Mittwoch, 3. Juni 1951
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 127 Zweites Blatt
Die Möglichkeiten von Chequers.
Don unserem O.-Derichterstotter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) London, 1.3uni 1931.
Dem englischen Volke ist in diesen Tagen das Duch „Stresemann" der Frau Dallentin in englischer Liebcrsetzung vorgelegt worden. Dies trifft sich ganz gut in einem Augenblicke, wo sich zwei führende deutsche Minister mit ihren eng- tischen Kollegen in Chequers über bk Lage in Europa und in der Welt aussprechen wollen. Denn cs erinnert die englische Öffentlichkeit daran, daß vor Iahren einmal ein Locarno- ablomntcn zustande kam, das die politische Grundlage des jetzigen Europa wesentlich anders hätte gestalten können, wenn seine Richtlinien nicht Illusion geblieben und von diplomatischen Stümpern verwischt und verdunkelt, sondern von weitsichtigen Staatsleuten mit Energie verwirklicht worden wären. Es hat über fünf Iahre gedauert, bis sich die englischen Minister dessen erinnerten, daß ihr Land in gleicher Weise Deutschland, wie Frankreich gegenüber verpflichtet ist, und niemals hat man sie in dieser Zeit von Berlin hieran erinnert Richt ein einziges M a l hat unsere Diplomatie der englischen nahe gelegt, dah der Weg von London nach Genf nicht immer über Paris, sondernaucheinmalüber Berlin führen kann. Erft nach einem Wechsel in der Besetzung des Londoner Dot- fchaftcrpostens und der Abteilung für die angelsächsischen Länder im Auswärtigen Amte fühlte man die Notwendigkeit, wenigstens zu versuchen, ob sich doch noch neue Dahnen finden lassen. Es ist das Verdienst Hendersons, dah er den praktischen Weg zur Derwirklichung der Ideen fand, und ihm ist es Wohl zu danken, dah Macdonald, wenn vielleicht auch erst nach einigem inneren Widerstreben, sich zum Empfang der deutschen Minister bereit erklärte. Die Dorgeschichte von Chequers klärt uns darüber auf, wie vorsichtig man in England zu Werke gegangen ist, und man wird gut tun, sich im weiteren Verläufe der Ereignisse stets an diese Tatsache zu erinnern.
Wenn wir in unseren Gedanken auf die Geschehnisse der Locarno-Tage zurückgehen und uns dessen entsinnen, wie stark damals der englische Wunsch war. die deutsche Mitarbeit am Wiederaufbau Europas zu gewinnen, so werden wir uns damit das Verständnis für die Bedeutung der jetzigen Konferenz erleichtern. Cs handelt sich bei der Aussprache für England nicht so sehr um eine Erörterung von Einzelheiten, als vielmehr darum, wie man Deutschland nach all den Enttäuschungen der vergangenen Monate und Iahre psychologisch wieder zur aktiven Mitwirkung an europäischen Fragen im Sinne der Locarnoverträge hcransühren und feiner Tätigkeit neue Fiele setzen kann. Die englische Diplomatie greift auf die Theorie zurück, dah England heutigentags angesichts der bedrohlichen und ernsten Verhältnisse in Europa die Zusammenarbeit der Rationen in Europa für das bessere Mittel zur Lieberwindung der Schwierigkeiten hält, als die historische „Balance of Power“, die in den letzten Iahren trotz Locarno die Oberhand gewonnen hatte. Man müsse, so lautet die englische Formel, Deutschland wieder an seine Verantwortlichkeiten Europa gegenüber erinnern und seine freudige Mitarbeit sicherstellen. Diese englische These, die den Verhandlungen von Chequers zugrunde liegt, hat ihre Gefahren und Vorteile. Sie bringt uns Brandung desLebens
Roman von Käte Lindner.
(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie blinzelte kokett unter den breiten Lidern hervor in fein zorniges Gesicht. Dann stimmte sie ein neues Lied an.
Aber es hätte wohl trotzdem einen Streit zwischen den beiden Rivalen gegeben, wenn sich nicht jetzt der rote Vorhang geteilt hätte, der die Osteria nach der Straße zu abschloh, und ein neuer Gast eingetreten wäre.
Ein blonder, lächelnder Gast in einem eleganten Strahenanzug, der mit neugierigen Augen einige Sekunden lang unter dem roten Vorhang stehen blieb.
