche verjährt sei. Bürgermeister Pauli von Villingen vertrat die Gemeinde, schilderte in kurzen Worten die Entwickelung der Dinge und bezeichnete die Forderung der Aufwertung als recht und billig. Der Kreisausschuh verkündete folgendes Urteil: „Dem Einspruch des Klägers wird stattaegeben. Die Gemeinde ist zur Abgabe des Losholzes verpflichtet. Einer Auf- wertung wird nicht zugestimmt. Der Streitwert beträgt 1000 Mark, die Kosten fallen der Gemeinde zur Last."
Der zweite Streitfall betraf die Entziehung des Führerscheins des Otto D.. Gießen, der verschiedentlich gegen die Kraftfahrzeugordnung verstoßen hatte und dann auf Grund einiger besonderer Vorkommnisse die Fähigkeit zur Führung eines Kraftfahrzeuges unter den augenblicklichen Umständen abgesprochen wurde. Der Führerschein wurde dem Beklagten auf die Dauer eines Iahres entzogen. Sein Einspruch, auf Grund dessen die Verhandlung im Verwaltungsstreitverfahren stattfand, wurde als unbegründet zurückgewiesen.
Generalversammlung des Gleiberg-Vereins.
Auf der in Frühlingspracht stehenden Burg Gleiberg fand am Samstagnachmittag die diesjährige Generalversammlung des Gleiberg-Vereins statt.
Provinzialdirektor G r a e f (Giehen) als Vorsitzender des Vereins begrüßte die Erschienenen und gedachie der in dem letzten Iahre verstorbenen elf Mitglieder, darunter des für den Verein stets sehr rege tätig gewesenen Vorstandsmitgliedes Kaufmann Geisse aus Giehen, ferner der kürzlich verstorbenen langjährigen Burg- Wirtin Frau Riebergal l. Dem ehrenden Gedenken an die Verstorbenen wurde durch Erheben von den Sitzen Ausdruck gegeben. 41 Mitglieder sind im Iahre 1930 ausgetreten, eine Folge der allgemeinen Rotlage.
Die Rechnung für 1 9 3 0 wurde ohne Beanstandung abgenommen. Einnahmen 7450,03 Mark, Ausgaben 7402,86 Mark, Bestand 47,17 Mark. Mitgliederstand 1930: 633. Für bauliche Unterhaltung sind 3402 Mark verausgabt. U. a. ist als Abschluß gegen die nicht ausgebauten
Durgräume eine Brandmauer errichtet worden. Bei den Einnahmen sind auher den Mitgliederbeiträgen und der Pacht des Burgwirtes 1300 Mark Beiträge von öffentlichen Körperschaften zu erwähnen, ferner 500 Mark Beihilfe aus dem Denkmalspflegefonds der Rheinprovinz. Weitere 500 Mark aus diesem Fonds stehen im Voranschlag 1931, auch hat der hessische Staat für 4931 1000 Mark Beihilfe bewilligt. Der Voranschlag für 19 31 steht in Einnahme auf 4830 Mark, in Ausgabe auf 5830 Mark. Für bauliche Arbeiten sind 3055 Mark vorgesehen, davon sind 958 Mark für unter die Denkmalpflege fallende Auhenarbeiten, 2097 Mark für innere Ausgestaltung der Räume.
Als Vorstandsmitglied wurde an Stelle des verstorbenen Kaufmanns Geisse Direktor Rehberg (Abendstern) gewählt.
Das Sommerfest 19 31 ist für den 5. 3uli vorgesehen. Es soll, der Rot der Zeit Rechnung tragend, nur eine einfach gehaltene Veranstaltung werden.
