Kr. 60 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, (2. März 1931
Aus der Provinzialhauptstadl.
Gießen, den 12.März 1931.
Oer Gießener Pferdemarkt.
Der Gießener Pferdemarkt kann im Frühjahr d. 3. auf ein mehr als 30jährigcs Bestehen zurückblicken. 3m Laufe der 3ahre ist seine Bedeutung durch anhaltende starke 3n* anspruchnahme funbiert worden, und der Landwirt, der Fuhrunternehmer, der Händler möchte diese Einrichtung, die sich in jeder Hinsicht bewährt hat, nicht mehr missen.
3m Jahre 1899 regte der Stadtverordnete Kirch die Durchführung eines solchen Marktes an; der seinerzeitige Oberbürgermeister G n a u t h erachtete den Markt jedoch nicht für lebensfähig. Trotzdem fand sich eine Reihe von Interessenten, die zunächst einen Ausschuß, die spätere städtische Pferdemarktdeputation, bildeten und die Vorarbeiten erledigten. Der Gedanke, den Markt durchzuführen, fand freundliche Aufnahme beim Kreisamt, beim Landwirtschaftlichen Lokalvercin und bei der Landwirtschaftskammer; der Landes- Pferdezuchtvcrein unterstützte die Bestrebungen ebenfalls mit Rat und Tat.
Arn 11. April 1900 wurde derersteGie - ßenerPferdernarkt abgehalten. 320 Pferde wurden hierzu aufgetrieben, die Bevölkerung der Stadt upd der Umgebung nahm regen Anteil. Eine Lotterie wurde durchgcführt und hatte starken Erfolg. 3m folgenden 3ahre wurden bereits zwei Pferdemärkte abgehalten, die im März und im September des 3ahres 1901 stattsanden. 3m 3ahrc 1910 wurde das 10jährige Bestehen mit einer Reihe von Veranstaltungen, Preisreiten, Sprungkonkurrenzen. Wagenfahrten, Trabreiten und 3agdreiten gefeiert, im 3ahre 1925 konnte man das 25. 3ubiläum begehen, denn der Pferdemarkt konnte trotz der schweren Kriegs- und Rachkriegsjahre aufrechterhalten werden. 3n einfacher. aber würdiger Form, den schweren Zeitverhältnissen entsprechend, wurde seinerzeit das 3ubiläum begangen.
Obwohl die letzten 3ahre eine weitere Verschlechterung in wirtschaftlicher Hinsicht brachten, kannte sich der Gießener Pferdemarkt, baril der eifrigen Arbeit und der Bemühungen der städti- fchen Pferdemarktdeputation und der interessierten Kreise, in seiner bisherigen Form erhalten.
Die Vorarbeiten zu dem kommenden Frühjahrspferdemarkt am 25. März sind eifrig im Gange. Rlit dem Pferdemarkt wird wiederum eine Lotterie am 26. März verbunden sein, die hinsichtlich der Gewinne gegen früher umgestaltet und verbessert worden ist. Die Preise der Lotterie bestehen aus Pferden (deren Wert kann auf Wunsch mit 80 Prozent in bar ausgezahlt werden), sowie aus sonstigen wertvollen Gegenständen (Zimmer- und Kücheneinrichtungen, Uprcn ufto.). Ein Teil dieser Sachgewinne ist in den Schwarzschen Kolonnaden am Bahnhof ausgestellt. Außerdem ist für den Pserdemarkt ein Werbeumzug geplant, an dem sich die verschiedenen Organisationen, die mit der Pferdezucht, dem Pferdehandel und der Pferdehaltung verbunden sind, beteiligen werden.
Mieief-Verein Gießen.
Der Mieterverein Gießen hielt im „Post- keller" — wie uns berichtet wird — seine Jahreshauptversammlung ab. Der 1. Vorsitzende, Reallehrer H e b e r m e h l begrüßte die Mitglieder, insbesondere den Geschäftsführer Fuchs (Mainz) vom Landesverband hessischer Mietervereine, und betonte, daß das Jahr 1930 den Mietern gegenüber dem Jahre 1929 erhebliche Verschlechterungen ihrer rechtlichen Position gebracht habe.
