Mittwoch, U- Sebruar 1931
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsens
Nr. 35 Zweites Blatt
Lehrstellensuche im Handwerk.
Beachtenswerte Winke.
Oberheffen.
Erschließung großer Tonlager im Vogelsberg.
W ü-st w i l l e n r o t h, 10. Febr. (WSN.) Die gegenwärtig im Bau befindliche „Vogelsberger Sudbahn" ermöglicht es, die ausgedehnten Tonlager der Gemeinde Wüflwillenroth zu erschließen. Im Frühjahr soll bereits mit der Herstellung von Feldbrandsteinen begonnen werden, so daß es der Bevölkerung des Dogelsberges schon in Kürze mog lich ist, ihren Bedarf an diesem Baumaterial billig und ohne größere Fracht bzw. Transportkosten zu decken.
Landkreis Gießen.
X Klein-Linden, 10. Febr. Die seit vielen Wochen stillgelegene Zigarrenfabrik Behrens hat den Betrieb wieder ausgenommen, so daß viele Arbeiterinnen wieder ihrer^gewohnten Beschäftigung nachgehen können. — yrau Margarethe Hos, Frankfurter Straße 67, feierte bei guter Gesundheit ihren 91. Geburtstag.
H. Großen-Linden. 10. Feer. Dor einiger Zeit wurde unser Stromnetz, das an das Ueberlandwert Wölfersheim abgeschlossen ist. von 1 10 auf 220 Dolt transformiert. Durch die Erhöhung der Spannung sollte vor allem der Mißstand abgestellt werden, daß bei gleichzeitigem Betrieb mehrerer Motoren die Lichtlraft schwankte. Cs sollte den Abnehmern zugleich eine gleichmäßigere Strombelieserung gewährleistet werden. Run macht sich aber seit mehreren Wochen ein anderer Uebelstand bemerkbar. Cs wird allgemein darüber Klage geführt. daß das elektrische Licht nicht mehr die Helligkeit verbreitet wie seither. Auch in den Rachbargemeinden zeigt sich die gleiche nachteilige Erscheinung.
+ Grünberg, 10. Februar. Bei der zweiten Brennholzversteigerung, die am gestrigen Donnerstag im Stadtwald stattsand, wurden für je 1 Raummeter folgende Durchschnittspreise erzielt: Buchenscheit 11,5U Mark, Buchenknüppel 9 Mark, Äiesernscheit 6 bis 7 Mark, Kiefernknuppel 5 Mark, Fichtenscheit 5 bis 5,50 Mark, Fichtenknup- pel 4,50 Mark und Buchen reisig 1 Mark. — Am Donnerstagabend hielt die hiesige Freiwillige Feuerwehr im Gasthaus „Zum Taunus" ihre Hauptversammlung ab. Rach einem Marsch der Feuerwehrkapelle eröffnete der 1. Hauptmann Seifart die Versammlung. Aus seinem Jahresbericht ging hervor, daß im vergangenen Jahre sechs Hebungen und eine Rachtalarmiibung abgehalten würden. Bei zwei kleineren Bränden wurde die Wehr alarmiert, brauchte aber nicht in Tätigkeit zu treten. Den Karn. Bäckermeister Heinrich Meyer und Metzgermeister .Karl H ofmann 11. wurde das hessische Ehrenzeichen für 50jährige Mitgliedschaft überreicht. Als wichtigstes Ereignis des Jahres war die Erstellung des neuen Spritzenhauses zu betrach, kn. Die Wehr zählt 162 aktive und 47 passive Mitglieder. Die Jahresrechnunq schloß mit einem kleinen Heberschuß ab. Die Vorstandswahl, die satzungsgemäß für den gesamten Vorstand außer den beiden Hauptleuten vorzunehmen war, ergab die Wiederwahl von Friedrich Jäckel 1., Schriftführer: Otto Allmendinger, Rechner: Wilhelm Lehmann, Zeugwart, Wilhelm Schröder, Spritzenmeister: Karl Jäckel VI., Karl Hofmann 11. und Wilhelm S d) o m b e r als Beisitzer. Ebenso wurden die Obleute, ihre Stellvertreter und die Zugführer der einzelnen Mannschaften in ihren Aemtern belassen. Im weiteren Verlauf der Versammlung konnte der 1. Hauptmann die erfreuliche Mitteilung von der vom Gemeinderat in Aussicht genommenen Anschaffung einer K l e i n - motors p r i tz e machen, und dankte zugleich dein