Auf Anregung von Bürgermeister Brock- meier (Krofdorf) soll versucht werden, von dem preußischen Staat, dem der Gleiberg-Verein die-Unterhaltspflicht der Burg abgenommen hat, eine Beihilfe zu bekommen. Landrat M i h aus Wetzlar will diesen Antrag gerne unterstützen. Wenn, was ein Mitglied zur Sprache brachte und durch das Hessische Staatsarchiv nachgeprüft werden soll, es richtig ist, daß durch Verheiratung eines Ritter Welf mit einer Gleiberger Gräfin die Burg Gleiberg die Stammburg der englischen Königsfamilie ist, kann vielleicht für den Dau- fonds der Burg auf diesem Wege auch etwas erreicht werden. Mitglied W o h l m u t h überreichte im Auftrage eines Bekannten eine von der Der- waltungskommissivn des Gleiberg-Vereins am 20. 10. 1837 ausgefertigte Aktie über 10 Reichstaler Preuß. Courant, nach welcher 50 Mitglieder jedes 10 Taler für den Bau einer Treppe im Burgturm gezeichnet hatten. Die Aktieninhaber waren bei Verlust ihres Anteilscheines verpflichtet, auch etwaige Mehrkosten aufzubringen. Als» bestand damals schon e ne Rachschußpflicht. Rektor E ch t e r n a ch t bereicherte das von ihm für den Verein angelegte Museum durch eine bei einem Einwohner Krofdorfs gefundene alte Herdplatte. Danach haben die Grafen Rassau-Weilburg aus der Schmelz bei Salzböden im 3ahre 1735 auch Oefen Herstellen lallen.
Die Versammlung sprach dem Vorsitzenden Dank aus, dieser beendete dann mit einem Schlußwort den offiziellen Teil. 3n guter Unterhaltung blieb man noch einige Zeit zusammen.
** Der Verband der Hessischen Oe« schichts-undAltertumsvereine hält feine diesjährige Verbandstagung am 20. und 21. Juni in Bensheim ab. Für den 20. Juni ist ein Lichtbildervortrag von Professor Dr. Behn (Mainz) über „Die erste germanische Besiedlung Hessens" vor. gesehen, am 21. Juli, vormittags, wird die geschäftliche Sitzung stattfinden, mittags wird Studienrat Dr. Glöckner über „Die Abtei Lorsch und das Reich" einen Vortrag halten.
** Landwirtschaftliche Haushal- tungsschule in Michel st ad t. Die Hessische Landwirtschaftskammer eröffnet am 2. Juli wieder einen fünfmonatigen Haushaltungskursus an ihrer Haushaltungsschule zu Michelstadt (Odenwald). Die Teilnahme an den Kursen ist nicht nur Töchtern von Landwirten, sondern auch denen des Mittelstandes gestattet und nur zu empfehlen. Die Ausbildung um- faßt alle Zweige der Hauswirtschaft, des Hand- arbeitsunterichts und der allgemeinen Bildungs- facher. Interessenten seien auf die gestrige Anzeige hingewiesen.
Aus dem Amtsverkündigungsblatt.
• Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 33 vom 8. Mai enthält: Stand der Maul- und Klauenseuche in Hessen. — Die landespolizeiliche Prüfung des Entwurfs des Privatgleisanschlusses für den Ruhviehhof der Stadt Gießen. — Hauptkörung 1931. — Die Einsendung von Unfallanzeigen an die Gewerbeaufsichtsämter. — Verkehr mit der obersten Schulbehörde. — Dienst- nachrichten.
9JL-'fpoti
Motorradrennen in Frankfurt.
Auf der Frankfurter Stadionbahn wurden am Sonntag vor 10 000 Zuschauern die ersten Motorradrennen ausgesahren, die durch di« Teilnahme des holländischen Meisters Herku - leyns internationalen Anstrich erhielten. Der erfolgreichste Fahrer war der Kölner Frentzen, der in 4>er 250-ccm-Klalle hinter dem siegreichen Herkulehns (10 P.) den zweiten Platz belegte und in der Klaffe bis 350 ccm im Gesamtergebnis mit 10 Punkten den Nürnberger Ley und Herkuleyns auf die Plätze verwies. Das Rennen der kleinen Maschinen (175 ccm) holte sich Steinweg - Münster (DKW.) mit 9.Punkten vor K o h f i n k - Bietigheim auf dem gleichen Fabrikat.
Siebte Etappe der Deutschland' Rundfahrt.
Barthelömy Spurtsieger.
Gestern wurde die Deutschland-Rundfahrt mit der Etappe Dresden—Breslau, die über 285 Kilometer führte, fortgesetzt. 3m Endspurt siegte wiederum überraschend der Franzose Barthelemy. auf den nächsten Plätzen folgten De- grave (Belgien), R. Frantz iLuxemburg). Mau- clair (Frankreich). Dewaele «Belgien), Dlattmann (Schweiz). Stöpel (Deutschland» und Bula (Schweiz). 3m Gesamtklassement führt weiterhin der Dortmunder Metze mit einer Gesamtfahrzeit von 60:32,41 Stunden und 72 Punkten vor Thierbach (Deutschland) und Ricolas Frantz.