Als wollte er den Gesang der Frau nicht stören, die da wie ein schönes, leuchtendes Bild im Kreis, der Männer sah und jetzt die schwarzen Augen erstaunt auf ihn richtete.
Eie legte die Laute neben ihren Stuhl und erhob sich. Ging um den Tisch herum und machte eine einladende Handbewegung nach dem Herrentisch hinüber, der, sich heraushebend von den andern, mit einem weihen Tuch bedeckt war.
„Willkommen, Herr! Was steht Ihnen zu Diensten?"
Mit dem Anstand einer Fürstin hatte sie gesprochen.
Hansheinrich Liskow sah in ihre lodernden Augen hinein und fuhr sich über die Sttrn. Dann nahm er am Herrentisch Platz und bestellte Wein.
„Roten Sizilianer, Herr, oder Desuvwein?“ fragte sie mit ihrer leisen, schmeichelnden Stimme und strich über das blauschwarze Haar. Die weihen Zähne glänzten hinter den lächelnden Lippen.
„Welch ein wunderschönes Weib ', dachte Liskow und vergab, seine Bestellung zu wiederholen. Als sie aber immer noch lächelnd stehen blieb, sagte er: „Den besten, wenn der Sizilianer echt ist, dann bringen Sie den. Ihr panscht hier droben und gebt Eueren Marken wohlklingende Rainen." Lachend drohte er der schönen Wirtin mit dem Finger. „Wo ist der Patrone?"
„Er ist tot." Ein klein wenig gekränkt, funkelten ihre Augen ihn an. „Ich bin die Wirtin, Herr, und meine Weine sind unverfälscht. Der rote Sizilianer wird direkt aus meiner Heimat Cefalu bezogen."
Höflich verbeugte sich Liskow. „Nichts für un- ' vQut. schönste Wirtin. Es war gewiß nicht so
Yimm gemeint wie es den Anschein hat. Lind
zunächst zum Bewußtsein, daß die englische Tättg- leit sich nur im allgemeinen europäischen Rahmen halten wird. Riemals wird England auf die Erhaltung möglichst guter Beziehungen zu Frankreich etwa um der deutschen Freundschaft willen verzichten. Hält man sich dies vor Augen, so wird man nicht Gefahr laufen, die wahrscheinlich sehr herzlich werdende englische Gastfreundschaft mißzuverstehen und aus dem persönlichen Entgegenkommen zu weitgehende Schlüsse auf die politischen Möglichkeiten einer deutsch-englischen Annäherung zu ziehen, wie es in der ilcber- schwänglichkeit der Locarno-Zeit tatsächlich geschah. Die zahlreichen Bindungen Englands und seine eigenartige Stellung als größte Seemacht nahe dem europäischen Kontinent machen es ihm unmöglich, sich einseitig mit Deutschland über gewisse Einzelpunkte zu einigen. Es wäre daher falsch, wenn die deutsche Diplomatie, wie es den Anschein hat, sich von der Chequcrs-Zu- sammenkunft fest umriffene Lösungen von Repara- ttons- und sonstigen Deutschland naheliegenden Fragen verspräche. Man kann es als ganz sicher annehmen, daß Macdonald sich höflich weigern wird, Cinzelfragen zu erörtern. Tatsächlich ist auch die Zeit zu eingehenden Erörterungen viel zu kurz. Der Reichskanzler und der Außenminister treffen am Samstag spät zum Incheon in Chequers ein, es wird einige Zeit dauern, bis man das allgemeine Gespräch auf die in ter» effierenben Fragen übergeleitet hat, bald folgen Tee und Abendbrot und Macdonald liebt es, nicht zu spät zu Belt zu gehen. Am Sonntag bleibt eigentlich nach Frühstück und Kirchgang nur die Zeit eines Morgenspazierganges durch den Park von Chequers übrig, um sich weiter auszusprechen. Die Zeit ist also knapp.
Sie genügt aber, um alle die Fragen zu berühren, die den Engländern am Herzen liegen. Cs handelt sich zunächst darum. Mittel und Wege zu finden, um der gegenwärtigen Tendenz in Europa, der Verschärfung des deutsch -französischen Gegensatzes, der Reugruppierung in feindliche Lager eine andere Richtung zu geben. Hier bieten sich zweifellos einem konstruktiven, staatsmännischen Geiste viele und neue Möglichkeiten. Aber genügt das für Deutschland, dem die Rot auf den Rägeln brennt?
