Ausgabe 
5.5.1931
 
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Nr. 104 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 5. Mai 1931

Das Londoner Ultimatum.

Am 5.Mai 1921 überreichte Lloyd George im Qtamfcn der Verbündeten dem deutschen Bot­schafter eine Bote, in der in ultimativer Form Deutschland Auflagen gemacht wurden, die, weirn sie zurückerinnernd geprüft werden, zu dem Un­geheuerlichsten gehören, was jemals im Ablauf der Geschichte der neueren Zeit von den Siegern Len Besiegten aufgezwungen worden ist. Dies Londoner Ultimatum hat eine Vorgeschichte. Die Verbündeten hatten schon am 29. Januar der deutschen Regierung die sogenannten Pariser Beschlüsse übermittelt, in denen Deutschland zugemutet wurde, seine Abrüstung bis zur Ent­waffnung zu beschleunigen, sowie sich zu verpflich­ten, innerhalb 42 Jahren in Jahresraten, begin- ncnd mit zwei Milliarden Mark, nach 11 Jahren steigend auf 6 Milliarden Goldmark, insgesamt 226 Milliarden Goldmark zu bezahlen. Diese For­derungen bildeten den Gegenstand der Londo­ner Konferenz, die am 1.März zusammen­trat, in der die deutsche Abordnung von dem Reichsaußenminister Dr. Simons in kluger und geschickter Weise geführt wurde. Dr. Simons suchte die deutschen Gegenvorschläge mit der äußersten Leistungsfähigkeit Deutsch­lands in Uebereinstimmung zu bringen, weshalb er als-.Gesaintentschädigung 50 Milliarden Goldmark a l s Gegenwartswert an­bot, von denen 2 0 Milliarden Gold­mark a l s schon vor"geleistet aner­kannt werden sollten. 3n beleidigender Weise wies Lloyd George diese Vorschläge zurück, wobei er hinzufügte, daß der Versailler Vertrag als Grundlage die deutsche Verantwortlich^ keit für denKrieg hätte, so daß, wenn diese Anerkenntnis verweigert oder aufgegeben würde, der ganze Vertrag hinfällig sei.

Leider kann Lloyd George ebensowenig wie seine Verbündeten von dazumal beim Wort ge­nommen werden, denn Lloyd George ist heute ein entmachteter Politiker und Staatsmann. Aber die deutsche Alleinschuld an dem Krieg, auf der sich nicht nur nach dem Zeugnis von Lloyd Ge­orge der Versailler Vertrag aufbaut, ist nicht nur seit der Londoner Konferenz als die nieder­trächtigste Kricgslüge aller Zeiten und Völker ent­hüllt und gebrandmarkt worden. Deutschland trägt nicht die Alleinschuld, es ist überhaupt um­stritten, ob ihm an der machtpolitischen Entwick­lung, die zum Kriegsausbruch führte, eine Schuld beigemessen werden kann. Daß Frankreich den Krieg wollte, ist durch die Enthüllungen über die Diplomatie Poincares und Delcasses bewiesen. Lloyd George forderte am 5. März 1921, daß Deutschland bis zum 7. März abends sich bereit­erklären müsse, alle Pariser Beschlüsse bedin­gungslos anzunehmen. Als dies Dr. Si­mons am 7. März in einer Rede von großem sittlichen Ernst und staatsmännischer Haltung und Gedankenführung a b 1 e h n t e, wurde die Kon­ferenz abgebrochen Am gleichen Tage erhielt der französische Marschall Foch die Weisung, die dann zur Besetzung der Städte Duis­burg, Ruhrort und Düsseldorf führte. Eine Zollinie wurde am Rhein errichtet, alles Maßnahmen, zu denen der Versailler Vertrag keine Handhabe bot. Weiter wurde die berüch­tigte Reparationskommission einge­schaltet, die u. a. die Lieberführung des Goldbe­standes der Reichsbank nach Frankreich forderte. Als auch dies abgelehnt wurde, trat am 30. April der Oberste Rat zusammen, der das Ultimatum entwarf, das die Regierung Fehrenbach-Simons nicht annehmen konnte. Sie trat zurück, um einer Regierung Wirth Platz zu machen, deren erste verhängnisvolle Tat die Annahme des Londoner Ultimatums am 11. Mar war. Wirth glaubte er­füllen zu können, trotz aller Warnungen Helffe- richs, was dann im Herbst 1922 den Zusammen­bruch der Markwährung und die Bankerotterklä­rung der Erfüllungspolitik durch Wirth zur Folge hatte.