Um den Besuchern eingehende Aufklärung über den Stand der Dinge zu geben, hielt hieraus der Geschäftsführer Fuchs einen längeren Vortrag. Er wies u. a. darauf hin, daß sich viele unorganisierte Mieter heute noch durch die seinerzeit von den Mieterorganisationen erzielten Reichsmieten- und Mieterschutzgesetze gesichert erachteten. Nicht wenige seien deshalb überrascht, wenn die Wohnung gekündigt werde, geräumt werden müsse, und sich nicht viel dagegen unternehmen lasse. Vielen seien die
Der beste MH der Weltgeschichte.
Von Egon Larsen.
3n Berlin gelangte dieser Tage Earl Zuckmayers neues Dolksstück „Der Hauptmann von Köpenick" zur Uraufführung. 1931 jährt sich übrigens auch das große Gaunerstück des Schusters Voigt selbst zum 25. Male.
..Richtig, jetzt fällt's mir gerade ein", erzählt uns Earl Zuckmayer. „daß der beste Witz der Weltgeschichte, die Affäre des „Hauptmanns von Köpenick", bald das fünsundzwanzigjährige 3ubiläum feiern wird! 3m 3ahre 1906 war es, als der Schuster Wilhelm Voigt aus Tilsit, der den größten Teil seines bisherigen Lebens im Zuchthaus verbracht hatte, die Uniform eines preußischen Hauptmanns anlegte, einen Trupp Soldaten in Berlin auf der Straße anhielt, mit ihm nach Köpenick fuhr und dort das Rathaus besetzte: den Bürgermeister und den Etadtkämme- rcr ließ er verhaften, die Kaffe mit 4000 Mark beschlagnahmte er, und nach seiner Tat verschwand er spurlos, bis man ihn zwei Wochen später durch einen Zufall entdecken und festnehmen konnte. Rach zweijähriger Zuchthausstrafe wurde er begnadigt; nachdem er den Rest feines Lebens als beliebte Dariete-Attraktion verbracht hatte, starb er 1923 hochbetagt. Das ist die wirkliche Geschichte des Wilhelm Voigt, aber das Stück, das ich daraus gemacht habe, soll feinä peinlich genaue Historie fein. Die sachliche Reportage gehört in die Zeitung, nicht auf die Bühne; der Dichter soll nicht Wirklichkeit geben, sondern Wahrheit — die innere Wahrheit, die den Ereignissen einer Zeitepoche innewohnt. Ein „deutsches Märchen" habe ich mein Stück genannt; mehr als alle anderen Historien und Histörchen der Vorkriegszeit enthält diese Geschichte die Elemente des Märchens: wie wollte man verstandesmäßig die geniehafte Wandlung des Zuchthäuslers Wilhelm Voigt in einen Hauptmann begreifen? Wie ist es zu verstehen, daß all den Menschen, die er befehligte, verhaftete, kujonierte, nicht der leiseste Verdacht kam? Daß dieser Schuster, der vor 3ahrzehnten nur ein paar 3ahre gedient hatte, ging, sprach und sich benahm wie der typische Offizier, daß feine Befehle aufs Haar genau gegeben wurden: sicher, routiniert und ohne Zögern? Sein stärkster Bundesgenosse natürlich war
Gesetzesänderungen entgangen. Lockerungen im Wohnungsmangelgesetz, im Mieterschutz, und Reichs, mictengesetz seien vielen unbekannt. Diese Unkenntnis könne sich um so nachteiliger auswirkcn, als eine Verschärfung der Wohnungsnot bcoorstehc, denn die Sondersteuer, die ursprünglich als Wohnungsbauabgabe gedacht war, sei künftig nur zur Hälfte zu Bauzwecken, zur anderen Hälfte zu Finanzzwecken zu verwenden. Die zur Verfügung stehende Summe habe durch die Notverordnung eine weitere Kürzung erfahren; von den 800 Millionen Mark soll in Zukunst nur noch die Hälfte für den Wohnungsbedarf Verwendung finden. Das bedeute, so führte der Redner aus, daß statt 275 000 Wohnungen nur noch 120 000 Kleinstwohnungen und nur 50 000 Normalwohnungen gebaut werden könnten. Das Recht des Mieters, zu jeder Zeit unter sofortiger Aushebung entgegenstehender Verträge vom Hausbesitzer die Miete nach dem Reichsmietengesetz berechnet gelten zu lassen, werde ab 1. April für neue Verträge außer Kraft gesetzt. Damit werde das Meistgebot an Miete siegen, den Minderbemittelten werde cs dementsprechend schwer werden, eine preiswerte Wohnung zu erhalten. Der Redner ging u. a. weiter noch auf die Verhältnisse in Hessen ein und wies zum Schluß darauf hin, daß es für den Mieter ein Erfordernis fei, die Drgnifation der Mieter in seinem eigenen Interesse zu stärken.