Es trifft sich eigenartig, dah im gegenwärtigen Augenblicke der deutsche und der englische Leiter der Polittk Männer sind, die aus dem Gewerkschaftsleben hervorgcgangen sind und deshalb gemeinsame Anknüpfungspunkte finden werden, wo es sich um die brennenden Fragen der Arbeitslosigkeit, ihrer Rückwirkung auf die staatlichen Budgets und die Möglichkeit einer internationalen Bekämpfung des Liebeis handelt. Ihre Ansichten werden sich auch in manchen Punkten begegnen, wenn sie den Einfluß der Banken und ihrer Finanzpolittk auf die Derbraucherkraft der Massen, die Entwicklung der Industrie und die Beschäftigung der Arbeitermasfen erörtern. Das sind Punkte gemeinsamen Interesses, die automatisch zu den Rückwirkungen der gegenwärtigen Wirtschaftslage auf die politischen Fragen hinüberführen. In diesem Rahmen werden wohl auch das österreichisch-deutsche Zollabkommen, die Bemühungen Englands um Herabsetzung der Zolltarife, das Reparations- und das internationale Schuldenproblem berührt werden. Damit aber wird es genug fein. Iede Andeutung, daß England bei Amerika irgendwie m der
zum Zeichen, daß Sie mir nicht zürnen, bringen Sie sich ein Glas mit und tuen mir Bescheid."
Mit wiegenden Schritten ging sie nach dem Hinteren Ausgang und verschwand hinter dem Dor- Hang.
„So viel Glanz in dieser Hütte."... Liskows Augen verfolgten jede Bewegung ihrer anmutigen Gestalt. Lind als Colomba zurückkam und eine goldgelapselte Flasche mit zwei Gläsern auf den Tisch stellte, legte er seine Hand auf ihren Arm.
„Ihre Dorfahren müssen Wohl stolze Romer oder Sarazenen gewesen sein. Ich hätte es erraten, auch wenn Sie mir vorhin nicht Ihre Da- terstadt genannt hätten. Alle Merkmale rassereiner Abkunft sind an Ihnen erhalten."
Lind er zog eifrig einen Stuhl unter dem Tisch vor, schenkte ihr Glas voll.
Colombas Augen lächelten in die seinen. Seine Schmeicheleien gefielen ihr wohl. Das war etwas anderes, als Massimos plumpe Annäherungsversuche, als Marios und der anderen offenkundiges Liebeswerben. Ein Städter, ein Vornehmer ...
Lind Colombas lächelnder Mund tat dem Fremden Bescheid, ihre schwarzen Augen flammten in die feinen. Sie war ein echtes Kind des Südens, zutraulich, heiter, liebenswürdig und kokett. Lind Liskow trank, und feine Augen redeten noch eindringlicher, als fein Mund. „Wie bist du schon", sagten sie. „Geschaffen zum Lieben und Glücklichsein. Wie eine Blume blühst du, Co- lomba, hier im Winkel der engen Gasse..
Heiß rann ihm der Sizilianer ins Blut. Liskow vergaß, daß er nicht allein mit der schonen Wirtin in der Stube saß. Er rebete_ eindringlicher auf sie ein, seine Hand glitt über ihren vollen Arm, legte sich mit leisem Druck auf die ihre. Sie lachte und lieh es geschehen.
Bis ein heiserer Laut vom Rebentisch herüber Colomba plötzlich zusammenfahren lieh.
Wie das böse Knurren eines wilden Tieres hatte es geklungen. Mario hatte sich drüben aufgerichtet, stand hinter feinem Stuhl mit finster drohenden Augen und sah herüber zum Herrentisch. Hinter feinen vollen, lebensgierigen Lippen blitzten die Zähne, und seine kleinen, halb hinter dichten Brauen versteckten Augen funkelten bösartig.
„Wir sind auch noch da, Täubchen... wir, deine anderen Gäste. Das hast du wohl ganz vergessen? He? Des Massimo Glas steht leer, schon lange, und du siehst es nicht. Heut sind wir wohl auf einmal nicht gut genug für das Täubele... ? Auf, Colomba, bring' mir einen Chianti. Lind fing uns das Lied von dem roten Rosenbusch und dem Hirten, der seine Liebste darunter erstach im Mondschein. Aus Liebe ... weil sie ihm untreu geworden war. Singe, Täubchen, sing' uns das Lied. Dem feinen Herrn wird
Schuldenfrage einwirken soll, wird stets einem eisigen Stillschweigen begegnen.
