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Die kleine Aicolelle.
Vornan von Paul Ham.
14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Lieber das Gesicht des alten Herrn glitt ein Lächeln, so eine stille, milde Heiterkeit.
„3a, Gott sei Dank! Gin Alterssitz. Hier tarnt ich meine Lieder komponieren nach Herzenslust. 3ch komme mir vor wis der liebe Gott."
Qlicolette beschäftigte sich verlegen mit dem Windspiel, das lebhaft zu werden begann.
„Still Prinz — Prinzchcn! Wirst du wohl!
„3a — ich bin wirklich respektabler Dchlohherr. Aber — Herrgott, da stehen wir noch immer, atico — such' doch einmal die alte Warthe oder den 3acobus, sie sollen sich mal bischen um uns kümmern. Kommen Sie, Herr Wordehoff, hier ins Nebenzimmer, eine Tasse Kaffee werden Sie nicht abschlagen. Lind nach der Wanderung ist hier gute Aast!"
„O - Sie sind zu freundlich -
„Lassen Sie nur 3hren Rucksack hier hegen. Der stört niemanden. 3acobus wird ihn schon beiseitebringen. So — kommen Sie —
ilnb beweglich komplimentierte er Wordehoff durch die Tür nach nebenan, während er seinem Mädchen noch einmal zunickte:
„Spring, mein Kind —"
Sie zupfte Pnnz am Halsband, und nun klang ihre Stimme voll unbehinderter Fröhlichkeit:
,3ch springe schon, Papa. — Komm, mein weiher Prinz!" Der Seidenschal flatterte lang hinter ihr her.
Nebenan war das Eßzimmer. Die Möbel im Darockstih CBiel Bilder an den Wänden.
Professor Kinna zog die Gardinen vor den Fenstern zurück.
„Rehmen Sie Platz. Tun Sie, als ob Sie zu Hause sind. Sie wundern sich, daß es hier etwas moderner aussieht als nebenan? 3a, wenn Sie erst das ganze Schloß kennen, werden Sie sich noch mehr tounbern. Hier berühren sich die Geschmacklosigkeiten und die geschmackvollen Einfälle der verschiedensten 3ahrhunderte. 3ch konnte ja die hinterlassenen Einrichtungen des früheren Besitzers und seiner erlauchten Ahnen nicht hinausschmeißen! Lind meine Sachen mußten auch her. So haben wir hier ein wunderbares Gemisch der verschiedensten Stilarten, von der Mönchszelle, die in dem alten Flügel noch mit den Jahrhunderte alten Bedarfsartikeln fanatischer Flagellanten erhalten ist, über den ver- schllssenen Talmipomp eines niedergehenden Rittergeschlechts hinweg, wie er sich hier in so vielen Räumen bietet, bis zu der sogenannten modernen 3nnenbaufultur, wie Sie die beispiels
weise in den Zimmern bewundern oder nicht bewundern können. Sowas hat sein Gutes. Man langtoeilt sich nämlich nicht so leicht. Lind wenn man nichts zu tun hat, spaziert man einfach durch dir verschiedensten Zimmer — und wandert so durch die 3ahrhunderte. Fein, was?"
Sie saßen einander an dem großen Tisch gegenüber, in deren Mitte eine Kristallschale mit frischen Blumen stand.
,,3n der Tat", sagte Wördehoff, „Sie leben hier wunderbar. 3ch könnte Sie beneiden."
Kinna sah ihn nachdenklich an. Es war ein Blinzeln in seinen Augen.
„3a — Sie könnte ich mir auch recht gut vorstellen, Herr Wördehoff. Sehen Sie — meiner Frau, sie ruht ja schon lange in Frieden — hätte das hier nicht gepaßt! Die mußte immer im Mittelpunkt des Salonlebens stehen. Hm. Aber Sie, ja, trotzdem Sie moderner Theaterdichter sind —“
Wördehoff krauste die Stirn.
„Ich deutete wohl vorhin an, daß wir zuweilen hier von Ihnen gesprochen haben. So im Winter — wissen Sie? Man kramt da allerlei Erinnerungen aus. Wir waren ja nur wenige Male zusammen. Aber — der interessanteste Kopf damals waren Sie nur. Ich sah Ihr letztes Stück — ein Reiher! Famos gemacht. Aber dennoch — ein paar Stellen waren darin, die tiefer gingen. Die eigentlich so weggespielt wurden. Hm —“
Wördehoff verhielt fast den Atem.
„Ich sagte später zu Ricolette: Der Wörde- hoff .ist durch Zufall Stückeschreiber geworden. Er ist eigentlich ein viel größerer — Dichter. Er sollte das Theater an den Ragel hängen und — mit Büchern zu der großen Menge sprechen. Lind Ricolette meinte: Er wird es auch schon mal machen! Das Mädel hat eine feine Rase!"
Kinna schnmnzelte.
„Ra? Etiinmt's? Was macht ihre letzte Arbeit? Schon was Reues?"
Wördehoff erwiderte langsam:
„Ich freue mich, Herr Professor, über Ihre Meinung. Vielleicht — haben Sie Recht! Was ich arbeite? Ach Gott, es scheint mir schon so lange so unwesentlich. Ich wandre, Herr Professor, ich sehe und erlebe —“
Kinna blickte ihn scharf an.
„Verstehe —", murmelte er. „Reden wir also nicht mehr davon! Sie haben ja — Ferien!"
„3a — wollte Gott, sie dauerten recht lange.“
Rach einer Weile brachte Marthe, die ältliche, rundliche Haushälterin, den Kaffee.