Rumänische Königswahlen.

Die Dauerkrise in Rumänien hat jetzt dazu ge­führt, daß der Ministerpräsident 3orga das Parlament aufgelöst hat. Das kann eigentlich nicht überraschen. Cs ist nur der Ab­schluß einer offenbar vom König gewollten Ent-

Oer Oorn blüht.

Von Peter Bauer.

Mit einem Bretterzaun hält die Fabrik eine weite Schuttstätte voll aufgehügelten Gerümpels, gähnender Löcher und Mulden für künftige Bau­pläne umspannt. Trümmer menschlicher Gebrauchs­gegenstände, verrostet und verwittert, liegen um­her, da und dort bereits von Gras überwuchert.

Richt kampflos ließ sich die einstige Wiese über­rumpeln. 3ede Spanne Bodens, jedes Hümpel» chen Erde verteidigte sie zäh. Lind noch wütet das stumme, würgende Ringen auf Leben und Tod. Richts gibt sie verloren. 3n langer Winter­ruhe sammelte sie Kräfte, um im Beginn des Frühlings mit überraschender Heftigkeit ihre ge­fährlichsten und tückischsten Wehren einzusehen. LIeberall wimmelt es von Resseln und Disteln, die in dichter Phalanx die Hügel stürmen. Grün triumphiert über Rost und Fäule.

Grün und Weiß.

Wer hatte geddcht, daß das schwarze Dorn- gestrüpp, stellenweise ttef in Schutt und Scher­ben vergraben, noch einmal dem Zauber des Frühlings erliegen würde! Daß der wilde Schleh­dorn, der Finsterling und Fürchtemacher, der mit gespreizten Dornen ewig seinRühr' mich nicht an" drohte, in solcher FÄle entbrennte!

Lieber Rächt geschah ihm das holde Wunder. Zweige und Dörner sind über und über besteckt mit weißen, fünfstrahligen Flämmchen. Myriaden lodern an jedem Strauch, leuchten wie ein fest­liches Fanal gegen die schwarzen Rauchfahnen dcr Schlote. Weithin prangt das schneeige Weiß über der wüsten Schuttstätte, wie sonst über stolzen Gärten und reichen Fluren.

Auch auf kleinster Scholle kann Glück erblühen. Auch das kleinste Dach kann zum weihen Zelt des 3ubels und der Freude werden. Auch der dickste Rauch kann die Sonne nicht verfinstern, wenn der blaue Himmel es nicht will. Stell fault er aus den Mäulern der Schlote empor, und der Schlehdorn steht von Glanz über­schüttet.

Schon sunnnen die ersten gvldbrüsttgen Dienen herbei, mit ihm zu .feiern und zu schwelgen.

Wicklung. Carol scheint aus der Verbannung mit sehr bestimmten Plänen zurückgekvmmen zu sein. Er hat ja auch durchaus recht in der Er­kenntnis, daß Rumänien in seinem jetzigen Llm- fang nach dem alten System nicht mehr zu regieren ist. Die Vettern- und Cliquen- wirtschaft war gerade noch tragbar in dem Ru­mänien von 1918, das immerhin eine gewisse kulturelle und nationale Einheit war. Das Ru­mänien von heute dagegen ist nicht nur räumlich zu groß geworden, es hat außerdem Millionen von Zwangsbürgern bekommen, die eine an­dere Art des Regierens gewohnt waren und sich die Bukarester Methoden nicht mehr gefallen lassen wollen. Deshalb sind die Versuche, die Grenzen zwischen den alten und neuen Provinzen zu verwischen, auch schon in ihren Anfängen stecken geblieben. Es ist vorläufig nicht gelungen, den einheitlichen Staat zu schassen, der gerade vom rumänischen Stand­punkt aus geschahen werden muh, wenn die Ge­fahr eines Verlustes der neuen Provinzen ver­mieden werden soll.