Der Vorsitzende H e b e r m e h l nahm im Anschluß daran Stellung zur Lage der Mieter in Gießen. Er erinnerte an den Kampf um die Mietpreiserhöhung im Stadtparlament, an die Zwangsbestimmungen des Staatskommissars, in denen keine Mieterhöhung, sondern eine Erhöhung von Steuern festgelegt worden sei. In Gießen seien auch die Mietberechtigungsscheine eingcsührt worden, damit habe man günstige Erfahrungen gemacht. Aermeren und kinderreichen Familien sei es sehr schwer, eine Wohnung zu erhalten; ungerechte Mietforderungen seien leider auch hier am Platze feftgefteUt worden.
Qm weiteren Verlaufe der Versammlung erstattete der Rechner den Kassenbericht, dem zu entnehmen war. daß sich der Bestand am Ende des Geschäftsjahres gegenüber dem Vorjahre wesentlich gebessert habe. Dem Rechner wurde Entlastung erteilt. Der Gesamtvorstand wurde einstimmig wieder- gewählt. Den Schluß der Versammlung bildete eine längere Aussprache, an der sich eine Anzahl Redner beteiligte, und Herr Fuchs (Mainz) dayn das Schlußwort sprach.
Daten für Freitag, 13 März.
Sonnenaufgang 6.21 Uhr, Sonnenuntergang 17.59 Uhr. — Mondausgang 4.33 Uhr, Monduntergang 11.18 Uhr.
1781: der Architekt Friedrich Schinkel in Neuruppin geboren; — 1860: der Komponist Hugo Wolf in Windischgrätz geboren.
Gicszcncr Wochcnmarktpreifc.
Cs kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Kochbutter das Pfund von 1,00 Mk. an; Butter 1.20 bis 1.30; Matte 30 bis 35; Wirsing 25 bis 35; Weißkraut 12 bis 15; Rotkraut 15 bis 20; gelbe Rüben 12 bis 15; rote Rüben 12 bis 15; Spinat 30 bis 35; Anter-Kohlrabi 5 bis 6; Grünkohl 20 bis 25; Rosenkohl 40 bis 45; Feldsalat 1,00 bis 1,20; Tomaten 70 bis 80; Zwiebeln 10 bis 12; Meerrettich 30 bis 60; Schwarzwurzeln 30 bis 40; Kartoffeln 3,5 bis 4; Aepfel 30 bis 50: Dirnen 20 bis 40: Dörrobst 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 90 bis 1,10; Suppenhühner 90 bis 1,10; Rüsse 60 bis 70; Käse (10 Stück) 60 bis 1,40; Tauben Stück 70 bis 80; Eier 10 bis 11; Blumenkohl 30 bis 60; Salat 25 bis 35; Endivien 15 bis 35: Ober- Kohlrabi 10 bis 15; Lauch 5 bis 15; Rettich 10 bis 15; Sellerie 10 bis 50; Kartoffeln Zentner 2,50 bis 3,00; Weißkraut 8,00 bis 10,00,
Borrrotizerr.
