Nr. 285 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 5. Dezember 1931
Wirischast.
Oevisenterminhandelsstelle bei der Reichsbank.
Berlin, 4.Dez. (HOLD.) Die Deichsbank hat sich nunmehr entschlossen, den vielfachen 'Wünschen des Handels und der Industrie nach Kurssicherung nachzukommen. Zu diesem Zweck wird bei der Reichshauptbank in Berlin eine Stelle fü r D e v i s e n t e rm i n g e sch ä f t e eingerichtet, deren Tätigkeit darin bestehen soll, diejenigen Interessenten zusammenzubringen, welche einerseits Devisen auf Termin zu kaufen und anderseits zu verkaufen wünschen. Dieser Handel ist jedoch nur zwischen Handels- und Industriefirmen, also nicht unter Banken zulässig, und soll nur der Kurssicherung von zu erfüllenden Verpflichtungen, oder zu erwartenden Eingängen dienen. Importfirmen dürfen grundsätzlich an diesem Devisenterminhandel nur dann teilnehmen, wenn sie von der Devisenbewirtschas- tungsstelle eine generelle Tevisenhandelsgcnehmi- gung erhalten haben. Die Tätigkeit der „Stelle für Devisentermingeschäfte" ist eine reine Vermittlungstätigkeit und erfolgt gebührenfrei. Irgendein Risiko oder Engagement wird von der Reichsbank Nicht übernommen.
*
* Darmstädter Bolksbank eGmbH. Dor dem Amtsgericht Darmstadt 1 fand gestern der gerichtliche Berglcichstermin in Sachen Darmstädter Bolksbank eGmbH. statt. Da die notwendige, mit grober Mehrheit gefaßte Zustimmungserklärung der Genossen vorlag, wurde der gerichtliche Vergleich genehmigt.
* Deutsche Gold- und Silber-Schei« deanstalt wieder 10 D.Sy Dividende. Der Aufsichtsrat der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt vormals Roehler, Frankfurt a. M., beschloß in seiner gestrigen Sitzung, der auf den 8. Ianuar 1932 einzuberufenden Generalversammlung Die Verteilung einer Dividende von wieder 10 v. H. auf die Stammaktien und von wieder 6 v. H. au[ die Vorzugsaktien für das am 30. September 1931 abgelaufene Geschäftsjahr vorzuschlagen.
* Damag-Meguin AG., Berlin. Die Gesellschaft wird, wie WTD.-Handelsdienst erfährt, für das Geschäftsjahr 1930 Z31 voraussichtlich mit einem Verlust abschließen, der sich zwischen 900 000 Mark und 1 Mill. Mark bewegt (i.D. 0,11 Mill. M^rk Reingewinn». In der Aufsichtsratssitzung am 9. Dezember soll die Frage entschieden werden, ob von der Möglichkeit einer Herabsetzung des 12 Mill. Mark betragenden Aktienkapitals im Rahmen der Rotverordnung Gebrauch gemacht werden soll.
Wochenbericht vom Frankfurter Schlachtviehmarkt. Die Lage aus dem Frankfurter Schlachtviehmarkt hat keine Besserung erfahren. Die immer weiter um sich greifende Arbeitslosigkeit ließ eine merkliche Preisbesserung nicht zu. Das Geschäft blieb in ziemlich engen Grenzen.
Der Auftrieb an Großvieh betrug 1791 Stück und war um rund 100 Stück stärker, als in der Vorwoche. Kühe konnten die letzten Preise behaupten, auch Bullen hatten bei etwas besserem Geschäft unveränderte Preise. Einen abermals empfindlichen Rückgang erlitten dagegen Ochsen, die bei schlechtem Absatz 2 bis 3 Mark nachgaben. Iungrinder (Färsen) bröckelten um 1 bis 2Mk. ab.
Am Kälbermarkt machte sich nach der starken Abschwächung eine leichte Erholung bemerkbar, doch konnte das Geschäft keine lebhafteren Formen annehmen. Rach anfangs sehr schleppendem Handel machte sich zum Wochenschluh eine bessere Kauflust bemerkbar, so daß der Markt ge
räumt wurde und ein Anziehen der Preise um 2 Mk. zu verzeichnen war.
