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Nr. 5 Zweites Blatt
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Nachdruck verboten.
12. Fortsetzung.
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Technik sowieso nichts mehr übelnehme.
Ich Weitz legt einen angenehmen Zeitvertreib für Mutzestunden, in denen Kurtchen mal gerade nicht seine Schauderröhre mißhandelt: ich male mir aus, wie es nächste Weihnachten wird. Vielleicht gründe ich aus Opposition einen Vlechblästzr-
, __________ In diesen langen Viertelstunden
des Stillesitzens - kam ihr auch wieder ein Ge- danke an Wördehofs., der ihrem Dann nicht mehr unterlag und einfach weggefahren war, weil es ihn
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2Iber dann - Hütte sie ihn dann überhaupt geliebt? Kein klares 3a - kein klares Heini .Frau Horma - bitte, kein so finsteres Gesicht! Darnowcky hatte es gesprochen.
Aus der Provinzialhaupistodt
Gießen, den 7. Januar 1931.
Nachklänge....
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Die kleine Aicolette
Vornan von Paul Hain
.Verzeihen Sie — ich — ich überlegte nur — die Beleuchtung ist ganz ausgezeichnet."
.Dun alfo' Dann frisch los. Langer als zwei Stunden sitze ich 3hnen heute bestimmt nicht, rind ■ davon geht noch eine halbe Stunde Pause ab. 2llso - Sie müssen sich schon beeilen."
Ihre Stimme klang bereits weicher, versöhnlicher.
Darnowsky hatte sich gefaßt.
.Ich fange schon an.“
Er zerrieb die Farben auf der Palette und be-
Sie lächelte plötzlich.
„Um Gottes willen - nein! Warum denn blohl Ich bin ja schon wieder froh. Sehen Sie."
Lustigkeit überfiel sie. Ihre weihen Zahne leuch- j leien
.Darf man einmal sehen, wie weit Sie sind?"
„Aber ja
Sie stand auf, reckte sich ein wenig in den Gliedern und trat an die Staffelei, auf der es noch bunt genug zuging. Aber klar und voll Glanz standen die Augen in dem Gesicht, uni) der rote ; Siunb war voll heimlicher Lust.
Horma stand still vor dem Bild.
Darnowsky stand hinter chr - der volle, blühende Hacken bannte feinen Blick.
Und plötzlich beugte er sich herab - und drückte die Lippen leise auf diese weihe, glänzende Haut.
Dann trat er erschrocken zurück.
Norma rührte sich erst nach einer Weile. Hatte Jie den Kuh nicht gespürt? Angstvoll blickte Dar- Iwwsky sie an.
Aber sie lächelte nur und sagte: .
Bekanntlich grassiert der Künstlerdünkel nirgendwo so heftig, wie gerade in der Musik, und wenn Fräulein Lieblich über mir das „Gebet qiner Jungfrau" singt, so ist sie sicher von ihrer Gesangsqualität überzeugter als die Patti. Wenn der Mangel an tiefen Tönen das Fehlen der hohen ersetzen könnte, hätte ich ja nichts dagegen, denn nur die Lumpen sind bescheiden. Hun hat , aber ein scheußlicher Bösewicht ihr au Weihnachten noch die Hofen von einem Regerschen Wiegenlied geschenkt, und damit versucht Fräulein Lieblich nun ihre Umwohner in Schlaf zu fingen. Dis jetzt hat sie noch den umgekehrten Erfolg zu verzeichnen, und der Weihnachtsmann ist noch tiefer in meiner Achtung gesunken, ich würde ihn überhaupt unter Geschäftsaufsicht stellen lassen, jedenfalls bezüglich tonerregender Geschenke.