Oer deutsche Reitersieg in Rom.
Der gestern schon kurz gemeldete deutsche Erfolg beim internationalen Reitturnier in Rom am Samstag um den Mussolini-Pokal hat in italienischen Kreisen geradezu Aussehen erregt Kür 3talien. das nach den erstklassigen deutschen Erfolgen der letzten Tage in Deutschland seinen
Rach dem feierlichen Aufmarsch der teilnehmenden Rationen eröffnete das erste rumänisch« Pferd das Springen, das aber bereits nach dem dritten Hindernis ausscheiden muhte. Die beste Zeit für einen Kurs erzielte der italienische Hauptmann B o r s a r e l l i auf Crispa mit 1:48,4 und 0 Feh
Der Duce (X) beglückwünscht die deutschen Reiter zu ihren Erfolgen. — Die Reiter von links nach rechts: Oberleutnant Hasse, Oberleutnant Sahla, Oberleutnant Momm und Oberleutnant G o e r tz.
hervorragendsten Gegner sah, war der über 10 Hindernisse und 16 Sprünge führende Preis der Rationen insofern von besonderem 3ntereffe, als der Mussolini-Pokal nach den bisherigen zwei Siegen der 3taliener jetzt endgültig in ihren Besitz übergegangen wäre. Die Konkurrenz fand unter den denkbar schlechtesten Wetterverhältnissen statt, wiederholter Gewitterregen in der Rächt und am Vormittag hatte die Dahn völlig durchweicht, und große Wasserpfühen machten den Teilnehmern viel zu schaffen. Bei Beginn des Wettbewerbes hatte sich das Wetier zwar aufgeheitert. doch standen immer noch pegendrohende Wolken am Himmel.
lern vor 2t. Dertrand (Frankreich) mit 1:49,8. Bereits im ersten Gang führte Deutschland mit 43/< Fehlem vor Italien mit 8 und Belgien mit 11 Fehlem. Der zweite Kurs ging unter atemloser Spannung der Tausende von Zuschauern vor sich, so daß man in dem aufgeweichten Boden nur den Aufschlag der Hufe hörte. Die deutschen Reiter konnten ihren Vorsprung weiter erfolgreich behaupten und einen überaus beifällig aufgenommenen Sieg feiern. Die Einzelleistungen der deutschen Pferde waren: Wotan (Oblt. Sahla) 0 F. 2:08.4/0 F. 2:14; Derby (Oblt. Hasse) 0 F. 1:55.2 0 5. 1:53,6; Thora (Oblt Mvmm 48/t 5. 226.2/4 F. 2:16.
Enienhof.
Don Hans Friedrich Blunck.
Gute Enten sind bekanntlich Allesfresser.
Deshalb soll man sein Schuhband nicht lose tragen, sie möchten einen bald mit Schuh und Fuß und allem, was daran ist, von bannen zerren. Aber auch, wenn man nur einen abgerissenen Zipfel bei sich hat und ihn versehentlich im Cntenstall mit anderem aus der Tasche zieht, kann man, ohne für sich selbst fürchten zu müssen, einiges hinzulernen.
Ratürlich teil niemand von solchem verlorenen Schnürsenkel etwas wissen, solange er sich schwarz und trocken anpickt. Erst wo ich merke, daß mir etwas entfallen ist und den Zipfel zwischen dem Gewimmel vorsichtig aufheben will, in dem Augenblick wird er wertvoll, ilnö weil sich inzwischen einige Enten darüber hinbewegt haben, mit jenen ewig nassen Füßen, die der liebe Gott so zweckmäßig fürs Wasser und so breit für den Rasen erschuf — kurz weil es bis jetzt blank und dunkel aussieht, ist es ein Wurm, ein begehrenswerter Wurm!