Gut behauptet blieb auch die Preislage des S ch a f m a r k t e s , wenngleich der Zutrieb mit 518 Stück um 164 Stück größer war.
Am Schweinemarkt trat infolge der starken Beschickung zunächst ein Rückgang um 1 Mk. ein, und bei schlechtem Absatz verblieb merklicher Sieberstand. Am Rebenmarkt war das Angebot jedoch wesentlich geringer, so daß sich die Preise gegenüber der Vorwoche um 2 Mark erholen konnten. Gut gefragt waren dabei schwere Fettschweine. Mit Unbehagen wurden die in dieser Woche wieder einsetzenden Zutriebe von litauischen Schweinen ausgenommen. Die Gesamtbeschickung betrug 6172 Stück, unter denen sich nicht weniger als etwa 540 litauische Schweine befanden.
Im einzelnen notierten per Zentner Lebendgewicht in Mark: Ochsen al) 30—33, a2) 26—29, bl) 22-25. Dullen a) 27-30, b) 22-26. Kühe a) 23-26, b) 20-22, c) 14-19. Färsen a) 30-33, b) 26-29, c) 22 -25. Kälber a) —, b) 38-42, c) 33—37, d) 28-32. Schafe al) 25- 28, b) 20-24, c) 15—19. Schweine a) b) 45—47, c) 43—46.
Wochenbericht
vom Frankfurter Produktenmarkt.
Die herrschende Ansicherheit, die bereits die Vorwoche charakterisierte, übertrug sich auch auf diese Woche. Die zeitweilige Derflauung des Berliner Getreidcmarktes blieb nicht ohne Einfluß, ebenso wurde die rapide Entwertung des Pfundes ungünstig kommentiert. Demgegenüber bestand nicht die geringste Anregung, so daß die Tendenz allgemein zur Schwäche neigte. Man ging über die Deckung des notwendigsten Bedarfs nicht hinaus.
Das Angebot am Drotgetreidemarkt hat sich durch die starke Zurückhaltung der Käufer verstärkt. Da der Mehlabsatz weiterhin sehr zu wünschen übrig ließ, traten die Mühlen aus ihrer Zurückhaltung nicht hervor. Weizen schwächte sich gegenüber der Vorwoche um 4 Mark und Roggen um 2,50—3,50 Mk. ab. Cs notierte Weizen 74 Kilogramm 226,50, Roggen 222,50-225,00 Mk. per Tonne, so daß Roggen den Weizen fast eingeholt hat.
Am G e r st e n m a r k t ist das Geschäft fast vollkommen zum Stillstand gekommen. Braugerste gab erneut um 5 Mk. per Tonne nach, so daß die Stützung für südd. Braugerste so gut wie ohne Einfluß blieb. Sommergerste für Trauzwccke stellte sich auf 175—180 Mk., Futtergerste hörte man zu etwa 170—175 Mk. per Tonne.
Hafer hatte sehr ruhigen Markt. Die Votierung lag mit 155—162,50 Mk. um 5 Mk. per Tonne niedriger.
Die Preisrückgänge am Brotgetreidemarkt blieben naturgemäß auch auf d e M e h l p r e i s e nicht ohne Einfluß, so daß sie durchweg um eine halbe Mark zurückgingen. Der Abruf war sehr schlecht. Roggenmehl war dabei noch etwas besser gefragt, aber doch wesentlich ruhiger als sonst. Man notierte Weizenmehl südd. Spez. 0 mit Austauschweizen 35,75—36,75, desgl. Sondermahlung 33,75 bis 34,75, niederrhein. Spez. 0 mit Austauschweizen 35,75—36,50, desgl. Sondermahlung 33,75 bis 34,50, Roggenmehl 0—60prozentig? Ausmahlung 31,00—32,50, alles in Mk. per 10j Kilogramm.
