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Mittwoch, 51. Dezember 1950

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessenf

Nr. 305 Drittes Blatt

Zeitfragen des Mittelstandes

die

Oie Beamten am Jahreswechsel

Von Or. p. Cloß, Darmstadts. Vorsitzendem des Hessischen Äeamtenbundes.

An Stampf und Not hat auch das deutsche B e ° rufsbcamtentum in diesem Jahre sein redlich Teil getragen. Wer dieses Beamtentum, seine Ge­schichte und sein Wesen kennt, kann sich darüber nicht wundern. Denn kein Stand ist so mit dem gesamten Volk und Staat aus Gedeih und Verderb im wahrsten Sinne dieser beiden Worte verbunden, wie der Beamtenstand. Er durchdringt alle Schichten und Gliederungen des Dolksganzen, er stellt gleich­sam das Neroengeflecht zwischen allen Organen des Volkskörpers dar und muß also an den Leiden und Krankheiten des ganzen und aller Teile am emp- indlichsten teilnehmen.

bis jetzt den We, schäft gewiesen. '

Rückblick und Ausblick des Handwerks.

Von W Schüttler, Darmstadt, Direktor der Hess. Handwerkskammer.

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Gesetzgebung, besonders hinsichtlich der Arbeits­losenversicherung, erkennt aber an, daß in den Notverordnungen schon merkbare Schritte zur Besserung gemacht worden sind. Cs fordert wei­ter stärkste Durchführung der vorgesehenen Spar­maßnahmen und der Derwaltungsre-

v rin.

Das Handwerk wird dann auch die Lasten, die ihm als Glied am deutschen Wirtschaftskörper nach gerechter Verteilung zukommen, willig tra­gen, insbesondere wenn es bei fortschreitender Sa­nierung sieht, daß es wieder aufwärts geht, daß wieder Aufträge und damit Arbeit anfallen. Dieser Faktor ist es, auf den das Hand­werk als selbständiger, arbeilssreudiger Berufs­stand am ersten Anspruch erhebt und am meisten Wert legt

Crwerbsgruppen vermeiden.

ileberhaupt halte ich dafür, daß es dem ^urr- fchaftsfrieden dienlicher wäre, wollte man sich mehr in tic Lebens- und Existenzbedingungen der einzelnen 'Berufe, seien es nun Industrie, Land­wirtschaft, Handel und Handwerk, seien es Be­amte oder Arbeiter, hineindenken. Verständnis gewinnen für die wahren Verhältnisse, unter denen der einzelne leben und wirtschaften muß, dürfte gar manche Kluft beseitigen und vor allem die scharfen Auslassungen, die stets bei solchen Aktionen bedauerlicherweise aut treten, hintan- halten. , , .

Richt Vorbeigehen darf man aber auch an Den schädlichen Folgen, die die Preissenkung s - aktion für das Geschäftsleben mit sich brachte. War doch vielfach ein ausgefprochener Käufer­streik zu verzeichnen. Zeder Geschäftsmann weiß hiervon ein Lied zu fingen und die F^nanzbehor- Den werden bei dem Jahresabschluß 1930 das Ergebnis an dem Rückgang der Steuereinnahmen feststellen müssen. , * ,

So bringt die Bilanz des Jahres 1930 auf der ganzen Linie ein negatives Ergeb- n i s . das jeden in der Wirtschaft Stehenden mit Schrecken erfüllen muß. Die Blicke wenden sich dem neuen Jahre zu. _

Richt mit voll Hoffnung geschwellten exgeln steuert das Wirtschaftsschiff Deutschlands in das Jahr 1931. Ahnt und fühlt doch jeder, daß das Ende der Krise noch nicht erreicht ist, daß wir noch einen schweren Weg zurücklcgen muLcn.