Diele der an Ostern aus der Schule kommenden jungen Leute beabsichtigen ein Handwerk zu erlernen und suchen nach einer passenden Lehrstelle. Eltern und Dormünder seien zur Dcrmeidung von Rachleilen darauf hingewiesen, daß nicht in jedem beliebigen Handwerksbetrieb Lehrlinge angeteitet werden dürfen, sondern nur dort, wo der Inhaber oder sonst jemand im Betriebe die Meisterprüfung abgelegt hat, oder ihm auf Grund der Liebergangsbestimmungen zur Abänderung der Gewerk^ordnung vom 30. Mai 1908 die Anleitungsbefugnis ausweislich einer Llrkunde des zuständigen Kreisamts verliehen worden ist. Wo Zweifel herrschen, erkundige man sich bei der Handweriskammer- Aebenstelle. Sitz Gießen. Goethestrahe 7, 1. Stock. Die hin und wieder auftauchende Ansicht, daß *cö genüge, wenn der Lehrherr die Meisterprüfung im Laufe der Lehrzeit ablegt, ist unrichtig.
Weiter dürfen in Handwerksbetrieben nicht beliebig viel Lehrlinge gleichzeitig gehakten werden: vielmehr sind Höchstzahlen vorgeschrieben, und der Lehrherr muß bei Derstöhen die zuviel angenommenen Lehrlinge wieder entlassen.
Ferner sei darauf aufmerksam gemacht, daß gemäß den Bestimmungen der Gewerbeordnung innerhalb 4 Wochen nach Lehrbeginn ein Lehrvertrag schriftlich zwischen dem Lehrherrn einerseits und dem Lehrling und dessen Baier bzw. Dormund andererseits abgeschlossen werden muß. Es empfiehlt sich, hierzu das von der Handwerkskammer herausgegebene Formular zu benützen und drei Exemplare derjenigen Hand- werkslammer-Aebenstelle. in deren Bezirk der Lehrmeister seinen Detriebssih hat. spätestens drei Monate nach Lehrbeginn in Dorlage zu bringen./ Lehrverträge zwischen Lehrmeistern, die einer Innung angehören, mit ihren Lehrlingen müssen ebenfalls binnen 4 Wochen nach Lehrbeginn abgeschlossen und in vier Exemplaren der zuständigen Innung zur Eintragung in beren Lehrlingsrolle vorgelegt werden. Lehrverträge über bevormundete Lehrlinge müssen vom Lehrmeister mit dem Dormund abgeschlossen, von diesem dem zuständigen Dormundschaftsgericht zur Genehmigung vorgelegt und nach erfolgter vormundschaftsgerichtlicher Genehmigung der
anwesenden Bürgermeister für die tatkräftige Unter» stützung. Rach Besprechung einiger interner Angelegenheiten sand die Versammlung ihr Ende.
§ Beuern, 10. Febr. Untere Gemeinde ist eine der wenigen im Hessenland, die bis heule noch keine Gemeindesteuern einzuführen brauchte. Infolge ihrer Einnahmen aus einem Gemeindebesitz von rund 1200 Rormalmorgen, meist Waldungen, ist die Gemeinde in der angenehmen Lage, ihren Haushaltsplan ohne kommunale Umlagen durchzuführen.
* Lich, 10. Febr. Am Montag, 16. Februar, findet hier der altbekannte Fastnachtsmarkt statt. Er besteht aus dem Schaf-, Schweine- und Krämermarkt. Die hiesigen Ferkelmärkte erfreuten sich bisher allgemeiner 'Beliebtheit. Auf die amtliche Bekanntmachung im Anzeigenteil sei hin» gewiesen.
