feste politische Bindung auslausen zu lassen. 3m Vordergrund der Besprechungen dürften die Fragen der Abrüstungskonferenz stehen, Fragen, bei deren Behandlung in Genf sich
G r a n d i, der italienische Außenminister.
schon wiederholt eine recht ersprießliche deutsch- italienische Zusammenarbeit ergeben hat. Aber auch Fragen der deutsch-italienischen Wirtschaft und des deutsch-italienischen Handelsverkehrs können bei dieser Gelegenheit zu einer Klärung gebracht werden, die im Augenblick nach italienischer Auffassung noch nicht voll besteht. Sicher
werden die deusschen Staatsmänner die Genugtuung erhalten, daß der Mißton vom Haag verwischt und ausgewogen wird durch das rückhaltlose Bekenntnis, das der Leiter der italienii- schen Politik zu der Notwendigkeit einer Revision der Verträge erneut ablegen dürfte und das bereits durch die Haltung Italiens dem Hoover-Dorschlag gegenüber mit der Tat bewiesen worden ist.
Reichskanzler Dr. Brüning und Außenminister Dr. Curtius werden auch vom Pap st in Privataudienz empfangen werden. Der Besuch ist ein Staatsbesuch und er gilt selbstverständlich in erster Linie der italienischen Regierung. Es ist keinesfalls zu befürchten, daß, trotz der augenblicklichen Spannung zwischen Quirinal und Vatikan, dieser Empfang beim Papst irgendwelche Schatten auf die freundschaftliche Aussprache zwischen den deutschen und den italienischen Staatsmännern wirft. Allzu sehr weih man dafür an beiden Stellen, beim Papst und bei der italienischen Regierung, die guten Dienste zu schätzen, die Deutschland und die deutschen diplomatischen Vertretungen bereits für die Vermittlung in solchen Spannungszeiten geleistet haben. Aber das eine ist gewiß: Dr. Brüning sowohl wie Dr. Curtius werden von der Feierlichkeit des Empfanges in den weltabgewandten Gemächern der päpstlichen Residenz einen nicht minder starken Eindruck davontragen, wie sie ihn empfangen werden, wenn sie auf der Fahrt durch das neue Italien und beim Aufenthalt in der Hauptstadt des Faschio mit eigenen Augen die überraschenden Ergebnisse schauen, die durch einen gesammelten nationalen Willen unter einer starken Führung in wenigen Iahren beinahe aus dem Nichts geschaffen wurden.
Schweizer Saison ohne „Schwabe".
Von unserem -8.-Derich1erstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Luzern, Ende Iuli 1931.
Die Saison ist hier auf dem Höhepunkt. Concours Hippique, Automobilrennen und Schönheitskonkurrenzen, Gvlfspiel und Vormatchs zum Internationalen Tennisturnier im August, Wettschwimmen in und Nach:feste auf dem Se« sorgen dafür, daß der Kurgast neben der Erholung auch die Arbeit am Vergnügen nicht vergißt. Und die Kurgäste sind zahlreich wie in jedem Iahr. Luzern zumal ist gut besetzt, während die anderen schönen Erholungsstätten um den Vierwaldstätter See herum schon seit längerem klagen. Luzern hat in den Iahren nach dem Kriege ein anderes Gesicht gewonnen als ehedem. Man kann eigentlich nicht sagen, woran es liegt, aber wenn man mit aller gebotenen Vorsicht den Eindruck zu fassen versucht, dann liegt es nahe, zu sagen, es sei bis zu einem gewissen Grade „v er welsch t“. Der Luzerner wird sich gegen dieie Behauptung wehren. Aber sie hat trotzdem ihr Körnchen Richtigkeit. Das ist aber vielleicht auch der Grund dafür, daß gerade hier die Auswirkung der „Hundertmarksperre", die Deutschland eingeführt hat, und von der die Schweiz als das bevorzugteste Erholunas- land der Deutschen zuerst und am schwersten betroffen wird, nicht so in Erscheinung tritt, wie in den benachbarten Seeorten, in Brunnen, in Weggis, in V.tznau, in Fluelen, in Engelberg und wie die köstlichen Sommerfrischen am und um den See herum alle heißen.