Am Futtermittelmarlt hatte sich auch zum Wochenschluh keine bessere Kauflust eingestellt. Die Preise neigten weiter um eine Viertel bis eine halbe Mark zur Schwäche, und nur Biertreber konnten wieder um 0,50 Mk. anziehen. Weizenkleie notierte 8,75, Roggenkleie 9,50—9,25, Biertreber 13,00 per 100 Kilogramm in Mk. Der Kartoffelmarkt lag sehr still, doch blieb die Rotiz von 2,75 Mk. per 50 Kilogramm Industriekartoffeln hiesiger Gegend behauptet.
Oaspfund wieder etwas schwächer.
Käufe für Londoner Rechnung in Amsterdam. ।
An den internationalen Devisenmärkten eröffnete das englische Pfund gestern vormittag nur wenig Lerändert mit 3,35 gegen den Dollar. Vach mehrfachen Schwankungen zog es bann auf 3,36 an. Gegen den Gulden stellte sich das Pfund auf 8,311/2, in Amsterdam ging es abef, nachdem es zunächst 8,35 notiert hatte, später um 10 Cents auf 8,25 zurück. Gegen Zürich stellte es sich auf 17,221/2, gegen Paris auf 85,81, gegen Brüssel auf 24,18 und gegen die Reichsmark auf 14,22V». Der Dollar lag international wiederum schwächer, die Reichsmark lag ebenfalls international schwächer, da im Auslande in Erwartung der neuen Rot» Verordnung und ihrer Konsequenzen eine ge° Visse älnsicherheit herrscht. In Amsterdam stellte sich die Reichsmark auf 58,4772, in Zürich auf
Am Rachmittag war das Pfund unter leichten Schwankungen wieder eine Kleinigkeit s ch w ä° ch e r, es stellte sich auf 3,333/4, später auf 3,347», gegen Amsterdam auf 8,29, gegen Paris auf 853/s, gegen Zürich auf 171/s und gegen die Reichsmark auf 14,10. I n Amsterdam fanden für Londoner Rechnung Käufe in Pfunden statt, doch war das Angebot zu umfangreich, so daß sich eine Besserung nicht durchsetzen konnte. Der Dollar war am Rachmittag wieder etwas fester, dagegen lag die Reichsmark weiter schwächer, in Amsterdam ging sie auf 583/8 zurück (anfangs 58,671'»), und in Zürich auf 121,05. In Reuyork stellte sie sich auf 23,60 nach vorgestern 23,75. Die Rord- Devisen lagen wieder etwas leichter, ebenfalls Mailand.
Die deutschen Börsen.
Große Zurückhaltung in Frankfurt.
Frankfurt a. M., 4. Dez. Rach den scharfen Rückschlägen der letzten Tage ist das A b g l e i « len der Kurse, die man im Freiverkehr hörte, heute zum Stillstand gekommen. Verschiedene Papiere konnte sich gegenüber dem gestrigen Stande erholen, vor allem Clektro- lorrte, IG.-Farben und Reichsbankanteile. Die erstgenannten gewannen 1 bis 2 Prozent, während letztere ihr Viveau um 3 Prozent verbessern konnten. Für Licht und Kraft machte sich heute wieder Spezialinteresse bemerkbar, was zu einer Befestigung des Papieres um 4 Prozent führte. Iöie übrigen WertL schlossen sich der freundlichen Haltung der Spitzenpapiere an, wenngleich bei diesen die Kursavancen kaum über 1 Prozent hin» ausgingen. Als Hauptursache für die zuversichtlichere Stimmung wurde die feste Tendenz Wall- slreets angeführt, ebenso glaubt man in der innenpolitischen Lage mit einer Entspannung rechnen zu dürfen, zumal die SPD. mit dem Kanzler su. einer befriedigenden Lösung der schwebenden Kragen 5u kommen scheint. Man bewahrte jedoch allgemein große Zur ü ck Haltung, so daß da- Geschäft nicht recht in Gang kommen tonnte.