> Bellersheim, 10. Febr. Die hiesige G e- meindejagd wurde in zwei Teilen auf w e i -
Handwerkskammer-Rebenstelle. S.tz Gießen, bzw. der zuständigen Innung zur Eintragung in deren Lehrlingsro.le in der vorerwähnten Anzahl vor- gelegt werden.
Vielfach besteht die irrige Aufsassung, auch in Handwerkerkreisen, daß der Lehrvertrag erst nach Ablauf der vereinbarten Probezeit abgeschlossen werde. Die Vertragschließenden können eine Probezeit bis zur Höchstdauer von drei Monaten vereinbaren, während welcher beiden Teilen das Recht zusteht, jederzeit vom Vertrag zurückzutrcten. Durch die Vereinbarung einer längeren Probezeit als 4 Wochen wird die gesetzliche Verpflichtung zum Abschluß eines schriftlichen Lehrvertrags binnen 4 Wochen nicht berührt. Die Unterlassung des Vertragsabschlusses setzt beide Parteien erheblichen Nachteilen aus. Die Vorlage des rechtzeitig abgeschlossenen, schriftlichen Lehrvertrags ist übrigens auch eine der Voraussetzungen für die Zulassung zur Gesellenprüfung.
Wenn in einzelnen Fällen der Lehrherr gegen die vorstehenden Bestimmungen verstößt, so setzt er sich der Gefahr einer Bestrafung aus; jedoch sind die u. U. hieraus auch für den Lehrling hervor- gehenden Schäden derart, daß die Eltern bzw. Vormünder auch ihrerseits die Beachtung der genannten Vorschriften genau kontrollieren sollten
Der Lehrmeister kann unter Vorlegung des ordnungsmäßig abgeschlossenen Lehrvertrags beim Vorstand der zuständigen Krankenkasse den Erlaß der Beiträge zur Erwerbslosenver- sicher ung beantragen. Falls derartigen Anträgen seitens der Krankenkasse entsprochen wird, ruht die Beitragspflicht zur Erwerbslosenversicherung bis zum Beginn des letzten Jahres der Lehrzeit. Von diesem Zeitpunkt ab lebt die Beitragspflicht zur Erwerbslosenversicherung wieder auf.
Schließlich seien die Eltern noch darauf hingewiesen, daß sie ihre Kinder nur solchen Berufen zuführen sollen, für die sie körperlich und geistig am besten geeignet sind. Falsche Berufswahl hat schon viele Menschen unglücklich gemacht. Soweit als irgend angängig bediene man sich der Einrichtung her (Eignungsprüfung. Näheres über solche Prüfungen ist bei den Berufs- bzw. Arbeitsämtern zu erfahren, die ebenfalls in der Lehrstellenoermittlung tätig sind.
In allen Lehrlingsangelegenheiten erteilt die Handwerkskammer-Nebenstelle, Gießen, Goethestr. 7, I Auskunft.
tcre neun Jahre verpachtet. Feldjagd mit Gemeindewald ging zum Preise von 1250 Mk. an eine hiesige Jagdgesellschaft über. Den Markwald behielt aum Pachtpreis von 500 Mk. sein seitheriger Besitzer.
Kreis Schotten.
