Nr. 1 Erstes Blatt
18J. Jahrgang
Zreitag, 2. Januar Ml
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Siehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr Friedt Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich tn Diesten
Die Neujahrsempfänge beim Reichspräsidenten.
Hindenburgs Botschaft für 1931: Internationale Zusammenarbeit zur Behebung der Weliwirtschafisknsis, aber auch Selbstbesinnung des deutschen Volkes zur Bildung eines einheitlichen politischen Willens.
Das Diplomatische Korps bei Hindenburg.
Berlin, L San. WLD. (21 mtlieh.) Anläßlich des Reujahrstages fanden bei Reichspräsident v. Hindenburg heule die üblichen Empfänge statt. Um 10.45 Uhr zog die W a ch e mit Musi! vom Brandenburger Lor kommend über die Linden und die Wllhelmstrahe zum Haus des Reichspräsidenten, an dessen Portal der Reichspräsident die Meldung entgegennahm. Um 12 Uhr wurde das Diplomatische KorpS erwartet. Die Chefs der beim Reich beglaubigten fremden diplomatischen Vertretungen, denen eine im Ehrenhos des Reichspräsidentenhauses aufgestellte Abteilung Reichswehr bei ihrem Eintreffen militärische Ehrenbezeugungen erwies, versammelten sich in dem Großen Saal des Reichspräsidentenhauses. Der apostolische Runtius
Msgr. Orsenigo
brachte als Doyen des Diplomatischen Korps dessen Glückwünsche in einer Ansprache zwn Ausdruck. Der Runtius erklärte u. a.: Die Morgenröte dieses neuen Jahres ist leider nicht vhneTrübung. Der Horizont des internationalen Lebens bleibt noch immer düster. Millionen von kräftigen und arbeitswilligen Armen find gezwungen, untätig und unfruchtbar zu bleiben, und die Rot breitet überall ihren Trauerschleier aus. Wir beobachten mit großer Genugtuung den Ernst der Gesinnung und die Großherzigkeit der Anstrengungen, mit denen Deutschland, um Eure Exzellenz geschart, sich in diesen schweren Augenblicken bemüht, die wirt- schastliche Krisis, die das Land bedrängt, zu überwinden. 2lber die Erfahrung erbringt umner erneut den Beweis, daß, welches auch immer die Bemühungen der einzelnen Länder sein mögen, ohne dte volle und aufrichtige Eintracht der Rationen es nicht möglich ist, eine wirkliche wirtschaftliche Wiedergesundung der Völker herbeizuführen.
Reichspräsident von Hindenburg erklärte in seiner Erwiderung: Mit besonderer Wucht treffen die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise das deutsche Volk. Wie Sie, Herr Runtius, hervorhoben, hat Deutschland seine äußerste Kraft eingesetzt, um die Grundlagen feiner Existenz zu sichern. Aber unsere Hoffnung auf eine dauernd wirksame Besserung der Lage ist auch von Umständen abhängig, über die wir nicht allein Herr sind. Mit steigender Spannung erwartet das deutsche Volk, daß die internationale. Zusammenarbeit sich im kommenden Jahre als wirksam genug erweist, um das deutsche Volk vor weiteren schmerzlichen Enttäuschungen zu bewahren. Der Ausgleich der starken Interessengegensätze, die allenthalben das politische, wirtschaftliche und soziale Schicksal der Völker bedrohen, kann nicht von den einzelnen Ländern, kann nicht in Vereinzelung vollzogen Werdern Zusammenarbeit aller, Zusammenfassung aller positiven Kräfte zur Ueberwindung der Krise, zur Beseitigung der Hindernisse für den Fortschritt der Menschheit ist die große Friedensausgabe, an der Deutschland mitzuwirken entschlossen ist.
Empfang der Reichsregierung
(Sroener spricht für den beurlaubten Reichskanzler.
