Nr. 282 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Mittwoch, 2. Dezember
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Wie sieht es in China aus?
politische Eindrücke von einer Weltreise.
Von Or. Paul Rohrbach.
Kanton, Ende Oktober 1931.
Am 20. Jahrestage der chinesischen Republik, am 10. Oktober, soll Tschiang-Kai-schek, Regierungsoberhaupt und Generalissimus, in Nanking in einer Rede gesagt haben, auch seine Geduld sei begrenzt, und wenn sie zu Ende sei, werde er dem Krieg mit Japan nicht aus dem Wege gehen. Merkwürdigerweise hat keine chinesische Zeitung diesen Satz gebracht; er fand sich nur in den Berichten der englischen Blätter von Schanghai. Sollte Tschiang-Kai-schek ihn wirklich gebraucht haben, so wäre er am ehesten als eine Andeutung zu verstehen, daß der Generalissimus sich in seiner Machtstellung nicht mehr sicher fühlt, und daß er die Position Kantons im Augenblick für die innerlich stärkere hält.
Die Regierung in Nanking unter Tschiang- Kai-schek beansprucht die chinesische Zentralregierung Du sein und ist als solche auch von den Mächten anerkannt. Tatsächlich übt sie nur etwa über den siebten Teil Chinas — das Jangtse- gebiet zwischen Schanghai und Hankau und seine nähere Nachbarschaft — Autorität in dem Sinne aus, daß sie unmittelbar Anordnungen erlassen kann, die von den Behörden in der Regel ausgeführt und von der Bevölkerung befolgt werden. Unter den Gebieten, die Nanking nicht als politische Zentrale anerkennen, befindet sich im Süden auch die reiche und wichtige Provinz Kwangtung mit der Hauptstadt Kanton. Bon Kanton ging seinerzeit die Gründung der Kuomintang, der chinesischen Bolkspartei, durch den verstorbenen Sun-Nat-sen aus. Bon Kanton aus erfolgte der Zug nach Norden, der Hankau, Nanking und — allerdings nur ganz vorübergehend — auch Peking der Kuomintang unterwarf. Die Kuomintang ist nach ihrem Prinzip radikal-demokratisch, ihr linker Flügel neigt sogar stark zum Sozialismus; faktisch ist die Regierung in Nanking dagegen eine Art Militärdiktatur unter Tschiang-Kai-schek geworden, dessen Stütze die eng mit ihm und seinen nächsten Mitarbeitern verschwägerte und versippte Gung familie ist, ursprünglich ein Bankierhaus aus Schanghai und Kanton.
Die Opposition gegen das Nankinger Militärregime führte in Kanton zum Abfall von der Zen- trälreaierung und zur Erklärung der Unabhängigkeit. Anfangs proklamierte man in Nanking die Kantonesen als „Rebellen"; jetzt wo die öffentliche Meinung der Diktatur Tschiang-Kai-fcheks immer weniger günstig wird, muß man mit ihnen verhandeln. Hu - Han - min , einer der wenigen älteren Politiker, die es in China überhaupt noch gibt, kein Freund des Generalissimus, ist von Nanking und Sun-Fo, ein Sohn Sun-Pat-sens, Wang- Tsching-wei, der begabteste, aber auch radikalste Kopf der Kuomintang, und noch einige Gesinnungsgenossen, sind von Kanton nach Schanghai gekommen, um Fühlung wegen der Wiedervereinigung zu nehmen.
Hu-Hcm-min hat gleich nach, seiner Ankunft in Schanghai ein Interview gegeben, des Inhalts, daß General Tschiang-Kai-schek den Delegierten von Kanton drei Fragen vorlegen lasse: 1. Verlangen Sie meinen Rücktritt? 2. Glauben Sie, daß ich an der Spitze der Militärmacht verbleiben sollte? 3. Können wir zum Wohl Chinas die Differenzen ausgleichen und einen Weg der Versöhnung finden? Die zweite dieser Alternative würde den Rücktritt Tschiang-Kai-scheks als Regierungschef, die dritte sein Verbleiben in allen Aemtern bedeuten. Hu- Han-min fuhr fort: „Nach meiner Meinung sind die drei Uebel, unter denen China heutzutage leidet, diese: 1. Zentralregierung und Provinzialverwaltungen werden vorn Militär beherrscht; 2. die Politik der Negierung ist nicht öffentlich, wir haben nicht, wie andre Länder, ein Parlament, in dem politische Fragen öffentlich diskutiert werden; 3. das Staats-
Zurück zur Romantik!