)' Gedern, 8. Febr. Die Gemeindevertretung beschloß in ihrer jüngsten Sitzung, von dem seinerzeit eingegangenen Vertrag mit der Reichspost zur Errichtung eines Postneubaues in der Otko-Müller-Straße zurückzutreten, da es ihr nicht möglich war, das nötige Geld zu einem einigermaßen günstigen Zinsfuß auf- zubringen. Tie Gemeinde hat aber nichts gegen den Abschluß eines Dertrages zwischen dem Bauunternehmer Anton Drisch aus Bad Orb und der Reichspost einzuwenden, stellt aber die Be- I t/ingung, daß die Stadt zu keinerlei Bürgschaften I oder sonstigen Verpflichtungen herangezogen wer
den kann und daß in erster Linie einheimisch« Geschäftsleute und Arbeiter berücksichtigt werden. Das Baugesuch des Johannes Rausch xur ®r- richtungcines Wohnhaus es in oct Otto« Müller-Straße wurde genehmigt. Herrn. Ackermann wurde als Feldgeschworener angenommen. Dem Antrag des fürstlichen Rentamtes auf ©tun- düng der Sondergebäudesteuer wurde entsprochen. Für den Iugeiidherbergenverband kann rn diesem Jahre aus Mangel an Mitteln keine 0x0x11« gegeben werden. — Um den in unserer Staat sehr zahlreichen Wohlfahrtserwerbslosen eine Winterbeihilfe zu verschaffen, wird eben ein« Sammlung von Geld, Lebensmitteln und Kleidung durch die Bürgermeisterei bei denjenigen lurchgcsührt, die noch in der glücklichen Laz« fine-, ihrem Beruf ungestört nachgehen zu können. Pläne einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der Winterbeihilfe werden ebenfalls er- to°9COr ofi-ö ich en, 10. Febr An drei Rachmittagen wurde durch die' Fürsorgeschwester Margarete Spamer aus Ulrichstein ein Hygiene k u r s u s für d.e fortbildungsschulp lichtig« weibliche Jugend abgehalten. An dem Kursus nahmen auch ixe M^d^ien von Högersdorf, Sellnrod, Lardenbach und Klein-Eichen teil.
* Groß-Cichen, 6. Febr. Der D f R. Groß-Eichen hielt in seinem Dereinslokal seine erste Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Wilh. S ch o m be r t erstattete den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, daß sich der Verein während der kurzen Zeit seines Bestehens gut vorwärtsgearbeitek hat. Der vom Rechner Cd. Rühl gegebene Kassenbericht zeigt« einen befriedigenden Stand. Die Vorstandswahl brachte einige Veränderungen, und zwar rour^-e Brnst Kühl als l. Vorsitzender und als dessen Stellvertreter Wilhelm Schombert gewählt. Spielführer wurde Gustav Faust.
Kreis -llSfeld.
I Kirtorf, 5. Febr. Am Sonntag hielt die Freiwillige Feuerwehr im Saal des Gastwirts Gröschner ihre Generalversammlung ab. Feuerwehrhauptmann Schaaf leitete die Sitzung. Aus dem Jahresbericht ging hervor, daß die Wehr zur Zeit 79 Mitglieder zählt. Die Rechnungsablage ergab einen Kassenbestand von 52 Mark Eine längere Aussprache entspann sich über die bevorstehende Feier des 50jährigen Bestehens der Freiwilligen Feuerwehr. Den Zeitverhältnissen eilt- sprechend wurde von einer größeren und kostspieligen Festlichkeit abgesehen. Man will jedoch am zweiten Psingsifeiertag eine Jubiläumsfeier halten, die allen Teilnehmern einige frohe Stunden bereitet und zu welcher auch die benachbarten Wehren demnächst eingeladen werden sollen. Diese Jubiläumsfeier steht in Verbindung mit der 200 - Ja h r- feier des Wiederaufbaues von Kirtorf und der Einweihung der Kirche nach dem großen Brand von 1725, die von der Kirchengemeinde am ersten Pfingsttag in würdiger Weise begangen wird. w , _.
-o- Rieder-Gemünden, 2. Febr. Die hiesige Freiwillige Feuerwehr hielt in der Gastwirtschaft von Karl Decker IV. die erste ordentl iche Generalversammlung ab. Der erste Kommandant, Jul. Stumpf, hieß die Mitglieder willkommen. Aus bgn Jahresbericht ging hervor, daß die Freiwillige Feuerwehr se.t ihrem Bestehen bereits drei Haupt- und eine Rachkübung veranstaltet hatte. Der Schriftführer Herbst verlas sodann das Gründungsprotokoll. Der Rechnungsbericht ergab einen Lieberschuß. Das Vermögen der Wehr an neuangeschafften Ausrüstungsgegenständen beträgt 800 Mark. Die zu den Anschaffungen erforderlichen Gelder wurden aus Spenden und Sammlungen in d^r Ge-
Der Bann
der das Lachen verlernt hat.