Um 12,30 Uhr fand der Empfang der Reichsregierung ebenfalls im Großen Saal des Reichspräsidentenhauses statt. In Vertretung des beurlaubten Reichskanzlers begrüßte namens der erschienenen Reichsminister und Staatssekretäre des Reiches
Reichswehrminister
Dr. h. c. Dr.-Ing. e. h. Groener den Herrn Reichspräsidenten mit folgender Ansprache:
Das vergangene Jahr brachte uns die schicksalsschwere Beendigung der Haager Verhandlungen mit den 2ll>machungen über den Reuen Plan. Wir mußten uns trotz schwerer Bedenken zur Annahme dieser Regelung entschl'.ehen, weil sie eine erhebliche Herabsetzung unserer Zahlungen mit sich brachte, weil sie die ausländischen Kontrollen über Deutschland beseitigte, und endlich, well sie zur Befreiung des Rheinlandes führte. Seither hat sich jedoch in der gesamten Weltwirtschaftslage eine so tief gehende Wandlung vollzogen, daß die Reichsregierung vor die e r n st e Frage gestellt ist, ob das deutsche Volk die in dem Reuen Plan vorgesehenen Lasten zu tragen vermag. Die berechtigten Klagen und Beschwerden der deutschen Minderheiten haben in unfercr Öffentlichkeit einen starken Widerhall gefunden. Die Reichsregierung teilt und würdigt diese Empfindungen und wird tn der Sorge für das deutsche Volkstum jenseits unserer Grenzen eine ihrer wichtigsten Aufgaben sehen.
Links: Nuntius Drfeniao, der Doyen des Berliner Diplomatischen Korps, nach dem Neujahrsempfang bei dem Reichspräsidenten von Hindenburg. Rechts: Der englische Botschafter Rumbold.
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Schwer empfindet es das deutsche Volk, daß der Grundsatz derGleichberechtigung, auf die unser Volk einen selbstverständlichen Anspruch hat, nod) nicht gewährleistet ist. Roch immer ist die feierlich übernommene Verpflichtung auf Abrüstung durch die anderen Mächte nicht in die Wirklichkeit um gesetzt, und noch immer muh sich Deutschland in seiner Sicherheit bedroht fühlen. Auch hier wird es Aufgabe der Reichsregierung sein, die ich gerade in meiner Eigenschaft als Reichswehrminister zu unterstreichen die Pflicht habe, mit allem Rachdruck dafür einzutreten, daß der Grundsatz gleicher Sicherheit für a l l e D ö l k e r, ohne den eine wahre Befrtedung unmöglich ist, sich durchsetzt.
Innerpolitisch lag naturgemäß das Hauptgewicht auf den zur Milderung der Wirtschaftskrise getroffenen Maßnahmen, wobei es sich darum handeln mußte, ihre Auswirkungen auf die Landwirtschaft abzuschwächen und die Umstellung der anderen Berufskreise auf die veränderten Wirtschaftsverhältnisse zu fördern. Die Reichsregierung mußte auf einen Ausgleich der Spannungen innerhalb des Wirtschaftslebens hinarbeiten. Mtt besonderem Dank wird es das deutsche Volk anerkennen daß Sie. hochverehrter Herr Reichspräsident, im vollen Bewußtsein Ihrer hohen Verantwortung sich entschlossen haben, die Rotver- ordnung zu erlassen. Wir hoffen, daß die Auswirkungen dieser Maßnahmen dazu beitragen werden, nicht nur das Staatsgefüge zu festigen, sondern auch der privaten Wirtschaft, die unter den Auswirkungen der Weltkrise besonders schwer leidet, neuen Auftrieb zu geben.