Ganz allgemein mutz ich beglückt feststellen, dah das Weihnachtsfest überaus befruchtend auf die musikalische Betätigung meiner Mitmenschen eingewirkt hat, in meiner nächsten Hachbarschaft sind allein mindestens vier neue Musikinstrumente in Betrieb genommen worden, mit dem allerdings jetzt klimatisch bedingten Vorteil, dah sie nur bei geschlossenen Fenstern Geräusch erzeugen. Und bis zum Sommer sind vielleicht zwei von ihnen schon erfolgreich zu Bruch gespielt; wenn sie weiterhin so häufig benutzt werden, besteht jedenfalls berechtigte Hoffnung.
Von den neuen Hadioapparaten will ich lieber nicht auch noch reden, denn der Rundfunk ist mir immer etwas Unverständliches geblieben, aber das Motorrad, das mein Gegenüber unter dem Weihnachtsbaum gesunden hat, will ich nicht unterschlagen. Seine Nachklänge sind zweifelsohne die intensivsten, und sein allmorgendlicher Start ist akustisch direkt interessant. Dabei ist so ein Instrument doch gar nicht so grohl Jedenfalls nichts im Verhältnis zu seinem Radau. Trotzdem ist es mir lieber als Kurtchens Trompete, weil ich der
Weihnachten liegt hinter uns und ist mit dem alten Jahr zusammen in die große Zeittruhe zurückgepackt. Aber große Ereignisse werfen ihre Schatten nicht nur voraus, sondern auch hintennach, und in diesem Falle verstehe ich unter Schatten die Weihnachtsgeschenke, womit ich zunächst noch kein Werturteil fällen will. Do ist
flaiei . ein warmer Mantel, oder ein Rauchtisch eine
Ktblal-* gewiß immer angenehme Erinnerung. Aber dah r'QI.2 Müllers Kurtchen unter mir eine Trompete zum Fest bekommen hat, ist gewiß nur für ihn allein eine Quelle reinster Freude. Ich persönlich stehe Sem Weihnachtsmann seit dieser Trompete nicht Lirehr so herzlich gegenüber, denn Kurtchen hat ein teuflisches Dispositionstalent, d. h. er übt immer dann, wenn ich mich zu einem Schlummerstündchen zurückziehe, oder über ein mathematisches Problem nachzudenken mich bemühe. Richts gegen den Wert der Musik, aber alles gegen das Geräusch einer mißverstandenen Trompete. Glücklicherweise bin ich etwas Optimist und hoffe Immer noch leise, dies Blasinstrument wird sich eines Tages empört in seine eigenen Blech - Bestandteile auslösen, denn auch Trompeten haben ein gewisses Selbstbewutztsein. Kurtchen har es ja auch, aber an der falschen Stelle.
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Bflann zu malen.
Ruhig saß Horma da.
Im stolzen Gefühle ihrer vollerblühten Schönheit. Im Siegesbewußtsein, dieses jungen Künst- MW* : ÄräUe iU DDtUr “m9
ßimiiM-ie' Aber bann — In diesen langen Diertelstun
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Wie hatte er doch damals gefragt? Ob sie ihn
N iVl-L noch liebe? ,
antnetflbcnerW '„Möglich hatte sie geantwortet.
Ja - und sie hätte auch letzt nicht sagen können _ (flttttbt- ——allein mit ihren Gedanken, ob sie ihn noch liebe! ~ ......
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Mittwoch, 7. Zanuar IM
Eine jubiiäumwfltarle MM 100. GedmtSlag Heinrich von Stephans.
19-51
Die neue Postkarte der Reichspost, die anläßlich des 100. Geburtstages von Heinrich von Stephan, dem Schöpfer der deutschen Reichspost, herausgegeben wurde. Die Karte zeigt links das Bildnis Stephans;
die eingedruckte Freimarke ist den bei den ersten Postkarten 1875 verwendeten Briefmarken ähnlich
chor oder einen Motorradklub. Denn wenn schon, denn schon I E. v. M.
Studenten helfen im Saargebiet.