Am Renten markt wurde die Situation heute ruhiger beurteilt, obwohl die Unsicher
heit immer noch nicht geschwunden ist. Vereinzelt konnten sich Goldpfandbriefe um 0,5 bis 1 Prozent bessern, auch Liquidation^pfandbriefe lagen etwas freundlicher. Der Belebung des Geschäftes wirkte aber die aus Berlin gemeldete Unsicherheit entgegen. Von deutschen Anleihen konnten sich Alt- besih um 1 Prozent erholen, auch Reichsschuldbuchforderungen waren zu höheren Kursen gesucht. Am Markt der Industrie-Obligationen zogen IG.-Farbenbonds etwas an. Kommunale Werte lagen dagegen immer noch recht matt.
Der Tagesgeldsah stellte sich heute auf 8 Prozent.
Berliner Prodnktcnmarkt.
Berlin, 4. Dez. An den Grundlagen des Produktenmarktes hat sich kaum etwas geändert. Da besondere Anregungen fehlten und die Unsicherheit bezüglich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung sich keineswegs vermindert hat, blieb das Geschäft äußerst still. Vachdem im gestrigen Vachmittagsverkehr noch eine weitere Abschwächung eingetreten war, zeigte die heutige Börse wieder stetige Tendenz. Infolge der Preisrückgänge der letzten Tage hat sich das Inlandangebot wieder vermindert, so daß die an sich geringe Vachfrage der Mühlen nur zu gestrigen Mittagspreisen befriedigt werden konnte. Am Lieferungsmarkte eröffnete
Weizen kaum verändert, Roggen war zunächst gut behauptet. Weizen- und Roggenmehle haben wei- fum bekundet nur geringe Rachfrage, andererseits erfolgen auf die abgegebenen Untergebote auch kaum Zusage. Weizenexportscheine lagen ruhiger
Devisenmarkt Berlin — Frankfurt p. 2R
Banknoten.
-.Dezember
5. Dezember
Amtliche Jlolierung
Amtliche
Jlofiemna
(«eio
»rief
Geld
Sriel
Helsingsor» .
7,093
7,107
59,06
7,093
7,107
Wien....
58.94
58,94
59,06
Brog . . .
12,47
12,49
12,47
12,49
yu hapert . .
73,28
73,42
73,28
73,42
Sofia . . .
3,057
3,063
3,057
3,063
£>ollanh . .
169,83
170,17
169.78
170,12
Calo . . .
78,17
78,33
76,67
76,83
Kopenhagen.
78,17
78,33
77,17
77,33
Stockholm
78,32
78,48
77,17
77,33
London . .
14,16
14,20
13,96
14.00
Buenos Aires
1,028
1,034
1,028
1,032
Neunorl
4,209
4,217
4,209
4,217
Brügel. . .
58,39
58,51
58,39
58,51
Italien. . .
21,68
21,72
21,48
21,52
Varis . . .
Schwei; . .
16.48
16,52
16,48
16,52
81,92
82,08
81,87
82,03
Spanien . .
35,16
35,24
35,06
35,14
Danzig . .
82,12 .
82,28
82,02
82.18
Japan
2,058
2,062
2,058
2,062
Rio de Ian.
1,239
0,241
0,242
0,244
Jugoslawien.
7.339
7,407
7,393
7,407
Lissabon
12.79
12.81
12,79
12,81
Berlin,4 Dezember
Geld
sFüf
Aineritanuche Roten.......
4,20
4,22
Belgische Roten ........
58,23
58,47
Dänische Roten.........
77,99
78,31
Englische Roten.........
14,12
14,18
„ranzösische Roten........
Holländische Roten........
16,46
16,52
169,46
170,14
Italienische Roten .......
21,66
'»1,74
Norwegische Roten........
77,99
78,31
Deutsch-r.eslerreich, • 100 Schilling
Rumänische Roten . .
2,48
250
Schwedische Roten........
78,14
78,46
Schweizer Roten.........
81,74
82,06
Spanische Roten ........
34,93
35,07
Ungarische Roten .......
Beichobankdivkont 8 v. h., Lombardzinssuh 10 v. h
Frankfurter Schlachtvichmarkt.