Von Generalmusikdirektor Bruno Walter.
Professor Bruno Walter, der Leiter der berühmten Sinfonickonzerte im Leipziger Gewandhaus, das in diesen Tagen sein 150jähriges Bestehen als Konzertinstitut feierte, äußert sich hier zu einem Grundproblem des musikalischen Schaffens.
Zurück zur Romantik — diese Morte bedürfen einer Einschränkung, denn allen modernen Strömungen zum Trotz war aus der Kunst und besonders aus der Musik die Romantik nie entschwunden. Jede Kunst ist auf das engste mit Romantik verknüpft. Ja, noch mehr: Kunst und Romantik sind im Grunde identische Begriffe. Ruch der Kunstgenießer empfindet romantisch. Der Grad dieser romantischen Empfindung ist allerdings verschieden bei den einzelnen Menschen. Wer vom Betriebhaften sozusagen verschüttet ist, wer dem Tag, richtiger gesagt dem Alltag, mit allen seinen Sorgen angehörig ist, in dem schlummert die Romantik. Je stärker aber das Verhältnis des Menschen zu den Stimmen seines Inneren ist, um so stärker ist seine romantische Empfindung. Der letzte Mensch wird wohl der letzte Romantiker sein.
In der Musik ist die Romantik die Kunst des Einsamen. Ohne innere Einsamkeit gibt es nach meiner Ansicht keine Kunst und erst recht keine Musik. Gustav Mahler, dessen „Lied von der Erde" heute mehr und mehr die Herzen des Publikums erschüttert, war einer der großen Einsamen. Aus dieser Einsamkeit heraus schuf er seine unvergänglichen Werke, in denen seine romantisch-dämonische, im Leben allem Aeuheren verschlossene Ra.^r auf das Ergreifendste sich ausspricht Als Gegensatz zu dieser Schöpfung aus dem Tieiinneren kann man die Schöpfung aus dem Alltag bezeichnen. Sie gleicht aber einer photographischen Platte und ist keine Kunst in höherem Sinne. Man müßte also zwei Arten von Kunst oder von Musik unterscheiden. Erstens die Schöpfung des Einsamen, die der Welt Reues, ihr nicht Bekanntes schenkt und zweitens die Schöpfung des nur Rachempfinders. Es gibt aber unbewußte Romantiker, ja sogar Romantiker wider Willen, die sich einbilden, Rachempfinder zu sein und die Wirklichkeit nur zu photographieren, die aber durch Phantasie und Eigenart das scheinbar Alltägliche in eine höhere Sphäre heben und verklären. Igor Strawinsky, als Feind der Romantik abgestempelt, ein durchaus produktiver Mensch, der sich selbst keineswegs für einen Romantiker hält, weist in vielen seiner Werke romantische Elemente aus. Ich brauche nur seine
budget bleibt ein Geheimnis der Gewalten in Nanking, es gibt keine Bewilligungen der Mittel und keine Kontrollinstanz. Ueber Zentralismus oder provinziale Autonomie in China zu sprechen, hat keinen Zweck, solange die Militärherrschaft dauert. Es gibt einige wertvolle Persönlichkeiten unter der Militärpartei, aber es gibt auch absolute Ignoranten. Wenn die Regierung (in Nanking) für ihre persönlichen Zwecke die Militaristen weiter begünstigt, so wird nichts Gutes dabei für das Land her- atiskommen. Wollen die Machthaber jedoch ein gutes Regierungssystem, so körnten sie es alle Tage haben."
Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll für die Militärdiktatur, zumal es noch nicht einmal ein Kanto- nese ist, der so spricht, sondern ein Nankingmann, wenn auch einer von der kritischen Richtung. Man kann auch beim besten Willen der Regierung in Nanking keine Anerkennung zollen. Sie verbraucht vier Fünftel ihrer Einkünfte für militärische Zwecke, aber sie hat damit die Einigung Chinas keinen Schritt weiter gebracht, denn der ganze Norden respektiert sie nur nominell, im entfernteren Inneren beachtet man sie überhaupt nicht, kraft des „reineren Kuomintang-Geistes", den es zu verkörpern behauptet.
Von den vielen, auf dem Papier entworfenen Plänen — Verkehrswesen, Finanzresorm, Volksbildung usw. — ist herzlich wenig, der Verwirklichung nähergekommen. Das chinesische Erbübel des „Squeeze",- der unredlichen Bereicherung auf jedem Wege, von der einfachen Unterschlagung bis zur groben Erpressung, ist im Schwünge, wie nur je, und besonders unangenehm bexührt die überhebliche und unmanierliche Art, mit der die jetzigen Machthaber, vielfach noch ganz junge Leute ohne Kinderstube, den Versehr mit dem Auslande erledigen. Das alte China hatte sehk viel bessere Formen.
Als ein Beispiel, nur eins von vielen, die zur Hand sind, mag das Erlebnis dienen, das wir eben in Schanghai mit unserem Hapagdampfer „Duisburg" hatten. Ein Dampfer der Linie hatte vor einiger Zeit eine Anzahl Waffen nach dem englischen Hongkong gebracht, wovon man in Nanking annahm, sie seien für die „Rebellen" in Kanton bestimmt gewesen. Mit eben diesen „Rebellen" wird jetzt sehr höflich und auf gleichem Fuße verhandelt, aber die deutsche Schiffahrtslinie wird schikaniert, indem man ihrem Dampfer ohne Angabe von Gründen in Schanghai die Ausklarierung verweigert. Der neue deutsche Gesandte ist gerade in Nanking und hat sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Er erkundigt sich, ob das Schiss nicht freigegeben wird, und der zuständige Finanzminister erklärt ihm, er habe keinen Befehl zur Fe st Haltung gegeben. Die chinesische Hafenbehörde aber sagt: Wir haben strikten Befehl von Nanking, ohne spezielle Anordnung keinen Dampfer dieser Öinie hinauszulassen!
So dauert es von Morgen bis Mittag, von Mittag bis Abend, von Abend bis Morgen, wieder bis Mittag, wieder bis Abend, man wartet, man fragt immer von neuem an; vergeblich, nichts rührt s i ch. Endlich, in der Nacht, kommt Bescheid vom Hafenamt: Nanking hat jetzt telegraphiert, Sie können fahren! — Passagiere gingen vom Schiff und suchten sich einen anderen Dampfer, Frachten in den nächsten Anlaufhäfen drohen verlorenzugehen, die Hafenunkosten wachsen — aber eine „Regierung" macht sich das Vergnügen, auf diese ungezogene und unwürdige Art einer deutschen Gesellschaft und dem deutschen Gesandten zu zeigen, daß sie die „Macht" bat, jemanden zu schikanieren, ohne Sinn und Zweck, nur damit er es „fühlt"!