Der Prozentsatz der fremden Besucher, die aus England und Amerika komuken, ist gegenüber den deutschen Gästen in den letzten Iahren unzweifelhaft gestiegen. Man hat sich ganz besonders bemüht, zum Teil zurückgreifend auf Verbindungen, Die während des Krieges durch das große Internierungswerk der Schweiz geschaffen wurden, Franzosen hierhin zu ziehen. Aber obwohl man alles tat, um den Franzosen zu gefallen, scheint dieser Versuch doch nicht von vollem Erfolg gekrönt zu sein. Die Deutschen sind langsam und unmerklich in die zweite Linie gerückt, aber es ist doch immer noch so, daß der Prozentsatz der Deutschen auch in Luzern größer ist als der der Gäste aus irgendeinem anderen Land. Die Deutschen haben sich es ruhig gefallen lassen, daß man das Französische und das Französierende etwas mehr herausstrich, weil es ja ihrem eigenen Volks- charakter entspricht, das Fremdländische besonders zu schätzen, und was kann den „internationalen" Charakter eines Kurortes mehr betonen, als wenn man überall, auch dort, wo es nicht nötig ist, sranzösische Aufschriften liest? Immerhin sind die „Schwaben" nicht zu entbehren. Und in einem Zentralpunkt wie Luzern sammeln sich alle die Klagen, die über die „unmögliche" Handlungsweise der deutschen Regierung erhoben werden.
Tatsächlich ist diese Hundertmark-Sperre für die ganze Schweiz ein unerwarteter und deshalb ein doppelt schwerer Schlag. Wenn
man bedenkt, daß rund 30 Prozent aller Touristen in der Schweiz aus Deutschland kommen, dann kann man sich ungefähr die volkswirtschaftlichen Folgen klar machen, unter denen die Schweiz durch diese Verfügung zu leiden hat. Und diese Verfügung, die in Basel und an den anderen Eingangsorten den Fremdenzustrvm nahezu völlig unterbunden hat, trat in einem Augenblick ein, da sich die Feriensaison in der Schweiz auf dem Höhepunkt befindet und eben die besonders zahlreichen Gäste aus Westdeutschland erwartet werden, wo die Ferien erst zu Anfang des August beginnen. Das Klagelied, das die Schweizer Hotellerie in der „Neuen Zürcher Zeitung" erhoben hat und in dem sie darauf hinweist, daß diese deutsche Notverordnung eine geradezu unheilvolle Wirkung nicht nur auf die schweizerischen Gaststätten, sondern auf die gesamte schweizerische Geschäftswelt und nicht zuletzt auch auf die Verkehrsunternehmungen ausüben muh, kommt aus gepreßtem Herzen und hat schon seine dolle Berechtigung.
Wenn dabei ein falscher Zungenschlag unterläuft, man sich in innerdeutsche Verhältnisse mischt und die Verantwortung für diese Maßnahme „nationalistisch eingestellten Kreisen" zu- miht, dann sollte man darüber nicht allzusehr rechten, denn der Schweizer hat es sich seit Kriegszeiten so etwas zur Gewohnheit gemacht, dem benachbarten großen Deutschland gute Lehren zu erteilen und ihm gegenüber fast gouvernantenhaft aufzutreten. Bedenklicher ist es schon, wenn in dieser Auslassung ein Unterton der Drohungen mitschwingt, daß die Schweiz ihre Importpolitik revidieren müsse, die „bisher mit 627 Millionen Franken Import gegen 255 Millionen Franken Export nach Deutschland im Iahre 1930 sich für Deutschland außerordentlich günstig gestaltet" habe. So wird man in Deutschland keine Sympathien wecken und nicht die Kräfte verstärken, die die Aus- reiseverordnung für einen Fehlschlag halten und, gerade auch mit Rücksicht auf die Schweiz, ihre möglichst schnelle Aufhebung fordern. So führt man im Gegenteil die Gefahr herbei, daß der deutsche Tourist, der auch in der Schweiz immer noch der beste und vor allem der an sprachloseste Zahler gewesen ist, sich ein anderes Ziel für seine Fahrten sucht.