Frankfurt a. OIL, 4. Dez. Die Direktion des Frankfurter Schlacht- und Viehhofes gibt folgende Bekanntmachung heraus: Aus Anlaß des Weihnachtsfestes und des Veujahrstages werden die
Hauptmärkte für Kälber und Schafe und die Vebenmärkte für Schweine, sowie der Fleischgroßmarkt von Donnerstag, 24. Dezember, auf Mittwoch, 23. Dezember, und von Donnerstag, 31. Dezember, auf Mittwoch, 30. Dezember, vor- 'oerlegt.
Lpiclplan der Frankfurter Theater.
Opernhaus. Sonntag, 6. Dezember, 15 bis 17.30 Uhr: „Peterchens Mondfahrt". — Sonntag, 6., Montag, 7., Freitag, 11., jeweils 20 bis 23: ,.3m weißen Rößt". — Dienstag, 8., 20 bis gegen 23: „Undine". — Mittwoch, 9., 19.30 bis 22.45: „Boris Godunow". — Donnerstag, 10., 19.30 bis 2230: „Othello". — Samstag, 12., 20 bis 22.30: „Das Rheingold".
Schauspielhaus. Sonntag, 6. Dezember, 16 bis gegen 18 Uhr: „Emil und die Detektive". 20 bis nach 23: „Der Hauptmann von Köpenick". Montag, 7., 20 bis nach 23: „Der Streit um den Sergeanten Grischa". — Dienstag, 8., 20 bis nach 22.15: „Bobby weint, Bobby lacht". — Mittwoch, 9., 20 bis gegen 22: „Der Liebestrank". — Donnerstag, 10.. Samstag, 12., jeweils 20 bis 2230: „Liebelei"; hierauf „Literatur". — Freitag, 11., 20 bis gegen 23: „Der Kaufmann von Venedig". — Samstag, 12., 16 bis gegen 18: „Emil und die Detektive".
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Heble Garderobeverhältnisse im Dorraum der Unioerfitätsaula.
Die Garderobeoerhciltnisse im Vorraum der Universitätsaula bei den Vortragsabenden und sonstigen großen Veranstaltungen sind geradezu haarsträubend. Es fehlt an Personal, so daß die Besucher der Vortrage gezwungen sind, ihre Kleidungsstücke selbst herbeizuholen, sofern sie nicht ungebührlich lange stehen und warten wollen. Ist da keine Abhilfe möglich? G.
Wer unter dem Weihnachtsbaum.
— Mirko Ielusich: Don Iuan, die sieben Todsünden F. G. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien IX. Preis drosch. 4,40, geb. 6,50 Mark. (447.) — Der Verfasser des schnell bekannt gewordenen Cae^r Romans sieht Don Juan als einen durch schmerzreiches Schicksal zerrütteten Menschen, der in den vielen Frauen, die er er* oben, immer nur die eine sucht, die nicht nur die Begierde seiner Sinne, sondern vor allem die Sehnsucht seines nach Liebe und Erlösung hungernden Herzens stillen könnte. Mit starker Anteilnahme verfolgen wir dieses packend geschilderte Schicksal mit seinen Abenteuern und Kämpfen, Freud und Leid, Sünden und Schmerzen.
_ — Paul Stein müller: W i r pflügen. Schicksal und Glaube deutscher Erde. Roman. Fein gebunden 5,50 Mark. Broschürt 4,50 Mark. Martin Warneck, Berlin. (493.) —Man wird diesem Roman nicht gerecht, wenn man eine Formel für ihn sucht, wie „ein Buch von der Rot unseres Volkes" ober „vom Segen der Erde", obwohl es von beiden spricht. Es spricht auch von der Treue zur Scholle und meint darüber hinaus die Treue zu angestammtem Volkstum, zur eigenen Art, spricht vom Schatz im Acker und meint Gott, wie das Gleichnis irrt Reuen Testament. Die Handlung vollzieht sich im Kreis bestimmter Menschen in bestimmter Gegend und ist doch von allgemeiner Gültigkeit. Unter der Landbevölkerung spielend, bei Bauern und- Gutsbesitzern, spricht es ebenso zum Stadter, der nichts weiß von dem „beständigen Bedrohtsein", von der „Unruhe während Monaten, in denen die Seele des Landmannes in der Furcht vor Unheil krankt", der, aus Schreibstube oder Werkstatt nach Hause kommend, nichts weiß „von den Gefahren, von Fluch und Segen, die an der Scholle haften, von dem Weh der Angst, das dem Landmann unversehens über Haupt und Hände fällt".