Die Reichsregierung geht konsequent ihre ein­mal beschrittene Bahn weiter. Durch Ordnungen vom 26.3uli und 1. Scicmber 1 hofft sie die Grundlagen geschallen zu haben u Deutschland vor weiterem Riedergang zu rette Zweifellos wird auch eine Revision zur Reureg<- lung der Tributlasten Deutschlands aufgegriffen

Man wollte den Beamten etwas abnehmen, und man nahm ihnen so beträchtlich viel ab, daß es namentlich für die ohnehin kärglich bezahlten unte ren und mittleren Gruppen einfach unverantwort­lich ist. Wir glauben, keiner der Kritiker ist sich bewußt, was es heißt, einem Manne, der 125 oder 140 Mark Brutto im Monat bekommt (und der dafür hartarbeiten muß!), noch außer Steuern, Miete, Versicherungen usw. 8 bis 9 Mark abzuneh­men, und ihm dann noch die Aufgabe zu stellen, von dem Nest womöglichstandesgemäß" den Unter­halt für Nahrung, Kleidung, Heizung, Shilturbeburf nisse (?!) usw. zu bestreiten!

Die Beamten hätten nichts hergebcn, nichts opfern wollen? Nur Böswillige können so etwas behaupten. Die Beamten sehen die N o t i m L o l k c, sie fühlen mit den Hungernden, Frierenden, Erwerbslosen, sic kennen und würdigen die beklemmende Notlage der Staatshaushalte. Aber sie bestreiten, daß die rein fiskalische Ordnung die höchste staatsmännische Weis- heil ist, sie bestreiten, daß man verschleppte und durch Weltkrisen gehäufte Defizite in Krisenzeiten mit einem Schlage beseitigen kann, sie sehen, daß eine sehr mangelhafte steuerliche Gerechtigkeit herrscht, und sie stellen unter Beweis, daß es noch viel leistungsfähigere Kreise als die Beamten, Angestell­ten und Arbeiter gibt, die nicht oder nicht in ge­nügendem Maße zu den Opfern herangezogen werden.

Das war der Sinn des Kampfes, den die Be­amten und ihre Bünde im Jahre 1930 geführt haben. Nach unserer Auffassung ist dieser Kamps m a t e r i e l l zu einem Teil verlorengegangen, aber sittlich gewonnen worden. Die Verbände, Der- I eine und Bünde der Beamten stehen fester da als je, und ihre Ueberzeugung ist geklärt und geschloßen. Die Gegner sind verdutzt und werden von Tag zu Tag stiller. Bei vielen von ihnen ist die Erleuchtung aus dem Bewußtsein gekommen, daß ihre Bestre­bungen sehr unerwünschte Rückwirkun­gen für ihr eigenes wirtschaftliches Gedeihen haben! Wenn man in wirtschaftlichen Tiefdruckzeiten weiten Schichten die Kaufkraft weg- nimmt, lähmt man den in feiner Bedeutung leider weit unterschätzten inneren Markt.

Diese und andere Erkenntnisse sollte man in das neue Jahr mit hinübernehmen. Wir sehen 1931 nicht rosig autbämmern. Die Kurve zeigt noch abwärts. Wir sind der Meinung, daß sie im Fruhsornrner den tiefsten Punkt erreichen wird, daß es bann wirtschaft­lich wiederlangsam aufwärts geht. Die nächste Auf­gabe ist also, über die sehr schweren ersten Monate Hinwegzukommen, ohne daß Volk und Vaterland in ihrem Bestände bedroht werden. Reiche jeder dazu die helfende Hand! Die deutsche Beamtenschaft wird es, wenn man ihr Verständnis entgegenbringt, an ihrem Teil nicht fehlen lassen.

Was haben uns doch die vergangenen 2ahre alles gebracht an Auf- und Abflauen der Wirt­schaft- Wie haben Reich, Länder und Gemeinden, ja fast jede Familie, sich sozusagen überboten in künstlicher Hochhaltung der Lebensführung. An­statt mit vermehrter Arbeitsleistung, «ise^er Sparsamkeit und Genügsamkeit mit Q^mgem ©m- tammen die Geschicke zu meistern, bat man ine Arbeitsleistung gesetzlich gedrosselt, die Lohne und Gehälter erhöht, an Sparen kaum noch gedacht.

Die furchtbaren Folgen traten uns im 3a£re 1930 vor Augen. Wohin wir sehen.stärkste Der schuldung der öffentlichen Körper chasten Aus­pressen der Steuerkraft der werktätigen Ärei,e, Rückgang der Kaufkraft breitester Massen, Ar­beitslosigkeit und katastrophaler Riedergang der gesamten Wirtschaft.