Es ist an sich erstaunlich, wie wenig man hier in der Schweiz, besonders auch in der deutschen Schweiz, ein wirkliches Verständ- ni s für die Schwierigkeiten hat, in denen Deutschland sich unter dem Druck deS Versailler MrtrageS und der Tributzahlungen befindet. Dieser Mangel an Verständnis für die deutsche Lage hat sich schon während des Krieges manchmal recht fühlbar gemacht und in der Nachkriegszeit ist dieses Unverständnis eigentlich noch stärker geworden. Die Gründe dafür mögen hier ununtersucht bleiben. Aber vielleicht darf man doch die Hoffnung aussprechen, daß die Notverordnung der deutschen Regierung, für die sich sonst gewiß wenig Verteidiger finden, das eine Gute haben wird, daß sie den Reiseländern, die von Deutschen besonders besucht werden, und darunter vor allem der Schweiz, einmal Dar- macht, wie wichtig die Existenz und das Wohlergehen Deutschlands und des deutschen Volkes für die gesamte europäische Wirtschaft ist, und daß der „Schwabe", wenn er auch noch so anspruchslos auftritt, als Faktor der internationalen Wirtschaft eine sehr wesentliche Rolle spielt, dessen Wegfall geradezu Katastrophen Hervorrufen muß.
I
Oberheffen.
Siadtvorstand in Alsfeld.
M Alsfeld, 4. Aug. In einer besonders ein- berufenen Sitzung befaßte man sich ausschließlich mit der Angelegenheit: Erbauung einer Kläranlage für die Kanalisation der Stadt Alsfeld. Nachdem mit dem Dau der Anlage, deren Ausführung der Firma Deutsche Abwässerreinigungs-Gefellschaft, Siädieieinigung Wiesbaden, nach dem System Oms übertragen worden ist, anfangs Iuli begonnen worden war, ist die Fortführung der Arbeiten durch die unverhofft eingetretene Finanzkrise auf dem deutschen Kapitalmarkt in Frage gestellt. Die von der Bezirkssparkasse Alsfeld für den Dau zugesagten Mittel von 48 000 Mark können zur Zeit nicht beschafft werden. Es war deshalb zu erwägen, ob die begonnenen Arbeiten eingestellt oder fortgeführt werden sollen. Die Einstellung der Arbeiten würde für die Stadt bei einer späteren Wiederaufnahme eine Mehrausgabe von etwa 6020 Mk. bedeuten. Auf ®nmb einer von Bürgermeister Dr. V ö l f i n g mit der Dertragsfirma in Wiesbaden geführten Verhandlung ergibt sich die Möglichkeit, die begonnenen Arbeiten fortzusehen. Cs würde zu diesem Zweck mit der Firma ein Ergänz uuOver trag abgeschlossen, auf Grund dessen die Firma zunächst von der Kläranlage den eigentlichen Klärbrunnen fertigstellen wird, sofern es die allgemeinen Verhältnisse gestatten. Für den Fall, daß alsdann späterhin die Arbeiten fortgeführt werden, dürfen der Stadt keine Mehrkosten entstehen. Der Teilpreis für die geleisteten Arbeiten wird der Stadt gegen eine Verzinsung von 10 Prozent bis zum 31. Dez. 1932 gestundet, dagegen sind die Löhne für die bei dem Dau Beschäftigten Wohlfahrts- erwerbslosen in bar zu bezahlen. Sobald der gestundete Teilpreis gezahlt ist, werden die Arbeiten fortgeführt. Zur Ermöglichung dieses Zwecke- wurde beschlossen, bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse für den Kreis Alsfeld ein Kapi - t al von 20 000 Mark aufzunehmen, zu dem bei der Dezirkssparkafse Alsfeld üblichen Zinsfuß für Spareinlagen. Der vorgelegte Nachtragsvertrag wurde in diesem Sinne angenommen, womit der Fortgang der Arbeiten zunächst gesichert ist. Die Bauausführung selbst erfolgt durch die Firma Heinrich R e u h in Friedberg, die sich mit diesem Vertrag einverstanden erklärte.