— Lageskalender für Donnerstag: Gießener Konzertverein: Symphonie-Konzert, 19.30 Ahr, Reue Aula der Aniverfität. — Akademische Kurse für Kaufleute und Gewerbetreibende: Vortrag „Das Deutsche Märchen" von Ani- versitätsprofessor Dr. Götze, 20.15 Ahr, Vorlesungsgebäude der Aniversität. — Gewerbever-
die seelische Macht, die unheimliche Suggestion, die eine Uniform damals auf die Menschen aus- übte. 3n feiner Einfalt und in dem Bestreben, einen möglichst „sicheren Coup" auszuführen, hatte Wilhelm Doigt an einen der Hebel damaliger Weltanschauung gerührt: an die Allmacht der Uniform!“
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Ein altes Frauchen öffnet uns die Tür ihrer kleinen Wohnung in der Langen Straße in Berlin. „3a, der Hauptmann von Köpenick hat bei mir als Untermieter gewohnt", bestätigt Frau Karpeles, „ich kann mich noch gut an ihn erinnern, wenn ich auch schon 77 3ahre alt bin und kein so gutes Gedächtnis mehr habe. Aber das vergißt man doch nie. Er kam eines Tages zu mir und mietete ein Zimmer. Er war so ein netter Mensch, so feine Manieren hatte er und so gebildet war er! Heber alles wußte er Bescheid, wie ein studierter Herr. Cr war damals schon über fünfzig 3ahre alt — eigentlich viel zu alt für einen Hauptmann. Daß et jahrzehntelang gesessen hatte, das hätte ich damals nie geglaubt. Er ging fleißig zur Arbeit, cr hatte eine ©teile als Schuster gesunden, wo cr Pantoffel nähte. Eines Abends kam cr nach Hause und sah furchtbar blaß und abgespannt aus, und ich fragte ihn: „Was haben Eie denn, Herr Voigt?" — „Ach nichts", sagte er, „machen Sie mit nur eine Tasse starken Kaffee!" Dann ging cr bald schlafen, und ich dachte an nichts Schlimmes, alles ging feinen Gang wie sonst, nut fein feiner neuer Anzug fiel mir auf. Rach zwei Wochen saß cr morgens mit mir in der Küche beim Kaffee, da läutete es, und acht Mann Kriminalpolizei stehen vor der Tür. Als Voigt sie sieht, wird cr plötzlich weiß wie ein Tischtuch. Die Kriminaler fordern ihn auf, mitzu- kvmmen. „3ch weih schon", sagt Herr Voigt leise, „aber kann ich nicht noch meinen Kaffee austrinken?" Cs wird ihm erlaubt, und sie rücken ihm den Tisch ganz dicht an den Leib, damit er nicht ausreißen kann. Dann gibt et mir die Hand, bedankt sich für alles und geht. 3ch habe ihn nicht wiedergesehen, auch nachher nicht. Er soll ja auf Veranlassung von Eduard VII. von England begnadigt worden fein, hat man hier erzählt. Als es hieß, daß er nun rauskommt, da kamen Blumen und Gelchenke und Glückwunschtelegramme hierher wie für einen Kaiser! Er wollte zu mir nach Hause, aber eine Grammophon-
ein: Vortrag .Der schöne Staudengarten" von Gartenbau-Architekt Schwarz, 20.15 Ahr. im Krausmüller-Saal, Gvcthcstr. 7. — D. H. V.: Mo- nats-Hauptversammlung, 20.30 Ahr, im Heim, Lonystraßc. -- Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Die Privatsekretärin". — Astoria-Lichtspiele: „Das Mädchenschiff". —
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen, Freitag, bleibt das Theater geschlossen. — S a m s t a g, 14. März, 20 Ahr, als Vorstellung im Freitag-Abon- nement, einmaliges Gastspiel des Komikers Max Adalbert mit seinem Berliner Ensemble in der Komödie „Der Mann der schweigt", von O. Malin. Cs ist für lange Zeit das letzte Gastspiel in der Provinz. Zehnerkarten haben feine Gültigkeit; Abonnenten ermäßigte Operettenprcise, Richtabonnenten Operettenprcise. — Sonntag, 15. März, 14 Ahr, geschlossene Vorstellung für die Gewerkschaften: „Weekend im Paradies", Spielleitung Heinrich Hub. 18.30 Ahr als Fremdenvorstellung zum letztenmal: „Das öffentliche Aergcrnis" von Franz Arnold, Spielleitung Heinrich Hub.
— 3m Lichtspielhaus Bahnhof st raße geht am Sonntag, 11.15 Uhr und am Montag, 14.15 Uhr, der zweite Teil des Filmwerkes „Die Alpen" über die Leinwand. Der Film führt in die Bergwelt der Schweiz, an den Vierwaldstätter See, zu den Glarner Alpen, in das Berner Oberland, zu
MrsindsiirjedeSpende dankbar.