Reugierig musterte sie den Gast von dep Seite, von dem ihr Ricolette draußen schon gesprochen hatte. Denn das war noch nicht oft vorgekom- men, daß jemand auf dem Schloß von auswärts zu Besuch war. Man lebte hier für sich.
Der Professor hatte nicht viel Verwandte in dcr 'Well. Lind die wieder liebten hier oben auch nicht die Stille. Manchmal war zwar dieser und jener, besonders in der ersten Zell, gekommen, aber sie hielten sich nicht lange auf. Die laute Lintcrhaltung fehlte ihnen.
Ricolette freute sich immer sehr, toerm sie wieder weg waren.
Diesmal aber war sie seltsam aufgeregt gewesen, das hatte Frau Marthe gleich bemerkt, und jetzt am Tisch sah sie mit still-glänzenden Augen da und sah den Gast oft verstohlen an, und wenn er zu ihr herüberblickte, dann war etwas Besonderes in ihrem Blick, man konnte es nicht beschreiben.
O ja. Frau Marthe hatte ein scharses Auge dafür. Schade, daß man nicht so ungeniert Hinsehen durfte, wie sie es gerne gewollt hätte. Lind lange herumhantieren durste man auch nicht. Jedenfalls — der Fremde schien ja soweit ein ganz netter Mensch zu sein. Richt mehr ganz jung — aber frisch und lebhaft, und Augen hatte er — die waren ordentlich schön. So hell und klar wie die von Ricolette!
So sinnierte Frau Marthe.
Lind nur schweren Herzens verlieh sie das Zimmer, nachdem sie alles aufgetragen hatte. Aber sie lehnte die Tür nur an, und eine ganze Weile hatte sie noch im Rebenzimmer herum- zulramen.
10.
Man saß geraume Weile am Kaffee tisch beisammen. Wördehoff erzählte von seinen Wanderungen und was er unterwegs alles an Interessantem gesehen und gehört hatte, und Professor Kinna schilderte dann in seiner gemütvollen Art das Leben hier auf dem Schloß. Der Frühling und der beginnende-Sommer hätten ihm schon manche neue Lieder entlockt, die er demnächst seinem Verleger schicken wollte. Auch von seiner braven Haushälterin und ihrem Wann, dem getreuen Jacobus, sprach er, die schon unter dem früheren Besitzer hier oben gedient hatten, die ein ganzes Regiment von Dienern und Zofen ersetzten, und die sich schon selbst ihre Hilfen aus dem Städtchen heranhollen, wenn welche nötig war.
Ricolette hörte schweigend zu, und nur ab und zu warf sie ein Wort dazwischen. Dann blickte Wördehoff zu ihr hinüber und es war wie ein herzlicher, warmer Gruß.
Schließlich aber sagte Kinna:
„Run haben wir hier wohl lange genug gesessen. Herr Wördehoff — wollen Sie das Schloß besichtigen? Sie brennen doch darauf —“
„Aber ja — natürlich —"
„So einen alten Kasten findet man ja nicht alle Tage", lachte der Professor gutmütig. „Also — fangen wir an.“
Ricolette nickte eifrig mll dem Kopf, daß ihr das blonde Delock in die Stirn fiel. Wördehoff sah in ihre Augen hinein.
Lind für Sekunden griffen ihre Blicke ineinander.
Eine Dlukwelle jagte durch sein Herz.
Kinna hatte sich bereits erhoben und machte ein paar Schritte durch das Zimmer, um die schon etwas bequem gewordenen Gliedmaßen wieder in Bewegung zu bringen.
War dieses In einander greifen der Blicke nicht wie ein heimlicher Händedruck gewesen? Wie ein Flüstern dcr Lippen: Wir kennen unS ja — wir beide — kennen uns tiefer und befTer, als wir es wohl bisher gewußt haben! O ja — wir kennen uns gut! Von damals her! Die wenigen Worte, die wir da sprachen — sie führten unsere Seelen wohl doch nahe zusammen!
Ricolette errötete. Aber nur schwer lösten sich ihre Augen von Wördehvsfs Blick.
Schnell stand sie vom Stuhl auf. Auch Wördehoff erhob sich nun.
Professor Kinna hatte die Wanderung durch das Zimmer beendet. Er hatte von der kleinen, lautlosen, sekundenschnellen Szene nichts be- merlt.
„Fertig? Schön — dann kommen Sie, wir gehen gleich hier nebenan durch das Musikzimmer —“
Er schritt voran, und Wördehoff und Ricolette folgten.
Wirklich, es wurde eine Wanderung durch die Jahrhunderte, wie Kinna schon angedeutet hatte. Den bewohnten renovierten Teil mit seinem verwelkten Pomp oder der steifen Vornehmheit der neuen Einrichtungen hatte man bald durchlaufen.
Dann aber ging es durch die Räume deS alten Schlosses, und hier wurden die Schritte unwillkürlich langsamer. Da waren Decken und Wände noch wuchtig mit dunkelbraunem Cichen- belag getäfelt, wurmstichige Stühle mit primitiv geschnitzten Lehnen standen in den Ecken — und durch die schmalen Fenster blinzelte scheu der Tag hinter den eisernen Gitterstäben.
Durch langgestreckte Trinksäle führte der Weg. In einem stand ein Steintisch, und wenn man lange hinsah, konnte man vermeinen, daß da wohl ein alter, wohlbeleibter Ritter vor seinem Humpen sah und es sich gut fein lieh.
Es war aber nur die Staubsäule, die in dem Lichtteil, den die Sonne hereinschickte, durcheinanderwirbelte.
Wördehoff murmelte:
„Wunderbar — diese Räume. Wan vergißt beinahe die Gegenwart. Was mögen diese Wände alles erlebt haben!"
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