Giadtvorstanb Lauterbach.
ß Lauterbach, 4. Aug. Zu Beginn der jüngsten Stadtvorstandssitzung gab der Vorsitzende die Bestätigung des Hessischen Kreisamts Lauterbach zur Wiederwahl des seitherigen Beigeordneten M ö v e r bekannt. Als weiterer Punkt stand der Voranschlag der Realschule Lauterbach für Rj. 1932 auf der Tages- ordnung. Der Voranschlag wurde genehmigt. Der Zuschußbedarf der Stadt beträgt rund 14 500 Mark. Sodann gab der Bürgermeister die von der Forstbehörde für die Zeit von 1931 bis 1940 für den Lauterbacher Gemeindewald aufgestellte F o r st - e i n r i ch t u n g bekannt. Rach dem Plan kommt ein durchschnittlicher Iahreshiebsatz von 880 km Holz in Frage. Der vorgelegte Plan der Forsteinrichtung wurde genehmigt, jedoch behält sich der Stadtvorstand das Recht vor, bei Holzfällungen entsprechende Einschränkungen vorzünehmen. Die Dreschmaschinengesellschaft Lauterbach hatte sich an die Stadt ge- wandt und bat um Ermäßigung des Strompreises für die Dreschperiode 1931. Das Gesuch wurde der
Eva am Strand
Vornan von Hermann Weick.
v (Schluß.)
Er wartete auf eine Erwiderung Evas, da sie ober schwieg, fuhr er in ruhigem Tone fort:
„Natürlich war ich vom ersten Augenblick an entschlossen, diesen angeblichen Vicomte nicht mehr aus den Augen zu lassen! Wenn er bei Ihnen Schlimmes im Schilde führte, sollte ihm das nicht gelingen! Ich würde schon darüber wachen, daß er Ihnen in keiner Weise würde schaden können!"
Helbing lachte.
„Ich entwickelte mich zum richtiggehenden Detektiv. Auf Schritt und Tritt beobachtete ich d'Alvez. Als ich die Gewißheit hatte, daß er wirklich der Hochstapler sei, dem ich früher schon einmal begegnet war, verständigte ich die Der-- liner Kriminalpolizei. Sie schickte Dr. Drannat hierher. Von da ab waren wir beide hinter d'Alvez her: überallhin folgten wir ihm ... und Ihnen. Keine Viertelstunde durften wir Sic beide aus den Augen lassen: immer mußten wir in der Nahe sein, um eingreifen zu können, wenn Ihnen Gefahr drohen würde."
Ungläubiges Staunen zeigte sich in Evas Zügen.
„Soviel Zeit und Mühe haben Sie für mich geopfert, Herr Helbing?" fragte sie leise, verstummte aber jäh, während ein feines Rot in ihre Wangen stieg.
„Beinahe hätte der Kerl uns dann noch überlistet", berichtete Helbing weiter. „Wir hatten von meinem Zimmer aus Sie und d'Alvez fortgehen sehen und wollten Ihnen nach einiger Zeit ins Kurhaus folgen. Plötzlich entdeckten wir d'Alvez' Komplizin, die in einiger Entfernung vom Hotel hin- und hcrspatterte. Dr. Drannat, dem dies nicht geheuer erschien, schlug vor, uns unauffällig an sie heranzumachen. Sie mußte aber bei unserem Näherkommen Verdacht geschöpft haben: jedenfalls entfernte sie sich schnell. Wir folgten ihr: trotz verzweifelten Bemühungen konnten wir sie aber nirgends aussind en.