Etwa dreißig Studenten, Angehörige des D. D. St. von den Universitäten Gießen und Frankfurt und von der Technischen Hochschule in Darmstadt unternahmen zu Weihnachten eine Fahrt nach dem Saargebiet unb besuchten bort bie Dergarbeitersiedlung Raßweiler, die sie sich als Schuhort bestimmt hatten. Die Studenten, die im Laufe der vergangenen beiden Semester unter Mithilfe der Bürgerschaft der drei Städte in unermüdlicher Arbeit etwa 350 Bücher unb 500 Mk. Bargeld gesammelt hatten, bereiteten den Arbeitern und deren Familien eine Bescherung, die sehr viel Freude auälöste. Sowohl die evangelische, wie die katholische Schule wurden mit Büchern bedacht. Bei schlichter Feier des Weihnachtsfestes verbrachten die Studenten einige Tage im Kreise der Bergarbeiter des Grenzgebietes. Der Dank der Bevölkerung war aber nicht nur für die Gaben, sondern in der Hauptsache zum Beweis dessen, daß im deutschen Dater- lande auch jener deutschen Volksgenossen gedacht wird, die an der Grenze wohnen und denen von fremden Machthabern durch allerlei Mittel das Empfinden der Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft entzogen werden soll. Die Fahrt Der Studenten schloß mit einer Schulungstagung im Hauptort des Warndtgebietes, der Arbeitersiedlung Ludweiler, an der auch Vertreter der Behörden unb der Industrie teil- nahmen. Eine Besichtigung des Röchlingschen Stahlwerkes zu Völklingen, des ex
poniertesten Bollwerks deutschen Arbeitswillens im Westen, bildete den Abschluß der Weihnachtsfahrt.
Daten für Donnerstag, 8. Januar
Sonnenaufgang: 8.04 Uhr, Sonnenuntergang: 16.10 Uhr. — Mondaufgang: 21.31 Uhr, Monduntergang: 10.38 Uhr.
1642: der Physiker und Astronom G. Galilei gestorben. — 1867: Wilhelm Stolze, Begründer eines stenographischen Systems, gestorben.
Bornotizcn.
— Tageskalender für Mittwoch: Stadt» theater Gießen: „Der Mann, den sein Gewissen trieb", 20 bis 22 Uhr. — Dortrag: „Heilige Mahnungen gibt er dir", von Missionar Walther, 20 Uhr in der Stadtkirche. — Vortrag: «Werden und Wirken des V. w. 21/', 8 Uhr im Kaufmännischen Dereinshaus, Nordanlage. — Lichtspielhaus, Bahnhofstr.: „Das Land des Lächelns" mit Richard Tauber. — Aftoria-Lichtspiele: „Rin—Tin—Tin, der König der Wildnis" und „Mein Herz gehört dir".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute abend 20 Uhr gelangt unter der Spielleitung Peter Fassotts zum letztenmal das Schauspiel: „Der Mann, den sein Gewissen trieb", von Rostand zur Aufführung. Der Freitag bringt unter der Spielleitung von Walter Bäuerle die Erstaufführung von Shaws. „Der Kaiser von Amerika". Die Berliner Aufführung bei Reinhardt war ein großes Theaterereignis und die weiteren Aufführungen in der Provinz bildeten eine ununterbrochene Kette des Erfolges. Beginn 19.30 Uhr. — Die Auf
führung von „Goldmarle unb Pechmarie" im Gießener Stadttheater beginnt am Sonntag, 11. Januar, nicht — wie sonst — um 15 Uhr, sondern bereits um 14.45 Uhr.
— Volkshochschule. Die Hörer des Kurses „Goethe" (Oberstudiendirektor Dr. Baur) werden im heutigen Anzeigenteil darauf hingemiesen, daß der Kurs heute ausfällt. Der nächste Abend findet am 14. Januar statt.
— Die historische Fachschaft an bet Lanbesuniversität veranstaltet am Donnerstag einen Vortrag. Dr. M. G e l z e r, Professor für alte Geschichte an der Universität Frankfurt a. M, wird über „Die Zerstörung Karthagos als Problem der römischen Politik' sprechen. (Richt, wie in der gestrigen Anzeige gesagt: „Karthago als Problem der römischen Politik'.)