Das Handwerk, zum Mittelstand gehörig, heute sozusagen ein Stand ohne Mittel, leidet.hierbei mit am stärksten. Tie Bautätigkeit liegt im all­gemeinen völlig Darnieder, Die Bekleidungsge­werbe die RahrungSmittelhandwerke die schmückenden Gewerbe, sie alle suhlen als Endver. Arbeiter den Riesenausfall an Kaufkraft infolge der Arbeitslosigkeit, die s°st 4 Millwnen Men­schen in eisernen Klammem halt, produktiver 4xi tiglcit entzieht. Zusammenbruche, Konkurse uni) Bergleichsverfahren auch bei alteingesessenen Be trieben geben ein erschütterndes Bild der trostlosen

Dabei werden Handwerk und Gewerbe erdrückt durch steuerliche und soziale Lasten, schwer ^schä­digt durch die Rebenarbeit all der unendlich Vie- len aus ihrem Verdienst herausgerissenen Men- schön, die gezwungen sind, noch nebenher etwas zu verdienen. Endlich reibt das Handwerk in der Jagd nach den kargen Aufträgen sich selbst auf durch die unglaublichen Unterbietungen. Mich angesichts der Si bmissionsblüten bei öffentlichen Vergebungen kann man im Jahre 1930 von einem Rekordjahre sprechen.

3m zweiten halben Jahre trat die Regierung mit ihren Preisabbaubestrebungen hervor. Die tat dies um den Boden vorzubereiten für die ge- setzgeberisck)en Maßnahmen zur Gesundung der Wirtschaft. Das Handwerk hat durch seine Spitzenvertretungen die Berechtigung dieses Vor­gehens anerkannt und sich zur Mitarbeit bereit er­klärt. Die einzelnen Handwerkszweige sind in eine Preisrevision eingetreten, die als sogenann.e -~or leiftungcn anzusehen sind, da Grundvoraussetzun­gen für dauernd fühlbaren Preisabbau dir Sen­kung der die Unkosten des Handwerks beemflussen­den Faktoren ist. Das Handwerk als Endverarbei­ter kann zu einer Riedrighaltung der Preise na­turgemäß nur kommen, wenn die zu verarbeiten­den Materialien, wenn die Arbeitslöhne, Die Kosten für Stromverbrauch, die öffentlichen Lasten, Steuern, soziale Abgaben usw. herabgesetzt wer­den. Diese Zusammenhänge, die für alle Erwervs- zweige gelten, sollten bei der Behandlung dev Preissenlungsaktionen von jedermann gewürdigt werden, dann ließen sich die mitunter recht un­liebsamen Auseinandersetzungen zwischen Vehor- den und Wirtschaft, wie zwischen den einzelnen

Die Entscheidung über das Sanierungswerk wird wohl endgültig im Januar oder.Februar beim Zusammentritt des Reichstags erfolgen, ^aft will es scheinen, als ob unser Volk sich auseinan­dergeredet habe. Gebe Gott, daß die grenzenlose Rot die alle unsere Volksgenossen erfaßte, auch den Männern, die berufen sind, die Geschicke Deutschlands zu lenken, das Bewußtsein gibt, daß ihnen nur die Vernunft bei den Beratungen Richt­schnur sein darf. ,

3m übrigen: es ist noch icbcm Winter, und fei er noch fo hart gewesen, ein Frühling gefolgt. Es muh und wird auch für die deutfche Wirt­schaft für das deutsche Volk ein neues Aufblühen geben wenn nur jeder an feinem Teil und mit feiner schwachen Kraft in ernstem Wollen bereit ist, mitzuhelfen.

renmengen führen.