Liebe Entlein, ihr könnt doch kein Schuhband freffen; ich will es sorglich wegnehmen. Aber obwohl meine Tiere gut Freund mit mit sind, zumal um die Zeit, wenn man ihnen Maikäfer abschüttelt und Raupennester aus den Obstbäumen zukommen läßt — das Schuhband' gibt mir keines zurück. Damit zieht gerade unter eiligstem Wackeln und stolzem Piepen das älteste Entlein ab, tritt drauf, überschlägt sich und rennt hinter der Schwester her, dies ihm unterm Bauch herauszog. Aber auch die Schwester piept vor Stolz und Angst. Das sollte sie nicht tun, denn im Augenblick sind noch sieben andere hinter ihr her. Und noch ein Rundlauf, und sechsunddreihig Entlein rennen wie blind mit hohem Piepen und fürchterlich breitem Gewatschel, gelb, weiß und braun hinter der Siegerin mit dem Schuhband her.
Dann bleibt eine stehen, sie hat bergeff en. warum man eigentlich rennt, außerdem hat sie Durst — jenen unerschöpflich gierigen Durst, den ein böser Geist nicht nur jungen Enten anbannte. Unö weil man das erste trinken sieht, ist, wie dies Volk nun einmal auf das Beispiel der andern versessen ist, sofort ein Grund da. daß
sieben andern auch einfällt, wie durstig es schon macht, nur einmal halb um den Entenhof zu rennen. 11 nö wer noch keinen Durst hat, sucht rasch etwas Sand und Kies einzuschlucken, um Durst zu bekommen.
Darüber hat das Entlein mit dem falschen Wurm Luft bekommen. Und nun sucht es zu schlucken und würgt und piept. Aber das Schuhband ist härter als der zäheste Wurm, es dauert noch so lange, bis ein anderes Entlein am anderen Ende zu würgen beginnt und auch schluckt und schluckt. Und ein drittes ist viel gieriger als das erste und zweite, es will auch den Wurm haben und beginnt in der MiÜ« zu zerren, lind nun wird es ein Dreieck, daß Gott erbarm, immer um mein armes Schuhband und immer vor meinen Füßen her, denn, zum Donnerwetter, ersterrs will ich den Zipfel wiederhaben, und zweitens mache ich mir doch ernsthaft Sorge — aber da haben inzwischen alle anderen dreiund- dreißig Entlein die gleiche Sorge bekommen. Und ich kann nicht hinzutreten, denn alle sind hinter den dreien mit dem riesenlangen nach- schleifenden Wurm auf 3agd. Das quilt und piept und ziept und humpelt und überhumpelt sich und ist gelb, braun, schwärzlich, dick, dünn, langhalsig und mit gehobenem Sterz und Flügel- stumpen auf der 3agd nach dem Schnürsenkel.
Rur ein einziges ist inzwischen an den Grüh- topf gegangen, den ich immer noch nicht über» geschüttet habe. Und Gott sei Dank sehen es drei — nein sieben, nein dreiunddreißig andere Enten voll Eifersucht und fallen nun auch darüber her.
Rur die drei Kämpfer — ich will sie mir merken, sicher sind es gute Erpel — schlucken noch immer und wundern sich über diesen Wurm, der zäh wie Leder ist. Aber weil die Gier immer größer ist als der gute Geschmack — von Enten gesprochen — will keines nachgeben, es wird höchste Zeit, daß ich dazwischen trete, um sie zu scheuchen und Ordnung zu stiften. Run. das dritte Entlein besinnt sich schon, es müßte ja den Wurm auch doppelt einschlucken, weil's in der Mitte steht, und kommt nicht gegen die andern an. Außerdem steht der Wind von der Grütze herüber. Und eins hat noch nicht richtig den Weg zum Kropf gefunden, es muß noch kämpfen, weil das andere aus Leibeskräften zieht. Und weil ich polternd dazwischenlange, hcll es
einen Grund, um den Kampf in Ehren aufzugeben. Flattert mir also ziepend zwischen den Beinen durch, daß ich fast ausgleite, um es nicht zu treten, und ist bei der Grütze. Aber das dritte — gib her, sag ich und vergesse, daß ich doch ein dummes Entlein vor mir habe. „Siehst du nicht, du bringst es nicht runter. Es bekommt dir auch gewiß nicht." Und ich beuge mich nieder und habe Mitleid und überlege. wie ich dem ungenießbaren Wurm wieder hervorhelfen kann. Denn auch dem Entlein wird jetzt eng zu Mut, es schüttelt den Schnabel, daß das Schuhband fliegt, und kommt nicht mehr vor- nvch rückwärts mit der halbverschluckten Beute.