— Graf Alfred von Viezychowsky: „Kronprinz Wilhelm", der Luxus- dampfer als Kaperschiff. Leipzig 1931. K F. Koehler Verlag. Illustriert. Ganzleinen 5,80 Mk. (430j — Die Kaperfahrten eines der größten und schnellsten Passagierschiffe der Welt, des „Norddeutschen Lloyd"-Dampsers „Kronprinz Wilhelm", der in 250tägiger Kriegsfahrt als Hilfskreuzer, ununterbrochen auf hoher See weilend, eine Strecke durchmaß, die dem doppelten Erdumfang nahekommt. Acht Monate lang den Vachstellungen der vereinigten Atlantik-Flotten trotzend, hat „Kronprinz Wilhelm", nur mit zwei ganz leichten Geschützen bewaffnet, den Schiffsverkehr Südamerika—Europa durch Aufbringung von Prisen im Gesamtwerte von rund 30 Millionen Goldmark empfindlich gestört, ja teilweise völlig lahmg:lcgt. — Fesselnd geschrieben, gibt dieses Buch zum erstenmal ein Bild von den ungeheuren S^wierigkeiten, aber auch von den großen Vorteilen eines solchen von jedem Stützpunkt abgeschnittenen Riesenschiffes als Kriegsfahrzeug. Auch als Geschenk für die Iugend ist das Buch geeignet.
— 2 m Tropenhelm, Kriegstagebuch eines Kamerunkämpfers. Von Carl W. H. Koch. Verlag Friedrich F l 0 e d e r, Düsseldorf. Geb. 6 Mk. (316.) — Aus vielen Büchern ist das gewaltige Geschehen des Weltkrieges wieder vor uns aufgewachsen. Ein großartiges Denkmal ist all denen, die Blut und Leben in den bitteren 2ahren 1914 bis 1918 einsetzten und Hingaben, in mancher Schrift gesetzt. Vergessen darf aber nicht werden das Ringen unserer Kolonialtruppen, der Schuhtruppe mit ihren eingeborenen .Unteroffizieren und Mannschaften. Für sie zeugt das Buch von Carl W. H. Koch. Es gilt dem deutschen Schuhtruppenkämpfer in Kamerun, der heldenhaft, einsam zu Schuh und Wehr auf verlorenem Posten stand, durchhielt in bitterster Rot. Das Kriegstagebuch dieses Kompanieführers ist ein erschütterndes Erlebnis, das in der Fülle seiner Ereignisse, in der ununterbrochenen Härte der täglichen Müh.n und der vielfachen Kämpfe aufs stärkste ergreift. Hier gab es keine Heimat mehr, zu der, wenn auch in weiten Abständen, einmal ein Urlaub führen konnte, hier gab es keine Post aus der Heimat mehr, hier war alles aus s:ch selbst gestellt. Unzulänglich die technischen Hilfsmittel. Ersah für den, der im Kampfe aus- fcfjiei», gab es nicht. Aus diesem harten Erlebnis,
dem ständigen Kampf gegen Feind und Klima, um Disziplin über die eingeborenen Truppen formt sich dieses starke Werk, formt sich aus der harten Denkungsart des Kolonialmenschen, für den es kein Rechts, kein Links gab, sondern nur ein „Durch" — im Krieg wie im Frieden. Kameradschaftsgeist mit wenigen Deutschen der Kompanie und treu ergebenen eingeborenen Soldaten läßt den Helden des Buches glauben und weiter- kämpsen für diesen Boden, der ihm Vaterland ist. Dort in Kamerun, wie hier in Europa auf deutschem oder französischem Boden galt aller Einsah nur dem Vaterland, der Heimat. Mit gewaltiger Spannung liest man dieses Kriegsbuch, und voll Erschütterung und Bewunderung wird man es aus der Hand legen. Dieses Buch gehört zu den wertvollsten Stücken der deutschen Kriegstagebücher.