Unbestreitbar hat aber das 3abr 1930 in allen Wirtschallsgruppen unter einem unglücklichen Siem gestanden. Die Zahl der zusammen- gebrochenen Firmen und die Rackenschll ge. weihe die noch existierenden Firmen e.l llen ha- > ben, sind so ungeheuer gewachsen, daß es nur noch eine Frage D;r Zeit ist, wie lange d.^s ^p cl fort­gesetzt werden kann. Die ArbeitSlosig.eithat die 4-Mi.lionen-Ziffer bereits überschr.tten. Wo aber zeigen sich überhaupt A:tzeichen einer Besserung { Es handelt sich ja nicht ausschließlich um eine deutsche Krise, die ganze Welt ist von einer un­geheuren Welle der ArbeitSlo igkeit ersaßt, ilcberall hält Produktion und Ab atz nicht mei)t miteinander gleichen Schritt. Es scheint mir das Kernproblem zu einer Besserung der derzeitigen Wirtschastsiage darin zu liegen, daß man sich i n d e r g a n - e n We lt - us a m m c! n - etztundberät.wie man Absatz und -p r o- duktion wieder in ein n o r m a les Der - h ä 11 n i s zueinander bringen kann. Im Zeichen des technischen Fortschrittes ist nicht wur bei uns sondern selbst in primitiven Rohstoffländern die Produktionskapazität vervielfacht worden gleich­zeitig aber ist ein großer Teil b-r Welt derartig verarmt, daß der Konsum und der Lebmsstandard stark herabgedrückt wurden. Wir in Deut chland befinden uns nun gegenüber den anderen betroffe­nen Staaten, wie England, Amerika usw.. in doppelt schwieriger Lage, da wir nicht tm ent­ferntesten mehr fo kapitalstark sind, um cme tan­gere Zeit andauernde Wrtfchaftsde Zession durch­halten zu können. Durch die Techmnerung unterer Produküonsbetriebe. welche eine verbilligte Pro­duktion zum Ziele hat e. wurden enorme Kapi­talien festgelegt, oft auslandiichen Ursprungs, d.e heute hoch verzinst werden mulsen. Die dauern- den älnko st en haben .ich arge icht de; schlech­ten Geschällsganges erst recht erhöht, tungen also die man zu Zeiten einer Produktion oortme- aenb mit Memchenhand nicht in solchem iimfang kannte Daneben muß aber die arbeitslos gewor­dene menschliche Arbeitstakt auch noch cius ofsent- 1 ich en Mittel.', die größtenteils aus der Wirtschaft selbst stammen, unterhalten werden. An einen Menschenexport. an eine Auswanderung großen Stiles ist auch nicht zu denken, denn iedes Land sperrt sich heute gegen einen solchen Menschen- zufluß, um die eigene Arbeitslo igkeit n.cht noch ^^Boin ^Standpunkt des Einzelhandels aus ge­sehen. bedeutet die heutige Arbeitslosigkeit n.eyts weniger als den Ausfall o o n 1 d bis 20 Prozent der gesamten Verbraucher- schäft da diese Kunden nur m .der Lage sind, das Allernotwendigste einzukaufen. Da für uen Einz'lhandel außerdem neben dem Um atz im -Jn- lanö kein Ventil in Gehalt eines Er Portes möglich ist trifft ihn die inländische Wirtschaftsk.ise gan- besonders schwer. Wenn auch heute nicht mehr die großen Warenläger untermal en we.den, wie dies ^och vor 1 bis 2 Fahren der Fall war, so sind trotzdem die Lasten, die die'e Warenmengen mit fich bringen, doppelte. Einmal das Risiko der Preiskonjunktur, ander e ts die De r z i n- f u n g der heute angesichts der starken Derschul- duna der Warenlager zu ernster Be orgnis Anlaß aeben Die Abschlußbilanz 1930 wird für viele Geschäfte die Schicksalsfrage bringen, ob man sehenden Auges noch so Breiter wirtschaften kann oder ob nicht möglichst bald das Unter­nehmen in irgendeiner Fvmr liquid.ert vrerden muh Hier zeigt sich nämlich in erschreckender Weise d e Kehr leite des im Einzelhandel vollzogenen P r e i s a b b a u e s. Die Einkaussprei e sind billi­ger geworden, der Einzelhandel ist im vollen älm- 4ange schon feit mehr gls Jahresfrist jedesmal