Lind deshalb hat sich der König von der Bauernpartei gelöst, hat vielleicht die Karten I sogar so gemischt, dah ein Koalittonskabinett

n i ch t zustande kam und deshalb die Auf­lösung als letzte Möglichkeit blieb. Denn die rumänischen Wahlen waren bisher ttotz aller gegenteiligen Versicherungen eine Farce: wenn die Liberalen am Ruder sahen, boten sie den ganzen Derwaltungsapparat für ihre Kandidaten auf, die Bauernpartei hat es nicht viel anders gemacht, und ein wirkliches Reformprogramm durchzuführen in einem Parlament, das die Dauern mit Dreiviertelmehrheit beherrschten, toac Wohl in der Tat ausgeschlossen. Die Regie­rungserklärung, die 3orga als Präsident des Königskabinetts" der Auflösung voranschickte, bedeutet, wenn sie wirklich ernst gemeint ist, den Beginn einer neuen Aera für Rumänien. Sie enthält Ankündigungen für politische, soziale und wirtschaftliche Reformen, die aus Rumänien ein modernes Land machen würden. Trotz­dem bleibt die Auflösung ein gefährliches Ex­periment, gerade wenn 3orga auf die bisherige Beeinflussung der Wahl verzichten will, und es kann ihm geschehen, dah sich die Liberalen mit der Bauernpartei gegen ihn zusammenfinden, wobei dann seine einzige Stütze die Autorität des Königs bleiben würde.

Tagungen in Hessen.

Fleischerverbandstag in Alsfeld.

** Alsfeld, 4. Mai. Am gestrigen Sonntag hielt der Bezirks-VereinBeide Hes­sen und Rassau" im Deutschen Flei­scher-Verband hier imDeutschen Haus" seinen diesjährigen ordentlichen Bezirkstag unter sehr guter Beteiligung ab. Don den 71 3nnungen des Dezirks-Derbandes waren nahezu 60 vertreten.

Rach Eröffnung der Tagung durch den Bezirks« Vorsitzenden Schnell (Kassel) und nach Be- grühungsansprachen von Kreisdirektor Dr. Stammler (Alsfeld), Dürgermeister Dr. D ö l- sing (Alsfeld) und Direktor Schüttler von der Hessischen Handwerkskammer wurde zunächst der von dem Dezirksvorsitzenden erstattete 3 äh­re s b e r i ch t entgegengenommen. Aus diesem ging hervor, daß die allgemeine ungünstige wirt­schaftliche Lage, die ständig sinkenden Preise und die ungeheure Steuerlast auch auf dem Fleischer­gewerbe im abgelaufenen 3ahre schwer gelastet haben, und dah dieses insbesondere gegen die »inlautere Konkurrenz schwer zu kämpfen hat. Angesichts dieser schwierigen Verhältnisse wurde dringend engster wirtschaftlicher Zusammenschluß empfohlen.

Unter den zur Verhandlung stehenden Punkten der Tagung nahmen die Beratungen über die Konkurrenz der Konsumvereine und derWarenhäuser, sowie die Selbst.-ilfemah- nahmen einzelner Berufsstände einen breiten Raum ein. Es wurde Beschwerde geführt über die steuerliche Bevorzugung der Kon­sumvereine und über die das Gewerbe immer mehr bedrohenden Selbsthilfemahnahmen von Berufsständen. Hierbei wurde insbesondere De- schwerde geführt gegen die Reichsbahn­schlächtereien, die mit Unterstützung der Reichsbahn mehrfach errichtet wurden, so insbe­sondere in Kafsel. Dagegen wurde scharf Stellung genommen, da in diesen Einrichtungen eine Unter­grabung der Existenz des freien Gewerbes er­blickt wird. Rach längerer Aussprache wurde eine Entschließung angenommen, die dahinging, daß der Derbandsvorstand ersucht wird, bei der Reichsregierung vorstellig zu werden um Maßnahmen zum Schuhe des gewerblichenMittel- standes gegen das Vorgehen der Reichsbahn. Auherdem soll in der Angelegenheit sofort Füh­lung genommen werden mit den Spihenverbänden. um unter Verwendung des TatsachenmLterials gemeinsam bei der Reichsregierung vorstellig zu werden und dort den Schuh der Wirtschaft, ins­besondere des gewerblichen Mittelstandes mit Rach druck zu fordern.