Vornan von Gert Gothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger. Halle (Saale)
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten
Mitten aus diesem Taumel heraus fragte er: „Maria! Kennst du Bonenbirchner näher?* * Sie zuckte so heftig zusammen, daß er es bemerken mußte, auch wenn er sie nicht so scharf beobachtet hätte.
Da wurde er mißtrauisch. „
„Ich hasse Graf Bonenbirchner! Genügt dir bas?" ,
„Rein, es genügt mir nicht! Run muh ich wissen, warum du ihn haßt, Maria", forderte er ungestüm.
Maria wandte sich ab.
„Cs ist nichts. Ich hasse ihn, weil er mich —’ so herausfordernd ansieht."
„Er wagt es also, dir lästig zu fallen? Cs ist sehr gut, daß ich das weiß, Maria. Leider hast du mir eine Frist bis Donnerstag gestellt. Während dieser Frist bin ich machtlos. Dann aber mag er sich hüten!"
Maria lehnte die Stirn an seine Brust. Die Lider schlugen ihr wie die Schwingen verängstigter Vögel.
Er wühlte sein Gesicht in das wellige braune Haar.
Sei immer wahr. Maria! Meine Liebe würde an einer Unwahrheit zerschellen'*, sagte er düster. Es war ihm, als entglitte ihm Maria schon jetzt.
Ihr leidvoller Blick traf den fernen.
„Ich liebe nur dich!"
Warum machte ihn ihr Bekenntnis nicht glücklich?
Da schlang sie plötzlich beide Arme um feinen Racken.
„Ich bin morgen bei meiner Kusine, der Fürstin Loebstein. Ihr werde ich mich anvertrauen. Sei gegen drei Uhr nachmittags dort, wenn es dein Dienst erlaubt“, flüsterte sie.
„Ich komme, Maria, ich komme!"
Eine Weile nach ihr verlieh er den Wintergarten. Zwischen den dichten grünen Blattpflanzen an der linken Seite des Wintergartens wurde Graf Bonenbirchners höhnisches Gesicht sichtbar.
„Ich habe es mir doch gedacht. Aber Maria soll sich in acht nehmen. Der Rentner? Der? Oho! Der kommt mir grab’ recht! Tiber weshalb reg ich mich auf? Der Triumphierende bin ich, nur ich."
Graf Bonenbirchners Gesicht war nur eine scheußliche Fratze. Man hätte gar nicht geglaubt, daß sich dieses hübsche, wenn auch reichlich nichtssagende Gesicht so verändern konnte.
Eine Weile später war auch Bonenbirchner wieder im Festsaal. Seine Augen blitzten höhnisch auf, wenn er Graf Kentner ansah. Dessen Blick bohrte sich drohend in den feinen. Dann wurde es Bonenbirchner aber doch ungemütlich. Und es schien ihm doch gewagt, Graf Kentiier durch allzu offen zur Schau getragenen Hohn herauszufordern. Kerle, wie der, waren immer gleich dazu bereit, ihrem Feinde eine Kugel zwischen die Rippen zu jagen.
Bonenbirchner schüttelte sich wie ein nasser Pudel, wenn er an diese Möglichkeit dachte. Und er überlegte, dah man doch dem Verhaßten auf andere, für sich selbst höchst ungefährliche Art und Weise etwas auswischen konnte. Der Onkel Kabi- nettschef war für eine Intrige immer zu haben.
Maria von Worthy!
Sie war seine Geliebte.
Wenn das Kentner wüßte!