bloß um materielle Dinge, Besoldung, Geld und Gut, sondern auch um die Rechte und um den Be- tand des Berufsbeamtentums überhaupt. Die Be­amtenschaft hat diesen Kampf nicht heraufbeschwo­ren, das liegt ihrem im tiefsten Grunde Volks- versöhnenden Wesen fern! Sie hat den ihr ausgezwungenen Kampf auch nicht aus rein selbst­süchtigen Gründen geführt, nur um ihre Versorgung, koste es was es wolle, sicherzustellen. Das wäre ein schlechter Beamter und Volksgenosie, der sagen wollte:Was schiert mich die Not der anderen? Wenn mir's nur gut geht. Ich sorge für mich selbst, und auch was nach mir kommt, ist mir einerlei! Nein, die wahren Beamtenführer haben gekämpft, weil'sie ein Berufsbeamtentum mit den alten guten Eigenschaften: Treue, Fleiß, Gewissen­haftigkeit, Pünktlichkeit, Unbestechlichkeit und mit den neuen noch hinzu zu erwerbenden Eigenschaften: Freundlichkeit, Helle, Entgegenkommen, Volksver­bundenheit für unumgänglich notwendig halten, wenn ein so zerrissenes Volk wie das deut- jche überhaupt noch bestehen und zusammengehalten werden soll.

Don diesem grundsätzlichen Standpunkte aus ge­winnt man erst den richtigen Blick auf diesen Kampf", der dann nicht mehr als ein keifender, t'leinlichcr Streit erscheint. Von diesem Standpunkte aus darf allein auch nur die Beamtenhetze und das, was die Beamten dagegen getan haben und tun mußten, beurteilt werden. Es wäre weich­lich, jetzt in diesen gemütsbewegten Tagen die Be­deutung dieser Tatsachen leugnen, oder auch nur bis ins Unwahrhafiige abschwächen ,}u wollen. Leider hat es eine scharfe und sehr|e Beamtenhetze ge­geben und man kann heute vielleicht nur deshalb eiwas ruhiger davon sprechen, well der Höhepunkt offenbar überschritten und weil eine (hoffentlich unbegrenzt dauernde) Flaute eingetreten ist.

Unverantwortliche Kreise, denen Wert und Würde eines Berufsbeamtentums noch nicht aufgegangen waren, beeinflußten die öffentliche Meinuna und schufen damit bewußt und in erkennbarer Absicht in weitesten Kreisen des Volkes eine beamtenfeind­liche Stimmung. Daß es unsachliche und meist sehr bedenkliche Mittel waren, die man anwandte, was tot es9 Es sollte ein bestimmter Zweck erreicht, mindestens aber das allgemeine Unbehagen abrea- giert werden. So suchke man sich unter den vor­handenen dasjenige Objekt, das man für das ab­hängigste, alio wehrloseste hielt: Man machte die Beamtenschaft einfach für alles Unglück, für alle Rot in Volk und Vaterland und Wirtschaft verant­wortlich. Der Tenor aller Anklagen lautete im rohen: Es sind viel zu viel Beamte da, sie arbeiten wenig oder nichts, und sie bekommen viel zu viel Gehalt!

Keiner macht sich die Mühe, diese drei Sätze, oder auch nur einen von ihnen gewissenhaft, geschweige denn wissenschaftlich zu untersuchen, oder gar zu beweisen. Oberflächlich, stimmungsmähig wurden sie hinausgeschleudert, und dieMasse Mensch' war froh, endlich denjenigen ohne Denkmühsesigkeiten so eindeutig bezeichnet zu finden, an dem man sein Mißvergnügen und den ganzen aufgespeicherten Verdruß auslassen konnte. Und man ließ ihn aus, wahrhaftig! Die Hetze schuf die psychologische Vor- aussetzungen für Reichs Hilfe und Notopser, Gehalts­kürzungen aller Art, namentlich in Hessen, Ent­ziehung der Kinderzuschläge, Entrechtiing und Be­drohung des Berufsbeamtentums.