Will man Bedeutendes mit weniger Bedeutendem vergleichen, so ist auch ursprünglich der Streit zwischen China und Japan in der Mandschurei auf ähnliche Art entstanden. Die Japaner haben mit ihren Behauptungen so weit recht, daß tatsächlich ihren jahrelangen Beschwerden wegen verschiedener Rechtsverletzungen und Schikanen in der Mandschurei: Niederlassungssachen, Zollsachen, Lizenzen, Ermordung japanischer Untertanen — 60 namhaft gemachte Fälle, zuletzt der
japanische Generalstabshauptmann Nakamura und ein Feldwebel — seitens der Chinesen keine Beachtung geschenkt wurde. Schließlich riß dem japanischen Militär in der Mandschurei die Geduld, es griff zur Gewalt, und nach längerem — anscheinendem — Widerstreben ließ sich auch die Regierung in Tokio in die Aktion hineinziehen. Natürlich bedeutet der japanische Einbruch in die Mandschurei, nachdem er einmal so weit vorgetrieben ist, viel mehr, als eine bloße Reaktion auf chinesische Nadelstiche und Unfreundlichkeiten. Japan will sich die Mandschurei in dreifacher Hinsicht sichern: als Absatzgebiet für japanische Waren, als fest in der Hand gehaltenes B e - zugsland für K ohle und Eisen, mit denen Japan selbst schlecht versorgt ist, und als Glacis für den Fall eines Konfliktes mit Sowjetrußland wegen der kommunistischen
Propaganda. Vor dieser hat man in Tokio dauernd Sorge. Ebenso wird man versuchen, bei der endgültigen Regelung des Mandschurei-Problems sich von der Konkurrenz zu befreien, die die chinesischen Bahnen in der Mandschurei der japanischen süd- mandschurischen Bahn machen, und ebenso der im Ausbau begriffene chinesische Hafen Hulutao dem japanischen Dairen. Alles das ist zuzugeben, aber klar ist auch, daß erst die unausgesetzte Reizung, die von dem Verhalten der Chinesen ausging, die öffentliche Meinung in Japan — ich habe es selbst während meines Aufenthaltes dort beobachten können — in den Zustand der Erbitterung und Erregung versetzt hat, daß das Militär schließlich nur der populären Forderung zu folgen brauchte, und daß endlich auch die Regierung mitgehen mußte.
Industrie- md Handelskammer Friedberg.
* Friedberg, 29. Rov. Die Industrie- I und Handelskammer Friedberg hielt am Donnerstag ihre letzte diesjährige Vollversammlung unter der Leitung von Kaufmann Hirsch, Friedberg, ab. Rach dem Geschäftsführungsbericht, den der Syndikus der Kammer, Dr. Göbel, Friedberg, erstattete, ist die Geschäftslage der Kammer feit der letzten Sitzung infolge der allgemeinen Lage weiterhin recht angespannt geblieben, und zwar namentlich durch die Arbeiten zur Devisenbewirtschaftung.' Sie brachten für die Kammer als neue und schwierige Ausgabe die Prüfung des Devisenbedarfs der Firmen für das laufende Vierteljahr. Der Auskunftsdienst war sehr rege, da die ständig wachsende Anzahl von Vorschriften immer neue Zweifelsfragen auskommen ließ. Die Wirtschaftslage hat sich im Kammerbezirk weiterhin verschärft. Anzeichen für eine ilebertoinbung der Krise sind leider noch nicht gegeben. Bemerkenswert ist vor allem, daß die Vertrauens-- k r i s e vom Juli d. I. noch keineswegs überwunden ist. Einen breiten Raum in den Verhandlungen nahm die Frage der Zinssenkung ein. Die für die Zinsteuerung verantwortliche Kapitalknappheit kann nach Auffassung der Kammer nicht durch Zinssestsetzungen, sondern nur durch Sparsamkeit geheilt werden. Andererseits würden Zinssestsetzungen durch Gesetz und Rotverordnungen den Bruch vertraglicher Bestimmungen bedeuten und damit cme unerträgliche Vernichtung von Treu und Glauben im inneren Verkehr und nach außen, wie überhaupt dem Gesetz von Angebot und Rachfrage in allen Sparten des Wirtschaftslebens Geltung zu verschaffen ist. Auch der Preisrückgang ist nicht durch irgend welche gesetzliche Maßnahmen eingetreten, wobei das Angebot durch die Kapitalknappheit derart groß geworden ist, daß von einer Rentabilität der Betriebe fast nicht mehr gesprochen werden kann. Eine Senkung der Gestehungskosten ist das Gebot der Stunde.