Als ein würdiges Goethe-Denkmal darf das diesjährige Weihnachts-Iahrbuch des D 0 l k s v e r b a n d e s der Bücherfreunde „Im Zeichen Goethes" benannt werden. Besonders interessant ist die Mitteilung, daß es dem VdB. durch mühseliges Sammeln gelungen ist, die stattliche Anzahl von 26 Goethe-Original- Driesen erworben zu haben. Das 160 Seiten starke Iahrbuch mit seinem Tlnterhaltungsstof f aus Werken u. a. von Löns, London, Schickele, Meresch- kowskij, Iohannsen, aus einer Edison-Biographie und einer Cyth-Biographie, und seinem reichen Illustrationsmaterial repräsentiert in würdiger Weise die Leistungsfähigkeit des VdB.
Zeitschriften.
— Die „Süddeutschen Monatshefte" beleuchten in ihrem Dezemberheft die Verhältnisse wie sie im Elsaß vor dessen Verlust bestanden haben, Aufs Ganze gesehen, kann mit größerem Freimut und mit unerbittlicherer Gerechtigkeit auch gegen deutsche Fehlgriffe über dieses Thema nicht gespro chen werden. Das Heft will nur durch Beiträge von lauter Männern, die vor dem Verlust des Elsaß dort gewirkt haben, feststellen, was an positiver Arbeit in den früheren Reichslanden geleistet worden ist. Es findet sich darin keine Spur politischer Propaganda. Das Heft ist mit einem Wort niemandem Zuliebe und niemandem zuleide zusammengestellt. Es enthält eine Fülle von Einzelheiten, die jeden, der es in die Hände nimmt, davon überzeugen müssen, daß cs sich um einen historischen Ueberblirf über die kulturpolitische Arbeit Deutschlands in den nun französische gewordenen Provinzen handelt.
— Das Dezemberheft der „Z e i t w e n d e" (E. H. Becksche Buchhandlung, München) bietet eine Studie, die die Lebensweisheit des alten Fontane, die ganze umfassende Menschlichkeit des großen märkischen Dichters lebendig macht. Das typisch Fontanelche spricht uns heute merkwürdig an. Seine Lebensweisheit ist die Haltung eines Mannes, der die Menschen gut kennt und nicht allzuhoch einschätzt, sie ober trotzdem nicht verachtet sondern liebt, der sich selbst zur Menge rechnet, sich zu allen kleinen Menschlichkeiten hingezogen fühlt, und sich mit dem kleinen Glück des Alltags bescheidet. Köstliche Funde echt Fontaneschen Seelentums aus Fontanes Versen und Erzählungen werden hier von Wilhelm Vogt geboten. Ein ganz anderes ©eelentum zeigt in dem Beitrage „Hegel als Rektor des Melanchthon-Gym- nafiums in Nürnberg" der jetzige Rektor dieser altehrwürdigen -schule, Hugo Steiger. Wie verstand es Hegel inmitten einer trübseligen, ja armseligen Gegenwart, die Zug um Zug an unsere Zeit der Notverordnungen erinnert, den Geist eines protestantischen Humanismus in seine Schule einzupflan- zen, als Schulmonarch Gesetz und Freiheit zu verbinden. — Jakob Schnell bietet ein vornehmes Charakterbild des ihm nahestehenden Nathan Söder- blom, des vor kurzem gestorbenen Erzbischofs von Schweden, der unermüdlich mit liebendem Herzen an einer Einigung und Aktivierung der Christenheit gegenüber den ungeheuren Nöten der Gegenwart arbeitete. Das Heft bringt noch zwei Erzäh langen, die in dieser Weihnachisnot tiefen Eindruck machen werden: Tim Kleins ganz unsentimentale Weihnachtsgeschichte „Der Klumpfuß" und des Schweizer Dichters Emanuel Stickelbergers Novelle „Die von Stralsund", die die Belagerung Stralsunds durch Wallenstein erzählt.