Wenn wir heute am Ende des Jahres eine I Rückschau auf das Geschäftsjahr 1930 halten, fo [ müssen wir sagen, daß dieses Jahr an Krisen den HöhePukt, an Geschäftsergebnis den tiefsten Punkt f.it langer Ze t b deutet! Mit welchen Hornungen hat man in Kreisen der Kaufmannschaft das Jahr 1930 begrüßt. Galt cs doch, den zurückgegangenen älmfah von 1929 wett­zumachen, der gegen 1928 um etwa 10 Prozent ge­fallen war. Man erkannte damals noch nicht, daß dieser Tlmsahrückgang nur zum Teil auf eine mengenmäßige Reduzierung, zum anderen -i-cu aber auf eine preis.näßige Verschlechterung der ilm'ätye zurückzuführe war. Schon d.e ersten Mo­nate des Jahres 1930 zeigten aber, daß her Op­timismus bezüglich einer Besserung der Wirt­schaftslage ganz entschieden fehlging. Wenn der Januar vielleicht noch Darüber hinwegtäuschte, so ließen doch Februar, März und April deutlich er­kennen, daß die Wirtschaftskrise sich verschärfte. Den Sommer über hoffte man auf den Herbst, im Herbst auf das Weihnachtsgeschäft, jedeSinal wurde man gründlich enttäuscht. Der preiSmäßige älmsatzrückgang gegenüber 1929 dürste unge­fähr im Jahresdurchschnitt 20 Prozent erreichen^ wobei natürlich in feder Branche bessere und noch schlechtere Einzelergebni se verzeichnet werd n tan­nen. Die Streitfrage, inwieweit der Uniiahrud- gang teils aus geluntenc Preise, teils auf Zu­sammenschrumpfen des Konsums zurückzujühren ist, kann mit Bestimmtheit nicht beantworict wer­den, da wir im Einzelhandel lediglich Statistiken nach dem Llmsah der Preise, nicht aber der Wa-

So kann es nicht ausbleiben, daß ein Rück­blick auf das sich feinem Ende zuneigende Jahr keine Hellen und freudigen Erinnerungen wachrufen kann. Es war ein Jahr härtesten Kampfes, nicht

^Dreißig neue Gesetze find es. die die Mwhalt- nisse fantcrcn die Wirtschaft wieder in Sluh bringen sollen. Das Handwerk hat vrinzlpiell die Maßnahmen der Regierung ^ls einen Anfang zur Ge undung der deutschen Wirtschaft aner kannt, wenn es auch zu verschiedenen »ragen no$ Abänderungsvorschläge vorzubringen hat. 4>ot allem fordert das Handwerk Senkung der Realsteuern und Dvr sozialen Lastern Es fordert grundlegende Aenderung der sozialen

wahren, als er bisher war. .Die aefamieni Sparmaßnahmen können vorläufig oe Wirtschaft keine Sn11 astun g bringen, obwohl die wenigsten die öffentlichen Ai^gaven beschneiden. Der Mindereingang fast aller S.eucrn ist so groß, daß eine wirNiche Senkung des Steuer satzes nicht durchgeführt werden kaum

Groß ist der Wunsch-eitel des Einzelhand.^ auch bezüglich anderer Dinge, die 1930 nicht rn Erfüllung gegangen sind. Wo ist bw vielen Jahren so dringlich geforderte Mrschur sung und Ergänzung deS unla u t ere n W et t bewerbsgeseheS geblieben? Wo die Reu­regelung der A u S v e r k a u s s b e st i m m u n gen und daS schon in greifbare Rahe fl^nidic vollständige Verbot Der Ankündigung und UX Währung von Z u g a b e n? Es ist bedauerlich, d ß bei uns immer noch eine zufällig eintretende Re gierunqSfrife genügt, um jahrelange Vorarbeiten illusorisch zu machen und Die ^hngc uueDcr an ihren Ausgangspunkt Lurückzusuhren. ES-.igt Nch hier insbesondere auch Die politische SeieutungS loiigkeit des Einzelhandels Der trotz ^ster zah­lenmäßigen und voUswirt^chaftl-chen Dichtigkett nicht in Der Lage ist, sich mit berechtigten Wun leben Durchzufetzen. Er ist nicht nur immer wieder der Prellbock für Angriffe, sowohl Der Qkrtaaa- cherschast. als Der Lieferanten sondern auch ur seinen eigenen Reihen berrfefct S?t.