Der Herr Reichspräsident erwiderte darauf: Wenn wir nach alter Sitte heute beim Jahreswechsel in Rückblick und Ausschau Rechenschaft ablegen über unser Tun und Wollen, so muffen wir feststellen, daß Rot und Sorgen in seltenem Maße das vergangene Jahr'erfüllt haben und auch den Ausblick in die deutsche Zukunft trüb verhängen. Von den Wün» schen, mit denen wir hier vor einem Jahr diesen Tag begrüßt haben, hat sich nur der eine erfüllt, dem besetzten Gebiet ist die langersehnte Freiheit von fremder Besatzung wieder- gegeben worden. Wir begrüßen die Räumung der Lande am Rhein als einen Fortschritt auf dem Wege zum wahren Frieden, und hoffen, daß bald auch dem Saargebiet der von der gesamten Bevölkerung dort sehnlichst herbeigewünschte Tag der Wiedervereinigung mit dem Daterlande beschieden sei. Mit voller Zustimmung entnehme ich aus Ihren Worten, daß die Reichsregierung sich der ernsten Lage bewußt ist, wie sie sich infolge der tiefgreifenden Aen- öcrung der weltwirtschaftlichen Verhältnisse seit der Zeit entwickelt hat, als wir uns aus den von Ihnen heroorgehobenen Gründen zur Annahme des Reuen Planes entschlossen haben.
Auch ich hatte es für die vornehmste Aufgabe der Reichsregierung, sich mit ganzer Kraft dafür einzusehen, daß die sittlichen und sozialen Lebensgrundlagen des | deutschen Voltes nicht erfchütlerl werden. Mit Ihnen bin ich ferner der Ansicht, daß ^ie Durchführung der allge
meinen Abrüstung nicht nur eist Gebot internationaler Gerechtigkeit Deutschland gegenüber, sondern auch das sicherste Mittel zu einer wirklichen Befriedung der Welt ist und daher mit allen Kräften angestrebt werden muh. Daß die Reichsregierung sich auch weiterhin d i e Sorge des deutschen Volkstums im Ausland und für die Innehaltung internationaler Verträge zum Schuhe deutscher Minderheiten als wichtige auhenpolitische Aufgabe stellt, findet meine volle Billigung und Unterstützung.
Den unfreiwillig feiernden Händen wieder Beschäftigung zu schaffen und dem deutschen Landwirt seine Existenzmöglichkeit zu erhalten, wird auf dem Gebiete der inneren Politik unsere erste Aufgabe fein. Ich bin mit Ihnen überzeugt, daß die in den letzten Monaten von uns gemeinsam begonnenen wirtschaftlichen Maßnahmen eine f e st e Grundlage geben, auf der wir unseren Kampf gegen die wirtschaftliche Not entschlossen weiterführen wollen.
Bor einem Jahre habe ich an dieser Stelle der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Geist der Einigkeit im deutschen Volke sich festigen und zum Zusammenschluß aller schaffenden Kräfte führen möge. Dieser Wunsch hat sich leider nicht erfüllt. Im Gegenteil will es scheinen, als ob die starke Sorge um das Einzelschicksal den Gedanken an das Gesamtschicksal Deutschlands und die Zukunft unseres Vaterlandes zurückgedrängt und neue Gegensätze geschaffen hat
Verschiedenheit der Anschauungen und der persönlichen Interessen wird und muß fein; aber es ist nicht nötig, daß diese Verschiedenheit zu einem politischen Kampfe führt, der das deutsche Volk zerreißt und dann in der Zeit der Not und Gefahren zu einem einheitlichen willen unfähig macht. In Wirklichkeit ist bei nüchterner Betrachtung das Gegensätzliche und das Trennende gar nicht von solcher Bedeutung, daß es ein Zusammengehen in den Lebensfragen unseres Vaterlandes, in den Dingen, die unser aller gemeinsames Schicksal bestimmen, verhindern sollte, wir müssen uns nur mehr aus uns selbst besinnen, wir müssen endlich aus dem Durcheinander der Gefühle und dem Widerstreit der eigenen Interessen den Ausweg finden.