•• Sitzung beS Provinzialausschus- s e S. Am nächsten Samstag, 10 Januar, vormittags 8.30 Uhr beginnend, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Geheimhaltung des Inhalts von Anklageschrif- ten und Urteilen im Verfahren wegen Verrats militärischer Geheimnisse; hier: das Urteil des Oberlandesgerichts Darmstadt vom 10. Februar 1928 in der Strafsache gegen den belgischer Staatsangehörigen Gustav Adolf Gerhard Pied- boeuf. - 2 Berufung des Karl Kniese in Schotten gegen bie Entscheidung des Kreisausschusses vom 17. September 1930 b:tr.: En ziehung seines Führerscheins.
** Vermächtnis f ü r bie Universi - täts-Bibliothek. Der kürzlich verstorbene Schlachthofdirektor, Oberveterinärrat Dr. Johannes M o d d e, hat in Betätigung seines gemeinnützigen Sinnes unb seiner Liebe zu den Wissenschaften seine veterinärwissenschaftliche Fachbibliothek der Univeriilätsbibliothek leytwillig vermacht. Die reiche Schenkung ist für die bedachte Bibliothek um so wertvoller, als beten schmaler Kredit sie in der Beschaffung der meist sehr teueren Werke dieses Faches außerordentlich einengt Die Bücher werden, mit seinem Exlibris versehen, das Andenken an den hochherzigen Stifter in der Universitätsbibliothek für alle Zeit erhalten.
** Hessens ältester Lehrer geftorben. In Offenbach a. M starb im Alter von 91 Jahren der Nestor der hessischen Lehrerschaft, Reallehrer i. R. Iah. Georg T ö n g e s. Der Verstorbene war in Friedberg geboren, besuchte dort das Lehrerseminar und war dann in Rudlos im Vogelsberg und an der Mädchenschule sowie an der Realschule in Offenbach a. M im Schuldienst tätig.
** E i n Siebzigjähriger. Reichsbahnsekre« tär i. R Karl Weller, Wolkengasse 22 wohnhaft, der über 40 Jahre beim Bahnhof und Maschinenamt Gießen tätig war, kann am 8. Januar seinen 70. Geburtstag begehen. Der alte Herr erfreut sich noch bester Gesundheit.
*.* Die Vermeidung von Härten bei d e r B ü r g e r st eu er durch Lohnabzug betrifft eine Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil. Inter- effenten seien darauf besonders aufmerksam gemacht.
Mord bei Orienberg.
Gestern vormittag wurde auS der H i d d e t zwischen Ortenberg und Selters die Leiche des 19 Jahre alten Dienstmädchens Martha Peppe! aus Ober-Seemen geborgen. Wie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Landeskriminalpolizeistelle Gießen ergaben, war das in Ortenberg bedienstete Mädchen seit Sonntagabend verschwunden. Am Montag fand man bann am User der Ridder einen
„Ich glaube, das Bild wird — sehr gut werden. Es sind wirklich meine Augen, die Sie da gemalt haben."
„Es soll mein bestes werden."
„Wir wollen's hoffen."
Sie nickte ihm herzlich zu.
Schritt wieder zum Sessel zurück.
Er folgte ihr mit den Blicken.
„Eine Viertelstunde halte ich s noch aus, Dar- nowfky Richt länger.“
„Es wird langen.“
Er griff schon wieder zum Pinsel. Alle seine Bewegungen waren jetzt voll Hast unb Erregung. 'Horma lehnte ruhig im Stuhle, aber ihr Blick war dunkler als vordem, und ihre roten Lippen waren von einem kleinen, fast geheimnisvollen Lächeln umspielt.
8.
Ter Buchenwald stand fast lautlos still.
Hur ab und zu wehte ein schwacher Windhauch über die Kronen hin unb raschelte leise in den Blättern. Der Himmel darüber flimmerte in makelloser Bläue Und bie Sonne brannte.