Als wir nachher ins Kurhaus tarnen und wedc^r Sie noch d'Alvez antrafen, gab es für uns keinen Zweifel, daß eine Katastrophe drohte. Wir rasten zum Hotsl zurück: 3&re Fenster waren evleuchlet, wir jagten die Treppe hinauf, aus Ihrem Zimmer kam ein Schrei ... ailles weitere wissen Sie ja ..."
Ohne sich dessen bewußt zu werden, war Stefan Holding in starke Erregung geraten; die dramatischen Ereignisse der letzten Nacht hatten auch ihn wieder in Dann geschlagen. Da gewahrte er zu seiner Bestürzung, daß Evas Antlitz sich mit fahler Blässe bedeckt hatte: die Erinnerung an tzas grauenhafte Erlebnis, die er mit seiner Schilderung aufs neue geweckt hatte, schien einen Sturm des Entsetzens i»n ihr entfacht zu haben.
In Sorge ergriff er Evas Hand.
„Habe ich Sie mit meiner Erzählung erschreckt? Sie schüttelte den Kopf.
„Es ist gleich vorüber .. ■ Meine Nerven wollen noch nicht recht parieren ..."
„Nun lassen wir aber dieses unerquickliche Thema beiseite, sonst mache ich Sie wieder krank, und das ist ja nicht der Zweck meines Kommens!"
Er schlug einen leichten Ton an, plauderte von allem möglichen, nur darauf bedacht, Eda auf frohere Gedanken zu bringen.
Dein Bemühen hatte Erfolg; Evas Züge verloren das Verstörte, sie sprach freier, unbefangener als vorher: hin und wieder brach aus ihren Augen ein jähes Leuchten hervor.
Dis Helbing wie absichtslos auf das nahe bevorstehende Ende der Dadesaison zu reden kam.
„In ein paar Tagen wird das Hotel leer fein", sagte er. „Bei diesem kühlen Wetter hat auch das schönste Seebad bald seine Reize verloren! Es ist ja auch ein zweifelhaftes Vergnügen, ständig in Regen und Sturm umherzulaufen."
In Evas Blicken war der Glanz erloschen.
„Ich werde in den nächsten Tagen ebenfalls abreisen", sprach sie mit seltsam gepreßter Stimme und vermied es, Helbings Augen zu begegnen.
„Dann geht der Berliner Betrieb für Die wieder los, nicht wahr, Tanz, Theater und die vielen anderen Vergnügungen! Sie werden sich gewiß darauf freuen!"
„Ich glaube nicht, daß ich in diesem Winter viel mitmachen werde", kam es gequält zurück, „bis jetzt habe ich wenigstens gar feine Lust danach!"
„Die wird schon kommen .wenn Sie erst wieder in Berlin sind. Jetzt stehen Sie noch zu sehr unter dem Eindruck des gestrigen Erlebnisses, da haben die Gedanken an Vergnügen begreiflicherweise nur wenig Raum. Dieser Zustand wird aber schnell vorübergehen."
Eva g-cr et sichtlich in Erregung.
„Das ist nicht die Ursache", widersprach sie hastig, „ich mache mir einfach nichts mehr aus dem ganzen Treiben! Werrn man es genau betrachtet, ist es doch recht fade und inhaltlos!"
„Wie man es nimmt“, antwortete Helbing. „Ich für meine Person muß mich bald an die Vorbereitungen für meine Abreife nach Ostafrika machen: die paar Monate bis dahin werden rasch vorüber sein!"
Evas Hände fuhren nervös auf der Lehne des Sessels hin und her.