England hält an der Theorie fest, daß Amerika nichts von diesen Dingen hören will, solange das alle Europa noch so in Waffen starrt, wie es heute der Fall ist. Die Anwesenheit von Henderson und des ersten Lords der Admiralität. Alexander, garantieren dafür, dah die Aussichten der Abrüstungskonferenz besprochen werden, wobei die Engländer alles versuchen werden, uns von der Rotwendigkeit zu überzeugen, dah wir um des Himmels willen unsere Ideen von einer etwaigen Wiederaufrüstung bis auf weiteres in den Wind schlagen müssen. Aber gerade auf diesem Gebiete wird es sich verlohnen, wenn die deutsche Diplomatie sich wieder einmal des Vorhandenseins der Locarnoverträge erinnert und darauf hinweist, dah die von England übernommene doppelseitige Garantie Frankreich und Deutschland gegenüber die Unterlage bilden sollte, um das Rüstungsproblem auch einmal von einem anderen als nur dem französischen Standpunkte aus zu betrachten. In allen den Iahren seit Locarno hat sich die deutsche Politik ängstlich, man mochte fast sagen aus einem gewissen Minderwertigkeitsgefühl heraus, gescheut, einmal die militärischen Konsequenzen zu erörtern, die sich aus der englischen Garantie Deutschland gegenüber logischerweise ergeben. Richt einmal die Idee der Entmilitarifie- rung.von französischen oder belgischen Gebieten ist angeschnitten worden, obwohl dies ein wichtiger Punkt für die praktische Durchführung der englischen Garantieverpflichtung ist. Hier haben wir eine beide Länder in
gleicher Weise interessierende Frage, die im Rahmen internationaler Verträge liegt und noch einer Lösung harrt. Werden unsere Minister die sich bietenden militärischen Mögllchkeiten einmal in einem neuen Lichte zur Darstellung bringen und neue Richtlinien finden, die auf die Entwicklung der Abrüstungspolitik eine gesundende Rückwirkung haben?
Eine Zusammenkunft der verantwortlichen Minister Englands und Deutschlands kann kaum verlaufen. ohne dah ein kurzer Seitenblick auf Rußland geworfen wird. Cs verlohnt sich der Mühe, gemeinsam das Wiedererscheinen Rußlands auf dem Weltmärkte, die Veränderungen, die die englische Politik gegenüber früheren Iahren in den Beziehungen zu Moskau durchgemacht hat und die Gefahr der kommunistischen Bewegung zu erörtern, und zu sehen, ob sich da gemeinsame Gesichtspunkte finden, die der Polittk beider Cant der eine gleiche Richtung, oder doch eine getoiffc Liebereinstimmung sowohl hinsichtlich des Verhaltens gegen Rußland, als auch im Hinblick auf die Reaktionen im übrigen Europa bringen können.
Chequers kann nur dann ein Markstein werden. wenn die Verhandlungen sich auf einem hohen Riveau staatsmännischen Könnens und weitblickender Voraussicht halten. Das deutsche Volk hat die volle Berechtigung, in dieser Hinsicht hohe Anforderungen an die Fähigkeit seiner Regierung zu stellen und grundlegende Erfolge zu erwarten. Werden diese nicht erreicht, so darf mit der Kritik nicht gespart werden. Denn wir können es uns nicht leisten, wieder eine Gelegenheit ungenutzt vor- übergehen zu lassen.
SJ.-jpori
Gießener Tennisklub L 922 —Frankfurter Tennisklub 1914 6.11.
Dr. Fischer schlägt Gavrilowitsch 6:2 (8:6).
Der Gießener Tennisklub entsandte eine Tour- niermannschaft von 4 Damen und 10 Herren zum jährlichen Klubwettkampf auf die im Palmengarten herrlich gelegenen Plätze des Frankfurter TC. 1914. Leider war Petrus dem Linter- ncchmen nicht wohlgesinnt. Bereits am Morgen war ein schweres Gewitter in Frankfurt niedergegangen, so daß anfangs nur zwei Plätze bespielbar waren. Am Nachmittag setzte auch noch ein Dauerregen ein und der Wettkampf mußte abgebrochen werden. Dies war um so bedauerlicher, da noch zwei Herrendoppel und fünf gemischte Doppel auszutragen waren, bei denen es Gießen bestimmt gelungen wäre, wenn auch nicht einen Sieg, so doch wenigstens den Punktaus- gleich zu erzielen.