Stadt.fche Rothilfe 1930.
den Bergriesen Mönch, 3ungfrau und Eiger, zum Finsteraahorn und in das Gebiet der Zermatter Eisriesen. Schließlich werden das Matterhorn und das schönste Hochtal Europas, das Engadin, mit ihren mannigfaltigen Schönheiten im Bild gezeigt. Eine eigens für den Film bearbeitete Musik, unter Mitwirkung des Orchesters, dürfte diese Filmvorführung zu einem Erlebnis gestalten. (Siehe Anzeige.)
— Der Bund „Haus und Schule" veranstaltet Freitag, 13. März, 20 Ahr (pünktlich) im 3ohannessaal einen Rezitation-- und Liederabend. Man beachte die heutige Anzeige.
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•* Eine öffentliche Sitzung des S t a d t r a t s findet am kommenden Dienstag im Sihungss. ale im Stadthaus, Borgst^ ße, statt. Auf der Tagesordnung werden zahlreiche Punkte stehen, die vor der im April stattfindenden Etatberatung erledigt fein müssen.
•* Sitzung des Provinzialausschus- ses. Am Samstag, 14. März, 8.30 Ahr beginnend, findet im Sihungssaale des Regierungs- gebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Theophil Wieczvreck in Gambach gegen den Beschluß des Kreisaints Friedberg vom 14. 3anuar 1931 wegen Versagung der Erlaubnis zum Betriebe einer Kaffeewirtschaft. 2. Klage der Luise Schuchard in Ruppertsburg gegen die Entscheidung des Kreisamts Schotten vom 6. 3anuar 1931 wegen Versagung der Erlaubnis zum Betriebe einer Gastwirtschaft in Ruppertsburg.
•• SpäterSchneefall. Der Winter bringt sich noch einmal mit feiner weihen Pracht eindrucksvoll in Erinnerung. Der gestrige Tag bescherte unserer Gegend reichen Schneefall, der im Lahntal zum Teil als kräftiger Schneesturm über das Land ging. Auch heute morgen, zur Zeit der Riederschrift dieser Zeilen, wirbelten wieder die Flocken in luftigem Reigen vom schwer- verhängten H'.mmel. Die Schneedecke beträgt hcu.e etwa 20 Zentimeter und konnte sich auf dem gefrorenen Boden gut halten. Daß sich die weihe Herrlichkeit lange behaupten wird, ist aber kaum zu erwarten, denn der Wind hat nach Westen gedreht, und ozeanische Luftmassen — so heißt cs wenigstens im gestrigen Wetterbericht — bringen ein, so dah die Wetterlage wohl bald eine
gesellschaft lieh ihn vom Gefängnis mit ihrem Auto abholen, damit er auf Platten spricht. So hab' ich ihn nicht mehr gesehen; cr lieh seine Sachen holen. Es war auch ganz gut so, denn die Polizei glaubte immer, wir hätten mit ihm unter einer Decke gesteckt, mein Mann und ich. Was die Leute hier zu seinem Streich gesagt haben? Ra — halbtot haben sie sich gelacht..."
Run steht sie allabendlich als „historische Figur" auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin, die gute Frau Karpeles. Sie ist ganz entsetzt, als sie das erfährt. Aber schließlich tröstet sie sich mit dem Gedanken, daß der Dichter Carl Zuckmayer sie höchstpersönlich abholen und zu einer Vorstellung mitnehmen wird, damit sie sich selbst auf den Brettern Wiedersehen kann — sich und das große Erlebnis in ihrem einfachen Dasein, die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick.
Nächtlicher Bahnhof.
Don Peter Bauer.
Die fast menschenleere Halle des Schalterrauins gibt jedem Geräusch eine ungewohnte harte Resonanz. Ein Duett von Schritten hallt aufdringlich: zwischen schweren, weit ausgreifenden Tritten eines toffcrbelafieten Hoteldieners das leichte Getrippel zierlich stöckelnder Damenschuhe. Dann wird jäh und schrillend ein Eimer abgesetzt. Sein Henkel fällt rasselnd auf den Rand. Dagegen fährt ein langstieliger Besen mit fixer Lautlosigkeit über die Fliesen, ein Häufchen angefeudjteten Sägemehls vor sich her kehrend. Das Helle Holzmehl nimmt rasch dunkelnd die Farbe des Staubes an, den es vom Boden aufschluckt. Hinter dem gleitenden Besen glänzen die Fliesen wie Parkett.