kurrenzkamps. Wer schützt den selbständigen Mit­telstand gegen die Kapitalmacht und überlegenen! VerkausSmechoden der Groß konzerne^ Die oft zitierten Testimmungen in Der sassung über den Schutz DeS g^rblichenMi t-1 ftanDcS Haden auch heute keine Aussicht. Wirklich leit zu werden. ES ist sehr gut zu verstehen, wenn heute eine Warenhaus- und Filialsteuer ge­fordert wird, um dadurch die stärkere

Belastung des Mittelstandes gegenüber den Groß-

dieser Verbilligung gefolgt, aber auf Kosten seiner Existenz. Das Warenlager ,st viel­leicht noch SO oder 85 Prozent gegenüber Dem 31. Dezember 1929 wert. D.e Schulden aber haacn diese Entwertung nicht mitgemach", sie sind dee- sclben geblieben, oder sogar noch hoher geworden DaS gleiche gilt für D.e Unkosten. Die Mieten sind nicht zurückgegangen, die Steuern und sozialen Lasten gestiegen, ebenso Die Frachten, während Ge­hälter und Löhne stabil blieben. Wie sollen Die Preise noch weiter zurückgehen, wenn ein großer Teil Der Voraus ehungen hierzu fehlt? W o bleibt Der Preisabbau von Staat, Gemeinde und öffentlicher Hand? Der hessische Staat hat Steuererhöhungen vorge­

nommen. Viele Gemeinden sind ihm zwangsläufig gefolgt, da eine Reihe von Steuern Minderein- I nahmen ergeben haben, d.e Wohlfahrtslasten aber ständig steigen. Die Auswirkung der von der ReichSregierung angeorDnelcn Steuerfenkungs- aktion für 1931 sind fraglich. Zum Beispiel die Ge­werbesteuer: wird es nicht so kommen, daß Die gesunkene Steuerkraft der von der Gewerbesteuer betroffenen Kreise so groß ist, daß eine Reduzie­rung des gesamten staatlichen he sischen Gewerde- steuerauskommens um 20 Prozent gar nicht aus­reicht, um Die noch steuerfähigen Wirtschaftskreise vor einem höheren Ausschlagsatz für die Gewerbe­ertrags- und auch die Sewerbekapitalsteuer zu be-

Das Jahr 1930, ein Katastrophenjahr für deutsche Wirtschaft und das gesamte deutsche Volk, hat allen, die sehen wollen, gezeigt to(^ ct££r lotencc Krieg, was eine zehnjährige, vielfach ver­fehlte Wirtschaftspolitik für ein 3oL beDeutet

Bitterste Rot pocht an Die Turen^on Hundert- taufenden. unD jcDer einze ne. v'-l ficht mu Aus­nahme weniger Auserwahlter fühlt letzt. Daß der Rückschlag eingetreten ist. 2eder merkt letzt, Daß wir uns künstlich einen gewissen ^blstanD vor- täuschten, so taten, als ob es uns trotz verlove- nem Krieg unD seinen Rachwehen seither gut ge-

firmen auSzagleichen. k,t

Mit Sorgen, wie nie zuvor, tritt deshatv per deutsche Einzelhandel in DaS 3aht 1931. Es wird Dem EinzelhanDel auch im neuen 2ahre nicht Mi Dem zähen Willen unD Dem Schaffensgeist fehlen, um sich auch Durch Die Röte Der Zukunft, tote schon in Der Vergangenheit, erfolgreich durchzunngcn. Wenn eS aber mit uns in Deutschland wieder auf­wärts gehen soll, so müssen durch ein Zus am - menstehen aller Kreise die Voraussetzun­gen hierzu jetzt endlich geschaffen werden. Zwölf Jahre nach dem Kriege stehen wir noch in einem Kampfe aller Stände untereinander. Ri.mand hat ~kg zu einer Dolksgemein- i. Man verlangt zwar Opfer, sucht

Bilanz des Einzelhandels.

Don Dr. Moeßner, Darmstadt, Synditus des Landesverbands des Hess. Elnzelhandels.