Ein Antrag der Fleischerinnung Mainz über die Höhe der Schlachthofgebühren in Hessen und deren Verwendung durch die Ge­

meinden gab Anlaß zu einer einstimmig ange­nommenen Entschließung, durch welche die Re­gierung ersucht werden soll, eine angemessene Senkung der Schlachthausgebühren vorzunehmen und bei der kommenden neuen hessischenGemeinde­ordnung die Schlachthausbettiebe der Städte nicht als gewerbliche Unternehmen zu bezeichnen.

Eine lange Aussprache entspann sich über die landwirtschaftlichen H a u s s ch l a ch t u n ° gen, deren zunehmender Umfang als eine schwere Gefahr und Konkurrenz für das Fleischergewerbe bezeichnet wurde. Es wurde insbesondere bemängelt, daß keine klaren Bestimmungen vorhanden seien, inwieweit der Verkauf aus Hausschlach­tungen als gewerblich anzusehen sei, und daß die Polizeibehörden in dieser Beziehung ganz verschie­den Stellung einnehmen. In. einer Entschließung wird gefordert, daß von der Regierung klare Be­stimmungen geschaffen werden sollen, inwieweit der Verkauf aus Hausschlachtungen als gewerblicher Nebenbetrieb anzusehen ist. Ferner wird die Ab­stellung der jetzt vorhandenen Mißstände gefordert. Es wurde weiter beschlossen, die Angelegenheit bei dem Hauptoerbandstag in Stuttgart zur Verhand­lung zu bringen.

Außerdem wurde ein Antrag angenommen, der eine einheitliche Regelung der Fleisch­beschaugebühren und deren Herabset­zung fordert. Zu einer Aenderunq des Le­bensmittelgesetzes in einer Anzahl von Einzelbestimmungen wurden in einer Entschließung entsprechende Anträge gestellt.

Im übrigen beschäftigte sich die Tagung mit der Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten. Als Ort des nächstjährigen Verbandstages wurde Karls- Hafen an der Weser bestimmt.

Im Anschluß an die Tagung fand am Abend eine gesellige Veranstaltung in Form eines Bunten Abends statt, den die Alsfelder Fleischerinnung an­läßlich ihres 25jährigen Bestehens den Gästen dar­bot.

Landesverbaudsiaguug.

ber polizeibeamien Hessens.

WSR. Offenbach, 3. Mai. 3n Anwesen­heit des hessischen 3nnenministers Leu sch ne r wurde am Samstag und Sonntag hier der 7. o r - deutliche Derbandstag des Landes­verbandes Hessen der Polizeibeam- t e n abgehalten, der von zahlreichen Delegierten aus ganz Hessen und darüber hinaus besucht war. Am Samstag fand die Tagung der Landesfach. gruppe statt, in der die internen Angelegenheiten erledigt wurden. Am Abend wurde eine Begrü­ßungsfeier veranstaltet, in deren Verlauf u, xl Ministerialrat Dr. Siegert das Wort nahm und den Wunsch aussprach, daß zwischen Polizei- beamtenverband und Regierung immer die Brücke gefunden werde, die sie zusammenführe. Am