Die Vollversammlung erhebt deshalb entschieden Einspruch gegen d i e gefclanteUm- satzsteuererhöhung. Außerdem wird eine Herabsetzung der Güter- und Post - t a r i f e gefordert. Im weiteren Verlauf der Sitzung nimmt die Vollversammlung Kenntnis von dem Gesetzentwurf der Reichsregierung über die Gewährung von Zugaben, der zwar die Ankündigung und Gewährung von Zugaben im Einzelhandel an sich verbietet, jedoch eine große Reihe von Ausnahmen vorsieht, so daß er nicht als geeignete Grundlage für die Beseitigung der Mißstände im Zugabewcsen angesehen werden konnte. Da die Klagen und Beschwerden über die außergewöhnlich hohen Steuerverzugszuschläge immer dringlicher werden, wird eine sofortige Aufhebung der Verordnung vorn 20. Juli für unbedingt notwendig erachtet. Die Kammer
befaßte sich alsdann mit der Durchführung der neuen Bestimmungen über den ileberlanb- ver kehr mit Kraftfahrzeugen. Für die Berechnung der Freizone von 50 Kilometer totrb die Zugrundelegung der Luftlinie geeignet sein Die Durchführung der Einheitsbewertung, Gewerbe- fteuerfragen, Bestimmungen über Wirtschaftsprüfer, Bestellung und Abberufung von Sachverständigen usw. bildeten den Abschluß der längeren Verhandlungen,
Kommunale Sorgen in Wehlar.
—rj— Wetzlar, 1. Dez. Unser neuer Bürger meister Dr. Bangert hat es trotz alles guten Willens nicht leicht, sein Amt zu führen. Die '21 e r a Kühn mit ihrer großen Hinterlassenschaft an Schulden lastet nach wie vor außerordentlich schwer auf der städtischen Finanzgebarung. Trotzdem die Bürger steuer nunmchr zwangsweise auf 350 o. H. erhöht worden ist, sind die Steuereingänge so stark rückläufig, daß eine Ausbalancierung des laufenden Etats eine Unmöglichkeit bedeutet. Besonders die Ueberweisun- gen des Reichs an Einkommensteuer und Körperschaftssteuer sind so zusammengeschrumpft, daß hier allein schon ein Minus von über 100 000 Mark erwartet werden muß. Dazu kommt die steigende Zahl der Erwerbslosen, der Krisenempfänger und der Ausgesteuerten, die die Mittel des Wohlfahrtsamtes schnell aufzehren werden. Nicht besser ist die Lage im Kreise Wetzlar. Man redet dort von einem Fehlbetrag von 460 000 Mark. Der Kreisausschuß hat bereits die Umlage auf 8 8 v. H. gesteigert, eine wesentliche Erhöhung gegenüber dem Etatsansatz. Das wirkt sich wieder außerordentlich schwer für die Gemeinden und besonders für die Stadt Wetzlar aus. Der Kreis beabsichtigt zwar, wieder ein großes N o t - ftanösprogramm im Straßenbau mit freiwilligen Gespanndiensten auszuführen, doch muß dessen volle wirtschaftliche und finanzielle Auswirkung abgewartet werden, wenn auch zuzugeben ist, daß mit diesem Programm manche Not gelindert werden wird.
Was die Liquidierung der Hinterlassenschaft des früheren Bürgermeisters Dr. Kühn betrifft, so ist zur Zeit noch nicht abzu- sehen, wann der Prozeß gegen die beiden städtischen Beamten in Gang kommen wird. Der ange- «e Oberbauinspektor Hepp ist auf Grund erichtsbeschlusses der Klinik zu Marburg auf sechs Wochen zur Beobachtung überwiesen worden, die vor kurzem abgelaufen sind. Sein Zustand fall sehr schlecht fein, so daß es fraglich ist, ob er für die nächste Zeit verhandlungsfähig fein wird. Ob eine Abtrennung dieses Verfahrens erfolgen und gegen den zweiten Beamten allein verhandelt wird, unterliegt der Entscheidung der Staatsanwaltschaft zu Limburg. u ■ im ■ i ■
„Frühlingsweihe" — diesen ekstatischen Hymnus an die Urkrast der Ratur — zu nennen. Wie ein rein naturalistischer Vorgang „romantisch" wird durch die Kunst des Schöpfers, das sieht man am besten an folgendem Beispiel: Die Prügelszene in Wagners „Meistersingern" ist eine realistische musikalische Illustration eines durchaus realen Vorganges. Der feine Humor des Komponisten transponiert aber diesen realen Vorgang in eine höhere Sphäre. So kann alles Gegenstand der musikalischen Kunst sein, wenn es.... unsachlich ist! Sachlichkeit in der Musik, ein Thema, über das so viel gestritten worden ist, gibt es überhaupt nicht. Sachlichkeit verlange ich von einem Archtikten, denn in einem Hause will ich wohnen, in einer Kirche will ich beten... Die Musik aber dient keinem solchen sachlichen Bedürfnis — wie wäre also Sachlichkeit mit ihr zu kombinieren? Die Musik ist, war und wird sein ein Seelenbekenntnis. Je eigenartiger, weltfremder und einsamkeitsergebener eine Seele ist, um so höher der zeitlose Wert der von ihr erschaffenen Musik. Sie bringt uns das Höhere in sublimiertester Form, wie es der Komponist und er allein kennt. In diesem Sinne ist jeder wahre Künstler Romantiker, ob er nun will oder nicht.