Ja - biefer Sommer meinte es wirklich gut mit seiner Glut.
Ober war es nur in diesem Landstrich so, wo die Erde sich aus der Ebene in fünften Wellen sich zu einem Komplex von romantischen Tälern unb bewaldeten Bergen formte, in denen hier und da eine fröhlich-groteske Laune der Hatur aus iafjrtaufenbalten, zersprengten Fllslrümmern wildfchöne Gipfel gebildet hatte! In diesem gesegneten Stück deutschen Landes von Wiesen, Feldern, Bergen und Wäldern mit ihrem Bächerauschen, wo noch die Geister der alten Harzsagen, des Hexentanzplatzes, der Rohtrappe, des Brok- kens, der sagenhaften Westerklippen und des 31» fensterns geheimnisvoll raunten! -
Ein Wanderer sah auf einem großen Felsblock am Rande eines steilen Waldweges und sah von hier aus in den Talkessel mit den roten Dächern der Häuser, dem spitzen Turm einer Kirche und dem über Steingeröll herunterstürzenden Sprudel eines Wasserfalls.
„Hier ist es wundervoll", murmelte der Aus- ruhende. „Dem lieben Herrgott muh es eine mächtige Freude gemacht haben, das hier zu schaffen."
Es war Hubert Wördehoff.
Run ließ er sich auf die Wölbung des Steinblocks zurücksallen und träumte wieder mit offenen Rügen in das Gezweig der Bäume über sich, durch das hier und da die Sonne brach.
Wie viele Wochen schon war er nun durch dieses anmutig-romantische Harzgebirge gewandert. Mit klingendem Herzen, einer seligen Wanderlust in der Brust Vergessen war schon längst bie laute Well - weit, weit hinten - aus der er kam. Er teufete kaum noch, dah es das gab! In kleinen Gasthöfen hatte er logiert, in verträumten Dörfern unter uralten Linden gesessen und mit immer
wachem Dichterherzen alte Harzmärchen gehört, die hier und da erzählt wurden.
Kein Gedanke mehr an ein Zurück! In bie Stadt der Steine und des Luxus! Der Sommer war ja noch so lang!
Wie lange er so lag — er wuhte es kaum.
In seinem dunkelbraun gebrannten Gesicht leuchteten die Hellen Augen.
Er erhob sich Es war Wohl Zeit, nun weiterzugehen, hinunter in das Tal — in das Dorf, das da verlockend lag.
Er sprang elastisch vom Felsblock auf. Griff nach dem Bergstock, den er darüber gelegt hatte, und liefe ihn durch die Luft wirbeln.
Um seine Lippen war ein frohes Lächeln.
Roch einmal umfafete er die Welt mit einem großen Blick, bis zu dem Horizont hin, wo in einem schmalen Talausschnitt Erde und Himmel golden ineinanberfloffen. Dann griff er nach dem Rucksack neben dem Stein und warf ihn über den Rücken, um mit rüstigen Schritten feinen Weg sortzusehen, der vorerst noch durch den Wald führte.
Aber schon hörte er Wasser über Felsgeröll hin- wi-grauschen Etwas Kälte wehte zu ihm herüber. Bald daraus erreichte er eine kleine Holz- brücke, die über den sprudelnden, weih quirlenden Dach führte und konnte nun in knrzer Entfernung zwischen den letzten Bäumen hindurch das breite Band der Straße sehen und vereinzelte, rotleuchtende Dächer.
Wenig später lag Wald und Berg hinter ihm, und er wanderte zwischen den niedrigen, buntbemalten Häusern dahin, an den Gärten vorbei, in denen Rosen und Helten und Goldlack blühten.
Es war ein schönes, altes Städtchen, das sich da, immer von einem Bach durchplätschert, zwischen den ringsum aufsteigenden Bergwäldern entlangzog.