„Sie können es wohl kaum erwarten, wieder fortzukommen!" sagte sie, es tlang beinahe feindselig.
Helbings Blicke wanderten zum Tisch hinüber, auf dem er gestern die Bücher über Ostafrika entdeckt hatte; sie waren verschwunden. Er foiltc sie nicht sehen, von dieser Lektüre nichts wissen..
„Ich freue mich auf die Arbeit drüben", antwortete er langsam, „um so mehr, als ich nicht allein hinüberzugehe>n brauche!"
„Fährt ein Kollege von Ihnen mit?“
„So meinte ich es nicht! Ich erzählte Ihnen einmal, daß manche meiner Kollegen ihre Frauen mit in die Tropen nehmen ... vielleicht erinnern Sie sich noch jener Unterhaltung? ... wir sahen am Strand, ich glaube, wir haben uns damals sogar etwas gestritten —" Er pachte eine Pause, bann fuhr er betont fort: „Diesmal werde ich ebenfalls in Begleitung meiner Frau, ge
nauer gesprochen, meiner künftigen Frau, hinüberfahren!"
In Evas Antlitz wechselte der Ausdruck von Fassungslosigkeit mit dem eines wilden, verzweifelten Schmerzes. Sie schien nicht gleich eine Antwort zu finden, endlich stieß sie spötfisch hervor:
„Wird Ihre Begleiterin den hohen Ansprüchen genügen, die Die an die Frauen stellen, die ihre Männer nach Afrika begleiten?“
„Davon bin ich überzeugt!“
„Hoffentlich täuschen Die sich nicht!“
„Ich täusche mich nicht!" antwortete Helbing ruhig, während alles in ihm der Entscheidung entgegenfieberie, die nun kommen würde. „Meine künftige Frau bereitet sich sehr gründlich auf die Reise vor; erst gestern machte ich die Entdeckung, daß sie sogar hinter meinem Rücken zahlreiche Werke über Ostafrika studiert
Eva schien den Sinn seiner Worte nicht gleich zu begreifen. Plötzlich jagte es wie der Dlitz über sie hin. Ihre Augen weiteten sich, sahen ratlos Helbing an. Dann fuhr sie in die Höhe. AIS suche sie einen Halt, tastete sie sich rückwärts.
Unablässig waren ihre Blicke Helbing zuae- wandt, in einem Ausdruck, der ihn bis in die Tiefen seines Wesens erschütterte.
„Eva!" sagte Helbing innig.
Die stand da, wie von einem schweren Dann gefesselt. Nun hoben sich ihre Arme, streckten sich Helbing entgegen, der auf sie zueilte.
„Ist es denn wahr?" kam es leise über ihre zuckenden Lippen.
Er nahm ihr Haupt zwischen die Hände.
„Warum haben wir es uns so schwer gemacht, Eva!“
Mit einem Iubelschrei warf sie sich an seine Brust. Sie küßten sich immer und immer wieder; glückstrunkene Worte stammelten sie. Mit tausend Stimmen fang in ihnen die Seligkeit dieser Stunde der Erfüllung.
XXVIII.
Kalte Winde jagten über die Insel. Das Meer war grau und stark bewegt.
3n ihre Mäntel gehüllt, schritten Hanna Moest und Iörg Leupold durch die Dünen, denen das Leuchtende, Gleißende der Sonnentage fehlte.
„Nun sind wir bald die Letzten hier!" sagte Hanna Moest. „Ich hätte nicht gedacht, daß ich so lange in Norderney bleiben würde!"
„Ich bin Ihnen dankbar, Frau Hanna, daß Sie mir zuliebe noch ein paar Tage zu gegeben haben!"
Die lächelte.
„Mußte ich es nicht tun? Ich konnte Die doch nicht ganz allein hier zurücklassen, nachdem Ihr Freund Bertram Sie seiner Braut wogen schnöde im Stiche gelassen hat!"