Diese Tatsache verursachte ein Rervenprickeln, das die schlaff gewordenen Rerven aufpeitschte. Run, Kentner durfte vorerst nichts erfahren, soviel stand fest. Und Maria? Sie stieß ihn, Bonenbirchner, seit langem zurück, soviel er auch versucht hatte, sich ihr wieder zu nähern. Aber sie zahlte, ohne eine Miene ihres schönen Gesichts zu verziehen, das hohe Schweigegeld, das er, der Spieler, von ihr verlangte, wenn er wieder einmal ohne Mittel war. Kentner aber durfte nicht zwischen sie und ihn treten! Auf keinen Fall durfte das sein. Cs war ja bestimmt anzunehmen, daß Kentner sich sosort von Maria löste, wenn er alles wußte. Aber die Liebe ging manchmal eigene Wege. In diesem Falle würde es kein Geld mehr, sondern nur etwas geben, von dem er, Bonenbirchner, eben durchaus kein Freund war.
Also mußte er vorsichtig sein. Wie gesagt, so groß die Freude war, dah er gerade über Kent- ncr triumphieren sollte und es auch konnte, so gefährlich war es immerhin, diesen Mann zu reizen.
Bonenbirchner schlenderte jetzt auf die Fürstin Leobstein zu und lächelte sein Schwerenöterlächeln, als sie schmollend sagte:
„Endlich einmal Zeit für mich? Ich mühte Ihnen böse fein, Graf. Sie wollten mir Graf Äcntner zum letzten Gesellschaftsabend mitbringen — und bann fehlten sie alle beibe. Ist das Freundschaft? Kann man sich auf solch einen Ha» lodri verlassen?"
„Ich hab' um Verzeihung gebeten. Ich tu s noch einmal.“
Er küßte ihr die Hand.
Sie schlug ihm mit dem Fächer auf den Arm.
„Kommen Sie wieder zu sich, lieber Bonenbirchner. Aber bringen Sie mir jetzt den Kentner. Ich hab' nun mal was übrig für ihn."
.Weshalb eigentlich?" fragte er gereizt.
„Vielleicht deshalb, weil er ganz anders ist wie Sie!"
Er starrte die schone Frau an, als habe er nicht recht gehört. So deutlich wagte sie, es ihm zu sagen, was sie über ihn dachte?
Bonenbirchner verbiß seine Wut, verneigte sich liebenswürdig, und sagte:
„Zwischen mir und dem Kentner besteht zur Zeit eine Spannung. Ich möchte nicht der erste fein, der die Hand gibt. Ich hab meinen Trotz auch für mich."
Fürstin Leobstein lächelte mokant. Die Spannung kannte sie schon. Der Bonenbirchner hatte bloß seine Wut, weil er neben dem Kentner aussah wie eine Iammersigur. Dem hatte das Leben, das leichtsinnige Leben ganz hübsch zuge- seht — dem Kentner nicht! Obwohl der ja auch durchaus kein Heiliger sein sollte, wie sie sich hatte erzählen lassen.
Fürstin Leobstein war eine blonde, schöne, lebenslustige Frau, die bedeutend jünger war als ihr Mann, der völlig im Berus des Diplomaten aufging und allerlei verknöcherte Anschauungen pflegte. Auf jedem Gebiet. Run, so mußte man halt sehen, auch ohne ihn mit dem Leben fertig zu werden.
Graf Kentner!
Gleich beim ersten Sehen hatte sie etwas übrig gehabt für den schonen, großen Menschen. Und sie hatte cs sich in den Kopf gesetzt, mit ihm zu plauschen. Da konnte kein Mensch etwas dabei finden, nicht einmal ihr Mann.
Bonenbirchner!
Sie hatte sich seiner bedienen wollen, den Grafen Kentner in ihr Haus zu ziehen. Sie war erst vor kurzem mit ihrem Manne nach Wien zurückgekommen, und da wollte sie sich den Kreis ihrer Bekannten und näheren Freunde gleich von Anfang an so einrichten, wie er ihr zusagte. Und in diesen Kreis hinein fehlte ihr eben nun noch Kentner.