Von Menschen war nicht viel zu sehen — denn es war um die Mittagszeit. Ein paar Kinder spielten da und dort am Zaun, einige Sommergäste hasteten vorbei, um ihr Mittagessen im Gasthof nicht zu versäumen oder um sich in dem Schatten der Wälder vor der Sonne zu verstecken.
Wördehoff erreichte eine Wegkreuzung.
Eine tieine Steinbrücke, die niedrigen Seitenbrüstungen aus kompakten Feldsteinen gebaut, führte hier über den Bach hinüber, und unweit davon schob sich dahinter ein frisch geweihtes Haus in die Sicht, das über seinem Haustor ein Hirschgeweih hatte und darüber die Inschrift trug. „Zum braunen Hirsch." Tllche mit rotg würfelten Decken standen davor. Einige Gäste sahen da und widmeten sich mtt behaglicher Langsamkeit dem Essen.
Wördehoff blieb mitten auf der kleinen Brücke stehen. 2fber der „braune Hirsch" schien ihn wenig zu kümmern. Sein Blick ging über das Haus hinweg, hinter dem gleich eine bewaldete Anhöhe sich
erhob, und oben, gegen den blauen Himmel gestellt, stand ein Schloh - eine Burg. Nichts Prunkhaftes und Stolzes, sondern ein in manchen Teilen schon reichlich verwlltertes, langgezogenes Gebäude, das in der Mitte ein kurzes, spitzes Türmchen hatte, während dahinter noch ein schmaler, mit einer flachen, roten Ziegelkappe bedeckter Turm herüberragte, der wohl ein Glockenturm sein mochte.
Ja — ein veraltetes, burgähnliches Schlößchen! Es hatte wohl schon im grauen Mittelalter von seinem Berg aus Landsknechte und Knappen und Edelfrauen herabgesehen und manch schmetternder Heroldsrus war von oben ertönt, wenn der Burgherr von lustiger Jagd oder siegreicher Fehde zurückkehrte.
Wördehoff schritt dem schmalen Weg zu, der den Berg hinter dem „braunen Hirsch“ in schräger Steilung hinausführte.
Deutlich konnte er das Mauerwerk über sich erkennen Ein Teil des Gebäudes zeigte noch vollkommen die solid-kompakte Bauart mittelalterlicher Architektur. Eine glatte, aus Feldsteinen aufgebaute, in den Fugen rissige und verwitterte Front, in die die schmalen Fenster ohne jede Ornamentik hineingeschnitten waren Der anders Teil schien einmal renoviert worden zu sein und zeigte ein besser erhaltenes, durch erkerartige Ausbauten belebteres Gesicht.
Hun war er oben angelangt.
Schritt den Pfad dicht an der Mauer entlang und kam, um die Ecke biegend, auf einen, mit Bäumen bestandenen, von Gras und Farren überwucherten Platz.
Das grofegebogene Schlofevortal, das mitten durch den Seitenflügel führte, gab den Blick auf den ganzen, mit Sonne übergoldeten Schlofehof frei. Kein Gitter verwehrte den Zugang.
Aber ein verwaschenes, graues Holzschild hing daneben, mit der kaum noch lesbaren Inschrift: „Der Eintritt ist Unbefugten verboten. — Di« Schlofeverwaltung."
Da schritt Wördehoff mit verhaltenem Fug durch das Portul. — nirgends ein Mensch zu sehen.
Hur die unermüdlichen Dienen summten geräuschvoll um die mächtige Linde, die dicht neben der Stallung emporwuchs, und um da§ Gerank der Kletterrosen. Zwischen den gepflasterten Ereilen des Hofes wucherte Unkraut, und langstielige, violettfarbene Glockenblumen standen überall wie schlanke Kerzen
Reben der Remise, unweit der kleinen Kapelle, zu der der Glockenturm gehörte, leuchteten bie roten ‘Blüten der Dohnen an den Spalieren Dort begann ö,er Gemüsegarten, der sich hinter den Stallungen entlangstreckte.
(Fortsetzung folgt)