Man hört oft sagen, daß manches ausgesprochen romantische musikalische Werk Überholt sei. Man läßt dabei außeracht, daß in solchen Fällen nicht das Romantische, sondern vielmehr das an sich Schwache schuld daran ist. Weber z. B. war eine bewußt romantische Ratur. Er hat diese Anlage stets betont, was allerdings mit den künstlerischen Stimmungen seiner Zeit zusammenhängt. Seine Musik ist dauernd reizvoll wie die irgendeines ganz produktiven Menschen. Das Vergängliche in seinem „Oberon", diesem Schmerzenskind eines totkranken Meisters, der, um seine Familie vor der Rot zu retten, eine Oper für London komponierte, liegt nicht in der äußerst wertvollen Musik, sondern in der mangelhaften Faktur des Textes. Webers „Freischütz" dagegen ist dank seinem brauchbaren Textbuch auch heute ganz lebendig, wie alle romantischen Werke, die vollkommen sind. Verdi, hen man eine zeitlang gegen Wagner ausspielen wollte, ist gleichfalls ein Romantiker in höherem Grad. Ich brauche nur an die unvergängliche Raturmalerei des vierten „Rigo- letto"-Aktes, an den Zauber der ägyptischen Rächt im Ril-Akt der „Aida", an die poetische Elfenszene im „ Falstaff" zu erinnern.
So sehen wir, daß alles, was in der Musik stark und echt empfunden wird, zeitlos bleibt und auch heute lebendig wirkt. So z. B. die Musik des als Romantiker verschrienen Mendelssohn. Die wundervolle „Sommemachtstraum" -
Musik schillert in all ihren Farben reizvoll wie nur je. Also: wenn irgendein musikalisches Werk seine Wirkung einbüßt, so liegt der Grund dafür keineswegs in seiner romantischen Anlage, sondern in irgendeiner Unvollkommenheit, die man ja auch in den Werken der größten Meister stets finden kann.
Auch im Publikum wächst die Reigung zu dem echt Künstlerischen, ich möchte sagen zu den echten Dingen in der Musik. Durch abfällige Kritik wollte man der Romantik den Todesstoß versetzen, sie ist aber am Leben geblieben, weil das Herz des Menschen sich nicht ändert.
„Unberufen — zur Gesundheit!"
Wir sind alle aufgeklärt und wir stecken sämtlich voll Aberglauben, ja es hat den Anschein, als ob in unserer Zeit ein moderner Aberglaube auskomme, manchmal tröstlich, oft verwirrend und nicht selten gefährlich. Richt bloß in Hinterhäusern wird aus Karten oder Kaffeesatz geweissagt. Sterndeuter und Schriftgelehrte schlagen sich würdevoll den Gelehrtenmantel um die Schultern, und gebildete Leute lauschen mit Spannung auf ihre Ratschläge. Aber was am allgemeinsten verbreitet ist, das sind doch die kleinen gläubigen und abergläubischen Züge, die wir in merkwürdiger Treue uns aus uralten Zeiten bewahrt haben und die uns weder Christentum noch Aufklärung nehmen konnten. Man suchte und sucht Worte und Handlungen mit böser Vorbedeutung zu vermeiden. Wird aber z. D. etwas gesagt, was den Reid dec Götter hervorruft und somit ungünstig wirken könnte, dann wird heute wie ehedem hinzugefügt „unberufen“. Ist ein Unglück verheißendes Zeichen eingetreten, so unterläßt man lieber, was man eben vorhatte. Der Jäger, dem heute beim Aufbruch zur Jagd ein altes Weib begegnet oder eine Katze über den Weg läuft, kehrt schleunigst um. Ebenso begegnet man schon im Altertum nach Plinius nicht gerne spinnenden Frauen, und nach dem Komiker Aristophanes wurde die Volksversammlung in Athen ausgehoben, wenn sich ein Wiesel zeigte, das damals wie unsere Katze als Haustier gehalten wurde. In einem von Pros. Dr. Julius I ü t h n e r sür das Dezemberhest von VelhagenLKlasings Monatsheften geschriebenen Aussatz werden in Fülle die Beispiele für altererbten und noch heute lebendigen Aberglauben zusammengetragen. Eine besondere, auch günstige Bedeutung wurde bis vor kurzem dem Riesen zugeschrieben und durch den Zuruf „Helf Gott!" angedeutet. Bei den alten Griechen entsprechen dieser christlichen Formel die Worte „Helf Zeus!", und auch die^ Römer, z. D.