Sonntag, dem eigentlichen Derbandstag, sprach 3nnenministcr Leuschner, der darauf hin­wies, daß das Ziel dahin gehe, die soziale Lage der Polizeibeamten zu verbessern und zu sichern. Wir dürfen zufrieden fein, so sagte er zur Frage des Vertrauens,mit dem, was im 3nteresse der Polizeibeamten und zu gleicher Zeit auch im 3n- teresse des Dienstes geschaffen worden ist." Der Minister glaubt, daß dcr Derbandstag in allen Schichten dcr Bevölkerung den Eindruck erwecken werde, daß die hessischen Polizeibeamten in sich geschlossen und gefestigt dastchen im 3ntercsse des Volksganzen. Weiter hieß der Oberbürgermei­ster der Stadt Offenbach, Granzin, die Poli­zeibeamten willkommen. Er bezeichnete es als eine besondere Ehre für Offenbach, daß die Feier des zehnjährigen Dcstehens des Verbandes und der 7. ordentliche Derbandstag wieder in Offenbach, wie zur Zeit der Gründung, abgehalten werden. Am Sonntagnachmittag sprach Bundesdirektor Lenz vom Deutschen Beamtenbund über Wirt­schaftsfragen der Vor- und Rachkriegszeit und über das damit zusammenhängende 3mport- und Exportwcsen.Wir können verlangen", so sagte er u. a.,daß man uns "Beamten sagt, wie dio Dinge liegen. Zum Schluß sprach er die Hoff­nung aus, daß das nächste 3ahrzehnt nicht nur Rackcnschläge zeitigen möge, sondern daß wir eine Aufwärtsbewcgung, eine bessere Zeit erleben mö­gen. Rach Erledigung weiterer Verbandsange­legenheiten, wie Geschäfts- und Kassenbericht, und nachdem der erste Vorsitzende des Landesverban­des der Polizcibeamtcn Hessens, Georg Rink, einige Schlußworte gesprochen hatte, wurde die Tagung geschlossen. Der nächste Tagungsort wurde noch nicht festgesetzt,' darüber soll dem­nächst im erweiterten Ortsgruppenvorstand De- schluh gefaßt werden.

Mittelstandsprotest gegen die Steuererhöhung.

Dad-Rauheim, 4. Mai. 3n der Turn­halle fand unter dem Vorsitz von Stadtrat Steuernagel eine von sämtlichen Bad-Rau- heimer Wirtschaftsverbänden einberufene P r o - test Versammlung gegen die letzten hestischen Steuererhöhungen statt. Das Referat hatte der neue 1. Vorsitzende des hessischen Haus­und Grundbesitzer-Vereins, Bürgermeister a. D. A. Duxbaum (Darmstadt) übernommen. Er wies auf Grund eines reichhalttgen Zahlenmate­rials nach, daß die Belastung der Hausbesitzer nunmehr 133,03 v. H. der Friedensmiete betrüge, während der von der hessischen Regierung fest­gesetzte Mietsatz nur 124 v. H. der Friedensmiete ausmacht. Der Redner betonte, daß der Haus- besiherverein sich nicht parteipolitisch orientieren wolle, es aber die Pflicht jedes Hausbesitzers sei, in Zukunft nur noch solchen Parteien ihre Stim­men zu geben, die gewillt seien, die Zerstörung, des Grundeigentums aufzuhalten. 3rt wesentlicher schärferer Form nahm der erste Diskussionsredner, der Syndikus der Offenbacher Haus- und Grund­besitzer Weiser, zu den neuen hessischen Steuer­erhöhungen Stellung. Cs sprachen außerdem noch Redner von den verschiedensten Verbänden und Parteien, u. a. auch der als Gast anwesende Landtagsabgeordnete Dr. Leuchtgens. Die Versammlung nahm zum Schluß einstimmig fol­gende Entschließung an:

Die heute in der Turnhalle in Dad°Rauheim versammelten Angehörigen der gesamten Wirt­schaftsverbände Bad-Rauheims und der Llm- gebung sind von ernster Sorge um ihre Existenz erfüllt, die sie durch die Steuererhöhungen der hessischen Regierung aufs stärkste bedroht sehen. Für zahlreiche hiesige Steuerzahler bedeuten diese Steuererhöhungen die Vernichtung ihrer Existenz.