Dah zwischen ihm und Bonenbirchner keinerlei Sympathien bestanden, das hatte die kluge Frau inzwischen längst durchschaut. Aber nun hatte sie Bonenbirchner einmal in ihren Kreis einbezogen: jetzt mußte es auch so bleiben. Graf Kaltenberg kam auf sie zu, und im Schlepptau hatte er Kentner.
Die Fürstin strahlte. Der Kaltenberg war halt ein lieber Kerl.
Wenige Minuten später war man in ein Gespräch vertieft. Die Fürstin verriet ihr großes Interesse für Kentner so deutlich, daß Kaltenberg humorvoll dachte:
„Das hab’ ich ja wieder einmal großartig gemacht, ich Schaf. Ich interessier' mich selber für die schone Frau und führ' ihr den Kentner zu! Ausgerechtret den Kentner! Hätt' ich mir kwch denken können, wie das ausläuft. Ra, was nicht mehr zu ändern ist, soll man genießen, wie es sich präsentiert."
Die Fürstin und Kentner unterhielten sich seh«
gut miteinander.
Mit einem bösen Blick schaute der Fürst einmal herüber, wandte sich aber dann dem Hausherrn:
wieder zu.
Kentner aber dachte:
„Sie ist die Kusine Marias. Wie gut, daß ich Gelegenheit habe, mich ihrer Familie zu nähern!"
Die Fürstin fühlte, ihr selbst noch Dollfommen unbewußt, eine heiße Liebe für Kentner, den schönen Offizier mit dem energischen, braunen Gesicht, den großen, grauen Augen.
Maria von Worthy lächelte herüber. In feinen Augen war ein stummes Grüßen. Die Fürstin bemerkte beides. Schreck durchzuckte sie. Maria und Kentner? Rein, das doch nicht? Maria wurde doch allgemein verehrt: sie sollte ihr doch wenigstens diese,» Mann lassen. Ja, aber, sie war doch verheiratet? Zu was sollte es denn führen? Ein leichtfertiges Spiel? Sollte cs das werden?
Rein! Olein!, dachte die Fürstin. Ich will ja nichts von ihm! Rur plaudern will ich ab und zu mit diesem Manne. Cs ist doch so wenig, was ich verlange. Dieses Wenige kann man mir doch lassen! Ich bin doch lange genug so einsam gewesen. trotz der vielen Feste, die wir in der kurzen Zeit hier besuchten und gaben.
Sinnend sah sie in fein Gesicht, das ihr offen
zugewandt war.
„Waren Sie nicht einmal in Baden-Baden, lieber Graf?“
Er blickte sie überrascht an; dann sagte er:
„Doch! Dor vielen Jahren aber war das. Ich hatte meine Mutter nach dem berühmten Kurort begleitet und blieb aus ihre Veranlassung noch einige Sage dort. Ich kann mich aber nicht erinnern, Durchlaucht gesehen zu haben."
„Möglich. Ich lebte ziemlich zurückgezogen. Mußte es. Damals war ich noch nicht Fürstin Leobstein. Aber vielleicht war ich damals glück
licher als heute."
Ihre Augen blickten wehmütig und doch auch mit heißem Verlangen in die seinen.
Und da wußte Gras Kentner auf einmal, mit was für Wünschen und Hoffnungen die schöne
Frau sich trug.
Abwehr war in ihm: aber doch auch ein großes, echtes Mitleid. Denn er hatte doch schon so allerlei über diese Ehe gehört. Doch jetzt galt keine grau mehr für ihn; er liebte Maria, und ihr würde er die Treue halten.
In der Fürstin aber flammte Haß auf.
Maria? Wieder sie? Immer sie, die Qkr- hätschelte, Verwohnte? Sie, die jeden ihre« Wünsche stets erfüllt gesehen hatte? Und die — die zu Graf Bonenbirchner in Beziehungen gestanden hatte? Wußte Graf Kentner daS? Otetn! Er wird es nicht wissen. Er gehörte bestimmt zu denen, die in Maria ein reines, unberührtes Ge
schöpf sahen.
(Fortsetzung folgt)