3n den Wartesälen herrscht schläfrige Stille. Die Sfellner haben kaum etwas zu tun und stehen gelangweilt herum. Einer unterhält sich eifrig mit dem Büfettmädchen. Seine dunkle Stimme und ihr helles ^ritfchernbes Geplapper flattern hilflos durch den Raum wie zwei Vögel im Käfig. Warum trinken die vereinzelten Tischpärchen und einsamen Außenseiter nicht die schalen Reste aus ihren Gläsern und träumen sonstwo weiter?
Die Bahnsteige sind von weißem Licht aus der Höhe überflutet. Die Asphalt schimmert wie vom Vollmond versilbert. Die Schienen funkeln gleich Messerklingen. Um so schärfer und schwärzer tonten
Acnbcrung erfahren dürfte.' Damit ist aber auch Hochwassergefahr verbunden, um so mehr, well der Boden gefroren ist und das Schneewaster abfließen muß.
•• Straßensperrung Wegen 'Ausführung von Wasserleitungsarbeiten ist von gestern ab die Provinzialstraße Trais-Münzenberg — Wohnbaw, Ortsdurchfahrt M ü nzenberg, für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung erfolgt über Ober- Hörgern— Griedel—Oppershofen — Södel—Bellersheim—Trais Münzenberg und umgekehrt.
*• Frauengruppe der DcuHdjen Voltspartei. Man berichtet uns: Am Montag hielt die Frauengruppe der Deutschen Volkspartri ihre monatliche Versammlung im „Hindenburg" die sich eines sehr guten Besuches erfreute. Frau Abg. Birnbaum beleuchtete in ihrem Thema „Gegenwartsfragen" die letzten wichtigsten Ereignisse auf außen, und innerpolitischem Gebiet, so u. a. die Verständigung zwischen England und 3ndien, die englisch französisch italienischen Flottenverhandlungen, die im Anschluß an das Londoner Abkommen mitt auch 3talicn und Frankreich mit den drei Seemächten England. 3apan und Amerika in bezug auf die Flottenfragen verbinden, beide Abmachungen Zeugen von Englands kluger Staatskunst, und ganz besonders die letztere von weittragendster Bedeutung für die Abrüstungskonferenz und damit Rückwirkung auf Deutschland, dessen Außenminister Eurtius kürzlich in Wien die Ansprüche Deutschlands auf Durchführung einer allgemeinen Abrüstung und eine nicht aller wirtschaftlichen Vernunft Hohn sprechenden Lösung der Reparationsfragen betont und fid) mit aller Schärfe gegen die Kriegsschuldlüge gewandt hat. Betrachtungen über den „Anschluß", den die Rednerin lieber „Zusammenschluß" nennt, und über die Weltwirtschaftskrise leiteten über zu der 3nnen Politik. Vor den gespannt lauschenden Zuhörerinnen entrollte sie ein Bild der letzten Vorgänge im Reichs tag, wies die verhängnisvollen Folgen des Fehlens der Rechten an Hand der bereits getätigten Abstimmungen und der zur Verhandlung stehenden Fragen nach — Landwirtschaft, 3nncnctat, Wehreta-, Osthilfe — und erläuterte den Antrag Bell, die Aenderung der Geschäftsordnung betreffend, der ihr auch für Hessen recht angebracht erschien, und die letzthin eingebrachten Anträge der DVP-, die burd) die Stärkung der Stellung des Reichsvräsidenten und der Regierung und burd) Behebung oes unheilvollen Dualismus zwischen dem Reich und Preußen eine Gesundung unseres staatspolitischen Lebens auf legalem Wege durch Evolution herbeiführen wollen. Durch die Fülle des Stoffes mußte ein näheres Eingehen auf den Nationalsozialismus für eine der nächsten Zusammenkünfte zurückgestellt werden, um der Aussprache Zeit zu lassen, die durch die lebendige Anteilnahme der älteren und der jungen Generation noch gar manche Frage zur Sprache brachte. Die stets begrüßten gefang(id)cn Darbietungen von Frau Emma S ch u d t, feinsinnig begleitet von Fran Engisch, rahmten den anregenden Nachmittag ein, der wieder einmal das 3nterc|fe der oolksparteilichen Frauen an den großen Schicksalsfragen des deutschen Volkes und Staates erwies, Fragen, die, wie die Rednerin zum Schluß betonte, nur durch die starke nationale Geschlossenheit des Volkes zum Besten Deutschlands gelöst werden können.