Die hiesigen Steuerzahler fordern gebieterisch S t e u e r a b b a u. Sie verurteilen es auf das schärfste, daß die hessische Regierung im krassen Gegensatz zu dem Willen der Reichsregierung die hessischen Steuern bis zu 200 v. H. erhöht hat. Sie sind zur Zahlung dieser Steuern, die die Bad-Rauheimer Wirtschaft vollends zum Er­liegen bringen, nicht in der Lage. Sie fordern daher von Regierung und Landtag dringend die soforttge Aufhebung der neuen Steuergesetze und eine fühlbare Senkung der Realsteuern."

Auch einige Hummeln ftedten sich ein. Die Fan­faren der Düste schmettern unablässig ihre stum- men Lockrufe in die bereiten Lüfte. Bald werden die Schlehdornsträucher leise tönen vom sanften Geläut der Dienen wie heimlich schwingende Glocken.

Llnendlich tröstlich weht ihre Weise: Auch aus Dornen brechen Bluten.

Geschichten von Hans v. Bülow.

Hans v. Bülows geniale Musiker-Persönlich­keit ist uns durch die neuesten Veröffentlichungen seiner Briefe sowie durch die ausgedehnten Mit­teilungen über seine Beziehungen zu Richard und Cosima Wagner immer näher gerückt worden. Der Llntergrund des Tragischen in seiner Ratur tritt immer deutlicher hervor, wie der englische Musikforscher Ernest Rewman in einer Cha­rakteristik des großen Dirigenten hervorhebt. Der geistvolle Witz und die bissig.» Kritik, die ihn auszeichneten, bildeten nur die funkelnden Blitze, die aus dem Gewitter seines 3nneren aufzuckten. Diesen Geschichten aber verdankt er seine Popu­larität. Rewman erwähnt als die bekannteste das Rencontre, das Bülow mit einem Herrn hatte, den er im Gedränge versehentlich auf den Fuß trat Der andere zischte wütend:Esel!", worauf Bülow den Hut abnahm, sich verbeugte und höflich erwiderte:v. Bülow!". Einige an­dere Anekdoten, die Rewman erzählt, sind we­niger bekannt. Bülows schärfste musikalische Kritik ist wohl die über WagnersRienzi", den er einmalMeherbeers beste Oper" nannte. Bei einem Konzert, bei dem er eine Synphonie von Brahms aufführen wollte, wurde er durch den Verleger in Wut verseht, der die Roten für das Orchester nicht rechtzeitig schickte. Bülow sandte ihm ein Telegramm, in dem er erklärte, er habe letzt eine neue Aehnlichkeit zwischen Beethoven und Brahms entdeckt:Sie hatten beide Verleger mit schlechten Manieren." Darauf kamen sofort die Roten mit einer entrüsteten Antwort des Verlegers, der sich dagegen verwahrte, daß solche Dinge in einem Telegramm ausgesprochen toür- ben. Als Bülow einmal für ein Konzert in Berlin die Eroica mit dem Orchester probte, hatte sich ein anderer bekannter Dirigent ein­

gesunden, um sich die Tempi und Rüancen Bülows I aufzunotieren. Als man zu der Stelle gekommen war, wo die Trompete das Hauptthema angibt, I war Bülow mit der Ausführung nicht zufrieden, klopfte ab und sagte zu dem Trompeter:Sie dürfen aber nicht so blasen, dah es klingt wie die .Schöne blaue Donau!'." Der eifrige Zuhörer schrieb sich an den Rand der Partttur:Darf nicht klingen wie die .Schone blaue Donau'." Büloto horte davon, und als er dann später dem­selben Kapellmeister eine von ihm mit Phrasie­rungen versehene Partitur derFliegenden-Hol- lander"-Ouvertüre zusandte, fiel ihm ein, daß er bei der Probe kurz vorher an einer Stelle die Musiker recht unsanft angelassen hatte. Er schrieb also zum Ruhen des Kollegen an den Rand: ..Hier sind die Musiker zu beschimpfen."