Die Lleberraschung des Tages war der Sieg des Spitzenspielers Dr. Fischer über Gavrilowitsch. Frankfurt. Letzterer wurde durch das kluge Sicherheitsspiel des Gießeners aus dem Schlag gebracht, der mit dem guten Resultat von 6:2, 8:6 belohnt wurde. Dr. Schopper gewann in drei Sähen gegen den im ersten Sah sehr überlegen spielenden Dr. Fuchs, Frankfurt, eine beachtenswerte Leistung, v. Grolman verlor nach hartem Dreisatz-Kampf knapp gegen den sehr sicheren Salinger, während Dr. Dönges Rosenbusch mit 8:6, 6:3 abfertigte. K. Fischer, nicht im Schlag, wurde vom Dezirkspräsidenten Dr. ©rüber besiegt, ebenso verlor Cngisch gegen Dr. Placzeck. Böhnke gewann im guten Spiel gegen Dr. Sichel,
es auch gar wohl gefallen, das Lied vom rot- roten Rosenbusch. ilnb ich mein, du hast dich nun lang' genug mit dem feinen Gast unterhalten. Ieht kommen wir dran."
„Haft Ruh, Mario ... Suchst du schon wieder Händel ...?" Ihre Augen glitten furchtsam zu ihm hinüber.
Seine Hand glitt da auf und ab, wo dem Mario das Messer stak ...
Colomba sprang auf und holte von der Theke herüber zwei neue Karaffen mit Chianti. Stellte sie vor Massimo und Mario auf den Tisch und sah die beiden Männer an mit blitzenden Augen.
„Allweil muht du aufbegehren, Mario, du wirst mir mein Albergo noch in Verruf bringen. Kannst es nicht leiden, wenn Herrschaften zu mir in die Osteria kommen. Schäm dich. Mario ... Lind zum Singen habe ich heute schon gar keine Lust mehr ..."
Colomba nahm die Laute auf und trug sie hinaus.
Des Burschen Augen sahen chr nach mit wilder Leidenschaft. In einem Zug trank er fein Glas leer. Sein Blick streifte finster den einsamen Gast am Rebenttsch.
Der nahm ihn herausfordernd auf. Solch einem Lümmel mußte man den Herrn zeigen. Er bestellte bei der hereintretenden Frau eine neue Flasche, und lehnte sich auf dem Holzstuhl zurück. Run gerade blieb er noch eine Weile, so ungemütlich auch der Aufenthalt hier war. Diese junge Witwe schien der Gegenstand allgemeinen Degeh- rens hier am Stammtisch zu fein. Kein Wunder. So jung noch und schön und Inhaberin eines guten Geschäfts obendrein.
Liskow fing an, sich über die Freier des Täubchens zu belustigen. Dieser junge, wilde Bursche da drüben, der so herausfordernd sich benahm ... und der alte daneben, der wohl auch jetzt eifersüchtig auf den späten Gast war. Run, vielleicht nicht ohne Llrsache. Man würde einmal sehen ... Sie schien ja nicht spröde, die schöne Colomba Serra.
Aber für heute abend mußte er sich nun mit dem Anschauen begnügen ... Die Wirtin kam nicht wieder an seinen Tisch zurück, sie machte sich jetzt allerhand an der großen Wirtschaftstheke zu schaffen, die im Hintergrund des kahlen Raumes stand und bedeckt war mit großen Glasglocken, unter denen Käse- und Wurstbrote in Bereitschaft standen. Mit Karaffen und Gläsern.
Mario halte sich wieder beruhigt, als er sah, dah Colomba nicht wieder an den Tisch des Fremden zurückkehrte. Er unterhielt sich jetzt mit Massimo über die schwere Arbeit, die er jetzt zu leisten habe, morgen noch und wohl an die acht Tage würden die Sprengungen dauern, die sie jetzt droben jenseits der Roquetta begonnen hätten.
während Weinsheimer, Schüßler und Altmeister Dock (letzterer erst nach hartem Dreisatz-Kampf) die Punkte Frankfurt überlassen mußte.
Die Damen haben diesmal leider alle verloren. Fräulein Berg, der das weiche Spiel von Frau Hoesch, Frankfurt, nicht lag, verlor nach hart um- kämpf fern, zweiten Sah. Frau Düttmann erlag trotz schöner Schläge der Sicherheit von Frl. Dünger, ebenso scheiterten Frl. Reyher und Frl. Kuhlmann an der Routine ihrer Gegnerinnen.