„Sagen Sie nichts über Paul! Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich die Sommermonate wahrscheinlich zu Hause verbracht; ich wäre Ihnen, Frau Hanna, dann nicht begegnet ..
Sie gab darauf keine Antwort.
Nun kamen sie zum südlichen Rand der Dünen; vor ihnen lag düster, unfreundlich das Wattenmeer. Wie auf geheime Verabredung blieben sie stehen und sahen lange hinaus
Leupold hob die Hand.
„Dort fährt daS Schiss", sprach er zögernd.
Hanna wunderte sich, wie ruhig ihr Herz schkug.
„... mit dem Stefan Helbing wegfährt", ergänzte sie Leupolds Worte.
In banger Frage sah Leupold fte an.
„Schmerzt dieser Gedanke Sie nicht, Hanna?" Die schüttelte den Kopf.
„Ich wünsche, daß Stefan mit Fräulein Miller glücklich wird", sprach .sie ernst. „Könnte ich diesen Wunsch hegen, wenn ich nicht ganz überwunden hätte?"
Bon Leupold fielen die quälenden Zweifel, die immer wieder sich in ihm geregt hatten, ab. Nun lag der Weg fr et vor ihm, der Weg zu Hanna...
Gr sagte, um 6er Erregung Herr zu werden, die ihn erfaßt hatte:
„Es ist felffam: an dieser Dtelle habe ich auch damals gestanden, als Herr Helbing mit dorn Dampfer hier ankam. WaS liegt zwischen jenem Tage und heute!"
„Wir wollen weitergehen!" sprach Hanna statt einer Antwort. Dann, nach kurzem Schweigen: „Wer weiß, wie ich diese oft schwere Zeit überstanden hätte wenn ich allein gewesen wäre! Ich hatte aber D e, Iörg!"
Dein ganzes Wesen drängte der geliebten Frau entgegen.
„Seitdem ich Sie kenne, Hanna, habe ich reinen anderen Gedanken, als Sie froh zu sehen!" sprach er schlicht. .
„Ich weiß es, ich habe es immer wieder gefühlt ..kam es leise zurück.
„Ich habe Sie lieb, Hanna!" fuhr Leupold fort, und durch seine Stimme schwang der ganze Reichtum seines starken Empfindens. „Ich kann nicht viele Worte machen, Hanna ... vielleicht ist es noch zu früh, daß ich spreche ... ich mußte Ihnen aber jetzt sagen, wie es um mich s^In warmem Aufleuchten kamen ihm Hannas Augen entgegen.
,,©ie brauchen mir heute noch keine Antwort zu geben, Hanna! Ich werde Die nicht drängen ... Alles muß feine Zeit haben, um zu reifen! ... Sie müssen erst wieder sich selbst finden, damit Sie Klarheit über uns beide gewinnen können ... Immer sollen Sie aber daran denken, daß ich nur noch für Die lebe! ... Vielleicht gewinnen Sie mich lieb, vielleicht sehnen Sie sich eines Tages nach mir ... dann kommen Sie zu mir, Hanna ..."
Freude, selige Ergriffenheit waren bei Leupolds Worten in Hanna Moest aufgerauscht. In glücklichem Erschauern fühlte sie, wie etwas, das unmerklich in ihr aufgeblüht war, zur Entfaltung drängte. Nicht die stürmische, aufwühlende Glut würde es sein, die sie zu Stefan Helbing getrieben hatte; Anderes, Stärkeres würde sie an Iörg Leupold binden .... Liebe, die still, groß und ohne Wanken war ...
Iäh hemmte Hanna Moest den Schritt. Sie legte ihre Hand in Leupolds Rechte, die ihr entgegenkam.
„Ich werde kommen“, sprach sie, in ihrer Stimme war ein dunkler Klang. „... ich glaube, ich werde bald zu dir kommen, Iörg ..."