Aus dem eigenwilligen Streit um politische Programme und um selbst sche D^rteiD m ssen wir uns emporheben zu gemeinsamer praktischer Arbeit für das Gesamtvolk. Die unvergeßlichen Leistungen Deutschlands im Weltkrieg, die zähe Ueberwindung der großen politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen der Rachkriegszeit, das geduldige Ertragen fremder Besatzung, die tapfere Abwehr der vielfachen Anschläge auf deutsches Land und andere Ereignisse mehr haben uns selbst wie der Welt gezeigt, daß trotz allem Gegensätzlichen bei uns starke und innerlich verbundene Kräfte leben und wirken, die uns Gesundung und Aufstieg verheißen.
Weitere Empfänge.
Der Herr Reichpräsident empfing ferner den Reichstagspräsidenten Loebe, der ihm die
Glückwünsche desReichstags zum neuenIah-r überbrachte, sodann eine Abordnung des Reichs- r a t s. Die Glückwünsche der W e h r m a ch t überbrachten anschließend Reichswehrminister Dr. h. c. Dr.-Ing. e. h. G r o e n e r . General der Infanterie Hasse für den beurlaubten Chef der Heeresleitung sowie der Chef der Marineleitung Admiral Raeder. Glückwünsche brachten ferner für die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesellschaft Generaldireltor Dr.-Ing. Dorpmüller, für das Reichsbankdirektorium Reichsbankpräsident Dr. Luther. — Dor dem Hause des Reichspräsidenten in der Wil- helmstrahe hatte sich eine größere Menschenmenge angesammelt. Der Reichspräsident trat nach Beendigung der Empfänge auf den Ballon und wurde von der Menge mit stürmischen Hochrufen begrüßt.
Reichskanzler und Reichspräsident zum Jahreswechsel.
Berlin, 31. Dez. (WTB.) Der Herr Reichskanzler, der sich zur Zeit in Badenweller auf- hält, hat an den Herrn Reichspräsidenten zum Jahreswechsel folgendes Telegramm gerichtet:
„Zum Jahreswechsel darf ich Sie, hochgeehrter Herr Reichspräsident, bitten, meinen ehrerbietigsten Glück- und Segenswunsch entgegenzunehmen. Ich weiß mich eins mit dem deutschen Bolle, das Ihrer am Reujahrstage in Verehrung gedenkt. Möge es Ihnen vergönnt sein, auch im neuen Jahre a ls das Vorbild treuester Pflichterfüllung dem deutschen Volle in schwerer Zeit auf dem Wege zur Einigkeit und zum Aufstieg voranzuschreiten.
(gez.): Dr. Brüning, Reichskanzler."
Reichspräsident v. Hindenburg hat an den auf kurzem Urlaub in Bodenwellen weilenden Reichskanzler Dr. Brüning nachstehendes Telegramm gerichtet:
„In treuem Gedenken spreche ich Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche für erfolgreiche Arbeit und persönliches Wohlergehen im neuen Jahre aus. Mit freundlichen Grüßen
(gez.): v. Hindenburg." ,
Neujahrswünsche
fremder Staatsoberhäupter.
Berlin, 1. 3an. (TU.) Anläßlich des Jahreswechsels hat der Reichspräsident mit den Königen von Bulgarien, Dänemark, Rorwegen, Rumänien und Schweden sowie mit dem ungarischen Reichsverweser von Horthy und dem österreichischen Bundespräsidenten M i k l a s telegraphisch Glückwünsche ausgetauscht. DasTele- gramm des österreichischen Bundespräsidenten hatte folgenden Wortlaut: „Es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, Cw. Exzellenz an der Wende des neuen Jahres innigste und aufrichtigste Glückwünsche für Ihre Person und Ihre Familie sowie für das Wohlergehen des deutschen Dolles und Bruder-Reiches auszusprechen. Ich hoffe zuversichtlich, daß das kommende Jahr unseren Bemühungen. die schwere gemeinsam« Wirtschaftsnot zu überwinden, den heiß ersehmten Erfolg bringen und damit dem großen deutschen Dolke wieder die Wege zu neuem Ausstieg eröffnen werde."