Das erste Herren-Doppel mit Dr. Schopper- Fischer mußte beim Stand von 6:4 1:1 für Frankfurt abgebrochen werden. Das zweite Herren- Doppel wurde eine Deute des gut eingespielten Paares Gavrilowitsch — Dr. Grüder. über Dr. Fischer — v. Grolman 6:3, 6:3. Döhnke Weinsheimer gewannen sicher 6:4, 6:3. Im vierten Herren-Doppel traten sich die Präsidenten der beiden Klubs, Dr. Albrecht und Dr. Dönges, gegenüber, das Spiel gewannen Dr. Dönges--- Cngisch für Gießen.
Voraussichtlich findet noch in diesem Iahre ein Rückspiel in Gießen statt.
Landball der Sp.-Dq. 1900.
1900 I — Tv. Buhbach I 10:12.
Auch das Rückspiel konnten die 1900er gegen die Duhbacher Turner nicht siegreich gestalten. Die Gästemannschaft traf allerdings auf eine stark zusammengewürfelte Spielvereinigungself, die besonders in der Hintermannschaft bedenkliche Schwächen aufwies. Zur Halbzeit führten die Turner mit einem Tor, kamen dann ater stark auf. Die 1900er brachten aber gegen Schluß so viel Energie auf, um das Torverhältnis auf 10:12 stellen zu können.
Als die Flasche geleert war, winkte Liskow der Wirtin, um zu zahlen. Mit niedergeschlagenen Augen kam sie herbei, stellte sich so, dah sie den großen, runden Tisch im Rücken hatte.
Mario hatte ausgehört zu sprechen, feine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen. Aber da ihm Colomba den Rücken zukehrte und er ihr Gesicht nicht sehen konnte, so sah er auch nicht, wie sie Liskow mit dem Wechselgeld einen Zettel zu- schob. Darauf hatte sie in großen, ungelenken Buchstaben geschrieben:
„Rehmen Sie nicht den Weg am Wasser entlang. Gehen Sie nach links, durch die Stadt. Das letzte Schiss geht in einer halben Stunde. Aus Wiedersehen."
Verwundert sah ihr Liskow in das weihe Gesicht.
Sie schüttelte leise, fast unmerkbar den Kopf, legte den Finger auf die Lippen. Dann wendete sie sich um, dah das Licht der Lampe voll auf ihr Gesicht fiel, und verneigte sich graziös.
„Dielen Dank mein Herr. Deehren Sie mein Haus bald wieder."
Als der rote Vorhang hinter ihm zusammenschlug, erklang iljre Stimme: „Auf Wiedersehen!"
Liskow stand auf der Strahe mit schwerem Kopf und unsicheren Schritten. Der reichliche Weingenuß wachte sich jetzt bemerkbar, wo die kühle Rachtluft ihm ins Gesicht schlug. Er stand noch unschlüssig. Der rote Vorhang hinter ihm bewegte sich leise im Luftzug, zwei verkümmerte Oleander in Kübeln warfen huschende Schatten auf die mondbeschienene Gasse.
Gegen Sie nach links, nehmen Sie nicht den Weg am Wasser entlang, hatte die schone Wirtin auf den Zettel geschrieben, warum ...? Sollte das eine Warnung sein oder hatte sie gemerkt, dah er zu viel getrunken hatte? Teufel, welch eine Rolle spielte er hier in der rauchgeschwärzten Spelunke der Gasse ... Wenn ihn so Renate sehen würde, fast schämte er sich seiner unsicheren Haltung. Er suchte mit zitternden Händen feine Zigarrentasche, fand sie nicht gleich.
Da teilte sich hinter ihm der Vorhang.
Colomba huschte heraus, griff nach seiner Hand, und ihr Gesicht sah ■ unsagbar lieblich aus im Licht des Mondes. Die goldenen Ringe in ihren Ohren pendelten vor seinem Gesicht.
„Geht nach links die Gasse hinauf. Herr, ihr kommt dann an den Hafen ... Richt hier hinunter. Auf Wiedersehen!"
Ein leiser Druck der Hand und der Vorhang schlug hinter ihr zusammen
Liskow strich sich über die Sttrn.
Morgen ... morgen wollte er sie Wiedersehen.
(Fortsetzung folgt.)