„Also komm", und ich greife es endlich. Aber bis ich es aufgehoben habe, fühle ich einen letzten Ruck in der Hand und ein frohlockendes befreites Ziepen, als wollt's sagen: Run versuch's. Und der Kropf ist dick bis zum Bersten, aber mein Schnürsenkel ist weg; nur einmal würgt's noch hoch, ich sehe einen schwarzen Zipfel zwischen dem gelben Schnabel ausfahren und sofort wieder verschwinden.
„Run versuch!" 3ch muß lachen und wünsche seufzend, daß es ihm gut bekommt. Aber davon ist solches Entlein selbst überzeugt, es flattert mir in halber Höhe an die Hand und läuft piepend und voll Sorge, zu spät zu kommen, gegen den Wind zur Grütze.
Zeitschriften.
— Die Handschrift guter und schlechter Lebensgefährten unterfudjt Bernhard Schultze-Naumburg auf Grund eines sehr umfangreichen Materials im Maiheft von Westermanns Monatshef- t e n. Den vielen Beispielen und Schriftproben kann auch der Laie entnehmen, welche Eigenschaften und Veranlagungen dem ehemaligen Glück hinderlich ober förderlich sind. Der Artikel ist so lebendig geschrieben, daß sicher jeder unserer Leser wertvolle Anregungen aus ihm schöpfen wird. Die Handschriftdeutung erfaßt immer weitere Kreise, ihnen soll die Abhandlung wertvolle Fingerzeige geben. Professor Dr. Roloff, der Historiker unserer Landesunioersität Gießen, spricht fesselnd und ungemein klar über die Entstehung der Entente England und Frankreich. Diele andere wertvolle Abhandlungen, Artikel und Aufsätze, von denen die meisten illustriert sind, fin»
den sich neben dem neuen Roman „Die Herren vom Fjord" von Karl Friedrich Kurz.
— 3m Maiheft vom „K u n st w a r t“ (Verlag Callweh. München) schreibt u. a. Werner Krauß über Calveron als religiösen Dichter. Erich Brock über 3eanne d'Arc zu ihrem 500. Todestage; von Hans Grimm findet man eine aggressive, aber lesenswerte „Forderung an die Literatur"; grundsätzliche Betrachtungen von Alverdes über den bekannten „Fall Penzoldt"; Prosa des englischen Romanciers Walpole; Malereien von Carl Hofer; Plastik von Christoph Boll (Text von Kurt Martin); in der Filmchronik und im aktuellen Gloffa- rium ist interessantes Material zusammengetragen.
Kunst und Wissenschaft.
Der Darmstädter Generalintendant nach Berlin berufen.
WSR. Darmstadt, 11. Mai. Die Städtische Oper, A.-G., Berlin, wählte heute nachmittag in ihrer Aufsichtsratssitzung unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister S a h m den Generalintendanten Professor Ebert in Darmstadt zum 3ntendanten der Berliner Städtischen Oper. — Carl Ebert wirkte, wie man sich erinnern wird, bereits vor seiner Ernennung zum Generalintendanten des Heffischen Landestheaters mehrere 3ahre hindurch als Schauspieler in Berlin, und zwar am Staatlichen Schauspielhaus unter seinem damaligen Leiter Professor 3eßner; vorher gehörte Ebert zu den geschätztesten Darstellern am Frankfurter Schauspiel Hause unter dem verstorbenen 3ntenbanten Carl Zeiß. Der Auszug der „Fünf Frankfurter" — Ebert, Feldhammer, Gerda Müller, Taube und Ebelsbacher — nach Berlin wurde seinerzeit in Frankfurter Theaterkreisen außerordentlich bedauert und beraubte das ausgezeichnete Ensemble des Schauspielhauses seiner prominentesten Kräfte. Ebenso würde Prof. Eberts Weggang nach Berlin einen empsindlichen Verlust für das Hessische LandeS- theater in Darmstadt bedeuten. —
Eugene 3fage f.
Brüssel, 12. Mai. (WTB. Funkspruch.) Der bekannte Violinvirtuose und Komponist Eugene 3sahe starb heute morgen 4.30 Uhr an Hcrz- affektion.