Uraufführung

im Hessischen Landestheater.

Das Hessische Landestheater in Darmstadt brachte die erste Oper des 34jährigen Darmstädter Kompo­nisten Hans Simon zur erfolgreichen Urauf­führung. Das Libretto derValerio" betitel­ten Oper ist von Theodor Ginster nach Motiven von Büchners LustspielLeonce und Lena" ge­schrieben. Simon, der gelegentlich des Tonkünstler- feftes des Reicksoerbandes deutscker Tonkünstler vor etwa zwei Jahren mit seinerErsten Symphonie" Aufsehen erregt hatte erwies sich auch hier als großer Könner. Er hat vor allem den Mut, endlich wieder einmal eine Melodie zu schreiben, endlich einmal wieder tonal zu sein. Die Musik Simons bewegt sich trotz aller Zeitgemäßheit nicyt in ultra- modernen Bahnen. Sie ist liebenswürdig erfunden, spinnt den Hörer in den Klang eines raffiniert in­strumentierten Orchesters, das allerdings hin und wieder ein bißchen zu dick aufträgt. Der Höhepunkt der Partitur ist der wundervolle dritte Akt, der u. a. ein ganz groß angelegtes Ensemble enthält. Auf alle Fälle ist das Werk ein großes Versprechen für die Zukunft. Eine von Dr. Böhm und Renato M o r d o sorgsam vorbereitete Aufführung in ent­zückenden Bühnenbildern Lothar Schenk von Trapps sicherte dem neuen Werk stärksten Beifall, den der anwesende Autor entgegennehmen konnte.

Grock im Tonfilm.

Eigentlich heißt er Adrian Wettach. Er ist der berühmteste Clown der Welt. Vor nicht sehr langer Zeit hat er seine letzte Vorstellung gegeben und sich ins wohlverdiente Privatleben zurückgezogen. Wer seine einzigartige Rümmer nicht im Original erlebt hat, wird es bedauern. Grock hat vorausgesehen, daß viele, die ihn noch nicht kannten, es bedauern würden; und also entstand ein Tonfilm, der seinen Ramen trägt und die ganze großeRümmer" enthält, die ihn berühmt gemacht und ihm viel viel Geld eingebracht hat. Die Regie führte Carl Voese; das Drehbuch stammt von Edmund Behrens; es spielen eine Anzahl mehr oder minder be­kannter Darsteller mit, Liane Ha id z. B., Harry Hardt, Max von Embden, Hörbiger, Licho, Lilien. Aber das ist unwesentlich. Auch der Film als solcher ist ziemlich belanglos; er ist nur als Auftakt, Beiwerk, Einkleidung zu werten. Die Hauptsache, wie recht und billig, ist Grock und die große Rümmer in der Ber­liner Skala, die ein unerhörter Publikumserfolg gewesen ist. Abend für Abend hat das volle Haus vom Gelächter gezittert über diesen einen Mann. Sicher gibt der Tonfilm nur einen Abglanz der lebendigen Vorstellung, aber auch dies genügt. Ratürlich kann man nichts beschreiben weder den Mann, der Grock heißt, noch die vielfältigen und oft überwältigend witzigen (Sm^eH)eiten und komischen Pointen, aus denen der große Austritt sich zusammensetzt. Man muß selber sehn, hören, lachen: im Lichtspielhaus. Seit gestern. Cs ist unbeschreiblich. r

Hochschulnachrichten.

Der ordentliche Professor Dr.Johannes Zange von der Universität Graz ist vom 1. August'1931 ab zum beamteten ordentlichen Professor an der Uni- versität Jena mit einem Lehrauftrag für Ohren-, Nasen- und Kehlkopfheilkunde ernannt worden.

Der Direktor des Instituts für Chemie am Kaller. Wilhelm-Institut für medizinische Forschung in Hei­delberg, Professer Dr. Richard Kuhn, hat den Ruf als Ordinarius an die Technische Hochschule in Berlin abgelehnt.