der Kaiser Tiberius, legten Gewicht auf diese Höflichkeit. Das Ohrenklingen, das Zucken des Auges wird im Altertum wie in der Gegenwart gleichermaßen beachtet, das Daumenhalten für nützlich angesehen. Wer mit dem linken Fuß zuerst das Lager verläßt, hat bekanntlich Unangenehmes zu gewärtigen, wie schon dem Kaiser Augustus nach dem Berichte Suetons ein Unglückstag vorschwebte, wenn ihm am Morgen irrtümlich der linke statt des rechten Schuhes angezogen wurde. Auch gewissen Zahlen wohnt eine geheime man- tische Kraft inne, unter denen die Dreizehn eine besondere Rolle spielt. Von der neueren Forschung wird ihre fatale Bedeutung nur bis auf Christus und die zwölf Apostel rückbezogen und so der Hinweis auf einen nahen Todesfall verständlich gemacht. Aber im Altertum war jede sogenannte Ueberschußzahl (13 = 12 + D eine Unglückszahl, und eine in Kleinasien entdeckte Inschrift in Versen bekundet, daß ein Chrysoptcros, nach dem beigefügten Relief ein Gladiator, nach zwölf vor- oergegangenen Siegen beim dreizehnten Wettkampf den Tod erlitt.
Ein deutscher Dichter in 22 Sprachen.
Stefan Zweig, dessen 50. Geburtstag dieser Tage gefeiert wurde, gehört zu den deutschen Schriftstellern, dessen Werte im Auslande die meiste Verbreitung erfahren haben. Das zeigt uns deutlich die erschöpfende Zufammenstellung, die der Insel-Verlag in einem soeben in 500 Exemplaren erschienenen We.k „Bib iozraphie der Werke von Stefan Zweig" (47 Seiten. — 521). gegeben hat. Hier sind Übersetzungen der Schriften des Dichters in 22 Sprachen verzeichnet, und darunter befinden sich nicht nur die großen Kul- turfprachen, wie Englisch, Französisch, Russisch. Italienisch und Spanisch, nicht nur Riederländisch. Ungarisch, Polnisch, Schwedisch, Rorwegisch, sondern auch die Idiome kleinerer Völker, Die sich sonst um die deutsche Literatur verhältnismäßig wenig fümmem, wie Bulgarisch, Lettisch, Litauisch, Rumänisch, Serbisch, Ukrainisch, Georgisch, Katalanisch. Die Tschechoslowakei ist ebenfaLä mit einer Anzahl Uebersehungen vertreten. Auch ins Jiddische sind Arbeiten des Dichters übertragen worden, ebenso ins Japanische und Chinesische. Die stärkste Verbreitung hat Zweig nach der Zahl der übersetzten Werke im Französischen und Ru fischen gefunden. 2m Englischen hat man sogar kurz nach dem Kriege 1919 eine Rovelle „Brennendes Geheimnis" unter dem übersetzten Ramen „Stephen Brauch“ in Reuyork herausgebracht, um die Tatsache zu verschleiern, daß es sich um das Werk eines deutschen Autors handelte.