** Schulfeier des Realgymnasiums. Am vorigen Freitag hielten, wie man uns berichtet, das Schülcrorchestcr und Schülerchor des Realgymnasiums in der Turnhalle der Anstalt eine musikalische Feier ab. Ton allen Seiten waren Eltern und Angehörige der Schüler und sonstige Freunde der Anstalt als Zuhörer erschienen und füllten die geräumige Turnhalle bis zum letzten Platz. Obcrreallehrer Blaß, der Leiter desSchü- ler Orchesters, begrüßte die Erschienenen und gab in einer kurzen Ansprache einen Aebrrblick über die Tätigkeit feiner jugendlichen Kunstbeflisfenen. Er wies darauf hin, daß ein gutes Stück Begeisterung zu dem Orchesteripiel gehöre, wenn fo viele schulfreie Rachmittage aus freien Stücken den Proben geopfert werden. Er bat auch die Eltern, daß sic ihre musikalisch begabten Söhne oeranlaffen sollten, in das Schülcrorchestcr einzutreten, denn 3ahr für 3ahr scheide der oberste 3ahrgang der Schüler aus — darunter oft die Spitzenspieler und am geeigneten Rachwuchs beginne es zu fch-
sick) sich von den Lichtflächen die Schatten ab, mit denen Pfosten, Schranken, abgeschlossene Kioske und Bänke ihre Gegenwart betonen. Ein elektrischer Ge päckwagen rollt geräuschvoll aus dem Abfertigungs raum. Das motorlose Fahrzeug wird von einem Führer gelenkt, der an der äußersten Spitze seines Wagens steht. So ratterten wir als Knaben in Leiterwägelchen oft abschüssige Straßen hinunter, sitzend die zwischen die Füße gehemmte Deichsel dirigierend.
Bis zur fahrplanmäßigen Ankunft des erwarteten Zuges müssen noch etliche Minuten verstreichen. Da fällt mir auf der nächsten Bank ein Mann auf, der eine grüne Zeitung entfaltet und einen Bleistift gezückt hält. Während ich neben ihm niedersitze, legt er seine Brieftasche aufs rechte Knie, die Zeitung darüber und macht Eintragungen in sie. Zurückgelehnt gewahre ich die feitcngroßc Figur eines Kreuzworträtsels. Wahrhaftig! Es gibt noch Menschen, die ihre Zeit nützlich auszufüllen wissen. Das gefundene Wort scheint jedoch die Lösung nicht viel näher gebracht zu haben. Das Gesicht des Mannes verdüstert sich. Zwischen feinen Augenbrauen erscheinen zwei senkrechte Runen. Man spürt es ordentlich, wie er denkt Gern würde ich ihm soufflieren, aber ich wage nicht ihn anzureden, aus Furcht, ihn aus seinen Gedanken-Assoziationen zu reiften. 3etzt zuckt er zusammen, aber während ich ihn schon um seines neuen Einfalls heim'ich beglückwünsche, zieht er einen Radiergummi aus drr Manteltasche, mit dem er sich vorsorglich ausgerüstet hat, und fummelt die eben eingetragenen Buchstaben wieder fort. 3ch mache mich still davon.
Am Rande der Einfahrtshalle, wo die Ueberdachung endet, gähnt das große Dunkel auf, durch das gelbe, rote und grüne Lichter, zum Teil dicht über den Schienen, zum Teil an Masten und Signalbrücken, sichere Wege weifen. Plötzlich find troei Lichter mehr unter ihnen. Runde weiße Sprühaugen, die vor wärtsfchießen, als säßen sie im Kopf einer Bestie, deren geschmeidiger Tierleib lautlos heranschnellt. Schon donnert die Halle. Die funkenstiebenden Räder knirschen unter der Wucht der Bremse. Türen schlagen auf. Aber nur wenige Menschen verlassen den Zug. Nicht der von mir Erwartete. Von einem Fenster wird der braune Vorhang beiseite geschoben. Eine verschlafene Stimme fragt nach dem Namen der Station. Der Zug hat schon wieder angezogen. An mir vorbei. Die rote Schlußlampe leuchtet, geht unter.
Noch ist der neue Tag ein großes Dunkel. Unb die erste Erwartung — war eine Enttäuschung.


